Nr. 172
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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'sch« Universitätsdruckeret. R. Sange. Gtetz«.
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Zweites Blatt 15«. Jahrgang Mittwoch 25. Juli i»06
Gietzener Anzeiger
Seneral-Anzeiger, Amts- und Akzeigeblatt für den Kreis Sietzen.
die beiden Rücklagen der Vorderfront des Theaters sind große Reliefs in Aussicht genommen, die in lebensgroßer figürlicher Darstellung Tanz, Musik, Wein und Liebe einerseits, Geschichte, Rhetorik, Kunst und Wissenschaft andererseits versinnbildlichen. Die Fensterpfeiler am Mittelbau, hinter denen die Wandelhalle (das Foyer) ihren Platz haben wird, erhalten als Zierrat sieben in Stein gehauene Masken: Zorn, Hohn, Witz, Satyre, Bosheit, Lust und Verachtung darstellend. Der Künstler, der sich bereits mit den Modellen zu dem gesamten bildnerischen Schmuck beschäftigt, hat den Auftrag, sich mit der Fertigstellung zu beeilen, damit das Fortschreiten des Baues nicht behindert wird.
R. B. Darmstadt, 24. Juli. Die Neugestaltung der Künstle r - K o l o n i e nimmt allmählich eine feste Form an. Wie jetzt bestimmt verlautet, werden im Laufe des Wintersemesters zunächst drei neue Kräfte in die Kolonie eintreten, und zwar der Architekt Albin Mülle-r, zurzeit Lehrer au der Kunstgewerbeschule zu Magdeburg, ferner der Maler W i l h. K l e n f e n g von der königl. Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, und der durch seine hervorragenden Leistungen auf dem Gebiet der Kleinkunst bekannte Münchener Ernst Riegel. In Verbindung mit der Künstlerkoloiiie sollen auch sog. Lehrateliers für angewandte Kunst geschaffen werden, in denen die Mitglieder der Künstlerkolonie — zu den drei Genannten tarnen noch Prof. O l b- r i ch und der Direktor der neu errichteten Großh. Keramischen
Atanufaktur Scharrvogel hier selbst talentierte Schüler je nach dem von ihnen geroählten Studienzweig zu unterrichten hätten. Zur Ergänzung des Unterrichts, in Akt- und Naturzeichnen, Modellierenrc. sollen vorerst verschiedene hiesige Privatkünstler herangezogen werden.
— Von der Lieferungsausgabe der „Klassiker der Kunst in Gesamtausgabeu" sind soeben die Lieferungen 38 bis 46 erschienen, die im gegenwärtigen Augenblick aus ein ganz besonderes Interesse rechnen tonnen, da sie den mit den oorhergegangenen Lieferungen begonnenen 2. Band, der sämtliche Gemälde Rembrandts in allerdings nicht durchweg auf der Höhe stehenden, immerhin aber sehr aniiehmharen Reproduktionen enthält,, zum Abschluß bringen. Unter allen aiij den großen holläiidischen Meister bezüglichen Publikatioiien ist keine besser geeignet, das Verständnis für ihn und seine herrlichen Schöpfungen zu fördern, als dieses Werk, das Rembrandts gewaltiges Schaffen zum ersten Male in einer vermöge ihres überraschend niedrigen Preises allen kunst- freundlichen Kreisen zugänglichen Gesamtausgabe darbietet. Die erforderliche kunsthistorische Grundlage für bas? Studium dieser ■ölätter gibt außer einer von Adolf Rosenberg verfassten biographisch- äithelijchen Einleitung ein Anhang von Spezialerläuteruugen zu. den einzelnen Gemälden, an den sich drei die Uebcrsicht sehr erleichternde Register reihen.
— Der vorzügliche öfterr. Novellist Ferdinand v. Saar der, wie wir gestern meldeten, infolge eines schiveren Leidens einen Selbstmordversuch verübte, ist in Wien am 24. ds. Alts, ohne das Bewußtsein ivicbererlangt zu haben, gestorben.
KotttZsche Tagesschau.
