Ausgabe 
15.11.1906 Drittes Blatt
 
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Naturell Hat er doch nicht verleugnet: Im Grunde steht alles sehr gut, Anlaß zur Besorgnis ist nicht vorhanden; alles sielst so rosig aus, wie wir dies von je gewohnt sind. Wir sind freilich von ihm nicht überzeugt worden; wir glauben im Gegenteil, daß die Gesamtlage des Reiches gar nicht schlechter gedacht werden kann, als jetzt. (Sehr richtig! bei den Soz.) Bei der Gründung des Deutschen Reiches hoben unsere kriegerischen Erfolge auf andere Nationen eine große Anziehungskraft ausgeübt. Beliebt waren wir freilich nicht, wohl aber gefürchtet. Man glaubte, das neue Reich würde die Zentralsonne einer neuen Politik werden. Aber lange hielt diese Illusion nicht vor. Der erste schwere Fehler war unsere Stellung zu Rußland. Das offizielle Deutschland wußte nichts Besseres, als mit Frankreich um die Wette vor dem Zaris­mus zu kriechen. Der Reichskanzler wiederholte heute die Legende, daß die Sozialdemokratie verlangt hätte, Deutschland falle sich in die inneren Angelegenheiten Rußlands zugunsten der Revolution emmischen. Tas ist nie geschehen. Wir verlangten nur, Deutsch­land solle sich nicht in die russischen Wirren zugunsten des Zaren­tums cinmischen. (Sehr richtig!) Und das hat das offizielle Deutschland getan! Denken Sic nur an den Königsberger Prozeß schmachvollen Angedenkens! Vor zwei Jahrzehnten ist in die deutsche Politik jene nervöse Unruhe gefahren, die überall dabei sein, über­all mitreden wollte, auch in Dingen, die Deutschland gar nichts angingen. In kurzen Zwischenräumen immer wieder ein Brillant­feuerwerk prasselnder Reden, um nicht zu sagen: Schwatzereien I (Sehr gut!) Dadurch entstand überall erst Verwunderung, dann Mißtrauen. Um uns her vollzogen sich Acnderungen, nur Nur merkten nichts, fanden alles wunderschön. Zuletzt die Entente zwischen Frankreich und England. Freilich, gerade die National­liberalen haben kein Recht, Darum die Regierung zu beschuldigen; denn die NationaNiberalen haben sich jahrelang an allen Hetzereien gegen England beteiligt. Hat man dem Ausbau unserer Flotte nicht direkt eine Spitze gegen England gegeben? Hat man nicht von dem kriegerischen Zusammenstoß mit England gesprochen? Ja, glaubt man denn, England sitzt auf den Ohren, hört nichts, sieht nichts? Wenn Sie wirklich in Zukunst öffentlich auswärtige Politik treiben wollen, dann müssen Sie (zu den NationaUiberalen) vor allem mit diesen verderblichen Gewohnheiten brechen! (Sehr richtig!) Unsere auswärtige Politik hat vollständig Schiffbruch er­litten. Wir stehen jetzt eigentlich wieder vor dem Anfang. Und toas beginnen wir ;ctzt? Wieder zunächst die alten Fehler, das Werben um Rußland I Ist nicht nach der Zusammenkunft in Björki das innige Einverständnis Deutschlands mit Rußland betont loorden, das schon in die Erscheinung treten werde?, und das gerade jetzt, wo ein würdiger Schüler Jgnatiews an der Spitze der russischen Politik steht! Ist es da ein Wunder, wenn ba5 antideutsche Empfinden im Ausland einen nie gekannt hohen Grad erreicht hat? Die Stimmungen der Völker find aber heute ein wichtiger Faktor in der Politik. Eine Nation kann nur dann erfolgreich wirken, wenn sie fx(h_ der Achtung der Sympathie erfreut. Unsere inneren Zustände sind aber dazu angetan, uns diese Achtung zu verscherzen. Reden Sie mit einem Engländer, einem Franzosen, einem Italiener über die Verhältnisse im Deut­schen Reich: Er wird in erster Linie sein Erstaunen darüber aus- drücken, wie ein kulturell in erster Reihe siebendes Volk politisch in solch unglaublicher Zurückgebliebenheit verharren kann, daß es duldet, daß eine kleine, aber einflußreiche, urreaktionäre Kaste alle Macht an sich reißt, seine Geschicke lenkt! Da muß man im Auslande auf den Gedanken kommen, daß die Leiter Deutschlands in bonapartistischer Weise schließlich einmal darauf verfallen werden, die innere Unzufrieden­heit durch auswärtige Abenteuer abzulenken! Das ist der Grund, Deshalb das Deutsche Reich keinen internationalen Kredit zenießcn kann k Das deutsche Volk hat allen Grund, mit oen inneren Zuständen aufzuräumen, schon seiner äußeren Sicherheit wegen! Wir muffen freiheitliche Verhältnisse be­kommen, wir müssen die Politik den persönlichen Launen entrücken! Zu diesen Verhältnissen es zu bringen, muß das Be­streben jedes Politikers sein, der ein Freund des deutschen Volkes ist; daS ist vor allem das Bestreben der Sozialdemokraten, denen nur Bosheit und Niedertracht deshalb antinationale Gesinnung vorwerfen konnte! Fürst Bülow sagte, in Frankreich hätte kein Mensch es gewagt, gegen die Revanche-Idee aufzutreten. Das ist nicht wahr! Das hat unser Freund Jaurös seit Jahren getan, das tut die französische Sozialdemokratie überhaupt, die unter den schwierigsten Verhältnissen für eine Annäherung an Deutschland eintritt! Freilich, als Jcnirös nach Berlin kommen wollte, um das persönlich zu bemonffrieren, da hat man bas nicht zugelassen. (Sehr wahr!) Leider haben wir deutschen Sozialdemokraten nicht denselben Einfluß auf die aus­wärtige Politik, wie unsere französischen Parteifreunde. Wir werden gleichwohl alles tun, was überhaupt in unseren Kräften steht, um die Kulturgefahr eines Krieges, dessen Ausgang unabsehbar wäre, zu bannen. (Lebh. Beifall bei den Soz.)

