Erstes Blatt
156. Jahrgang
Donnerstag22. Februar 1906
b ruderet.
ange.
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Nr. 45
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Metzener Anzeiger
" General-Anzeiger 67
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Die heutige Kummer umfahl 8 Setten.
Der helstsche Staatshausöalt für 1906.
Die Erklärung in der allgemeinen Betrachtung des Finanzausschusses, daß bei den alljährlichen Mehrausgaben des hessischen Staatsvoranschlags die vielen Neubauten eine große Rolle spielten, wird bewiesen durch die Tatsache, daß im zweiten (Vermögens-) Teil deS Etats für bauliche Herstellungen rc. insgesamt 7182 028 Mk. für das Jahr 1906 verlangt werden, abgesehen von den Millionen, die im ordentlichen Etat für die Neu- resp. Erweiterungsbauten, Renovierungen rc. der Staatsinstitute, Universität, Hochschule, Bad-Nauheim rc. angesetzt sind. Davon entfallen auf daS Ressort deS Ministeriums des Innern 1899 153 Mk., auf daS Ressort deS Ministeriums der Justiz 1 368 483 Mk. und auf daS Reflort des Ministerium? der Finanzen 3 914 392 Mk. Für das Ministerium des Innern hat der Finanzausschuß für ein Dienstwohngebäude deS KrcisratS zu Lauterbach 19 000 Mk., für Kanalisation verschiedener staatlicher Gebäude in Gießen 2 4000 Mk., für Vergrößerung der Aula in Gießen als letzte Rate 21000 Mk., für Zentralheizung im Auditorium hier 14 3 00 Mk. und alle schon früher mitgeteilten Summen für die Klinikbauten bewilligt, ebenso die Umbaukosten für das Schullehrerseminar Friedberg.
Für das Gymnasium zu Offenbach, dessen Gesamt- kosteu auf 443 700 Mk. berechnet sind, zahlt die Stadt Offenbach einen Beitrag von 80 000 Mk., den Nest von 363 700 Mk. trägt der Staat und der Finanzausschuß bewilligte als erste Baurate 281 000 Mk. Für das Schullehrerseminar Alzey wurden zur Errichtung eines Flügelbaues, Herstellung einer Niederdruckdampfheizung re. 47 400 Mk. bewilligt; für die Blindenanstalt Friedberg 10 800 Mk. zur Errichtung eine" Arbeitsbaracke, für die Wein- und Obstbauschule zu Oppen- ff c i in für eine Bewässerungsanlage im Kläuerchen 8000 Mk., für das Gutenberg-Museum in Mainz als 6. Nate 2500 Mk., für die Erweitung der Werkstätten- und Ausstellungsräume in der Zentralstelle der Gewerbe zu Darmstadt als letzte Rate 25 000 Mk.. und für die Erwerbung der Kaiserpfalzkapelle zu Wimpfen 17000 Mk. Für Kunststraßenwesen, als Beitrag an die Gemeinden zur Erbauung :c. von Kreis- siraßen wurde ein Betrag von 105 000 Mk. bewilligt. Eine schwere Lall ist dem Lande auch durch die Fürsorge für die Geisteskranken aufgebürdet. Der Ausschuß geneffmigte für die Landesirrenanstalt Pffilippshospital zur Schaffung einer Kläranlage re. 85 000 Mk., für Kanalisationsarbeiten der Landesirrenanstalt Heppenheim 8 470 Mk. und als 3. Nate für den Bau der Irrenanstalt Gießen 330000 Mk. und für die Irrenanstalt Alzey als 3. Rate 806000 Mk. Die Gesamtkosten beider Anstalten sind auf je 1800000 Mk. berechnet.
