wurden auf frischer Tat fcftgenommen, ein siebenter entkam mit 6180 Rubeln, die drei in den Geschäftsräumen anwesend gewesenen Fremden abgenommen worden waren. Ein Angestellter wurde bei dem Ucberfall verwundet. Die Menge wollte die festgenommenen Räuber lynchen, wurde daran aber von der Polizei gehindert.
Rach einer Meldung auS dem Gouvernement Kasan herrscht dort Hungersnot und Hunger-TyphnS. Die Leiden der Bevölkerung sind unbeschreiblich und die Lage verschlimmert sich von Tag zu Tag. Hunderte von Bauern sterben täglich und die Leichen liegen manchmal tagelang herum, weil niemand sich die Mühe giebt, für ihre Beerdigung zu sorgen.___________________
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Okt. Ter Kaiser hat sich heute per Automobil nach Hubertusstock begeben.
— Der Landwirtschaftsminister v. P o d b i e l s k r ist wieder in Berlin eingetroffen. Hier hat ihn jedoch sein altes Gichtleiden mit erneuter Heftigkeit ersaßt, sodaß er das Bett hüten muß und sich in ärztlicher Behandlung befindet.
— Die „Nordd. Altg. Ztg." meldet: Der „Monttorul oficial" veröffentlicht eine Bekanntmachung der rumänischen General-Zolldirektion in Bukarest, derzufolge die Differenzzollbeträge, die den Interessenten aus der Anwendung des neuen statt des alten rumänischen Zolltarifes auf die his zum 28. Februar 1906 in Rumänien angekommenen, dort aber nach diesem Zeitpunkt verzollten Waren zustehen, erst nach Eröffnung der Kammern und Votierung der nötigen Kredite zur Auszahlung gelangen werden.
— Im „Derl. Tagebl." liest man:
„Die starke jährliche Vermehruygi der Bevölkerung Deutschlands um annähernd 900 000 Köpfe ist in der Hauptsache der hohen Geburtsziffer auf dem platten Lande, in zweiter Linie erst dem Rückgänge der Sterbeziffer in den Städten zu danken. Der jährliche Zuwachs wäre freilich größer, wenn nicht in den Großstädten die Geburtenziffer weit hinter dem Reichsdurchschnitt zurückbliebe. Die relative Zahl der Geborenen nimmt in b en, Groß städten auffallend stark ab."
Magdeburg, 12. Okt. Wegen der Fleischnvt werden Magistrat und Stadtverordnete beim Reichskanzler vorstellig werden.
Essen a. d. Ruhr, 12. Okt. Anläßlich der am Montag stattsindenden Vermählung von Bertha Krupp erhalten die Arbeiter der Krupp'schen Werke Geldgeschenke im Gesamtbeträge von 600 000 Mk.
Weimar, 12. Okt. Der Landtag beschloß mit 17 gegen 13 Stimmen, die Regierung zu ersuchen, neue Verhandlungen mit Reuß j. L. zur Weiterführung der Gerichtsgemeinschaft mit Gera anzubahnen. Die Stellung de§ StaatS- ministers Dr. Rothe erscheint schwer erschüttert.
Karlsruhe, 12. Okt. Finanzminister Becker hat auS Gesundheitsrücksichten sein Entlassungsgesuch eingereicht, welches vom Großherzog bereits genehmigt worden ist.
— Im hiesigen nationalliberalen Verein gab eS heute einen wuchtigen Vorstoß der Jungen gegen die Alten und ein nicht minder wuchtiges imponierend einmütiges Bekenntnis der Jungen und Alten zur Idee der badischen Blockpolitik, die sich bei den letzten Landtagswahlen so bewährt habe, daß sie auch zur Grundlage für die nächsten Reichstagswahlen gemacht werden müsse. Der rechtsnationalliberale Landgerichtsrat v. Röder erklärte, er habe, seiner Herkunft nach Norddeutscher, bei den norddeutschen Nationalliberalen bisher so wenig Verständnis für unsere badische Blockpolitik gefunden, daß er sagen müsse, leider sei die Mainlinie in liberaler Beziehung noch nicht überbrückt. In Baden sei der Kampf zwischen Alt- und Jungliberalen heute eigentlich schon überwunden.
