Ausgabe 
22.2.1906 Zweites Blatt
 
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Donnerstag 22. Februar 1SV6

Zweites Blatt

Nr. 45

Gießener Anzeiger

156. Jahrgang

Rotationsdruck und Verlag der Brühl'leben UntDcrfildtSi)ruderet 5L Lange, Gretzen.

Redaktion, Expedition u. Druckerei? Sebulstr-U, Tel. Nr. 5L retegr.-Adr. r HU^eiget MiefoOU

Erscheint Mglich mit Ausnahme deS Sonntags.

DieSietzener ZamlNenblätler" werden dem Anzeiger viermal wöchenlttch beiqelegt Der w^|P|^ LaavVttt- erjcheml monatlich einmal.

General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Siehrn.

Are Elegierten in Algeciras

scheinen bereits ans Koffcrpacken zu denken, wenn man den gestrigen Trahtberichten aus Paris und Rom glauben darf. Einzig die englische Presse gibt einer Mahnung an Frankreich Raum, die noch in letzter Stunde mögliche Verständigung mit Deutschland anzustrebcn, weil bei einem Scheitern der Konferenz Frankreich der einzig verlierende Teil sein würbe. Diese Wahrheit ist aber schon beim Zusammentritt der Konferenz bis zum Ueber- druß gepredigt worden. Durch die jetzige Wiederholung wird sie schwerlich eindringlicher. Nachdem nun die.Dinge soweitauseinandergediehen" sind, muß man doch fragen, weshalb sich denn in Algeciras keine einzige Macht in ver­mittelndem Sinne betätigt? Speziell Italien erachtete es doch angeblich als seine Aufgabe, seinenalten" und seinen neuen" Freund, Deutschland und Frankreich, mit einander zu versöhnen. Von Diskonti Venosta, der neuerdings mit dem Amerikaner White Besprechungen gehabt hat, hieß es sogar, daß er in dieser Mission die*Krönung seiner diplo­matischen Lebensarbeit erblickt. Und nun will man eine Konserenz resultatlos auseinandcrgehen lassen, auf der doch eine Verständigung ungleich leichter wäre, als B. auf der von Portsmouth! Tann hat es auf französischer Seite von vornherein am guten Willen gefehlt, dann sind die anderen an der Konferenz beteiligten Mächte nicht Träger einer versöhnlichen Tendenz gewesen, dann war Delcassö immer noch ehrlicher als Roiwier. Die Budget- kommission des Reichstags ersuchte heute die Regierung um Vorlegung einer Uebcrsetzung des französischen Gelbbuches zur Marokkofrage. Tas Schriftstück wird vermutlich fettig­gestellt sein, wenn der Etat des Reichskanzlers im Plenum an die Reihe kommt. Neues von Belang dürfte man aber aus der Uebcrsetzung schwerlich erfahren, vielleicht liegt dann bereits ein neues, die Konferenz in Algeciras behan­delndes Gelbbuch vor, in dem selbstverständlich alle Schuld auf Deutschland gewälzt wird. Jedenfalls ist in der hoch­politischen Debatte beim TitelGehalt des Reichskanzlers" eine Erklärung des Fürsten Bülow zur Marokkofrage zu erwarten, bedeutungsvoller als die im Dezember v. I. im Reichstag abgegebene.

Die zur Vorbereitung der weiteren Beratung vorgenom- mcne Gegenüberstellung des deutschen und des fran­zösischen Bankentwurfes zeigt folgende prin­zipielle Unterschiede: 1. In der Zusammensetzung des Kapitals von dem nach dem französischen Entwurf vier Anteile dem französischen Konsortium der Anleihe vom Jahre 1904 zufallen sollen und elf den anderen Mächten. Nach dem deutschen Entwurf soll jeder der Signatarmächte ein Teil zufallen. Dagegen sollen nach dem französischen Entwurf die Rechte des Konsortiums auf die Staatsbank übergehen, worauf Deutschland keinen Wert legt. 2. Nach dem französischen Entwurf soll die Auf sich: von einem durch die marokkanische Regierung angestellten Kommissar ausgeübt werden, wogegen der deutsche Entwurf in der Uebertragung der Aussicht auf das diplomatische Korps in Tanger eine stärkere Garantie für die Unabhängigkeit der Kontrolle erblickt. 3. Ter französische Bankentwurf null die Bank unter französische Konsulargerichtsbarkeit stellen, während der deutsche Entwurf eine gemischte Gerichtsbarkeit nach eghptischcm Muster Vorsicht. 4. Tie hochwichtige Fest­setzung der Statuten soll nach dem französischen Entwurf durch den Verwaltungsrat gemeinsam mit der Versammlung der Aktionäre erfolgen, nach dem deutschen Entwurf durch den Verwaltungsrat und die Aufsichtsbehörde.___________

Polstische Lagesschau.

