Ausgabe 
5.9.1906 Erstes Blatt
 
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Ein Agent der politischen Geheimpolizei, der ior einigen Tagen in trunkenem Zustand gegen die Tür der italienischen Botschaft einen Revolver abgefeuert hatte, wurde aus dem Disziplinarwegc nach dem höchsten Strafmaß mit Dienstentlassung und drei Monaten Gefängnis bestraft.

Riga, 4. Sept. Tas Kriegsgericht schloß die Revi­sion des Prozesses der Ka m p f g c n o ss en s ch a ft e n ab. 24 Angeklagte wurden zu Zwangsarbeiten von 2 bis 15 Jahren verurteilt, zwei Frauen wurden srcigesprochen.

Helsingfors, 4. Sept. Tie Untersuchung über die Teil­nahme der F i n n l ä n d c r an dem Ausstande in cn - borg ist zu Ende und craab, dan 150 Finnländer unter Füllung eines gewi'-sen Rantal, der selbst verwundet und gefangen ist, daran tcilnahmen. Von den Schuldigen befinden sich 79 in 5)ast. Der Prozeß wird vom Gericht in Abo geführt. General <i-outscharow, den der Kaiser znr Untersuchung der militärischen Unruhen in Swcaborg entsandt hat, ist hier eingetroffen.

Leute nachmittag überfielen zwei bewaffnete Männer die Bank-Filiale, bedrohten das Personal mit Revolvern und raubten einen Geldbetrag im Werte von etwa 9000 Mark. Eine verdächtige Person wurde verhaftet.

Odessa, 4. Sept. Von der unlängst unter dem Namen Weiße G?rde"' gebildeten Kampfes-Organisation der schwarzen Hundert, her-'n Ziel die Bekämpfung der revolutionären Kampfcs- Organisat'on ist, werden in der Stadt Proklamationen in großer Zahl verbreitet mit der Trohung, daß falls auf die heute zum Andenken an den Gründungstag von Odessa stattf'.ndende kirchliche Prozession geschossen oder eine Bombe gcworfen werden sollte, eine schreckliche Juden Hetze die Folge sein würde.

Tiflis. 4'. Sept. Eine in Etschniadcin abgchaltenc ar­menische V o l k s v e r s a m m l n u g hat eine Resolution angenommen, in der die Versammlung als gesetzliche Volks­vertretung bezeichnet und in der erklärt wird, daß sie ver­pflichtet sei, die Fordernngm des Volkes zu befriedigen, wie alle mit der armenischen Ki: verbundenen Schuladministrativen,

ökonomischen, Vermögens- und andere soziale Fragen zu lösen. Ferner nahm die Versammlung das Reckst in Ausdruck. sich in allen, das gesamte Rußland, besonders ober Kaukasien be­rührenden Fragen äußern. Von der Minderheit war eine Resolution beantragt worden, nach der die Versammlung be­rechtigt sein solle, versuchsweise für ein Jalw Schulprogramme und Statuten auszuarbeitcn, in Bezug auf die übrigen Fragen ober als Vorbereitungskongreß für eine zukünftige ^atio^aL= Versammlung gelten

Ausland.

L o n d o n, 4. Sept. Ter Berliner Korrespondent desDaily Mail" veröffentlicht ein Interview mit dem Reichskanzler Fürsten B ü l o iv. Tiefer soll erklärt haben, daß zwischen Deutschland und England nichts anderes als eine Handelsrivalität bestehe. Die Ansicht der englischen Presse, Deutschland denke daran, dein englischen Volke die Oberherrschaft über See streitig zu machen, käme dein Plane gleich, eine Eisenbahn nach dem Monde bauen zu wollen. Was die Bagdad-Bahn betreffe, so habe Teutschland bisher nichts anderes als Handelsinteressen im Auge gehabt. Wenn Deutschland in der Türkei Haudelsvorteile er'angt habe, so liege das daran, daß Teutschland sich auch hierfür die größte Mühe gegeben habe, und daß diese Benn'ihungen belohnt worden seien. Deutschlands Bemühungen sei es auch zuzuschreiben, daß es den .Bau der anatolischerr Bahn erhalten habe. Fürst Bülow erklärte weiter, in Eronberg sei keinerlei heikle Frage berührt worden, aus dem einfachen Grande, iveil es solche zivischen England und Deutschland » i ch t g e b c. Derartige Zusammenkünfte seien geeignet, eventuelle Mißverständnisse aus dem Wege zu räumen.