Die Wahl in Rinteln-HofgeiLmar
wird noch die Wahlprüfungskommission des Reichstages beschäftigen. Das steht schon jetzt fest, ehe noch die Stichwahl getätigt ist, und schon jetzt kann man als Ergebnis der Prüfung die Un'giltigfcit der Wahl voraussehen. Während des Wahlkampfes hieß cs in einem Bericht aus dem Wahlkreise höchst naiv: man dürfe einen für den Deutsch- sozialen Herzog günstigen Wahlausgang mit Sicherheit vorauSsehen infolge des tatkräftigen Eintretens des Landra ts v. Ditfurth für ihn. Herr v. Dilfurth ist Landrat des wichtigsten Verwaltungsbezirkes im Wahlkreise und auch konservativer Landtagsabgeordnetcr. Was anderwärts ivohl auch vorkommt, aber dann eifrig abgestritten zu werden pflegt, wurde hier offen bekannt, als Hauptfaktor des Wahlergebnisses bezeichnet und gleichsam als ein Ruhmes- moincnt für den Land rat hingestellt. Die Wahlprüfungs- koinmission des Reichstages steht seit vielen Jahren auf dem konsequent festgehaltenen Standpunkte, daff eme derartige Parteinahme der Kreisvorsitzendcn oder Bürgermeister ohne weiteres, insbesondere ohne Prüfung ihres nachweisbaren Einflusses auf das ziffermäßige Wahlergebnis, die Ungütigfeit der Wahl zur Folge hat, da anzunehmen ist, daß dort, wo behördliche Personen in solcher Weise in den Wahlkampf ein- zugreifen wagen, der Einfluß der Behörden überhaupt unberechenbar ist. Schon nach diesem Grundsätze luirb die Wahl in Rinteln ohne jeden Zweifel kassiert werden. Die „Köln. 3tg/ berichtet aber noch weiter:
„In einem im Wesertal gelegenen Orte verbot der Bürgermeister dem freisinnigen Kandidaten eine Wahlversammlung auf Grund einer Verfügung des Laud- lagsabg. v. Ditfurth. Nach der Erklärung des Bürgermeisters ging diese Verfügung dahin, der Landrat wünsche von jeder Wahlversammlung so rechtzeitig benachrichtigt iverden, daß er in der Lage sei, womöglich einzuschreiten. Als die freisinnige Versammlung nun 24 Stunden vorher augemeldet wurde, verbot der Bürgermeister ihre Abhaltung, da er nicht in der Lage sei, in so kurzer Frist den Landrat wie befohlen zu benachrichtigen."
Natürlich ist das ungesetzlich. Das ist aber noch nicht alles. Die Wahltätigkeit des Landrats richtete sich „unparteiisch" und „gerecht" gegen alle Gegenparteien der Deutschsozialen. Nach Offenlegung der Wählerlisten suchte das nationälliberale Wahlkomitee sich Abschriften von ihm zu beschaffen und wandte sich zu diesem Zweck an die Bürgermeister. Darauf erging folgende Verfügung:
„Von einer Seite ist an die Bürgermeister das Ersuchen ergangen, Abschrift der Wählerliste zu liefern ober um eine Mitteilung davon, daß dies geschehen könne, da der Antragsteller dann selber Abschrift nehmen wolle. Die Bürgermeister sind weder verpflichtet, die Abschrift zu erteilen, noch überhaupt das Er f u ch en zu beantworten (dein Ersuchen des Wahlkomitees halte ein Freikuvert beigelegen). Dagegen ist jeder, der die Wählerliste einsieht, berechtigt, sich Notizen' auf derselben zu machen. Das darf aber nicht dazu führen, daß ein einzelner die Wählerliste vollständig für sich beschlagnahmt und stundenlang darin schreibt. Auch sind die Bürgermeister nicht verpflichtet, den Personen, welche die Wählerlisteii einsehen, Gelegenheit zum Sitzen und zum Schreiben zu geben. Vielmehr müssen die Leute, die Abschrift nehmen wollen, selber zusehen, ivie sie das machen."
Eine Beschwerde gegen diese Verfügung beim Minister des Innern hat zwar Erfolg gehabt, aber die Verfügung illustriert nichtsdestoweniger den allgemeinen Einfluß der Lokalbehörden ans die Wahl. Wenn sie allein auch vielleicht noch nicht die Ungiltigkeit nach sich zöge, so doch jedenfalls im Zusammenhänge mit den anderen die Anfechtung begründenden Tatsachen.
Gradezu haarsträubend ist übrigens, um zum Schluffe "och etwas Landrätliches zu erwähnen, was Herr Willy Höweler, Mitglied der freis. Volkspartei, von der bereits kurz erwähnten, an ihm verübten Mißhandlung durch den Landratsamtsdiener Stern in Wolfhagen in einer Zuschrift an die „Freis. Ztg." erzählt. Durch diese Zuschrift wird der Landrat Buttlar in beschämender Weise bloßgestellt.
