Ausgabe 
23.8.1906 Erstes Blatt
 
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AuS Moskau wird gemeldet: Der frühere Abgeord. Sawelijew, Mitglied der Arbeitergruppe, ist feit zwei Wochen verschollen. Man vermutet, daß er durch ein ge­fälschtes Telegramm nach Petersburg gelockt und ermordet worden sei.

Im Gouvernement Moskau werden z. Zt. von den Bauern-Verbänden revolutionäre Aufrufe verbreitet, in denen Lie Bauern zu gewaltsamer Aneignung von Privatbesitz auf- ^gefordert werden.

Zwei Eisenbahnbataillone und ein turkestanisches Regi­ment verursachten Tumulte in den Baracken von Taschkent. Die Truppen gingen gegeneinander vor und kärupften zwölf Stunden hindurch. Zahlreiche Tote und Ver­wundete bedeckten das Feld, bevor die Ruhe wieder her- gestellt werden konnte.

Gesundheitszustand und Sterblichkeit im Kreise Hießen tm Jahre 1905.

Im Anschluß an unsere Veröffentlichung über die Sterblichkeit in der Kreisstadt Gießen bringen wir nachstehend einen Auszug aus der Sterblichkeitsstatistik des Kreises Gießen während des Jahres 1905 zur all­gemeinen Kenntnis:

Im Berichtsjahre sind im ganzen in den 80 Gemeinden des Kreises 1548 Personen gestorben; 190-1 belief sich die Anzahl der Todesfälle auf 1499. Bei einer Bevölkeru'ngs- zahl von rund 88 000 angenommen um die Jähres- mitte berechnet sich demnach die Sterblichkeits­ziffer, d. l die Zahl der Verstorbenen auf 1000 aus^- gerechnet, zu 17,6 pro Tausend, genau wie im Vorjahre 1904.

Diese Sterblichkeitszifser wird auf 15,0 pr. Tsd. reduziert, wenn man wie dies auch bei der Sterblichkeitsziffer der Stadt Gießen geschieht, 220 Todesfälle von Orts­fremden, d. h. von solchen Personen, welche dem Kreise Gießen nicht angehörten, abzieht. Tie hiernach gewonnene Zahl der Verstorbenen mit 1328 werden wir auch der wei­teren Berechnung zu Grunde legen.

Tie Sterblichkeitsziffern getrennt für die Kreisstadt Gießen und die Summe der Landgemeinden des Kreises sind für die ersteren 11,86 pro Tausend, für die letzteren 16,47 pro Tausend.

Von den Quartalen brachte die meisten Todesfälle das zweite (409), die kleinste Zahl das vierte (364).

Rach Altersklassen zerfallen die Verstorbenen in folgende Gruppen; es starben im Alter von:

01

Jahr:

245 =

18,44 °/0

115

ff

180 =

13,56 °/0

1530

132 =

10,01 °/0

30-60

282 =

21,24 °/

6070

197 =

14,84 °/0

über 70

ff

292

21,91 °/n

Sumina 1328 100,00 %

Tie Zahl der verstorbenen Säuglinge war bisher immer größer als 20 Proz., sie ist mithin im Berichtsjahre (mit 18,44 Proz.) erfreulicherweise etwas zurückgegangen. Berechnen wir die Säuglingssterblichkeit getrennt für die Stadt Gießen und die Landorte des Kreises, so beträgt sie für die erstere 2,63 auf 1000 Einwohner, für die Gesamtheit der Landgemeinden bei 170 Todesfällen 2,85 pr. Tsd.

An angeborener Lebens schwäche sind im ersten Lebensmonate 47 oder 3,54 pro Tausend Kinder ge­storben.

Annähernd 22 Proz. (21,91 Proz.) der Todesfälle be­zieht sich auf Verstorbene, welche das 70. Lebensjahr über­schritten hatten; bei 204 der hierher gehörigen Fälle war als Todesursache Alt e r s kr a n kh e i t in den Todeszeug­nissen angegeben.

Einen Maßstab für die Beurteilung des Gesundheits­zustandes im Kreise bietet die Anzahl der Todesfälle, welche auf die einzelnen Krankheitsgruppen entfallen.

