Ausgabe 
1.8.1907 Erstes Blatt
 
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In erhebender Form, unter außerordentlicher Beteiligung zahlreicher Koryphäen unseres wissenschaftlichen LebenS, in Gegenwart II. KK. HH. des Großherzogs und der Groß Herzogin sowie der höchsten Würdenträger des Landes vollzieht sich die Jubelfeier. In den seit heilte täglich unserer Zeitling beiliegenden Jubiläumssonderblatte, das den TitelLudoviciana" trägt und dem der Darmstädter Künstler Cissarz die Aufschrift gab, wird auf das eingehendste über sämtliche Festlichkeiten berichtet, und es bleibt uns nur übrig, einige. Ergänzungen dazu zu geben.

In den Straßen unserer Stadt flirtet cs von Einheimischen and Fremden in nie gesehener Fülle. In dein festlichen Menschengedränge fallen die alten Semester, die keck ihre bunte Studentenmütze und das Dreifarbenbaiid tragen, besonders auf. Sie, die alten, graubärtigen Biirschcn, errichten vor allen anderen die Herrschaft der Freude und lassen dcii Geist des wiedererwachten Jugend-Frohsinns walten.

Wir haben gestern Nachmittag die Freude gehabt, das Großherzogspaar zu empfangen und durch die Stadt 311 dem ihm aufs beste bereiteten alten Schloß zu geleiten, wir haben am Abend dem außerordentlich iniposanten Fackelzuge beigewohnt und haben unsere Häuser alle in hellstem Licht- glanze erstrahlen lassen. Um dieses einzigartige Schauspiel mitzuerleben, waren zu den Tausenden und Abertausenden Gießenern und Festgästen in stattlichen Scharen die Land­bewohner der näheren und ferneren Umgebung, sowie zahl­reiche Besucher aus den Nachbarstädten herbeigeströmt. Der Aufforderung zur

Illumination hatte die gesamte Bürgerschaft gern und freudig entsprochen, sodaß sich mit der einbrechenden Dunkelheit ein glänzendes Schauspiel bot. Naturgemäß war die Beleuchtung in den Hauptstraßen der Stadt, durch die der Fackelzug der Studentenschaft und später die Rundfahrt des Großherzogs­paares ging, am reichlichsten ausgefallen, aber auch in den Nebenstraßen und Gassen verkündeten flackernde Lichter die Freude der Bewohner an ihrem Feste. Auch diesmal wieder wirkten Behörden und Bürgerschaft zur Erzielung eines harmonischen glänzenden Bildes zusammen und es hält schwer, irgend jeinandem den Preis für die schönste Illumination zuzuerkennen. Es sei deshalb von vornherein auf eine Wertung und Abmessung all des vielen Schönen verzichtet, das Gießen gestern abend seinen Besuchern bot, und in zwangloser, nicht auf Vollständigkeit Anspruch machender Reihe eine Anzahl der bemerkenswertesten Straßen und Häuser genannt.

Den Mittelpunkt der ganzen Illumation bildete natur­gemäß der Aulaplatz, wo sich die Huldigung der Studentenschaft vor ihrem Rector Magnificentissimus abspielte. Hier zeigten das Universitätsgebäude und das Chemische Institut eine wirkungsvolle einheitliche Beleuchtung, der sich die der umliegenden Privatgebäude schön anpaßte. Pechpfannen mit lodernden Flammen warfen über das Ganze einen magischen flimmernden Schein. Einen anderen Kulminationspunkt der Illumation bildete der Marktplatz, wo namentlich das alte Rathaus, die Seite hinter dem Kriegerdenkmal und das Haus Eccarius wirkungsvoll sich abhoben. Auch der Straßenzug MäuSburg, Kreuzplatz, Seltersweg, in dem kein Haus unbe­leuchtet war, bot einen hübschen malerischen Anblick. Hier waren cs namentlich die Häuser Ernst Balser, Haas und die beiden Häuser Nowack, soivie der große Söller des Appelschcn Hauses, die sich durch wirkungsvolle Beleuchtung auszeichneten. Malerische Bilder boten dann noch verschiedene Gürten, in denen sich die Beleuchtungstechnik mit dem natürlichen Schmuck der Blumen zu einem herrlichen Effekt vereinigte, z. B. der Garten des Photographen Zimmer am Ludwigsplatz. Er­wähnt seien noch das Haus des Prof. Dr. Strack und das Haus Schaffstädt in der Ost-Anlage, das Brück'sche Haus am Kanzleiberg, das Bürgernieistereigebäude und die Loge. Neben den einfachen farbigen Beleuchtiingskörpern waren namentlich die Jahreszahlen 1607 und 1907, die Jiiitialen S. K. H. des Großherzogs, das Landes- und das Stadt­wappen als ivirkungSvolle Dekorationsstücke bei der Be­leuchtung. Bis gegen Mitternacht dauerte das glänzende Schauspiel und selbst nachher zeugten einzelne Lichtlein von der verschwundenen Pracht.

