Ausgabe 
22.10.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Montag 22. Oktober 1906

156. Jahrgang

Nr. 248

Erscheint tagltd)

außer SonnlagS.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt , die Siebener Familien- I blätter viermal in der \

Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Univers.-Buch-u. Stein- druckerei. R. Lang«. Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulst ratze 7.

Redaktion 113

Verlag u.Exped.

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Anzeiger Gießen.

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G l etze ner Anzeig er s

General-Anzeiger v ,x-,ä

. den polit. und allgem.

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Eichen KWZ

__________________________________________________________ zeigenteil: Hans Beck.

Ate yeulige Ziummec umfatzt 8 Setten.

politische Lvocherrschou.

Gießen, 22. Okt.

Die Aufregung über die Hohenlohe-Memoiren tnt sich ^ienillch rusch wieder gelegt, vielleicht nicht zuletzt oesl)alb, weil der freche Gauner st reich ui Köpenick eine nicht minder große Sensation bereitete. Und Sensau tionen sind es, die das neuraftyenijche Zeitalter heißhungrig verlangt. Darum blieo auch die Rückkehr des Re ich s- kanzlers nach Berlin unbeachtet, darum ist es den meisten Deutschen recht gleichgültig, ob Hem v. Pod- bielski geht oder bleibt, mu> auch der bevorstehenden Er­öffnung der.-erbstsession oes Reichstags sieht man, üor- läufig werrigstens,inter -tat soll ja keine

Ueberraschuugen bringen, und wenn auch der Kriegs- Minister für .Spezlaizlvecke ein paar Millionen mehr verlangen sollte, wem anders macht daS sonderlich viel Kopfzerbrechen als dem Staatssekretär des Reichs­schatzamtes, dem wenig beneidenslo-erten Frhrn. v. Stengel! Daß das MrlUärbuoget von Jahr zu Jahr, selbst wenn keine außerordentlichclc Kredite ul Anspruch genommen werden, stetig anschwillt, daran sind wir gewöhnt. Selbst in den sauren Äpfel eurer kleinen Flottenvorlage würden wir beißen, ohne die Miene zu verziehen. Das sind alles keirreSensationen".

Eine Sensation aber ruar für weite Kreise des gesamten deutschen .Volkes die Bestätigung der .Beigeordrretenwahl des Sozialdemokraten Eißnert durch S. K. H. unseren Groß Herzog. Die reaktionären Organe sind außer sich darüber, daß unser frei blickender, von allen Engherzig­keiten und Voreingenommenheiten weit entfernter Landes­herr unter allen deutschen Monarchen als erster den Ver­such wagt, die Sozialdemokratie in den gesetzlichen Grenzen sich voll entwiaeln und in der Verwaltung sich betätigen zu lassen. AUt welchem Eudzwecte, das ist ja leicht ein- zusehen, obwohl sich gar viele alle Mühe geben, eifrig daran vorbeizusehen. So schrieb dieKreuzztg,":

,2Bir können uns das bedauerliche Vorkommnis nur so er­klären, daß der Großherzog entweder die revolutionären Bestreb­ungen der Sozialdemokratie nicht genügend kennt, oder daß er sein Beltätiaungsrechl nur als eine Formalität betrachtet und die damit verbundene Prüfungspflicht nicht anerkennt. Welche Verwirrung durch solche Maßregeln in den Reihen der staalstreuen und monarchisch gesinnten Bevölkerung ungerichtet wird, bedarf keiner Schilderung."

