Samstag 34 Mävz 1906
156. Jahrgang
Erstes Blatt
36 neueste .album
g-, album it
resorm vorlagen der Wahlfreiheit an 49 Rlitgliedern, das VersaffungSauSschuß, Gcschäsisordnung an weisen.
M Sorten tt u. Trotz- billigten bei oer idhaus i.M. iljflrabm 1L Ossem.___
einen WahlreformauSschuß von Gesetz betreffend die Jmmunilät an den sowie daS Gesetz über die Reform der den Geschäsisordnungsausschuß zu ver-
Kamerun.
— Nach privaten Mitteilungen aus Kamerun findet dort unter den Kaufleuten und Eingeborenen die Tatsache Beachtung, daß der stellvertretende Gouverneur O b e r |l Müller Kmg Akwa und die Gioßhäuptlinge im Gefängnis aufgesucht hat. Der Ton der Regierungsbeamten gegenüber'den Eingeborenen ist wesentlich anders getvorden, als zu Zeiten Plittkamers. Regierungsrat von BranchNsch übt gegenwärtig seine amtlichen Funktionen nicht mehr aus. Gegen Brauchilsch richtet sich, nach Putlkamer, die Hauptbe. schwerde der Eingeborenen. Kmg Akwa lehnte den neuen Richter als befangen ob, weil dieser die Verhältnisse in Kamerun nicht kenne, und stellte den Antrag, daß er, wie die übrigen Häuptlinge, in Deutschland vernommen werde. Er richtete auch an die Reichtzregierung daS Gesuch, die Gin» fuhr von SchnapS in Kamerun zu verbieten oder mit hohen Abgaben zu belegen.
— Der Sohn des noch in hast befindlichen King Akwa hat sich an den Erbprinzen von Hohenlohe mit der Bitte gewendet, ihm nr.i Unterredung zu gewähren, damit er eine Schilderung der Verhältnisse in Kamerun gebe. Der Erbprinz hat das Geiuch bewilligt.
— Der Puttkamer-Freund Manga Bell ist, wie aus Duala verlautet, eifrig damit beschäftigt, Unterschriften unter den Häuptlingen fernes Stammes zu sammeln, um eine Art Vertrauensvotum der Eingeborenen für Putt kämm er zu Stande zu bringen.
ist bftejpe* Hautreizes Dl?
den Macht überlassen werde? Wir geben für unsere Flotte 135 Millionen, Deutschland aber gibt für die feinige 18 0 Millionen aus. Unser Land kann ein Förderer des Friedens nur sein, wenn seine Grenzen gesichert sind. Improvisationen zu einer kritischen Stunde können teuer zu stehen kommen und entsprechen nicht den vom Lande gebrachten Opfern. Hierauf wird der Rest des Gesetzes und dann daS Budget im ganzen
Vezugspre»»! monatlich 75'1^., rnertel* jnbrhd) Mk. 8.20; durch Abhole- tu Zweigstellen monatlich 65 13L; durch die Post Mt. 2.— vienel- sährl. auSschl. Vellellq. Annahme von 2ln$?igen für die Tagesnuuimer bis vormittags 10 Uhu Zeilenvreis: lokal 12 auSwärt« 20 Pfg.
Verantwortlich hlr den poliL und allgem. 5 eil: V. Witt ko- Hit .Stadl und L'antr und -kNenchtSsanl*-. Ernst Heu. $ür den '2ln- zeigeiiteil: HanS Beck.
Deutsches Nerch.
Berlin 23. März. Der Kaiser nahm heute abend an dem Diner beim Retchstagspräsidenten, Grafen Ballest rem statt.
— Der Kaiser hat dem Reichstage und dem preuß. Abgeordnetenhause ein Gruppenbild der kaiserlichen Familie und eine Gedenktafel zum Geschenk überwiesen, die auf die Silberhochzeit des Kaiserpaares Bezug nimmt. Die Bildnisse sind mit der eigenhändigen Unterschrift des Kaisers versehen. Sie „ werden eingerahmt und im Zimmer des Präsidenten aufgehängt.
— Der Besuch Kaiser Wilhelms in Madrid ist vorläufig auf den 15. Mai festgesetzt. Falls die Marokko- k on f erenz, w.e eS jetzt den Anschein hat, ihre baldige und befriedigende Erledigung findet, so soll nach einer in militärischen und Hoskreisen umgehenden Version die Abreise des Kaisers, im Anschluß an seinen Grefei ber Besuch, am Abend des 2. April von Wilhelmshaven aus vor sich gehen.
