Ausgabe 
21.6.1906 Zweites Blatt
 
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"Bilder vom ButzbacherTrachtensest. Die Firma Heinrich Noll, Mäusburg, hat eine gröbere Serie Moment- ausnahmen vom Trachtenfest in Butzbach in ihrem Schaukasten zur Besichtigung ausgestellt.

X Fellingshausen am Dünsbcrg, 20. Juni. Kauf­mann A. Geisse in Gießen hat dem hiesigen Gesang­verein zu seinem 15 jährigen Stiftungsfest einen silbernen F a h n c n n a g e l gestiftet. Lehrer Berg überreichte beni Verein das kostbare Angebinde und gedachte des edlen Spenders in einem dreifachen Hoch.

Butzbach, 20. Juni. Die mit dem H cimatp flcg e- und Volkstrachtenfest in Butzbach verbundene, bereits am 10. Juni eröffnete, reichhaltige Ausstellung für länd­liche Kunstbestrebungen, die sich andauernd regen Besuches zu erfreuen hat, bleibt noch für einige Wochen geöffnet.

** Friedberg, 20. Juni. Die Stadt Friedberg erhebt im Rechnungsjahr 1906 an Ge mei n d e u m la g c n 95,087 pCt. Zuschlag oder 204 282 Mk. Hierzu foinmen an Kirchensteuern 8480 Mk. (6,62 pCt.) für die Evan­gelischen im Stadtteil Friedberg, 1484 Mk. (13,251 pCt.) für die Evangelischen im Stadtteil Fauerbach und 1484 (9,386 pCt.) für die Katholiken. Die israelitische Religions- gemeinde erhebt 7100 Mk. (29,496 pCt.).

§ Laubach, 20. Juni. Der Großh. Oberst-Hofrnarschall von Westerweller und Se. Ex. der englische Gesandte in Darmstadt Mr. Grant-Duff kamen heute morgen 9.47 Uhr hier an und besichtigten unter der Führung des Großh. Forst­meisters Andre die Stadt Laubach, sowie das Schloß, in welch letzterem ihnen Kammcrrat Bröckclmann die hochinteressante Bibliothek zeigte. Dann nahmen die Herrschaften bet Forst­meister Andre ein warmes Frühstück ein und siihren mit dem Wagen weiter nach Hungen, um dort den 1 Uhr Zug nach Büdingen zu erreichen, welche Stadt nebst Schloß sie eben­falls besichtigen wollen.

w. Heldenbergen, 18. Juni. Vom 16. bis 18. d. M. fand hier das 3. Gauturnfest des Niddertal-Gaues, mit dem die Fahnenweihe der Turngent. Heldenbergen verbunden war, statt. Zahlreiche Preisturner trafen schon Samstag abend hier ein. Mit Eintritt der Dunkelheit ordnete sich ein Festzug nach dem an der Nidder gelegenen, geräumigen Festplatze, tvo man bei den Wessen der Festkapelle und tur­nerischen Darbietungen bis nach Mitternacht verweilte. Sonn­tag früh um 6 Uhr begann das Wetturnen, das bis 11 Uhr andauerte. Der Turnwart der hiesigen Turngemeinde errang den 1. Preis; der Ehrenpreis kam nach Klein-Karben. Nach 12 Uhr rückten die munteren Turnerscharen von allen Seiten herbei und nahmen die Begrüßung des 1. Sprechers ent­gegen. Mit Begrüßtmgsgesang und Weiherede wurde die Enthüllung der neuen Fahne vollzogen. Hierauf bewegte sich der Festzug nach dem Festplatze, wo munteres Leben die Fest­gäste bis fast zum frühen Morgen beisamutenhielt. Der dritte Festtag galt den Bewohnern, die sich nachmittags auf dem Festplatze versammelten tind mit Tanz, Spiel, Bewirtung der Schuljugend, Feuerwerk tc. das Fest beendeten.

6. Ems, 20. Juni. Der Herzog Ernst von Sachsen-Altenburg ist nach beendigter Kur nach Wilhelmshöhe gereist. Frait Gräf, die Gattin des Päch­ters derVier Türme", erhielt ein Kollier mit Brillanten, Fräulein Heyer, die Tochter des Besitzers des Heyerschen Inhalatoriums, eine feine Schmuckschale, Bademeister Duchmann ein Paar Manschettenknöpfe, Dr. med. Baur, der Badearzt des Herzogs, eine goldene Uhr.

