geben. Denn über den Inhalt solcher Untechaltimgen unter vier Augen werden diplomatische 'Abmachungen vorher nicht «getroffen. , . _
Man irrt übrigens wohl kaum in der Annahme, daß wesentlich realpolltischc Erwägungen den König Eduard zu einer Aussprache mit Kaiser Wilhelm führen. König Eduard sympathisiert bekanntlich mit dem Gedanken einer Annäherung Englands an -u , vland, und er ist ein zu scharfblickender Diplomat, um zu übersehen, daß an der Seite eines befreundeten Deutschland jedwede Vereinbarung mit Rußland sich vorteilhafter präsentiert. Ist doch Deutschland schon finanziell nächst Frankreich am stärksten in Rußland interessiert, und könnte andererseits Deutschland, wenn über seinen Kopf hinweg England nach irgend einer Richtung dem Zweibund sich angliederte, mit den sonstigen in Rußland wirtschaftlich interessierten Staaten: Oesterreich, Holland, Nordamerika, zu einem „Zweckverband" z-t gelangen sich versucht sehen, eine Erscheinung, die die Zirkel König Eduards in Rußland unter Umständen stören würde. Nur' wenn die Gemeinsamkeit der auswärtigen Kapitalsinteressen an Rußland bekundet, und im Zusammenhang damit ein Einvernehmen über die Stellungnahme zur inneren Krisis des Zarenreiches erzielt wird, nur dann kann eine poetische Annäherung Englands an Rußland die von ersterem erwarteten Früchte zeitigen.
Es handelt sich für England dabei am Ende um die Rückendeckung in Indien und Persien gegenüber den nach Westen vordrängendcn Asiaten. Die Situation hat sich eben völlig geändert: Rußland ist in keiner Hinsicht mehr das alte. In Asien ist es als Rivale Englands zusammengebrochen unter dem Ansturnr der Japaner. Großmacht bleibt es freilich, aber eine an Erschütterungen und finanziellem Blutmangel leidende Macht. Wer ihrer zu bedürfen meint, kann nach Lage der Sache nicht umhin, sich mit den Staaten ins Benehmen zu setzen, denen Rußland verschuldet ist — und vielleicht erneut verschuldet werden wird.
Gedanken dieser Art dürften lebendig sein bei König Eduard, diesem Realpolitiker ersten Ranges, der gewohnt ist, den Rahmen seiner politischen Rechnungen weit zu spannen. In den Trinksprüchen auf Friedrichshof wird sich davon freilich kaum etwas widerspiegeln, wenn es überhaupt zu Trinksprüchen Fommt; handelt es sich doch nicht um einen offiziellen Gegenbesuch des englischen Königs. Für solchen müßte wohl Berlin oder Potsdam in Betracht kommen.
In der „Nordd. Allg. Ztg." steht noch kein schwungvoller Begrüßungsartikel zu lesen zur Feier des Besuchs. Es kann sein, daß das Blatt der Regierung morgen den englischen Herrscher willkommen heißt. Aber es liegt doch etwas wie Zurückhaltung in der Unterlassung, da Ereignisse dieser Art, besonders Besuche befreundeter Monarchen, sonst stets schon am Vorabend durch eine im Auswärtigen Amt verfaßte, nach Inhalt und Form sorgfältigst erwogene Auslassung gewürdigt werden. Für den „Lokalanz." steht mehr im Vordergrund des politischen Interesses die Berufung des Fürsten Bülow auf Schloß Wilhelms höhe zum 18. August. Neben gewissen Fragen auf dem Gebiete der äußeren Politik werde bei dieser Gelegenheit der ziemlich komplizierte „Fall P o d b ie l s k i" (die Beziehungen des Landwirtschastsministers zur Firma Tippelskirch n. Co.) einer eingehenden Erörterung unterzogen werden. Beiläufig: „Fall Podbielski" llingt in einem Blatt mit Regierungsverbindungen etivas ominös. Sollte Herr von Podbielski doch der Preßerörterungen und des Amtes müde geworden sein.