Bevor sich dec

Fackelzug an dem Universitäts-Gebäude vorüberbewegte, spielte sich von etwa 8 Uhr ab in der großen alten Aula der

Empfang der Ehrengäste durch den Rektor ab. Während die Herren zu zwangloser Plauderei in fortwährend wechselnden kleinen Gruppen beieinander standen, ward ihnen von nimmer müder Dienerschaft Sekt und kalte Platte serviert. Das Begrüßen und Händeschütteln wollte kein Ende nehmen. Emsig sah man unsere Professoren die Honneurs machen und allerlei noch auf das Fest und seine Reden bezügliche Konferenzen abhaltcn. Reden wurden nicht gehalten. Eine Stunde später erschienen dann Ihre Königl. Hoheiten, draußen von der zahllosen, auf der breiten Ludwig- straße und an allen hellerleuchteten Fenstern der anstoßenden und gegenüberliegenden aufs schönste geschmückten Häuser harrenden Menge stürmisch begrüßt. Sie traten gleich aus den von einem Baldachin umspannten Balkon und cand. med. I m mel, der Vorsitzende des Gesamt-Ausschusses der Studentenschaft trat, während sich Chargierte aller 'Korpo­rationen zu den von den Ehrengästen ehrfurchtsvoll um­ringten Herrschaften hinauf begaben, drunten auf der Straße hervor und hielt folgende Ansprache:

Allerdurchlauchtigster Großherzog, allergnädigfter Fürst und Herr!

Tie Studentenschaft der Ludoviciana beut Ew. Kgl. Hoheit, ihrem rector mabnificentissimus, heule abend ihren WiUkommen- gruß, voll von jubelnder Freude, wie unsere Kommilitonen vor 200 Jahren, als sie Ew. Kgl. Hoheit erlauchtem Vorfahren zur ersten Jahrhundertfeier der Universität in die Mauern unserer Stadt einholten. Tiefes leuchtende Fackelmeer, auf das Ew. Kgl. Hoheit herabblicken, ist ein Widerschein der Freude und der Begeiste­rung, die aus den Augen dieser meiner lausend alten und jungen Kommilitonen Ew. Kgl. Hoheit heule abend eillgegenstraht, einer Begeisterung, hervorgerufen durch die Freude an diesem seltenen Feste der Treihundertjahrfeier unserer Universität, hervorgerufen nicht weniger dadurch, daß Ew. Kgl. Hoheit diese glanzvollen Tage mit uns zusammen feiern wollen. Darum eröffnen wir auch den Festesreihen mit dieser Huldigung an unfern Fürsten und Landesherrn. Tie Hoffnung des ersten Kanzlers des Reichs war die akademische Jugend; denn wir sind noch keine leer- georannten Herzen, jugendliche Begeisterung weht durch unsere Reihen, Vaterlandstreue und Fürjtenliebe leben in der Brust

eines jeden echten deutschen Studenten. Und daher auch der Jubel und die Freude, die uns heute abend zu Beginn dieses freudigen frohen Festes zu unserem Fürsten geführt haben, die uns, -ajXte und junge Studenten, einstimmen lassen in den Riis: Unser allerdurchlauchtigster Großherzog, der rector magnift- centissimus, unserer Universität, er lebe hoch! hoch! hoch!

Darauf wurde das Lied gesungen: Heil unserm Fürsten Heil!

Der erste Festabend verlief so im wahrsten Sinne des Wortes aufs glänzendste, und der heutige Festmorgen brach erfreulicherweise herrlich an, damit die Befürchtungen zer­streuend, die man wohl wegen der Witterung für den heu­tigen Tag hatte hegen müssen.