Rußland am Scheidewege.
Es ist, als ob der ewige Kreislauf der Natur in Werden und Vergehen sich auch in der Geschichte der Menschheit und der Nationen vollzöge, als ob auch hier dieses Naturgesetz sichln ähnlichen Formen wiederholte. Nur rechnet die Geschichte der Menschheit nicht nach Jahren, sondern nach Jahr- hundcrten. So vollzieht sich in Rußland seit anderthalb
Aer Kietzencr Theaterneuvau
an dec Südantage ist, was die Zeit der Fertigstellung an» ge^t, bisher wie vorgesehen gediehen. Keller und Parterre- gefchoß des Hauses sind fertiggestellt und teilweise ist sogar die Eyenkonstruktion für die Sitzplätze des ersten Ranges schon rn worden. Man kann sicher darauf rechnen, daß das Gebäude Anfang Oktober unter Dach kommt, damit man den W'"ter hindurch den Ausbau im Innern betreiben kann. Für den äußeren Schmuck des Theaters ist, wie man uns mitteilt, der Bildhauer Jäger aus Berlin gewonnen worden. Er hat bereits die Modellskizzen für seine Arbeiten geliefert, yn.o. ;c >in“ uon den Mitgliedern der Theater-Baukommission beisallig beurteilt worden. Für die Bekrönung des Hauses war ursprünglich als Hauptgruppe ein Löwen-Dreigespann geplant, man ist aber in der Kommission hiervon abgegangen, weil diese Gruppe schon häufig bei Bauten Anwendung ge- funden hat. -gegen hat man die Idee des Bildhauers Jäger angenommen, die als Mittelgruppe Apollo auf einem Siegeswagen mit einem bäumenden Roß bespannt, geleitet von zwei Posaunen blasenden Putten (Knaben), zeigt. Diese Gruppe flankieren zwei weibliche Gestalten, die das Lustspiel und das Trauerspiel darstellen. Diese beiden Gestalten werden in weißem Sandstein ausgeführt, dieHauptgruppe in Kupfer getrieben. Für
Jahren, was sich vor ungefähr hundert Jahren in Frankreich vollzogen hat — wer zwischen der französischen Revolution und dem, was man heute die russische Revolution nennt eine Parallele zieht, hat ein reiches und ergiebiges Arbeitsfeld.
Ludwig XVI* wird von Carlyle in feiner berühmten „Geschichte der französ. Revolution", die z. Zt. in schöner deutscher Ausgabe bei Georg Wigand in Leipzig erscheint, als klug und kalt, als geborener Herrscher geschildert. Ob das zutrifft? Wer kanns heute entscheiden! Nach alter lieber» lieferung gilt er für gutmütig im Kern feiner Seele, ober schwankend zwischen der Liebe zum Volk und den Einflüsterungen seiner Räte, die sich aus dem moralisch höchst minder- ivertigen französischen Altadel rekrutierten; geneigt, den Wünschen des Volkes nachzugeben, die Leiden dieses Volkes mitfühlend, ober nicht stark genug, sich den Ränken der Reaktionäre zu entziehen. Tiefe Charakteristik stimmt auch auf die allgemeine Meinung vom Zaren, der voll guten Willens zum Frieden die Herrschaft über das heilige schweigende Rußland übernahm; und doch ward viel unschuldiges Blut vergossen infolge der Ränke verbrecherischer Ratgeber. EL wird von gewisser, indes keinesivegs ganz lauterer, sondern vielmehr kraß russenfeindlicher, stets nur auf national sich gebende, tatsächlich aber rein eigennützige merkantile Vorteile bedachter, mit der Wahrheit es nie genau nehmender sensationslüsterner englischer Seite behauptet, der russ. Kaiser sei in Peterhof ein Gefangener und umgeben von einer unzuverlässigen Garde, zu seiner Flucht sei ein spanischen Kriegsschiff bereit. König Ludwig XVI., „Oeil de Boeuf“ genannt, saß in Versailles und machte durch halbe Zugeständnisse das französische Volk mit seinen otisgepeitschten Leidenschaften nur immer rasender.