.Dre ,Verwirrung ist zuzugeben, wenn ihr auch vielleicht doch einmal eine Entwirrung folgen wird. Aber mit den revolutionären" Bestrebungen der Sozialdemokratie ist es doch nicht so schlimm, das haben lvir ja in der Massenstreit- affäre zur Ge'.iüge wiedär gesehen, und die Bestrebungen einzelner Hitzköpfe werden immer bedeutungsloser, je mehr voll maßgebender Seite deutlich gemacht wird, daß das Spiel mit dem Feuer nicht ernst, die sozialen Bestrebungen der Arbeiterklasie zur Hebung ihrer Gesamtlage aber desto ernster genommen werden, inoern man üyc Gelegenheit gibt, ihre Absichten in den Bahnen des Gesetzes in die Tat umzusetzen. Dann wird man ja sehen, wie weit sie mit überspannten Forderungen kommt, ebenso aber auch wird sie cinsehen, wie ioeit sich ihre Forderungen vernünftigerweise erfüll en lassen und wie weit-deren Grenzen in Zukunft zu ziehen sind. .Versuche der Herein- ziehuug der konsequentesten Opposition in Verwaltungs­stellen haben stets zu nützlichen Einsichten hüben und drüben geführt. Wie die Sozialdemokratie selber als Arbeit­geberin verfährt, ist ja aus tausend unerquicklichen Vor­gängen in genossenschaftlichen Druckereien, Bäckereien ufw. sattsam bekannt. DieGrenzlwten", denen reichsossiziöse Beziehungen bisweilen nachgesagt werden, schreiben außer Minder vernünftigen? folgendes ganz richtig:

»Seit die badische Ziveite Kammer einen Vizepräsidenlen hat der zur Hostaiel geht, mag man in Hessen einen Versuch bannt machen, aus einem Saulus einen Paulus, aus einem Aetämpser der staatlichen Ordnung eine ihrer Säulen zu machen. Wir wollen hoffen, daß das Experiment gelingt. Gelingt cs nicht, so wird der damit unmittelbar ungerichtete Schaden nicht groß jem und sich reparieren lassen."

Uni> das gibt selbst, freilich mit allerlei Einschranb- ungen, die agrar.Dtsche. Tagesztg." zu.

Uit[ere liebenswürdigen Mannsleute polnischer Zunge find seit einiger Zeit wieder fürchterlich aufgeregt, ultd in Ostelüien behauptet mau, es werde bei den edlen Po lacken seit dem letzten Jnsurretiionslrieg keine solche Revolutionsstiumuing mehr beobachtet, wie gegenwärtig. Doch man muß sich fragen, was die Polen mit ihrem Kamstse gegen das deutsche .Vaterunser bezwecken. Sie haben heute ebensowenig Aussicht wie früher, nationale Konzessionen abzupressen, und rvenu die Bewegung gegen den Religiollsunterricht in deutscher Sprache sortdauert, so ist höchstens eine Verschärfung der Poleligesetze zu erwarten. Schon jetzt glaubt die preußische RegiAmng äußerst scharf gegen die Führer dieser Bcweguiig vorgehen zu sollen. So sind der ReichstagKabg. v. E h r z a n o los k i, das Herrenhausmilglied v. Koscielski, sowie eine Reihe anderer Polenmitglieder des Sokolvereins wegen Ver­gehens gegen das Veeeinsgcsetz an gelingt worden, n>eti sie auf Einladung des Herrn v. Koseielski in seinem Park zu Miloslaw eine öffentliche Polenversammlung unter freiem Himmel abgehalten haben, ohne die polizeiliche Geneh­migung dazu nachgefucht zu yabetl. Einem Teil der An- getlagien wird auch zur Last gelegt, bewaffnet erschienen zu fein. Die Verhandlung ist auf den ö. November vor der Strafkammer zu Gnesen anberaumt. Die Sache hat insofern einen gewissen sensationellen Charatter, als den beiden Abgeordneten der Vorwurf gemacht wird, sie hätten das Erscheinen Einzelner mit Waffen veranlaßt, sodaß sie im Bestätigungssalle nach dem Gesetz bestraft werden müßten. Mit der Beivafsnung soll es jedoch nicht weit hergewesen sein. Die Gäste sollen nämlich bei ihrem Erscheinen von einer Art Schloßwache empfangen worden sein, die zu Ehren der Erschienenen mit Jago- und ähnlichen Gewehren präsentierte. Uebpigcns hat sich der Schulstreik auch auf den ganzen Brornoerger Bezirk ausgedehnt. Selbst in stark deutschen Gegenden kommt es vielfach zu Beschimpf­ungen und Bedrohungen der Lehrer.

