Ausgabe 
23.3.1906 Zweites Blatt
 
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Zweites Blatt

Nr. 7V

156. Jahrgang

ErfchekU IL-Nch mit Ausnahme des Sonntag«.

DieGlehener Lamtlienblätter" werden dem ,9lnxeifler viermal wöchentlich beigelegt Der ^helftjchs Laadwtt^ erjchetm monaUlch einmal.

Freitag 23. März 1006

Rotationsdruck und Verlag der Brüh lieb« UnwerfttätSdruckerei. 8L Lange. Gretzea.

Redaktion, Expedition u. Druckerei: SchulOr-K.

Del. Nr. 6L L^legr.-Adr.: Anzeiger tSicßai.

Eeneral-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

politische Tagesschan.

Kolonial-Maitreffen.

H. Berlin, 22. März.

Zn der schier endlosen Debatte über den Kolonial-Etat klam­mert man sich im Reichstage an Kleinlichkeiten und betrachtet die Zustände in Kamerun oder Teutsck-Ostafrika vom heimischen Kirmturm aus. Manche unserer Volksvertreter möchten, wie es scheint, in unseren afrikanischen Besitztümern am liebsten jeder dunkeläugigen Schonen einen Siitenwächter beigesellen. Dabei macht es einen komischen Eindruck, das; gerade die Sozialdemo­kraten, welche dock) sonst in sexuellen Dingen einer freien An­schauung huldigen, am schärfsten den Lebenswandel der deutschen Reicksbeamten in den Kolonien observieren und jedes Schäfer­stündchen eines Meisten mit einer Schwarzen der deutschen Kv- lonialpolitik aufs Sündenkonto schreiben. Ein öftreichischer Groß­spekulant, der, was ja auch anderwärts zuweilen vorkommt, tvegen allzu auffälliger Bereicherung seines Geldbeutels beim Bau neuer Smienenstränge vor Gericht mußte, suchte sich in seiner Verteidig­ungsrede u. a. mit der Bemerkung zu rechtfertigen, daß man Eisenbahnen nicht mit Sittensprüchlcin bauen könne. Die Berech­tigung zu übertriebenem Profit bei Vcrkehrsunternchmungen scheint uns recht anfechtbar. Doch eine erfolyreickie Kolon ial- volitik läßt sich wohl nur mit der Rücksichtslosigkeit der spani­schen Konquistadoren treiben. Nehmen die im Punkte sexueller Moral sehr prüden Engländer, ein öffentliches Aergernis an dem Leben und Treiben der Offiziere und Beamten in ihren Kolonien? Da muß sich schon etwas ganz Außerordentliches ereignen, bis sich die Oeffentlichkeit in England damit beschäftigt! Und welche Gräuel müssen sich bei dem lebten Kampfe zwischen den amerika­nischen Regierungstruppen und den aufständischen Philippinos zu- getragen haben! Aber trotzdem bleiben die nüchternen Amerikaner recht kühl dabei. Nur der deutsche Reichstag ist moralisch so feinfühlig, daß er das bistckwn schmutzige Kolonialwäsche mit einer Gründlichkeit und Umständlichkeit reinwäscht, aus der man die Absichtlichkeit herausmerkt, die deutsche Kolonial- politik vor aller Welt so schlecht als nur möglich zu macken. Herr v. Puttkamer ist gewiß zu tadeln, daß er seinen Haushalt durch eine Berliner Lebedame repräsentieren ließ. Oberst Leutwein soll sich indes seinerzeit ebenfalls so eine Art Cousine aus Deutschland mitgebracht haben. Es ist^wahrlich keine Kunst, von dem weichgepolsterten Fauteuil im Sitzuugs- saale des Reichstags aus Moral zu predigen den Pionieren oeutscker Kultur im fernen Afrika, die selbst in den gesichertsten Gegenden täglich dem Tode ins Auge sehen müssen und die unter ganz anderen Bedingungen und Verhältnissen leben wie wir in unterem Vaterlande. Man sollte dock die parlamentarische K'ritik an dem Kolonialwesen auf das notwendigste besckränken und sich dafür um so gründlicher, wenn man schon nicht anders kann, in den Kommissionen ausreden. Das Ausland pflegt uns doch auch nicht eine Generalbeichte seiner Kolo­nialsünden abzulegen.

Eine Kraftprobe des Zentrums.

