Ausgabe 
15.8.1906 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

156. Jahrgang

Mittwoch 15. August ^906

Tckrulstrake 7.

Redaktion 112

Bering u.Exped.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

Nr. ISO

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem GießenerAnzeiger werden im Wechsel mit dem hessischen Landwirt bic Siegener ZamUien« blätter viermal in der Woche beigelegt

Rotationsdruck iu Den lag der Brühl'schen Univerf.-Buch-u.Stein- druckeret. R. Lange. Redaktion, Ervedttton

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General-Anzeiger " ȣ

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WW i.uhj zeigenteil: Hans Be^

Are hevLLge Dummer umfaßt 10 Seiten.

Gießen, den 14. August 1906. Betr.: Die Wahlen zur Landwirtschaftskammer.

Das Grotzherzogliche.Meisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises und an das Großh. Polizeikommissariat Arnsburg.

Gemäß der Entschließung des Großh. Ministerillms des Innern vom 8. August 1906 bringen wir Nachstehendes hiermit zu Ihrer Kenntnis und entsprechenden Beachtung.

1. Einträge m der Wählerliste wie .Heinrich Weigand Kinder^ oderKarl Scherf Erben" weisen auf ein Mit­eigentumsverhältnis hin. Der Grundsatz des bürgerlichen Rechts (§ 1011 B. G. B.), daß jeder Miteigentümer die Ansprüche aus dem Eigentum Dritten gegenüber für die ganze Sache geltend machen kann, läßt sich auf das öffent­lich rechtliche Wahlrecht nicht übertragen. Die Folge wäre sonst, daß jeder Miteigentümer wahlberechtigt wäre. Der Verbandsangehörige .Heinrich Weigand Kinder" oderKarl Scherf Erben" würde damit mehr als eine Stimme erhalten. Verbandsangehörig ist nur die Gesamtheit der Weigandschen Kinder oder Scherfschen Erben, nicht jedes der Kinder oder jeder der Erben für sich, abgesehen von dem Fall, daß ein Kind oder ein Erbe noch für sich allein die Voraussetzungen der Verbandsangehörigkeit erfüllt. Diese Gesamtheit wird, wie dies in Artikel 18 Absatz 2 des Gesetzes für nicht natür­liche Personen vorgeschrieben ist, nur durch einen Bevoll­mächtigten wählen können.

2. Eine Berichtigung der Wählerliste durch den Bürger­meister allein, vor der Offenlegung und ohne Anhörung des Steuerkommiffariats, ist unzulässig. Berichtigungen können nur mit Zustimmung des Steuerkommissariats erfolgen, weil dieses die Listen aufzustellen hat und für deren Richtigkeit verantwortlich ist. Es gilt dies für Berichtigungen, die von Amtswegen vorgenommen werden sollen. Anders liegt die Sache bei Berichtigungen auf Grund von Einwendungen während der Offenlegung. Hier ist der Bürgermeister die zu­nächst entscheidende Stelle und die Anhörung des Steuer­kommissariats ist nur erforderlich, um die etwa notwendigen Grundlagen für die Entscheidung und die Angaben für die nachträglichen Eintragungen zu erhalten.

________________I. V.: Dr. Merck._________________

Kaiser Wilhelm «nd König Kduard im Pannus.

WilhelmLhöhe, 14. Aug. Der Kaiser Härte den Vortrag des Staatssekretärs des Auswärtigen von Tschirschky und den Vortrag des Chefs des Militärkabinetts Grafen Hülsen-Häseler. Um 121/, Uhr mittags reiste der Kaiser nach Homburg v. d. Höhe ab. Im Gefolge des Kaisers auf dieser Reise befinden sich Oberhofmarschall Graf zu Eulenburg, die Generaladjutanten v. Scholl und v. Üöwen- K9

seid, der General L ]a suite Graf Hohenau, Flügeladjutant Oberstleutnant v. Ehelius, Oberstallmeister Frhr. v. Reischach, Gesandter Frhr. v. Jenisch und Leibarzt Stabsarzt Dr. Riedner. Den Kaiser begleitet der Staatssekretär v. Tsch irschky nach Homburg. Der Ches des Zivilkabinetts Dr. v. Lucanus und der Chef des Militärkabinetts Graf Hülsen-Häseler be­geben sich morgen von hier nach Homburg, um am 16. August an der Feier der Enthüllung des Landgrafen-Denkmals teil- zunehmen. Die Kaiserin gedenkt morgen der Einweihung der neuen Kirche der Anstalt Hephata bei Treysa beizu­wohnen und morgen vormittag von hier abzureisen.