Die „Voss. Ztg." bemerkt zu der Begegnung von Friedrichshof u. a.: Wir sehen keine Nötigung, größere politische Ergebnisse vorauszusagen, als einzelne Skeptiker jenseits des Kanals. Die agrarische „Tagesgtg." halt ein engeres politisches Verhältnis zwischen Deutschland und England für ausgeschlossen.
Aolrtische Tagesschau.
Zwei Parteitage.
Die nationalliberale Partei hält demnächst Ehren Parteitag in Goslar ab und in Essen findet noch in diesem Monat der Katholikentag statt. Die Zentrumsblätter knüpfen die Betrachtungen, die sie dem Goslarer Parteitag im voraus widmen, an die Kritik an, welche die Tagesordnung des nationalliberalen Parteitages in mehreren nationalliberalen Blättern gefunden hat. Diese Kritik gipfelt in der Forderung, daß in Goslar der Hauptwert nicht auf die Referate, sondern auf den Meinungs- autsausch gelegt wird, weil in der preuß. Schul- und in der Reichssteuerfrage die Uebereinsti mmung
Wonnen, so blickt man hernieder auf eine typische provenzalische Landschaft. Damals schrieb ich in mein Tagebuch an dieser Stelle: Vor mir liegt ein weites Tal, am fernen Horizont begrenzt von sanftgewellten, niederen Höhenzügen. Aus dem eintönigen, greisenhaften Silbergrau der Oelgärten lugen weiße und rote Punkte, niedrige Häuser mit den flachen Dächern des Südens, dazwischen verstreut das ernste Grün der Kiefer und des Kolbensumachs und die uns seit Böcklin so wohlvertrauten düster ragenden Zypressen. Verdorrte, braungelbe Grasstrünke, Disteln, Mannstreu und allerlei Dorngestrüpp wuchern im Vordergrund. In der glühenden Luft, auf dem glühenden Boden nirgends, etwas Lebendes außer mir, selbst die muntern Eidechsen sind verschwunden. Das Ganze durchflutet eine den Augen des Nordländers schier unerträgliche Fülle grellen, unruhig zitternden, Sonnenlichts: nur das eintönige Gezirpe einer irgendwo zwischen den Halmen versteckten großen Heuschrecke unterbricht manchmal die schwermütige Stille und berührt mein Ohr, wie das dürstende Aechzen des Landes, das in der Glut des Augustmittags verschmachtend dahinstirbt.
Niemand, der im unteren Rhonetal reist, darf es unterlassen, Arles seine Aufwartung zu machen, der ehrwürdigen Hauptstadt des alten arelatischen Königreichs, wo sich Altertum und Mittelalter in ihren Baudenkmälern wunderfam mit der Neuzeit ver- schwistern. Aber wie sehr die nervöse Hast, mit der der moderne Mensch reist, durch die überstrenge Häufung der Eindrücke, Genuß und Aufnahmefähigkeit vermindert, mußte ich hier erfahren, als ich die Ruinen des antiken Theaters und die Arena besichtigte. Ich war so mit den Bildern von Römerbauten übersättigt, daß ich fast automatenhaft, wie ein aufgezogenes Kinderspielzeug zwischen den ehrwürdigen Zeugen der Vorzeit umhwstolperte und in einem fort die schönen Worte aus Busch's frommer Helene vor mich hinmurmelte:
„O sieh doch nur, geliebter Schorsch, Hier diese Trümmer, alt und morsch/'
Ein Glück, daß die Stadt auch Gegcnwartsreize hat — ihre Frauen, die in ganz Frankreich unbestritten als die Schönsten gelten. „Meine Frau ist aus Arles", sagt der Franzose mit dem nämlichen selbstgefälligen Lächeln, wie etwa der Berliner: „Ich habe soundsoviel Zinshäuser im Tiergartenvicrtel". Ah, les belles Arlesiennes! Ihre Schönheit ist oft von Kennern gepriesen und zu groß, als daß ich den Versuch wagen möchte, sie in Worte zu fassen: ich kann nur sagen, sie sehen ganz genau so aus, wie in diesem Augenblick meine schöne Leserin.
