Ausgabe 
15.11.1906 Drittes Blatt
 
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htM, einem sehr hervorragenden, einem großen französischen Staats­mann näher zu treten und ihm ein dankbares Andenken bewahrt, denn er war gegen mich, der ich damals ein junger Botschafts­sekretär war, menschlich gut und freundlich. Das war Leon Gambetta. Und ich erinnere mich, wie er mir eines Abends in kurzen markigen Worten sein Vorgehen und seine Haltung als MitgliÄ der Regierung der nationalen Verteidigung schilderte, deren Seele er war. Frankreich, sagte er mir, war in die Kniee gesunken. Ich habe ihm gesagt: Erhebe Dich und nun vorwärts, marsch! Wer in solchem Augenblicke Frankreich regiert, fügte Gam­betta hinzu, der hat das Gefühl, einen Thermometer in der Hand zu halten: Ein Druck der Hand läßt das Quecksilber steigen oder fallen. $n solchen großen Momenten kann man alles mit Frank­reich machen. Als mir Gambetta dies sagte, sagte ich junger Mensch mir innerlich: Mochte, wenn je über das deutsche Volk ein solches Geschick hereinbricht, wie damals über das französische Kaiserreich, die Nation doch Männer finden, die mit solchem leuch­tenden Patriotismus tveiterfcchten, bis zum bittersten Ende. Ich bemerke dabei, daß es gerade diese Lebhaftigkeit des französischen Patriotismus, der starke und hochgespannte Ehrgeiz des französischen Volkes, also traditionelle und glänzende Eigenschaften unserer west­lichen Nachbarn find, die uns nötigen, militärisch immer en vedette zu sein, nicht nur um das verlorene Land, der Vogesen, zu wahren, das mit Strömen deutschen Blutes wieder gewonnen wurde, sondern auch die endlich, so spät und'so mühsam errungene nationale Ein­heit und unsere endlich wiedererworbene Machtstellung und Welt­stellung. Ich vergefie niemals das Wort, das mir einmal ein französischer Diplomat und Historiker sagte:Der westfälische Frieden, der Frankreich gebar und Deutschland aufgelöst hat". Ich überlaste es unseren Historikern, ich überlaste es jedem Deut­schen, jedem Denkenden, hieraus die nötigen Schlüste zu ziehen. Frankreich war ein in sich gefestigtes und geschlostenes Reich, als Deutschland und Italien noch geographische Begriffe waren. Em festes Stück'Marmor zwischen zwei festgefügte Mosaikplatten. Daß bei jedem oder fast bei jedem Zusammenstoß mit einem dieser beiden Nachbarn, sofern dieser nicht von dritter Seite Hilfe erhielt, Frank­reich sich als der Stärkere erweisen mußte, war eine Art von Naturnotwendigkeit. Die Lenker der französischen Politik sind sich auch nie im Zweifel gewesen, über den kausalen Zusammenhang, der zwischen diesem politischen Uebergewicht Frankreichs und der Zerrissenheit seiner Nachbarn bestand. Daß er den deutschen und italienischen Einigungsprozeß nicht aufzuhalten vermochte, war der schwere Vorwurf, der Napoleon III. gemacht wurde; daß er gerade diese Seite der Politik des zweiten Kaiserreiches bekämpfte, gereichte Gambetta zum Ruhme. Diese Produkte französischer Mit­arbeit in Deutschland kamen 1870 zum Abschluß. Damals erlangte Deutschland nid# nur die Einigkeit innerhalb seiner geographischen Grenzen wieder, sondern es erlangte gleichzeitig die innere Einheit und die Eistheit nach außen.

