vereinten Krusten demnächst feft^ufteTTen, daß keinerlei Vereinbarung getroffen würbe, und daß die Begegnung nicht das Mindeste in der politischen Situation geändert habe, «geschweige denn die so überaus herzlichen Beziehungen zwischen Frankreich und England zu trüben geeignet sei. Es gehört keine Prophetengabe dazu, diese Auslassungen vorauszusehcn, vielleicht in etlichen Londoner Zeitungen garniert mit sauersüßlichem Lob „deutschen Wesens" und „Genugtuung" über die glückliche Beseitigung von Mißverständnissen.
Doch auf Eines darch man, wenn schon alles ziemlich programmgemäß verlaufen wird, ziemlich gespannt sein: in welche Worte die Begrüßung der offiziösen „Nordd. Allg. Ztg." am Vorabend der Zusammenkunft gekleidet sein wird. Keine leichte Aufgabe für das Auswärtige Amt. Die Begrüßung kam: beispielsweise unmöglich von einem „Herzensbedürfnis" des Königs Eduard sprechen, wie es Brauch ist frei anderen Besuchen befreundeter Herrscher. Es ist da schwer, die mittlere Linie zu finden, weil es schwer fällt, einem Gast etwas Angenehmes zu sagen, der übermäßig lange auf sich hat warten lassen.
Deutschland und England haben eine Sorge gemeinsam: die Sorge um Rußland. Deutschland mehr aus alter Ueberlieferung, England aus neueren politischen Erwägungen, die dem verbündeten Frankreichs gelten, mit dem England keine Jnteressenkollision haben möchte. Vermutlich dürfte also von der Zukunft Rußlands und von etwaigen Maßregeln für die persönliche Sicherheit des Zaren in erster Linie die Rede sein. Die Gemahlin des Zaren soll in einem BriefEngland als Zuflucht für dierussische Kaiserfam'ilie erwähnt haben. Ein Beweis, daß dieser Brief existiert, läßt sich kaum führen; aber die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß für alle Fälle Vorkehrungen getroffen sind. Jeder Privatmann wiirde in ähnlich bedrängter Lage sich auch beizeiten umschen. In England würde der Zar jedenfalls besser aufgehoben sein, als in Frankreich, das sich jetzt gar nicht mehr nach dem Besuch des Zaren sehnt.
In dem Augenblicke, da König Edward sich anschickt, wenn auch nur für ein paar kurze Stunden, den Boden Deutschlands zu berühren, ist es nicht uninteressant, sich vor Augen zu halten, daß der König von England vom Hause Braunschweig- Koburg seiner Abstammung nach ganz und gar ein Deutscher ist, und daß man um Jahrhunderte zurückgreisen muß, um überhaupt den spärlichen, einzelnen Tropfen enalischen Blutes 'SU entdecken, der in seinen Adern fließt. Durch seine Mutter, die Königin Vittoria, ist König Edward ein Welfe, durch seinen Vater, dem Prinzen Albert, ein Wettiner. Und nun kann man um Generation und Generation in der Reihe seiner Vorfahren hinaufsteigen, ohne unter ihnen anderen Namen zu begegnen als denen von gut deutschen Fürstengeschlechtcrn, regierenden und, seither, mediatisierten. Nimmt man z. B. eine dlhncn- tafel des Königs vor, so findet man, daß er in der fünften Generation (zu 32 Ahnen) aus folgenden Geschlechtern abstammt: Sachsen-Koburg, Schwarzburg-Rudolstadt, Braunschweig, Reuß, Castell, Erbach, Stolberg, Sachsen-Gotha, Sachsen-Meiningen, Sachsen-Saalfeld, Brandenburg-Ansbach, Anhalt-Zerbst, Mecklen- kiurg-Strelih, Schwarzburg-SonderShausen, Erbach-Erbach. Und geht man um noch eine Generation höher, so kommen hinzu Ahnherren und Ahnfrauen aus den Familien: Waldeck, Oettingen, Solms, Zinzendorf, Hohenlohe, Sachsen-Eisenach und Loewen- stem. Damit sind wir bis in die Mitte des 17. Jahrh. gelangt, iunb es fragt sich, wo eigentlich der einzige Tropfen englischen »Blutes zu suchen ist, der sich im Könige Edward VII. soviel .stärker erwiesen bat als in seinen Vorgängern. Dazu muß man nuf der Leiter histor. Forschung noch um einige Stufen weiter chinaufklettern, und sich ins Gedächtnis rufen, daß die Dynastie Hannover in der Person . des Kurfürsten Georg I. von Hannover deshalb zur Succession in England berufen wurde, weil die Mutter dieses Königs Georg I., die Kurfürstin Sophie von Hannover, eine Prinzessin von der Pfalz und eine Tochter des :Winterkönigs Friedrich V. von Böhmen und der Prinzessin Elisabeth Stuart, Tochter des Königs Jakob I. von England, war. Man wird zugeben, daß der Weg nicht ganz mühelos ist, aus bem, man endlich dazu gelangt, den heutigen Herrscher des -britischen Jnselreichcs als einen „Engländer von Geburt" kennzeichnen zu können.
