Ausgabe 
30.8.1906 Zweites Blatt
 
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Heer und Flotte.

Nach denMünch. N. 91/ hat sich der Kaiser in der letzten Zeit ganz energisch gegen das Spiel in der Armee, das die Offiziere korrumpiere, aus-- gesprochen._____________________________________________________

Ausland.

Paris, 29. Aug. Es bestätigt sich, daß der Zwischen» fall von Djanet endgiltig und amtlich geregelt worden ist.

Rom, 29. Aug. Gerüchtweise verlautet, das ita­lienische Königspaar werde einer Einladung des Königs Eduard folgen und Ende September eine Reise nach London unternehmen.

Tientsin, 29. Aug. Auf den russischen Konsul Leptew wurde heute ein Attentat ausgeführt. Der Konsul ist schwer verwundet. Der Attentäter heißt Lowinsky.

Newyork, 29. Aug. DerNewyork Herald" erklärt, Deutschland verhandle direkt mit Cuba, während die anderen Nationen in der gegenwärtigen Krise durch die Unionregierung verhandeln.

Zer russische Terror.

Es scheint sich zu bewahrheiten, daß das Revolntions- Tomitee fliegende Aktentatskdlonnen in alle größeren Städte gesandt hat, die ihr grausiges Vernichtungswert' bereits be­gannen. W die Stelle des bewaffneten Aufstandes ist der Terror getreten: die russische Regierung, befindet sich nicht mehr im Kampfe mit dem russischen Volk, sondern im Kampfe mit Anarchisten, mit Meuchelmördern, die aller­dings auch ihr eigenes Leben zum Opfer bringen.

Die russische Revolution ist in eine neue Phase getreten; sie weicht jetzt ab von ihrem furchtbaren Vorbild in Frank­reich. Das russische Volk hat sich als zu schwach, als zu uneinig zum großen Kampfe erwiesen, darum arbeiten die Revolutionäre auf eigene Faust fort, führen einen Guerilla­krieg, der nicht minder schrecklich ist, als die Tage von Mvsrau, als der blutige Sonntag in Petersburg. Stolypin, der augenblickliche Träger der Gewalt in Rußland, ist das Ziel der anarchistischen Mörderbanden, er ist zum Tode verurteilt, wie vor ihm Großfürst Sergius u. a. Und mit ihm, wäs die öffentliche Gewalt vertritt, was sich hervor­getan hat im Kampfe gegen die Revolutionäre. An Stelle der Revolution steht heute der Meuchelmord.

Im Lande herrscht das bitterste Elend. Die Bauern hungern, die Arbeiter hungern. In den Tagen des bewaffneten Aufstandes haben sie das Letzte verloren, und verwilderte, aller Menschlichkeit bare Banden hausen Sls Mordbrenner, ^s sind Verbrechen des Wahn­sinns, die alle Welt in Schrecken versetzen.

Freilich, auch mit kaltem Blut wird heute in Itußland gemordet, aber wer vermag die Grenze zu ziehen. Ob Fremrd oder Feind diesem furchtbaren Mordinstrument zum Opfer fällt es ist gleichgiltig, denn der Zweck dieser Bombenwerferei ist, Furcht und Entsetzen zu verbreiten.

Was soll nun gegen diesen Terrorismus geschehen? Wie verlautet, trägt man sich mit dem Gedanken, die Revolu­tionäre für vogelfrei zu erklären, und jeden, der mit Waffen betroffen wird, einfach niederzuschießen. Eine solche Maß­regel würde dem Massenmord Tür und Dor öffnen, und wenn es auch begreiflich ist, daß der Ministerpräsident Stolypin unter dem frischen Eindruck des Verbrechens, das seine Kinder mittraf, zu harten Maßnahmen geneigt ist, so wird die bessere Vernunft dieses Mannes doch schließlich vor solchen Maßnahmen zurückschrecken. Ein Krieg aller gegen alle das wäre das Letzte, um Rußland in den Abgrund zu stürzen. Wir glauben nicht, daß besondere Maßregeln noch gegen die Revolutionäre ergriffen werden können. Man hat bisher verhaftet, was man verhaften konnte, man hat erschossen und gehängt, was man erschießen und hängen konnte, man wird weiter nichts tun können.

