Genossen
Airs Stadt und Land.
Gießen, 5. August.
" Post-Personalnachrichten. Versetzt: Ober- Postassistent Sinning von Frankfurt (Main) nach Gießen. Bestanden haben die Postassistentenprrifung: Die Post, gehilfen Ditt in Friedberg und Schwerdt in Büdingen (Obcrhessen). Angenommen sind als Postgehilfe: Real, gynmasiasl Born in Gießen; als Tclegraphcngehilfin: Anwärterin Feiser in Alsfeld; als Postagent: Bürgermeister
gefunden werden, bannt dem Gegner nicht Massen für die Agitation geliefert werden. Die Anregung Schildbach's „auf die Straße zu gehen", halte er nicht für ausführbar.
Ä'r e si n s ki-Offenbach: Tie Kritik muß frei bleiben. Eino Entgleisung auf irgend einer kleinen Konferenz dürfte nicht so anfgebauscht werden gegenüber der Kritik über die Prinzcngratu- l-ation. Redner ist für eine Massendemonstration in Sachen des Wahlrechts. ,
Blu so ld- F-riedberg gibt noch seinem Bedauern Ausdruck, aus Rücksichtnahme auf die Landtagsfraktion, auf eine eingehende Kritik verzichtet zu haben.
Redakteur Wittris ch-Offenbach protestiert gegen die Ber- ipahrung Davids über die Kritik der Prinzengratulation.
Ein wiederholt gestellter Schlußmrlrag wurde endlich angenommen.
war eine Begeisterung für die vergewaltigten Bruderftamme entfacht, wie in den F-reiheitskrieg en 1813. Tie ganze akademische fugend wollte zu ihrer Befreiung unter Waffen treten. Mau Holle vom Speicher des Riathauses die alten Bürgergardislew gewehre, sog. Schießprügel, und formierte Bataillons, die von früheren Unteroffizieren, seht Schulpedellen, aus dem Trieb ein- exerziert wurden. Auch djabei war jeder Gegensatz zwischen Korps und Verbindungen vergessen, und brüderlich spielte der Starkenburger, Teutone oder Hesse neben dem „Bixche" oder Wingolf „^oldätches". Was war das für ein Spaß, wenn Attaken geaeneinander oder Manöver aufgeführt, oder fouragiert wurde; «alle Torfschenken der Nachbarschaft wurden dabei rein ausgeplundert, Handwerksburschen oder Handelsleute als Kriegsgefangene und Spione abgeführt und dergl. Wenn es regnete, versicherte uns unser! Unteroffizier: „So c seicht Tvurche is oe>und, os gibt awer alsemol aromatische Gliederschmerze und de» dcervekosiüm wird ebbes angegrisfe". Einmal wurden wir alle zur Begrüßung durchreisender schleswig-holsteinischer Deputierter lan die Bahn beordert und rückten mit unseren „Schieße prügeln" fiuss Perron. Gerührt trat ein Schleswiger vor un- sere ^ront und redete uns an: „Tas ist schön von Ihnen, daß ^>ie für un|ere ^iache mit den Waffen eintreten wollen. Nun
Einmal sehen, ob Sie auch kriegerisch vorgebildet sind. v>ch selbst wär Offizier und will Ihnen einmal ein paar Llvm- rmrndowvrte zurufen." Und nun erfolgten seine Kommandos, ober es klappte recht schlecht bei uns. Ta sagte er lächelnd: „Nun, es haperte iwch hie und da, aber das wird schon die Be- geliterung erleben!" Glücklicherweise wlar unsere Hilfe nicht nötrg, lonst würg es am Ende anch so gekommen, wie 1848, als 7» -. ""ln: dem Schneidermeister H. auf dem Trieb einexerzierteu Bürgerwehrgardilten zum ^ukkurs des Frankfurter Atten- lats zrehen wollten und unterwegs bei jeder Station ein Haufe zurullblieb; zuletzt als in Langgöns der Hauptmann H. Umschau hla ߣSlf rf V nur.1IÜC^ ^inen Tiambour, der zum Sammeln daü Haltofen bearbeitete. Ta rief er: „Fleck, hör uff z« trommele: Mer zipaa «Haans, mir zwinge es doch net!" Und o zogen Puch sie retour. Aber schön wars doch, und die bie tzrrUche Studentenzeit ist uns allen unauS- wichlich geblieben, ^chön ist die Jugend, sie kehrt nicht mehr!