•
i Aus Anlaß der Monarchenzusammenkunft werden umfangreiche Polizeikräfte in Kronberg und Homburg konzentriert. Außer englischen und einigen Berliner Kriminal- -beamten werden in Krvnberg und Friedrichshof voraussichtlich zehn Frankfurter Kriminalbeamte unter Leitung des Polizeirats Wolff eine größere Zahl uniformierter Schutzleute und auch ein starkes Gendarmerieaufgebot anwesend sein.
Der Kaiser in ßssen.
Essen, 10. August.
Bei dem gestrigen Besuch des Kaisers auf der Villa Hügel sang der Krupp'sche Arbeiter-Gesangverein ^Gemeinwohl* mehrere Lieder, denen der Monarch mit großer Aufmerksamkeit zuhörte. Nach etwa halbstündigem Konzert ließ der Kaiser den Dirigenten zu sich bescheiden und lobte -das ausgezeichnete Stimmaterial und die gute Schulung des Vereins. Dann kam er auf das Wesen des Volksgesanges und die Aufgaben des Vereins zu sprechen. Arif die Aeußernng des Dirigenten, daß auf dem Kasseler Gesang- Wettstreit das reine Volkslied eine geringe Rolle gespielt habe, bemerkte der Kaiser lebhaft:
„Das ist gewiß. Diese ganze Art der G e s a n g s - Wettstr e i t e ist nicht geeignet, das V o l k s l i e d z u r G e l t u n g zu bringen. In Frankfurt und Kassel ist nur ein Volkslied herausgekoimnen. Diese Wettstreite sind allzusehr Knnstgesänge mit schwierigen Partituren und kaum erreichbaren Höhen. Dadurch wird das Natürliche des Vereinsgesanges gestört. Tarin ist wohl auch der Grund zu suchen, daß mit der vortresstichste Männer- Gesangverein beim letzten Wettstreit durch em kleines Versehen gescheitert tft. Tas eigentliche Volkslied schwindet aus den Gesangvereinen 8 n meinem größten Bedauern, denn ich höre doch lieber ein Lied, wie: „Wer hat dich, du schöner Wald", als irgend eine geschraubte Partitur. Deshalb ist die Neuausgabe der Volkslieder, die eben erschienen ist, wirklich zu begrüßen, und auch bei den Wettstreiten muß auf das eigentliche Volkslied mehr Wert gelegt werden."
Die Unterhaltung dauerte etwa eine halbe Stunde. Zum Schluß gab der Kaiser dem Dirigenten die Hand und sagte zu ihm: „Erhalten Sie sich Ihre Tenöre." Den besten begrüßte er noch besonders und meinte scherzend, er könne ihn als Ersatz für seine Hofoper gebrauchen.
Der Kaiser unterhielt sich dann einige Augenblicke mit Frau Krupp, wandte sich an Berta und Barbara Krupp, plauderte mit deren Verlobten, den Herren v. Bohlen-Halbach und v. Wilmowski. Dann winkte Frau Krupp ins Gebüsch hinein und von dort tritt Oberbürgermeister Holle vor. (?!) Frau Krupp stellte ihn dem Kaiser als den neuen Oberbürgermeister von Essen vor. Der Kaiser drückte ihm die Hand, beglückwünschte ihn zu seiner Wahl zum Oberbürgermeister von Esten.