In den Morgenstunden fanden

Festgottesdienste

statt. In dec Johauneskirche fanden sich die Großherzogl. Herrschaften und zahlreiche Damen und Herren in großer Toilette ein. Prof. Trautmann dirigierte den prachtvoll er­habenen Bach'fchcn Choc v£ob, Ehre und Weisheit nnb Tank" und ein Knabenchor fang dann unter Herrn Görlachs Leitung den Choral ff9(mcn zu aller Stund". Die Gemeinde sang nach der Liturgie9lUein Gott in der Höh' sei Ehr unb Dank", worauf Prof. D. Drews die Kanzel bestieg. Er legte seiner Predigt den Text 1. Korinther 13, Vers 1 u. 2 zu Grunde. Morgen ivird in decLudoviciana"-Beilage ausführlich darüber berichtet werden.

Der katholische Festgottesdienst begann um 9 Uhr in der Pfarrkirche. Er wurde vom Dekan Bayer abgehalten und bestand aus Hochamt mit Ministration uni) Tedeum. Als Vertreter des Landesbischofs nahm Domkapitular Dr. Bend ix von Mainz daran teil, ferner die der katholischen Religion angehörenden Ehrengäste, die beiden katholischen Studentenverbindungen Hgsso- Rhenania und Nassovia, sowie ein großer Teil der katholischen Gemeinde Gießens.

Nach einem Imbiß der Ehrengäste und der Mit­glieder des Lehrkörpers in der alten großen Aula begann um llft/4 Uhr der Festakt in der neuen Aula, dieses im Auftrage der Staatsregierung von Neg.-Baumstr. Frey geschaffenen schönen Bauwerkes an der Goethestraße, zwischen dem Universitätsgebäude und dem Physikalischen Institut gelegen. Währenddessen bewegte sich durch die Haupt­straßen der Stadt mit verschiedenen Musikkapellen der Gießener und Marburger D. C. in feierlichem Aufzuge. Es schloß sichdaran einBurschenschafter-Frühschoppen auf dem Landgraf Philipp-Platz. Kurz darauf durchzogen mit Musik die Hasso-Rhenanen die Stadt.

Die Besucher der Festvorstellung

im Stadttheater werden darauf aufmerksam gemacht, recht früh­zeitig zu erscheinen, damit beim Erscheinen der Großherzoglichen Herrschaften sämtliche Festteilnehmer ihre Plätze bereits eingenom­men haben.

lieber das Feuerwerk,

das am Sonntag abend den Schluß des Polksiestes bilden soll, seien folgende Einzelheiten mitgeteilt: Es ivird zunächst auf dem Fest­platze neben der Festhalle von dem Kimstseuerwerker Herrmann ons Mainz ein großes Brillant-Feuerwerk in acht Fronten ab-- gebramit werden, etwa in der Zeil von 10^11 Uhr. Unmittelbar daran wird sich eine bengalische Beleuchtung des Nahrungsberges und des Schiffenberges anschließen, die von dem Gießener Feuer­werker Bourgeois ausgesührt wird. Ungefähr um 11% Uhr findet eine große Beschießung der Burg Gleiberg statt, 511 der der ausführende Kunstfeueriverker F. Woesch in Würzburg folgende Erläuterung milteitt: Ter letzte Tag der Burg, die sich ani 9. Juni 1646 nach tapferer Gegenwehr ben Schweden ergab, soll uns als großes Brillant-Feuerwerk vor Augen geführt iverden. Als leiteiide Idee des Schauspiels ist angenommen, daß die feind- liehen Truppen bis dicht vor die Burg gedrungen sind. (Segen Mitternacht wird mit Leuchtkugeln die in nächtliches Dunkel ge­hüllte Gegend beleuchtet und sofort setzt das Bombardemeiit auf die Bitrg ein. Erst vereinzelt, dann in immer rascherer Folge gehl eilt wahrer Regen von Raketen und Leuchtkugelbontben auf die Burg liieder, Geivehr- und Geschützfeiier dröhnen, Brandraketen sausen pfeifeiid durch die Lust und stürzen prasselnd auf die Dächer. Die überraschte Besatzutig setzt sich kräillg zur Wehr und erwidert das Bombardement energisch, bis es gelingt, die Bitrg durch mächtige Feuerbrände in Brand zu stecken. Schwere Rauchwolken steigen auf, haushoch schlagen die Flamnten empor, weithin den nächtlichen Himmel färbend. Einslürzendes QJtcnier- tverk treibt mächtige Funlengarben in die Hohe, bis dröhnend der Munitionsvorral in drei vollen Raketenbündeln in die Litft fliegt. Niin muß sich die Burg ergeben, das Bombardement schweigt. Ten Schluß des Ganzen ivird eine bengalische Beleuchtung deS Gleibergs, des Netzbergs und der Bisntarcksäule bilden. Tie Herren Kommerzienrate Wilhelm Gtnl und Louis Emmelius, sowie Brauereibesitzer Bichler haben in dankenswerter Weise die Kosten für diese Beleuchtung übernommen nnb damit einen neuen Beweis ihres bekannten gemeiitnützigett Sinns erbracht. Zwischen der Be- leuchtung des Nahrtmgs- und Schiffenberges und dem Beginn der Beschießung der Burg Gleiburg wird eine Pause von 10 Minuten eingeschaltet werden, daniit die Besucher des Festplatzes Gelegenheit haben, sich geeignete Aussichtspunkte für das Schauspiel am Glei­berg auszusuchen, da die Ruine vont Festplatze selbst tiicht sicht­bar ist.