Mannheim, 12. Okt. Da§ GroßherzogSpaar langte heute früh hier auf Station Rheinau-Hafen an. Die Fahrt von Rheinau-Hafen erfolgte im Dampfboot nach Mannheim. Tas Großherzogspaar fuhr eine Strecke rheinabwärts, um dann später an der alten Landungsstätte, an der das Großherzogspaar vor fünfzig Jahren ausgestiegen war, an Land zu gehen. Hieran reihte sich der Einzug durch die geschmückte Stadt bis zum Rheintor. Bürgermeister Martin begrüßte hier das Großherzogspaar. Nach der Ankunft im Großh. Schloß verfolgte das Fürstenpaar vom Balkon aus die Parade der Garnison. Um 41/2 Uhr erschienen der Groß- Herzog und die Großherzogin zu dem von den Vereinigten Mannheimer Gesangvereinen im Nibelungensaale veranstalteten Festkonzert mit Huldigungsfeier. Der Großherzog drückte seine besondere Freude darüber aus, daß man ausdrücklich die Zeit vor 50 Jahren wiederhergestellt, und so allen die
Augen geöffnet habe darüber, was war und was ist; er| schloß mit einem Hoch auf Mannheim und seine Bürgerschaft, r Am Abend war Festvsrstellung im Hoftheater; zur Aufführung gelangte die „Huldigung des Landes" und Lortzings „Undine". Nach der Theatervorstellung fand Schloßbeleuchtung statt, worauf die Großh. Herrschaften um 11 Uhr mittels Sonderzuges nach Baden-Baden zurückkehrten.
Heer und Flotte.
— Der bisherige Kommandeur der 25. Großh. Hessischen Division Generalleutnant Freiherr von Gall ist zum Gouverneur der Festung Köln ernannt und Generalmajor von Strantz, bisher Kommandeur der 2. Garde-Jnsanterie-Brigade, mit der Führung der 2 5. Division beauftragt worden.
IColonialpoft»
Berlin, 12. Okt. Wie die „Berl. Ztg." meldet, ist zum ständigen Vertreter des Leiters der Kolonial- Abteilung der Geh. Legationsrat Dr. Seitz ernannt worden.
Berlin, 13. Okt. Dem Hofrat Tesch in derKolonial- Abteilung ist, wie die „Freis. Ztg." mitteilt, vom Kolonialdirektor Dernburg die Funktionszulage entzogen worden. Tesch hatte dieses Geld, das er lediglich für Wahrnehmung der Geschäfte des Kalkulators erhielt, noch viele Jahre hindurch bezogen, nachdem er diese Funktionen längst abgegeben hatte und zwar, indem er ausdrücklich als Funktionszulage quittierte.
Brüssel, 12. Okt. Wie mitgeteilt wird, ist gegen Hackenbroich, den Leiter der deutschen Abteilung im Preßbureau der Kongo-Regierung, den Gewährsmann deS Abg. Erzberger in der Affäre der beiden bestochenen Berliner Blätter, ein Disziplinarverfahren seitens der Negierung deS Kongostaates eingeleitet worden wegen angeblicher Verletzung des Amtsgeheimnisses. Hackenbroich erklärt demgegenüber, daß er mit seinen Mitteilungen an den Abg. Erzberger ganz innerhalb des Rahmens seiner Amtsbefugniffe gehandelt habe.
An-Sand.
Paris, 12. Okt. Der frühere Botschafter in Berlin Marquis de Noailles wurde befragt, was an einer in Berlin erzählten Geschichte Wahres sei, wonach der Kaiser ihn eines Morgens imBett überrascht habe. NoailleS versicherte, die Geschichte sei vollständig erfunden. Kaiser Wilhelm sei nie des Morgens auf die Botschaft gekommen, wohl aber habe er gehört, daß etwas ähnliches sich mit dem englischen Botschafter Sir Frank LascelleS ereignet habe.