P a r i s, 4. Sept. Den Teilnehmer!, der heute beginneudeu zweiten B i s ch o s s k o n f e r e u z wurde vom Papste strengstes Stillschweigen auferlegt. Im Hinblick auf die jüngsten Eisthüllungen über die Vorgänge bei der ersten Konferenz wurden besondere Maßnahmen getroffen, um die Möglichkeit ähnlicher Indiskretionen zu verhindern. Die Bischöfe werden wahrscheinlich täglich zwei Sitzungen abhalten. Man glaubt, daß die Verhandlungen bis zum 8. September dauern werben. Nach Angabe der mit den hiesigen Erzbischöflichen Kreisei, in Verbindung stehenden Blätter werde die Bischofskonserenz über Mittel ui, d Wege zur Bildung einer neuen K u l t u s o rg a n i s a t i o n und zur Beschaffung eines Kultus- budgets beraten.

Die Vollversammlung des französischen Episkopats ist heute vormittag hier eröffnet ivorden. Die Verhandlungen sind gehein,. Die Plenarversammlung beendigte gegen mittag ihre erste Sitziu,g. Es nahmen 82 Prälaten daran teil. Gleich iiach ihrer Ankilnst begaben sich die Geistlichen in die Kapelle, um dort das Veni creator zu Hörem Dam, traten sie in die Verhandlungen ein, über deren Verlauf die Presse keinerlei Mitteilungen erhielt. Nach Beendigung der zweiten Sitzung, die um 3 Uhr nachmittags stattsand, richteten die Bischöfe ein Tele­gramm rnt bei, Papst, worin sie ih>, ihres unerschütterlichen Ge­horsams versicherten.

Madrid, 4. Sept. Der Justizminister N o m a n o n c § er­klärte in einer Unterrebung, das spanische Kabinett sei fest ent­schlossen, alle etwaigen Eingriffe des Vatikans in dieStaats- g e s ch ä s 1 e energisch z u r ü ck z u w e i s e n.

Konstantinopel, 4. Sept. Angesichts der im Um­lauf befindlichen Gerüchte über kriegerische Vor­bereitungen wird hier festgestellt, daß die Türkei keincS- rvegs zum Kriege geneigt ist und absolut keine offensiven Kriegsabsichten habe. Der letzte Ministerrat und die militärischen Beratungen gelten, wie erklärt wird, nur den eventuell unbedingt nötigen Maßnahmen für den Fall, daß die Haltung Bulgariens dies erfordere. Infolgedessen ist das Kriegsministerium angewiesen ivorden, gewisse Sicherheits­maßregeln zu beantragen oder vorzubereiten. lieber Nedschib-Pascha verlautet, derselbe habe zwei Missionen. Ec solle erstens über die Ursache der Haltung Bulgariens in der letzten Zeit, sowie über die Zusammenkünfte des Fürsten Ferdinand mit dem König Eduard Recherchen anstellen Und auf den Fürsten Ferdinand beruhigend einzuwirken ver­suchen. Zweitens habe er den Auftrag, den seit Jahren flüchtigen Adjutanten Ahmed Dscheladdin-Pascha zu überwachen, der in Karlsbad weilt oder dort eintreffen soll und angeblich mit Jungtürken Zusammenkünfte verein­bart hat.

Aus SlaSt uns Lano.

Gießen, den 5. Sept.

** Der Großherzog in Dresden. S. K. H. der Großherzog ist am Dienstag zum Besuch des sächsischen Hofes in Dresden eingetroffen. König Friedrich August und Prinz Johann Georg, die Spitzen der Behörden und die Generalität waren auf dem Hauptbahnhof zur Begrüßung erschienen. Die Ehrenkompagnie stellte das Lcibgrenadier- Negiment. Rach der Ankunft im Residenzschloß begrüßte Prinzessin Mathilde den Großherzog.

Lehrerpersonalien. Uebertragen wurden den, Lehrer Ludw. Werner zu Höingen und dem Schulverwalter Ludw. Klingelhöfer aus Gießen Lehrerstellen an der Gemeindeschule zu Trebur.

