Ausgabe 
16.7.1906 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

ist ihre wachsende Inanspruchnahme durch Arbeitgeber, namentlich bei Ncuanlagcn und baulichen Veränderungen oder zwecks Erörterung der bestehend Vorschriften. Auch bei Gelegenheit der Revisionen haben die Wünsche und An­ordnungen der Beamten meist Entgegenkomiuen gefunden. Wo sich der Erfüllung Schwierigkeiten entgegenstellten, lagen diese weniger in dem Widerstande der Arbeitgeber begründet als in den gegebenen Betriebszuständcn. In einigen Fällen bat eS freilich auch an Entgcgenkonnncn gefehlt, sei es, daß sich die Unternehmer mit Versprechungen begnügten, sei eS, daß sie den Beamten einen mehr oder weniger offenen Wider­stand entgegensetzten.

Auch der Verkehr mit den Arbeitern hat durchweg eine Steigerung erfahren. Der Besuch der Sprechstunden, die in die freie Zeit der Arbeiter gelegt sind, läßt freilich noch sehr zu wünschen übrig. Man sucht die Beamten lieber zu Hause auf oder wählt den schriftlichen Weg. Der Beamte in Mainz hebt hervor, daß fast nur organisierte Arbeiter über Zustände in den Betrieben mit den Gewerbeaufsichtsbeamten sich besprechen. Dem Beamten in Gießen ist es ausgefallen, daß Fabrik­arbeiter mit dem Vorbringen von Beschwerden bis zmn Aus­bruche einer Lohnbewegung gewartet und diese dann zur Unterstützung ihrer Forderungen benutzt haben.

Aus den Mitteilungen der Gewcrbeinspektion Gießen, deren Bezirk die Provinz Oberhessen umfaßt, seien noch fol­gende interesiante Angaben gemacht:

Von den im Aufsichtsbezirk vorhandenen und der Ge­werbeaufsicht unterstehenden 1350 Anlagen haben im Berichts­jahre 430 d. h. 31,8 Prozent aller Anlagen jugendliche Arbeiter beschäftigt. Von diesen 430 Betrieben fielen 379 unter die Fabriken und die denselben gleichgestellten Anlagen und 51 unter die handwerksmäßig betriebenen Anlagen, die auf Grund besonderer Vorschriften des Bundesrates der Ge­werbeaufsicht unterstellt sind. Im Jahre 1904 hatten 464 Anlagen jugendliche Arbeiter beschäftigt. Die Gesamtzahl aller im Aufsichtsbezirke tätigen jugendlichen Arbeiter beiderlei Geschlechts betrug am 2. Oktober 1905 1189 und 6 Kinder unter 14 Jahren, die nicht mehr schulpflichtig waren, d. h. 8,2 Prozent aller Arbeiter de§ Aufsichtsbezirks gegenüber 1320 Jugendlichen und 19 Kindern des Jahres 1904: 786 waren männliche und 403 weibliche jugendliche Arbeiter. .Die Zahl der Betriebe, die jugendliche Arbeiter beschäftigen, hat daher im Berichtsjahre uni 34, die Zahl der jugendlichen Arbeiter selbst um 131 abgenonunen. Für die Abnahme kominen insbesondere die GruppenBekleidung?- und Reinig- ungsgewerbe^ undWerkstätten der Kleider- iind Wäschc- fonfeftion* in Betracht, die 101 jugendliche Arbeiter weniger aufwiesen uls im Jahre 1904. Die übrigen Jndustriegruppen wiesen gegenüber dem Vorjahre keine bemerkenswerten Schwankungen auf.