— Ter Senatsprasident beim Reichsgericht Dr. freies- (eben zu Leipzig wurde zum Wirkt. Geh. Rat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt.
__ Heute fand in der Leichenhalle des Dreifaltigkeits- kirchhofes die Trauerfeier für den Abg. Lenzmann statt. Sämtliche Parteien des Reichstags hatten Vertreter ernannt. Konsistorialrat Kirmsk hielt die Trauerrede. Namens der freisinnigen Volkspartei widmete Schmid-Elberfeld dem langjährigen treuen Mitglieds einen warmen Nachruf. Für
die freisinnige Vereinigung sprach der Abg. Schra d er einige tief empfundene Worte. Ehorgesang und Gebet schloß die schlichte Feier, worauf die Ueberführimg dir Leiche zum Bahnhose zur Beförderung in die Heimat erfolgte.
Hannover, 23. März. Tie Regierung hat der fast einstimmig erfolgten Wahl des Rittergutsbesitzers Hans von Lüneburg zum Landschaftsrat von Lüneburg die Be- stätigung versagt. Dec nicht Bestätigte gehört der Welfenpartei an.
Straßburg, 23. März. Der Gemeinderat faßte in der Frage der Erhebung einer Wertzuwachs st euer heute folgende Resolution:
.Der Gemeinderat ist der Ueberzeugung, daß eine Reform der Kememdesieuergeletzgebung für die nächstc Zukunft notiuenbig ist. Er ist der Anschauung, daß bei dieser Dieform inäbe|onberc auch eine für die Gemeinde zu erhebende Steuer auf den Wertzuwachs der Grundstücke ms Auge zu fassen fern wird. Ter Geuieinderai ersucht den Bürgermeister, die erforderlichen Schritte zur Herbei' iührung einer Reform in der genannten Richtung zu tun und hierbei auch eine Beratung der einschlägigen fragen bei einem em- zuberuienden elsaß-lothringischen Siädteiag in Erwägung zu , i eben." .
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angenommen.
Wien, 23. März. DaS Abgeordnetenhaus beschließt mit überwiegender Majorität, die beiden Wahl- joroic das Gesetz betreffend den Schutz
ArrsLaird.
London, 23. März. Herr de Neufville aus Frankfurt erhielt auf die Lord Avebury überreichte Adresse folgendes Dankschreiben:
Die so bedeutsame und freundschaftliche Adresse ist von dem englisch-deutschen Freundschaftskomitee mit leb- hnitcr Genugtuung begrüßt worden und wird bei meinen Landsleuten eilten ebenso herzlichen Widerhall finden. Wir erkennen die großen Verdienste, die sich Deutschland um Handel und Industrie, sowie um Kunst, Literatur, Wissenschaft und Musik erworben hat, voll an, und es ilt unser ernster Wunsch, die freundschaftlichen Beziehungen, die Jahrhunderte hindurch zwischen England und Deutschland, das in der Ver- gangenheit so viel für die Zivilisation getan hat, bestanden haben, zu erhalten und zu kr ästig en. Ick bin überzeugt, daß, wenn sie auch in Zu tunst Hand in Hand weitermarschieren, iljr Einfluß im Rat Europas zum Wohl und Frieden der zivilisierten Welt beitragen wird. ,.
Pans, 23. März. (Deputiertenkammer.) Bei der fortgesetzten Beratung des Finanzgesetzes spricht Bouhey- Allex über daß Flottenprogramm und fragt, ob man bedacht habe, welche Folgen die Vermehrung der französischen Seestreitkräfte haben werde. Ein Hauch des Wahnsinns geht durch die Kammer. Wenn wir Defizite haben, so haben wir sie, weil wir ungezählte Millionen in den Schlund des Kriegs -und Marinebudgets werfen. Marineminister Thomson erklärt, daß eine Vermehrung der Seestreitkräfte absolut notwendig sei. Der oberste Marinerat habe besonders anerkannt, daß die deutsche Flotte mehr große Panzerschiffe habe als die französische. Von den Mächten werde die Zahl der Gefechtseinheiten vermehrt und besonders deren Deplacement vergrößert. Der <Dhni|ter betont nochmals die Vermehrung der deutschen Flotte und sagt, das von der Kammer Geforderte sei das Mindestmaß des zu Fordernden. Will die Kammer, so fragt Redner, auf Frankreichs Machtstellung zur See verzichten? Ist man sicher, daß die Verteidigung des Landes gesichert wäre, wenn man die Herrschaft auf dem Meere einer rivalisieren-
rind Schule.