Von der Darmstädter Künstlerkolonie. Im Septemberheft der MonatsschriftDeutsche Kunst und Deko­ration" herausgegeben von Alexander Koch-Darmstadt ist folgendes zu lesen: Herr I. I. Scharvogel, der Leiter der Großh. Keramischen Manufaktur, wird eine eigentliche Lehrstelle bei den neu zu gründenden Lehrateliers nicht über­

nehmen. Weiter kann mitgeteilt werden, daß die Abficht be­steht, in nicht zu ferner Zeit eine neue Gründung zu ver­staatlichen. Man will jedoch vorab sehen, wie sich die ganze Sache entwickelt, dann dürfte etwa in Jahresfrist die Regie­rung den Ständen eine Vorlage, betc. die Verstaatlichung der Künstlerkolonie und des Lehrateliers, machen. Durch Annahme dieser Vorlage würde naturgemäß das ganze Unternehmen auf eine sichere Grundlage gestellt werden und dessen Fortbestehen und Weiterentwickelung auf Jahre hinaus garantiert sein."

sd. Darmstadt, 4. Sept. Der Raubmörder Adam Steinmetz, der int Frühjahr d. I. b;c Witwe Rothschild in Pfungstadt ermordete und beraubte, ist in der Irrenanstalt Hofheim auf seinen Geisteszustand untersucht worden. Man hat ihn kürzlich von dort tüicber in das hiesige Untersuchungsgefängnis zurückgebracht. Das Gut- achten der Aerzte, die ihn beobachteten, ist dahin ausgefallen, daß Steinmetz zwar vermindert zurechnungsfähig, aber für die Tat verantwortlich ist. Er wird sich nunmehr von dein Schwurgericht und zwar am 24. September zu verantworten haben. Die Anklage vertritt Oberstaatsanwalt v. He fiert, als Verteidiger fungiert Rechtsanwalt Hoffmann II. Zahlreiche Zeugen und Sachverständige find geladen, sodaß die Ver­handlung kaum in einem Tage zu Ende geführt werden dürfte.

Biedenkopf, 4. Sept. Ein gewaltiger Menschen­strom, wie ihn unser idyllisches Städtchen in seinen Mauern noch nicht gesehen hat, ergoß sich am heutigen dritten Tage des landwirtschaftlichen Festes anläßlich des damit verbundenen großen Trachtenfestzuges hierher. Richt nur das ganze Hinterland, sondern auch die angrenzenden Gebiete, ins­besondere aber die Singerländer, Marburger und Gießener Gegend hatte tausende von Festbesuchern entsandt. Und sie hatten sich in ihren Erwartungen nicht getäuscht, denn der glanzvolle Festzug mit seinen 64 Gruppen bot ein in hohem Grade fesselndes Bild des echten hessischen und Hinterländer Volkstums von einst und jetzt. Weißgekleidete Trommler des Turnvereins bildeten die Spitze des Zuges und nun folgten nach den Schulen und den Ehrendamen Bauernreiter aus Günterod, denen sich eine Schar Mädchen aus dem Perftal in ihren malerischen Trachten anschlossen. Dann nahte ein vollständiges Hinterländer Bauernhaus, ein wahres Muster­werk verfertigt in Gönnern. In den Stuben und dem Gärtchen, in dem sogar der Ziehbrunnen nicht fehlte, tummelten sich rotwangige Knaben und Mädchen, und vor der Türe saß strickend die alte Greisin. Ein Bild wie mitten aus dem Dorf­leben gegriffen. Es folgten eine Anzahl Wagen aus der Gegend von Dexbach und Engelbach; ferner Hessentrachten aus der Gladenbacher Gegend, sowie ganz atls dem Süden und Norden des Kreises, aus deut Obergericht bei Hartenrod, aus dem Breitenbacher Grund usw. In den aufs prächtigste geschmückten Wagen führten die Teilnehmer die verschiedenen landwirtschaftlichen Betriebe vor Augen. Auch Handwerker und Industrielle aus Stadt und Land waren vertreten. Großen Beifall fand auch die Dorfschule aus Damshausen und die Männerstrickschule aus der guten alten Zeit. In einigen Gegenden des Kreises Biedenkopf, z. B. in Botten- Horn, Dexbach u. a. Orten verstehen nämlich noch heute zahl­reiche Männer Strümpfe zu stricken. Zwischen den einzelnen Wagen marschierten Bauernkapellen in Hinterländer und Hessentracht, die Zünfte, Krieger, Sänger und den Schluß bildete die Grenzganggruppe. Alan gewann hier einen Be­griff davon, welche Mannigfaltigkeit herrlicher Volkstrachten im Hinterlande zu Hause ist, schade, daß bereits einige Dörfer anfangen, dem althergebrachten Ehrenkleid zu Gunsten moderner Stadttracht zu entsagen. Jedenfalls gab der Trachtenzug in keiner Beziehung den: Butzbacher Trachtenfestzug etwas nach.

h. Frankfurt a. M., 4. Sept. Der Kaiser wird zu den Hochzeitsfeierlichkeiten des Prinzen Albert zu Schleswig-Holstein und der Gräfin Ortrud zu Jsenburg- Büdingen-Meerholz in MeerHolz erwartet. Die Fest­lichkeiten finden am 14. und 15. Oktober statt.