Und mit diesem Bild nehmen wir Abschied von der sonnigen Provenze.
zwischen Abgeordne ten uni) Wählern zu prüfen und, wenn sie nicht vorhanden, zu schaffen sei. Der Freimut, mit dem die Presse der nationalliberalen Partei an der vorläufigen Tagesordnung des nationalliberalen Parteitages Ausstellungen mack)t, ist gewiß erfreulich und es ist ein gutes Zeichen, daß er auch den Zentrumsblättern imponiert. Der Kernpunkt ist ja der: Sollen hauptsächlich die parlamentarische Fraktion und daneben etwa die Delegierten noch mit Wünschen und Anregungen zu Worte kommen, oder soll durch die Delegierten die Partei sprechen und den Parlamentariern eine feste Marschlinie geben? Iw nationalliberalen Lager mehren sich täglich die Stimmen, die das letztere befürworten, die „Nationallib. Korresp." ist auch gar nicht erzürnt über dieses Verlangen, sondern sagt einlenkend:
. Schon die beiden ersten Punkte der Tagesordnung : Politische Rückblicke und Ausblicke, sowie Reichsfinanzreform geben doch nicht bloß genügend Anknüpfungspunkte, sondern drängen geradezu jene allgemeinen Auseinandersetzungen auf".
So besteht denn die begründete Hoffnung, daß in Goslar eine sachlich unbeschränkte Aussprache über, die Aufgabe der Partei und >die Haltung ihrer parlamentarischen Vertreter stattfinden wird.
Der Katholikentag aber bleibt darin dem durch seinen Namen bezeichneten Charakter und Zweck treu, daß er aktuelle politische Fragen ausschließt. Er will das Zentrum dadurch stärken, baß er das „katholische Bewußtsein" kräftigt und es zum Eintreten für die Zentrumszwecke anregt. Gewisse katholische Kreise, die den religiösen, nicht den politischen Katholizismus vertreten, machen ihm aus dieser indirekten Förderung der Zentrumsbestrebungen einen Vorwurf. Ein stärkerer Vorwurf ist dem Zentrum daraus zu machen, daß es auf wirkliche Parteitage, d. h. Delegiertentage, verzichtet, sodaß die Masse der Wähler nicht in ine Lage kommt, über die Grenze des einzelnen Wahlkreises hinaus an der parlamentarischen Vertretung der Partei Kritik zu üben, oder gar die programmatischen Normen des Parteilebens nötigenfalls zu verändern. Selbst die konservative Partei hat Telegiertentage eingeführt.
Herr von Podbielski.
Wie einer unserer Berliner Mitarbeiter von bestinfor- micrter Seite erfährt, steht die Vernehmung de§ Landwirtschaftsministers von Podbielski in der Angelegenheit von Tippelskirch-Fischer unmittelbar bevor. Von den Aus- sagen de§ Ministers dürfte in erster Linie die Entscheidung abhängen, ob gegen die Firma von Tippelskirch & Co., d. h. gegen ihre Inhaber, ein Verfahren wegen Bestechung des Majors Fischer einzuleiten ist. Wie man hört, befindet sich Herr von Podbielski in zuversichtlichster Stimmung, und in Kreisen, die für unterrichtet gelten können, erzählt man sich, daß er dem festen Vertrauen Ausdruck verliehen hat, an der maßgebenden Stelle, nämlich beim Kaiser, ohne Schwierigkeit sein kaufmännisches Verhältnis zur Kolonial-Firma zu rechlfertigen. Herr von Podbielski hofft, für seinen au'Sge- prägten Geschäftssinn bet dem Monarchen Verständnis 311 finden. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, daß der Minister in diesrr Richtung bereits einleitende Schritte getan hat, um sich den Besitz seines Ministerportefeuilles auch über den Abschluß des Fischerschen Prozesses hinaus zu sichern.
Ein ungeschriebenes, aber um so strenger befolgtes alt- preußisches Gesetz will es, daß jedes Mitglied des preußischen Staatsministeriums, dessen Name, wenn auch nur zu Unrecht, in Verbindung mit irgend einer kompromittierenden Angelegenheit genannt wurde, es als seine Pflicht erachtet, seinen Vorgesetzten, den Ministerpräsidenten, und seine Kollegen, die übrigen Minister, in entsprechender Weise aufzuklären. Dies pflegt in schriftlicher Form zu geschehen. Sehr intereffant wäre es, zu erfahren, ob sich Herr v. Podbielski inzwischen in dieser Weise geäußert hat, nachdem nun bereits seit mehreren Wochen seine Person den Mittelpunkt einer so unerquicklichen Affäre bildet.