Was die sogenannten Infektionskrankheiten anbelangt, so traten die Masern in gehäufteren Fällen in Albach, Allendorf, Alertshausen, Bersrod, Gießen, Göbelnrod, Grünberg, Klein-Linden, Mainzlar, Lollar, Ruttershausen, Saasen, Stangenrod, sowie in Winnerod auf und hatten rm ganzen 43 Todesfälle zur Folge (1904: 3, 1903: 12 Todesfälle).

An Influenza, die beson!>ers in Odenhausen, Reis­kirchen, Röthges und Nüddingshausen eine größere Ver­breitung angenommen hatte, starben 21 Personen

Scharlach wurde in Alendorf, Bellersheim, Burk­hardsfelden, Ettingshausen, Gießen, Grünberg, Harbach, Holzheim, Klein-Linden, Lich, Langd, Lollar, Muschenheim, Ober-Bessingen, Qucckborn, Reinhardshain, Nüddingshausen und Steinbach in zahlreicheren, in anderen Gemeinden mehr tn Einzelfällen beobachtet; von den uns gemeldeten 233 Fallen sind im ganzen 10 (4,6 Proz.) gestorben; in Den beiden Vorjahren betrugen die entsprechenden Zahlen LJ-T'i pH therie erkrankungen kamen im Be- jrlchts)ahre 325 Fälle zu unserer Kenntnis; sie traten in sgehaufteren Fällen in Gießen, Großen-Buseck, Grünberg, - Inheiden, Lollar, Watzenborn, Wieseck, sowie

'^^Ehardsfelden auf und führten bei 9 der davon be­fallenen Kinder (2,8 Proz.) zum Tode.

An Keuchhusten verstarben ebenfalls 9 Kinder.

'InSto fe sind im Berichtsjahre 6, an anderen W un d- krankheiten 13 Kreisangehörige verstorben.

, Wochenbettfieber mit tödlichem Ausgange wurde b.9L 4 Zilien beobachtet; in 14 anderen Fällen trat Genesung em. Anderen nicht infektiösen Wochenbetterkrankungen er­lagen^ 3 Frauen.

Tie Zahl der uns bekannt gewordenen Erkrankungen an Unterleibstyphus betrug im Berichtsjahre 11, »on welchen zwei einen tödlichen Ausgang nahmen; außer- oem verstarben noch 9 Personen an Unterleibstyphus, welche von auswärts bereits erkrankt sn die Klinik verbracht worden waren.

An Tuberkulose, der verderblichsten aller über- tragbaren Krankheiten, verstarben im ganzen 215 Kreis­angehörige und zwar an Lungenschwindsucht 175 und 40 Sn-r- 2e^I0!e- an&ercr Organe, außerdem 4 an akuter Miliartuberkulose.

E die Anzahl der Todesfälle an Lungen­schwindsucht rm Berichtsjahre (19,9 pro Tausend) mit der der Vorjahre (1904: 21,7 pro Tausend, 1903: 22,9 pr. Tsd.), fo 4t ein langsamer Rückgang der Tuberkulosesterblichieit nicht zu verkennen. ' J

_ Croupöse Lungenentzündung war 67mal die Todesursache; an anderen entzündlichen Krank­heiten der Atmungsorgane starben 145 Personen ®nr?c5ir]Uc8rn'rufl sind 44, an Herzleiden 61 Menschen zu Grunde gegangen.

Krebs krankheiten und anderen bösartigen Neubildungen sind 82 Personen erlegen.

Die Anzahl der Todesfälle an Darmkatarrh und

Giseirbahn-Zertrrng.