Ein Aufruf au die Professoren uud Studenten

der deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen ging uns heute zu, unterzeichnet von Rudolf Bode (früher evang.), stuck, philos., Leipzig; Max Ahrem (früher reform.), stud. philos., Leipzig; Albert Gabriel (früher kath.), stud. philos., Leipzig; Otto Gabriel (früher kath.), stud. philos., Leipzig, und Alfred Dieterich (früher evang.), stud. philos. in Berlin. Es heißt darin im wesentlichen:

Die schwer erkämpfte Freiheit des deut scheu Gei st es ist in Gefahr. Keinen offenen Vorstoß wagen die Gegner. Si J führen einen stillen schleichenden ' Agriff wider die -Selbst­bestimmung der Persönlichkeit, die sie wie im Mittelalter in dog­matische Fesseln schlagen wollen. Und nur nllzuschwach ist die Widerstandskraft der zur Abwehr 6eruierten Männer, immer klein­mütiger und schüchterner wird ihr Protest. Schon i st d e r deutsche Staat ganz ins Schlepptau dieser fin­steren Mächte gerat en. Der Geist der Unfreiheit durch­dringt verheerend immer weitere Schichten unseres zu den höchsten Külturaufgaben berufenen Volkes.

Wir sind der Ueberzeugung, daß an diesen traurigen und unwürdigen Zuständen die zweideutige und unentschie­den e H a l t u u g d e r H o ch i ch u l e n die .Hauptschuld trägt. . . . Der deutsche Student ist gewohnt, in seinen Lehrern iiidji nur Lehrer der Wissenschaft, sondern auch feine geistigen Führer und Erzieher zu sehen. Mir legen das ernste und freimütige Be­kenntnis ab, daß nach unserer Ueberzeugung ein großer Teil der akademischen Lehrer dieser seiner wichtigsten Aufgabe untreu geworden ist.' Das ehrfürchtige Verhältnis der _ akademischen Jugend zu ihren Lehrern ist in Gefahr. Die Professoren haben keine Vorstellung, wie eine große Anzahl der Studenten über die Unfreiheit ihrer heutigen Lehrer benlt._ Es ist Ehrenpflicht jedes akademischen Lehrers, auch nach außen eine vollkommen autonome Persönlichkeit darzustellen. Die Zugehörigkeit zu einer der überkommenen kirchlichen Konfession en^ ist bei der Mehrzahl der Akademiker nur noch ein äu ßerer Sch c i n. Tatsächlich fühlen sich schon längst Professoren und Studenten in überwältigender Mehrheit von jeder konfessionellen B i u d u n g f r e i. Wir halten die blinde oder nur äußere Zugehörigkeit zu einer Konfession, welcher Art diese auch sei, für völlig un­vereinbar mit der Würde und Verantwortlich­keit eines akad. Bürgers! Die akademische Freiheit be­deutet die schlechthinnige Unabhängigkeit jedes einzelnen in allen geistigen Fragen, die religiösen Fragen otö die wichtigsten mit ein­geschlossen.

Darum bitten wir dieTozenten der nichttheologischen Fakultäten, soweit sie nur noch äußerlich zu ihrer Konfession ge­hren, in corpore aus den verschiede n cn K i rcben auszutreteu uud mit Entschiedenheit dahin zu wirken, daß die theologische Fakultät als dem akademischen Geiste widersprechend aufgehoben werde. Alle akademischen Mit­bürger, Professoren und Studenten, fordern wir auf, offen und

mit höchster Aktivität in den konfessionellen Kämpfen der Gegen­wart «Schulgesetzvorlage, Toleranz-antrag' steflnnq zu nehmen.

Und nun sagt ein Appell an die Kommilitonen, schleu­nigst sichofyne Ausnahme von den hemmenden Fesieln der überlebten Konfessionen loszulösen". Die Unterzeichneten haben ihren Austritt aus der Kirche eingeleitet.