Tas Korps Teutonia

tatsächlich die älteste Korporation der hiesigen Hochschule gegründet am 1. Juni 1839 feiert gleichzeitig mit der Jubel­feier der Ludoviciana sein 6 8tähr:ges Stiftungsfest. Das aktive Korps, zahlreiche Alle Herren und Gäste begaben "ich am Dienstag abend in langem Zug, voraus 5 aktive Korps­burschen und der Fuchsmajor in voller Wichs hoch zu Roß, zum Korpshaus zur Begrüßungskneipe. Tie herrlich ge- chmückten Räume des Korpshauses vermochten kaum die große Anzahl der Teilnehmer zu fassen. Der 1. Chargierte hieß mit herzlichen Worten Alte Herren und Gäste willkommen, namens .dieser dankte A. H. F ü r st z u Isenburg-Wächtersbach und trank auf das weitere Blühen, Wachsen und Gedeihen des Korps. Tie Festkneipe nahm äußerst gemütlichen Verlauf. Das Stiftungssestprogramm sah weiter vor Festessen im Hotel Groß­herzog, Ausflug mit Damen nach Braunfels, Gartenfest und Festkommers auf der Liebigshöhe. Wenn auch das Fest selbst auf Wunsch der Alten Herren als ganz internes Fest des Korps gefeiert ward, so ging doch das Programm über das Maß des Gewöhnlichen hinaus, galt es doch das Geburtstagsfeft des ältesten Korps und Korporation in würdiger Weise zv begehen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 2. Ang.

** Von der Landesuniversität. Der außerordentl. Professor bei der Theologischen Fakultät der Landesuniversität Lic. Dr. Walther Köhler wurde von der Theologischen Fakultät in Zürich anläßlich des Jubiläums unserer Universität ehren­halber zum Doktor der Theologie ernannt. Ter Rektor von Zürich Prof. Dr. Hitzig-Steiner überreichte das Diplom persönlich.

** T a s ch e n d i e b st a h 1. Einem Jestteilnehmer wurde gestern nachmittag gelegentlich der Empfangsfeierlichkeiten im Ge­dränge das Portemonnaie mit Inhalt ans der Hinteren Hosentasche gestohlen. Der Bestohlene Hal nicht das Geringste bemerkt, sodaß keinerlei Anhaltspunkte für die Täterschaft gegeben sind.

s. Oberkleen, 31. Juli. Nachdem das Interesse für die Tropfsteinhöhle durch die Tiauniden geweckt worden

ist, sei hier kurz über die Nufräumungsarbeiten berichtet, t», Taunusklub hatte bekanntlich dieierhalv 200 Mk. zur V^rsüguuo ff aeüellt, um den Zugang zur Höhle möglich zu machen. Anfauas Mai wurde mit der Arbeit begonnen und der Emgang bis »ur zweiten Kammer erweitert. Schon dieser erste Versuch war r äußern beschwerlich, denn in dem engen Verbindungsweg ver- mochte man nicht aufrecht zu stehen, noch viel weniger zu ar­beiten. , Tie bewilligten Mittel waren bald verbraucht und fo