Abg. Graf Limburg (Stimm, kons.) bleibt völlig unverständlich.

Abg. Dr. Spahn (Zentr.):

Der Sfbg. v. Vollmar tut Unrecht, wenn er sagt, die Sozial­demokratie allein sei stets gegen die Kriegsgefahr und für die Oeffentlichkeit unserer auswärtigen Politik eingetreten. Gerade Mitglieder unserer Partei waren cs, die eine Mitwirkung des Reichstags in der auswärtigen Politik in der Verfassung sichern wollten. Die Nationalliberalen haben das damals zu Fall gebracht. Daß man der Schaffung unserer Flotte eine Spitze gegen England gibt, ist ganz und gar unangebracht, und wir waren auch stets dagegen. Wir werden im Verhältnis zu England stets nur eine Flotte zweiten Grades haben, und mir wollen auch gar nicht mehr. Wir wollen eine Flotte zu unserer eigenen Sicherung und denken an nichts weniger als an Angriffe I Redner verbreitet sich sodann über unser Verhältnis zu Amerika, ohne im einzelnen verständlich au werden. Der Aufhebung des Rückversicherungsvertrags mit Rußland scheint er keine allzu große Bedeutung beizulegen, denn Rußland habe nach der Aufhebung dieses Vertrages es lviederholt bekundet, daß seine Allianz mit Frankreich lediglich defensive Zwecke verfolge.

Abg. Dr. Wiemer (fr. Vpt.):

Ich kann meiner Freude darüber Ausdruck geben, daß der Abg. Bassermann an einzelnen Vorlonnnnissen i Kritik geübt hat. Die Kritik hätte nur etwas schärfer sein müssen. Ich will an- uehmen, daß die Aktion der Nationalliberalen nicht deshalb unternommen ist, um durch diesen Vorstoß _ auf dem Gebiet der auswärtigen Politik die Aufmerksamkeit ab» zulenken von den Fehlern, welche die Nationalliberalcn auf dem Gebiet der inneren Politik in den letzten Jahren gemacht haben. (Lachen bei den Natl.) Den Aulm'; :i bi.- . r Vermutung entnehme ich aus dem gestrigen Artikel \ .. . ion l Zciiung", der die Mutmaßung auskommen läßt, daß den Herren ihre Haltung in gewissem Umfang leid tut. Es wird dort ausgeführt, daß die Nationalliberalen die Regierung beim Schulgesetz, bei den Sreuervorlagen, beim Zolltarif unterstützt hätten. Die Regierung habe das Vergnügen, sich unpopulär zu machen, den National- liberalen überlassen, so daß es niemand der Partei verdenken kann, wenn sie sich nunmehr aus der vordersten Schußlinie der Negie- rungstruppcn zurückzieht. Wir würden uns nur freuen, wenn das geschehen würde und sie mit uns Schulter an Schulter die

