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5.9.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

erwartet werden.

Trotzdem wird Herr v. Podbiclski ziem

156. Jahrgang

Berlin, 4. Sept. In der heutigen Sitzung des Aus­sichtsrats der Darmstädter Pank sprach der Vor­sitzende .Herrn Direktor Dernburg zu seiner Ernennung zum Leiter der Koloniatabteilung die Glückwünsche des Mf- sichtsrats aus, indem er zugleich der Genugtuung Ausdruck gab, die nicht nur der Aufsichtsrat der Turmstädter Bank, sondern auch der gesamte Kaufmannsstand über die Er­nennung des Herrn Dernburg empfinde. Die von Herrn Dernburg erbetene Entlassung aus dem Dienste der Bank wurde dem Herrn Direktor mit dem Ausdruck des besten Tankes für seine Tätigkeit vom Aufsichtsrate erteilt. Herr Dernburg teilte mit, daß er die sämtlichen Aufsichts­ratsstellen, die er bisher innegehabt, niedergelegt habe.

Deutsches Reich.

München, 4. Sept. Ter Beschluß der Regierung, die von der Stadt München in Aussicht genommenen sechs neuen Simultan schulen nicht zu genehmigen, hat g r 0 ß e Aufregung hervorgerufen. Die liberale und radikale Presse verurteilt in scharfen Artikeln die reaktio­näre Haltung der Regierung. Im Magistrat gab der Ver­treter der linksstehenden Parteien eine mißbilligende Er­klärung ab, da der Beschluß im Widerspruch stehe mit der religiösen Gleichheit und sittlichen Freiheit.

Nürnberg, 4. Sept. Zur Unterdrückung etwaiger neuer Ruhestörungen ordnete das Generalkommando für sieben Kompagnien Infanterie die Nichtteil­nahme an den Manovern an, damit sie hier verbleiben können. Weitere Verstärkungen können aus Erlangen und Ingolstadt herangezogen werden.

Breslau, 4. Sept. Wie die OelserLokomotive an der Oder" erfährt, ist die Untersuchung im Diszipli­narverfahren gegen den Direktor der Liegnitzer Ritter- Akademie, Graf Kospoth, der als Generälbevollmäch^- tigter der Buttenbrockschen Erben die Herrschaft Offen an den Polen Martin Biedermann in Posen verkauft hatte, nunmehr abgeschlossen. Minister Tr. Stadt habe den Vor­tragenden Rat im Kultusministerium, Geheimen Ober­regierungsrat Tr. Fleischer zum Beamten der Staatsanwalt­schaft ernannt und mit der Anfertigung der Anklageschrift beauftragt.

Posen, 4. Sept. Auf die Angriffe, welche derDzien. Posnanski" gegen die deutsche katholische Geistlichkeit ge­richtet hatte, veröffentlicht das genannte Blatr nachstehendes Schreiben des Erzbischofs Stablewski: Aus der gestrigen 9hinrmer desTziennik Posnanski" ersehe ich, daß in einer der früheren Nummern unter dem Titel quo vadiS?" eine verleumderische Insinuation enthalten war, durch die die Geistlichkeit' deutscher Nationalität in unseren Tiözesen geschädigt wird. Dieses einen Geistlich­keit deutscher Nationalität ohne Angabe positiver Gründe zugesügte Unrecht weise ich als unbegründet entschieden zurück. Erzbischof von Gnesen und Posen, (gez.) Florian.

Bodöttlski und Mtow versöhnt*

Herr v. Podbielski hat heute den: Kaiser über die Weiterführung der Döberitzer Heerstraße Vortrag gehalten. Ein neuer Beweis, daß der preußische Landwirtschaftsminister fest im Sattel sitzt. Fürst Bülow hat Herrn v. Podbielski in derNordd. Allg. Ztg." zu früh daS Totenglöcklein läuten lassen. Die Totgesagten erfreuen sich nach dem alten Sprich- ivort einer besonders langen Lebensdauer. Wenn die agrarische Tagesztg.", wie anzunehmen ist, aii§ der Umgebung Pod- bielskis unterrichtet ist, so scheint der Minister Wert darauf zu legen, dem Reichskanzler auch vor der Oeffentlichkeit jovial die Versöhnungshand zu reichen. Die Auffassung der Presse von einen: Duell Bülow-Podbielski sei, bemerkt heute abend das Blatt, mindestens schief. Zur Zeit könne von sachlichen Differenzen zwischen dem Ministerpräsidenten und dem Landwirtschaftsminister nicht die Rede sein. Man dürfe vermuten, daß die mehr formellen Differenzen, die zum Teil auf Mißverständnissen beruhten, neuerdings ausgeglichen worden sind.