In zwei Fabriken ivnrde festgestellt, daß die Unternehiner junge Leute als Hausburschen angemeldet und ein­gestellt hatten, obschon diese nicht allein zu iintergeordneten Diensten, Botengängen usw. verwendet, sondern in der Haupt­sache mit technischen Arbeiten beschäftigt und in diesen wie eigentliche Lehrlinge unterrichtet wurden. Die betreffenden Gewerbeunternehmer glaubten sich auf diesem Wege ihren Verpflichtungen als Lehrherren entziehen zu können. Piit dem Anlernen und der Ausbildung von Lehrlingen in der Zigarrenindustrie befaßte sich bis jetzt nur ein Teil der Fabriken. Da die Lehrlinge gleich nach beendigter Lehrzeit häufig ihre Lehrstelle verließen und in anderen Betrieben eintraten, die keine Lehrlinge ausbilden, führte dies zuweilen zu Miß­helligkeiten. Es wurde deshalb, und weil außerdem die bis jetzt mit den jugendlichen Arbeitern abgeschlossenen Lehrverträge zum Teil nicht mehr den gesetzlichen Vorschriften entsprechen, von der Gewerbeinspektion eine einheitliche Regelung der Lehr­lingsverhältnisse und Lehrverträge in den Zigarrenfabriken in Anregung gebracht, lieber die Beschränkung der Arbeitszeit der jugendlichen Arbeiter in den Backfieinfabriken sind auch im Berichtsjahre von den Unternehmern und Arbeitern den Beamten gegenüber bittere Klagen laut geworden. Fast alle Ziegeleibesitzer des Bezirkes, soweit sie nur im Sommer arbeiten, verlangen von ihren 9(fforbanten, daß sie keine jugendlichen Arbefter mitbringen. Den Akkordanten aber hält es meistens sehr schwer, die nötige Anzahl Leute zu be­kommen, sie stellen immer wieder hier und da jugendliche 9(rbeiter ein und selten wird dann die vorgeschriebene zehn­stündige Arbeitszeit eingehalten, sodaß die Anzeigen und die Bestrafungen nicht ausbleiben. Das Verbot einer längeren als zehnstündigen Arbeitsdauer für jugendliche Arbeiter auf den Backsteinfabriken halten die Arbeiter für unbegründet und unberechtigt. Sie erzählen, daß in ihren Heimatdörfern in Lippe und m der Fuldaer Gegend gerade die Ziegelarbeiter das beste Rekrutenmaterial stellten und fast ohne Ausnahme kerngesund und militärtauglich wären.

Von den am 2. Oktober 1905 der Gewerbeaufsicht unter­stellt gewesenen 1350 gewerblichen Anlagen haben im Be­richtsjahre 297, d. h. 22 Prozent aller' Anlagen (300 im Jahre 1904) erwachsene Arb eiterinnen beschäftigt. Davon sind 237 Fabriken und diesen gleichgestellte Anlagen einschließlich 95 Kleidermachereien und Putzmachereicn, während 60 solche Anlagen sind, die auf Grund besonderer Vorschriften des Bundesrats der Gewerbeaufsicht unterstehen. Die Gesamt­zahl der erwachsenen Arbeiterinnen in den genannten 297 Anlagen betrug 2645, d. h. 18,3 Prozent der Gesamtarbeiter- schast des Aufsichtsbezirkes (2613 im Jahre 1904). 1057 waren 16 bis 21 und 1588 über 21 Jahre alt. 2537 waren in Fabriken, Motorwerkstätten, Werkstätten der Kleider- und Wäschekonfektion tätig und 108 in den auf Grund besonderer Vorschriften der Gewerbeaufsicht unterstehenden Anlagen be­schäftigt.

Im allgemeinen haben hinsichtlich der Zahl der er­wachsenen Arbeiterinnen feine besonders bemerkenswerten Ver­schiebungen gegen das Vorjahr stattgefunden.

In der Zigarrenindustrie des Äufsichtsbezirks waren im Berichtsjahre wiederum der größte Teil und zwar 1781, d. h. 64,9 Prozent aller erwachsenen Arbeiterinnen tätig. In der Stadt Gießen waren in 19 Anlagen 1120 Arbeiter beschäf­tig!, wovon 254 erwachsene und 35 jugendliche Arbeiter, 743 erwachsene und 88 jugendliche Arbeiterinnen waren' In der Umgegend von Gießen bestanden 32 Anlagen mit 1301 Arbeitern (163 erwachsene und 14 jugendliche Arbeiter, 1074 erwachsene und 110 jugendliche Arbeiterinnen), außer­halb des Kreises Gießen 11 Anlagen mit 123 Arbeitern.

^Fortsetzung folgt.)

Aas 15, deutsche Uundesschießen.

München, 15. Juli.