Auch in Oesterreich-Ungarn gibt es eine Mi­tt i st e r t r j j i s, und zwar begrifft diese den Grasen Goluchowski, gegen welchen bei dem größten Teile der ungarischen Abgeordneten eine außerordentlich gereizte Stimmung herrscht. Schon in der letzten Delegations­session gelang es dem ungarischen Kabinettschef Dr. Welerle nur mit Mühe, ein Mißtrauensvotum der ungarischen Delegierten von dem Haupte des Ministers des Aeußern abzuwenden. Und seither trat gegen ihn oer Antagonismus Ungarns noch bedeutend schärfer, zutage. Graf Goluchowski hat sich beiden Kämpfen der Ungarn um ihren selbständigen Nationalstaat streng neutral verhalten. Die Magyaren aber wollen den hochwichtigen Poften eines Ministers des Aeußern von einer Persönlichkeit besetzt sehen, welche sich zum willigen Werkzeug der gegen den Dreibund gerichteten Politik der ungarischen Unabhangigkeitspartei hergeben würde. Die Nachgiebigkeit, welche der Kaiser Franz Josef den magyarischen Aspirationen gegenüber stets gezeigt l)at, wird der gute alte Herr wohl auch in diesem Falle be­weisen. Am 20. d. All ist Ministerpräsident Wekerle in einstündiger und daraus Graf Äpponyi in fünfviertel- stündiger Audienz vom Kaiser empfangen worden. Nach der Audienz teilte Wekerle mit, bag die Angelegenheit des Grasen Goluchowski berührt wurde. Auf die Frage, ob eine Goluchowskikrise bestehe, sagte Wekerle, von einer Krise könne derzeit noch'nicht gesprochen werden, weil der Graf ...............................................................................

Goluchowski sein Demissionsgefucy noch nicht überreicht habe. Dieses zweimaligenocq" denket klar daraufhin, daß die Demission des Grasen unmittelbar bevorsteht. Als sein Nachfolger wird bereits Graf Mensdorf, der Botschafter in Rom, bezeichnet. Ob der ein Mann nach dem Herzen der Ungarn ist, bleibt abzuwarten.

<3um Geburtslage der Kawerin.

Der heutige 22. Oktober, der Geburtstag der Kaiserin, vereinigt ivieder alle treuen Anhänger des HohenzollernhauseS in dem Gefühle, daß an diesem Tage der Parteien Haß und Mißgunst schweigen.

Das letzte Lebensjahr der Kaiserin ist reich an wichtigen Begebenheiten gewesen. Am 27. Febrnar durste sie mit dem Gemahl, im Silberschmuck 25jährigen Eheglücks an den Altar treten. 25 Jahre lang ist sie Zeugin und Mitträgerin der Sorgen des Kaisers gewesen, 25 Jahre hat sie ihn begleitet.

An jenem Freudentage trat auch der schlanke, hoch­gewachsene zweite Sohn unserer Kaiserin, Prinz Eitel Friedrich, an dessen Krankenlager sie vor nicht langer Zeit bange Nächte durchwacht hatte, ebenfalls mit einer Fürstin aus altem deutschen Herrscherhause, mit der liebenswerten Tochter des Großherzogs von Oldenburg, der Herzogin Sophie Charlotte, in das eheliche Leben ein; da warf der lichte Myrienschmuck des jungen Paares seinen frühlingsgrünen Schein beglückend, erinnerungsmächtig zugleich und zukunftoerheißend auf das Elternpaar, das nun ein Vierteljahrhundert in Glück und Sorge, in Trauer, Freude und Glanz selbander den Weg gegangen war, den das junge Paar nun antreten wollte.