Aus Berliner parlamentarischen Kreisen wird uns geschrieben: Sicherem Vernehmen nach ist die Ko l on i a l d e b a t t e dieses Jahres noch nicht zu Ende. Matthias Erz- Berger, der gesprächigste Herr deS Zentrums, plant eine Kraft­probe seiner Partei. will vom Erbprinzen Hohenlohe die bündige, unzweideutige Erklärung verlangen, daß Herr v. Putt­kamer nicht wieder auf seinen Posten nach "Kamerun zurück- gelassen wird. Mill ober kann der Erbprinz diese Erklärung nicht abgeben, so wird, wie e§ heitzt, das Zentrum denEtatfür Kamerun nickt bewilligen.

Rosa Luxemburg

hat bekanntlich die Redaktion desVorwärts" verlassen und ist zur Propaganda der Tat übergegangen. D. h. sie begab sich nach Rußland, um dort bei der weiteren Ver­wirrung der inneren Verhältnisse zu helfen. Lange hat das Vergnügen nicht gedauert. Im Dezember überschritt sie die Grenze: Mitte März meldete derVorwärts" be­kanntlich ihre Unschädlichmachung in Warschau.

Als sie begeistert die glorreiche russische Revolution feierte und zur Nachahmung anfeuerte, da wurde ihr ent­gegengerufen: Gehen Sie doch selbst hin und helfen Sic Ihren Landsleuten! Wie derVorwärts" schreibt, waren es einigeTintenkulis der bürgerlichen Presse", welche die arme Rosa so anhöhnten. Das ist nicht wahr! Nicht die bürgerliche Presse hat der liebenswürdigen Dame diesen Rat gegeben: er wurde ihr in Jena aus den Reihen der zielbewußten Genossen heraus hohnvoll ins Gesicht ge­schleudert. DieTintenkulis der bürgerlichen Presse" hatten nichts zu tun, als den Sitzungsbericht abzudrucken.

Rosa Luxemburg hatte am 22. September die russische Revolution als Vorbild hingestellt, andersdenkenden Ge­nossenjegliches Verständnis" abgesprochen und mit dem RufeZum Kampf! Zum Kampf!" geschlossen. Genosse Dr. David wollte davon nichts wissen. Er sagte u. a.: Die Rosa (Heiterkeit sich verbessernd) die Genossin Rosa Luxemburg har auf die Verhältnisse in Rußland hinge­wiesen (Zurufe: Sie soll doch hin geh en). Tie Revo­lution in Luxemburg (stürmische Heiterkeit sich ver­bessernd) die Revolution in Rußland kann für unsere Ver­hältnisse nicht maßgebend sein. . . . Was die Genossin Luxemburg sagt, ist voller Wahnsinn, doch er hat Methode!" Also mit der Erfindung von feiten derTintenkulis" ist es nichts!!

Rosa Luxemburg soll übrigens, wie jetzt ein Warschauer Blatt meldet, vor ein Kriegsgericht gestellt werden. Ihre Verhaftung erfolgte im Augenblick ihrer Abreise nach Deutschland, als sie in einer Droschke zum Bahnhof fuhr, um die Heimreise anzutreten.

Sitzung Ser StaStverorSneten.

Gießen, 22. März.

Anwesend: Oberbürgermeister Mecum, die Beigeordneten Curichmcmn und Georgi, die Stadtverordneten: Dr. Ebel, Eichenauer, EmnieliuS. Euler, Jaber, Gabriel, Dr. Gutfleisch, Dr. Haberkorn, Heichelheim, Helfrich, Huhn, Jann, Jughardt, Keller, Kirch, Krumm, Löber, LooS, Orbig, Petri, Dr. Schäfer, Schwall, Wallenfels und Dr. Wimmenauer.

Baugesuche und dergleichen.

Ein Gesuch des Mehgermeistcrs Rothschild für Marktüraße 18 geht dahin, daß das einen halben Meter in die Straßenfluchtlinie vorstehende Haus desselben in seinem hinteren Teil umgebaut werden soll. Die Versammlung er­klärt hiermit ihr Einverständnis, da das Haus hierdurch nur unerheblich im Wert gesteigert wird.

Die Firma Kaufmann & Co. hat am Schiffen- bergerweg seinerzeit ein Hintergebäude errichtet unter Uebernahme der Verpflichtung bis 1. April d. I. auch das Vordergebäude zu errichten. Die von der Firma nunmehr erbetene Fristverlängerung wird bis 1. April 1908 genehmigt, da bis dahin jedenfalls der Schiffenbergerweg als städtische Straße übernommen werden wird.

Städtische Herstellungen, Arbeitsvergebungen usw.