Zu dem beute beginnenden deutschen BundeUchießcn hat die tatabt reichsten Festschmuck angelegt. Die Straßen sind von Münchener Künstlern in einheitlicher Weise auf bas Großartigste auSgeschmückt. Im Lause des gestrigen Tages trafen bweits zahlreiche Schützen aus allen Gauen des Reiches hier ein, auch aus Oesterreich und der Schweiz. Die Gaste wurden am Bahn- Hofe vom Festausschuß begrüßt und zu einem Ehrenzelte ge­leitet, wo ihnen ein Ehrentrunk gereicht wurde. Besonders^ glänzend war der Empfang der Wiener Schützen, die von bei- Musikkapelle des Reg. Deutschrneistor begleitet find, wozu Kaiser Franz Josef die Genehmigung erteilt hat. Mit dein bahr. Fest- ailsscknifi'e war zum Empfange der Oberstschützenmeister der Wiener Schützen Fürst Trautmannsdorf erschienen. Im Namen des Mün­chener Ausschusses begrüßte Justizrat .Helbing die östreichischen 6^jste, in deren Namen der kaiserliche Rat Gerstle ein Hoch auf die Stadt München ausbrachte.

In der großen Halle der zu einem Schützenfestpark nm- gewandelten Theresienwiese fanden sich am Wend an 4000 Teil­nehmer zum Begrüßungsbankett zusammen, das mit einem lebhaft applaudierten Festspiel des populären Schrist- ÜellerS Benno Rauchen egg er eröffnet wurde. Es stellte den Traum eines Gebirgsschntzen dar, und klang in eine ergreifend sich gestaltende Huldigung an das deutsche Vaterland aus. Stehend sang die riesige Versammlung das LiedDeutschland, Deutsch­land über alles". Alles brach in tosende Zurufe aus, und das Jubilieren wollte fein Ende nehmen. Magistratsrat Schlicht be­grüßte in schwungvoller Rede Münchens Gäste. Nach ihm sprach Philipp-Mirnberg, der Vorsitzende be3' Deutschen Schützenbundes, in dessen Namen den Dank aus, und Dr. Roth-Hamburg feierte die Vereinigung von Nord und Süd und München als Feststadt.

Der F e ft z u g , welcher sich beute vormittag durch die Straß'n bewegte, war von Münchener Künstlern im einzelnen ausgestaltet und trug ein überaus prächtiges künstlerisches Gepräge. Un­mittelbar nach dem historischen Teile beä' Feftzuges und dem Bundesbanner folgen die aus dem Auslande eingetroffenen Schützen: zunächst die aus Newhork und Rußland, dann die schweizer und östreichischen Schützenvereinigungen. Vor der Resi­denz, von deren Fenstern aus der Prinzregent mit sämtlichen Mitgliederir des königl. Hauses dem Festzuge zuschaute, wurden dem Regenten Ovationen dargebracht. Vor dem Rathause übergab Fink aus Hannover^ das Bundesbanner der Obhut der Stadt München, deren Erster Bürgermeister, Ritter v. Borscht, das Banner entgegennahm mit dem Wunsche, daß auch das Bundes­schießen jedes deutschfühlende Herz in der Siebe zu dem großen gemeinsamen Vaterlande und in der .Heilighaltung unserer höch­sten Güter stärken und kräftigen möge. Unter immer erneuten Kundgebungen zog dann der Festzug zum Schützeuplatz aus die Festwiese hinaus.

Unter^Glockengeläut und Fanfarenklängen wurden dort die zahllosen Schützenfahnen auf der Tribüne postiert und nunmehr begann das große Festbankett, an dem über 4000 Personen teilnahmen. Während der Tafel erhob sich Prinz Ludwig und hielt eine mit ftürmifdjen Beifall aufgenommene An­sprache.

Eine hochpolitische Rede des Prinzen Ludwig.