Nom, 12. Okt. Dem „Messagers" zufolge schloß die italienische Negierung mit der Firma Krupp einen Lieferungsvertrag für neue Kanonen im Betrage von 17 Millionen Lire ab mit der Verpflichtung für weitere Beträge in Höhe von 2 3 Millionen.
— Alls Anlaß der Durchführung der Konversion der italienischen Rente verlieh der König eine große Anzahl von Auszeichnungen. Luzzati wlirde zlim Staatsminister ernannt. Ferner erhielten mehrere Deutsche Ordens- auSzeichnungen: der Chef deS Bankhauses S. Bleichroeder und Co., Generalkonsul Dr. Schwabach, das Großofsizicr- kreuz des Mauritiusordens; die Direktoren Mankieivitz von der Deutschen Bank, Gutiilann von der Dresdner Bank und der frühere Direktor der Bank für Handel und Industrie, Dernburg, das Konunandeurkreuz des Ordens der italienischen Krone.
Budapest, 12. Okt. Größtes Erstaunen erregt es im ganzen Lande, daß Ministerpräsident Dr. Weckerle, der neulich einen heftigen Ausfall gegen die Jourilalisten im Parlamente gemacht hat, einen Posten von 4 0 000 Mark als Dotierung desJournalistenpensio>lSfonds in das Budget einstellte. Im Verlalif seiner Blldgetrede führte Ministerpräsident Weckerle in Bezlig auf die von der Negierung vorzlinehmendcn Investitionen und öffentlichen Arbeiten aus, das Abgcordnetenhalls habe zwar die Ermäch- tigling zu der Aufnahme eines Jnvestitionsanlchens von 277 Millionen Kronen erteilt, er beabsichtige jedoch, derzeit nicht an den Geldmarkt zu appellieren, da die laufenden Einnahlnen nicht nur die normalen Bedürfnisse decken, sondern aus ihnen auch die Erforderniffe einer die wirtschaftliche Bewegling fördernden Politik bestritten werden könnten. Bei Aufnahme der Anleihe werde die Negierung sich vor Augen halten, daß nicht allzu große inländische Kapitalien, die in Landwirtschaft und Industrie angelegt sind, ihrer Bestimmung entzogen würden und ferner, daß die ungarische Rente Kurs erzlele, der dem Kredit des Staates entspricht.
Ans Stadt nnd Land.
Gießen, 13. Okt. 1906.
• • Freisinniger Parte itag. Tie hessischen Freisinnigen werden am 17. und 19. November zu einem Parteitag zllsammentreten.
Unsere Regimen tsmusik konzertiert morgen nachnlittag 5 Uhr im Neuen Saalbau.
* * Aus dem Bureau des S t a d tth e ater s. Es sei darauf hingewiesen, daß für das Gastspiel von Mme. Charlotte Wiehe am nächsten Donnerstag bereits von heute ab bei Herrn Ernst Challier Billets im Vorverkauf zu haben sind.
* * D i e bekannten „Fritz S t e i d l - S ä n q e r", die hier bei ihrem letzten Gastspiel im Juni so glänzende Erfolge erzielten, werden im Neuen Saalbau au? ihrer Rückreise nach Berlin wieder 2 Tage gastieren und zivar am 17. und 18. Oktober. Nur dem Umstande, daß der Neubau des „Steidl Theaters" in Berlin nicht zum bestimmten Termine fertig wird, danken wir den nochmaligen Besuch der Künstler, die uns mit einem vollständig neue n Programm erfreuen werden. „Der schlane Johann" und „Herr Lustikns" sind zwei Perlen der Feder Fritz Steidls, der sein Publikum kennt und überall mit seinem Hnmorschatz Begeisterung heroorgerufen hat.