Die Ausschüsse der deutschen Studentenschaft ersuchen wir, allqemeitke Studentenversammlungen einzuberufen, die in offener Aussprache den wahren Begriff der akademischen Freiheit zu finden suchen, bereit Teilnehmer dann aber auch bereit sind, bad als wahr und sittlich notwendig Erkannte mit aller Kraft verwirklichen zu helfen. Die Unterzeichneten bereiten eine Organi­sation deutscher Studenten vor, welche mit Wort und Tat auf eine religiös-sittliche Vertiefung des akademischen Lebens hin- arbeiten und notwendig gewordene Reformen des heutigen Uni­versitätsbetriebes anregen will.

Die 5 jungen Herren haben wohl keine Ahnung davon, wie unsäglich lächerlich sie sich mit diesemAufruf" machen. Nach ein paar Jahren schon werden sie wohl diesen Streich als einen der unbesonnensten ihres Lebens bedauern. In München verhinderte übrigens die Polizei vor der Universität die Verteilting dieses Flugblattes._____________

Preußisches Abgeordnetenhaus.

Berlin, 21. Febr.

Die zweite Lesung des Just'zetats wird fortgesetzt. Abg. Schiffer (nt.) beklagt die Sage der unbesoldeten Asseso - ich. Der Rest des Justizetats wird genehmigt.

Es folgt die zweite Beratung des Etats der Bauverwaltuug. Abg. v. P a-ppenheim (Font) bemerkt, daß die in der Käual- vorlage vorgesehenen Schiffahrtsabgaben Beunruhig­ung namentlich in Süddeutschland hervorgerufen hätten. Im Namen seiner Freunde habe er auf das Allerentschiedenste zu erklären, daß er in feine Melioration irgend einer Wasserstraße einwilligen werde, ehe die Frage der Schiffahrtsabgaben geregelt sei. Eisenbahnministcr v. Budde dankt tarn Vorredner für seinen Vortrag, mit dem die Staatsregierurrg völlig einverstanden sei. -Gegen die Schiffahrtsabgaben habe sich jener Rummel er* hoben, der sich so leicht gegen jede Abgabe anstiften taffe. Die Regierung habe den festen Willen, die in der Kanalvorlage vvrgeschriebenen Schisfahrtsabgaben einzuführen und durchzuführerr. Abg. Dahlem (Ztr.) ist kein Gegner der Schiffahrtsabgaben. Abg. Brömel (fr. Vg.) erklärt sich gegen Schiffahrtsabgaben. Abg. Graf Kanitz erklärt, von einer Belast­ung der Schiffahrt durch die geplanten kleinen Abgaben könne keine Rede sein. Der Staat könne auf die Schiffahrtsabgaben nicht verzichten. Minister v. Budde hält es für unmöglich, die Frage der Höhe der Abgaben jetzt schon zu lösen. Die Abgaben sollen nur die Amortisation und Verzinsung des aufgewendeten Kapitals decken. Bei kleinen Flüssen werde man sie selbst so hoch nicht bemessen können. Abg. Funck (fr. Bp.) wendet sich gegen die Ausführungen des Abg. v. Papvenyerm. Für die Frei­sinnigen heiße es gegenüber den Schiffahtsabgaben: Principiis obfta! Abg. Macco (nl.) lehnt die Schiffahrtsabgaben nicht grundsätzlich ab, verlangt aber, daß sie sich in mäßigen Grenzen holten und der Verbesserung der Wasserwege dienen. Abg. von Zedlitz erklärt sich mit den Erklärungen des Ministers v. But^e vollständig einverstanden.

Deritsehes Aerch.

Berlin, 21. Febr. Die Meldung, daß der König von England dem Kaiser zu seinem Geburtstage einen herzlichen Brief geschrieben habe, ist richtig. Es war bekannt, daß manche Bemühungen von beiden Seiten, die persönliche Verstimmung zwischen den beiden Monarchen zu beseitigen, so weit Erfolg gehabt haben, daß nach der Atisnahme des brieflichen Verkehrs auch einer persön­lichen Begegnung in absehbarer Zeit nichts mehr im Wege steht.

Heute versammelten sich in der Universität über 150 Vertreter der deutschen chemischen Wissenschaft und In­dustrie. Der vorbereitende Ausschuß wurde ermächtigt, eine Petition an den Reichskanzler, betreffend die Begründung einer chemischen Reichsan st alt in Groß-Berlin, zu, richten.

Baron de Eourcel, der lange Jahre in Berlin französischer Botschafter war und als französischer Vertreter der Beisetzung des Königs Ehristian in Kopenhagen bei­gewohnt hat, hält sich seit zwei Tagen in Berlin auf. Er hat gestern den Reichskanzler Fürsten Bülow zufällig in der französischen Botschaft getroffen. Bei den alten Beziehungen, die ihn mit dem hiesigen Hofe verbinden, wird er wahrschein­lich auch vom Kaiser empfangen werden.