Machtlos steht die Regierung dem' Terror, den Bomben­werfern gegenüber. Sollte in diesem 'Augenblick die Ge­währung von Zugeständuissen an das russische Volk noch etwas nützen können? Wir glauben es nicht. Man wird weiter hören von entsetzlichen Verbrechen, vielleicht bis ein­mal wieder das Volk ausiteht in seiner Gesamtheit, bis es einen starken Führer gefunden hat.

*

Der Ministerrat hat vor der Hand beschlossen, daß die Mi­nisterien und die verschiedenen Departements ihre Etats der Duma und dem Reichsrat zum 5. März 1907, der Finanz­minister zu demselben Termin auch das Staatsbudget vor­legen sollen. Bis zur Bewilligung des neuen Budgets soll das für 1906 Geltung behalten. Den verschiedenen Departements werden provisorische Kredite airgewiesen werden.

Es sollen einige der Führer der revolutionären Agrarbewegung zu einer Konferenz nach Petersburg berufen werden. Die Konferenz soll über Maßregeln beraten, die ge­eignet sind, die bäuerliche Bevölkerung für die Regierung zu gewinnen.

Von acht Millionen Deßjätinen Land, dem Apanagenressort gehörend, daruMer 5 Mill. Deßjätinen Wald, werden dem aller­höchsten Ukas vom 29. August zufolge zum Verkauf an Bauern durch Vermittelung der Bauernatzrarbank über eineMillion achthunderttausend Deßjätinen, größtenteils in den Gou­vernements Gsamara, Saratow und Simbersk gelegen, angewiesen. i En Diplomat, welcher in verwandtschaftlicher Beziehung zu Stolypin steht, erklärte im Laufe einer Unterredung mit einem Redakteur derPatrie", der Zar verlasse den Pa- kast nicht, damit er den Terroristen nicht zum Opfer falle. In Bezug auf die augenblickliche Lage erklärte er des Weiteren, er glaube nicht, daß die Konzessionen, welche die Partei der Kadetten in ihrem Programm für die nächste Duma ausgestellt haben, die Revolutionäre veranlassen werden, die Waffen nieder­zulegen. Sollten die Revolutionäre die Oberhand erhalten, so würden sie alles umstürzen und eine furchtbare Revolution heraufbeschwören, welcher eine ebenso furchtbare Reak­tion folgen würde.

Weiter wird aus Petersburg gemeldet, daß die Nervosität ves Zaren stündlich wachse. Nur den energischen Bitten seiner Berater ist es zu danken, daß er seine Absicht, die Krone mederzulegen noch nicht verwirklicht hat. Auf Veranlassung der Hofparter plant der Zar jetzt die Erlassung eines Manifestes, OB dre Gouverneure der einzelnen Provinzen und an die Zwilbehorden geruhtet ist. Dieser Erlaß fordett alle Beamte auf, sich m der Treue zur Regierung durch die revolutionären Attentate nicht entmutigen £u lassen. Die Beamten möchten trotz der Todesgefahr kühn auf den gefährlichen Posten ausharren.

Die Lerchen der Urheber des Anschlages auf Stoly- pin sind noch nicht rekognosziert, doch steht fest, daß der Ver- dacht der Polizei gegen mehrere bei der Explosion 'Verwundete, die am Komplott beteiligt schienen, nicht aufrecht erhalten werden kann. So hat sich herausgestellt, daß die Verwundeten Günter und Dulewitsch, letzterer Polhtechnikcr aus Riga, beide mit Swlypin befteundet sind und von ihm liach seinem Landsitz eingetaden waren. Ein Augenzeuge schildert die Vorgänge nach dem Atten­tat in der Villa Swlypins folgendermaßen: Ms die Detonation ertönte, sprang Stolypin aus dem Fenster seines Arbeitszimmers in den Gatten, offenbar von dem Impuls getrieben, sich durch die Flucht zu retten. Er war derart von panischem Schrecken er- griffen, daß er keinen Karen Gedanken fassen konnte. Erst der

Schreckensruf seiner Gattin:Unsere Kinder!" brachte ihn zur Besinnung und rief ihn wieder in das Haus zurück.

