Ausgabe 
8.10.1906 Erstes Blatt
 
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teförnt alles" erwogen im5" beda'chl. Wir Tonnen mit einem Gefühl des Stolzes und der Befriedigung daran zurück­denken, daß wir berufen waren, an dem großen Werke mit­zuarbeiten. Lassen Sie uns den Streit begraben und lassen jSie uns festhalten an den hohen Zielen der Partei. (Lebh. minutenlanger Beifall.)

Nach der Rede des Reichstagsabg. Dr. Beumer und des Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses Dr. Krause protestiert ein Delegierter dagegen, daß fortwährend Ab­geordnete zu Worte kommen. Rechtsanwalt Falk-Köln von den Junglibcralen: Die Abgeordneten haben sich nicht bemüht, die Angriffe gegen die Fraktionen zurückzuwciseu, sie haben selbst angegriffen. (Zustimmung und Wider­spruch.) Dadurch wird die Einigkeit nicht gefördert; nur Kritik allein schafft Wahrheit und Klarheit. Wir müssen wissen, wie wir mit einander stehen. Wenn ein Riß da «ist, so darf er nicht verkleistert werden, sondern es muß wirkliche Einigkeit herrschen. Den Vorwurf der Disziplin­losigkeit weisen wir Junglibcralen entschieden zurück. Wir tragen auch für unsere Resolution die volle Verantwortung. Wir müssen die Einigkeit des' Liberalismus haben. Eine solche wird allerdings angesichts der letzten Vorgänge sehr sch w er sein, wenn wir aber Einfluß gewinnen wollen, dann müssen wir einig zusammen stehen. Wenn wir die Grenze nach links so scharf ziehen, daun müssen wir es auch nach rechts tun. (Zustimmung.)

Es sprechen dann noch zahlreiche andere Delegierte, doch werden wesentliche neue Gesichtspunkte nicht mehr geltend gemacht.

Um 6V2 Uhr abends werden die Verhandlungen auf Sonntag vertagt. Am Abend fand ein Kommers statt.

Aus O-aSt two LE0.

Sprechstunden der Redaktion 111 Uhr Dorrn., V»7i/28 Uhr abds. Gießen, den 8. Oktober 1906.

** In besonderer Audienz empfing S. K. K. der Großherzog am Samstag den Königlich Preußischen außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister Frhrn. v. Jenisch und den Königlich Großbritanni­schen Geschäftsträger Mr. Harford. In Hom­burg empfing am gleichen Tage der Reichskanzler den kaiserlicher Botschafter in Petersburg, v. Schön. Möglicherweise besteht zwischen diesen Empfängen ein innerer Zusammenhang.

** DieMeldepflicht. Wie au§ einer Bekanntmachung des Großh. Polizeiamts zu ersehen ist, werden die Be­stimmungen über die Meldepflicht hier vernachlässigt. Nament­lich wird in vielen Fällen die Anmeldung der von aus­wärts zuziehendenEhefrauen unterlassen. Auch ver­spätete Meldungen hauptsächlich der Wegzüge sind in größerer Zahl zu bemerken gewesen. Der Eintritt militär­pflichtiger Personen zum aktiven Dienst und umgekehrt die Rückkehr in den elterlichen Haushalt oder die frühere Stellung wird vielfach nicht gemeldet. Wir weisen deshalb darauf hin, daß jede Person, die in Gießen zu- oder weg- zieht, oder ihre Wohnung verändert, alsbald dem Polizei- amt Mitteilung zu machen hat. Wird diese Meldung unter­lassen, so ist der, der dem Zu- oder Wegziehenden Wohnung oder Unterkommen gewährt hat, zur Meldung verpflichtet Ferner ist jeder Dienstbote oder gewerbliche Arbeiter, sobald er eine Stelle antritt oder verläßt, zur Meldung verpflichtet; falls diese Personen die Meldung unterlassen, sind die Ge­werbetreibenden selbst oder die Dienstherrschaften dazu ver- verpflichtet. Um sich vor Strafen zu schützen, ist es deshalb geboten, die Bestimmungen der Meldeordnung, wie sie in dem amtlichen Teil zum Abdruck gebracht sind, genau zu beachten.