Jahresversammlung Deutscher Bibliothekare.

Der diesjährige siebente de titsche Biblio- th ekartag, der in der Pfingstwoche in den Räumen des preuß. Abgeordnetenhauses in B e r l i n verhandelte, war, wie wir der Münchener Allg. Ztg." entnehmen, ungewöhnlich stark besucht und nahm einen äußerst anregenden, schönen Verlauf. Der wichtigste Gegenstand der Beratung war die F r a g e des allgemeinen deutschen Gesamtkatalogs, deren tief einschneidende Be­deutung im Maiheft der Südd. Mouatsh. von Erich Petzet auch weiteren Kreisen auscinandergcsetzt worden ist. Auf dem vor­jährigen Bibliothekartage in Posen, wo Vertreter Bayerns voll­ständig gefehlt hatten, war der Gesmntkatalog naheztt einstimmig gefordert worden, und der Gießener Bibliotheksvorstand, Geheimerat Professor Dr. H. Haupt, blieb damals mit seinen schweren Bedenken gegen dieses Riesenunternehmen säst ganz isoliert. Wie sehr seine Anschauungen unterdessen an Boden gewonnen haben, bewiesen die diesjährigen Verhandlungen, in denen der Königsberger Bibliolheksdirektor Boysen die große Idee durch einen neuen Organisationsenlwurs zu retten suchte, sodaß nun drei verschiedene, sich gegenseitig ausschließende Pläne eines deutschen Gesamtkatalogs von E r man, Schwenke und Boysen vor- ltegen. In der lebhaften Diskussion überwogen die sachlichen kritischen Bedenken weitaus die zuversichtliche Zustimmung. Als springender Punkt trat immer wieder hervor, daß die deutschen V i b l i o 11) c f e n sämtlich noch lange nicht ausreichend mit finanziellen Mitteln und Arbeitskräften ausgerüstet sind und zuerst nach dieser Seite befriedigende Zustände anstreben müssen. Ferner wurde die vollständige Unklarheit der Dimensionen des geplanten Unternehmens stark betont, dessen Kosten nach einer unwidersprochen aebliebenen Berechnung allein für Bayern weit über eine Million Mark betragen dürften. Endlich ergeben sich in bezug auf die an den verschiedenen Bibliotheken verfolgten Katalogisiertingsgrundsätze so große Verfchiedenheiten, daß auch nach der rein technischen Seite die Schwierigkeiten des allzu idealen Planes ins hellste Licht traten. Das Ergebnis der Verhandlungen war dementsprechend die Feststellung, wie ivenig noch die ganze Frage geklärt ist, das; für Bayern und Hessen aus praktischen Erwägungen und nicht aus partikularistischen Be- weggninden auf Jahre hinaus ein Anschluß unmöglich ist, uni) das; auch das preußische Unternehmen tiefgehender Aende- rungen bedarf, wenn es zu einem einigermaßen ersprießlichen Ende geführt werden soll.

Ter Bibliothekar tag des Jahres 19 0 7 wird vor­aussichtlich in Gießen ftattfinbcn.

Verbandstag deutscher Hochschulen.

Hamburg, 18. Juni.

Ein Vegrüßungsabend der Teilnehmer am zweiten ordentlichen Verbandstag der deutschen Hochschulen sand in den Räumen des Vereins für Kunst und Wissenschaft statt. Stud. Lennenschloß von der präsidierenden BurschenschaftAlemannia" in Bonn eröffnete den Kommers. Hierauf beivillkommnete der Vorsitzende des aka­demischen Bismarckausschusses in Hamburg, Tr. med. H. v. Reiche, die Hochschulvertreter. Der akademische Vismarckausschuß, so führte er aus, habe sich zur 2lufgabe gestellt, die 2lltherrenschaften der Korporationäverbände in Hamburg zu vereinigen mid ihre Interessen zu vertreten und die alten Herren bei den patriotischen Veranstaltungen zusammenzuführen. Aber auch die Interessen der Aktivitas zu fördern sei er stets bereit und habe daher gern die Vorarbeiten für diese Tagung übernommen. § 1 der Satzungen stelle den Zweck des Verbandes fest: Einigung der deutschen Studentenschaft zur Vertretung und Förderung der allgemeinen studentischen und nationalen Interessen, sowie unter Ausschluß j e d er aktiven Politik. Mit besonderer Betonung sei das Wortdeutsche Studentenschaft" gebraucht. Deutsche Gesinnung unter der deutschen

Studentenschaft zu pflegen, alles Undeutsche zu be­kämpfen, sei der deutschen Studenten Pflicht.