Der Petersburger Korrespondent derFrkf. Ztg." meldet, es sei festgestellt, daß 20 Minuten vor dem Attentat auf Stolypin drei Wagen zur schnellen Hilfe­leistung telephonisch requiriert wurden, und daß sich kurz nach Vollziehung des Attentats der Führer der Schwarzen Hun­dert, der Arzt Dubrowin, auf dem Tatorte eingefunden hat. Dubrowin wohnt in einem V/a Stunden Fahrt vom Tatorte entfernten Viertel und erfreut sich nur einer beschränk­ten Praxis bei den Kaufleuten seines Viertels. Unter solchen Um­ständen fällt einem unwillkürlich die Tatsache ein, daß das Moskauer Organ der Schwarzen Hundert mehrere Stunden vor der Ermordung des ehemaligen Dumaabg. Herzenstein hierüber melden konnte. Es herrscht daher in eingeweihtcn Kreisen die Ansicht vor, daß das Attentat nickt von der extremen Linken, sondern von der extremen Rechten inszeniert wor­den sei.

In den revolutionären Geheim-Komitees der Großstädte wer­den Vorbereitungen für weitere Anschläge getroffen, die im Laufe des Oktober zur Ausführung kommen sollen. Die Poli­zei sucht sich gegen die Revolutionäre zu schützen, indem sic wahl­los alle Persönlichkeiten verhaftet, die irgend verdächtig er­scheinen. Haussuchungen nach Massen und geheimen Dokumenten sind an der Tagesordnung. Der Polizei fielen Dokumente in die Hände, aus denen hervorgeht, daß ein allgemeiner Aufstand vorbereitet wird.

In Riga sind in letzter Zeit aus Warschau etwa 40 An­archisten angekommen. Die Züge werden jetzt streng überwacht. Es wurde eine neue revolutionäre Organisation der Anarchisten und Kommunisten entdeckt, der die zahl­reichen Verbrechen der letzten Wochen zugcschrieben werden. In einem aufgefundcnen B o m b c n l a g e r in der Stadt fand man 38 Bomben riesigen Kalibers. Von dem Besitzer fehlt jede Svur. Der Tramway-Streik ist im Abflauen begriffen. Die lettische Presse nahm für die Sttcikenden Partei, welche durch vier Bomben-Attentate den Verkehr lahm zu legen suchten. Nachdem der Chefredakteur derBaltischen Post", gegen den wieder­holt Anschläge verübt worden waren, in der Nacht zum Sonntag beschossen wurde, ist er jetzt ins Ausland abgereist. Gegen die unhaltbaren Zustände auf dem Lande schreitet die Regierung neuerdings schärfer ein.

In Simbirsk sind ausgedehnte Agrarunruhen ausge­brochen. Die Bauern plündern und brennen die Höfe der Gutsbesitzer nieder. 300 Bauern zogen vor einen Pachthof, er­brachen die Eingangstürcn des Wohnhauses und ermordeten die g a n z e F a m i l i e des Besitzers. Dann drangen die Mörder in die W e i n k c l l e r und berauschten sich an den reichen Vor­räten. Irr der Trunkenheit steckten sie alle Gebäude in Brand und tanzten wie Wilde um das Feuer. Sodann brach unter den Bettunkenen ein Stteit aus uno sie hieben mit Sensen und Beilen auf einander los.

Wie aus Hamyschin im Gouvc.ement Saratow gemeldet wird, ist das zum dortigen Kreise gehörige Dorf Mordowo abgebrannt. Durch den Brand wurden 2000 Menschen ob­dachlos.

Die Ermittelungen in Hamburg haben ergeben, daß bei der dortigen Verhaftung des russischen Revolutionärs die Haupt­täter, darunter die Kassenführer des revolutionären Komitees, entkommen sind. Das Komitee hat über zahlreiche Geldmittel verfügt. Waffen, Munition und Sprengstoffe wurden per Schiff hauptsächlich nach Finnland oder auf dem Landwege per Post an die russische Grenze geschickt und dann durch Vertrauenspcrsonen über die Grenze geschmuggelt, lieber die Verttauenspersonen enthielten die aufgcfundenen Briefschaften reichliches Material. Die Vernehmung der Verhafteten hat noch kein Resultat er­geben, da alle 5 Personen über ihre Tätigkeit und ihre Per­sönlichkeit Stillschweigen beobachten. Festgestellt ist jedoch, daß sie sich mit dem Verkauf und dem Versand von Waffen usw. teilweise auch mit dem Studium der Zusammensetzung von Bomben befaßt haben, wie man aus den aufgefundenen Re­zepten gesehen hat. Bei diesen Versuchen Ijat der angebliche Fa- vart Brandwunden an Gesicht und Händen davongettagen.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 30. August 1906.