Und wieder kam ein Freudentag für die Kaiserin, als am 4. Juli die Geschütze im Lustgarten in Berlin in 101 donnernden Salutschüssen der ReichZhauptstadt verkündeten, daß im MarmorpalaiS bei Potsdam em Prinz geboren, dem deutschen Kaiserhaufe ein Thronfolger erstanden sei. Ueber drei Monate sind seitdem vergangen; der erste Enkel unserer Kaiserin, auf dem so viele Hoffnungen ruhen, hat angefangen, sich zu entwickeln, die Sorge um die zarte Wöchnerin ist be­ruhigter Freude gewichen, und das stille Eltern- und Groß­elternglück wird auch vom Volke mitempfunden. Am 29. August wurde der kleine Prinz auf den Namen Wilhelm getauft. Möge ferne kaiserliche Großmutter rechte Freude an der Ent­wickelung dieses zu bedeutenden Geschicken berufenen Kindes erleben, möge der Prinz Kraft gewinnen für den schweren Beruf eines Herrschers, zu dem er, menschlicher Voraussicht nach, dereinst anSersehen ist.___________________________

politische Tagesscharr.

Die staatsrechtliche Kommission des Lraunschweigischen Landtages hat sich zur Vorlage der Verordnung betreffend die Wahl eines Regenten in längerem Berichte geäußert, in dem es heißt:

Die Kommission drückt ihr Bedauern aus, daß der Reichskanzler die erbetene Vermittelung ablehnt und daß diese Ablehnung in einem kühlen Tone gehalten sei. Die Kommission könne sich der Auffaffung nicht ver­schließen, daß der Reichskanzler wesentlich durch seine Stellung als preußischer Minister der auswärtigen An­gelegenheiten sich hat beeinflussen lassen. Der Kommission sei keine Verfügung und Bestimmung bekannt, die den Reichskanzler ermächtigt, die ihm unterbreitete Frage dem BundeSrat nicht vorzulegen, vielmehr selbst zu beant­worten. Die Kommission glaubt, daß die Gegensätze zwischen Lkaiser und Herzog noch immer bestehen und daß der Herzog nicht gewillt ist, auf Hannover zu verzichten. Sie

Gietzener SLadttheQtev.

Der SchLafwagen-Ko«trolleur.

Schwank in drei Akten von Alexander Bisson.

Vor länger denn einem Lustrum übteDer Schlafwagen- Kontrolleur", ein durch Benno Jacobson, einen Redakteur desBerl. Börsen-Cour.", üermittelter Import aus dem Französischen des Alexander Bisson, eine große Anziehungs­kraft aus. Das Purzelbaum-Stück hat drei Aufzüge, deren erster allerhand Zweideutigkeiten enthält, deren zweiter lang­weilt, deren letzter aber durch reinen und unverfälschten, doch lustigen Blödsinn den anspruchslosen Sonntagabend, totschläger nach Wunsch unterhält. Daß der Inhalt hier wiedergegeben werde, kann niemand beanspruchen. Es ge­nüge die Andeutung, daß Georg Godefroid seiner sich ewig gleich bleibenden jungen Frau, die m ihrer ruhigen Art für den Schmuck ihres äußeren und inneren Menschen nicht genügend sorgt, seiner dichtenden Schiviegermutter, die ihre Gemeingefährlichleit durch unheimlichste Versmacherei ins Unerträgliche steigert, und einem malenden Schwieger­vater, deffen Gemälde jeden Betrachtenden gemütskrank machen müssen, vorschwindelt, er sei Schlafwagen-Kontrolleur geworden. So kann er wöchentlich drei bis vier Tage von Hause abwesend sein. Diese Zeit verbringt er in der Familie eines jungen Mädchens, das er zu lieben meint, gerät aber in Konflikt mit dem echten Schlafwagen-Kontrolleur Alfred Godefroid, der den Entgleisten durch Eifersucht und Phono­graph unfreiwillig auf den schmalen Weg der Tugend zurück­leitet. Während er reuig in die Arme der eigenen, alles leicht verzeihenden Frau zurückkehrt, gewinnt der rechte Schlaf­wagen-Kontrolleur die von seinem Namensvetter vorher be­gehrte Rosine für sich, und es bleibt dem Zuschauer jede itombination über die Zukunft von schön Nosinchen und dem

Herrn Alfred Godefroid, der jede Situation schlau für sich auszunutzen weiß, unbenommen.