Aufgaben verträten, die wir im Interesse des gesamten Liberalis­mus mit ihnen zu lösen für nötig halten. (Zurufe bei den Natl.) Meine Freunde Haden die auswärtige Politik des Fürsten Bismarck meistens gebilligt. Daß jetzt über die auswärtige Politik große Mißstimmung herrscht, läßt sich nicht bestreiten, ich kann mit dem Abg. Basiermann nur wünschen, daß das Interesse für die aus­wärtige Politik mehr geweckt wird. Die Memoiren Hohenlohes dienen der historischen Wahrheit, sie sind allerdings geeignet, baS Prestige gewisser Herren ?u vermindern. Sehr zu wünschen Iväre es, wenn auch in auswärtigen Angelegenheiten die Ne- gierung tunlichst alles Material bem Reichstage unterbreitete unb jede Geheimniskrämerei vermiede. liniere Stellung in der Welt ist nicht frei von Besorgnis; Dieser Gedanke trat auch in der Rede des Reichskanzlers wiederholt in Erscheinung. Der Dreibund tvird ja vielleicht wieder er­neuert werden, aber die frühere praktische Bedeutung besitze er nicht mehr. Die Grundsäule der auswärtigen Politik luirb er wohl nicht mehr bleiben. Wir legen größten Wert auf die Aufrecht­erhaltung guter Beziehungen zu England. Was eine frclind- schastliche Annäherung an Frankreich anlangt, so wirb ber Reichskanzler, wenn er sie versucht, in uns stets eine Unterstützung ffnben. Unb wir glauben mit ihm, daß die Zahl der Franwien beständig zunimmt, die auf bas gleiche Ziel hin- nrbeiien. Bedauerlich bleibt es, wenn neben ober gar gegen den Herrn Reichskanzler Kräfte am Werke sind unb Einfluß ausüben, die vielleicht weniger Gc'chick in der Behandlung auswärtiger Fragen haben. Wo bleibt überhaupt ber Staatssekretär des Auswärtigen? Ich sehe Herrn von Tschierschky nicht hier an seinem Platz. Ec scheint weniger Gewicht ans seine Änwesen- heit im Reichstag, als auf höfische Veranstaltungen zu legen (Hört!). DaS ist auch ein Zeichen ber Zeit unb charak­terisier: treffend bas periönliche Regiment. Unheilvoll wirkt es in den inneren, noch bebenklicher in den äußeren Angelegenheiten. Wir werben es bekämpfen, wo, wann, wie unb in welcher Form wir es auch an treffen. In bies Kapitel gehören auch bie zahlreichen Orbensverleihungen, mit benen Deutschland die Welt beglückt. Mit dem Pour le m^rite für Stoeffel.hätte man nicht so eilig sein sollen. (Sehr richtig 1) Ueberhanpt sollte man das Dekorieren wohl den Regierungen ber Länder überlassen, denen bie Detreffenben angehörcn. Wir wollen keine Politik von Unverantioortlichen. Man denke an bas Wort eines nationalliberalen Führers, baß Kaiser unb Reichstag an einem Tage geboren sind! Freiheitliche Institutionen müssen mehr als bisher bei uns platz- grcicn. Sehr interessant war mir baS Eingeständnis des Fürsten Bülow, daß die überseeische Politik unsere Situation erschwert unb kompliziert! Stetigkeit und Festigkeit, daß ist es, was uns not tutl Unbeftänbigleit führt uns in den Sumps l (Beifall links.)