△ Münchholzhausen, 12. Okt. Wie die ärztliche Untersuchung ergeben hat, ist der gestern zu Grabe getragene Mampotin bereits durch einen Schlag getötet gewesen, als er in den Dorfbach fiel. Der Sohn, der als recht brav im ganzen Orte bekannt ist, soll in Notwehr gehandelt haben, als er dem wütend mit der Axt auf ihn stürzenden Vater Schläge versetzte. Der so schrecklich ums Leben gekommene Mann wird als Trinker geschildert, der seine Frau an dem letzten Tage mit Totschlägen bedroht habe.
Braunfels, 12. Okt. Der Verkauf deS fürstlich Solms - Brauufelsischen Grubenbesitzes an die Firma Krupp in Esten ist, nachdem das Oberlandesgericht Frankfurt a. M. als Vormundschaftsbehörde dem Verkauf seine Zustimmung erteilt und nachdem das aus diesem Anlaste durch Vereinbarung sämtlicher Agnaten errichtete HauS- gesetz die Allerhöchste Genehmigung gefunden hat, nunmehr perfekt geworden. Die Gruben gehen demgemäß mit dem November d. I. in den Besitz der Firma Kruvp über, in deren Dienst auch die Fürstlichen Bergbeamten mit gleichem Tage eintreten. (Wetzl. Anz.)
= Groß-Alten städten (Kr. Wetzlar), 12. Okt. Heute nachmittag wurde durch den Geh. Regierungs- und Schulrat Anderson zu Koblenz im Beisein von den Kreisschulinspektoren Anthoni-Werdorf und Geibel-Dutenhofen dem am 1. Oktober pensionierten Lehrer Christoph Schneider hier der Adler der Inhaber des Königs. Preuß. Hausordens von Hohenzollern feierlichst überreicht. Der Geheimerat hob die Verdienste des Emeritus in erhebendster Weise hervor, sprach im Namen der Königs. Staatsregierung dem scheidenden Schulmann für seine stets treue Arbeit herzlichen Dank aus.
G r ü über g, 12. Okt. Die verstorbene Frau Bürgermeister Pracht vermachte dem Turnverein 500 Mk.
§ Friedberg, 12. Okt. Der hiesige Kreditverein wird nunmehr mit der Erbauung eines neuen modernen Kassengebäudes an der Haagstraße beginnen. Das Gebäude wird nach dem Plane des Architekten Müller von hier erbaut. Im Oktober 1907 gedenkt der Verein den Neubail zu beziehen. Der Verein verzeichnet im abgelaufenen Monat September eine Geschäftseinnahme von 431 926 Mk. und einen Barbestand von 25 915 Mk. — Am 13. Okt. findet in der Turnhalle des Lehrerseminars die KreiZ-Lehrer- konferenz für den Kreis Friedberg statt.
d. Wetterfeld, 12. Okt. Hier herrscht zur Zeit eine große Wasserkalamität, da die vor einigen Jahren von einer Frankfurter Gesellschaft erbaute Wasserleitung vollständig versagt, so daß die Bewohner zur Benutzung der Brunnen zurückgekehrt sind. Ingenieur Harer beschäftigte in dieser Woche acht Arbeiter an der Leitung. Einer von diesen, eine 91 u in än e, verunglückte heute durch Zusammensturz eines Holzgerüstes. Der auS Grünberg herbeigerufene Arzt ordnete die Ueberführung in das Hospital dorthin an. Wie verlautet, handelt eS sich um eine Verletzung des Rückgrats.