Kassel, 14. Aug. Der Herausgeber derRewyorkcr Staatsztg.", Ridder, der gestern bereits zur kaiserlichen Frühstückstafel zugezogen wurde, ist heute nochmals vom Kaiser empfangen worden. Er hatte mit dem Kaiser eine längere Unterredung über die amerikanischen Verhältnisse, in der der Kaiser seine lebhaftesten Sympathien für die Vereinigten Staaten und den Präsidenten Roosevelt zum Ausdruck brachte.

Homburg, 14. Aug. Der Kaiser nebst Gefolge traf um 4 Uhr 5 Min. nachmittags auf Bahnhof Homburg-Reu ein und fuhr im Automobil zur Saalburg.

Saal bürg, 14. Aug. Hier traf der Kaiser um 4 Uhr 20 Min. ein. Unter Führung des Geh, Baurats Prof. Dr. Jacobi besichtigte er das Mithräum rind das neuerbaute Prätorium sowie einen Neubau im römischen Stile nach Art der cannabae, welcher einem Saalburgwärter zur Wohnung dienen soll. Im Prätorium nahm der Kaiser die von Konsul Niessen-Köln geschenkten römischen Gläser sowie die in seinem Auftrage vom Maler Nebel angefertigten Aquarelle zu Saal­burgpostkarten in Augenschein. Um 5 Uhr 50 Min. fuhr der Kaiser im Automobil nach Schloß Friedrichshof weiter.

Cron berg, 14. Aug. In unserem Städtchen ist es anläßlich der morgen stattftndenden Zusammenkunft Kaiser Wilhelms mit König Eduard lebhaft geworden. Die Straßen, die beide Monarchen bei der kurzen Fahrt nach dem Schloß passieren werden, legen festlichen Schmuck an. Neben den deutschen Flaggen sieht man vielfach auch englische. An der Kreuzung der Hauptstraße und Katharinastraße wird ein Triumphbogen errichtet. Von Hanau ist zum Empfang eine Eskadron Ulanen hier eingetroffen und am Schloß hält ein Bataillon des 8. Füsilierregiments aus Homburg die Ehrenwache. Auf dem Schlöffe weht die deutsche Flagge. Der Kaiser traf hier um 8.30 Uhr ein, begrüßt von dem hessischen Prinzenpaare und dem griechischen Kron­prinzenpaare. Auf dem Schlosse fand heute abend Tafel zu dreißig Gedecken statt, an der außer dem Gefolge des Kaisers und dem Prinzen und Prinzessin Friedrich Karl von Hessen und dem Kronprinzen und der Kronprinzessin von Griechenland folgende Herren mit ihren Damen teil- nahmen: Regierungspräsident von Meister, Landrat Ritter

von Marx, Professor Dr. Spieß, Leibarzt Dr. Spielhagen, Herr Carl von Grunelius, sowie von den Offizieren des Wach- kommandoS Hauptmann Freiherr von Luettwitz und Leutnant von Gagern vom 6. Ulanenregiment. Der Kaiser blieb während der Nacht im Schloß.

Die Ankunft des Königs von England.

In Frankfurt traf, wie uns heute drahtlich gemeldet wirb, der König Eduard von England um 8.2 Uhr morgens auf dem Hauptbahnhofe im Sonderzuge ein. In seiner Be­gleitung befanden sich der Sekretär der au sm. An­gelegenheiten Sir H a r d i n g e, Generalmajor Sir Stanley Clarke und Major Consonly. Der engl. Botschafter Sir Frank LaScelleS schloß sich hier den Herrschaften an. Um 8.20 erfolgte die Abreise nach Cron berg, wo der Zug um 8.45 eintraf. Dort empfing der Kaiser, der JntcrimSuniform trug und zu Pferde erschienen war, mit feinem Gefolge den König. Dieser trug schioarzen Anzug und Zylinder. Der Kaiser ivar dem König beim Aussteigen be­hilflich. Dann begrüßten sich beide Monarchen herz­lich und küßten einander auf beide Wangen. Es waren auf dem Bahnhofe auch Reg.-Präs. v. Meister an§ Wies­baden, der Landrat Dr. Ritter v. Marx aus Homburg und Bürgermeister Pietsch erschienen. Die Herren wurden dem König vorgestellt und dann begab man sich in Auto­mobilen nach dem Schloß Friedrichshof. Im ersten Auto­mobil saßen der Kaiser, der König und das Prinzenpaar Friedrich Karl von Hessen. Die Schuljugend bildete bis zum Orte Spalier und lebhaft ivar die Begrüßung des Cronberger Publikums. Ailch zahlreiche Engländer aus Franksiirt, Hom- biirg und Wiesbaden waren erschienen.