' Fahrkarten steu er undStraßenbahnen. Wie sich jetzt erkennen läßt, fließt dem Steuerfiskus aus der Fahr­kartensteuer von den Straßenbahnen ein erheblicher Betrag zu. Besonders trifft dies für Frankfurt zu, wo die Zahl der Straßenbahnabonnenten eine sehr große ist. Interessant da­bei ist, daß zahlreiche Behörden diese Steuer ebenfalls ent­richten. So ist z. B. die Reichspostverwaltung der beste Straßenbahnabonnent in Frankfurt. Alle Briefträger, De­peschenboten re. haben Karten. Sie unterliegen selbstverständ­lich auch der Steuer, und so fließt mancher Groschen aus der Postkaffe durch die Stadtkasse in die Staatsstempelkasse. Aehnlich liegt die Sache bei Gerichts-, Polizei- und anderen Beamten, die Straßenbahnkarten benützen.

Verhaftet wurde gestern hier ein kroatischer Arbeiter, der in Wetzlar seinen Landsleuten zwei Taschen­uhren und einen Geldbetrag entwendet hatte und flüchtig geworden war.

**Ueberfahren von einem Radfahrer wurde gestern vormittag in der Ostanlage ein Fuhr kn echt, der neben seinem Wagen ging. Dem Radfahrer wird Fahrlässigkeit zur Last gelegt. Strafantrag wurde gestellt.

sd. Darmstadt, 29. Aug. Die Freie Gastwirtsoer­einigung für Darmstadt und Umgegend hat beschlossen, falls der Brauereivcrein die Erhöhung der Bierbezugspreise nicht zurückzieht, den Bierausschankpreis auf 15 Pfg. für V2 Liter, 12 Pfg. für 0,4 Liter und 10 Pfg. auf 0,3 Liter zu erhöhen. Damit würde dann das Publikum veranlaßt sein, gar kein Bier mehr zu trinken, was die Brauereien veranlaßen müßte, wieder die alten Preise einzuführen.

Frankfurt a. M., 30. Aug. Gestern nachmittag gab in den Lahmeycrwerken der Dachdeckermeister Lutz seinen Arbeitern, die mit Reparaturarbeiten auf dem Dach beschäftigt waren, Anordnungen und streckte dabei den Arm zum Fenster hinaus. Im gleichen Augenblick wurde der dicht am Fenster vorbeiführende Lauskrahn in Bewegung gesetzt. Der Krahn erfaßte den Arm und schnitt ihn oberhalb des Ellenbogens a b. _ Der Schwerverletzte kam ins Krankenhaus.

h Frankfurt a. M., 29. Aug. Das für nächstes Jahr hier projektierte Sängerfest, welchem der Kaiser wieder beiwohnen wollte, ist wegen des nächstjährigen deutschen Sängerbundesfestes 511 Breslau um ein Jahr verschoben.

d Hanau, 29. Aug. Verflossene Nacht brach imHotel zum Lind en Hof" ein Brand aus, der den Dachstuhl des Hauses zerstörte. Die Hotelgäste ergriffen erschreckt die Flucht. Niemand ist beschädigt. Wie der Braud, der in der Wäsche­kammer entstand, zum Ausbruch kam, ist noch nicht ermittelt.

H. Cronb erg, 29. Aug. Einen kleinen Un fa ll erlitt am Samstag abend kurz vor 7 Uhr das Automobil des Kaisers, in dem sich der Kaiser, Prinz Friedrich Karl von Hessen nebst Gemahlin und die Kronprinzessin von Griechen­land befanden. Beim Einbiegcn von der Königsteinerstraße in die von Cronberg nach Homburg führende Chaussee geriet das eine Hinterrad in eine Bodenvertiefung, in welcher sich

das Kanalwasser ansammelt. Der Wagen blieb stecken, wurde jedoch bald wieder flott.