Die dann folgende Besichtigung der Kruppschen Werke durch den Kaiser erftrcale sich hauptsächlich auf die in den letzten Jahren neu erstandenen Fabrikanlagen und Erweiterungsbauten. Zum Schluß des Besuches, der mehrere Stunden in Anspruch nahm, wohnte der Kaiser auf dem Kruppschen Schießplatz dem Schießen mit verschiedenen Geschützen modernster Konstruktion bei.
Der Kaiser ist heute Nachmittag nach Wilhelmshöhe abgereist.
politische Tagesschau.
Vom Fürsten Bülow plaudert einer unserer berliner Mitarbeiter folgender- maßeu:
Ein „großer Tag". Die Tribünen des Reichstags überfüllt, das Hans gut besucht, die Tische der Minister und des Bundesrats lückenlos, dicht gedrängt Offiziere, Regierungskommissare und Geheimräte: des Reiches Kanzler, Fürst Bülow, wird sprechen. Ihm selbst merkt man wenig von dieser Absicht an. Mit übergeschlagenem Vein sitzt er weit zurückgelehnt auf hohem reichsadlergeschmücktem Stuhl und blättert in Schriftstücken. Gelegentlich ordnet die gepflegte weiße Hand die dünne goldene in leichtem Bogen gezogene Uhrkette, während der Blick das Auge der F ü r st i n in der Ministerloge sucht. Jetzt erhebt er sich und spricht, beide Hände leicht auf das Pult gestützt oder mit den Daumen in den Armlöchern der Weste. Korrekt wie seine äußere Erscheinung vom glatten, blonden Scheitel bis zum gebügelten Beinkleid ist Inhalt und Form seiner Rede: gleichmäßig Tonfall und Patlws seines Organs. Der Fürst gewährt mehr das Bild eines intelligenten, seiner Verantwortung bewußten Chefs eines großen tzandlungshauses, als' eines Diplomaten. Es liegt so viel Wärme und fast Gemütliches in seinen Worten, etwas väterlich Mildes und Beruhigendes. War Fürst Bülow's Lehrer der große, grobknochige Staatsmann in sporenklirrenden schweren Neiterstieselu, so ist er selbst das Vorbild des Salonmenschen. Nicht der Pallasch ist seine Waffe und nicht der wuchtige Hammer, mit dem das Schwert deutscher Einigkeit geschmiedet wurde, sondern das biegsame Florett. Es gilt, so meint er, nicht mehr. Neues, Riesenhaftes zu schaffen und mit Macht zu erkämpfen. Bismarck pflegte mit Worten und Taten die Gemüter zu erregen, um sie dann gesammelt mit kräftiger Faust feinem Ziele zuzuführen. Fürst Bülow träufelt glättendes Oel in die Wogen, die das Staatsschiff umtosen und manchmal zu überfluten drohen. Das Steuer überläßt er einem and ern. Es gilt Klippen und Untiefen zu vermeiden, und da ist der vorsichtig lotende Wachoffizier nützlich am Bug des Schiffes. Schlug Bismarck, seine ganze Persönlichkeit wagend, mit nerviger Faust dröhnend auf das Pult, so tupft Fürst Bülow leicht und leise mit dem Bleistift auf die Akten und Verträge, Gesetze und gelehrte Abhandlungen, au die er. sich stützt. . . . Seine lebhaftesten Bewunderer sitzen im Zentrum. Freilich, mancher verdenkt es ihm, daß er die Verbindung mit dem Zentrum nicht mit dem Gedanken Richards III. geschlossen hat: „Ich will sie haben, doch nicht lang behalten". Das ist einfacher gesagt, als getan. Fürst Bülow hat so gar nichts von einem Richard III. an sich, und das Zentrum sorgt dafür, daß es „behalten" wird, indem es immer aufs neue sich der Regierung zur Verfügung stellt.
♦
Ausnahmegesetze.