Tie Benutzung von Oswalds (Sorten als Standort von Karussells, Schaubuden und dergleichen hat den Anwohnern schon öfters wegen des damit verbundenen Lärms Anlaß ge­geben, um eine Verlegung des sog. JuxplotzeS nach- zusuchen. Es wird nunmehr vorqeschlagen, den Schweine­marktplatz als Juxplatz zu benutzen. Um den Platz für diesen Zweck zugänglich zu machen, ist eine Rampenanlage nötig, wofür 550 Mk. erforderlich sind. Stadto. Löber til mit der Verlegung einverstanden, hat aber insofern Be- denken, weil der Schweinemarktplatz bei Hochwasser öfters unter Master steht. Der Vorsitzende erwidert, das Hoch- waster trete gewöhnlich in den ersten Monaten des Jahres ein, also zu einer Zeit, in der der Platz als Juxplatz kaum m Anspruch genommen werde. Die Versammlung ist mit der vorgeschlagenen Regelung einverstanden.

Ein Gesuch des Lesehallevereins wegen Vergrößer­ung der Räume der Lesehalle wird auf Wunsch des Vorstandes des genannten Vereins heute nicht in Be­handlung genommen, da eine Abänderung der bett. Wünsche erfolgen soll.

Für die Ausführung von Entwässerungs­arbeiten durch das städtische Gas- und Wasserwerk ist eine Personalvermehrung notwendig, da der für die Vor­arbeiten, insbesondere die Anfertigung der Zeichnungen zur Verfügung stehende eine Techniker bei der Masse der vorliegenden Aufttäge nicht ausreicht. Die Versammlung erklärt ihre Zustimmung dazu, daß zu diesem Zweck zwei Techniker vorübergehend angenommen werden.

Bei den Feldbereinigungsarbeiten wurden auch die Feldwege an der Hardt neu hergestellt. Inzwischen wurde einer derselben so sehr durch das Abfahren von Steinen aus den dortigen Brüchen, namentlich durch die Feldbereinigungsgesellschast in Anspruch genommen, daß eine abermalige Herstellung notwendig ist. Tie Versamm­lung ist einverstanden, daß diese Arbeit unter Zuhilfenahme der Dampfwalze vorgenommen wird. Die Feldbereinigungs- gesellschaft trägt die Hälfte der dadurch entstehenden Kosten. Stadtt. Euler macht bei der Gelegenheit darauf aufmerk­sam, daß auch die Waldwege zum Teil sehr zerfahren sind, und gibt zur Erwägung anheim, ob diese für die Holzabfuhr nicht zeitweise, namentlich bei nasser Witterung, verboten werden könnten. Die Stadtv. Löber und Helfrich glauben, daß dies nicht angängig sei, während Stadtv. Tr. Wimmenauer ben Vorschlag für durchführbar hält. Auf Vorschlag des Vorsitzenden soll sich die land- und forstwirtschaftliche Deputation mit der Sache beschäftigen.

Einige Herstellungen am Leichen »vagen- schuppen werden oon Fuhrunternehmer Ludwig Euler, der gegenwärtig die Leichenwagen fährt, vorgeschlagen, uni die diesem obliegende Reinigung der Leichenwagen zu erleichtern. Es wird beschloßen, längs des Schuppens einen 6 Meter breiten Streifen zu pflastern, was 310 Mk. kosten wird; die übrigen Vorschläge, wie Beleuchtung des Schuppens im Innern, Anbringiing eines Kutscherbocks an dem besseren Leichenwagen usw. werden als überflüssig abgelehnt.

Für die Desinfektionsanstalt wird die freihändige Anschaffung eines weiteren Desinfektionsapparats gutgeheißen ttnb eine Summe von 110 Mk. hierfür bewilligt.

Mit der notwendig gewordenen größeren Reparatur des Kochkessels in der städtischen Kaserne ist die Versammlung einverstanden. Die Kosten können auf laufen­den Mitteln bestritten werden.