Die Einnahme der preußisch-hessischen Staatseisenbahnen hat für den Juli des laufenden Jahres insgesamt rund 162 Millionen Mark ausgemacht und die des gleichen Monats des Vorjahres um 14,1 Millionen Mark über­stiegen. Von dem Mehr entfielen 3,9 Millionen Mark auf den Personen- und 9,5 Millionen Mark auf den Güterverkehr, 0,7 Millionen Mark auf sonstige Quellen. Nachdem die Einnahme des Juli veröffentlicht ist, liegt nunmehr das Ergebnis für das erste Drittel des laufenden Finanzjahres vor. Es hat sich, wie dieNational-Zrg." mitteilt, auf 610,1 Millionen Mark oder 55,5 Millionen Mark mehr als im gleichen Zeitraum des Vor­jahres belaufen. Das monatliche Durchschnittsmehr beträgt dem­nach 13,9 Millionen Mark, _ der Juli war demgemäß noch besser als der Durchschnitt des ersten Drittels. Von dem Gesamtmehr kamen 16,3 Millionen Mark auf den Personen-, 36,9 Millionen auf den Güterverkehr und 2,3 Millionen Mark auf sonstige Quellen. Die Steigerung der Einnahmen im Güterverkehr war auch verhältnismäßig größer als die im Personenverkehr, jene machte 10,82 Proz., diese 8,97 Proz. aus. Erwägt man, daß nach dem im Eisenbahnetat für 1906 verzeichneten Voranschläge auf .eine durchschnittliche Dritteljahrseinnahme von rund 580 Millionen gerechnet ist, so gelangt man zu durchaus günstigen Erwartungen für den Jahresabschluß der Einnahmen der preu­ßisch-hessischen Eisenbahnverwaltung.

Vermischtes.

* König Edward VII. und das Marienbader Vadepublikum. Schon in früheren Jahren hatte König Edward, wenn er sich zur Kur in Marienbad aufhielt, Grund zur Klage, daß er auf Schritt und Tritt von Neugierigen umringt wurde, die ihn angafstcn wie, nach seinem eigenen Ausspruche«

Brechdurchfall (58) war im Vergleich zu der in'den Vorjahren (1904 : 24, 1903 : 35) eine wesentlich größere.

Unbekannt blieb die Todesursache in *52 Fällen; 24 Personen sind verunglückt, 16 endeten durch Selb st - mord, eine durch tödliche Körperverletzung.

Ans Stadt nnd Land.

Gießen, den 23. Aug. 1906.

** Personalnachrichten. Der seitherige veterinär- ärztliche Hilfsarbeiter der Abteilung des Ministeriums des Innern für öffentliche Gesundheitspstege Dr. Bernhard Stolpe wurde auf sein Nachsuchen entlassen. Ernannt wurde die Schulverwalterin an der höheren Bürger-(Mädchen-)Schule zu Bingen Mary Herms zur Lehrerin an dieser Schule.

** Der neue Kreisveterinärarzt. An Stelle des verstorbenen KreisveterinärarzteS Dr. Schmidt wurde, wie man uns mitteilt, zum hiesigen Kreisoeterinärarzt Dr. Knel l in Gan-AlgeSheim ernannt.

** M i l i t är d i e n st n a ch ri ch t e n. Im Beurlaubten­stande: Befördert wurden zu Stabsärzten die Oberärzte der Res.: Dr. Büchner und Dr. Kißner in Gießen.

** Der Bahnhofsumbau, an dem nun schon ca. 3 Jahre gearbeitet wird, geht jetzt seiner baldigen Voll­endung entgegen. Gegenwärtig sind Maler und Bildhauer der Vollendung ihrer 'Arbeiten nahe. An der oberhessischen Bahnseite wurde dieser Tage im Anschluß an die Verbind- ungshalle mit der Erbauung eines Polizeilokals be­gonnen. Dieser Tage weilten Vertreter der Eisenbahn-Di­rektion Frankfurt zur Besichtigung hier. Voraussichtlich werden der Wartesaal 1. Klasse und die große Durchgangs- Halle am 1. Oktober dem Verkehr übergeben werden. Nicht übel nimmt sich der Haupteingang mit seinen feinen Bild­hauerarbeiten aus.