Mehr formelle Differenzen", daS ist wirklich eine recht zarte Umschreibung für Mißhelligkeiten, wie sie ähnlich kräftig selten zwischen hohen Chefs der Regierung dagewescn sind. Die Veröffentlichung derNordd. Allg. Ztg." von dem Wunsch des Herrn v. Podbielski, aus dem Staatsdienste zu scheiden, konnte gar nicht anders aufgefaßt werden, als daß Fürst Bülow eine vollendete Tatsache zu schaffen, den Minister mit sanfter Gewalt zum Gehen 311 nötigen beabsichtigte. So hat auch zweifellos Herr v. Podbielski die für ihn höchlichst überraschende offiziöse Notiz gedeutet. In früheren Jahren würde wohl eineRichtigstellung" aus dein Ministerium nicht auSgeblieben sein aber Fürst Bülow hat schon seit längerem die Weisung erlassen, daß in derNordd. Allg. Zig." Er­klärungen politischen Inhalts nur mit seiner Genehmigung Aufnahme finden dürfen.

Nur:, Herr v. Podbielski, der erlittene Kränkung oder Verdrießlichkeit nicht nachzutragen pflegt, will dem Fürsten Bülow nicht grollen. Das Versöhnungswerk ist vermutlich bei den Tauffeicrlichkcitcn in Potsdam von einer höheren Stelle zustande gebracht worden. Allerdings hat der Kaiser

noch nicht das entscheidende Wort gesprochen, daß dec Land­wirtschaftsminister im Amt bleiben soll. Tas stellt auch die TageSztg." fest, indcin sie bemerkt: Nach menschlicher Voraussicht dürfte eine Entscheidung in der nächsten Zeit nicht

Mittwoch 5. September 1906 vezn gSpretSr monatlich 75VI.,viertel«

lich genau wiffen, woran er ist. Ihm ist Herr v. Lucanus kürzlich nicht als Bringer unerfreulicher Botschaft erschienen. Das Händeschütteln zwischen Podbielski und Bülow, der Aus­gleich dermehr formellen Differenzen" ist nur so zu ver­stehen, daß die beiden Herren hoffen, noch eine gute Weile friedlich zusammen 311 wirken. Große Freude wird darob im ganzen agrarischen Lager herrschen.

jährlich Mk. 2.20; durch Adhole- u. Zweigstellen monatlich 60 Pf.; durch die Post 2)^.2.viertel« jährl. curSschl. Bestellst. Zunahme von Anzeigen für die TaaeZnnnuner bis vormittags 10 Uhr. ßeilenpreld: lokal 12 Ps, auswärts 20 Plg.

Verantwortlich für den polit. und allstem. Teil: P. Wittko' für Stadt und Land" und .Gerichtssaal': Ernst petz; für den An- zeigcnleil: HanS Beck.

Kutz land.

Kronstadts. Sept. Tie Kaiserin-Witwe und Groß­fürst Michael Alexandrowitsch sind heute nachmittag mir der kaiserlichen JachtPoljarnaja Swjesda" nach Dänemark ab­gereist. Ter Kaiser, die Kaiserin und Prinz Christoph von Grie­chenland gaben den Abreisenden das Geleit und keyrten später auf der kaiserlichen JachtAlexandria" nach Peterhof zurück.

Petersburgs!. Sept. Tie über die Amtsniederlegung des Generals Trepow verbreiteten Gerüchte sind unbegrün­det. Ebenso unbegründet sind die Gerüchte von einer Erschütter­ung des GesundheitZzustandes des Generals.