I. N.
Beu Akicwa hott noch lang nett rähcht.
In de Schulschtroaß' hott's en Ufflaaf gewe
Aich hun in meine ganze Lewe
Sou ebbes nett geseh.
Nenschierig tät aich näher trete
Se seh' was des bedeute täte
Daß alles Hai blieb schteh.
Hott meu aan Taschedieb gegriffe
Is e Kassierer ausgeknisfe
E Bomb oam Enn verplatzt
Hott aaner 'nen Postbol iwerfalle
Odder hott vor Gift un Galle
E Fraa ihr'n Mann verkratzt?
Des Rätsel tat sich baal druff löse
Torch aa'n, der in der Post gcwese
Un zoil der Menge seggt:
^Jhr Lent', aich glaabs, daß Ihr verwumiert
»Denn m bene drei Joahrhmmert
„Zeit in Gäiße schun beschteht
„Dä'i hessisch' Universität
„Hott kaa Schtnrreud so was pexiert
„Woas ebbe uff der Post passiert
„Aich woar ganz baff un konnts nett fasse
„Doch derit Ihr Euch fest druff verlasse
„Daß aich Euch nix uffbimte tu
«Drum haalt en Aageblick mol Rouh
„Un hört, daß der Schlurrend Schosch Griewe
„E Postaaweisnng hott geschriewc."
Fraa H a n n e w a ck e l.
Tie Zweite Kammer würde sich zur Totengräberin ihrer eigenen Rechte und zum Verräter der Volksrcchte machen, wenn sie die angesonnene Verfassungsänderung annimmt. (Starker Beifall.) Redakteur W i t t r i s ch- Offenbach hat den Auftrag, für die Genossen aus Friedberg-Büdingen zu erklären, daß diese auf Stellung eines Mißbilligungsantrags wegen der Zustimmung der Fraktion zur Glückwunschadresse an den Großherzog verzichten, aber doch diese Zustimmung verurteilen. Es könne sich hier nicht um eine private Handlung handeln, sondern um einen politischen Akt, der nicht den Interessen des Proletariats entspricht. Wir brauchen uns dieserhalb nicht gerade zu zanken, aber wir werden wohl der einstimmigen Ansicht sein, daß die Zustimmung ein Fehler war.
Äbg. Ulrich will sich nicht gegen die Kritik wenden, wohl «aber gegen die Art, wie Kritik geübt wird! Ich klebe nicht am Mandat, ich bin auch nicht Abgeordneter meiner Person willen und verlange von den Parteigenossen, daß sie uns w behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollen. (Zurufe: ^>ehr richtig!) Ich will nicht anaespuckt werden. (Zustimmung.) Wenn Busold an unserer Stelle stände, dann würde er es noch schlechter machen, (^chr richtig und Heiterkeit!) Was die Gegner über mich sagen, ist mir cgiil, aber die Parteigenossen dürfen nicht vergessen, daß wir für unsere Haltung unsere guten Gründe hatten. Auch jetzt nach der Kritik der Parteigeiwssen kann ich nicht ei lieh en, d,aß wir einen Fehler gemacht haben. Wir haben damals keine Ovation für die Monarchie mitgemacht, sondern in einer Situation gehandelt, in der unsere Gegner den Großherzog scharf machen gegen die Sozialdemokratie. Eine Ver- umpiung der Parte: kann doch daraus nicht entstehen. Es ist besser, dem Fürsten, der doch nun mpl historisch an seiner Stelle teht, gelegentlich zu sagen was ist, als beiseite bleiben auS Angst, das Prinzip könnte notleiden. Wenn Busold erwartet, daß ich „es nicht wieder tue", so hoffe ich, dfrß er die Art seiner Kiitik nicht wiederholt. (Große Heiterkeit.)