Nach 9 Uhr war im Schlosse Frühstückstafel im engsten Familienkreise.

Die Abreise des Königs erfolgt voraussichtlich Donnerstag vormittag 9 Ul)r 40 Min. vom Bahnhof Cron- berg; ein fester Termin ist noch nicht bestimmt. Der Kaiser geleitet den König nach dem Bahnhof. Nach der Abfahrt deS Königs Eduard fährt der Kaiser im Automobil nach Homburg zur Einweihung des Landgrafen-Denkmals.

Die Begegnung bildet den Abschluß einer Reihe persön­licher Verstimmungen Mischen den beiden Herrschern. Mit viel Takt und Geschick hat der Kaiser als den Ort dieses Zusammentreffens den Lieblingswohnsitz der Kaiserin Friedrich bestimmt. Man darf hoffen, daß die Aussöhnung! des Kaisers mit seinem königlichen Oheime eine merkliche günstige politische Wirkung diesseits und jenseits des Ka­nals ausüben wird, umsomehr, als sowohl Wilhelm II. wie Eduard VII. nicht mit Unrecht ihre eigenen Minister- der auswärtigen Angelegenheiten genannt werden können. Und solange die Pcckitir von Menschen mit menschlichen Schwächen geleitet wird, solange wird man den Wert per­sönlicher Sentiments nicht zu unterschätzen haben. Müßig wäre es, prophezeien zu wollen, welche Themata den Gegen­stand der Besprechung zwischen den beiden Herrschern ab-

Sommertage in der Provence.

lieber dem sonst so freundlichen Grenoble lasteten schwere Regenwolken, eisige Windstöße, die in kurzen Zwischenräumen das Hochtal der Jsöre herabfegteu, peitschten langwallende, weiße Nebelschleier an den Berghänaen einher und scheuchten die von der Sonnenglut der vorhergehenden Tage verbrühten Bewohner fröstelnd in das Innere der Häuser. Rasch entschlossen verließ ich denn die mit einem Mal so ungastliche Stadt und strebte, der Mahnung des Volkslieds,Der Sonn' entgegen" einem neuen Reiseziel zu, der Provenze.

Ein entsetzlicher Bummelzug brachte mich in einigen qualvollen Stunden nach Lyon. Hier hatte sich der Himmel bereits auf­gehellt und ich verbrachte die nächsten Stunden aufs angenehmste mit Bummeln auf den prächtigen, von Spaziergängern belebten Uferanlagen der Rhone- und Saonekais. Dann aber galt es, eine Fahrgelegenheit nach dem Süden auszutreiben, was unter den obwaltenden Verhältnissen keineswegs leicht war; der große französische Schifferstreik hatte nämlich damals gerade feine größte Ausdehnung erreicht und auch die Binnenschiffahrt fast voll­ständig lahmgelegt. Daher brauchte es langen Suchens, bis ich endlich eine große Segelbarke fand, die am andern Morgen abfahren sollte, wo man denn auch gleich bereit war, mich um ein Billiges mitzunehmen. Nach einigen abenteuerlichen Kreuz- unb Quersahrten durch die nächtliche Großstadt landete ich end­lich in einem Gasthof .soundsovielten Ranges zu kurzer Ruhe. Früh schon ging es aus den Federn, das leichte Gepäck war schnell an Bord geschafft, gleich darauf glitt mein Boot, von rascher Strömung oahingetragen, leicht flußabwärts und in kurzer Zeit war Lyon den Blicken entschwunden.

Ganz heimatlich mutet sie uns an, diese Landschaft des mittleren Rhonetals; mit einem Mal umschweben uns altbekannte, liebe Bilder der Rheindurchbruch zwischen Bingen und Koblenz. Weniger schroff zwar treten die Felsen an den Strom heran, aber wie dort dehnt sich Weinberg an Weinberg die lichtumfluteten Berghänge hinauf bis zu den altersgrauen Burgen, die uns trotzig und doch vertraut von oben grüßen, und bestrickend um­schmeichelt uns der rheinische Zauber dieser Gegend.