Vertreten waren die Stndentenverbande der Universitäten Berlin, Bonn, Freiburg, Gießen, Göttingen, Greifswald, Halle, Jena, Leipzig, Marburg, Münster, Rostock und Straßburg, ferner der technischen Hochschulen Aachen, Charlottenburg, Braunschweig, Danzig, Dresden, Hannover, Karlsruhe und Stuttgart, sowie der- Bergakademien Berlin, Elausthal und Freiberg. Der Verbandstag nahm prinzipielle Stellung zu der Frage, ob auch tierärzt­liche Hochs ch u len in den Verband ausgenommen werden können. Nach längerer Erörterung wurde diese Frage einstimmig bejaht.

Längeren Raum nahmen die Besprechungen über die wirt­schaftliche Sicherstellung der VerbandSzeitschrift'Die Deutsche Hoch­schule" ein, die durch Einsetzung eines besonderen Ausschusses zur Prüfung der vorliegenden Frage beendigt wurden. Auf Vorschlag des Vororts wurde beschlossen, am Bismarckdenkmal einen Kranz niederzulegen.

Hieraus hielt der Vertreter des Vorortes ein eingehendes Referat über die Organisation der einzelnen Siudentenverbände. An dieses Referat schloß sich die Berichterstattung der Vertreter über die an ihren Hochschulen bestehenden Organisationen.

Verrnischtes.

* Eine Großsta dt, die nicht wächst, ist Krefeld. Schon seit Jahren bleibt ihre etwa 106 000 Köpfe betragende Einwohnerzahl in einem gewissen Beharrungszustand. Nach einer neuen Statistik ist im verflossenen Monat die Zahl der Einwohner sogar um 315 Personen ziirückgegangen.

Gießener Strafkammer.

)( Gießen, 19. Juni.

Der Verwalter A. Sch. von Steinfurth war wegen Ur­kundenfälschung unter 2ÜnFlage gestellt. Er hatte ver­säumt feinen Wohnungswechsel rechtzeitig beim Bezirkskommando anzumelden, weshalb er, um einer Bestrafung zu entgehen, das Datum der Abrneldebescheinigung in seinem Militärpaß auS- radierte und ein späteres beifügte. Er gestand die Fälschung sofort bei dem Bezirksfeldwebel ein, der die Anzeige veranlaßte. Mit Rücksicht auf feinen guten Leunrund ließ ihn das Gericht mit der Minimalstrafe von einem Tag Gefängnis durch- kommen. Es wurde ihm nahe gelegt, auf dem Gnadenwege Umwandlung der Freiheitsstrafe in eine Geldstrafe, oder be­dingten Strafauffchub zu erstreben.

Ein wegen Trunksucht entmündigter Einwohner von Grün- berg O. W., Zimmermann, kam in die Wohnung einer ihm bekannten Familie, wo er ein 12 jähriges Mädchen allein antraf. Er benutzte die Abwesenheit der Angehörigen des Kindes, um ein schweres Sittlichkeitsverbrechen an ihm zu begehen. Nach­dem er im Vorverfahren alles geleugnet hatte, gab er während der Verhandlung die Tat teilweise zu und zum -Schluß gestand er ein, daß die Angaben des Kindes völlig der Wahrheit ent­sprechen. Die Tatsache, daß ihm das Kind wenig Widerstand entgegengesetzt hat, sowie der geringe moralische Schaden und die durch die Trunksucht hervorgerufenc geistige Minderwertig­keit, wirkten strafmildernd, sodaß von der beantragten Zuchthaus­strafe abgesehen wurde. Angesichts des Umstandes, daß er ein zu solchen 2lusschreitungen neigender Mensch ist, hielt das Gericht doch eine erhebliche Gefängnisstrafe für angezeigt und diktierte ihm 1 Jahr 6 Monate zu, nebst Aberkennung der Bürger* lichen Ehrenrechte auf 5 Jahre.