Frankfurt a. M., 4. Sept. Prinzessin Viktoria von Battenberg kehrte Dienstag nachmittag von Ruß­land zurück und reiste um 5 Uhr nach Schloß Wolfs­garten weiter, wo sie von der Großherzogin empfangen wurde. (Frkf. Ztg.)

H. Frankfurt a. M., 4. Sept. Auf bent Dachboden der Gutleutschule wurde gestern mittag die erdrosselte Leiche eines neugeborenen Knäbchcns gefunden. Die Mutter, ein Dienstmädchen, wird seit einigen Tagen vermißt. Gestern nachmittag stürzte auf dem Sachsenhäuser Bahnhof ein Bremser von einem fahrenden Güterzug. Schwer verletzt witrde er ins städtische Krankenhaus gebracht. In der Taumisanlage am Schauspielhause wurde heilte morgen von einem Schutzmann eine Kindesleiche in einem Marktkorbe gefunden. Das Kind, ein Knabe, ist in Bettzeug eingewickelt. Die Geburt muß vor einigen Tagen erfolgt sein. Es fanden sich Nadelstiche in der Gegend des Herzens vor, tvelche den Tod bewirkt haben. Seit dem 29. August abends 7 Uhr wird das hier in Stellung gewesene Dienstmädchen Susanna Höfling aus Langenprozetten vermißt. Sie ging mit der im gleichen Hanse bediensteten Köchilt aus und wollte einige Kommissionen in Geschäften auf der Zeil besorgen, während die Köchin einen Besuch beabsichtigte. Um 8 Uhr wollten sich die Beiden wieder treffen. Das Mädchen erschien jedoch nicht und ist seitdem nicht mehr gesehen worden. Es liegt die Vermutung nahe, daß es einem Verbrechen zum Opfer gefallen ist.

fc. Höch st a. M., 4. Sept. Bei einer am Sonntag vormittag üorgenoinmenen Revision der Kasse der hiesigen Zahlstelle des Fabrikarbeiterverbandes ergab sich ein Fehlbetrag von 750 Mark, die in den Taschen des Kassierers, des Arbeiters Brech ter, verschwunden sind. Nach der Kassenrevision fand eine Versammlung statt. Während der Versammlung gelang es Vrechter, mit dem Rest der Kasse, 386 Mk., das Weite zu suchen. Das Manko beläuft sich also jetzt auf 1136 Mk. Brechter huldigte deut Alkohol und Kartenspiel.

H. Dernbach (Westerwald), 4. Sept. Eine 27jähr. Fran begoß sich mit Petroleum und steckte sich dann in Brand. Schwer verletzt tvurde sie ins Krankenhaus ge­bracht, wo sie ihren Brandwunden erlegen ist.

h. Mannheim, 4. Sept. Der erst kürzlich aus seinem Urlaub ztirückgekehrte Oberleutnant Maier vom hiesigen

Grenadier-Regiment hat sich gestern nachmittag in seine« Wohnung erschossen. Die Tat soll in nervöser lieber- reizung seine Ursackie haben.

VevrnLschLss.

*W. Offenbach (Pfalz), 4. Sept. Heute nachmittag wurden dec ledige 24jährige Seidenweber Philipp Schön­laub tot und die 18jährige Seidenweberin Margarete Eberle schwer verletzt in dem Nieder-Hochstätter Walde aufgesunden. Tas Mädchen gab an, daß Schönlaub zuerst auf sie geschossen, und nachdem er sie für tot gehalten, sich selbst entleibt habe. Beide sind von Offenbach.

^'Straßburg i. E., 4. Sevt. Eine ans 8 Personen be­stehende Fallchmün3erbande, die seit einiger Zeit gut gemachte Zweimarkstücke in großen Mengen in den Verkehr brachte, wurde lfier entdeckt und sestgenommen. Der Führer her Gesellschaft ist ein wegen Falschmünzerei bereits vorbestrafter Gipser.