Die öffentliche Vergebung des Akkords der Holzhauerarbeiten und Wegearbeiten in unseren städtischen Waldungen, die am Samstag vor sich gehen sollte, verlief, ohne daß der Zuschlag erteilt werden konnte. Die Stadt hatte in Rücksicht auf die jetzigen Ver­hältnisse die Sätze für die Holzbereitung gegen die des ab­gelaufenen Jahres um durchschnittlich 810 Proz. erhöht, doch erklärten die erschienenen zahlreichen Unternehmer, auch zu den erhöhten Sätzen die Arbeiten nicht übernehmen zu können. Sie verlangten durchschnittlich eine Aufbesserung von 1520 Proz. gegen die früheren Akkordlöhne. Auch die geforderten Löhne für Wegebauarbeiten waren teilweise er­heblich höher, als die dafür von der städtischen Verwaltung aufgestellte Maximaltaxe. Der Voranschlag für das laufende Jahr sieht für Holzhauerarbeiten allein rund Mk. 17 500 vor. Die Erhöhung der Holzhauerlöhne würde also nach deren Forderung eine Mehrbelastung von Mk. 30003500 bedeuten.

cb. Laubach, 6. Okt. Heute wurde der 65jährige

Schlüsse des 2. Aktes, vor Lachen schüttelte. Aber seine Aufmachung" war doch kaum danach, um die temperament­volle Spanierin zum Liebestaumel hinzureißen.

In der recht hübsch durchgeführten Figur der wild­blütigen Spanierin, der einzigen Gestalt des Stückes, die einen originellen Typ skizziert, debütierte eine Dame von der hohen Schlankheit ihrer andalusischen Vorbilder. Das schön gewachsene Frl. Schuster fand zum ersten Male Gelegenheit, zu zeigen, daß ihre Sache nicht die Deklamation ist, sondern die Betätigung ihres rassigen Temperaments. Sie besitzt zweifellos nicht geringe charakteristische Gestal­tungskraft. Die Darstellerin dieses weiblichen Dämons, der, wie Shylock, grausam auf seinem Schein besteht, kann uns vielleicht, worauf einzelne sehr hübsche kleine, von Pikan­terie, Humor und Grazie umspielte Situationen zu deuten schienen, in ernsteren Partien glühender Leidenschaft noch recht fesseln. Sehr nett gelang ihr das Radebrechen unserer Sprache.

Daß sich für die Schwiegermuttergestalt keine neue Ton­art finden läßt, ist nicht Schuld der Darstellerin, Der Edle mochte also gestern Frau Bonö aufrichtig bedauern, daß es ihr beschieden war, bei uns sich einzuführen in einer Rolle, die die gestern versammelte junge Männerwelt zur Ehescheu gedrängt haben dürfte. Derbheit war ja hier kaum, aber die Neigung zur beweglichen Pose, namentlich anfangs, recht wohl entbehrlich. Herr Lippert brachte die ehemännliche Geknicktheit des unter der Knute seines Hauskreuzes schmachtenden Möchtegerne-Schwerelwters mit vielem guten Humor und bekannter großer Behendheit zum Ausdruck; aber das liebenswürdige und hübsche Frl. Schellenberg war nicht minder als Frau Bonö zu bedauern, daß sie diese Gans von junger Frau spielen mußte. In kleinen Chargen traten die Herren Gree ff, Ries und Schlot tau aus dem übrigen

Veteran Michael Mulle r mit militärischen Ehren unter Be­gleitung der Musikkapelle gut letzten Ruhestätte ver­bracht. Müller war am 7. Oktober 1841 zu Flörsheim (Kreis Wiesbaden) geboren. Er diente beim 1. Henzogl. Nass. Jnf.-Negt. von 1862 an und machte den Feldzug 1866 mit. Durch seine Verheiratung kam er 1867 nach Laubach und beteiligte sich in der 6. Komp, des damaligen 2. Hess. Jnf.-Negt. aus Gießen an dem Feldzug 1870/71, in welchem er an den Schlachten bei Gravelotte, Noisseville, Orleans und Briare tcilnahm. 35 Jahre war er ein eifriges Mitglied des hiesigen Kriegervercins. Sein Leben brachte ihm wechsel­volle Schicksale, mehrere Jahre war er Stadtbriefträger, längere Zeit Kasinowirt, zuletzt Handwerker von altem Schrot und Korn. Noch im vorigen Jahre trat er zum drittemnale in den Ehestand; ein kurzes Krankenlager raffte den robusten Mann schnell dahin. Die Zahl der hier lebenden Vete­ranen beträgt augenblicklich noch 17.