Durch das hiesige Schöffengericht war der Heizer G. W. von Sindersfeld ioegen Betrugs zu 2 Wochen Gefängnis verurteilt worden. Er hatte sich zu Lollar eingemietet und sich so gestellt, als sei er sehr bemittelt, sodaß ihm Kost und Logis längere Zeit anstandslos auf Kredit gewährt wurde. Nach­dem er einen größeren Geldbetrag schuldig geworden war, ver­schwand er heimlich unter Mitnahme seiner Effekten und Hinter­lassung der Schuld. Das von der Staatsanwaltschaft und deut Angeklagten angefochtene Urte i l blieb bestehen, da letzterer zum Termin nicht erschien und die Staatsanwaltschaft ihre Be- rnsiing znrück;og.

(5crid?tefaaL

(sd.) Darmstadt, 20. Juni. Musketier Fr. Juckel von der 2. Komp, des Infanterie-Regiments Nr. 116 in Gießen war. vom Kriegsgericht wegen Achtungsverletzung zu drei Wochen strengen Arrest verurteilt worden. Er und auch der Gerichtsherr, dem die Strafe zu niedrig dünkte, legten Be­rufung ein. Das Oberkriegsgericht erhöhte die Strafe auf vier Wochen streng.

(fc.) Mainz, 20. Juni. Vor einigen Wochen an einent Sonntag nachmittag schleppten 2 Burschen das 4jährige Töchterchen einer in der Synagogenstraße wohnenden Fa­milie in den Gonsenheim er Wald und taten ihm dort Gewalt an. Als Täter wurden Schuhmacher Weber und Küfer Faul­haber ermittelt. Heute standen die beiden Wüstlinge vor der Strafkammer. Weber wurde zu 5, Faulhaber zu 4 Jahren Zuchthaus verurteilt. Während der Verhandlung war die Oeffentlichkeit ausgeschlossen.

Eisenach, 20. Juni. Wegen Beleidigung dreier Agitatoren des Reichsverbandes zur Bekämpfung der Sozialdemokratie wurden heute der Vorsitzende des Eisenacher sozialistischen Vereins, Runknagel. und der sozialdemokratische Reichstags-Kandidat für Eisenach, Leber, zu je 50 Mark Geldstrafe verurteilt.

Hamburg, 20. Juni. In der Klage der Hamburg-Amerika- Linie gegen 142 Schauerleute auf 12000 Mark Entschädig­ung wegen Kontraktbruches am 1. Mai, wurde heute nach 31/2 stündiger Verhandlung vor dem Gewerbegericht durch die Vernehmung eines Stauers und seiner drei Gehilfen der Beweis darüber geführt, ob die Beklagten annehmen könnten, daß es ihnen freistehe, am 1. Mai zu feiern, oder ob es ihnen bewußt war, daß sie durch Verweigerung ihrer Mitarbeit konttaktbrüchig feiert. Zunächst soll ein ettoaiger Kontraktbruch durch ein Zwischenurteil und in späteren Terminen die eventuelle Höhe der Entschädigung festgestellt werden. Am nächsten Mittwoch soll ein Beschluß verkündet werden.

Mrchttche Nachrichten.

Israelitische Religionsgesellschast.

(£> ottes bi en II.

©abbatbfeier am 23. Juni 1906:

Freitag abend 8.00 Uhr.

Samstag vormittag 8.00 Uhr Predigt. Nachmittags 4.00 Uhr. Sabbathansgang 9.40 Uhr.

Wocbenaottesdienst: morgens 6.00 Uhr, abends 8.00 Uhr.

Meteorologische Beobachtungen

der Station Gießen.

Temperatur der Lahn und der Luft in der M ülle r'schen Badeanstalt.

Wasser 17 ° R.

Juni 1906

Barometer nur 0° reduziert

Temperatur der Luit

Absolute Feuchtigkeit

Relative Feuchtigkeit

Windrichtung

Windstärke

Wetter

20. 26

755,8

21,3

11,9

64

NE

4

Sonnenschein

20. 9

755,8

17,4

13,4

91

E

2

KlarerHimmel

21. 725

756,4

14,0

11,1

94

NE

4

Sonnenschein

Höch

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92

). Juni

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21,6° C.

Niodriatte

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19.20.

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14,8° C.

Anlnrr.an rA nc ist die ans allerseinsten Rohmateri- HUI Qiicn hergestellte und für die zarteste

Haut der Frauen und Kinder MvrT'imK neaifti

seit Jahren bewährte * 1 UUHIiovllv» b8/tj

Ans Stadt nnd Land.

Gießen, den 21. Juni 1906.