bis sie nach einer abermaligen Gewährung von

100 Mk. nach der Heuernte iviedcr aufgenommen wurde gatt nun, den verschütteten Zugang zur dritten Kammer aus. ziliinden. Hier läßt sich schon leichter an)eiten, zumal ber Streite Raum gröger ist als der erste und man auch aufrecht : stehen kann. Allein die Hindernisse in die schräg abwärts lauiende Schlucht sind so bedeutend, daß ein weiteres Vordringen einstweilen nicht möglich ist. Es wird daher auf eine ' Ncht'gung durch den Taunusvorstand gewartet, um durch ein gemeinsames Befahren der Höhle durch den Klub entscheiden zu layen, an welcher Stelle die Ausräuniungsarbeiten iortgesew werden sollen. Neben diesen größeren Räumen birgt der Berg noch viele kleinere Höhlen, in die man ohne Lebensgefahr nicht hmabklellern kann. Hoffentlich gelingt cs, die durch ihre Tropf, i Ucinjiauren schon seit dem Jahre 1831 Lcfanme Höhle für das Pubnlum zugänglich zu machen.

R. Alsfeld, 31. Juli. Zur Prämiierung des am 29. Jiili hier abgchaltenen Pferde- u 118 Prämien- Marktes standen im ganzen 1450 Mk. ziir Verfügung- . hierunter vom Kreis Alsfeld 150 Mk., vom Landw. Bezirks verein Alsfeld 100 Mk., von der Stadt Sllsseld 250 Mk., ) vom Landespferdeziichtvcrein 250 Mk. und von der Pserdc- niarktkommission 700 Mk., zusammen 1450 Mk. Für die zur Verlosung 6efthnmtcn Fohlen waren ca. 1200 Mk. vor. gesehen. Dlirch die große Konkurrenz in gediegeiieiii Pferde­material hatte die Prämiierungs-Kommission eine jchivere I Arbeit.

lZ Vom Vogelsberg, 31. Juli. Man hat ver. ! schiedentlich von dciii Beeren re ich tu m der Wälder in diesem Sommer berichtet. Das Ergebiiis der Erdbeeren ist durchaus nicht besonders. Durch das ständige feiichte Wetter faulten die reifen Beeren sehr bald, and) der üppige Gras- wilchS in den Wäldern hinderte den Beerenwuchs, so daß der Erdbeerectrag nur minimal ivar. Der Topf Erdbeeren, den man sonst für 2025 Pfg. kaufen konnte, mar nicht für 30 Pfg. erhältlich. Auch die Hiuibeereii tragen weniger reichlich wie sonst; sie werden auch ohnehin durch) die Aus- rottung des Gestrüppes seltener. Tie Brombeeren dagegen versprechen eine gute Ernte. Das von unseren Haussraiicn mit Recht so sehr geschätzte Becrengelee ist in diesem Jahre nicht so reichlich in die Vorratskammer gelangt.

Worms, 30. Juli. Aus Schruns, 29. Juli, erhielt die Worms. Ztg. folgende telegraphische Mitteilung: Die gestrige Hüttenweihe nahm den schönsten Verlauf. Die Vorfeier in Schrmis fand bei zahlreicher Beteiligung statt. Heute war der Himmel wolkenlos. Beim Aufstieg zur Hütte, an deut etiva 150 Personen teilnahmen, entwickelteil sich fortivührend die herrlichsten Landschaftsbilder. Eine kernige Ansprache hielt Herr Apotheker Lorbach-Worms namens der Sektion Worms, ausklmgend auf die Rlonarchen und den Großherzog, die beifällige Aufnahme sand. Die kirchliche: Weihe der Hütte wiirde durch) ein wfftglicd der Sektion, Professor Hattemer-Worms und die Einführung in die Hütte durch) Herrn Dr. Dlarx-Worms vollzogen. Hieran schloß sich ein Festmahl, bei dem zahlreiche Sektionen vertretenluarcn.

' X Lützellinden, 31. Juli. In unserer Gemarkung ist die M a u s e p l a g e zur wahren Kalamität geworden. Bei der nunmehr begonnenen Kornernte kann man das Berheerungswerl, das die Mäuse jetzt schon angerichtet haben, vor Augen sehen Aus manchen Aeüern in ein Viertel der vielverspre^noen Ernte volytändig zernagt, sodaß der Boden handhoch mit Häcksel über- deckt i)t. Aber auch in den Kartoffeläckern wühlen die sreß- grerrgen Nager und verzehren die Knollen, wie an den vielen welk gewordenen Kartoffet)träuchenl zu erienncii ist. Tie hiesigen Landwirte gehen darum den ungebetenen Gästen energisch zu Lerbe. Man ftreut Gift in die Müu,elöcher, gräbt halb mit Wasser gefüllte Töpfe in den Boden, oder legt die Rester bloß und schlägt die junge Brut mit dem Prügel tot.