t. Allertshausen, 5. Okt. Unlängst sand die Einweihung der hier neu erbauten Kirche statt, wozu sich eine ungezählte Menge Festgäste eingefunden hatte, wie sie unser Ort wohl noch nie gesehen haben wird. Um 2V2 Uhr ging der Festzug von der Schule aus ab. An der Spitze gingen die Schulkinder, dann folgten die Geistlichen, Kirchenvorstand, Kirchenvertreter, Ortsvorstand und Ge­meinde. Nach dem GesangTut mir auf die schöne Pforte" schilderte der mit der Bauleitung betraut gewesene Re­gierungsbautechniker Huck das Zustandekommen des Bau­plans und die Ausführung des Bauprojekts und übergab den Schlüssel den Baurat Diehm, welcher mit eindrucks­vollen Worten ausführte, die Gemeinde möge sich bestreben, der erhabenen Bestimmung des Gotteshauses sich anzu- passen. Dann gab er den Schlüssel dem Kreisamtmann. Dieser Betonte auch, die Gemeinde möge im Worte Gottes ihre rechte Erbauung sinken, und übergab dann den Schlüssel dem Kirchenrat Weber, der namens der Gemeinde dankte für die Umsicht und Einsicht bei Ausführung der Bau­arbeiten, der Bauleitung, den Arbeitern und Gott für un­gestörten Fortgang der Arbeiten. Hierauf überreichte er den Schlüssel dem Superintendenten O. Petersen mit der Bitte, die Kirche zu öffnen und zu weihen, was denn auch geschah. Dann begann, unter starkem Zuvrang, in der Kirche die Feier, welche durch Vortragstücke des Kirchen­gesangvereins Londorf verschönt wurde. Nack) einer An­sprache des Superintendenten erfolgte die Weihe der Kirche. Nach dem Glockengeläute predigte Kirchenrat Weber im Freien über die Bedeutung des Gotteshauses. Mit Gesang der Gemeinde, des Kirchen- und Mannergesangvereins Lon­dorf, Gebet usw. nahm die Feier bei zwar trüber, aber günstiger Witterung ihren Forcgang. Schließlich wurde die Kirche noch im Innern in Augenschein genommen und sand vielsach den gebührenden Beifall. Sie ist im Stil ihrer Umgebung würdig angepaßt. Tie Fenster haben zum Teil Glasmalerei. Auf einem derselben im Chor ist die Geburt Christi dargestellt. Am 13. Oktober findet die Bürgermeisterlvahl statt. Zwei Kandidaten stehen einander gegenüber.

§ HartmannShain, 6. Okt. Die hiesige Gemeinde bat die sog. .Kalte Buche", einen Berg unmittelbar beim Dorfe, an dieOhmtal - Basaltwerke" in Marburg a. Lahn für 10 000 Mk. verkauft. Im nächsten Frühjahr soll hier ein Basaltiverk erstehen.