. Nüg- T)'r. Fuldg: Es wäre ein Akt der Ungezogenheit gewesen, wenn wir uns bei der Gmtulation serngehalten hätten: .20 sehr wir .auch Gegner der Monarchie sind, so müssen wir doch mit den gegebenen Verhältnissen rechnen. Darnach ist der Großherzog keine qujantilü negligeable in der Verfassung, vielmehr cnl sehr wichtiger Faktor. Es wäre auch kein Fehler, wenn
wir ins Schloß gingen und den Eid auf die Verfassung in M* Hand des Grvßherzogs ablegten, statt wie bischer im Parlament Wir würden uns damit nichts vergeben. Man sollte also vor. sichtig fein, so r:lte verdiente Parteigenossen, wie Ulrich, un, berechtigterweise zu bekritteln. (Leb. Zustimmung.) Es ist auch nicht zutreffend, Krß die Mehrheit der Partei im Lande di.' damalige Haltung der Fraktion mißbilligte. (Zustimmung.) Ter Redner zitierte noch ials Analogon eine jüngge Aeußerimg der Wiener Arbeiterzeitung, die sägte, daß die Erüffnung des Reichs, tags nicht als, ein höfischer,sondern als parlamentarischer Akt zu betrachten ist. Von einer >Ltraßendemonstration für das bireftn Wahlrecht erhofft der Redner nichts.
Zur Annahme kommen sodann folgende Anträge:
„Tas Landeskomitee soll nach der Landeskonferenz eine ein, heitliche Protestaktion (Arrangierung von Volksversammlungen Herausgabe und Verbreitung von Flugblättern usw.) durch das' ganze Land veranstalten und durch tüchtige Referenten die ge= Iamten Wählermassen über die reaktionären Bestimninngen aus- klaren." Ferner soll seitens 'der einzelnen Mitgliedschaften Qn bie Kreisvorstände alljährlich berichtet werden, ob und in welcheni Umfange die lohnarbeitende Vcvöllerung und Angehörige der sozialdenwkratischen Partei zn den Aeintern eines Lchösfen und Geschworenen zugezogen worden lind. Schließlich wurden die Frak- tionsmilglieder beauftragt, im Landtage dahin zu streben, das die Grobh.,.r53ritin|peltion in aller Kiirze eine LohnreguUeruna und Aufbeiierung für die Wpldarbeiler in den hessischen Staatsdomänen er|olgen zu lias|eii, ebenso für pünktliche Lohnauszohlmui -eeorge^ tragen zu wollen."
Mit großer Mehrheit wurden zwei Resolutionen angenommen u. a.: „In der Frage der Maifeier stellt sich die Landes wnlerenz auf die auf den deutschen Parteitagen in Jena und wcannhelm beschlo|sene Resolution, ver,pricht im Sinne derselben äu wirken und stach Möglichkeit d.e Arbeitsruhe am 1. Mai äu mtreben. Ter Abfsatz dieser Resolutwn, (gegen den sich wesentlich die Gewerlichastler wandten), „ferner muß bei Abschluß von Tarifverträgen mit ben Arbeitgebern immer die Forderung, FreP gäbe des 1. Mai enthalten sein" wurde zurückgezogen"
In der Nsachmittagssitzung sprach Abg. Ulrich über die Tagesordnung deö demnüchiiigen Parteitags in Essen. Er Mwrerte für Ausrechterhaltung der bisherigen Ansicht in der Mn r feier frage, weiter ^warnte er in der Al ko ho l- sr ogc vor Lym extremen Standpunkt. Den letzteren vertrat in der Diskus, um Redakteur Hitzler - Mainz.
Das folgende Referat des Abg. O r b über die bevorstehenden Kommunialwahlen wandte fich gegen die Nichtbestätiguna von Bergeordneten in den verschiedensten Orten.