Wie die „Voss. Ztg." berichtet, hat Minister v. Podbielski Bad Nenndorf verlassen.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. Aug. Wie die „Rhein.-Westf. Ztg." hört, hat der Kaiser gelegentlich seines Besuches auf Villa Hügel in Aussicht gestellt, daß er mit seiner Gemahlin der im Oktober stattfindenden Hochzeit Bertha Krupps mit Herrn Bohlen-Halbach beiwohnen werde.
— Wie die „Deutsche Wochenztg. für die Niederlande und Belgien" meldet, ist zwischen den Niederlanden, Deutschland, England und Belgien ein Postvertrag vereinbart worden, der am 1. November 1907 in Kraft treten soll. Das Gewicht der gewöhnlichen Briefe wird auf 20 Gramm erhöht und das Porto auf 20 Centimes ermäßigt. Auch das Porto für Drucksachen einschließlich Zeitungen erfährt eine Ermäßigung.
— Neue schwere V 0 rwürfe gegen den Exgouverneur von Kamerun, Jesko v. Putt kam er erhebt ein „Kenner der Kameruner Verhältnisse", welcher im „Vorwärts" schreibt: „In Tuala besaß der Gouverneur ein sehr schönes Wohngebäude, welches Herrn v. Puttkamer nicht mehr recht genehm war. Da der Reichstag wohl keine oder wenigstens nur eine sehr geringe Summe zu einem neuen Gouvernementspalast bewilligt haben würde, verschaffte man sich das Geld auf eine andere Weise. Wie es in Kamerun Tagesgespräch war, sollen 80 000 Mar k, die der Reichstag für Wege bauten und speziell für Löhnung der schwarzen Arbeiter bewilligt hatte, zum Bau des Gouvernementspalastes verwendet worden sein. Sämtliche Häuptlinge an der neuen Karawanenstraße nach dem Tschadsee bestätigen, daß sie zur Arbeit und zum Wegebau mit ihren Leuten gepreßt wurden. Sie hätten nicht nur keine Entschädigung erhalten, sondern die Eingeborenen selbst beköstigen müssen. Falls der Häuptling nicht so ohne weiteres auf diese Bedingung eingehen wollte, wurde er in Ketten gelegt, jedoch nicht ohne zuerst seine 25 Hiebe mit der Flußpferdpeitsche ausgezählt zu erhallen. Ueberall hört man Klagen der Eingeborenen. Tatsache ist, daß man in eingeweihten Kolonistenkreisen seit Jähren mit einem allgemeinen Aufstande in Kamerun rechnete, der alles bisher Dagewesene in dieser Kolonie in den Schatten stellen würde. Dieser Aufswnd wäre unter dem allgemeinen Regiment nur noch die Frage einer ganz kurzen Zeit gewesen. (Wir überlassen indes dem sozialdem. Blatte die volle Verantwortung für diese Beschuldigungen und zweifeln nicht, daß Aufllärung alsbald erfolgen wird. T. Red. d. Gieß. Astz.)
— Die Firma Wörmann kündigt gegen sämtliche Blätter, welche ihr Vertragsverhältnis zu dem Reiche mit
den bei Tippelskirch vorgekommenen llefcerteuerungen und' Unregelmäßigkeiten in eine beleidigende Parallele gestellt haben, Strafverfahren wegen Beleidigung an.
Russische Greueln.
In Petersburg verbreitete eine Korrespondenz die Nachricht, daß bei den Manöverübungen zu KraSnoje Selo am 10. August, denen der Großfürst Nikolai Nikolajewitsch beiwohnte, eine scharfe Salve abgegeben worden sei, wodurch zwei Soldaten in derselben Stellung wo sich der Großfürst befand, verwundet worden seien. In militärischen Kreisen wird dieser Vorfall tatsächlich als geschehen besprochen. Die scharfe Salve wird dem ersten Bataillon des Leibschützen- Negiments zugeschricben.