V Alten kirch en (Kreis Wetzlar), 29. Aufl. Der zwei­jährige Jahrestag unseres Zweigvereins der rheinischen Frau en Hilfe" wurde aufs festlichste begangen. Von den auswärtigen Gästen seien genannt der von I. M. der Kaiserin entsandte Kammerherr von Behr-Pinnow, die fürstliche Fa­milie, welche zurzeit in Hohensolms weilt, und die Vorsitzende der rheinischenFraucnhilfe", Frau Oelbermann-Köln. Am Vormittag fand Gottesdienst statt und am Nachmittage eine Feier im Hermann-Agnes-Stift. Ueber 200 Personen nahmen daran teil. Das Kaiserhoch brachte Fürst Karl zu Solms- Hohensol ms-Lich aus. Pfarrer Nackc toastete auf die Fürstin und Frau Oelbermann, später brachte Lehrer Schneider- Oberlamp ein Hoch auf den Fürsten aus. Herr von Behr überreichte die von der Kaiserin dem Vereine geschenkten Kieselschen Gemälde. Am Nachmittag war für das Vergnügen der Kinder aufs beste gesorgt. An 300 Gegenstände wurden unter dieselben verschenkt, resp. sie mußten sie im ehrlichen Wettspiele erringen.

8. Biedenkopf, 29. Aug. Große Vorbereitungen an Ställen und Hallen mußten hierselbst für die vom 2. bis 5. September stattsindende Landwirtschaftliche Aus­stellung getroffen werden. Beträgt doch die Zahl der zur Ausstellung angcmeldetcn Vogelsberger Rinder allein 306. hierzu kommen noch eine Anzahl Fahrochsen, ca. 30 Pferde, eine größere Anzahl Schweine, sowie 30 Ziegen, die größten­teils dem Saanerschlag angehörcn. Besonders intereffant verspricht die aus allen Teilen Deutschlands beschickte Geflügel­ausstellung von 101 Stämmen zu werden. Größere Glas­bassins werden sämtliche Fischgattungen unserer Hinterländer Gemäßer, der Eder und Lahn, aufnehmen. Auch Samm­lungen von Schädeln jagdbarer Säugetiere und Vögel, sowie Sammlungen von Eiern, Schnecken, Muscheln und Insekten wird der Naturfreund vorfinden. Von besonderer Belehrung für unsere Landwirte wird die Saatgutausstellung der Uni­versität Gießen sein. Den Hauptanziehungspunkt'des Festes bildet der für Dienstag (4. September) nachmittags 1 Uhr geplante Festzug, welcher in vier Abteilungen 62 Gruppen aufweisen wird.

§ LaaSphe, 29. Aug. Wie schon kurz gemeldet, er­eignete sich gestern hier eine Li eb estra g ö die. Ein junger Malergehilfe namens Geitz aus dem benachbarten Bieden­kopf wohnte bei der Witwe Blucke, die neben einem Sohn auch eine 25 jährige Tochter besaß, mit der Geitz ein Ver­hältnis anknüpfte. Als nun gestern die Frau mit ihrem Sohn nach Hause kam, war das Mädchen nirgends zu finden. Nach langem Suchen öffnete man das Zimmer des jungen Mannes und hier sah man die beiden in ihrem Blut im Bette liegen. Der abgeschoßene Revolver lag daneben. Jeden­falls hat Geitz zuerst das Mädchen und dann sich ge­tötet. Ueber die Gründe ist nichts bekannt.

Vermischtes.