Auf Befehl des Kaisers werden die Generale Stössel und Fock, sowie, der Oberst Reiß wegen der Uebergabe Port Ar­thurs dem, neugeschaffenen obersten Militärgerichtüber­geb en, falls nicht die mit der Vorunterjuchung betraute Be­hörde nach dem Abschluß einstimmig beschließt, deit Prozeß ein» tzustellen, oder die S n-.'digen auf dem Disziplinarwege zu be­strafen.

.ternburp, hexischer OberappellationsgerichtSrat, gebürtig aus Mamz und Professor in Gießen, war der (Groß­vater des Kolonialdirektors, und Heinrich Dernburg, der berühmte Pandektist der Berliner Universität, ist sein Onkel.

Nach Uebersiedkuna der Eltern von Tarmstadt nach Berlin besuchte Bernhard Dernburg das Joachimstaler Gymnasium bis zum Uebertritt zur Prima. Seine kauf­männische Lehrzeit begann er in der Motardschen Lichter- sabrik, wo er das Warengeschäft erlernte. Er trat dann in Stellung bei der Berliner Handelsgesellschaft und diente gleichzeitig sein Jahr im 1. Garde-Foldartillerie-Regiment ab. Von der Offi^iersberechtigung konnte er keinen Ge­brauch machen, da er alsbald nach Amerika ging, wo er in der großen Bankfirma Ladenburg und Thalmann tätig war. Tonn kehrte er nach Deutschland zurück und ward beim Sekretariat der Deutschen Bank angestellt. Hier er­warb er durch seine Tüchtigkeit das Vertrauen von Georg v. Siemens in besonderem Maße, und so wurde er schon mit 25 Jahren selbständiger Bankdirektor, indem er die Führung der neubegründeten Treuhand-Gesellschaft über­nahm. An der Spitze der Bank für Handel und Industrie (Darmstädter Bank) steht er seit 1901. Hervorragende Fähig­keiten zeigte er namentlich bei der Sanierung verschiedener, dem Krache nahe Gesellschaften. Er griff bei diesen Anlässen so kräftig, oft rücksichtslos durch, daß er sich manchen Gegner schuf und selbst bei seinen Kollegen häufig Widerstand sand. Tie Börse, mit der er souverän umging, liebte ihn nicht und gab ihm den SpitznamenSanitätsrat".

Em hohes Pflichtgefühl, unermüdliche Arbeitskraft und eine unbeugsame Energie, das sind, im Geschästs- leben, die Haupteigenschaften Bernhard Dernburgs. Er ist ungemein raschen Geistes und gewinnt schnell aus kompli­ziertestem Gebiete Uebersicht; vov dem Handeln wägt er vorsichtig ab. Sein energisches Wesen prägt sich schon in seiner großen, kräftigen, etwas zur Korpulenz neigenden Gestalt aus.

Bernhard Dernburg ist mit einem Fräulein Emma Seliger verheiratet, die früher Vorsteherin der Kunst­stickerei des Kunstgewerbemuseums war und zur Kaiserin Friedrich in Beziehungen stand; sie hat ihnr sechs Kinder, zwer 5knaben und vier Mädchen, geschenkt. Dernburgs Villa iin Grünewald zeigt ihn als einen modernen und kunst­liebenden Menschen. Sie ist voll von schönen Bildern und seltenen Möbeln, und mancher tüchtige Künstler dankt Dernburg lohnende Austräge. Ein: große Vorlieb^ bringt er allem Technischen entgegen; er treibt Mtomobilsport und. fitzt im Verein für Lustschiffahrt.

GietzenerAnzeig

General-Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eietzen

PoMLsche Cagesschatt.

Religion und Muttersprache.