** Ei n schwere? Säbelduell hat hier in Gießen am 15. Aili stattgefunden, das s. Zt. hier so geheim ge­halten worden ist, daß man erst jetzt Kunde davon erhält durch die Verhandlung vor dem Darmstädter Kriegsgericht. Heute vorm. hat das Kriegsgericht, wie uns drahtlich aus Darmstadt gemeldet wird, den Leutnant der Reserve vom 168. Juf.-Regt. Rudolf Reitz aus Echzell zu 3 Monaten Festungshaft verurteilt. In Mainz hatte R. vor einiger Zeit einen Wortwechsel mit dem Referendar Fritsch und ohne Veranlassung soll er von Fr. eine Ohrfeige erhalten haben. Bei dem dann, wie gesagt, am 15. Juli hier aus- getragenen Duell auf Säbel ist der Gegner schwer ver­letzt und kampfunfähig geworden.

t. Reiskirchen, 21. Aug. Ein hiesiger Landwirt zog sich vorige Woche eine kleine Verletzung an seiner Hand zu und beachtete sie nicht weiter. Heute bekam er nun solche Schmerzen, daß ein Arzt zu Rate gezogen werden mußte, der seine sofortige Verbringung naeh Gießen in die Klinik anortmete, da sich eine schwere Blutvergiftung ein­gestellt hatte.

°-t- Lich, 23. 'Aug. Tas Stiftungs fest der Freiw. F e u e r w e h r nebst Fahnenweihe findet am 2. Sept, statt. Der Fürst hat seine Zusage ausgesprochen, die gestiftete Fahne selbst überreichen zu wollen.

k. Bad-Nauheim, 21. Aug. Der Stadtvorstand beschloß die Herstellung der alten Burgpforte an der Fürsteustraße zur Anlage einer Verbindungsstraße und be­willigte 9500 Mk. Der bereits früher erfolgte AukaufS- vertrag der alten Reinhardskirche von der Kirchengemeinde wurde genehmigt. Die Stadt beabsichtigt, die frühere Kirche als Museun, einzurichten. Es erheben sich Stimmen gegen die hohen Kosten des Kanalisationsprojekts, die für unsere Stadt 415 000 Mk. betragen würden, die alte, vor 15 Jahren erbaute Kläranlage hat uns etwa x/, Million gekostet. Die Stimmen wiesen auch darauf hin, daß der Staat früher versprochen habe, aus seinen Mitteln eine Kläranlage mit Berieselung der Bauernheimer Mark- ivicse für beide Städte zu errichten.

-i- Bad-Nauheim, 21. August. Eine Kunstaus­stellung bietet z. Zt. ein anschauliches Bild über die Ent­wickelung der Malerei. Unter den Steinzeichmingen sind die Namen bedeiitendster lebender Künstler vertreten, ivie: Biese, Volkmann, Kallmargen u. a. Ferner findet man Nepro- dukticmen von Werken BöcklinS, Klingers, Prellers, Schwinds, L. Richters, Thomas, sowie älterer Meister wie Dürer, Cranach, Holbein. Die Ausstellung ist vom Nhein-Main-Verband für Volksbildungsbestrebungen ins Leben gerufen und erfreut sich ortgesetzt eines zahlreichen Zuspruchs, besonders auch aus Friedberg. Die Kandidaten des Predigerseminars, die Schiller- chule und Vereine von Friedberg haben die Ausstellung be- ichtigt.

Bad-Nau heitn, 21. Aug. Bei der gestrigen Sub- miffron zur Erbauung eines Hochbehälters auf dem Goldstein wurde das .Höchstgebot mit 42 904, das nied­rigste Gebot mit 28 495 Mk. eingelegt und zwar letzteres von einer Fuldaer Firma. Hiesige und benachbarte Firmen hatten durchschnittlich 35 000 Mk. eingelegt. Dieser Tage ereignete sich auf dem Bahnhofe ein seltsamer Un­glücks fall. Bei der Einfah-rt des abends'hier um 8.05 Uhr von Kassel eintreffenden Schnellzuges platzte nämlich mit furchtbarem Schlag der Da m p f ke s s e 1 d e r Ma s ch in e ; verletzt wurde nur ein auf dem Bahnsteig stehender Mann am Kopf. Tie Führer der Maschine blieben unverletzt. Der Zug mußte so lange hier liegen bleiben, bis eine Hilfs­maschine von Friedberg eintraf, die den Zug nach Frank- ürt brachte.

cb. Laubach, 22. Aug. Metzgermeister August Desch wurde gestern, als er mit einem Gehilfen ein Rind nach Hause führen wollte, von dem durch Kinderlärm scheu ge­wordenen Tiere umgeworfen und derartig getreten, daß er an Kopf und Bein schwere Verletzungen erhielt, sodaß er mehrere Wochen das Bett hüten muß.