*KleineTageschronik. Als der Inhaber eines Damen- mäntel-Geschäftes in Berlin am Samstag früh in seinem Kontor erschien, sand er vor dem Kassenschrank die Leiche eines Mannes, dessen Schädel zertrümmert war. Die Polizei stellte fest, daß der Tote einen Einbruch verübt hatte und bei dem Versuch, den Kassenschrank zu sprengeu, den Tod gefunden hat. Die Polizei sucht die Identität des Toten festzustellen, um zu ermitteln, ob er Komplizen gehabt hat. In Paris ist ein S k a n d a l, der in undustriellen Kreisen großes Aussehen erregt, ansgedeckt worden. Wie es heißt, sollen elf größere Firmen, zum.Teil in Lyon, zum Schaden Italiens Schmuggel in größerem Maßstabe betrieben haben. Die Angelegenheit wird die Gerichte beschäftigen. Der Daily Telegraph meldet von einem Orkan in New-Orleans, daß einige Häuser vollständig zertrümmert wurden. Ein großes Gaswerk wurde ebenfalls zerstört, ein Kloster schwer beschädigt und eine Anzahl Häuser abgcdeckt. Viele Personen wurden getötet oder verletzt. In dem hiesigen Äussteuergeschäst von Doll in Ulm haben sich die meisten Verkäuferinnen Rabatt­marken und Waren angeeignet, sodaß dem Geschäftsinhaber ein beträchtlicher Schaden erwachsen ist. Nach seiner Angabe be­trägt der Wert der gestohlenen Gegenstände, von welchen aller­dings ein erheblicher Teil wieder beigeschasft werden konnte, gegen 10 000 Mark. Eine der Verkäuferinnen hatte ein ganzes Magazin vergraben. Eine andere wurde verhaftet, als sie von ihrer Hochzeitsreise zurückkam. Im Ganzen sind 9 Personen, die in diese Sache verwickelt sind, in Hast genommen worden. In der Reparaturwerkstatt des Kaufmanns Bencdix in Herne zündeten zwei Mechanikerlehrlinge Carbidgase mit einem Streich­holz an. Die Folge war eine heftige Explosion, durch die sämtliche Fenster eingedrückt und andere Sachen schwer beschädigt

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Ensemble wirksam heraus, und als Herr Bayer aus Naum­burg bewies Herr Herrscher wieder, daß er als Episoden­spieler stets fesselt und überrascht.

Der Weg zur Hölle" wird wohl mit guten Vorsätzen noch weiterer Teile schwankfreudigen Publikums gepflastert sein. Daß aber auch der Weg des Herrn Kadelburg also ge­pflastert sei, konnte man wohl aus demFamilientag", nicht aber aus demWeg zur Hölle" ersehen. P. W.

Wilhelm Holzamers erster dramatischer Versuch', ein dreiaktiges Schauspiel11 m die Zu ku n f t" wurde Bei der Uraufführung im Leipziger Schauspielhaus nach den ersten zwei Akten freundlich ausgenommen; der Schlußakt verstimmte durch seinen krassen Ausllang. Holzamer, der ehemalige hessische Reallehrer, kämpft hier um die Freiheit der Schule. Gerade der erste Teil des Stückes, der in Leipzig Beifall sand, bringt, nach der uns vorliegenden Buchausgabe, allzu viel, Tendenz, um dichterisch wirken zu können. Erst im zweiten Teile, namentlich in der zweiten Hälfte des zweiten Altes, wächst sich eine weibliche Figur, die Gattin des Bürgermeisters in dem rheinhessi­schen Dorfe, in dem sich das Drama abspielt, zu einer an Jbsensche Frauengestalten, vom Stamme der Hilde Wangel usw., erinnernden seltsam sesselndcn Seele aus, um indes bald wieder zu verblassen. Jedenfalls ist sie die psychisch interessanteste Person des Stückes, im Gegensatz zu dem etwas indifferenten tragischenHelden", dem liberalen Musterlehrcr Krafft. Das Stück ist auch nicht ganz frei von Persönlichem, dürfte aber von den hessischen Bühnen nicht üb er sehen werden, zu­mal Holzamer zweifellos zu den talentvollsten heisismen Poeten unserer Tage zählt. yb- W.

Hermann Sudermanns SchauspielDas Blumcn- boot", das schon vor Jahresfrist bei Cotta in Stuttgart nx Buchform erschien, ist vom Lessing-Theater in Berlin zur Auf­führung gebracht worden. Es wurde nach jedem Akt Beifall gespendet, doch fehlte die rechte Wärme. Auch mischte sich Wider­spruch ein.