Die Vergebung der Weißbinde arbeiten für den Neubau der höheren und erweiterten Mädchenschule hat eine Eingabe der hiesigen Weißbindermeister hervorgerufen. Die Arbeit war in 4 Losen ausgeschrieben und bei dem am 21. Februar abgelaufenen Termin ivaren die geringsten Angebote beim 1. Los oon Wagner 3334 Mk«, beim 2., 3. und 4« Los von Birkenstock und Schneider 3450, 3387 und 3764 Mk., während die geringsten Forderungen von Weißbindern 3635, 3536 und 3914 Mk. ivaren. Rach Artikel 90 erhielten, da Bedenken nicht vorlagen, für das erste Los Wagner und für die drei übrigen Birkenstock und Schneider den Zuschlag. Am 28. Fe­bruar wurden die Verträge hierüber abgeschlossen. Am 10. März lief dann die Eingabe der vereinigten Weißbinder ein. Die Baudeputation habe, da an der Sache nichts mehr zu machen war, mit Mehrheit beschlossen, den Stadtverord­neten vorzuschlagen, in Zukunft die Arbeitsausschreibungen auf die betreffenden Handwerkszweige zu beschränken. Wie der Vorsitzende ausführt, könne ja so beschloffen werden, aber diese Regelung stehe in Widerspruch mit Artikel 90 der Städteordnung, der bei städtischen Arbeiten und Lieferungen öffentliche Ausschreibung verlange, während Artikel 92 in besonderen Fällen ausnahmsweise ein Abgehen von dieser Bestimmung vorsehe, die dann nur mit Zustimmung der Stadtverordneten erfolgen könnte. Stadtv. Petri bemerkt, gerade die letztere Bestimmung hätte dem Oberbürgermeister Veranlassung geben sollen, die Zustimmung der Stadtver­ordneten einzuholen. Auch die früheren Oberbürgermeister hätten darauf gesehen, daß die Arbeiten stets von den betr. Handwerkern ausgeführt würden und er hätte nicht geglaubt, daß dies in Gießen je anders gehandhabt würde, daher rühre auch das verspätete Eingehen der Beschwerde. Durch die Art der Vergebung sei das gesamte Handwerk beunruhigt worden. Man brauche doch auch später die Handwerker für die Flick­arbeiten. Ter Staat habe seinerzeit gegen die heimischen Handwerker ganz anders verfahren, als sie von einem aus­wärtigen Weißbinder unterboten worden seien. Tie Weiß­binder hätten sich zu einer Innung zufammengeschlofsen.

um geordnete Verhältnisse zu bekommen, aber nicht, um die Preise zu erhöhen und den geforderten Preisen seien die mit den staatlichen Baubehörden vereinbarten Arbeits« bebingungen zugrunde gelegt worden. Er persönlich beteiliget sich übrigens nicht mehr an städtischen Ausschreibungen. Ter Vorsitzende erklärt, er habe sich au die gesetzlichen Bestimmungen gehalten und damit lediglich seine Pflicht getan. Auch fein Vorgänger habe in solchen Fällen das> stabtische Interesse jederzeit gewahrt und die Arbeiten an ben Wenigstiiehmenden vergeben. In Mainz müßten die: städtischen Behörden bei Vergebung der Verwaltungsarbeiten nach dem vom Stadtv. Petri angeführten Snstem schlechte Erfahrungen gemacht haben, denn nach Zeitungsnachrichten wäre die Stadt dabei wesentlich teurer behandelt worden, als die Staats- und Militärbehörden. Stadtv. Krumm hält es für schwierig, daß die Stadt die Funktionen der einzelnen Handwerker auseinander halten solle. Im vor­liegenden Falle seien die Differenzen zwischen den ein­zelnen Forderungen ja gering, aber es gebe Leute, die es nicht für recht halten würden, wenn man die Arbeiten nicht an den Wenigstnehmeuden vergeben wolle. Uebrigens halte er es nicht für eine Aufgabe der Stadt, die Funktionen der einzelnen Handwerkszweige zu trennen, das sei vielmehr Sache der Handwerkskammer. Wenn es ohne Schädigung der Stadt möglich sei, könne man ja die bett. Handwerker berücksichtigen. Auch die einheimischen Handwerker allein zu berücksichtigen, sei nicht möglich, denn wenn alle ©e- meinben das durch führen würden, wären gerade die Gie­ßener Handwerker vielfach die geschädigten. Einen Beschluß im Sinne der Baudeputation zu fallen, halte er für gefähr­lich, dagegen sei er dafür, daß die Stadtverordneten gefragt würden, wenn es sich um größere Arbeitsvergebungen handle. Stadtv. Schmoll erklärt sein Einverständnis mit den Ausführungen des Stadtt. Petri. Auch der Art. 92 der Städteordnung sage nicht, daß der Oberbürgermeister berechtigt sei, die Arbeiten ohne Zustimmung der Stadt­verordneten zu vergeben. Man solle den einzelnen Hand- r erlern die Möglichkeit lassen, etwas zu verdienen, auch wenn es eine Kleinigkeit mehr koste. Oberbürgermeister