Abg. v. Tiedemann (Rp.)

verliest eine kurze Erklärung, in ber feine Fraktion bem Reichs­kanzler baS Vertrauen ausspricht, baß er an den bewährten Tradi­tionen Bismarckscher Politik festhalten luerbc. Mit dein Reichskanzler hoffen sie, daß der Dreibund sich als ein Bollwerk des Friedens nad) >vie vor bewäbreii wird, und daß zu den übrigen Mächten, sowohl den europäischen tvie den außereuropäischen,giitc Beziehungen aufrecht erhalten werden.

NcichSkanzler Fürst Busow:

Der Abg. Dr. Wiemer hat die

Abwesenheit des Staatssekretärs des Auswärtigen moniert. Ich habe selbst erst gestern nachmittag erfahren, daß die Interpellation Bassermann heute aus der Tagesorduung steht. Es war dem Herrn Staatssekretär des Ansivärtigen auch beim besten Willen nicht niöglich, seit gestern nachmittag aus München hier wieder einzutreffen. Es ist selbstverständlich, daß, wenn wieder einmal auswärtige Fragen im Reichstag behaiidelt werden, der Herr Staatssekretär des Auswärtigen sich an der Debatte be­teiligen wird.

Gegenüber den Aiissührungen des Abg. Spahn möchte ich feststellen, daß ich den Ausschuß des Bundesrats für auswärtige Angelegenheiten wiederholt be­rufen habe, und gerade in ernsten, und kritischen Mo­menten. Ich habe ihn z. B. cinberufen, als cs sich um die chinesische Expedit on handelte, ich Habs ihn ferner ein­berufen in einem entscheidenden Augenblick der Marokkofrage ; ich habe aber auch, abgesehen hiervon, immer dafür Sarge getragen, daß die deutschen BnnbeSrcgierungen, sei es burch vertrauliche Mitteilungen ber Preußischen Vertreter bei ben BnnbeSregierungen, sei es burch Rückjpracbe zwischen mir nnb ben eiiizelstaatlichen Instanzen, über ben Gang, bie Ziele unb bie einzelnen Phasen unserer auswärtigen Politik auf bem Saufenbeu erhalten würben. Ich bin mir bewußt, wie wichtig es ist, baß unsere auswärtige Politik die vertrauens­volle Zustimmung der Bundesregierungen findet (Zuruf links: Und des Volkes!)unb auch bes Volkes, baS versteht sich ganz von selbst, bnran brauchte mich der verehrte Herr nicht erst zu erinnern.

Verschiedene Vorredner und auch Herr Bassermann haben sich in nicht gerade wohlwollender Weise mit

unserer Diplonmtie

beschäftigt. Ich halte es als Chef unseres diplomatischen Dienstes j für meine Pflicht, der Ueberzeuguug Ausdruck zu geben, baß bieje , Kritik nicht in allen Punkten, aber boch sehr überwiegenb über bas

Ziel hinansschießt. Unsere biplomatischen Vertreter sind mir fast alle periönlich bekannt. Sie tun im großen ganzen ihre Schuldig­keit. Glauben Sie das nur I (Heiterkeit.) Ein Diplomat soll nicht nur Arbeitskraft, Kenntnisse und Charakter be­sitzen, sondern es gehört noch anderes dazu. Denn Wad einen guten Finanzbeamten ausmacht, das macht noch lange keinen brauchbaren D plomaten. Ich höre manchmal, unsere Diplomatie sei antiquiert, sie arbeite mit Personen ungefähr wie in den Scribeschen Lust­spielen, die nicht mehr in die Gegenwart passen. Daß unsere Zeit nicht mehr die deS Frankfurter Bundestags ist, ist klar. Die höfischen Jnteresien sind mehr nnb mehr in ben Hintergrund) getreten; wirtschaftliche, ökonomische unb finanzielle Fragen spielen jetzt eine ganz anbere Rolle als früher; bie Presse unb baS Parlament nehmen jetzt eine ganz anbere Stellung ein.