'Aus Posen kommen wieder recht unangenehme Nach­richten von Widersetzlichkeiten der Schulkinder, die sich weigern, in deutscher Sprache zu beten. Natürlich sind hieran die Eltern schuld,- die, von Agitatoren aufgestachelt, ihren Sprößlingen den Ungehorsam gegen die schulbehörd­lichen Verordnungen suggerieren. Zugleich aber bieten diese Auftritte einen neuen Beweis dafür, daß wir mit unserer Polenpolitik nicht vom Flecke kommen. In puncto Religion sind alle slavischen Völker nun einmal am empfindlichsten, denn es erscheinen bei ihnen das Nationalbcwußtsein und ihr Glauben so innig miteinander verschmolzen, daß bei­spielsweise die entschiedene Abneigung, welche die ein und demselben Spcachftamm angehörenden Kroaten und Serben gegeneinander empfinden, nur daher rührt, daß sich die ersteren zur katholischen, die letzteren zur orthodoxen Reli­gion bekennen. Mit Verfügungen über den deutschen Sprach­gebrauch bei ihren Religionsübungen werden wir unsere Polen wahrlich nicht germanisiereil können, das steht nun einmal fest! Ebensowenig, wie wir das Deutschtum im Osten retten, wenn wir dem deutschen Adel seine verschul­deten Güter zu teuren Preisen abraufen. Nur dreierlei gibt es hier: Massenansiedlungen deutscher Bauern, am liebsten ausgedienter Unteroffiziere, die von der Landwirtschaft zum Militär gekommen sind, ferner Hebung der Industrie und schließlich älinhäusung starker Garnisonen. Mit einem Worte: Wir müssen trachten, den herrschenden Zug nach dem Westen durch einen entsprechenden Zug nach dem Osten zu parali- fiereu und diie deutschis Bevölkerung iin den gemischtsprachigen Provinzen durch starken Zuzug numerisch in die Maiorität zu bringen. 9tur eine derartige Polenpolitik kann Erfolg versprechen, jede andere führt sicher immer wieder auf einen Holzweg!

Die ljeutig- Kummer umfaßt 8 Seilen.

Aer neue Kerr im Kolonialamt.

DieNat.-Ztg." wirft dieF-rage auf, ob Fürst Bülow der der Wahl des Herrn Bernhard Dernburg zumLeiter der Kolonialabteilung mitgewirkt habe, und derLokal­anzeiger" glaubt sie zutreffend dahin beantworten zu können, Herr Dernburg sei auf Vorschlag des Reichskanzlers berufen worden. Demgegenüber drängt sich die neue Frage auf, wie Fürst Bülow, von dem bekannt ist, daß er keine näheren Beziehungen zur Berliner Hochfinanz hat und zu­dem seit Monaten fern von der Reichshauptstadt sich auf» hält, in diesem Fall so schnell und mit Erfolg einen Nach­folger für den Erbprinzen Hohenlohe in Vorschlag bringen konnte. Gerüchte schwirrerndnrcheinander. Börsenkreisen die Börse war heute sehr stolz auf die Berufung erzählt man sich, die entsprechenden Verhandlungen mit Herrn Dernburg seien durch den Staatssekretär des ^Aus­wärtigen Frhrn. v. Tschirschky geführt worden, der den größten Teil des Sommers hindurch in der Umgebung des Kaisers sich befand. Wie es heißt, sind die Hofkreise auf Herrn Dernburg aufmerksam gemacht worden durch den früheren Oberbürgermeister von Posen, jetzigen Direktor der Nationalbank für Deutschland, Herrn Witting, dem ehe­dem gleichfalls ein Anerbieten zum Eintritt in den Neichs- dienst gemacht wurde. Am Ende ist für die Wahl des Herrn Dernburg wohl auch die Erwägung von Belang gewesen, daß ihm, dem Berusskaufmann, vom Reichstag und speziell von der in dieser Frage ausschlaggebenden Fraktion der Freis. Volkspartei zunächst das Staatssekretariat für die Kolonien eher bewilligt werden dürfte, als einem Juristen oder Offizier. Auch Herr Chamberlain, der als Kolonial­staatssekretär Tüchtiges leistete, ist BerufSkausmann.