Die badische Kammer hat kürzlich bekanntlich die beiden Paragraphen des Kirchengesetzes vom 19. Febr. 1874 arHuheben beschlossen, welche die Wahllfreicheit der Bürger gegen geistliche Eingriffe schützen sollen und den Mißbrauch der geistlichen Amtsgewalt'unter Strafe stellen. Die Aufhebung ist von der Kammer mit einer einzigen Stimme Mehrheit beschlossen worden und zwar setzte sich die Majorität aus Zentrum und. Sozialdemokraten gegen Nationalliberale und Freisinnige zusammen. Die Debatten in der Kammer verdienen auch außerhalb Badens größere Beachtung, als sie bisher gefunden haben.
Das Harrptargument der beiden Parteien, die die Aufhebung der Paragraphen verlangten, lautete: Diese Bestimmungen laufen auf ein Ausnahmegesetz hinaus. Demgegenüber führte der nation.-lib. Abg. Dr. Obkircher il a. aus:
„Wir machen fortwährend Ausnahmebestimmungen. Es ist eine Ausnahmebestimmung, daß wir im Gefetz vom Jahre 1860 überhaupt die großen kirchlichen Gemeinschaften als öffentliche Korporationen anerkannt haben. Es ist eine Ausnahmebestimmung, daß wir diesen Korporationen das Besteuerungsrecht zur Verfügungstellung der staatlichen Zwangsgewält eingeräumt haben; es ist eine Ausnahmebestimmung, daß die katholischen Geistlichen frei sind von der Militärpflicht: es ist eine Ausnahmebestimmung, die Bestimmung des § 166 des St. G. B. und weiter ist es eine Ausnahmebestimmung, daß bei vorgekommenen Beleidigungen die Geistlichen nicht nötig haben, selbst die Klage im Wege der Privatllage zu führen, sondern die Möglichkeit haben, daß die Vorgesetzte Behörde die Sache übernimmt und daß, wie es dann in den meisten Fällen geschieht, die Staatsanwaltschaft das öffentliche Verfahren einleitet. Ich stabe noch nicht vernommen, daß die Herren vom Zentrum diese febr eingreifenden Ausnahmebestimmungen zu beseitigen bereit wären: wenn sie das aber nicht tun, bann haben sie auch nicht bas Recht, sich in bent vorliegenden Falle auf den Charakter einer Ausnahmebestimmung zu berufen."
In der Tat haben die Worte Ausnahmegesetz, Ausnahmebestimmung einen sehr vagen Inhalt. Wenn man will, kann man auch dem § 242 des R.-St.-G.-B. eine Ausnahmebestimmung gegen Diebe nennen. Allerdings liegt es einigermaßen anders, wenn eine Bestimmung sich nicht gegen alle Personen richtet, die eine bestimmte Handlung begehen, z. B. die Wahlfreiheit beeinträchtigen, sondern nur diejenigen, die zugleich einen bestimmten Beruf ausüben oder ein bestimmtes Amt bekleiden. Der sozialdemokr. Abg. Dr. Frank nannte das Gesetz deshalb ein Ausnahmegesetz, weil es nur die Geistlichen und nicht auch die Fabrikanten, die Arbeitgeber, treffe. Wenn man nun das Gesetz o umgestalte, daß es sowohl die Geistlichen wie die Fabrikanten träfe, wäre es dann fein Ausnahmegesetz mehir? Offenbar immer nach! Aber es wäre daun vielleicht gerechter? Auch hierüber äußerte sich der genannte Abgeordnete. Er sagte, öaß er auch Wah'leingriffe von Fabrikanten mißbillige; sie seien früher öfter vorgeLni- men, allmählich jedoch unter der öffentlichen Kontrolle eltener geworden. Er halte den Gedanken, die Beeinträch? tigung der Wahlfteiheit eines Arbeitnehmers durch deu Arbeitgeber unter Strafe zu stellen, grundsätzlich für richtig; aber er wisse nicht, wo man hier in der Praxis die Grenze ziehen solle. Das vorhandene Gesetz bestrafe den Mißbrauch, wenn er von behördlichen Personen ausgehe. Das er eine llare und richtige Fixierung des Tatbestandes. Eine „Ausnahmebestimmung" aber wäre das eine wie das andere. Mit der Redensart vom „Ausnahmegesetz" kommt man in der Praxis wirklich nicht weiter.