Mch weiterer Debatte wird die Resolution Orb einstimmia angenommen:
f x. -Tie Landeskonfereuz bestätigt die Notwendigkeit der Resolution der Mühlheimer Konserenz über die Taktik bei den Kom- niunalwahlen nnd erklärt weiter: „In Erwägung, daß es sich gezeigt hat, daß die Behörden, allem Gesetz und Recht zuwider gewählte sozialdemokratische Beigeordnete nickst bestätigt haben' erhebt die Landeskonferenz von Friedberg gegen dieses ungesetzliche Verehren energisch Protest und ersucht die Partei- genosien, welche iu ihrer Gemeinde die Mel-rheit der Wähler hinter sich staben, und über gee i g n e te Genossen verfügen, welche durch ihre seitherige Tätigkeit in der Partei bewiesen haben, daß sie nberzcugte und charakterfeste Parteimänncr sind, sowie die son- stigeii Eigenschaften besitzen, welche zu einem derartigen Amt er|oroerlich erscheinen, bei BürgerMeiläer- und Beigeordneten? wahleu nur Parteitändidaten aufzustellen und mit aller Energie ogfut zu sorgen, daß sie gewählt, und wenn sie nickst bestätnst werden, auch das zweitemal gewählt werden."
Weiler kamen zur Annahme eine Resolution zu Gunsten ^o^!^?rgianisatiou, der für Anschaffung von Lite- ^ur 200 Mk. bewilligt werden; ferner eine Resolution: „Anblick) der Vorkommnisse auf dem deutschen Turntag in Worms hat sich deutlich gezeigt, daß in den Reihen der deutschen ^urnerichaft für Sozialdemokraten lein Platz mehr ist. Die in r)-riedberg tagende Landeskonferenz erwartet deshalb von den Par- tergenolien, die bis heute no-ch in der deutschen Turnerschaft sind, derielbeu ohne werteres den Rücken zu kehren. Die richtige Ant- Nwrt auf die Art, wie man dort gegen unsere Parteiangehörigeii vorgegangen i|t ist, daß die Parteigenossen, die an der Leitung von Tnrnv er erneu stehen, ihren Einfluß dsthin geltend machen und darauf hinwirren, ^rß Turnvereine in corpore aus der deutschen ^urnerschaft austreten und sich der freien Turnerschaft zuwenden." 1 1 1
rAntrag, den Wahlkreis Biirgen-Alzey in zwei selbständig zu verwlalteude Agitationsbezirke zu teilen, wurde angenommen. Für die cknsgesperrten Gießener Zi- Mrr e narb eiter ergab eine ausgestellte Sammlung in bei! Versammlung 44, <1 Mark Turch einstimmigen Besckstuß soll dre nächste Landeskonferenz in Mainz abgehalten werden. In dlas Landes ko mitee wurden zunächst die bisherigen Mit- glicder Ulrrch, Orb, Berthold, Stock, und neugewählt Busold- Friedberg. Um 6 Uhr schloß der Vorsitzende den Partei-
— Zn dem in unserer s)li\ 180, 2. Bl., veröffentlichten „Er- mneuumjen aus Gießeu" wird uns geschrieben, daß bie Anekbote von dem Liebig-Reinr des „Vater Lenz", des Inhabers des Felsen- re Ilers, frei erfunden sei. Lenz selber habe sie empört als eine Luge bezeichnet.
B u so l d-Friedberg hofft, daß die Landtagsabgeordneten nun auch darnach handeln. Tie Wahlrechtsvorlage sollte den Anlaß abgeben zu einer.umfassenden Agitation. Wir können im Großenganzen mit der Haltung der Landtagsfraktion zufrieden sein und wollen für diesmal die Haltung bei der Prinzen- grcrtulation verleihen.