Diese letztere Errungenschaft wird noch wirksamer als der Besitz von Metz und Straßburg verhindern, daß je wieder deutsche Grenzgebiete zum Tummelplatz frcmber Kriegsgelüste werden. Aber auch Italien, Frankreichs wirtschaftlicher Nachbar, ist ein lose gefügtes Mosaik. Im Innern als einheitlicher Nationalstaat und an den Dreibund gelehnt, kann es sich heute Frankreich nähern, ohne Besorgnis, von seinem mächtigen Nachbarn abhängig zu werden. Es ist begreiflich, wenn es dem stolzen französischen Patriotismus schwer fällt, sich in diese Tatsachen der Gegenwart und namentlich in das Erwachen und Erstarken des deutschen Volksbewußtseins zu finden, das volle Gleichberechtigung mit allen anderen Völkern verlangt. Daran hat auch der

Marokko-Zwischenfall

nichts geändert, wenn es sich hierbei auch erfreulicherweise von neuem gezeigt hat, daß beide große Völker in Frieden mit ein­ander auszukommen wünschen. Ich höre manchmal Franzosen, die diese Ansicht teilen; unter vier Augen hcff mir auch dieser oder jener Franzose schon gesagt, er würde mit uns wohl gemeinsam Schritte hierzu tun. Aber offiziell ist noch kein Deputierter und kein Senator dafür eingetreten. (Widerspruch bei den Sozial­demokraten.) Noch keiner! (Rufe bei den Sozialdemokraten: Iaures!) Iaures? Eine Schwalbe macht noch leinen Sommer. (Heiterkeit.) Aber was in Frankreich sehr wohl, möglich ist, das sind ruhige, normale und korrekte Beziehungen. Ich hoffe und ich glaube, wir Höften alle von links bis rechts daß die Zahl der einsichtigen Franzosen, die einen Angrift auf Deutschland grundsätzlich verwerfen, immer mehr zunimmt, die Zahl derjenigen Franzosen, die einem deutschen Kriege nur deshalb abgeneigt sind, weil er vielleicht am letzten Ende für Frankreich unglücklich ver­laufen würde, abnehmen wird. Wir hoffen alle, daß bei beiden Volkern die Einsicht fortschreiten wird, daß keines von ihnen ein Interesse daran hat, das ganze gewaltige Risiko und das ganze furchtbare Elend eines Krieges auf sich zu nehmen, und daß man einsieht, daß den gegenseitigen Frieden nicht zu stören im Interests beider Völker liegt. (Beifalls Und was weiter möglich erscheint, ist, daß beide Völker sich auf wirftchaftlichem Gebiet, dem Gebiet der industriellen und kommerziellen Unternehmungen begegnen, vieUeicht auch hier und da einmal sich über eine koloniale Frage verständigen. Däbei bemerke ich ausdrücklich, daß wir nicht daran denken, uns zwischen Frankreich und Rußland oder zwischen Frank­reich und England einzuschieben. Insbesondere denken wir nicht daran, die Störung der französisch-englischen Freundschaft zum Gegenstand unserer offenen oder versteckten Bemühungen zu machen. Die französisch-russische Allianz ist bis jetzt keine Gefahr für den Frieden gewesen, sie hat sich im Gegenteil als ein Gewicht bewährt, das auch zum gleichmäßigen Gange der Weltuhr beitragt. Wir hoffen, daß man von der englisch-französischen Allianz das­selbe wird sagen können. Gute Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland haben der französisch-russischen Allianz keinen Ein­trag getan, gute Beziehungen zwischen Deutschland und England können nicht in Widerspruch stehen, mit der entente cordiale, wenn diese friedliche Zwecke verfolgt. Die westmächtige entente cordiale ohne gute Beziehungen beider Westmächte zu Deutschland wäre eine Gefahr für den Frieden. Eine Politik, die darauf ausginge, Deuffchland einzutreiben, einen Kreis von Mächten um Dcuffch- land zu bilden, uns zu isolieren und lahmzulegen, wäre eine für den europäischen Frieden sehr bedenkliche Politik. , Eine solche Ringbildung ist nicht möglich ohne Ausübung eines gewißen Druckes. Truck erzeugt Gegendruck. (Sehr wahr!) Aus Druck und Gegendruck können Explosionen hervorgehen. (Sehr richtig!) Deshalb ist es besonders erfreulich, daß auch französische Blätter den Gedanken ausgesprochen haben,