Are Kärung in Anßland.
Gegenüber den im Ausland verbreiteten Gerüchten von einer SU erwartenden Abdankung des Zaren wird von berufener Seite mitgeteilt: Ter gegenwärtige Stand der inneren Krise zeige überhaupt kein solches Bild, durch bas man sich an ben maßgebenden Stellen gedrängt fühlen könnte, extreme Entschließungen ins .Auge zu fassen. Der Verlauf der jüngsten
Ereignisse sei vielmehr geeignet, den Mut derjenigen, die da- russische Staatsschiff durch die jetzige Bewegung steuern, zu heben, und die Regierung arbeite an ihrem Werke mit der gekräftigten Zuversicht, auf der vorgezeichneten Bahn zum Ziele zu gelangen.
Zum Minister für Landwirtschaft ist der ehemalige Chef des Roten Kreuzes Fürst Wassilitschkow, zum Handelsminister, der frühere Reichskontrolleur in Wittes Kabinett Fil- l o f f o f o w ernannt worden. Oberprokureur des Heiligen Shnods wird der ehemalige Schulkurator von Livland und spätere Gehilfe des Unterrichtsministers Iswolski, ein Bruder des Ministers des Aeußeren. Somit ist das Ministerium konstituiert; es besteht durchweg aus Beamten.
Wassilitschkow ist in Agrarfragen wenig kompetent. Seine Richtung ist konservativ mit liberalisierendem Einschlag, wie es seinerzeit etwa bei Swiatopolk-Mirski der Fall war. Fillossofow ist ein politisch farbloser, arbeitsamer Beamter. Seine wirtschaftlichen Kenntnisse werden stark angezweifelt. Iswolski hatte wenig Freunde zu der Zeit, als er Kurawr des Petersburger Lehrbezirks war. Seine jetzige Ernennung bedeutet einen weiteren Rückgang des lib. Gedankens im Kabinett Stolypin. Es ist bezeichnend, daß alle drei neuen Minister Aernter übernehmen, die ihrem bisherigen Wirkungskreise völlig fremb sind. Selbst sehr konservative Reichsratsmitglieder nennen sie Verlegenheitsminister.
In Odessa traf die Tochter eines Generalleutnants, Barbara Prinze, ein. Da sie eine Freundin der Töchter des Hauptkommandeurs Kaulbars ist, wurde sie von diesem im Hotel besucht und zu Mittag eingeladen. Als sie mit den Damen Kaulbars das Hotel verließ, lieh sie aus ihrem Ridicule eine Bombe fallen, die nicht explodierte. Gleich darauf griff sie aus ihrer Tasche einen R c v o l v e r und erschoßsich; sie erklärte, sie sei aus Petersburg gekommen, um das Urteil der dortigen Kampforganisation, das auf den Tod des Generals Kaulbars lautet, auszuführen.
Auf der Bahnstation Sludjenko raubten Bewaffnete 95 000 Rubel; mehrere Beamte wurden verwundet.
In den Gruben von V o u s o w k a kam es zu blutigen Ausschreitungen zwischen Arbeitswilligen und Streikenden. Es gab eine Anzahl Tote und Verwundete. Viele Verhaftungen wurden vorgenommen. Dragoner stellten die Ruhe wieder her.
Wie aus Kopenhagen gemeldet wird, haben verhaftete Mitglieder der finnischen roten Garde eingestanden, daß ein umfassendes Komplott gegen die russische Regier-- u n g geplant ist. Zunächst soll von den Revolutionären das russische Regierungsgebäude in Helsingfors in die Luft gesprengt werden. Dann sollen die russischen Revolutionäre eine Diktatur errichten und nach Petersburg gehen, um dort mit den Gleichgesinnten gemeinsame Sache zu machen. In Geheimdepots werden eine große Menge von Dynamitpatronen und Waffen aufbewahrt, die zur rechten Zeit bei dem Revolutions- Werk dienen sollen.