— Eine Realgymnasialanstalt für Mädchen wird mit Genehmigung des Kultusministers zu Ostern 1906 von der Stadt Berlin eröffnet. Die Schule wird ans sechs Klassen bestehen.
Heer und Flotte.
München, 22. März. Das Verordnungsblatt des Kriegsministeriums gibt bekannt: Zum Fel dzeugmeister der neuerrichteten Feldzeugrneislerei wurde ernannt der Gouverneur der Festung Ingolstadt, Generalleutnant Streck.
cunlt des rzneibuches, in, empfiehlt
leier,
ise o.
Geh. Forstrat Theodor Heyer t*
Gießen, 24. März.
Der langjährige Inhaber bei Ctaif.b. Cberförfterci Schiffenberg, Geh. Jorstrat Heyer, ist am 21. l. M. unter überaus großer Bc- teiliguiiQ leidtragender Freunde und Derufsgcnoss.il zur ley-len :)luhe bestattet worben. Eine schwere Lungcnenlzündung hutte den sonst noch so Rüstigen nach nur kurzem siiautenlager dahm J Wir crfilllen den Wunsch seiner zahlreichen Freunde und Verehrer, wenn wir nachstehend einige Taten aus dem Lebeu und Wirken uusiris verdienten Mitbürgers geben.
Ter Versiorbe.ic cutstainnite der alten h.istscoen, toeltbelännt gewvrdenen Forstfamilie Heyer. Sein Onkel Karl Heyer und fein Vetter Gustav Heyer waren beide Prosefforcn der Forst- Wissenschaft und Zierden des Lehrkörpers an hiesiger Univeri'.hit. ^DaS (ihbcfannte Denmial iiarl Heyers in der Nordanlage rüst Die Erinnerung an dessen crspries-lick.e hiesige Tätigtest wach.)
Theodor Heyer — ein Gießener K'ind — ist hier geboren am 21. Oltoocr 1831 als Sohn ce3 FrcipredigcrS Wilhelm Heyer. Nach dem Besuch des hiesigen Gymnasiums irubierte er von IbM hier Forstwissenschaft (ein eifrig cs Mitglied des Korps etax* tenburgia). Zur Wahl des forstlichen Berufs haben ihn aayer der Familien-Tradition ganz besonoers die Eindrücke im Hause des Onkels bestimmt und das Beispiel des nur 5 Fahre älteren Vetters Gustav Heyer. Die Anregungen, welä>e er so empfing, leine Mitwrrlnng bei den wisstnschastlistHli Untersuchungen und ^nftigen forstlichen Arbeiten der beiden jboryphLen gaben ihm jci juiiem bekannten Euer und Flüße bald bewährte Grundlagen isrf!l" n Wissens und praktischen Könnens. Fm Jahre 18o3 bcflano Tchcdor Heyer die spezielle Oberförster-Prüfi'ng und im Herbste 1851 die Forstmeister-Prüfung.
Da die AnstellungSverl-äUrnst'e in ocr ^taatsfvrstkarriere damals äußerst ungünstig lagen, übernahm Theodor Heyer im Jahre 1856 die Verwaltung der Gräsl. Solms-Laumich'schcn Obersoruerei zu Kloster Arnsburg. Hier blieb ir 10 Fahre dis 1 8G6, in iuctdreni Fahre er in den Staatsdienst z ii rücktrat und vor- schiedene dienstliche Auftrage zu erledigen hatte, bis endlich am 12. Januar 1807 [eine Ecnennung zum Großher-vglicken Oberförster der Obersürsterei Eichelsdors erfolgte. , .