** Empfangen wurde von S. K. H. dem Groß­herzog am Mittwoch u. a. Badekommissar von Gr 0 l - mann aus Bad-Nauheim zum Vortrag.

* Lehrerpersonalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten Friedr. Hill ans Neu-Bamberg die zweite Lehrerstelle an der Gemeindeschnle zu Gronau. Bestätigt wurde der von den Freiherren Löw von und zu Steinfurth, Stadener Linie, auf die erste Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Steinfurth präsentierte Schulamtsaspirant Hch. Hildebrand aus Nieder-Weisel.

-"Museum des Oberh. Geschichtsvereins. Die Sammlungen haben sich in letzterer Zeit sehr erfreulich vermehrt und reges Interesse in der Bürgerschaft trägt dazu bei, das Museum immer reichlicher auszugestalten. Mit besonderer Genugtuung ist es begrüßen, daß Kirchengemeinden ihre alten; im Gottesdienst nicht mehr zu gebrauchenden Geräte als Leihgabe dem Museum überlassen. Es ist dadurch Gelegenheit geboten, dem größeren Publikum diese ehrwürdigen, interesscnten Stücke vorzuführen. Sehr schöne Abendmahlkannen, Kelche, Hostiendose hat die evangelische Kirchengemeinde zu Steinbach dem Museum zugewiesen. Eine sehr be­achtenswerte in Kupfer getriebene Zunftkanne der Brauer hat Brauereibesitzer Förtsch dem Museum als Leihgabe überlassen. Kommerzienrat Emmelius stiftete zweiUniversit äts-Jubiläumsmünzen von Gießen aus dem Jahre 1707. Den Gebern auch an dieser Stelle befielt Dank.

** Einarmer' Handwerksbursche. Gestern vor­mittag erschien auf der Polizei ein Fremder und verlangte in die Klinik gefahren zu werden. Er hatte den einen Fuß ent­blößt und an der großen Zehe eine unbedeutende Ver­letzung. Da der Mensch auch angetrunken und nicht fort- zubringen war, wurde er zur Klinik gefahren und dort, nach­dem ihm ein Verband angelegt worden war, wieder entlassen. Jetzt konnte er marschieren, er ging bettelnd von Haus zu Haus und als er auf Beschwerde von Leuten hin von Schutz­leuten verhaftet werden sollte, war es mit dem Gehen wieder vorbei, er legte sich hin und wurde in das 2lrresthaus ge­fahren. Heute morgen, nachdem sein Rausch ausgeschlafen war, konnte er seine Schuhe wieder anziehen, der Fuß war geheilt, er konnte wieder laufen«

jtnttoalt fteHt fest, daß die v. Zand er sch en EMeute 1897 Weit über 13 000 Mk. Darlehen ausgenommen hatten.

Aus weiteren Tagebuchaufzeichnungen geht hervor, daß die v. Zanderschen l^eleute bisweilen sehr opulent gelebt haben. Sie haben 'Austern gegessen, Wein getrunken usw. In einer Auszeichnung heißt cs: Marie hat ein sehr gutes Essen bereitet. Es gab Kraftbrühe, Fisch, Braten, Gemüse ,und dazu einen vorzüglichen Wein. In einer weiteren Auf­zeichnung heißt es: Da ich auf den Zug zu lange warten mußte, kaufte ich mir kurzer Hand ein Fahrrad.

Die Einweihung der Dankeskirchc in Vad-Rauhcim.

(Original-Artikel des Gießener Anzeigers.)

W. Bad-Nauheim, 21. Juni 1906.

Wiederum ist unsere herrliche Badestadt um einen Pracht- Kau reicher geworden. Stolz und erhaben steht sie da, die neuerbaute Dankeskirchc, in würdiger Feier wurde sic heute ihrer Bestimmung übergeben.