Für das Justizministerium wurde von: Finanzausschuß ein früherer Restbetrag von 8000 Mk. für Erneuerung resp. Ergänzung der inneren Einrichtungen im alten Gerichtsgebäude zu Darmstadt, 7300 Mk. für die innere Ausstattung des Amtsgerichtsgebäudes zu Beerfelden, 13 2000 Mk. für einen Anbau am Sitzungssaal des Amtsgerichtsgebäudes zu Langen, 29 000 Mk. für das Amts-
gerichtsgebäude zu Büdingen, 48000 Mk. für das Amtsgerichtsgebäude zu Laubach, 490 700 Mk. für das neue Justizgebäude und Provstizialarresthaus zu Mainz als 1. Rate, 36 500 Mk. für das Amtsgerichtsgebäude zu Worms als letzte Rate, 918000 Mk. für das Landeszuchthaus Marien schloß als letzte Rate und 165000 Mark für die Zellenstrafanstalt zu Butzbach. Bei letzterer ist ein Erweiterungsbau notwendig geworden infolge des Beschlusses der Regierung, das Gefängnis in D armstadt Ecke Bleich- und Grafenstraße als 'veraltet und den neueren Grundsätzen widersprechend eingehen zu lassen und die Gefangenen in Butzbach unterzubringen, sodaß alsdann sämtliche männliche Gefangene mit mehr als einem Monat Strafzeit in der Zellenstrafanstalt Aufnahme finden werden. Ter Finanzausschuß begrüßt diese Maßnahme mit Freude, da sie sowohl eine Verbesserung des Strafvollzugs wie eine Kostenersparnis bringt, deren Kapitalisierung nach Ansicht der Regierung sogar die Kosten des Erweiterungsbaues um mehr als das Doppelte übersteigen wird. Das Gefängnisgebäude in Darmstadt soll veräußert oder anderen staatlichen Zwecken zugeführt werden. — Endlich sind im Justizetat noch für Anlegung neuer Gr undbücher 337433 Mk. bewilligt. Im Ressort des Ministeriums der Finanzen betragen die Ausgaben für Bauwesen allein 247 150 Mk., darunter für ein Tienst- und Wohngebäude der Oberförsterei Michelstadt 34150 Mark, für zwei Dammwärterwohnungen zu Gins he im 27 000 Mk., für eine Tienstwärterwohnung zu Groß-Steinheim 7100 Mk. und für Verbesserung des Fahrwassers imRheinbeiGinsheim als 1. Rate 50 000 Mk., endlich für eine Oberförsterwohnung in Viernheim 31300 Mk. Ter Hauptteil der Ausgaben des Finanzministeriums betrifft das Kapitel Staatseisenbahnen mit 2 454 178 Mark. Hier wurden als letzte Baurate für E r we i ter u u g des Bahnhofs Hungen 166 000 Mk. (Gesamtkosien 416 000 Mk.), für Erweiterung des-Bahnhofs Lauterbach als erste Rate 100 000 Mk. (Gesamtkosten 210 000 Mk.), für Vermehrung der Betriebsmittel 1530 000 Mark, für Herstellung von schwerem Oberbau 600 000 Mk. re. bewilligt, ebenso fand her Umbau des Bahnhofs ppen- ff ei m behufs Einführung der Nebenbahn Heppenheim— Lorsch Genehmigung.
Die Anforderungen, die bezüglich der Forst-- und Karne- ral-Domäuen des Großh. Hauses an den Etat gestellt werden, fallen infofern weniger ins Gewicht, als sämtliche Pächter der Hofgüter ufw. die für neue oder'veränderte Baulichkeiten aufzuwendeudeu 'Summen mit 4 Proz. zu verzinsen sich verpflichteten. Eine lebhafte Debatte entspann sich im Finanzausschuß nur über eine nachträgliche Forderung für Jagdschloß Wolfs garten. Tort war schon 1903 ein Teehaus für 24 216 Mk. ohne Genehmigung der Kammer errichtet worden, wofür die Kosten jetzt im Etat gefordert wurden. Hierüber entstand im Ausschuß eine nicht geringe Mißstimmung. Es wurde festgesteUt, daß den Baubedürfnissen des Großh. Hauses seither immer Dehnung getragen worden sei, daß aber der vorliegende Fall ein grundsätzliches Abweichen von der Gewohnheit darstelle, mit dem sich der Ausschuß nicht einverstanden erklären könne. Nicht allein für die Regierung, die ihr Bedauern über das nicht korrekte Verfahren aussprach, sondern auch für den Ausschuß sei hierdurch eine peinliche Situation geschaffen worden. Wenn trotzdem die Mehrheit des Ausschusses sich bereit fand, die angeforderte Summe zu bewilligen, so tat sie dies in Anerkennung des für sie nachgewieseneu Bedürfnisses zur Schaff
ung eines geeigneten Rauntes, aber unter ausdrücklicher Verwahrung wegen allenfallsiger zukünftiger ähnlich gearteter Fälle. Ter Antrag auf Bewilligung wurde mit 5 gegen 3 Stimmen angenommen.
Deutscher rrerchstag.