* Ovfer der Berge. Redosteur Dr. Hocber aus Berlin: ist von der kleinen Zinke bei Schluderbach infolge «Selb» risseö abgestürzt: der Verunglückte war sofort tot. Das Seil hat:? sich in einer Spalte festgcklemmt und war durch die Reihung defekt geworden. Dr. Hocki-r. der im 36. Lebensjahre stand, f'canb sich auf der Hock"-'itsreise. Beim Abstieg vom Zimo Presanella stürzten zwei b u t >" ch c Touristen in eine Gletscherspalte und verletzten sich schwer, doch wurden sie von ihrem Führer und einem anderen Touristen gerettet.

* Ueberschwemmungen. In der indischen Pro­vinz B e h a r ist eine Ueberschwemmung eingetreten. Die Jndigoernte ist verdorben und die Ernte der Nahrungsmittel­gewächse vernichtet. Zahlreiche Ortschaften find fortgeschwemmt, auf den Feldern steht das Wasser etwa neun Fuß hoch und bildet eine meilenweite Wasserfläche. Di' obdachlosen Bauern flüch­teten auf die höher liegenden Landstraßen, auf denen das Wasser Lücken gerufen und die Brücken fortgespült hat. Die hunger- leidende Bevölkerung plündert die wenigen übrigaebliebenen höher­gelegenen Weizenfelder, worauf das Getreide nochnickt reif ist, ohne das Verbot der Landpolizci zu beachten. Heber die Ueber­schwemmung in ©en eg am bi en wird gemeldet: Die Eisen­bahn- und Telegraphenv^rbiudnug mit Kahcs ist wieder hergestellt. Die Ueberschwemmung ist im Abnahmen, am Unterlauf des Senegals ist dagegen bad Wasser beträchtlich gestiegen. Europäer sind bei der Ueberschwemmung nickt umgekommen. Beim Einsturz der Brücke in Vammako find fünf Eingeborene ertrunken. Die Verwaltung hat Maßnahmen getroffen zur Verhütung einer Epidemie.

Gießener Strafkammer.

)( Gießen, 4. Sept.

Wcchselfälfchnug en gros.

Vor der Strafkammer hatte sich der Kaufmann E. D. aus Kirberg wegen Urkundenfälschung und VetruaS ?tt verantworten. Er war geständig,, im Laufe des Jahres 1904 mindestens 36 Wechsel im Gesamtbeträge von annähernd 5000 Mark ge­fälscht zu haben, wodurch drei hiesige Bankiers um erhebliche Beträge geschädigt wurden. Nach seinen Angaben, hat er als gelernter Seifensieder, ohne jeglich- kaufmännische Kenntnisse, zuerst in der Schulstraße hier, ein Seifcngesckäst engros betrieben und kurz darauf auf dem Marktplatz ein Kolonialwarengeschast dazu übernommen. ?lls sich beides nicht rentierte, erwarb er in der Neustadt ein Haus mit Spezereiladen, dessen Anzahlung er pon Verwandten vorgeschossen bekam, da ihm wenig Barmittel zur Verfügung standen. Durch langwierige Krankheit seiner Frau und durch die von ihm vorgenommenen Reisen, war das Laden­geschäft größtenteils dem HanSbnrschcn überlassen, ^daß als­bald heillose Unordnung herrschte und der finanzielle Zusammen­bruch unvermeidlich war. Es zeigte sich auch, daß er von Buch­führung feine Ahnung batte; es waren weder Bilanzen ge­zogen, noch war von ordnungsmäßiger Buckführimg bi-' Rede. Statt den .Konkurs anzumelden, suchte er fick durch J-älschen von Wechseln über Wasser zu halten, bis im Juli 1904 die Fälschungen entdeckt wurden, worauf er nach Belgien flüchtete. Inzwischen erfolgte die Einleitung des Konkursverfahrens und mürbe, er auch wegen Vergehens gegen d>e Kvnkursordnuna in Untersuchung gejooen, aber mangels Beweises wieder außer Ver­folgung gefetzt. Kurz nachdem er feine Familie hatte zu sich kommen lassen, erfolgte Fine Verhaftung in Brüssel und die Auslieferung hicrher. Dos Gcrickr -og zwar die mangelhafte Borbpb'.iua strafmildernd in Betracht und sah von der verwirkten Zuchthausstrafe ab, doch hielt es angesichts der leichtsinnigen Hand­lungsweise und der Höl>e der Schädigung eine empfindliche Strafe am Platze und verurteilte ihn zu 2 Jahren Gefängnis und 5 jährigem Ehrverlust.