P. S ch 1 i tz, 22. 'Miig. Zu B ü rgermeisteru wur­den gewählt in Rimbach Herr Ä. Döring, in Fran­co m b a ch Herr H. H o h m ei er. Eine technische Re - visionderMaßeundGe Wichte hat heute und gestern in unserer Stadt durch den Aichmeister Bücking aus Alsfeld tattgefunden.

h. Laasphe, 22. Aug. Der 82 Jahre alte fürstliche Oberförster a. D. Philipp Dickel aus Paulsgrund fiel ge­legentlich eines Jagdausfluges, bei dem er feinen Sohn begleitete, vom Wagen und gab alsbald feinen Geist auf.

sd. Darmstadt, 23. Aug. (Drahtbericht.) Die veriv. Frau Bürgermeister Merz ist heute in Groß-Bieberau, als sie, mit einer Ueberfahrtkarte nach Amerika versehen, eine

angeblich kleine Reise antreten wollte, von der Gendarmerie haftet worden. Frau M. hat nach dem Tode ihres Gatten die Groß-Bieberauer Sparkasse selbständig geleitet. Bei einer unvorhergesehenen Revision durch die Oberrechnungs­kammer haben sich nun eine Reihe von Unregelmäßig* feiten herausgestellt. Frau M. hat die Flucht zu ihrem Sohne ergreifen wollen, der sicher vor einiger Zeit recht­zeitig nach Amerika entkommen ist.

fc. Mainz, 22. Aug. In dem Bierkriege zwischen den Arbeitern der Gastell'schen Waggonfabrik und der Mainzer Aktienbrauerei haben die Arbeiter gesiegt. Nachdem die Fabrik seit 1. Juli ihr Bier von einer ringfreien Wiesbadener Brauerei bezogen hatte (zum Preise von 9 Pfg. pro 1/2 Liter- Flasche), hat jetzt die Mainzer Aktienbrauerei nachgegeben und liefert zum früheren Preise.

fc. Aus Rheinhessen, 22. 9(ug. Nun haben auch die rheinhessischen Schweinezüchter einen Ning gebildet. 1000 Mark Konventionalstrafe zahlt jedes Mitglied der in den Ring zusammengeschlosienen Schweinezuchtgenossenschaften, das sein Borstenvieh unter 55 Pfg. für das Pfund Lebend­gewicht und unter 80 Pfg. für daS Pfund Schlachtgewicht abgibt.

fc. Frankfurt a. M'., 22. 'Aug. Wir wir aus Brauer­kreisen erfahren, beziffern die hiesigen Ringbraue­reien den ihnen aus dem Bierkrieg bis jetzt erwachsenen Minderabsatz auf 20 Prozent. Gestern wurden in der Markthalle zwei elegant gekleidete Frauen verhaftet, welche gemeinschaftlich Obst, Geflügel, Gemüse und Butter stahlen. Während die eine mit den Verkäuferinnen über die Preise handelte, ließ die andere die Sachen verschwinden. Sie wurden auf die Polizeiwache gebracht, wo sich heraus- ftellte, daß die Gatten der Damen in guten Verhältnissen leben.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Die Orte Reibertenrod, Münch- leusel, Heidelbach und Schwaben rod haben dieser Tage Fernsprechanschluß erhalten, und in Eudorf, Münchleusel und Reibertenrod wurde die Feldbereimgung eingesührt. In Fried­berg ist über den A k a d e m i s ch - E l e k t r o t e ch n i s ch e n Verein von der Direktion der Gewerbe-Akademie in Friedberg die Suspendierung verhängt worden. Tie in Mainz bestehende Produktionsgenossenschaft wird int nächsten Frühjahr eine eigene Genossenschastsbäckerei eröffnen. Mit der Errichtung der Bauten wurde vor einigen Tagen begonnen. Im Diakonissenhaus zu Frankfurt starb im 37. Lebensjahr Re­gierungs-Assessor Dr. L ü d i ck e an den Folgen einer Blind­darm-Operation.