* (4 9. Sitzung vorn 21. Februar.)
Am Bundesrarstnche: Dr. Klüqmann aus Lübeck.
Aus der Tagesordnung steht zunächst die zweite Beratung des von den Abgg. Albrecht und Gen. (Soz.) beantragten Gesetz» entwurses, belr. die Volksveriretnng in denBundeS- st a a t e n und E l i a ß - L o t h r i n g e n.
Abg. Herzseld (Soz.) be'ürivortet den Entivuri. Wenn sich die bürgerlichen Parteien gegen dessen Annahme sträubten, so geschehe dies, iveil sie ihre eigene politische Macht nicht ausgeben wollten. Er erinnert an die Erklärung des JustizminislerS Beseler im preußischen Landtage, daß mit aller Strenge gegen die Sozialdemokratie von den bestehenden Gesetzen Gebrauch gemacht werde. Es sei das eine unglaubliche Prostitution der Justiz und kein einziger Protest sei von bürgerlichen Abgeordneten oder der bürgerlichen Presse gegen diese unglaubliche Prostitution der Justiz er- gangen. (Präsident Gras B a l l e st r e m rüst den Redner wegen dieses unzulässigen Ausdruckes zur Or d n u n q.) Redner geht dann auf die Verhältnisse in Mecklenburg ausführlich ein.
Abg. Tr. Stöcker (christl.-soz.) lehnt den Antrag ab und macht die Sozialdemokraten für die Revolution in Rußland verantwortlich. Tie dort geschehenden Uebeltaten könnten die Sozialdemokraten nimmermehr von sich abschütteln.
Abg. W i l l b e r g e r (Els.) polennsiert gegen die neulichen Auslassungen des Abg. Blumenthal. Er und seine Freunde seien für das allgemeine gleiche Wahlrecht im Landesausschuß, aber den sozialdemokratischen Antrag könnten sie nicht annchmen wegen der Tetailvorichriften desselben über Frauen-Wahlrecht und Wahlalter.
Abg. Schlnmbcrger (natl.) roifi keine Ungleichheiten der Klassen. Seine Partei wolle keine Klassen-Unterschiede.
Abg. Bernstein (Soz.) tritt den Stöckcr'schen Ausführungen über die Sozialdemokratie als treibende Ursache der russischen Re- vchition entgegen. Redner wendet sich dann, den Antrag seiner Partei empfehlend, namentlich noch gegen die Ecklärung des Grafen Posadowsky vom 7. ds.
Abg. Gerl ach (frs. Pg.) bemerkt, es werde getrennte Ab- stimimmg beantragt werden über die Punkte wegen des Frauen- Wahlrecht s und des Stimmrechtes schon von 20 Jahren an. Er selbst würde nicht Anstand nehinen, auch diesen beiben Punkten zuzustimmen. Ob 20 oder 25 Jahre, sei am Ende ziemlich gleich- giltig. Redner weist besonders auf die süddeutschen Staaten hin, in denen man sich nicht scheue, die Arbeiter zum Landtage zuzulassen.
Abg. v. K a r d o r f f (Rv.): Abg. Bebel sagte neulich. Bis- ir.ard habe mal gesagt, d'e ganze Sozialpolitik sei nur den Sozialdemokraten zu verdanken. Ich habe mich über diesen Punkt mit bem Fürsten Bismarck unterhalten unb ba hat er mir gesagt, daß er selbst früher durch Gespräche mit Wagner, der schon damals eine soziale Gesetzgebung im Sinne hatte, wie wir sic heute haben, und dann durch Gespräche mit Lassalle über die soziale Frage unterrichtet sei. Bei keinem Menschen ist so der kategorische Jm- pcratw der Pflicht vertreten gewesen, wie bei Bismarck. Als er daher zu der Ueberzengung gelangt war, daß es eine Pflicht des Staates sei, für die Schwachen zu sorgen, unb daß es nicht angängig sei, den invaliden Arbeiter ins Armenhaus zu stoßen, hat er sofort die soziale Gesetzgebung in die Wege geleitet. Bebel berief sich auf den Prinzen Ludwig von Bayern. Ich nmete nicht, daß Prinzen bet Ihnen eine solche Autorität genießen. (Heiterkeit.) Der geschickteste Byzantiner hätte den Prinzen nicht bester umschmeicheln können, als Bebel, der da sagte, das Volk roürbe ben Prinzen Lubwig zum beutschen Kaiser wählen. (Heiterkeit.) Ich habe nie Talent zum Byzantiner gehabt, ich habe roeber nach oben noch nach unten scharrocnzelt. Sie (zn ben Sozialbemokraten) scheinen Talent für beibes zu haben. (Heiterkeit.) Sogar auf Bismarck hat sich Bebel berufen. Bismarck hat bas berechtigte Prinzip bes allgenteinen Wahlrechts anerkannt; aber bei Beseitia-
Hießener Hheatervereirr.