Köln, 21. Febr. Heute fand hier unter Teilnahme des Oberpräsidenten Frhrn. v. Schorlemer, sowie vieler hervor­ragender Vertreter des Staates, der Gelehrtenwelt und der Großindustrie die Gründung einer Vereinigung für rechts- und staatswissenschaftliche Fortbildung statt.

AoLoiiialpoft.

Man meldet aus dem Haag, daß der Auf st and der Eingeborenen auf Celebes (niederländ. Besitzung) fast vollständig unterdrückt sei. Nach einem hartnäckigen Kampf eroberten die holländischen Truppen das Lager der Aufstän- digen. In diesem Gefecht wurden 90 Aufständige getötet, während auf holländischer Seite nur 11 Soldaten verwundet wurden. Der Aufstand ist nur noch aus ein Gebiet in der Umgebung von Poffo beschränkt, wo die Aufständigen in großer Zahl vorhanden sind.

Wie das Reutersche Bureau erfährt, sollen die Un­ruhen in der britischen Kolonie Nigeria von dem 2(uftretcn eines neuen Mahdi unter dem mächtigen Stamme der Tu- areqs, der seinerzeit den Franzosen soviel Mühe gemacht hat, herrühren. Obgleich noch feine weiteren Einzelheiten vom Oberkommissar vorliegen, so geben doch aus anderen Quellen eingegangene Depeschen zu der Vermutung Anlaß, daß nicht nur englische, sondern auch französische Truppen in die Nie derlage verwickelt worden sind. Tas Gefecht hat am 14. Februar stattgefunden. Der Ort ist unbekannt, doch ist es wahrscheinlich, daß es dicht an der französischen Grenze nordöstlich von Sokoto stattgefunden hat. Man hegt die Er­wartung, daß Frankreich beim Vorgehen gegen den neuen Mahdi seine Unterstützung gewähren wird. Innerhalb von

drei Wochen werden 1000 Mann englische Truppen in Kano versammelt fein.

Ein römisches Blatt hat ein Telegramm aus Asmara erhalten, wonach die Auf ständigen in fernen unter Jman Peja die Türken bei Sa hada schlugen. Ein tür­kischer General sei tot, ein anderer verwundet, und vier Kanonen sollen erobert fein.

DerTimes" wird aus Kapstadt gemeldet, die deut­schen Behörden in Südwestafrika hätten eine Prokla­mation erlassen, wodurch gewissen Personen die Einwan­derung in deutsches Gebiet verboten werde. Die Farbigen dürften keinen Eintritt in deutsches Gebiet erhalten. Der deutsche Generalkonsul in Kapstadt habe jedoch erklärt, das Verbot sei nur ein zeitweiliaes.

Autzland.

Im Ministerrat wurde festgestellt: Mau könne mit vollem Recht auf die rechtzeitige Durchführung der Reichs dum aw ah len rechnen, ebenso auf den Zu­sammentritt der Reichsd uma in der zweiten Hälfte des April alten Stils. Höchstens könnten das Zusammen­fallen der Wahlen mit dem Osterfest und die Wegelosigkeik in manchen Gegenden im Frühjahr die Durchführung etwas verzögern. Taher wird es vielleicht erforderlich sein, von der vorgeschriebenen Wahl der Abgeordneten an einem Tag Abstand zu nehmen. Der Ministerrat erkennt es als not­wendig an, von nun ab den verstärkten außerordentlichen Schutz und Kriegszustand unter Kontrolle der höchsten Re­gierungsorgane zu verhängen. Bei der Unmöglichkeit der sofortigen Aufhebung der angeordneten Ausnahmemaß­nahmen bezeichnete es der Ministerrat als wünschenswert, vor allem die Zahl der unter Kriegszustand befindlichen Gegenden zu beschränken und sie zeitweiligen General­gouverneuren unterstellen.

Tas Finanzministerium beabsichtigt, die Tabak- a k z i s e um 35 Proz. zu erhöhen, wodurch die Prima- sorten 90 und die Sekundasorten 48 Kopeken pro Pfund teuerer wurden. Für 1000 Zigaretten soll eine Erhöhung der Akzise von 200 auf 270 Kopeken ein treten. Die Steuer umschließt Zigarettenpapier und Hülsen.