Kritik in Ziffern. Die Dramatiker, noch mehr

würden. Die Lehrlinge' wurden an Händen und im Gesicht erheblich verletzt. Der Tischler Koch aus N ie der schön - h'ausen ist an der Schönholzer Heide bei Berlin auf offener Skraße erschossen worden. Der Verdacht der Täterschaft lenkt sich auf den Vauwächter Stritzke, der in angetrunkenem Zustande um die Zeit, als der Schuß fiel, etwa 2 Uhr nachts, gesehen wordtzn und seitdem nicht aufzufinden ist. Der Erschossene ist verheiVatet und Vater von zwei Kindern. Gegen Stritzke ist Hastörsiehl erlassen. Aus Gelsenkirchen ist der bei einem Schweb aehändler angcstellte Simon Pillig verschwunden, nach­dem ev etwa 30 000 Mark einkassiert hat. Man nimmt an, daß er \\ad) Holland geflohen ist.

intfc LMssenschaft.

_ Drahtlose Telegraphie. Nach einem Kadettele- gwmme aus N e w - P 0 r k hat der in New-York eingetroffene LlovddampserBremen", der mit Apparaten für drahtlose Tele- grapYde nach dem System T e l e f u n k e n ausgerüstet ist, die ihm vier Tage nach feinem Auslaufen von der Station Nauen bei Berlin täglich eine Stunde laug uachgesaudten neneflen ZeituugS- telegramme bis a»ki eine Entfernung von 2500 Kilo- meter omviana eu. Ties Resiiltat ist bornm beachtenswert, weil mehr als die'lite des Weges über Land führt. Von jetzt ab sind die deutschen Schiffahrtsgesellschaften in der Lage, ebenso wie bisher von der engll-schen Marconi-Gesellschast von der deutschen Telesnnken-Ges'ü'schast regelmäßig während der ganzen Uebersahrt Zeitungstelegramvie aufznnehmen.

»- ! V ' .LÜH- " "

Gemchtssaal.

R. V. Dckrmst adt, 7. >Okt. Ein höchst trauriger und eigenartiger Torfall kkn in der gestrigen Straf kammer- sitz'ing zur Verhandlung. Die Landwirte Jakob Rechner und Markus Me i s n e r , sowie der S'traßenwart B ö hl e aus Reisen­back) in Baden wollten Ende Jsili d. I. abends aus Keil- b a ch i. O. wieder nach ihrem Wohnort zurückkehren; da wurde c-incr von ihnen, der etwas voraustzsing, von einem alten Hand­werksburschen um ein Almosen angegangen. Die Angeklagten waren darüber in ihrem angetrunkenen Zustand so empört, daß sie den Bettler ins Polizeigewahrsam vom Reisenbach mitzunehmen beschlossen und ihn gewaltsam vor sich herzerrten und schleppten; er soll dabei auch in roher Weise beschimpft und geschlagen worden sein. A^s man mit dem völlig erschöpften Menschen aber trotzdem nicht weiter kam, ließ man ihn im Chaussee­graben liegen, wo er kurze Zeit darnach seinen Geist auf­gab. Der Bürger.ueister von Reisenbach Steigerte sich nun, der Kosten wegen, den Unglücklichen in den Ort schaffen zu lassen, um so mehr, als er auch noch auf hessischem Miete lag. So blieb die Leiche die Nacht über im Graben, wo sie auch am andern Tage noch der Kreisarzt vorfand. Während die An­geklagten sehr rücksichtsvoll gehandelt zu haben behaupteten, kon­statierte der Kreisarzt, doß der tote Körper verschiedene Spuren von Mißhandlungen und starke Verletzungen am Kopf und den Füßen auswies. Der Händwerksburscke sei allerdings schwer leidend gewesen, fyiitc Tuberkulose, Herzentartung usw., doch I\itte er immer noch -weiter leben können. Da es sich nach dem ältlichen Gutachten höchstwahrscheinlich um Körperverletz- uik mit tödlichem Ausgang handelt, erklärte sich die Strafkammer als zur Ä<mrteilung der Sache nicht kompetent und verwes sie an das S ch u r g e r i ch t. Tie sofortige Verhaftung der An^ellagtcn lehnte der. Gerichtshof mangels Fluchtverdachts ab.