D'Mali.
Schauspiel in 4 Aufzügen von Max Bernstein. (Buchausgabe bei S. Fischer in Berlin).
IL
Schluß.)
Man sieht, d'Mali ist ->n Juristenkind. Ter Schuster Lechner ist nur der Adoptivvater. Ein gescheiter Rechtsanwalt hat eine Münchener Liebelei zu einem bühnenforensischen Nachspiel gewandt dialogisiert, einen volks- rechtlicheu Tialog aus dem akad. Vortragssaal auf die Bühne geschoben. Tiefe Einsicht birgt das literarische Urteil seines Stückes in sich. Herr J.-R. Bernstein huldigt wohl einem gemäßigten Demotratismus. Er steht zwischen „dera Partei, die wo die Welt überzwerch anschaut", deren Repräsentanten, den majestätsbeleidigenden Schriftsetzer und Bruder der Mali, er als cinen^ faden „Laps?" schildert, und der Rechten (Landgerichtsdirektor). Und so ward denn schon ans dieser politischen Stellungnahme ein Gemisch von Volksstück und Simplizisfimns-Novelle. Bernsteins Drama ist lange nicht so bodenständig als etwa die kleinen Theaterstücklein und großen und kleinen Erzählungen feines jüngeren Kollegen Thoma. Wer brillant ist doch feine Zeichnung des Milieus. Die Figuren haben, trotz alles Typischen, Leben und Seele, und sie reden ohne Schwulst, ohne Uebertreibungen, ohne Pathos. Dem zarten feinen Seelchen Malis widmete der Dichter feine besondere Neigung. Manch feiner Zug eines einfachen liebenden Mädchenherzchens wird uns offenbar. Ter Rechtspraktikant, der Bruder unzähliger Figuren aus unserer Dramenliteratur (feinen nächst älteren lernten wir im vorigen Jahre als Regierungsafsesfor in Fuldas „Maskerade" kennen) hat jedenfalls bei den griechischen Philosophen gelesen, daß die Musik eine Verführerin und der Schlüssel zum weiblichen Herzen ist. Im übrigen aber ist er unklar, schwankend, in jedem Akt anders, das Prototyp eines unfertigen Jünglings von heute, ein anständiger Hannebambel. Ter olle ehrliche Lechner, der Münchener Schuster, stirbt auf der Bühne nie aus, diesmal ist er ein Manu, der vor allem feine kgl. bayerische Ruhe haben will, ,,a Münch'ner .Bürger, der auf der Welt nix fürcht' wie 's
neue Bier und die leeren Maßkrüg", und der jeden Aerger möglichst vermeidet, wenn er Weißwürste gegessen hat.
Vollste .Lebenswahrheit bringt der Schluß, so gerührt und romanhaft auch stellenweise der letzte Akt ist. Tie von Papa Tirektor gnädigst gewährte Scheinfrist eines Jahres zur Prüfung wird vorübergehen, wie er es wünscht und voraussieht. T'Mali verliert ihren Geliebten und behält nur ihr Apostroph. „Tie Leut", bemerkt der alte Lechner sehr richtig, „des san am al kein Leut für uns. Bleibn mer Ijaft beinand."