In diplomatischen Kreisen werden kriegerische Verwickelungen zwischen Rußland und China ernst­lich für möglich gehalten. Rußland hat China seine Wünsche ausgesprochen uno auch Verträge nicht erfüllt, weshalb jetzt China Vergeltung üben wolle. Tarin werde die Pekinger Regierung von Japan offen unterstützt und England sei im Stillen einv erst ändert. Der gegenwärtige Zeitpunkt scheine China am geeignetsten, um gegen Rußland vvrzugehen, da es durch den Krieg mit Japan geschwächt sei. Es wird befürchtet, daß China ein etwaiges Fiasko der .Konferenz von Algeciras benutzen würde, um feine Absichten ourch- zuführen. Tie augenblickliche Lage Rußlands in der inter­nationalen Konstellation sei keine beneidenswerte.

Der Präsident der 7. Abteilung der russischen Fabrik­arbeiter, Petrow, macht in der ZeitungRußk" sensationelle Mitteilungen über den entflohenen Priester Ga- pon, der bekanntlich am 21. Januar v. I. die Peters­burger Arbeiter nach dem Winterpälais führte. Gapon erhielt danach kurz nach jedem Unglückstage 30 00 0 Rubel durch F ü r st Ti m i r j a s e w, den jetzigen Handels--' Minister, vom Grafen Witte angewiesen und zwar, wie Gapon dem Petrow mitteilte, damit er ins Ausland flüchten könne. Vorher solle erjebod) alle Verluste, welche den Arbeitern durch die Schließung ihrer Versammlungen nach dem 21. Januar entstanden waren, von dieser Summe decken. Gapon habe für diesen Zweck tatsächlich 7000 Rubel hergegeben, während er die übrigen 23 000 Rubel einsteckte und ins Ausland abreifte.

Vier in Riga zum Tode verurteilte Revolution näre richteten ein Gn adengesuch an den Zaren, dieses wurde abschlägig beschieden. Ter GenerÄgouverneur bestätigte das Urteil, änderte es aber dahin ab, daß die Todesstrafe durch Erschießen anstatt durch 'Erhängen voll­streckt werden solle. Dies ist geschehen.

In Stanitza Gianinsk im Kubangebiet meutern 600 Kosaken vom Regiment Urup. Gegen die Meuterer, die sich verschanzt haben, sind Truppen mit fünf Maschinen­gewehren entsandt worden. Es ist bereits zu einem Zu­sammenstoß gekommen, doch liegen bis jetzt keine Einzel- heiten vor.

Porjrag üöec WerLzurvachssteuer. (Original-Bericht desGieß. Anz.") Gießen, 22. Februar.

In einer von der Gießener Ortsgruppe des Bundes deutscher Bodenreformer veranstalteten, gut besuchten Versammlung im Cafe Ebel sprach am 19. d. 2)1. Privat- dozent Dr. Koeppe aus Marburg über die Wertzuwachs­steuer. Der inhaltreiche und tief durchdachte Vortrag gliederte sich nach den drei Hauptfragen der Berechtigung, der Ein­richtung und der Wirkung dieser Steuer. Ihre Berechti­gung ergibt sich aus dem Wesen der städtischen Grundrente; denn ihr vor allem gilt die Zuwachssteuer. In allen auf* strebenden Städten steigt der Wert des Bodens. Jede Auf­wendung von feiten der Gemeinde, jede Hebung von Wirt­schaft und Verkehr, ja auch die wissenschaftliche Arbeit bei­spielsweise in einer Universitätsstadt spiegelt sich getreu wieder in dem Emporgehen des Bodenpreises. Denn die wachsende Menschenzahl braucht immer mehr Raum zum Wohnen und 9(rbeiten, die Nachfrage nach dem Boden steigt, während das Angebot nicht Schritt halten kann. So müssen die Preise in die Höhe gehen, am meisten in der Innen­stadt, in abnehmendem Maße nach den Außenvierteln zu noch über sie hinaus. In Charlottenburg ist der Wert des gesamten Grund und Bodens von 45 Millionen Mark i-.h Jahre 1886 auf 300 Millionen im Jahre 1897 ge- fiiegen, in einem einzigen Jahre betrug sein Wertzuwachs 34 Millionen. Wer hat diesen Wertzuwachs ge­schaffen ? In der Hauptsache nicht der Bodenbesitzer, denn er kann inzwischen in Italien oder am Nordpol oder gar im Gefängnis gesessen haben. Wenn nur in derselben