Tr. David: Die Kritik über die Prinzenasfäre ist ja nun gelinder ausgefallen, als es anfänglich schien. Aber ich bin auch nicht einmal gesonnen, die gnädige Zensur der Herren Wittrisch und Busold anzunehmcn. Es handelt sich nicht um eine Extra-Ovation. An jenem Tage liefen sümckiche Gegner im Landtage Sturm gegen eine Entscheidung des Großherzogs im Falle Eißnert. Und als dann die Adresse tarn, da warteten sie darauf, dem Großherzog zu zeigen, daß wir nicht einmal rein menschlichem Empfinden zugänglich sind. Man konnte es an ihren Gesichtern sehen, daß wir ihnen mit unserer Zustimmung zur Adresse diese Rechnung durchkreuzt hatten. Aber anch abgesehen davon, konnten wir uns nicht zurückziehen, ohne in den Geruch der Unanständigkeit zu verfallen. Behandelt uns ein Monarch anständig, dann haben wir auch unser Verhalten darnach zu richten. (Zurufe: Sehr richtig!) Die Parteigenossen, die ans der Friedberger Kreiskonferenz uns darob bekrittelten, hätten sich erst mal genauer informieren sollen. Nun macht die dort gefallene Aeußerung von dem Anspuckcn die Runde durch die gegnerischen Blätter und schädigt so die Partei selbst. Wir wollen keine angespuckten Abgeordneten sein, sondern müssen erwarten, daß man uns den Ernst unseres Tuns au traut. In Württemberg sind unsere Parteigenossen zum König gegangen, ohne daß man sie deshalb beschimpft hat. Sie haben auch das Budget bewilligt. Auch die Ocstcrrcicher smd zur Hochburg gegangen und sie haben nicht die Befürchtung, daß sie damit das republikanische Prinzip verletzt haben. Voll- mar hatte Recht, als er sagte: Das Prinzip hochhalten kann jeder Esel. Unser höchstes Bestreben aber muß sein, den Einfluß der Partei zu erweitern.
Redakteur Schildbach-Mainz regt eine Massendemonstration aus dem ganzen Lande zu Gunsten des direkten Wahlrechts, etwa in Darmstadt, an.
N ink- Urberach: Nach der „Gcfühlspolitik" der Landtagsfraktion müßten die Parteigenossen im Landtage konsequenterwcise jetzt eine Protestadresse an den Gwßherzog richten, weil er den zweiten Beigeordneten in Offenbach nicht bestätigt hat. Die Abgeordneten hätten sich damals mit der Er-flärung genügen müssen, daß wir uns mitfrcuen an dem Familienglück des Groß- Herzogs. (Große Heiterkeit.) i
Hiassenzahl- Erbach ist auch nicht einverstanden mit der Prinzengratulation, aber es Müsse ein anderer Ton in der Kritik
>,n)eim ich fein fahre lasse will, brauch ichs net ze tue; Ihr ärme, wenn Ihr Doktor seid und es verlangt Jemand von Euch, ^zhr sollt ihm emo'l hinne hin nrcife, do müßt Ihrs tun!" Seltsame Begrisfe hatte er von Geographie, Als er einmal hörte, einer feiner Kbllcgen hätte mit seiner Droschke nach England fahren niufien, sprach er nachdenklich: „Jetzt möcht ich nor wisse, Aw des Oos nut seine zwia alte, steife Klobe (gemeint sind die Plevde) iwer den Jordan gekomme is!" und als ihm einer den westsälischen Ort Laasphe nähre bezeichnen wollte, korrigierte er ihn: „2lch wos ! Äsie leit ja doch in Afrika do hinne!"
Vicl könnte ich von Studentenstirricheii aus meiner Zeit ci> Kahlen. Als noch die Oellgteriien Vtode waren, die zur Erleuchtung der Straßen in Kasten henuitergeleiert wurden, war es ein Haupttvitz, in der Nacht sämtliche Straßenlaternen herunter zu drehen, sodaß man sie morgens mitten auf der Straße stehend fand, und als später die Gaslaternen cingeführt wurden, nettertc man an denselben hinan uiid löschte sie oben an den Schieberir pus. Sehr freie Begriffe hatte man vom Eigentum: eine jausgedängte Gans vom Fenster weg zu stibitzen, Ttannte man genial „ausführen". Einmal verabredeten sich zwei Studenten, einem Professor seinen Weihnachtsbraten ivegzustehlen. Zuerst alarmierten sie ihn, er möge seine Gans vom Fenster wegnehmen, sie sei in Gefahr, geflöhten zu werden; als er sic abhängen wollte, blendete ihn der eine mit einem Spiegelglas, wahrend ihm der andere mit einer Stange ans die Hand schlug, er. die Gans fallen ließ. Dann eilten unter Höllengelächter die Ranbcc mit ihrer Beute davon. Waren sie großmütig, io luden |ie ihn zum Verzehren seiner eigenen Gans ein, oder fte schickten ihm wenigstens lauf Neujahr die Sprenget davon aiwimni zu.