Am 13. August hielten Truppen auf der Bahnlinie Warschau-Wien einen Zug an und verhafteten 50 Passagiere. Viele derselben wurden durchsucht. Nach dreistündiger Verspätung konnte der Zug seine Fahrt fortsetzen.
Der Schles. Ztg. zufolge wurde der Fabrikbesitzer Theodor Michel in Lodz, der mit einem seiner Arbeiter 1400 Rubel bei der Handelsbank erhob, bei der Rückfahrt von der Bank von mehreren noch nicht ermittelten Personen überfallen und erschossen. Auch der ihn begleitende Arbeiter wurde erschossen und die 1400 Rubel geraubt.
In Riga sind durch eine Bombe in der vornehmen Weinstube von Schwartz im elegantesten Stadtviertel sämtliche Fensterscheiben zertrümmert worden. Es wurde niemand verletzt.
Jom hessischen Kommunatwaylrecht.
Wir erhielten folgende Zuschrift, mit deren Ausführungen wir uns nur zum Teil einverstanden erklären, die aber allgemeines Interesse hat und vielleicht zu Aeußerungen Anderer über dieses Thema klärend führt:
Vor kurzem wußte eine Korrespondenz, die dem Bauernbund nahesteht, von Abänderungsanträgen zu berichten, die von dieser Seite zur neuen Landgemcindeordming gestellt werden sollen. Unter diesen banernbündlerlschen Anträgen befindet sich ein solcher betr. das Gemeindeivahlrecht nicht. Man vermißt in den Entwürfen jede Rücksicht auf das soziale Prinzip, insonderheit bet den Bestunmungen über das Gemeindewahlrecht. Die Regterungs- entwürfe folgen hier durchaus dem geltenden Gesetz. Wie bisher sollen also die Hälfte der Stadtverordneten bezw. Gemeinderäle aus deut höchstbesteuerten Dritteil der Wählbaren gewählt werden. Auch die jetzigen Seftimmungcn über die Stimrnsähigkeit sind beibehalten, wonach
„stimmfähig sind: 1. alle in der Gemeinde wohnenden Ortsbürger; 2. alle männlichen Einwohner, welche die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen, und welche seit2Jahren ihren Unterstützungswohnsitz in der Gemeinde erworben haben, jedoch unter der Voraussetzung, daß sie zurzeit der Wahl 25 Jahre alt und vom 1. April des dem Rechnungsjahr, in welchem die Wahl statr- findet, vorhergehenden Jahres an in der Gemeinde gemeinde- steuerpflichtig sind."
Der P a s s i v z e ns u s, der in der ersten Bestimmung aufrecht erhalten wird, läßt sich beute nicht mehr recht begründen. Schon von der Zweiten Kammer im Jahre 1873 wurde seine Zwecklosigkeit anerkannt und daS „Höchstbesteuerten"-Privileg gestrichen. Diese Vorschrift wurde Gesetz infolge des Votums unserer Ersten Kammer. Ein jeder Zensus beim Wahlrecht ist die Quelle von Unzufriedenheit und staatsfeindlicher Tendenz. Der Zensus schafft künstlich Staatsbürger zweiter und dritter Klaffe und bringt so bett Minderbegüterten zum Bewußtsein, daß ihnen das Schicksal nicht nur den harten Alltagskampf mit vielen Entbehrungen beschert hat, sondern daß sie attch die Gleichberechtigung, die Gleichheit öer st aatsb ärgerlichen Rechte entbehren sollen, in einer Zeit, tvo bie Erfüllung seiner staatsbürgerlichen Pflichten non dem Geringsten Einer gefordert wirb. Nichts zerstört so sehr bas Gefühl ber Staatszugehörigkeit, bas Interesse für bie Gesamtheit aller Staatsbürger tuie ber Zensus. Darum ist auch bas Argument, mit bcm bie Anhänger bes Zensus biesen vornehmlich zu rechtfertigen suchen, baß es nämlich ber Staatszweck (hier Gemeinde- zweck) erforbert, (Elemente von ber Verwaltungskörperschast fern zu halten, bie angeblich kein Interesse am Gemeinbevermögen haben können, unhaltbar unb irreführend. Mit bem Wachsen unseres gesamten Wirtschastsorganismus sind attch Aufgaben und Pflichten ber Kommunen gewachsen, bie 31t lösen unb zu erfüllen m einigermaßen zufriedenstellender Weise bebingt bas Gedeihen bes Staatsganzen. Unb habet barf nicht auf bie Mitwirkung betret- verzichtet werden, die zwar minderbesitzend, aber nicht tninber interessiert an der Entwickeltmg des Gemeinwesens sind. Die Besorgnis einer Vergeudung von Gemeindebesitztum, einer Wirtschaft aus bem Vollen und was dergleichett Angstprobukte tnehr sinb, bie von bett Anhängern bes Zenstts noch vorgebracht werben, vermag schon ber Hinweis aus bas St a a t s a u s s i ch t s - unb Einsp r u ch s- recht ztt beseitigen. Dagegen lasten sich viele Beispiele erbringen für Stillstanb in ber gemeinblichen Entwickelung als Folge einer mit Hilfe bes Zensus geschaffenen Gemeindevertretung.