X Vom HoherodSkopf, 12. Okt.. Die Erbauung deS Bismarckturms auf dem Taufstein ist verschoben worden und soll erst int nächsten Frühjahr in Angriff genommen werden. Ursprünglich hatte man beabsichtigt, den Turm noch dies Jahr im Rohbau fertig zu stellen. Da aber der Turm nach den neuen Plauen statt 18 Meter — wie erst beabsichtigt — 22 Meter hoch werden soll, so stellen sich die Baukosten entsprechend höher, und es machte einige Schwierigkeiten, weitere erforderliche ca. 2000 Mk. durch Anteilscheine unterzubringen. Doch ist sicher anzunehmen, daß der langentbehrte Turm auf dem höchsten Punkt des Vogelsbergs bis Sommer 1907 vollendet ist. Der Touristenverkehr war in diesem Sommer recht groß und dürfte dank der
ASeLnes Feuilleton.
— Ein neues Bauerndrama. Aus Berlin wird uns geschrieben: Heinrich Lilienfein, ein geborener Stuttgarter, der in Berlin lebt, hat bereits in seinem Drama „Maria Friedhammer" Proben einer gewissen Begabung gegeben. Lewer entfernt er sich in seinem allzukonsequenten Streben nach theatralischer Wir dang immcrlsin von den seinen dichterischen Schönheiten, die er früher vor uns ausbreitete. Sein neues Werk, „Der Herrgottswarte r", das im „Schiller- Thea - t e r" seine Erstaufführung erlebte, ist teilt als Theaterstück betrachtet, ein kraftvolles Werk, das eine wirkungsvolle Handlung zu stark sich steigernden Szenen verarbeitet. Ter Bauer Niklas Ruhland, der vier Jahre im Zuchthaus gesessen hat, wen er den Geliebten seines Weibes erschlug, kehrt nach dem Hose zurück. Er hat nichts mehr von der Welt zu erhoffen, aber er wartet auf die Racke des Herrn, der das Strafgericht herabsenden wird auf fein Weib, das an ihm zur meineid'gen Dirne wurde. Und der Wille Gottes reckt sich gewaltig und grauenvoll vor ihm aus in dem Schicksal seiner Tochter, bie ebenfalls den Verführungen ihres Blutes erliegt und ihrem Manne, dem ehrlichen Peter, die Treue bricht. Da erkennt der Bauer, der in ek-atischer Starrheit seines Herrgotts wartet, in der unseligen Sünde der Tochter die Stimme des Blutes, das einst sein Weib zur Sünde -jvang. Er drückt der in Schuld verstrickten Christine, die in wilder Liebe zu dem suden Lassen Louis selbst zum Morde des Peter helfen will, die Flinte in die Hand, mit der sie am sündigen Leibe das Unrecht sühnt und die Seele der Gnade Gottes anvertraut. Für ihn selbst ist die zweite Kugel derselben Flinte bestimmt. — Liliensein wollte wohl eine düster tragische Gestalt schassen, wie sie Otto Ludwig im „Erbsörster" so unvergeßlich gelungen ist. Ein dumpfes Schicksal treibt in seinem Stücke die Weiber zum Ehebruch, die Männer zur Rache und zum Tode. Dadurch daß er das gleiche Motiv bet Mutter und Tochter in derselben Weise verwendet, verleiht er dem Ganzen, eine cintnniae.
aber wuchtige Stimmung. Diese Häufung von Untaten und furchtbaren Geschehnissen entlädt sich in wilden Szenen zwischen den haßerfüllten Eheleuten, der leidenschaftlichen Tochter und ihrem Galan, dem Vater und seinem sündigen Kinde. Aber diese Ueber- steigerungen sind doch noch stark dilettantisch, dilettantisch ist die Ablenkung des tragischen Verlaufs, die durch eine wenig glaubwürdige Verdächtigung eines unschuldigen. Mädchens entsteht. Liliensein hat nicht die Kraft, uns wie Otto Ludwig die widersinnige, fast wahnwitzige Gott- und Weltansicht seines Bauern durch die Kraft eines souveränen Gestaltens glaubhaft zu machen, sein „Herrgottswarter" ist ein Narr mit einer ihm äußerlich angehängten Marotte, nicht wie Roseggers „Gottsucher" eine psychologisch begründete, menschlich ergreifende Gestalt. Auch das Milieu, das in Anlehnung an Anzengrubers bäuerliche Charakterbilder aufgefaßt erscheint, wird nicht lebendig; wohl bricht die schwüle atembeklemmende Stimmung bisweilen hervor, aber es gelingt dem Dichter noch nicht, die toten Dinge reden zu lassen und das aufdringliche Reden der Lebenden abzudämpfen. Tas schwäbische Lokalkolorit bleibt völlig äußerliches Beiwerk und macht sich nur in dem unwalwen Dialekt der Redenden bemerkbar. Dem Stück wurde eine int ganzen vorzügliche Aufführung zu teil. Die hervorragendste Leistung bot die früher in Frankfurt tätig gewesene Clara Rabitow, eine groß angelegte Schauspielerin, deren verschlossenes und herbes Talent sich immer reifer entwickelt. Dr. P. L.