Der Prinz erinnerte daran, daß er bereits vor 25 Jahren das Ehrenpräsidium des deutschen Schützenbundes übernommen habe, und begrüßte die Schützen, insbesondere die Gaste aus dem Auslande, namentlich die Oesterreicher. Seit 40 Jahren, betonte der Prinz, ist Oesterreich nicht mehr im engeren Verbände mit dem übrigen Deutschland. $ott sei Dank besteht aber ein inniges Freundschaftsverhältnis zwischen dem deut­schen Reiche und der ö ft r e i ch i s ch - u n g a r i s ch e n Mon­archie. «Lebhafter Beifall.) Und das erftc Mal, als es die Freundschaft im Ernstfälle zu erproben galt, war bei der Kon­ferenz von Algeciras. Da bat Oesterreich-Ungarn treu an derScite Deutschlands gestanden. (Lebhaft.'r Beifall.) Kein geringerer als der deutsche Kaiser selbst erkannte das an in seinem Schreiben an den Grafen Goluchows' kv. Sie wissen, daß Sie in unterer Nachbarmonarchie ja viel schwere Kämpfe mit anderen Nationen zu bestehen haben. rufe ick Ihnen zu: Bleiben Sieeinig! aber vergessen Sie die Diffe- renzen und der Parteiunterschiede Ihrer eigenen Nation! Solclw wird es ja immer geben, aber seien Sie einig, bleiben S i e vor allem österreichisch! «Lebhafter Beifall.) Nehmen Sie sich das Beispiel der deutschen Schweizer zum Muster! Die sind seit 3pr Jahrhunderten vom alten beut)eben Reiche getrennt. Sie haben ihr Deutschtum bewahrt, aber verstauben, mit ben anberssprechenden Völkern, die in der Eidgenossenschaft vereinigt sind, int Frieden zu leben, mit französisch, italienisch, romanisch Redenden. Sie fühlen sich alle miteinander als Schwei­zer. «Lebhafter Beifall.) So wünsck>e ich, daß das die Deutsch- Oesterreicher auch mack-en.

Sodann wandte sich der Prinz mit herzlichen Worten an die Reichsdeutschen. Er rufe auch ihnen zu: Seid einig! und fuhr fort:

Es wird eine der schwersten, aber auch der wichtigsten Aus­gaben sein, die Interessen der einzelnen Staaten miteinander auszugleichen. Wenn man die deutsche Geschichte kennt, fallen einem unwillkürlich die Worte ein, die in der Besreiungshalle in Kelheim angeschrieben sind, die König Lud­wig I. 50 Jahre nach der Schlacht bei Leipzig eröffnete. Sie beißen: Mögen die Deutschen nie vergessen, was die Befreiungs­kriege notwendig gemacht und wodurch sie gesiegt haben. Not­wendig machte sie die Uneinigkeit der deutschen Fürsten. Ich möchte eines dazu setzen: nicht am wenigsten das Streben der jeweiligen Kaiser, gleichviel welchem Hause sie angehörten denn es regierten viele Kaiser das alte Reich ihre 5) aus - macht zu ihr enGun st enundzum Nachteil derMit- fürsten zu stärken. Die Folge davon war mehr oder weniger Anlehnung an das Ausland und eine weitere Folge die Schwäch­ung und Zerreißung des Reiches, bis endlich vor einhundert Jahren es verschwand. Ein glänzendes Beispiel, wie man es machen soll, das bietet uns einerseits der Prinzregent, der nun 20 Jahre Bayern regiert. Er vergißt nicht, was er dem Reiche, dem Kaiser schuldig ist, er bergibt aber ganz gewiß auch nicht, was er seinem ciacnen Lande ichuldig ist: und auf der andern Seite ber_ deutsche K aiser, ber ja zugleich auch König von Preußen ist. Er vergißt auch nicht, was er Preußen schuldig ist, aber als Kaiser ist er mehr wie irgenb ein Angehöriger des Reiches verpflichtet, und er tut cs, für das Allgemeine ju sorgen."

Weitere Reden.

Namens des Deutschen Schützenbundes dankte der Bundes- Vorsitzende Philipp mit einem Hoch auf den Prinzregenten und den Kaiser. Erster Bürgermeister Ritter von Borscht begrüßte dann die Gäste im Auftrage der Stadt München, Sena­tor Fink-Hannover überbrachte die Grüße der letzten Feftstadt an die in München versammelten Schützen. Nach 4 Uhr erschien Prinzregent Luitpold.

Nach der Festtafel ließ sich der Prinzregent di.' Vorsitzenden sämtlicher Ausschüsse vorstellen und nahm den goldmen Ehren­vokal der Stadt München zu einem Ehrentrunk entgegen.

Ilm .d Uhr begann dann das offizielle. Bun des - schießen mit einem Konkurrenzschießen um die zehn ersten Becher auf lebe Distanz, auf Stand und Feld.