Erdbeben in ßhile, Wolen und Italien.

Rach, heutigen Depeschen aus Valparaiso geht die Arbeit der Förderung der Leichen ans den eingestürzten Gebäuden so schnell wie möglich vorwärts. ' Hunderte von Toten wurden ans Tages­licht gebracht. In den meisten Fällen sind die Leichen unkenntlich. Alan glaubt, daß an Tausend Tote namenlos der Erde überwiesen iverden müssen. Die Lage der armen Klassen ist furchtbar. Wohl 100 aus dem Gefängnis entflohene Verbrecher wurden bei Be­gehung von Verbrechen auf frischer Tat ertappt.

Unter den in Valparaiso Getöteten besindet sich auch Samuel Silva, der Führer der Liberalen. Seit dem ersten Tage wurden in Chile bisher 500 Erder schütter ungen verzeichnet. 30 000 Flüchtlinge von Valparaiso sind in Santiago angelangt. ~e chilenischen Versicherungs-Gesellschaften sind schwer betroffen, wc-.l die ausländischen Gesellschaften durch ein kürzlich ange­nommenes Gesetz vertrieben wurden. Die Ausdehnung des Erd­bebens wird auf 6000 Kilometer geschätzt.

Der Nahrungsmangel hat zu großen Unruhen in Valvariso geführt. Eine große Menge belagert die Schlächterläden. Die Leute verlangen lärmend Fleisch. Doch die Fleischer ziehen Nutzen aus der Situation und verlangen die höchsten Preise, die die Bevölkerung zu bezahlen sich weigert. Das Vorgehen versetzte die Menge in eilte derartige Wut, daß sie die Schlächterläden zu demolieren begann. Militär mußte einschreiten, um die Ordnung wieder herzustellen.

Ter Schaden in den Valparaiso benachbarte.! Ortschaften ist unermeßlich. Fast sämtliche Wohnplätze an der Küste sind zerstört. Tie Orte San Francisco del Monte, San Antonio und Cartagena md nahezu vernichtet. Tie am meisten heimgesuchte Zone umfaßt die Provinzen Valparaiso und Aconcagua. Die Orte Limache, Llai-Llai und Novoviejo sind vollständig vom Erdboden ver- clnvunden. Man schätzt den Verlust für ganz Chile auf 10 Mill. Vfnnd Sterling. Es sind noch immer leichte Erdstöße zu verspüren. Die Feuersbrünste sind erloschen. 60 000 Menschen sind obdachlos. Tie Regierung läßt für 30 000 Personen Baracken bauen. Die Kammer bewilligte 4 Millionen Pesos für Hilfeleistungen.

Rach einem Telegramm aus Limache ist auch die S t a d t Q u i l o t a, 50 Kilometer von Valparaiso entfernt, versunken, odaß nichts mehr von ihr zu sehen ist. Ter Stoß, der sie weg- fegte, wurde in Valparaiso 4 V? Minuten vernommen. Von 10 000 Einwohnern sind kaum 100 entkommen.

In Zaborze wurden am 22. d. M. starke Erderschütterungen wahrgenommen. Man hörte donnerähnliches Rollen. Die Fenster- cheiben sprangen entzwei, Stllbentüren und Schränke wurden auf- gerissen und wieder geschloffen, Bilder und Spiegel sielen herunter von den Wänden. Die Einwohner gerieten in Furcht und Schrecken lind eilten auf die Straße in der Ateimmg, die Häuser müßten einstürzen. Eine Anzahl von Häusern und Stallungen erhielt Risse und Senkung.

Auch in C a l a b r i e n sind neue Erdstöße erfolgt, doch fehlen noch jegliche Einzelheiten. Der Bevölkerung hat sich wegen der Vorgänge in Südamerika eine große Panik bemächtigt.