— Ernesto Caruso saug am Donnerstag, wie wir mit- teilten, in der Königlichen Oper zu Berlin den Don Josö in „Carmen". Vor einem Publikum, das durch sein Erscheinen neben seinen „selbstverständlichen" musikalischen Eigenschaften auch noch den finanziellen Befähigungsnachweis unzweifelhaft beigebracht hatte. Denn ein Platz in der Orchefterloge kostete vierzig Mark, ein Parkettplatz fünfundzwanzig. Wenn man ganz offen und ehrlich das Ergebnis des Abends zusammenfaßt, dann wird man wohl feststellen müssen, daß die Leute sich für das viele Geld wirklich nicht int Verhältnis zu den bezahlten
Preisen unterhalten haben. Caruso war glänzend bei Stimme, das Publikum jedoch nicht in Stimmung. Dieselben Musikfreunde, die vor zwei Jahren im Theater des Westens dem be- rüh-mten Gaste zujubelten, taten diesmal reserviert. Die Anwesenheit des Kaisers, die Würde des Schauplatzes, die Lust der Hofoper, in der leider so selten der Beifall erklingen, kann, mögen zu der Zurückhaltung beigetragen haben, deren sich die Besucher dieser interessanten Vorstellung schuldig gemacht, haben. Caruso ist in der Tat ein Sänger, wie solche nur äußerst selten auf der Bühne erscheinen. Seine Stimme ist Wohlklang und nichts als Wohlklang, seine Gesangskunst das Vollendetste, das Höchstmaß des Erreichbaren. Und was ihn hoch über den Z isalls- tenor stellt, der nur Stimme hat und fingen kann, das ist seine Persönlichkeit als Rassenmensch, als Typus des geistig regen Gesangskünstlers. In technischer Hinsicht bot, Caruso interessante Einzelheiten. Er beherrscht eben sein natürliches Organ absolut, und kann es allen individuellen Absichten dienstbar machen., Alle Schilderung dieses Künstlers bleibt aber unzulänglich, weil der berauschende Glanz seiner Stimme allein begreiflich macht, was die Natur in die Kehle dieses einzigen Künstlers gelegt hat. Man muß ihn hören, — und koste es auch fünfundzwanzig Mark.
— Man schre ibt uns aus Frankfurt, 12. Okt.: Wilhelm D i e g e l m a n n, der vor 25 Jahren in kleinen Partien die hiesige Bühne betrat, hat sich seitdem zu einem vollen Künstler ausgewachsen. In welcher Art von Rollen er immer austritt, er bringt stets eine ganze sympathische Persönlichkeit mit. Vortrefflich ist er in den ostdeutschen Offiziersrollen, zu denen einige moderne Stücke ihm Gelegenheit boten. Auch nach dem Lorbeer klassischer Rollen durste er greifen und immer wußte er die Hörer zu fesseln. Heute trat er als Nathan auf und sand stürmischen Beifall, ein Zeichen der warmen Sympathie, die er hier genießt. Am Schluß dankte er durch eine gemüt- unb humorvolle Ansprache.