Ein Diplomat mit bem Gesichtskreise bes alten Franlfurtcr Bunbestages würde heute keine Seide mehr spinnen. Ein Diplomat, der nur über die Wadenkrämpfe einer Prinzessin zu berichten wüßte (große Heiterkeit), wäre heute eine unmögliche Figur. Der Diplomat, der mit Dank- und Handelskreiscn Fühlung hat, die Presse zu behandeln versteht, der einflußreiche Parlamen- larier zu feinen Freunden zählt, hat schon einen großen Vorsprung vor inen Kollegen. Was man damit machen kann, baS har Graf Wille in PortSmollth gezeigt. Aber betrübet wollen wir boch nicht vcrgeffen, baß bie menicllliche Natur immer bieselbe bleibt, baß die Menschen sich im wesentlichen nicht ändern mib daß auch die Mittel, deren sie sich zur Erzielung ihrer Zwecke bedienen, ungefähr die gleichen find, wie früher. Ick erinnere mich hier an ein französisches Bilch, worin es heißt: Der Ambassadeur müsse ein Proteus und ein Chamäleon sein. (Heiterkeit). Das heißt, er muß mit den gegebenen Faktoren zu rechnen und sich in bie von ihm erkannte Lage zu finben wissen. Im biplomatiichen Wettkanipf um ben Einfluß in einem Orte ober Lande siegt nicht immer der moralisch Höherstehende, der Edlere, sondern ge­

wöhnlich derjenige, der sich am besten in die Verhaktnrffe zu finden weiß. Es gibt auch eine diplomatische Mimici y. Die Diplomaten sollten sich den Alcibiabes znm Vorbild nehmen: die Lieberlichkett bc§ Alcibiadcs brauchen sie freilich nicht nachznahmen. (Heiterkeit^

Wenn sich ein Diplomat nach den Umständen richtet, bie stch eben ändern, so ist bas noch lange kein Zickzackkurs. Ein ver­storbenes geistvolles Mitglied dieses Hauies, der Abg. Bam­berger, sagte mir einmal: das Geheimnis der Diplomatie bestände vielleicht in einer gewissen Inkonsequenz. Jedenfalls soll ein Diplomat keine vorgefaßten Meinungen haben und leine unabänderlichen Sympathien und Antipathien. Auch soll, und das qilt namentlich |ür den Deutschen, der Diplomat nicht zu belehrend Auftreten. Die Sucht, zu belehren, ist ja überhaupt ein alter deutscher Erbfehler. Ich weiß wohl: er hängt mit vorzüglichen Eigenschaften des deutschen Volkes zusammen; aber beliebt madit das Belehreuwollcn nicht. Ich entsinne mich, baß Fürst Bism.irck mir einmal vor zwei Unterstaatssekretären sagte: Der eine, A, weiß immer alles; unb bet anbere, B, weiß es immer noch besser." (Heiterkeit.) Beliebt waren bie beiben gerabe nicht. Der beutsche Diplomat soll seine Schulmeisterei am besten zu Hanse lassen. Seien Sie im übrigen versichert, daß ich bei ber Auswahl ber biplomatischen Vertreter mit großer Sorgfalt verfahre, unb jeben'allS ohne jegliches Vorurteil. Haben Sie beim bei mir schon überhaupt irgend ein Vorurteil bemerkt? (Große Heiterkeit.) Mir sagte einmal ein bedeutender Publizist:Sie sind, mein lieber Bülow, von einer geradezu er­schrecklichen Vorurteilslosigkeit!" (Heiterkeit.) Als ich das nach Jcihreu einem liberalen Publizisten wiedererzählt, meinte er: Das ist eben Ihr Unglück, und das wird Ihnen noch schlecht be- kominen. In Deutschland muß man Vorurteile haben." (Erneute Heiterkeit.)

Nun noch ein Wort über einen Gegenstand, der von mehreren Herren hier gestreift worben ist, nämlich über

das persönliche Regiment.

Ich habe hier schon einmal gesagt: Ein seiner moralischen Verantwortlichkeit bewußter Reichskanzler wirb nicht im Amte blei­ben, wenn er Dinge nicht zu verhinbern vermag, die nach seinem pflichtgemäßen Erniesscn das Wohl des Reichs gefährden. Wären solche Dinge vorgefallen, so würden Sie mich auch hier nicht sehen. Denn was Sie auch sonst von mir denken, das eine können Sie mir glauben:

ein Kleber bin ich nicht.