Für eine Sympathie-Adresse an die Duma werden in Paris Unterschriften gesammelt. Ms erste haben unterzeichnet: Adolf Carnot, der Bruder des ermordeten Präsidenten, der Akademiker Berthelot, früherer Minister des Auswärtigen, ferner der Vizepräsident des Senats Lehdet, sowie eine Reihe anderer Senatoren. Deputierten und Professoren.
Deutsches Reich.
Kassel, 10. Aug. Der Kaiser ist um 71/, Uhr hiev cingetrofsen.
Berlin, 10. Aug. Als Paten bei der am 29. d§< stattsindenden Taufe des Sohnes des Kronprinzen- paareS werden in erster Linie Kaiser Franz Josef von Oesterreich, König Eduard von England und Kaiser Nikolaus von Rußland fungieren. Die Monarchen werden bei der feierlichen Handlung nicht selbst anwesend sein, sondern sich dem Herkommen gemäß vertreten lassen.
— Reichskanzler Fürst B ü l o w wird seinen Urlaub in Norderney unterbrechen, um sich zum Vortrag nach Wil» Helms höhe zu begeben. Der Reichskanzler wird jedoch erst nach der Zusammenkunft deS Kaisers mit König Eduarö in Wilhelmshöhe eintreffen, da der König von keinem englischen Staatsminister begleitet ist. Hingegen dürfte der Reichskanzler an der Galatafel zu Ehren des Geburtstages deS Kaisers Franz Josef teilnehmen.
München, 10. Aug. Die Abgeordnetenkammer nahm einstimmig den Antrag an, die Petition des bayerischen Brauerbundes, die UebergangSabgabe auf bayerisches Bier bei deffcn Einfuhr in die norddeutsche Brauteuergemeinschaft von 2.75 Mk. pro Hektoliter auf 2.25 Mk. herabzusetzen, der Staatsregierung zur beschleunigten Berücksichtigung zu überweisen. Finanzminister von Pfaff erklärte unter dem Beifall des Hauses, daß die bayerische Regierung für die Ermäßigung energisch eintreterr werde.
— Die Blätter lassen trotz offiziösen Dementis durchblicken, daß sie mit dem Wechsel im Ministerpräsidium rechnen. Als Nachfolger des Freih. v. Podewils kommt zunächst der (konservative) Gesandte in Berlin, Graf von Lerchen- eld, in Betracht. ,
Deutsch-Afrikanisches.
Berlin, 10. Aug. (Amtlich.) Am 6. August griff eine Hottentottenbande von etwa 50 Mann die Pferdewache der 2. Kompagnie des 2. Regiments bei Alurisfontein üblich von Warmbad an. Die sofort eingreifende Kompagnie chlug den Feind in die Flucht und verfolgte ihn weiter. ES fielen zwei Reiter, drei wurden schwer verwundet. — Oberst Deimling ist mit seinem Stabe auf dem Marsch von Keeimanshoop nach Warmbad. Eine aus Kapstadt am 4. August hierhergelangte Nachricht, nach welcher bei Viöls- drift ein erneute? verlustreiches Gefecht stattge^ ünden halben sollte, hat sich nicht bewahrheitet.
Ausland.
Paris, 11. Aug. Der „TempS" widmet den Berliner Kolonial-Skandalen einen Leitartikel. Er sucht nach den Gründen und meint, man werde dem System, wie die Kolonialbeamten ausgewählt werden, einen Teil der Schuld beimessen müffen. Denn dieses System gestatte es einem leichtsinnigen Adeligen oder einem verbummelten Offizier, auf Posten zu gelangen, die für Männer von Erfahrung und Ehrbarkeit bestimmt scheinen. Wenn der Reichstag eine ausgedehntere Macht besäße und wenn man weniger die berechtigte und notwendige Neugierde der Abgeordneten fürchten würde, dann könnten Kontrakte wie der des Hauses Tippelskirch nicht lange bestehen.
Marseille, 10. Ang. Aus China wird über die >urch Piraten verursachten Unruhen noch berichtet, daß die Piraten die ganze Küste terrorisieren. Ein Dampfer überraschte ein Boot, in welchem sich sieben, von Piraten gemachte Gefangene noch lebend befanden. Die Ortschaft ©indjeng wurde von den Piraten angegriffen und teilweise zerstört.