ein gutes Verhältnis zwischen Deutschland und England

sei notwendig für die Erhaltung des europäischen Friedens und entspreche deshalb auch den französischen Interessen. Zwischen Deutschland und England steht leip unnützes Erinnern. Zwischen Deuffchland und England bestehen auch keine tieferen^ politischen Gegensätze. Es hat Verstimmungen zwischen beiden Landern ge­geben, unpraktische und unverständige Verstimmungen, an denen, wie gewöhnlich im Leben, beide Teile ungefähr gleich die Schuld hatten, aber keine feindseligen Handlungen. Im übrigen stehen beide Völker sich nahe. Mit Recht hat man von einer geistigen Verwandffchaft beider Völker gesprochen. Auf wirtschaftlichem Gebiet find wir auseinander angewiesen. Der intern ationoje Handelsverkehr besteht nun einmal im Geben und Nehmen. Gewiß ist zwischen Deutschland und England im internationalen Handels­verkehr auch Konkurrenz und Rivalität vorhanden. Rivalität und Konkurrenz braucht aber keine politischen Gegensätze, geschweige denn einen Krieg hervorzurufen. Wir haben solche Rivalität mit Oesterreich-Ungarn und Italien, ohne daß unsere Beziehungen zu diesen Mächten dadurch ernstlich geschädigt würden. England hat sie mit Nordamerika und mit Japan, ohne daß die Beziehungen zwischen diesen Ländern darunter litten. Deutschland und England sind sich gegenseitig gute Kunden, sogar so gute Kunden, daß jeder von beiden ein Interesse daran hat. sich dem anderen als .Kunden zu erhalten. (Sehr richtig!) Schon deshalb sollten die verständigen Leute in beiden Ländern tun, was in ihren Kräften steht, um Mißverständnisse zu beseitigen und gegenseitige Verständigung zu fordern. In diesem Zufinmnerchange möchte ich doch meine Be­

friedigung aussprechen über die freundschaftliche Aufnahme, welche die Bürgermeister und Stadtverordneten deutscher Kommunen in England gefunden haben (Bravo!) und über die Worte, die bei dieser Gelegenheit in London gefallen sind. (Bravo!) Ich glaube, daß ein solches Sichnähertreten von Volk zu Volk, von Mensch zu Mensch nützlich und notwendig ist. (Sehr wahr!) Ich glaube, daß der geehrte Herr Abgeordnete Bassermann hierüber etwas zu skeptisch sich ausgelassen hat. (Sehr richtig!) Ich halte ein solches Anknüpfen persönlicher Beziehungen für nützlich und notwendig. (Sehr wahr!) Auch von dem

Besuche unserer Journalisten in England

der geehrte Antragsteller möge eS mir erlauben, dies zu sagen erwarte ich nützliche Folgen. Ich hoffe, daß die Publizisten beider Länder sich nicht nur als Menschen, sondern auch als Gentlemen kennen gelernt haben (Zuruf), und daß sie bet aller Ueberzeugungs- treue und bei allem Patriotismus in ihrer Polemik doch künftighin Gehässigkeiten und mala fides vermeiden werden. Ich hoffe, sie werden sich vor Augen halten, daß, wenn man auch niemandes zur Liebe zwingen kann, doch jedes der beiden Völker vollen Anspruch auf die Achtung des anbeten hat (Sehr richtig!), unb wenn gcrabe auf publizistischem Gebiet in ber Vergangenheit hüben unb drüben gesündigt und viel gesündigt worden ist, so möge von jetzt an die deutsche wie die englische Presse zeigen, daß sie der Lanze des Achillon gleicht, welche die Wunden zu heilen verstand, die sie ge­schlagen hatte. Es gibt ja keinen vernünftigen Menschen in Deutschland, der nicht aufrichtig gute Beziehungen zu England wünschte auf der Basis beiderseitiger 2ol)alität. (Sehr richtig!) In einem Artikel, den in einem deutsch-englischen Blatte ein deut­scher Publizist veröffentlicht hat, der vor einigen Jahren in der tierberen Reihe unserer Burenfreunde stand, habe ich die zutreffende Bemerkung gefunden, daß es nicht Haß gegen England gewesen, was seinerzeit bei uns die Liebe und Begeisterung für das Buren­volk entfacht habe, denn von einem solchen Haß sei selbst damals nicht die Rede gewesen. Die deutsche Burenbegeiste- rung jener Tage sei zurückzuführen auf germanischen Idealismus und deutsche Romantik. Das ist vollkommen richtig. Tas sage ich, der ich damals diese Romantik und diesen Idealismus, diese tief­gewurzelte Neigung unseres Volkes, politische Angelegenheiten als Gemüts- und Herzensfragen zu behandeln, bekämpft habe und be­kämpfen mußte. Zu meinem Bedauern lese ich immer wieder in der Presse, baß unsere Verteidigungsmaßnahmen zur See die Schuld trügen an dem gegen uns in England be­stehenden Mißtrauen. Ich habe oft bangelegt, daß der Gedanke, als ob der Ausbau der deutschen Flotte sich gegen England richte, einfach töricht ist. Ich finde keinen anderen Ausdruck, um den Gedanken zu kennzeichnen, als ob wir uns England gegenüber mit offensiven Absichten trügen und daß auch die Besorgnis mancher englischen Kreise von einer gar nicht vorhandenen großen deutschen Flotte ein­fach unfaßbar ist. Hat doch gerade bei dem Bankett unserer städti­schen Vertreter oder wenigstens in jener Zeit ein englischer Minister mit Recht hervorgehoben: England besitzt zurzeit die schlagfertigste und streitbarste Flotte, welche es je gehabt habe, unb es sei auch gewillt, diese Flotte auf ihrer jetzigen Höhe zu halten, und nod) vor wenigen Wochen versicherte der Erste Lord der englischen Admi­ralität öffentlich, England sei nie so stark gewesen, wie gegenwärtig, wo es jeder möglichen Kombination gewachsen sei, die andere Mächte gegen England aufbieten könnten.