Bernsteins Trama ist ein wehmütiges Münchener Faschingsstück. Und zur Faschingszeit lernten wir es kennen. Mit Frl. C e n t a B r ö in der Titelrolle. Und so hatte denn Herr Bernstein gewonnenes Spiel. Wie eine jüngere Schwester der Agnes Sorma erschien uns gestern Frl. Bre. Als eine ins Baj uv arische übersetzte Maria Magdalena erschloß uns Frl. B. die ganze Tiefe der liebenden Weibseele. Wie wunderbar traf sie den schlichten Grundton der Enge! Sie war das echte liebe Münchener Mädel voll herzlicher Ehrlichkeit und inniger Gläubigkeit, voll lauter Liebe und voll lauter verständiger Herzenseinfalt, geraden Sinnes, ohne Falsch, arglos und ganz Natur, unbewußte Lieblichkeit und gewinnende Anmut, ihren wenigen, aber dafür um so vertiefteren Gefühlen völlig hingegcben, ganz unauffällig, c^tnz berechnungslos; unb dabei zugleich doch auch ganz Seele. Tas liebe, rührende, hilflose und doch schließlich so heldisch starke, klare und gereinigte, opferbereite wehe Seelchen der naiven Mali machte die Künstlerin zu ihrer eigenen Seele, einer Seele, oie frifch und froh die Lust liebt und daS Lachen, die frei und fromm Gott gibt, was Gottes ist und darum auf sich selber hält — bis der Rechte kommt, dem sie alles opfert, auch ihr Glück. Und da sah man denn, dak Frl. Bre zur Lust mehr neigt als zum Leide, daß sie weniger Sentimentale als Naive ist, voll größerer, echterer Gestaltungskraft in der Unschuld als der Schuld, in zitterndem Glücke als in zagender Furcht. Toch immer hoch ist ihre Kunst und lauter wie ein Diamant, schlackenlos rein von jeglicher Geziertheit, nirgends ein Festklammern an Aeußerlichkeiten. Das ganze, un- gemein sparsame, diskrete, von natürlicher Grazie wie von feinstem Herzen aus geleitete Aeußere bringt nur das Innere zum Ausdruck. Ihre von holdestem Liebreiz getragene Darstellung ist nichts weniger als ein Mosaik
gleißender Details, sondern die mit schlichtester, d. h. tiefster Künstler schäft geschehene Verleiblichung der in Worten ihr gebotenen, seelisch erst von ihr geschaffenen, in ihrer Totalität erschöpften Gestalt. Es ergoß sich über das Auditorium ein Strom von Wärme, der in herzlichstem Beifall, in innigem Tanke für das Erschließen einer Mädchenseele mündete, und man hatte wohl allgemein das Empfinden: Frl. Bre machte das Stück. Statt von einer so ungewöhnlich begnadeten Künstlerin, von einer Durchschnittsfchaufpielerin die Mali dargestellt würde ihr Todesurteil bedeuten.
Herr Lüttjohann spielte ben Eduard. Was er aus dieser Figur herauszuholen vermochte, das nahm er. Ms Liebhaber war er natürlich, gefühlvoll und echt im Ton, aber doch ohne das VerM>rerische, das Gleißende und Leuchtende und Lockende, das dieser junge Doktor der Rechte zwar nicht unbedingt nötig hat, aber doch sehr gut vertragen kann. Aus einer gewissen Trockenheit kam er den Abend nicht heraus, am wenigsten im 4. Akt. Eine klügere Mali hätte dieses Jünglings haltlos nüchterne Seele wohl schon vor der durch ihn brutal beendeten Betszene erkannt. Dem jovialen Papa Lechner gab Herr Lippert ein weiches, harmloses Kinderherz, das ergriff; aber doch wohl ein bischen zu viel Weinerlichkeit. Dieser bierfroffe Münchener hat viel Humor und das Herz auf dem rechten Fleck. Tie überftüffige Figur des Stückes, den trotzig sich aufbäumenden Proletarier, der nur dazu da ist, um den Unterschied in den Anschauungen der Men unb ber Jungen im Kleinbürgerstanbe barzutun unb bie bamit herbnnbenen Gefahren an bie Wanb zu malen — also weniger eine bichterische, als eine politische Kontrastfigur — spielte Herr Goll mit tüchtiger Gestaltungskraft. Mit feinem Lanbgerichtsbirektor vermiet) Herr Wittmann alles Zuviel. Ter Dialog war pointiert, ohne geziert zu fein, Maske unb Haltung biefer Säule von Thron unb Altar „korrekt" — aber boch nicht ganz ohne bie Attituben bes Bösewichts. Jebenfalls fiel ber 3., ber Vätcrakt, ganz ab. Verbindlichere Formen, gewinnendere Tone auf Seiten des Landgerichtsdirektors hätten dem ganzen Akte helleres Lichk gegeben.
Um \l4 nach 10 Uhr war der Herzensroman zu Ende, und nach einer längeren Pause gab es bann noch etwas Andres, von Karl Andres ein in artige Verse gebrachtes und von kleidsamen Mädchengewändern umbrämteS niedliches
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