(:) G a r b e n h c i m , 31. Juli. Bei einem hiesigen Einwohner wuroe m der Nacht eingebrocheil und dabei 200 M arkBar­gel d , ein Fahrrad, Strümpfe und Eßwaren gestohlen.

/X Botteilhorn (Dilllreis), 31. Juli. Tas m der Nahs uiifeveö Dorfes gelegene Klmgelhöier'sche D a m p f s ä g e w e r k ist em Raub der Flammen geiuorben. Auch das gailze Llmvesen der Witwe Jakob Aßmanu zii Hartenrod ist vollsläiidig meder-. gebrannt. Versichert ist nichts.

Zum Fall Hau

wird berichtet:Nach einer Mitteilung des in Karlsruhe er­scheinendenVolksfreund" hat sich in Baden-Baden ein F räu­bern Eisele gemeldet, das angibt, sie erinnere sich bestimmt, baß sie am Abend des Mordtages einen vermummten Herrn von dem in der Verhandlung geschilderten Aussehen in der Fremesbergerstraße in eine Troschke habe einsteigelt und nach der Promenade in entgegengesetzter Richtung der Atordstelle habe fahren sehen. Erst darnach habe sie den Schuß gehört. Rechtsanwalt Dretz, der Verteidiger des Verurteilten, traf in Baden-Baden ein, um festzustellen, wo Fräulein Eisele den von ihr gesehenen Mann in den Wagen einfteigen sah, und ob die Stelle mit derjenigen identisch ist, an der Rechtsanwalt Hau in seinen Wagen gestiegen fein will. Ferner wurden auch mit entern Omillimeterkalibrigeu Revolver verschiedene Schußver­suche unternommen, um feststellen zu können, ob Fräulein Etscle von dieser Stelle aus nach der Abfahrt des Wagens den Schuß wirklich gehört hat.

Tie Untersuchung an Ort und Stelle hat ergeben, daß tat­sächlich an der Stelle, wo Fräulein Eisele den Unbekannten mit dem falschen Barte in die Droschke steigen sah, wirklich ein Schuß gehört werden fonnte, der an der Mordstelle ab­gegeben worden ist. Fräulein Eisele erklärt, daß Hau keineswegs bei" Mörder fein könnte, wenn er der fremde Mann fei, der an der betreffenden Stelle in die Drofchke gestiegen fei. Eigen­tümlich berührt die sellfame Handlungsweife, die die Kriminal­polizei Fräulein Eisele gegenüber anzuwenden beliebte. Fräul. Eisele hat am Mittwoch einem Kriminalbeamten erklärt, ihre Aussage zum Hau-Prozeß zu machen. Aber erst am Samstag konnte Fräulein Eisele ihre Aussage machen. Fräulein Eisele wiederholte ihre Wahrnehmungen gegenüber Schutzleuten, die sie nach der Größe des fremden RLannes fragten. Seltsam berührt die Frage, die der Kriminalbeamte bei der Vernehmung an Fräul. Eisele richtete .Die Frage lautete nämlich:Was haben Sie eigentlich für ein Interesse, Han zu verteidigen? Wollen Sie ihn vielleicht heiraten? Fräul. Eisele erwiderte:Oh, nein! Ich will Ihnen aber gleich sagen, daß ich nie für Hau eingetreten bin. Im Gegenteil, ich war stets gegen ihn, bis mir einfiel, was ich jetzt aussage." Jui weiteren Verlaus der Vernehmung fragte der Kriminalbeamte, ob der betreffende Herr, der in die Droschke gestiegen unb abgefahren war. Hau geweseii war. Fräul. Eisete erwiderte:Nein, das weiß ich nicht. Ich will nur sagen, daß er nicht gesch0ssen haben kann, menn er in deu Wagen eingestiegen i)t." Auf diese Vernehmung hin fand die bereits ^ben gemeldete Untersuchung an Ort unb Stelle statt. Es bestehen jetzt nur noch Differenzen zwischen den Aussagen des Kutschers und des Fräulein Eisele, tvas die Abfahrtstelle be'r Troschke anbelangt.