Als Ende der 80 er und Anfang der 90 gcr Jahre des ver­gangenen Jahrhunderts sich unsere Badcvcrhältnisfc immer besser gestalteten, als die Frequenz unseres Weltbades von Jahr zu Jahr zunahm, da machte sich auch bald fühlbar, daß unsere alte, ehrwürdige Wilhelmskirchc den Verhältnissen nicht mehr gewachsen sei. daß sie durch einen monumentalen Bau, wie er einer Badestadt geziemt, ersetzt werden müsse. Ganz besonders sympathisch war dieser Gedanke den: im Jahre 1892 hierher versetzten Pfarrer Otto W i s s i g. Er ist die Triebfeder des raschen Gelingens, ihm gebührt in allererster Linie der Dank, daß heute eine so stolze Kirche auf dem Ludwigsplatz Platz gefunden hat. Pfarrer Wissig gab dem Gedanken zunächst dadurch greifbare Gestalt, daß er einen Kirchbauverein gründete. Fast alle Bad-Nauheimer evangelischen Bürger schlossen sich diesem Verein an, und tragen nun schon über zehn Jahre alljährlich einen ansehnlichen Betrag zur Kaffe des Kirchbauvereins bei. Auch bei Festivitäten wie Kindtauscn, Hochzeiten u. dgl., ebenso bei Stcrbefällen wurde sehr oft der zu erbauenden Kirche gedacht und ein Scherflein beigetragen. Eine ganz bedeutende Unterstützung aber fand diese Sammlung durch Kurgäste, die aus DankbaAcit über ihre Wiedergenesung reichlich Mittel fließen ließen, ja zum Teil sehr hohe Summen in Gestalt von Stift­ungen der Kirche vermachten. So ist die Sammlung bis zum heutigen Tage auf ca. 170 000 Mark gestiegen. Ausgeschlossen von dieser Summe ist jedoch eine Stiftung für die neue Orgel mit 21 000 Mark und ferner die Stiftung für die Glocken mit 20 000 Mark. Immerhin aber ist eine noch größere Summe als der vorhandene Baufonds erforderlich bis die Gesamtschuld getilgt ist.

Erbaut wurde die Kirche von den hiesigen Bausirmcn Stamm und Steuernagel unter Leitung des Architekten Hofmann, Herbom. Sie steht auf dem Ludwigsplatz, der Stelle, wo früher der alte Kursaal stand. Die Kirche ist aus Lungsteincn gebaut und faßt ca. 800 Sitzplätze. Der Turm ist 70 Meter hoch. Von ganz wunderbaren Stiftungen sind besonders einige Fenster, das Taufbecken und das Altarkreuz hervorzuheben.

Was die eigentliche Einweihungsfeier mdangt, so wurde dieselbe cingeleitet durch Läuten der Glocken auf der Wilhelmskirchc. Punkt 10 Uhr erschien S. K. H. der Groß­herzog. Vort hohen Herrschaften waren außerdem anwesend Staatsminister Ewald, Geheimrat Wilbrand, Dr. Georg Becker.

Seitens der Kreisbchörde erschien Kreisrat Fey, ferner Gras Oriola, Schulrat Süß, bie Landtagsabgg. Breideirbach und Damm, als Vertreter des Konsistoriums waren zugegen Prälat Walz und Superintendent Petersen. Außer den Behörden der hiesigen Stadt waren viele Geistliche des Dekanats anwesend.

Mi 2lNkunft S. K. H. des Großherzogs fand zunächst die Schlüsselübergabe statt und sodann erfolgte der feier­liche Einzug in die Kirche. Der Mäserchvr der Krirkapelle spielte währenddessen die Melodien:Ein feste Burg",Wachet auf, ruft uns die Stimme" undTut mir auf die schöne Pforte".

Nun hielt Superintendent Petersen aus Darmstadt die Weihcredc. Nach einem kurzen Geläute der neuen Glocken, spielte Professor Franke aus Köln-Lindenthal die Orgel, worauf ein Frauenchor unter Leitung des Lehrers DiehlKomm heilger Geists", zweistimmiges Lied von Bvrtniansky sang. Hieran reihte sich eine Liturgie. Alsdann sang ein Männerchor, zu welchem sich alle Bad-Nauheimer Mämicpgcsangvcreiue verbunden hatten unter Leitung des Lehrers Be ch10 ls he i m er den Ehor Früh wollst du" von L. v. Beethoven. Unmittelbar an diesen Ehor schloß sich die Festrede des Pfarrers Wissig. Daraus sang Frauen- und Männcrckwr, verstärkt durch Orgel und Po­saunenLobe den Herrn, meine Seele". Nach Gebet und Segen war hierauf die Einweihung beendigt.

Nach Schluß der Feier nahm S. K. H. der Gwßherzog im Kurhaus das Mittagessen ein, zu dem u. a. die Vertreter der Regierung, die Geistlichkeit, der Bürgermeister und der Kur- direktor NNladungen erhalten hatten.