In Vienne treffen wir bereits auf den ersten ragenden Vorposten der stolzen Römerbauten von Languedoc und Provenze, den Tempel des Augustus und der Livia. Die Mrze der Zeit erlaubte leider nur eine wenig eingehende Besichtigung; noch einige bewundernde Blicke und wir reißen uns los. Der Kathe­drale von St. Maurice, die für die schönste des Rhonetals gilt, gönnen wir nur ein paar Minuten. Hier ist der Abschied leichter, denn die französische Gotik mit ihren abgeftutzten Kirchtürmen berührt uns doch noch gar zu fremdartig. Im Crßdit Lyonnais hält man den landfahrenden Studw im verschallten Lodenrock und Kniehosen, der einen seiner spärlichen deutschen Goldfüchse wechseln will, für ein höchst verdächtiges Subjekt und ersucht mit höflicher Bestimmtheit um Vorlegung der Ausweispapiere; dann geht es eilig zum Ufer hinab.

In flotter Fahrt gleitet das Boot stromabwärts an den ^freundlichen Rhonestähtchen vorüber. Die Landschast erhält all­

mählich südlicheres Gepräge, dunlle Zypressen ragen, bald darauf erscheinen bei Lamanon die ersten Oelbäume. Aber der Anblick der poesieumwobenen Bäume enttäuscht, denn sie sehen unfern Korbweiden zum Verwechseln ähnlich. Bald zieht die Dämmerung heraus und langsam versinkt hinter den Cevennen die Sonne. Ich verbringe die laue Nacht auf Deck, leicht in meinen Mantel gehüllt. Der frühe Morgen trifft uns schon in Sicht von Orange.

Orange ist das Urbild eines gottverlassenen Provinznestes. Knöcheltief liegt der Staub auf den Straßen, fingerdick beinahe auf den Blättern der Oleander und Platanen, die hie und da über hoyc Gartenmauern herüberlugen; Menschen sind kaum zu sehen. Nie würde sich ein Reisender hierher verirren, wenn das Städt­chen nicht zwei der hervorragendsten und besterhaltenen Werke römischer Baukunst diesseits der Alpen in seinen Mauern bärge, daS Theater und den Triumphbogen. Nasch habe iX) mich durch­gefragt und schon türmt sich eine graue, völlig ungegliederte Riesenwand vor mir empor, die Front des Theaters. Durch ein Seitenpförtchen gelangt man ins Innere und bemerkt, daß die leidlich erhaltene Bühne sich eine gründliche Erneuerung hat gefallen lassen müssen, denn auch dieses ehrwürdigen Bauwerks hat sich der nüchterne Geschäftsgeist bemächtigt und will hier mit der Zeit eine Art französisches Bayreuth erstehen lassen; die Römerdramen Corneilles, Racines, auch solche neuerer Litc- raturgröfeen werden gespielt. Da diese ernsten Stücke aber den gewünschten Kassenerfolg allein nicht sicher stellen, hat man, wie ich hörte, auch der leichten und sehr leichten Muse das Wort öerftattet und die würdevollen Alexandriner der Klassiker von Zeit zu Zeit abgelöst durch die Witzchen und Zötchen modern­ster Pariser Erzeugniffe vom Schlag desKeuschen Kasimir" und derDamen von Maxim".

Den rechten Begriff von den gewaltigen Maßen des Baus gewinnt man erst von der Höhc des Hügels, an dem die Zufchauer- reiben emporgebaut sind. Ihn krönen spärliche Trümmer einer Burg, der Stammburg jenes Geschlechts, das sich nach diesem SitzeOranien" nannte und den Niederlanden den Befreier ge­schenkt hat. Hier dehne ich mich in wohliger Rast ins warme Gras und der Blick schweift hinaus über die dunsterfüllte Ebene w den Zügen der Voralpen, deren blaue Höhen das zitternde Licht wie mit rosa Schleiern umwoben hat.