Mit einem

Festspiel in der großen Fefthalle schloß der heutige Tag stimmungsvoll ab. Für die im Kysshäuser spielenden Vorgänge mit patriotischen Einschlag zeichnete Prof. Becker verantwortlich. Hoskapell- meuter Röhr-München hatte die Musik dazu geschrieben. Die begleitenden Chöre stellte ber Münchener Lehrergesangverein. Es schloß sich eine humoristische Szene, von Frhm. v. O ft i n i gebichtet, an, bieDer Freischütz" betitelt war. Es genügt her- vorzuheben, daß ber humorvolleFliegende Blätter" Maler Hengeler diewilde Jagd" gemalt hatte, Konrad Dreher den Kaspar. Overettensänger Glonny die ?lgathe und Neuert den Kuno spielte. Der Kilian war zu einem zwerchfellerschüttern­den Dachauer Bauern geworden und die Wildsau hieß Meier. Und dieGemütlichkeit"^ dauerte bis in den frühen Morgen.

Das 50 jährige Dienstjubiläum des Rektors Hahu.

K. Gießen, 16. Juli.

Ain 14. d. M'. feierte der Leiter des Gießener Bolksschuk- tüesens, Rektor Hahn, der in diesen Tagen auf eine fünf- zigjähn'ge segensreiche Wirksamkeit zurückblickt, sein gol­denes Dien stjub iläum. In welch' hohem Maße sich der Jubilar während dieser Zeit die Anerkennung und das Vertrauen nicht nur seiner vorgesetzten Behörde, sondern auch seiner Kollegen Und weiter Kreise der hiesigen Bürger­schaft erworben hat, das zeigte die Festscier, die in ihrem ersten Teile in der schön geschmückten Turnhalle der Stadt- Knabenschule stattfand. Eingeleitet wurde sic durch den Ge* sang der obersten Mädchenklasse, worauf Geheimerat Prv- vinzialdirektor Tr. B r e i d e r t die Glückwünsche der obersten Schulbehörde und der Großh. Kreisschulkommission aus- sprach und dem Jubilar das ihm von S. K. H. dem Groß^ Herzoge verliehene Ritterkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen überreichte. Namens des Stadt- und des Schulvorstandes gratulierte Oberbürgermeister Mecum.Herrn Rektor Hahn, der mehr als 20 Jahre im Dienste der Stadt Gießen stehe und der zahlreichen Gießener Bürgern ein tüchtiger Lehrer gewesen sei; er überreichte einen von den Stadtverordneten gestifteten silbernen Pokal. Ms Vertreter der Lehrer und Lehrerinnen der hiesigen Volksschule hob Hauptlehrer Schaaf hervor, daß der Ge­feierte zu vielen wohltätigen Einrichtungen in der Schule die Anregung gegeben habe und stets ein humaner Vor­gesetzter, ein Freund und' Berater der ihm unterstelltes Lehrerschaft gewesen sei. Redner bat ihn, als Ehrengabe des Lehrerkollegiums zwei Bilder, die Szenen aus dem Leben des Heilandes darstellten, entgegennehmen zu wollen. Hierauf sprachen e i n M ä d ch e n und e i n Kn a b e der obersten Schulklasse unter Ueberreichung von Blumen­sträußen in poetischer Form die Glückwünsche der Schul­jugend aus. Daß die Erteilung des Religionsunterrichtes durch den Jubilar, sowie seine Tätigkeit als Kirchenvor- standsmitglicd der Matthäusgemeinde die volle Anerkenn­ung des Großh. Oberkonsistoriums faud, ging aus einem Glückwunschschreiben hervor, das Dekan Strack-Leih­gestern namens der genannten Behörde zur Verlesung brachte. Auch der Gießener Lehrerverein wollte bei der Ehrung eines seiner treuesten Mitglieder und seines früheren Vorsitzenden nicht zurückstehen und überreichte durch Lehrer Val. Müller eine von Zeichenlehrer Gerhard künstlerisch ausgeführte Adresse. Ebenso ließ es sich der hiesige Tierschutzverein nicht nehmen, den Gefeierten, der seit vielen Jahren diesen Verein mit tatkräftiger Hand leitet, durch Ueberreichung eines sinnigen Geschenkes durch Stadt­verordneten Sch mall zu ehren. Tief gerührt gab Rektor Hahn den Gefühlen, die ihn bewegten, Ausdruck und dankte für alle ihm zuteil gewordenen Eh-rungen. Besonders herzlichen Tank zollte er dem Vertrauen und dem freundlichen Entgegenkommen, das er bei seinem Lehrerkollegium stets fand. Mit dem Liede:Herr, deine Güte reicht so weit", von einem Kuabenchore vorgetragen, schloß die würdige und eindrucksvolle Feier.