Also ich frage:

Wozu der Lärm?

Wir denken gar nicht daran, eine Flotte ju'bauen, die so stark wie die englische wäre; aber wir haben das Recht und die Pflicht, uns eine Flotte zu halten, die dem Umfange unserer Handelsinteressen entspricht (Sehr wahr!), die uns die Möglichkeit gibt, uns gegenüber fremden Interessen zu schützen und unsere Küsten zu verteidigen. Warum sollen wir nicht das Reckt haben, Schiffe zu bauen, uns eine Flotte zu halten wie die Italiener, Franzosen, Rusien, Ja­paner und die Engländer selbst? Ich habe, wenn mich mein Ge­dächtnis nicht täuscht, gerade vor einem Jahre an die Argumente erinnert, mit b-.nen der damalige italienische Ministerpräsident und der Präsident.der Vereinigten Staaten fijr die Verstärkung der Flotten ihrer Sänber eintraten, unb ich habe hinzugefügt, wir be­fänden uns genau in der gleichen Lage.

Das beuffche Volk unb ber deutsche Kaiser haben keine kriegerischen Gelüste. Friebensstörungen unb Angriffe werden nicht von uns ausgehen. Das Deutsche Reich ist seit seiner Errichtung in ununterbrochenem Frieden mit allen anderen Län­dern geblieben; da? gleiche läßt sich wohl nur von wenigen anderen Staaten sagen. Durch diese unsere Haltung während nun 36 Jahren ist der unwiderlegliche Beweis erbracht worden, daß Deutschland eine eminent ftiedliche Politik verfolgt. Wir erkennen auch ohne Hintergedanken die Stellung an, die sich England seit langem und in weitem Umfange in der Welt gemacht hat. Daß das keine Redensart ist, beweist auch manches, was der Abgeordnete Bassermann soeben gestreift hat. Fürst Bismarck pflegte zu sagen: Wir sind in Serbien österreichisch, in Bulgarien russisch, in Aegyp­ten englisch. Wir habenEngland in Aegypten keine Steine in denWeg gelegt, selbst wenn wir ein formales Anrecht dazu gehabt hätten. Damit meine ich die Vorgänge von 190-1. Nichtsdestoweniger sind uns in englischen unb französischen Bläffern anläßlich des Akaba- falles Machenschaften untergeschoben worden, trotzdem es klar war, daß wir eine ruhige Entwickelung und eine ftiedliche Beilegung des Streitfalles wünschten. Von dem Verhältnis zwischen Deutsch­land und England gilt das, was Fürst Bismarck einmal, wenn ich mich nicht irre, im Jahre 1860 über die Annäherung von Nord- deutschlcmd und Süddeutschland sagte, nämlich daß die Früchte nicht rascher reifen, wenn man eine Lampe unter sie hält. Wenn die Beziehungen zwischen Deutschland und England freundschaftlich und vertrauensvoll werden sollen, so ist vor allem Zeit und Geduld notwendig, denn eine lange Periode ber Mißverständnisse unb Verstimmungen liegt hinter uns. Der Stand des politischen Baro­meters ist jetzt glücklich von Regen und Wind auf veränderlich ge­gangen. Forcieren läßt sich nichts. Wenn es beffer werden soll, müssen von beiden Seiten Reibungen unb Trübungen vermieden werden. Vor allem müssen die lebenden Interessen großer Völker hoch über persönlichen Verstimmungen und Empfindlichkeiten stehen. (Lebhafte Zustimmung.) Tas gilt natürlich für beide Länder und gilt für jede Rangstufe. (Lebhafte Zustimmung.) Man hat von angeblichen Verstimmungen zwischen den beiden Souveränen gesprochen, die an der Spitze des deutschen und eng­lischen Volkes stehen, und ihnen eine große Bedeutung beigelegt. Ich sage demgegenüber, weder König Eduard noch Kaiser Wilhelm werden persönlichenEmpfindlichkeffen Einfluß auf die sachliche Wahr­nehmung ber politischen Verhältnisse ihrer Lander einräumen. König Eduard ist bei uns mit der Achtung und Ehrerbietung aufgenommen worden, die ihm gebührt. Und so hat die Begegnung in Cronsberg die guten Beziehungen zwischen beiden Monarchen gekräftigt und die Hoffnung befestigt, daß sich das Wort des Königs erfüllen wird, daß die Fahnen beider Länder niemals feindlich gegeneinander wehen sollen.