Ich sagte damals weiter, ein Reichskanzler dürfe e5 auch nicht ablehucn, selbst bei Kundgebungen des Monarchen, auf welche sich seine formelle Verantwortung nicht erstreckt, doch die moral sche Verantwortung soweit zu übernehmen, als sie auf ben Gang der großen Politik einen Einfluß ausüben.

Wie sehr ich mir dieser Verantwortung bewußt bin, das habe ich bereits in mehreren Angelegenheiten gezeigt. Ich erinnere nur an den Gang der Lippeschen Frage. Der große Irrtum, den viele Herren bei der Beurteilung dieser Tinge begehen, liegt meines Erachtens darin, daß sie die Zustände, wie sie bei uns Rechtens sind und wir stehen doch alle auf dem Boden des Rechts, verwechseln mit den Zuständen in den Ländern, die das rein parla­mentarische Negierungssystem haben. In solchen Ländern ist der Monarch nur der formelle Inhaber der Staatsgewalt, nach dem unter Ludwig Philipp gefragten Satze: Le roi regne, mais ne gouverne pas. Tie Staatsgewalt liegt dort in Wirklichkeit rn ben Händen der Minister, die von der Kammermehrheit abhängig ist. Man kann über die Vorzüge und Nachteile dieses parlamen­tarischen Systems nun sehr verschiedener Ansicht sein. Es gibt Länder, wo mehr die Vorzüge hervortreten, z. B. England, wo cs jahrhundertelang geschichtlich geworden ist. Es gibt auch Länder, wo mehr die Schattenseiten sich zeigen. Denn ein System, das für alle Länder paßt, gibt es nicht, so wenig wie ein Rock, ber allen sitzt, wie eine Mebizin für alle Leiden. Bei uns wäre das parlamen­tarische System schon deshalb nicht möglich, weil keine der großen Parteien die absolute Mehrheit hat und bei der (Struftur unserer ganzen Verhältnisse in absehbarer Zeit auch nicht haben wird. Aber von diesem rein faktischen Grunde ganz abgesehen, ist das parla­mentarische System bei uns eben nicht rechtens. Bei uns sind die Minister nicht die Organe des Parlaments, sondern die Vcrtraucns- männcr der Krone. Tie Rcgicrungsanordnungen sind bei uns nicht Anordnungen des Parlaments, sondern des Monarchen. Die Korrektur dieser Umstände und die Gewähr für ein verfassungs­mäßiges Regime liegt darin, daß die Regierungsorgane nur soweit wirksam sind, als der Monarch einen Minister findet, der diese Anordnungen ausführt. (Zuruf von den Soz.: Findet er immer 1) Wie weit ein Minister nun die persönlichen Meinungen und Ge­fühlsäußerungen des Monarchen mit seiner Verantwortung decken will, das ist Sache des politischen Augenmaßes, das gehört in das Gebiet der politischen Imponderabilien.

Ich kann mir sehr wohl denken, daß ein Minister finden kann, baß ein zu häufiges persönliches Hervortreten des Regenten, daß ein zu weit getriebener monarchischer Subjektivismus, baß ein zu häufiges Erscheinen ,bcs Monarchen in ber Oeffentlichkeit dem monarchischen Interesse nicht zuträglich ist. (Lebhafte Zustimmung.) Aber die Auffassung, als ob der Monarch keine eigenen Gedanken über Staat und Regierung haben, als ob er nur mit dem Kopf der Minister denken darf, das ist grund­falsch und widerspricht dem deutschen Staatsrecht. Es widerspricht auch ben Wünschen und Neigungen des deutschen Volkes. (Ge­lächter bei ben Sozialdemokraten.) Tas deutsche Volk will einen Kaiser von Fleisch unb Blut. Eine starke Persönlichkeit des Mon­archen, wie unser Kaiser es ist, bedeutet aber darum noch lange nicht eine Verletzung ber Verfassung. Nennen Sie doch einen einzigen Fall, wo der Kaiser mit ber Verfassung sich in Wider­sprach gesetzt hat! Sie können das nicht und werden niemals einen solchen Fall nennen können, weil der Kaiser die Verfassung stets gewissenhaft beobachtet.