Hierauf versammelten sich die F-estteitnehmer zum Fest- essen imNeuen Saalbau". Schulrat Kleinschmidt hatte in liebenswürdigster Weise die Leitung des zweiten Teils der Feier übernommen. Er gedachte in seiner Ansprache der Schirmherren des Staatswesens und der Schule und schloß mit einem Hoch auf Kaiser und Großherzog. Zahl­reiche Trinksprüche folgten. Von ihnen seien der des Rektors Backes, des Obmanns des Hess. Landes-Lehrervcreins, auf den Jubilar und der des Hauptlehrers Knauß auf bi» Familie des Gefeierten hervorgehoben. Namens der Fa­milienangehörigen dankte Realschuldirektor Karg-Butzbach. Sein Hoch galt den Mitarbeitern oes Jubilars. Nack) und nach nahm die Feier einen sehr fröhlichen, fast familiärem Charakter an, wozu die Liedervorträge des Lehrer-Sänger­chors, wie auch die Einzelgesänge, besonders die humo­ristischen, wesentlich beitrugen. Mes in allem: Es war eine herrliche Feier, eine wohlverdiente Ehrung für Rektor Hahn._______________________

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 16. Juli 1906.

Das oberhessische Bundesfest des Bundes der Landwirte wird, wie man uns schreibt, am Sonntag (22. Juli), nachmittags, im Offenheimer Wäldchen bei Fried­berg gefeiert werden. Als Festredner wurde der Vorsitzende des Bundes der Landwirte, Dr. Nosicke-Görsdorf, ge­wonnen, ferner werden die Herren Lucke-Patershausen und Generalmajor z. D. von Klo eben-Wiesbaden Ansprachen halten. Die Gesangvereine von Fauerbach, Niederwöllstadt und Offenheim haben es übernommen, die Festgäste durch Licdervortäge zu erfreuen. Die Kapelle des Pionierbataillons Nr. 21 (Kastel) wird den instrumental-musikalischen Teil be­streiten. Am Abend findet bengalische Beleuchtung und Feuer­werk statt. Für Tanzgelegenheit wird gesorgt sein.

** Eine sozialdemokratische Zeitung soll dem-' nächst in Darmstadt ins Leben treten. DieMainzer Volksztg.*, die z. Zt. sozialistisches Parteiorgan für den Neichstagswahlkreis Darmstadt-Groß-Gerau ist, bezweifelt die Lebensfähigkeit einer sozialdemokratischen Zeitung. Wenn auch für diese Stellungnahme in erster Linie der begreifliche Wunsch, sich das eigene Verbreitungsgebiet nicht beeinträchtigen zu lassen, maßgebend gewesen fein wird, so wird der Erfolg der neuen Gründung dem Mainzer Blatte dennoch recht geben.

a. W i e Zigeuner Geld verdienen. Zu einer Frau, die mehrere Jahre an Gicht leidet und lahm ist, kam, wie man uns berichtet, in einem Städtchen des Vogelsbergs vor einigen Tagen ein Zigennerweib. Teilnehmend fragte die Zigeunerin die Kranke, ob sie gesund werden wolle, was diese natürlich bejahte.Ich bin im Besitz eines Mittels und will Ihnen helfen, es kostet nur 50 Pfennige", sagt die Zigeunerin. Sie verschwindet und kehrt nach wenigen Minuten mit dem geheimnisvollen Medikament zurück, gießt ein kleines Quantum in ein Glas und beschreibt die Benutzung. Das Gläschen, in welchem sich ihr Mittel befindet, muß zu­nächst acht Tage lang im Keller im Dunklen stehen und Niemand darf von seiner Existenz Kenntnis haben, bevor man es verwenden kann. Nun noch ein Uebriges an Hokus­pokus und vier Mark für die Bemühung, dann ist die Sache abgetan. Die kranke Frau, die in sehr dürftigen Ver­hältnissen lebt, sträubt sich zwar, die geforderte Summe zu zahlen, in der Hoffnung jedoch, gesund zu werden, legt sie schließlich doch die vier Mark auf den Tisch und die Zigeunerin verschwindet damit so rasch wie möglich. Die Geprellte ist zwar ihr Geld, nicht aber ihre Krankheit lo5. Be­dauerlicherweise findet diese Bande immer und immer wieder Leichtgläubige, die sich in so dreister Art schröpfen lassen.