Der Abgeordnete Bassermann hat gemeint, daß die Haltung Italiens in Algeciras unseren Erwartungen nicht entsprochen unb uns Grund zur Un­zufriedenheit gegeben habe. Die Haltung ber italienischen Presse entsprach allerdings nicht den deutschen Wünschen; von der Hal­tung der ffalienischen Regierung aber und namentlich ihres Ver­treters auf ber Konferenz kann ich bas nicht sagen. Italien befand sich auf ber Konferenz in Algeciras in schwieriger Lage. Zwischen Italien und Frankreich bestanden hinsichtlich Marokkos gewisse Verabredungen, von denen wir wissen, daß sie nicht im Wider­spruche mit dem Dreibundvertrage standen. Als nun die Art und Weise, wie unsere Rechte und Interessen in Marokko verletzt wurden, uns zum Vorgehen zwang, unb sich daraus die Konferenz in Algeciras entwickelte, kam Italien in eine diffizile Situation. In dieser Lage hat die damalige italienische Regierung korrekt gehandelt, nicht mir, indem sie uns rechtzeitig hinsichllich der Be­

grenzung der ihr in Algeciras möglichen Unterstützung orientierte, sondern auch, indem sie innerhalb dieser Grenzen die von uns ver­tretenen Grundsätze unb Ziele nach Möglichkeit förderte. Als Be­weis hierfür möchte ich ein Telegramm verlesen, das ich gerade in einem friedlichen Augenblick der Konferenz von unserem ersten Delegierten, Herrn von Stradowitz, erhielt: Marquis Viskonti Venosta, telegraphierte er mir am 1. März, hat sich in ber letzten Zeit besonders bemüht, außerhalb der Konferenzsitzungen auf die Franzosen einzuwirkcn, in ber Polizeifrage im Sinne unseres Ver­langens einzugehen, was sicher von Nutzen gewesen ist unb weiter fein kann. Wir können baraus mehr Vorteil ziehen, als aus seinem birclten Eingreifen in die Konferenzverhandlungen, das er möglichst vermeidet. Bei diesem Anlaß will ich übrigens gleich sagen, daß alles, was behauptet wird von Umtrieben deutscher Agenten in Tripolis ober von einer von deutscher Seite nach dem Hinterlande von Tripolis vorbereiteten Expedition, Erfindungen sind, die lediglick bezwecken, Italien gegen uns mißtrauisch zu machen. Um dann auch in Wien gegen uns Stimmung zu machen, hat man weiter sogar behauptet, wir beabsichtigten eine direkte Verbindung von Kamerun über Tripolis nach Triest herzustellen. (Große Heiterkeit.) So suchte man mit dieser Behauptung zwei Fliegen mit einer Klappe zu treffen, indem man sowohl Italien wie Oesterreich mißtrauisch machen wollte. Natürlich haben wft weder eine Veranlassung noch irgend ein Interesse daran, uns im Hinterlande von Tripolis oder auch von Tunis irgendwie politisch zu begegnen. Das, was dieser ober jener unverantwort­liche Politiker gegen den Dreibund sagt, möchte ich doch nicht über­schätzen. Wie anderswo, so sagt auch dort mancher so manches, was sich nicht gleich in Taten umsetzt. (Heiterkeit, sehr richtig!) Während der sechs Jahre, als ich die Ehre hatte, das Reich als Ge­sandter in Rumänien zu vertreten, einem Lande und Volke, die