Wie richtig das Lied singt: „Tie Phili|ler sind uns gewogen meist, ue ahnen im BursÄm, was F-reihieit heißt", bewiesen die PenMsch wiederkehrendcn Bierkmwalte. Wenn die
1 " ' ■ zog die sonst sich m Welcherlei Korporationen befehdende Studentenschaft, wie wei- land in Rom die Plebs ans den mons eucer, so auf den Gleiberni und nrcikic bei von .insivurts bestelltem Biere so lange bis die Bierbrauer nack-gabeii. Tann zogen die Studenten 'triumphierend Arm ui Arm Wied i hnt in ihre Mus n ladt ein Große Aufregung bMchle 1861 die schleswig-holsteinische »«wegung auch unter den Gießener Studenten hervor. Bach
fcte Liberalen erscheinen schon jetzt als die begossenen Pudel; sie sind beinahe die betrogenen Betrüger. Das Geschrei der Liberalen nach Reform des L a n d t a as w a h l- rechts in Preußen ist nichts als hohles Gerede. Denn selbst wenn mich Bülow es wollte, ist der Einfluß der preußischen Junker viel zu groß. Tie letzten Wahlen haben bewiesen, daß der Liberalismus in Hessen nicht besser ist, als anderswo. Gewiß gibt es einige, die es ehrlich meinen mit ihrer demokratischen Gesinnung; aber die eigentlichen Macher bei den Freisinnigen sind nicht besser als die Osann und Gen. Was alles diese Leute um Korell an demokratischen Forderungen erheben, ist nur Gerede, lediglich zu dem Zweck, um die wirklich demokratischen Elemente im Lande binters Licht zu führen. Wer darum noch ehrlich demokratisch ist, muß angesichts der Blockpolitik zu dem Entschlüsse kommen, mit UnS zu gehen. (Lebh. Ucifall.)
Abg. Orb erstattete sodann den Kassenbericht. Die Ausgaben betrugen 41951 Mk. Für den Rcichstagswahlkampf wurden insgesamt 48 092 Mk. ausgcgcben: davon 15 231 Mk. aus der Zentralkasse. Die Kosten des Landessekretariats betrugen 3457 Mk. Der Agitationskalender, der in 133 950 Stück Übgesctzt wurde, erforderte einen Mehraufwand von 1418 Mk. Das Vermögen beträgt 7199 Mk. An die Zentralkasse in Berlin wurden ab geführt als Beitrag 4562 Mk., also nahezu doppelt so viel wie im Vorjahre.
Die Diskussion brachte verschiedentlich kritische Auslassungen, so über die Preßvcrhältnisse, die Beziehungen zu den Frankfurter!: usw. Bemerkenswert war hier eine Rede des Oß. Dr. David. Ihm stellt der Ausfall der letzten Reichs- tagöwahl die Frage der Selbstkritik. Tie Partei habe zu viel Verengungstaktik getrieben. Ein Hauptfehler war, daß wir, statt der Tendenz, eine allgemeine Volkspartei zu iverden, angefangeii hatten, weite Kreise der Bevölkerung abzustoßen. Das gilt besonders für die Landbewohner. Und die Schuld hieran trägt bet Mangel eines A g r a r p r o a r am m s. Es ist bedauerlich, daß in Breslau ein Agrarschutzprogramm für bie Bauern, die ihre eigenen Arbeiter find, nicht zustandekam. Was damals in Breslau an unverständlichen Aenßcrungcn bei uns gefallen ist, werde jetzt von unseren Gegnern hervorgeholt und uns in der Wahlagitation vorgehaltcn. Die Frage des Agrar- Problems müssen wir auf der Tagesordnung eines nächsten Parteitags setzen. Weiter haben uns mittelstandliche Existenzen und auch die geistigen Arbeiter verlassen. Wir haben uns besonders geschädigt, als mir in Dresden den Nimbus der geist- freien Partei zerstören ließen, daß der Glaube auf- konunen konnte, als wollten wir ein neues Papsttum, eine neue