Heyers Verdienste um die Oberförstercr Eiwelsdon (lbo7 bis 1885) sind in weiten Kreisen gewürdigt worden. Ter Entwurf und Ausbau eines mustergiltigen Wegners für die ausgedehnten fiskalischen Waldungen (2200 Hektar), die Ausführung der grotten Verbiiidungsstraße Hungen—Sck:otten und die Chaussierung sonstiger Waldwege nach dem treu ihm veranlaßten, als bewahrt erkannten Jcollkammvcrfahren, die tadellose Herstellung vieler Kilometer Erdwege (mit entsprechender Wölbung, und dabei die emsigste Pflege der Waldungen gaben dem Revier Eichelsdorf sstten geordnete Zustände und drückten ihm den Heyer scken ^tem- pel für immerdar aus. Die auf Wunsch von Kollegen erfolgten Äeröffentlickungen Heyers über seine Wegbau-Slroeiten in der Alla. Forst- und Jagdzeitung von 1878 uno 1880 uno der Rus der'Wege bewirkten, daß das Stetiicr Eickwlsdorf von forstlichen Dozenten mit ihren Studierenden öfters ausgesucht wurde ()o von Lorey, Heß, Sckiwappach, Käyser, Marlin u. n.) —
Am 16. Mai 1885 wurde Theodor Heyer auf seinen Wunsch in die Oberförsterei Schiffenberg versetzt und kehrte damit m Die Vaterstadt zurück. Seine Tätiglcst in den h^sigen Waldungen setzte zunäelstl ebenfalls in o e | tlc giltigc£ Weguetze
und in EhauffiLrung tveilCL Wegstrecken ein. ^te Pc.ganten der, Waldungen werden diese Tätigkeit Heyers sicher wohltueno em- yjunbeit haben Die damit Hand in Hand gehende intensive Wald- mleae wird den Besuchern der Waloungen nickst verborgen geblieben sein. Die uuiflergiUige itiutzholzzucht, zumal die Pflege der Eichen, die Müsleringen, die sauoeren Ausastmigsarbeiten mach beioährter Heyer'scher Methode), die forstästhetischen De- ftrebungen in den Waldungen können den Augen der Kenner unt» der Passanten überhaupt nicht entgangen sein. Die Handichrist Heyers in mehr als 20 jähriger Wirksamkeit ist überall zu 'l U $ie, in den letzten Fahren zumal, erfolgten wesentlichen Ber- bcHeriinaen am und int Gutshose Schiffenverg sind ebenfalls Heyers Verdienst. Tie Pflege der siülalischen Wiesen lag bei ihm in sorgsamen Händen. Lieblings'oeschasiigung war NM die Fischzucht und Teichwirtsck-ast und diese hat er bid zu semem Lebensende noch betätigt.
Heyer war stets bestrebt für das vstentliche Wohl zu wirren, der Bevölkerung und ihren Bedürfnissen entgegen zu kommen. Die waldbesitzenden Gem. mden seines Bezirks wuoien außer seiner bewährten Pflege ihrer Waldungen und der Berbenerung der Wege in und außer l-alb derselben ganz besonders auw ferne Rücksichtnahme auf ihre Bedürsniffe, die Gewal)rung von Extrw- fällungen zu Zeiten der Not usw. wolst zu würdigen.
Geh. Fvrstrat Heyer war Mitglied oeS hiesigen Versckönn- ungsvereins (Lndwigsorunnen s) und des üirchenvorilandcs, im Jahre 1903 gehörte er zum Haupttomitee sur die lmidwinsckast- licke Provinzialausstellung dahier.
An Anerkennung seiner vorgesetzten Behörde und auck Allerhöchsten L-rrs hat es Heyer nickst gefehlt. Im Jahre 1892 wurde er zum Forstmeister ernannt, am 25. Januar 1901 zum Geh. Forftrat; am 25. Älovemlwr 1898 erhielt er das Ritterkreuz 1. Äl. des Verdienstordens Philipps des Großmütigen, am 24. Mai 1904 die Krone zu diesem Orden (gelegentckä- des 50 jährigen TicNit- jubiläums) uno am 1. Oktober 1905 das Ehienkreuz dieses Ordens gelegentlich seiner Versetzung in den Ruhestand).
Was Heyer aussuhrte, pflegte er wohl vorzuoereiteu und erst ' nach reislicWer .Erwägung, dann aber auch in vorzüglichsttt
Nr. 71
• r|*etnt tS«Nch außer SonntaqS.
Lern Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt die Siehener ZamilieN' blätter viermal in der
Woche beigelcgL Rotationsdruck u. Verlag der Brühl'schen Unwers.-Buck-u.Stein- brudertt. 8t Lang«. Redaktion. Lrveditt«, und Druckerei:
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger
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Heutige Wummer umfaßt L8 Seiten. ’ Die ZSaylvorlage im preuß. Abgeordnetenhaus.
—tt— Berlin, 23. März.