Nicht weniger unsozial ist bie jetzt geltende unb in^ den Entwürfen wieber vorgeschlagene Forberung einer vierjährigen A n s ä s s i g k e i t f ü r bie Wahlberechtigung. Der Regier- ungsenttvurf zu bem Gesetz vom Jahre 1873 enthielt nur bett Vorbehalt, baß man, um wahlberechtigt zu sein, seit zwei Jahren ben Wohnsitz in ber Gemeinbe haben ttu'iste. Die Kammermehrhett änberte bies aber in ben Satz um: „welche seit zwei Jahren ihren Unterstützungswohnsitz in ber Gemeinbe haben"; sie verlängerte also bamit die Karrenzzeit auf vier Jahre. Nun mag zugegeben werden, daß es nicht angängig ist, rein schematisch bas Reichstags- wahlrecht auf bie Gemeinbewahlen zu übertragen. Denn man bars nnb muß von einem Gemeinbewähler erwarten, baß er bie Eigenart des Ortes kennt. Darum erscheint es wohl angebracht, das Kantel eines eittjährigen Wohnsitzes zu verlangen. Das genügt, um die Habilität der gemeinbltchen Entwickelung gegenüber fluktuierenden Elementen, wie Wanberarbeiter rc., bie bie Wahlen im Interesse einer bestimmten Partei beeinflussen konnten, sicher- zustelleii. Unb andererseits trägt bas Kantel bes einjährigen Wohnsitzes tiicht bas Odium, bas bie Forberung einer vierjährigen Ansässigkeit mit bem Zensus gemein hat: bett Vorwurf ber absichtlichen Zurücksetzung ber Minberbegüterten zugunsten weniger Besser- situierten. Die Erfahrung hat gelehrt, daß bas Wohl ber Allgemeinheit bauernb nur geförbert werben Fann, wenn bem Einzelnen bie Möglichkeit unb bas Recht gegeben wirb, darüber mit zil entscheiden.
Leider ist wenig ober gar keine Wahrscheinlichkeit vorhanben, baß bie Zweite Kammer bei Beratung unb Beschlußfassung ber bctben Gesetze bas Maß an sozialer Einsicht unb liberaler Gesinnung bcfunbet, bas zur Verwirklichung bieser Wünsche not tut.
Aus SraSt uns £atto,
Gießen, ben 15. August.
'* Gewitter. Die drückende Schwüle des gestrigen Tages wurde in den Abendstunden durch ein langsam bereits in den Nachmittagsstunben sich ansammelndes Gewitter mit reichen Regenmengen abgelöst. Es gab hier in der Stabt ein paar sehr starke Schläge und heute erfahren wir, daß ein Blitz in eine Ulme im Botanischen Garten fuhr, sie indes nur leicht beschädigte. Auch in der Bu tzbacher Gegend hat das Gewitter gehaust, ohne indes sonderlichen Schaden anzurichten. Dagegen hat in R 0 dheim v. b.„ H. der Blitz, wie uns heute drahtlich gemeldet wird, fün; Scheunen und ein Wohnhaus der verwitweten Frau Heinr.