Kirche schaffen. Wir müssen die Partei der freien Forschung bleiben. In dem Moment aber, wo wir den Leuten gegenüber nervös wurden, die die schwierige Arbeit der Forschung auf sich genommen haben, setzten wir uns dem gefährlichen Vorwurf aus, daß die Partei nicht mehr ein Hort an Geistesfreiheit ift. Ich teile den Standpunkt Liebknechts, wenn ich sage, daß wir nicht nur eine Partei der Industriearbeiter, sondern eine ausgefprochenc V o l k s p a r t e i sein müssen. Wir muffen alle die Elemente zu gewinnen suchen, die am Kapitalismus nicht direkt interessiert sind. Tie Ausführungen Tr. Davids begegneten teilweisem Widerspruch. Dr. David hielt aber feine Meinung aufrecht, daß es falsch sei, zu, sagen, wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Damit treibe man doch nur die Gegner zusammen. Vie l unshm- pathischer sei ihm ein Zusammengehen mit dem Zentrum, als mit einer Blockpartei. Wegen der .Gießener Stichwahlentscheidung kam es zu heftigen Kontroversen, die mit der Erklärung von einem telephonischem Mißverständnis bcigelegt wurden. Gegen 11 Uhr Nachts schloß die Sitzung.
Am Sonntag wurdm die Verhandlungen fortgesetzt; zunächst über die Tätigkeit der Landtagsfraktion und deren Stellung zum Wahlgesetz. Referent hierüber war Abgeordneter Tr. Fulda, der einen gedruckten Bericht vorgelegt hat. Wenn er in seinem Bericht die motivierte Zustimmung der Fraktion zu der bekaunlen G r a t n l a t i o n sa d r e s s e an den Groß- Herzog nicht erwähnt habe, so sei dies nicht geschehen, um ttwaS zu verschiveigen, sondcrm weil er es für belanglos gehalten habe. (Zurufe: Sehr richtig!) Ueber die vorgelegten Berwaltungsg esetze, die eine Revision, nicht aber eine Reform darsteller:, hat Redner den Eindruck, als ob ein Ministerialbeamter dabei mit Schere und Kleistertopf gearbeitet habe. Das bcibehaltene plutokralische Wahlsystem zu den Selbst- vcrwaltungskörperschaften muß entschieden bekämpft iverden. Der Redner gedachte sodann der sog. klcinei: Fii:anz r eform , ferner der von der Ersten Kammer immer noch nicht erledigter: Wertzuwachssteuervorlage, der Er!veiterui:g der Gewcrbeaufsicht durch neue Hulfsarbeiterstellen, die Kommunalisierung der Apotheken, die Anträge über Entschädigung für unschuldig erlittene Straf- und Untersuchungshaft, über die Schössen und Geschworenen, der Vorlage eii:es neuen Jagdgesetzes usw. Die mit der neuen Wahlrechtsvorlage vorgeschlagene Verfassungsänderung zugunsten der Ersten Kammer ^.^okUsch unklug. Für die reaktioiräre Gesiunung des jetzigen Mmisteriurns spricht auch die (in den früheren Entwürfen n:cht enthaltene) Bestimmung, haß für den Fall des Aussterbcns einer standcsherrliehen Familie deren Recht auf Sitz uud Stimme m der Ersten Kammer einem sog. Agnaten Übertragei: werden kam:. Auch die geforderten „Käutelen" stelle:: eine starke Ver- schlechlerung der Vorlage dar. Die Wahlkreiseinteilm:g zeige offensichtlich die Tendenz, die Sozialbeniokratie zurückzudrängen. Wenn die vorgcschlagenen Versassnngsänderungen angenvmnien würden, dann könnten Regicrni:g und Erste Kaminer mit der Zweiten Kammer geradezu Schindluder treiben; weiter aber erstrebt die Negierung mit Hülfe eii:es ansgeklügeltm Gesetzes- w^chamsmus eine Vergrößeruug ihres EiiiflusjeS ans das Budget.