Eine Richterbclcidignng.

Der Landwirt I. K. T. von Udenhausen hatte gegen verschiedene dortige Gemeindemitglieder einen Prozeß geführt, der vom Amtsgericht Lauterbach zu feinen Ungunftcn entschieden worden ist.. Gelegentlich einer Vereinsversömmlung kam die Sprache auf den fraglichen Prozeß, wobei K. äußerte, der be­treffende Richter sei ein Schwindler. Ms ihn einer seiner Prozeßqcgner zur Vorsicht bei feinen Aeuß-riiuoen ermahnte, bemerkte er, der Richter sei sogar ein großer Schwindler, beim Amtsgericht könne man auchschmieren", was er behauptet hat, kann er auch beweisen. Infolge Strafantraas seitens der vor- gesetzten Behörde, erfolgte AnNage, die zur Verurteilung in eine Gefängnisstrafe von 3 Monaten führte. Tas Gericht hielt es im Interesse der Allgemeinheit für geboten, auf eine empfindliche Strafe zu erkennen: auch sollte dem wegen Be­leidigung mit erheblicher Freiheitsstrafe vorbestraften Angeklag­ten zum Bewußtsein gebracht werden, daß sein Verhalten, daS geeignet ist, das Am'ehrn des Richters in weiten Kreisen herab- znsetzen, eine energische Sühne erheischt. Dem Beleidigten wurde die Befugnis, zugesprochen, die Verurteilung ruf Kosten des Angeklagten im Lauterbacher Kreisblatt zu veröffentl!eben.

Teüefomsche Kursberichte

des Giessener Anzeigers, mitgeteilt von der Bank fllr Handel und Industrie. Giessen.

Frankfurter Börse. 5. September, 1.15 Uhr.

3%°/o Reichsanleihe . . 98.90 Elektriz. Lahmeyer . . . 144,75

3% do. . . 86.95 3%°/0 Konsols .... 99.00 3% do 87 05 3%0/0 Hessen 97.50 3^% Oberhessen . . .. 4% Oesterr. Goldrente. . 99.70 4*/s Oesterr. Silberrente 100.30 4% Ungar. Goldrente . . 95.30 4?o Italien. Rente. . . . 103.30 3% Portugiesen Serie I . 70.00 3% Portugiesen TU 70.60 4^°(0 russ.Staatsanl. 1905 86.20 4% k iapan. Staatsanleihe 94.00 4 % Conv. Türken von 1903 96.50 Türkenlose 146.00 4% Griech. Monopol-Aul. 55.00 4% äussere Argentinier . 90.20 3% Mexikaner .... 68.85 4 X% Chinesen .... 98.00

Aktien:

Bochum Guss 246.00 Buderus E. W .... 127.20

Tendenz: behauptet.

Berliner Börse, 5.

Canada E. B 177.70 Darmstädter Bank . . . 141.00 Deutsche Bank .... 239.75 Dortmunder-Union C. . . 84.50 Dresdner Bank . . . 159.00

Tendenz: ruhig.

Elektriz. Schuckert . . . 130.00 Eschweiler Bergwerk . . 254.90 Gelsenkirchen Bergwerk . 227.30 Hamburg-Amerik. Paketf. 160.70 Harpcner Bergwerk. . . 214 50 Laurahütte 245.75 Nordd. Lloyd 129.90 Oberschles. Eisen-Industrie 132.00 Berliner Handelsges . . 172.25 Darmstädter Bank . . . 141.10 Deutsche Bank . . . 239.80

Deutsch-Asiat. Bank . . 175.40 Diskonto-Kominandit. . . 185.00 Dresdner Bank . . . 159.10 Kreditaktien 211.70 Baltimore- und Ohio-

Eisenbahn . . 124.10

Gotthardbahu. Lombard. Eisenbahn . . 34.20 Oesterr. Staatsbahn . . . 144.80 Prince-Henri-Eisenb ahn . 145.00

September. Anfangskursc.

Harpcner Bergwerk. . . 214.50

Laurahütte 245.80

I Lombarden E. B. ... 34.20

Nordd. Lloyd 130.10

Türkenlose . » . . 145.70