mir lebhafte und aufrichtige Sympathien eingeflößt haben, unter der erleuchteten Leitung König Carols, eines der tüchtigsten Für­sten, der mir vorgekommen ist, ich sage, während meiner Tätig­keit in Bukarest pflog ich freundschaftlichen Verkehr mit einem Mitglieds der dortigen Kammer, ber mir für die Zeit, wenn er Minister fein würde, allerlei schöne Versprechungen machte. Als er nun endlich Minister wurde unb gar feine Anstalten machte, feine Zusagen einzulösen (links: Wie bei uns! Heiterkeit), da erinnerte ich ihn in zartfühlender Weise Sie kennen ja meine Art (große Heiterkeit) an seine Versprechungen, und da ant­wortete mir Der treffliche Mann mit dem Brusttöne wahrer lieber» zeugung: Sie glauben gar nicht, werter Herr, wie man seine An­sichten ändert, sobald man Minister wird. (Große Heiterkeit.) Sie glauben gar nicht, wie das Regieren die Ansichten eines Menschen von Tag zu Tag umftempelt. (Erneute Heiterkeit.) Das machte damals auf mich einen gewissen Eindruck. Ich war selbst noch nicht Minister gewesen. Tas kommt auch anderswo vor. Ich habe mir das gemerkt. (Stürmische Heiterkeit.) Alle ernsten italienischen Politiker sind aber zu einsichtig unb zu patriotisch, als baß sie Lust haben sollten, den italienischen Staat aus dem ruhigen Hafen des Dreibundes hinaus zu führen in die stürmische See neuer Gruppierungen und abenteuerlicher Kombinationen. Die italieni­schen Politiker wünschen die Erhaltung des Friedens. So lange Italien fest unb loyal zum Dreibunde steht, trägt es schon dadurch zur Aufrechterhaltung des Friedens bei. Der Dreibund hat noch nicht sich praktisch betätigen können. Diese Gelegenheit ist ihm aber hauptsächlich deshalb erspart geblieben, weil er eben bestand, weil das Bündnis der mitteleuropäischen Reiche vorhanden war. Das hat wesentlich dazu beigetragen, Gefahren für die Sicherheit und die Unabhängigkeit der verbündeten Reiche unb damit eine Hauptgefahr für den europäischen Frieden fernzuhalten. Wenn es gelungen ist, diese Gefahren ohne blutige Zusammenstöße und ohne beständige, für Handel unb Wandel verderbliche Kriegs­drohungen unb Kriegsbefürchtungen fernzuhalten, so beweist daS allein die Nützlichkeit dieses Bündnisse?, das noch heute vor man­chen anderen denkbaren Kombinationen gewichtige Vorzüge besitzt. Der Dreibund hat auch den Nutzen, daß er Konflikte zwischen den Verbündeten aufschließt. Wenn Italien und Oesterreich-Ungarn nickt Verbündete wären, so könnten die Beziehungen zwischen beiden leicht gespannte werben. So bedeutet der Dreibund für keinen weniger ober mehr als für ben anderen, und weiter nicht nur eine politische Entlastung Eurovas, sondern auch eine Haupt- quelle der gegenwärtigen allgemeinen wirtschaftlichen Prosperffät, die eng mit der Aufrechterhaltung des Friedens verknüpft ist. Und so können wir sagen, ohne Ueberhebung und Uebertrcibung, daß

die Fortdauer des Dreibundes

auch dem europäischen Interesse enffpricht.