Es wäre nutzlos, über derartigen Import sich aufzu­regen. Wer daran Gefallen findet, wird nie zu der Ansicht derer zu bringen sein, die da meinen, eS fei würdelos von Deutschen, so etwas über die Grenze zu holen. Gewiß ist für Deutschlands Theater Derartiges nichts weniger als ein Gewinn. Aber Sittlinge regen sich m. E. über so etwas gewöhnlich mehr auf, als das ganze Gemächsel wert ist, und verleihen ihm gerade dadurch ungebührliche Beachtung. Und abgesehen davon, daß dieser au Uebermütigfeiien und Tollheiten über­reiche Schwank in der Verwickelungstechnik die meisten ähn­lichen Genres übertrifft und so für manche deutschen Schwank­fabrikanten vorbildlich fein könnte, enthält er sogar so etwas wie eine moralisierende Tendenz. Er gibt unseren Frauen den wohl zu beachtenden Rat, daß sie klug tun, wenn sie den Mann in der Ehe immer von neuem fesseln und sich nicht abstumpfender Passivität hingeben. Das ist ein gutes Mittel, wie mancher Mann davon kuriert werden kann, anderen weiblichen Wesen über Gebühr zu huldigen.

Auch unseren Darstellern bietet der Schwank Ausgaben von Wichtigkeit. Die oberste Aufgabe ist die de§ flottesten Spieltempos, des Schlafwagen-D-Zug-TempoS. Kommt man erst zum Bewußtsein, wie verrückt eS in der tollen Farce hergeht, dann ist ein Teil der Wirkung schon verpufft, oder, um im Bilde zu bleiben, zwischen die Puffer geraten. Und es geriet gar manches gestern zwischen die Puffer. Gelacht wurde indes von den überaus zahlreichen SonntagStheater- sreunden recht laut und recht viel und an Beifall war auch fein Mangel. Der gebührt vor allen anderen Herrn Goll. Rollen wie die des unechten Schlafwagenkontrolleurs können wir Gießener nachgrade alsgolldig" bezeichnen. Er zeigt

da so viel Frische und Schalkhaftigkeit, ist da so drollig und drastisch und in Szenen der Verlegenheit und Verzweiflung so urkomisch, daß man nicht leicht wieder seines Gleichen findet. In derFülle der Gesichte", von der er im letzten Akt heim gepicht wird, bis er sich von ihnen durch Kalt­wasserexplosionen erlöst, streifte seine Neuruppiner Seelenmalerei ans Pathologische. Aus diesen Tausendsassa paßt das Suder- mannsche Wortschlicht im Gemüt".

Leider entsprach diesem Pseudo-Schlafwagen-Kontrolleur, dessen Geschichte ja weit harmloser, aber kaum vergnüglicher «st als die des Pseudo-Hauptmanns von Köpenick, eigentlich nur noch der eigentliche Kontrolleur in der Darstellung des Herrn Reimer. Zum Possen-Schwerenöter bringt er ja eigentlich nur die Komik und die Beweglichkeit mit, für die sonstigen Eigenschaften dieses sonderbaren Allgegenwärtigen aber besitzt er alles, vornehmlich Ungeniertheit und leichte Sicherheit. Auch noch die Herren Lippert, der eine treff­liche Künstlermaske gemacht hatte, Gronert, der mit seinem bramarbasierenden Weinhändler eine prächtige Charge lieferte, Käsmann, der die Stimme des Phonographenmimte", sind mit Auszeichnung zu nennen, sowie Frl. Schellenberg, die die pagodenhafte Angöle mit dem herausfordernden ner­vösen Tic posierte, obwohl sie beim Erscheinen es unterließ, ihre Ucberraschung über den falschen Kontrolleur zu bofu- mentieren. Wäre man aber auf die übrigen mehr als die genannten angewiesen gewesen, so hätte man sich wie in einem Schlafwagen befunden.

Eine munterere Ausnahme machte allein vielleicht noch Frl. Wind erste in, eine neue niedliche Erscheinung. Sie gab die Rosine in Nangis, die leichten Sinnes so viele Liebhaber nötig zu haben scheint wie Wasser für ihre Blumen. p.