Eine wüste Wirtschaft muß in den Kontoren einer Berliner Großhandlung herrschen, die seit anderthalbJahren an ihre Abnehmer keine Rech- nu ngen gelangen ließ. Es war der Direktion eines großen Berliner Werkes aufgefallen, daß von jener Firma gar keine Rechnungen einliefen, wiewohl die einzelnen Dienststellen der­selben wiederholt umfangreiche Bestellungen aufgegeben hatten, die von der Großhandlung auch ausgeführt worden waren. Auf die wiederholten Mahnungen, doch endlich abzurechnen, ging stets die Erklärung ein, daß nach Ausweis der Konten keinerlei Forderungen beständen (!) Jüngst sah sich nun die Leitung der Großfirma infolge der fortgesetzten Reklamationen veranlaßt, eine eingehende Untersuchung anzustellen und diese ergab dann das überraschende Resultat, daß die zuständige Buchhalterci es einfach unterlassen hatte, die Rechnungen ab­senden zu laßen. Die ausgeschriebenen Rechnungen, deren Betrag sich in den anderthalb Jahren auf rund 420000 Mk. summiert hatte, hat der Leiter dieser Buchhalterei stets ver­nichtet. Als Grund für diese unerklärliche Handlung gibt er an, daß er zu überlastet gewesen und der Geschäftsverkehr mit den vielen Dienststellen und Abteilungen der auftrag- gcbenden Werke ihm über den Kopf gewachsen sei. (!) Der Buchhalter ist natürlich sofort entlaßen worden, ob er geistig normal ist, wird wohl die eingeleitcte Untersuchung ergeben. (Wunderbar ist, daß man in der Kaße der Firma die Hundert­tausende nicht vermißte, die doch für die gelieferten Waren von dem Werke eingehen mußten!)

*KleineTageschronik. Beim Bau des neuen Schil- lertheaters in Charlottcnburg stürzte ein in dem Zuschauerraum errichtetes Gerüst ein, dessen Seitenstützen morsch waren. Von 12 Arbeitern, die gerade auf ihm beschäftigt waren, wurden sechs mit in die Tiefe gerissen, die übrigen sich' an Seitenpfählen anllarnrnern konnten. Von den Gekürzten wurde einer sehr schwer, drei leicht verletzt. Unter dem Verdacht, einen in Konstanz verübten Raubmord an der EugenieMast, dem Bureausräulein eines dortigen Photographen, begangen zu haben, wurde in Karlsruhe ein etwa 28jähriger Mann verhaftet. Im Großh. Sammlungsacbäude zu Karls­ruhe wurde ein Go l d s ch m u ck bestehend aus Hals- und Arm­ring auf einem goldenen Hügel im Werte von 1500 bis 2000 Mk. gestohlen. In Benschbnde (Schief.) schoß der Knecht Kauschke auf seine eigene Mutter fünfmal mit einem Revolver und verwundete sie. Kauschke, der sckon wegen Ein- bruchsdiebstahl vorbestraft ist, wollte von derMutterGeld erpressen Er wurde verhaftet. In Neumünster stürzte em Teil des HotelsGerinani a" in sich zusammen, das vor 7 Jahren errichtet worden ist. Die anwesenden Personen konnten sich recktteitlg in Sicherheit bringen. In Philadelphia verübte Mr. H ippl e, der Leiter der Real Estatc Trust Company, die ihre Zahlungen eingestellt hat, Selbstmord.

handel unö Verkehr, Volkswirtschaft.

Märkte.

m. ke. Fr an k f u r t a. M., 30. Aug. (Telegr. Orig.-Bericht des Gieß. Anz.".) Amtliche Notierungcii der heutigen Viebmarkt- preise. Zum Verkaufe standeii: 48 Ochsen, 4 aus Oesterreich 0 Bullen, 0 aus Oesterreich, 51 Kühe, Fersen, Stiere und Rinder, 0 aus Oester., 650 Kälber, 50 Schafe und Hammel, 5 Ziegen, 0 Ziegenlämmer, 3 Schallämmer. Bezahlt wurde für

das Pfund Schlachtgewicht: Ochsen 1. Qualität 8187 Mk., 2. Qualität 7981 Mk., 3. Qlialität 6973 Mk.; Bullen 1. Qual. 0000, 2. Qual. 0000; Kühe 1. Qualität 80-81 Mk., 2. Qual. 7779 Mk., 3. Qual. 6466 Mk., 4. Qual. 0000 Mk., 5. Qual. 0000 Mk. Kälber 1. Qual. 9598 Pfg., Lebendgewicht 5659 Pfg., 2. Qualität 9096 Pfg., Lebendgewicht 5557 Pfg., Schlachtgew. 6872 Pfg.; Schafe: 1. Qual. 8285 Pfg., 2. Qual. 00-00 Pfg. Geschäft: bei Hornvieh flau, Ueberstand bedeutens bei Kleinvieh gut, kein Ueberstand.