Von anderer Seite wird uns aus Berlin geschrieben:

Als wesentliches Erfordernis praktischer Kolonialreform bezeichnen namhafte Politiker eine Beschränkung der Machtstellung der Großfinanz in den Schutz­gebieten. Es ist allerdings richtig, daß den großen Landgesellschaften, die überdies zum Teil vom ausländischen Großkapital beeinflußt werden, viel zu weityehende Mono­pole und Konzessionen verliehen worden smd, nicht zum Vorteil wirklicher Entwicklung der Kolonien. Wie wird sich nun Herr Ternburg, derKolonialbankiep", zu dieser Frage stellen? Er kommt unmittelbar aus den Kreisen oer Hoch­finanz und stand dort vielleicht in Beziehungen zu kolo­nialen Erwerbsgesellschasten oder internationalen Finanz­gruppen, die in den deutschen Kolonien interessiert sind. Es dürfte also wohl nicht ohne weiteres zu erwarten sein, daß er eine gründliche Reform der Besiedelungspolitik in die Wege leitet. Er kann es auch kaum, ohne sich mit der Neichstagsmehrheit ins Einvernehmen gesetzt zu haben, denn solche Reform ist ziemlich kostspielig. Uebrigens wird mit Recht darauf hingewiesen, daß bei der kolonialen Gesamt­organisation der Kolonialrut einzuschließen sei, diese die kolonialen Etats vorberatende Körperschaft, der auch Ver­treter der Hochfinanz angehören, ferner Kolonialinter­essenten, die teils mit englischem Gelde arbeiten. Umfang­reiche Aufgaben harren also der Lösung durch denregie­renden Kaufmann", Herrn Dernburg, von dem wir hören, daß er sich, sobald es angängig ist, mit den Ko­lonialpraktikern unter den Parlamentariern, das heißt mit den Reichstagabgeordneten, ins Be­nehmen setzen wird, die West- und Ostafrika bereist haben. Es befinden sich darunter zwer Mitglieder des Zentrums, die am Ende geneigt und imstande sind, dem neuen Herrn in der Kolonralverwaltung bei Ueberwindung derRich­tung Erzberger" im Zentrum zu helfen. Herr Dernhurg, der zum Freihandelsprinzip neigende Kaufmann, rechnet Wohl auch auf Unterstützung durch die bürgerliche Sink. Dem Erbprinzen Hohenlohe blseb die Erfüllung seines Wunsches versagt, als Chef der Verwaltung die Kolonien zu besuchen. Vielleicht ist Herr Dernburg, der zwar Amerika, nicht aber die deutschen Schutzgebiete kennt, auch in dieser Hinsicht mehr vom Glück begünstigt. Vor dem nächsten Sommer könnte er freilich nicht in See stechen.

Ier neue KolonialdirekLor.

' Selten hat ein Personenwechsel in hohen Äemtern eine solche Sensation erregt, wie der Rücktritt des Erbprinzen Hohenlohe von der Leitung der Kolonialabteilung, und die Ernennung des Bankdirektors Bernhard Dernburg zu seinem Nachfolger. Entschieden war beides schon feit mehreren Tagen, seitdem der Erbprinz dem Reichskanzler den Wunsch Mitgeteilt hatte, seinen Posten aufzugeben. Es war in erster Linie eine Art von Neinlichkeitsbedürfnis, das den Prinzen Hohenlohe zu diesem Schritte bestimmte. Er fühlte sich angewidert von all der Fäulnis, die in dem ihm über­tragenen amtlichen Bereiche von Tag zu Tag wachsend hervortrat.

Nun ist also einem' Manne aus dem praktischen Leben, der nie eine Staatsprüfung, ja (man schaudere!) nicht ein­mal das Abiturientenexamen bestanden hat, die Rolle zu- gefallen, im Kolonialstall den eisernen Besen zu spielen, zu dem er jedenfalls weit eher taugt, als der vornehme, zurückhaltende und elegante Prinz.

Bernhard Dernbura wurde am 17. Juli 1864 (nid)t 1865) in Darmstadt geboren, ist also jetzt 42 Jahre alt. Sem Vater ist der bekannte Publizist und Politiker Fried­rich Ternburg, der früher dieNationalzeitung" selbständig leitete, dem ersten deutschen Reichstage als Mgeordneter angehörte und jetzt Feuilleton-Redakteur amBerliner Tageblatt, ist; seine Mutter, Luise Ternburg, geb. Stahl, aus alter hessischer Pfarrerfamilie stammend, starb vor nicht langer Zeit und war ihrer reichen geistigen Gaben wegen in der Berliner Gesellschaft sehr geschätzt. Jakob

Nr. 208

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