Es war im Juli 1789, als Ludwig XVI. den Versuch machte, das Parlament auszuschalten — der Versuch ist mißglückt, aber er bezweckte eines: die Revolution! Der „dritte Stand", der bei der versuchten Parlamentsauflösung erklärte, er werde nur den Bayonetten weichen, hat allerdings ein etwas anderes Gegenstück in der Reichsdiima gefunden. Die Mitglieder der Duma eilten zum Teil nach Finnland, wo sie em Rumpfparlament bildeten — wer erinnert sich nicht der Zeit, da dieses Wort geprägt wurde I Aber nur einen Tag blieben sie dort versammelt und bereits am Dienstag nachmittag trafen sie, etwa 150 Mann stark, in Petersburg wieder ein.
Bei ihrer Ankunft brachte ihnen die Bevölkerung lebhafte Ovationen dar. Der Bahnhof war stark von Gendarmerie besetzt. Die Deputierten fuhren ohne Zwischen- all nach ihren Wohnungen.
Es heißt, daß die Mitglieder der Duma noch eine Ver- ammlung abholten werden. Der Ort der Zusammenkunft wird geheim gehalten. In politischen Kreisen erwartet man, die Verhaftiing der Dumamitglieder bei der ersten Kundgebung, zu der sie sich hinreißen lassen würden.
So wird heute aus Petersburg gemeldet.
Im ganzen aber haben sich die Dinge in Rußland recht ähnlich denen in Frankreich abgespielt. Freilich hat in Ruß- and die Revolution schon einmal mit aller Gewalt eingesetzt; ie wurde niedergeschlagen, während sie in Frankreich allmählich sich entwickelte, um dann mit furchtbarer, elementarer Wucht jenen Niesenbrand zu entfachen. Die Zustände in Frankreich nach dem Putschversuch der Regierung im Juni 1789 waren übrigens die gleichen, wie heute und seit langen Monaten in Rußland. Morde sind auch hier an der Tagesordnung, nur hat man heute nicht den Säbel, sondern die Bombe, die unserer technisch vorgeschrittenen Zeit mehr entspricht.
Der Putschversuch der Negierung Ludwig XVI. war das, wenn auch nicht gleich einschlagende Signal zur französischen Revolution. Was folgte, von der Erstürmung der Bastille bis zum Konigsmord und bis zum Zerfleischen der blutgierigen Hyänen der Revolution selbst, war die greuel- volle Folge des Regimes, das im gefährlichsten Augenblick versagte . . .
Niemand kennt die Zukunft. Gewiß hätte die Neichs- duma in der Gestalt nie etwas wesentliches leisten können, aber das Volk denkt nur daran, daß man feine Erwählten auseinander trieb, daß man die Akten der Volksvertretung mit Beschlag belegte. Schon ist das Signal zum allgemeinen Generalstreik gegeben, die Eisenbahner beginnen. Werden I
heute die Soldaten des Zarentums wieder auf Wehrlose feuern, wie an jenem Januarsonntag im Vorjahr?
Der neue Präsident des Ministerrats, Minister be8 Innern Stolypin, hat unter dem 24. Juli an die General- goiwerncure, die Gouverneure, die Präfekten und an den Statthalter des Kaukasus folgendes Telegramm gerichtet:
Gemäß den vom Kaiser erteilten Weisungen zum Zwecke der vollen Vereinheitlichung der Tätigkeit der örtlichen Behörden mache ich Ihnen die Mitteilung, daß die Regierung von Ihnen die unverzügliche, bestnninte Unterweisung der Ihnen unterstellten Behörden verlangt, damit die O r d n u n g s ch n e l l, s i ch e r u n d ohne Mißgrifffe wieder hergestellt wird. Ruhe» !t ö r n n g e n müssen unterdrückt, revolntionäreAn- Wandlungen mit a l l e n Al i t t e l n n i e d e r g e h a l t e n werden. Die gesetzlichen Maßnahmen, die Sie ergreifen, sind genau zu erwägen. Der Kampf richtet sich gegen die Felnde der Gesellschaft, nicht gegen die Gesellschaft selb st. Infolgedessen sind U n t e r d r ü cku ngs m a ß n ahme n in großem Stile nicht zu billigen. Ungesetzliche, unkluge Handlungen, die Unzufriedenheit statt Beruhigung schaffen, dürfen nicht geduldet werden. Die A b s i ch t e n des Kaisers sind u n e r s ch.ü t t e r l ich. Tie Regierung ist fest entschlossen, durch Beseitigung und Blenderung der alten, ihrem Zweck nicht mehr entsprechenden Gesetze auf gesetzt. Wege Hilfe zu schaffen. Das alte Regime wird Verjüngung er ' a hre n, doch muß die Ordnung aufrecht erhalten werden. Sie müssen also in dieser Hinsicht eigene Initiative zeigen, da auf Ihnen die Verantwortung ruht. Ein e n t s ch i e d e n e r, e n e r g i- > ch e r Wille, in dieser Weise betätigt, wird von dem besseren Teile der Gesellschaft zweifellos unterstützt.