ecum macht auf Artikel 91 der Städteordnung aufmerft sam, nach dem er zur Vergebung der Arbeit berechtigt war, da die Preisforderung unter dem Voranschlag blieb. Stadtv. Petri sprach nochmals im Sinne seiner früheren Aus­führungen. Stadtv. Dr. Gut fleisch führte aus, manj müsse im allgemeinen daran festhalten, daß die Grund-, lagen der Entschließung bas Gesetz fein müsse. Es sei nicht zu vergessen, daß die Arbeiten auch an Handwerker vergeben worden seien. Ter Anttag der Baukommiffion könne be­denkliche Folgen haben, man komme damit zu einer engen Zunstaufsassung. Es fei ein wesentlicher Vorteil für das Handwerk, daß man oie alte Zunftverfassung aufgehoben habe, und er wolle von dieser Art Schutz des Handwerk nichts wissen. Es fei nur von Fall zu Fall zu bedenken, ob nicht größere Arbeiten an mehrere Personen zu vergeben seien, da hierdurch eine Konzentration des Großkapitals! vermieden werde. Bei größeren Vergebungen sei es zweck­mäßig, die Mitwirkung der Baudeputation bezw. der Stadt­verordnetenversammlung herbeizuführen. Stadtv. Krumm weist darauf hin, daß es auch Steuerzahler gebe, die über­haupt nichts für die Stadt machten, und spricht sich eben­falls für losweise Vergebung aus. Stadtt. Petri glaubt nicht, daß sein Antrag zur Einführung des Zunftzwanges führe, da ja auch dann noch die freie Konkurrenz bleibe. Stadtt. Tr. Gut fleisch ist nicht gegen die Bestrebungen der Innungen aufgetreten, verwirft aber den Zwang. Tie Abgrenzung, was Weißbinderarbeit sei, sei nicht so leicht und mit dem vorgeschlagenen Verfahren höre die freie Konkurrenz auf. Ter Anttag der Mehrheit der Baudepu­tation wird hierauf gegen 6 Stimmen abgelehnt.

Arbeitsvergebungen.

Die Fuhrleistungen für ba§ Tiefbauamt sind für die nämlichen Preise an die seitherigen Unternehmer ver­geben worden, nur Hch. Roll VII habe dem nicht zugestimmt, da ihm der seitherige Preis von 8 Mark im Winter und 11 Mark im Sommer zu niedrig sei. Deshalb sei hierfür Ausschreibung erfolgt und es wurde dem Vorschlag zugestimmt, ihm die Fuhren für 9,60 Mk. bezw. 12 Mk. und 5 Mk. für Deckreiser wieder zu übertragen.

Die Kohlenanfuhr für das Gaswerk besorgte seither Fuhrunternehmer Appel für 7,80 Mk. pro 200 Zentner und ebenso die Koksabfuhr für 4 Pfg. pro Zentner. Sein Vertrag läuft am 1. April ab und wurde am 1. Januar nicht gekün­digt, sodaß er für ein Jahr weiter läuft. Nachträglich wurde Appel vorstellig, die Preise auf 9 Mk. bezw. 5 Pfg. zu er­höhen, was im Jahr eine Steigerung von 5035,50 Mk. auf 5715,50 Mk. bedeuten würde. Die Versammlung ist mit dec Erhöhung einverstanden.

Die Vergebung der Schreibmaterialien soll im Jahr 1906 zu denselben Preisen geschehen wie seither, nur für Kohinor-Bleistifte wird der Preis für 12 Stück von 2,50 Mk. auf 3 Mk. erhöht.

Rechnungsangelegenheiten und Voranschläge.

Der Rechnungsabschluß der Omnibusgesell-- schaft ergibt für 1905 einen Fehlbetrag von 3745,80 Mk. und der Vorstand der Gesellschaft bittet, diesen Fehlbetrag zu decken, damit das gemeinnützige Unternehmen weiter bestehen kann. Die Versammlung ist hiermit einverstanden.

Die Vorlage der Rechnung und des Verwal- tungsberichts für 1904 findet feine Beanstandung; die oon den Stadtv. Heichelheim und Krumm über einige Punkte erbetene Auskünfte werden erteilt.

Ter Voranschlag für das Gas- und Wasser­werk für 1906 wird debattelos genehmigt. Es ist darin vorgesehen, von dem Betriebsuberschuß des Wafferwerks nichts an die Stadtkasse abzuführen, nm eine stärkere Schulden- tilgung zu ermöglichen. Auch der Voranschlag der Elektrizitätswerkkasse findet Genehmigung, auch hier wird keine Abführung an Sie Stadtkasse vorgesehen, dagegen eine stärkere Schuldentilgung (36 700 Mk., nahezu 20000 Mk. mehr).