Von der heutigen Sitzung im preuß. Abgeordnetenhaus mit der Tagesordnung der ersten Beratung der „Wahlreform" hatte sich das Publikum viel versprochen; eine leb* haste, vielleicht stürmische Auseinandersetzung zwisck)en der Rechten und der Linken über die Vvn der letzteren geforderte gründliche Mahlrechtsverbesserung für Preußen. Die überaus zahlreichen Tribünengäste wurden jedoch in dieser Erwartung enttäuscht, denn zu einem eigentlichen Redegefecht kam es nicht, und bereits am Schluß dieser einen Sitzung wurde die Vorlage der Kommission ü b e r w i e s e n.
Trotzdem hatte die Debatte ihre Sensation, unge- wöhnlicherwcise nicht nur die Ausführungen eines Parlamentariers, sondern eines Mitglieds der Regierung. Der Minister des Innern v. Bethmann-Hollweg begründete den Entwurf. Um eö kurz zu sagen, die Art, wie er es tat, war ein Ereignis. Seit langer Zeit hat man im preußischen Landtag keine so gedankenreiche, formvollendete Rede gehört. Es war ein Genuß, diesen klaren und eindringlichen Sätzen zu folgen, auch tvenn man den Standpunkt des Ministers in der Wahlrcchtsfragc nicht teilt. Was die Rede noch besonders fesselnd machte, ihr die Aufmerksam- leit bis zum letzten Worte sicherte, das war das Unvorbereitete, vom Augenblick Gcschassene manches treffenden Ausipruchs, der eben deshalb einen spontanen Beifall her- rorrief. So, als der Minister sagte: „S^cute, lassen Sie uns offen und ehrlich sein, lastet ein bitteres Gefühl der Unlust aus dem öffentlichen Leben." Hier siel von allen Seiten Zustimmung ein. Herr v. Bethmann will nichts von dem Grundsatz Caprivis wissen, Gesetze daraufhin zu prüfen, wie sie aus die Sozialdemokratie wirken. Ohne den ziveiten Kanzler zu erwähnen, bemerkte der Minister: „Es ist ein Unheil, daß wir jede politisck-e Aktion abhängig machen von den Wirkungen, die sie auf die Sozialdemokratie ausübt." Es bestünden noch Kräfte im Volke, die sich von ciyer Betvegung abwcn- den, „die schließlich alles Menschliche vernichten will, weil nichts Menschlicl)es ihr heilig ist", und diesen Kräften gehöre die Zukunft. Diese und andere gegen die Sozialdemokratie gerichteten Sätze nahm die Rechte mit dröhnendem „Sehr wahr!" und „Sehr richtig!" auf. In einem Sturm des Beifalls aber äußerte 'ich die ^Zufriedenheit der Rechten nach der Erklärung des Mtnisters, er stelle ausdrücklich fest, daß das Reichswahlrecht für die preußische Negierung unannehmbar sei. Da glänzten die Gesichter aller Konservativen, es mochte ihnen eine Beruhigung gennihren, diese feierliche Versicherung zu empfangen.
'Kun hätte nach der Rede des Ministers die Opposition recht schneidig ihre Gründe für ein besseres Wahlrecht Vorbringen sollen. Aber erstens ist die Stimmung in diesem von der Rechten beherrschten Hause oppositionellen Sprechern nicht günstig, und dann ging heute infolge der lebhaften Unterhaltung, die sich an die Ministerrede knüpfte, meles von dem Folgenden verloren. Mit Entschiedenheit lehnten die Abg. Dr. Fischbeck (frs. Volksp.", Brömel (frs. Ver.), Oeser (Demokrat) und v. Dziembowski (Pole) die '„ganz ungenügende" Wahlreform ab, die bekannllich in der Hauptsache eine Vermehrung der Zahl der r'lbgeordneten um zehn vorsieht. Auch Abg. Dr. Krause (nl.) bezeichnete den Entwurf als ein Flickgefetz, das nicht den lleinsten Anfang einer Wahlreform bedeute, wie jie der Liberalismus erstrebt. Indessen, Dr. Krause zog daraus nicht die Folgerung, den Entwurf abzulehnen, sondern hoffte auf eine Einigung der Regierung mit den Parteien Das Zentrum ließ durch eine von Dr. Porsch verlesene Erklärung sogar eine „gewisse Verbesserung" anerkennen. Frhr. v. Zedlitz (kons.) und Dr. Irmer (kons.) bearüßten, wie sich erwarten ließ, die Vorlage mit Freuden. Alw wird die „kleine" Wahlreform Gesetz werden, die große aber scheitert an dem Nein der Regierung und der Rechten. Für jetzt! — — __
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