. Man sieht, Stolypin (mit dem Ton auf der mittleren; Silbe) scheint ein Mann der Dcrt zu sein, der mit kraft-s boller Hand unter Anwendung nur gesetzlicher, aber nichts--, destoweniger energischster Mittel Ordnung schassen möchte, unter Vermeidung alles Unheils und Blutvergießens. Was ihm gelingen wird, steht dahin. Augenblicklich herrscht irr Petersburg noch Ruhe. Nur in der Schatowaj astraße tarn es am Dienstag Abend noch zu einem Krawall, den jedoch von Kavallerie, die von der Waffe Gebrauch machte, bald unterdrückt wurde. Nachrichten vom Ausbruch des Generalstreiks liegen noch nicht vor, doch hat die Regierung allen Bahnchefs Instruktionen erteilt. Insbesondere würben sie angewiesen, den Telegrapyendienst um jeden Preis aufrecht zu erhalten. Man denkt an Äne Ruhe vor dem Sturm. Tie Agitation ist in vollem Gange. Tie Unzufriedenheit über die Auflösung der Duma wächst und um» saßt sogar bisher ziemlich konservative Kreise.
Tie Po st b e am t e n sollen mit den revolutionären Ar-, beiter-Organisationen gemeinsame Sache machen. Sie beschlossen in einen Generalstreik einzutreten, wenn der Rat der Arbeiter den Ausstand beschließen sollte. Dieser Beschluß erscheint umso bedeutungsvoller, als sich nicht nur die unteren Postbeamten solidarisch mit den Arbeitern er-, klärt haben, sondern auch die Beamten der höheren Ressorts.
Gin. Petersburger Hofkorrespondent telegraphiert, daß die fortichrittlicheu Mitglieder der Duma glauben, der Zar fei gezwungen worden, den Auflösungs-Ukas zu unterzeichnen. Er habe nur unter dem Druck der Hofparte,r gehandelt. Nach anderer Meldung erteilte er dem Ministerpräsidenten Stolypin den Befehl, die Regierung in freiheitlichem Sinne zu reformieren und die Minister aus den Kreisen des Lldels, des Großgrundbesitzes und der übrigen Gesellschaftskreise auszuwählen. Bevor die Duma- auflosung beschlossen wurde, sanden in Peterhof ernste Erwägungen statt über die Kaisertreue bes Militärs. Da sowohl der Kriegsminister wie der Generalstabschef versicherten, daß die Armee treu sei, da die ökonomischen Forderungen her Soldaten bewilligt wurden, wurde der Akt der Auslosung der Duma vom Zaren unterzeichnet zusammen mit der Verabschiedung Goremykins. Stolypin hatte zuvor dem Zaren einen Bericht übermittelt, worin die Auflösung der Duma als unumgänglich bezeichnet wurde, da sie in ihrer jetzigen Gestalt eine Gefahr für den Monarchen wie für die Dynastie überhaupt bedeute. Stolypin ist auch der Erfasser des Manifestes.
Man hält es übrigens nicht für ausgeschlossen, daß die Negierung durch einen Staatsstreich das allgemeine Wahlrecht einführt, falls die Sachlage es verlangt. Auch die Gewährung politischer Gleichberechtigung auf demselben Wege hält man für möglich.
Der Aufruf des Generalstreiks wirt) für nächsten Samstag erwartet.
Nach Meldungen aus Kopenhagen hat die Kaiserin- Mutter von Rußland eine Villa in der Nähe von Kopenhagen gekauft, damit dort die kaiserliche Familie Wohn» ung nehme.
Mit Ausnahme der „Nowoje Wremja", der Rossija" uud der „Petersburgskija Wjedomosti" sind alle großen, politischen Tageszeitungen Petersburgs sowie zwei..