Es ist auch mir ein Bedürfnis, hier auszusprechen, wie ver­läßlich die Unterstützung war, die uns Oesterreich- Ungarn in Algeciras gewährt hat, und ich brauche nicht hinzuzufügen, daß wir eintretenden Falles Oesterreich-Ungarn die­selbe Treue halten würden, getragen von der Zustimmung dieses hohen Hauses und der ganzen Nation. (Lebhafter Beifall.) Es ist mir unverständlich, wie man namentlich anläßlich des Besuches unseres Kaisers in Wien hat annehmen können, wir wollten uns in innere Verhältnisse der habsburgischen Monarchie einmischen. Wir mischen uns nicht in fremde Verhältnisse ein, und der Kaiser erteilt keinen Rat, wenn er nicht erbeten ist. So etwas zu tun, ist taff- los, wie jede Aufdringlichkeit. (Sehr wahr! links.) Im übrigen bedarf der österreichische Monarch keines Rates, der schon seit Jahr­zehnten in schweren Prüfungen, aber immer pflichtgetreu und ge­recht die Volker und Länder an der Donau regiert. Auch in den Konflikt zwischen Cisleithanien und Transleithanien haben wir un§ nicht eingemischt. Das wäre eine Torheit gewesen; es wäre ungefähr ebenso töricht gewesen, als wenn man sich in einen Kon­flikt zwischen Eheleuten einmischen wollte, was bekanntlich das sicherste Mittel ist, um beide zu verderben. (Heiterkeit.) Ich kann aber nicht den Ausdruck meines Erstaunens zurückhalten, daß eine politisch geschulte und politisch intelligente Nation wie die unga­rische, uns so etwas hat zutrauen können. Wie war das möglich? Nach allem, was man in Budapest weiß über Charakter, Tendenz unb Ausgangspunkte bes Dreibundes, durfte man nicht erwarten, daß wir uns in gegebene Konflikte einmischen würden. Für uns war Reserve nötig und wir haben sie beobachtet. Wir werden sie auch weiter einhalten, denn gute Beziehungen zu Oesterreich-Ungarn entsprechen heute gerade so sehr dem deutschen Interesse, wie in den Tagen des Fürsten Bismarck. Die Aufrechterhaltung ber vollen Unabhängigkeit unb ber ganzen Machtstellung der österreichisch- ungarischen Monarchie ist für Deutschland ebenso notwendig, wie die Aufrechterhaltung der deuffchen Machtstellung für Oesterreich- Ungarn, für Oesterreich und für Ungarn und auch für das Ungarhrm.

Hinsichtlich

Rußlands

muß ich von vornherein mein Bedauern darüber aussprechen, daß immer wieder versucht wird, uns die Absicht unterzuschieben, daß wir uns in innere russische Verhältnisse einmischen. Davon ist keine Rede. Wir intervenieren auch in Russisch-Polen nicht. Sollte der Brand über unsere Grenzen greifen, so werden wir ihn löschen. An fremder Löscharbeit beteiligen wir uns aber nicht. Die Behaup­tung, als ob Deuffchland an einem Abkommen beteiligt wäre, durch welches die bei der Entwickelung in Rußland angeblich erwartete Entstehung eines selbständigen Polenreiches verhindert werden soll, ist falsch. Alle Angaben über irgend welche deutsche Einmischung im eigentlichen Rußland oder in Russisch-Polen ober auch in beit baltischen Provinzen, sind ohne Ausnahme unwahr und tendenziöse Erfindungen. Wft, empfinden gar nicht das Bedürfnis, ftgendwo den Gendarmen zu spielen. Das ist imter Umständen ein folgen­schweres Unternehmen. (Sehr richtig!) Wir wünschen, daß es der russischen Regierung und dcm russischen Volke gelingen möge, einen Ausweg aus ihren gegenwärtigen inneren ScWierigkeiten zu fin­den. Wft wünschen, daß Rußland in gemeinsamer Arbeit von Re-' gicritng und Volk als Großmacht und als einheitliches Land er­halten bleibe. Denn ein innerlich gesundes und ffÄffgeö Rußland,