Solange sich der Kaiser in ben Schranken der Verfassung hält, haben die Klagen über das persönliche Regiment oder gar über Absolutismus keine Berechtigung, und sind nur auf die von mir schon erwähnte Neigung zu Übertreibungen zurückzuführen. Dann ist auch von

Canrarilla gesprochen worden. Meine Herren, Camarklla ist ein Fremdwort (Heiterkeit), es bezeichnet eine häßliche, fremde Giftpflanze, und man hat nie versucht, sie in Deutschland anzupflanzen ohne großen Schaden für das Volk und für die Fürsten. Unser Kaiser ist aber ein viel zu gerader Charakter unb ein viel zu klarer Kopf, als daß er sich in politischen Dingen wo anders Rat holen könnte, als in seinem eigenen Pflichtgefühl und bei seinen berufenen Rat­gebern. Lassen Sie also das unbegründete Mißtrauen fahren unb bereinigen Sie sich mit dem Bundesrat zu fruchtbringender unb ersprießlicher Arbeit! (Beifall.)

Hierauf vertagt bas paus die weitere Besprechung der Interpellation auf Donnerstag 1 Uhr. (Außer­dem stehen noch auf ber Tagcsorbnung: Wah (Prüfungen, Novelle zum Branntweinsteuergesetz und Vogel­schutz-Gesetz.)

Schluß 694 Uhr, k(

VermLsschtrs.

Berlin, 14. Nov. In ber heutigen Vormittags­ziehung der preußischen Klassenlotterie fiel der Haupt­gewinn von 500000 Mark auf bie Nr. 40 625.

* Der Feldmarschall als Kartoffclarbeiter. Kurze Zeit, ehe Feldmarscholl Graf Häseler sich vom aktiven Dienst zurückzog, wollte sc erzählen bie Hambr. Nachr. ein früherer Untergebener, höherer Offizier, ihm auf feiiv ,i nahe Berlin gelegenen Gute Harnekop c' cn kurzen Besuch machen, was wir auf gut Deutsch einesteife Visite" nennen. Er kommt hin, der öffnende Diener bedauert, ihn nicht melden zu können, da Se. Exzellenz auf dem Felde sei. Der Besucher will nicht gern die Fahrt umsonst gemacht haben, nimmt auch an, daß der Gutsherr nach einem

Besichtigungsgange in absehbarer Zeit zurückkommen müsse, und will deshalb warten. Da meint der Diener balb ver­legen. Exzellen; würde kaum vor ?lbend be-mkehrcn.Nun gut, so werde ich ihn auf dem Felde aufsuchen." Er läßt sich einigermaßen zurcc!'.weisen und geht querfeldein auf einen Kartoffelacker, wo er schon von weitem die Leute, in der Reihe gebückt stehend, Kartoffelnbuddeln" sieht. Er kommt näher, da erblickt er mitten in der Reihe eifrig arbeitend Se. Exzellenz den Herrn Grafen! Die Begrüßung ist liebenswürdig wie stets, aber kurz, denn, so erklärt Graf H., jetzt ist keine Essenspause, Und so arbeitet er fort während einer kurzen Unterhaltung. Es stellt sich nun heraus, daß die Arbeiter tags zuvor um Lohnerhöhung eiib gekommen waren, und daß Graf Häseler erklärt hatte, erst müsse er wissen, ob die Arbeit in der Tat so schwer sei,

um die Erhöhung zu rechtfertigen. Und so war er am Morgen mit hinausgezogen auf das Feld, in Reih und Glied arbeitend, Pause machend nur, wenn seine Arbeiter Pausen machten, fein aufs Feld gebrachte? Essen verzehrend, wenn die Arbeiter aßen. Den ganzen Tag hatte er die ungewohnte, schwere Arbeit mit durchgehalten, um abends zu erklären: Ja, ihr habt recht, es ist schwer, die Lohnerhöhung wird bewilligt!"

* Bombenexplosion. In Rom legte am 14. d. M. am Eingang eines CafeS ein bisher unermittelter Mann eine Bombe nieder. Diese explodierte einige Minuten später, wo­durch zwei Personen verletzt wurden.