Am Nordende des Orts lvölbt sich über die nach Montölimar führende Straße der breitorige Triumphbogen, ein älterer Bruder des Konftantinsbogens in Rom. Die großenteils wohlerhaltenen Skulpturen stellen Kriegsszenen dar und sind offenbar mehr als Handwerkerarbeit. Das Volk nennt ihn l'arc Marius und be­hauptet, daß der Teutonenbezwinger nach dem Siege bei Aix sein Erbauer gewesen fei, eine Mythe, deren Unhaltbarkeit dem einigermaßen kulturgeschichtlich gebildeten Beschauer sofort in die Augen springt. Wahrscheinlicher ist die Annahme, daß Kaiser Tiberius die Niederwerfung aufständischer Legaten hier verherrlicht hat. , . «

Das massige und doch tn allen Verhältnissen so wohl abgewogene Werk, stimmungsvoll umrahmt von einfachen An­lagen und überwölbt vom tiefblauen Himmel, erzeugte in mir

eine romantische Stimmung, und ich saß und sann, und träumte mich zurück in die Zeit, da die eisengepanzerten Legionen der Zäsaren diese Straße zogen. Da plötzlich töfftöfft ein Auto um die Ecke, und Wolken von Staub und Benzingestank versetzen mich augenblicklich zurück in die rauhe Gegenwart.

Der Abendzug brachte mich nach Avignon. Man könnte es wohl ein französisches Nürnberg nennen. Kaum liegt die Bahnhofshalle wenige Schritte hinter uns, so stellen sich uns mächtige, zinnengekrönte Mauern entgegen, die zu beiden Seiten sich ins Unabsehbare dehnen, in regelmäßigen Abständen von mächtigen Türmen unterbrochen. Jahrhunderte sind darüber hin- gegangen und doch scheinen sie, wie von gestern. Eine Bresche führt in die mit herrlichen Platanen bestandene Hauptstraße. Au allen Ecken schreiend rote Plakate. Wahlausrufe.Väter pour le caudidat du bloc, cest vöter pour les franc-ma$ons, cest vöter pour les dreyfusards, cest vöter pour lo syndicat international, que noas opprime, cest vöter pour le perpetuel döfioit", verkündet der An­schlag der klerikalen Manbiöaten seinen Wählern und beweist uns aufs Neue bte erbauliche Tatsache, daß das alte Jesuitenrezopt andacter calumniaro bei den Gottesstreitern noch nicht außer Hebung gekommen ist.

Die Hauptsehenswürdigkeit, das Schloß der Päpste, liegt etwas erhöht am Westende der Stadt auf schroffem Felsen hoch über dem Rhonefluß. Es ist ein massiger und regelmäßiger Riesen­bau in gotischem Stil. Die Wände dunkelgrau, fast fensterlos, hie und da durchbrochen von Schießscharten und überragt von tranigen Zinnen, erinnern in nichts an die Wohnung eines Kirchenfürstcn, sondern an die Zwingburg eines Despoten und versinnbildlichen in ihrer lastenden Schwere so recht den finsteren Druck, der vom Statthalter Christi durch viele Menschenalter auf die srommgläubigcn Gemüter ausaeüot wurde. Jetzt dient das Gebäude als Infanterie-Kaserne uno durch die hochgewölbten Gänge, in denen einst lebensfrohe Prälaten und zierlich beschuhte Damen in oft recht weltlichen Gesprächen wandelten, ballen nun die schweren Tritte der Troupiers. Die rückwärtigen Fenster bieten prachtvolle Ausblicke über den wallenden Strom hinüber nach Villeneuve und der ragenden Zlvingfeste St. Andrö, die vor­dem König Philipp der Schönezum Schutz" seiner geistlichen Gaste aufgerichtet hat.

Erhält Avignon seine Eigenart durch die Wehrbauten des Mittelalters, so wandeln wir in Nimes wieder in den Spuren der Römer. Da ist das Amphitheater, wo ich eines Sonntags mittags ein Stiergefecht ansah, wobei der Maire, die erste Gesellschaft, Soldaten und Volk ganz genau so schrieen und tobten, wie wohl ehemals der süße Quiritenpöbel bei feinen circenscs, baJft vor allem die herrliche maifon carröe mit ihrer marmornen Säulenpracht, ein Juwel römischer Tempelbautünst, das die Umwandlung zur Kirche vor der bilderstürmerischen Zer­störungswut fanatischer Christen bewahrt und für uns gerettet hat; und am Hange des Hügels hinter der Stadt, den der rätselhafte, Notzige Turmbau der tour magne krönte, schlummern im lauschigen Grün herrlicher Gartenanlagen üppige Bäder, die zierliche Ruine des Dianatempels samt mannigfachen anderen Resten. Hat man bann auf bequemem Pfade den Gipfel ge-