FrViburg i. Br., 0. Okt. Heute Begann die Verhandlung gegen den 40jährigen Pfarrer Michael Gaisert von Gün- beiroangen wegen Verleitung zum Meineid. Der'Prozeß beschäftigte Anfang des JahXes das Waldshuter Gericht. Der Angeklagte wurde damals fttigesprochen. Gegen dieses Urteil legte der Staatsanwalt Revision ein. Das Reichsgericht verwarf das Urteil und verwies den Prozeß zu neuer Verhandlung vor das hiesige Gericht. Pfarrer (vaijert erhielt ein Jahr Zucht­haus, wovon ojn. Monat auf. Untersuchungshaft in Mrechnung gebracht wird. Die sofortige Verhaftung wurde nicht verfügt. Die Verhandlung, zu der 14 Zeugen geladen waren, dauerte von morgens 9 Uhr bis nach Mitternacht.

handel iiitfr Veekehr, Volkswirtschaft.

15 °/0 i g e Lohnerhöhung ink Bergbau. Der Beschluß der deutschen Bergarbeiterverbände, tun alle deutschen Bergbaure­viere eine 15% igen Lohnerhöhung zu fordern, hat an der Sams­tagsbörse eine tieigehende Verstimnnrng hnrvorgerusen, zumal dieser Beschluß durch die Anfrage des deutschen Llergarbeiterverbandes an seine englischen Brüderverbände bezüglich einer eventuellen Hilfe im Falle eines deutschen Kohlenarbeiterstrecks einen bedrohlichen Hintergrund erhielt. Die Folge davon war, daß die meisten Kohlen- akticn bis 2% und mehr zurückgingen. Die Gelsenkirchener Aktien verlöre»: über 4%. In den Kreisen der Direktoren der Kohlenberg­werke glaubt man jedoch nicht an einen Streik. Die angeforderte Lohnerhöhung mürbe zum Teil.. bewilligt »oeroen. Dafür aber mürben auch bie Kohlenpreise roüeber erhöht. Ob dies der richtige Slnsivcg ist, möchten wir aber doch noch bezweifeln. Jedenfalls kann durch dieses System die günstige Konjunktur stark h\§ Schwanken gebracht werben, was allerdings bei einem Streik ebenfalls leicht eintrete»» kann.

die Stückfabrikanten ä la Kadelbu r g'- können sich freuen. In einem Th ml er in Rom soll demnächst eine Erfindung erprobt werden, die allen Klagen her Autoren über mangelhafte Kon­statierung ihrer Erfolge durch die BöfV Kritik abhelfen will. Ein Signor Boggiano hat nämlich einen Jlpparat konstruiert, der einen automatischen Registrator des Erfolges oder Mißerfolges eines Theaterstücks darstellt. Man sieht an ihm zwei schmale Ocffnungen: über der einen steht die Aufschrift:Das Stück hat mir gefallen", über der andern:Dasl Stück hat mir nicht gefallen". Wenn mm die Zuschauer nach.her Vorstellung das Theater verlassen, so werden sie gebeten, . eine Metallmarke, die sie Beim Eintritt erhalten haben, in eir\ der beiden Oeff- nungeit zu stecken. Der Apparat registriert da.vn automatisch die Zahl der Stimmen für und gegen das Stück, vrnd _ba3 Resultat wird an der Vorderseite des Theaters sichtbar, so daß jeder­mann es ablesen kann. Der erste Versuch soll \ei der Erstauf­führung von d'Annunzios neuem StückM ehr a us d i e L i e b e" gemacht werden.

-^-Monatshefte für graphisches K ft g e to erb e. Herausgeber: Albert Knab, Redakteur: Carl Matthies, Ber­lin W. 66, Leipzigerstr. 115/116. Vxrlag Carl Flemüung, A-G., Glogau. Preis vierteljährlich 6 Mark. Das als zweites Sonder­heft in verstärktem Umfange erschienene 11. Heft (August 1906) ist dem graphischen Kunstgewerbe auf der Dresdener Kr^stgewerbe- ausstellung 1906 gewidmet. Professor Dr. Robert Bruck gibt eine ausführliche und interessante Mhandlung über die histo.sische Ent> Wicklung der Buchausstattung, er hat auch den Text, über die Ausstellung verfaßt. Der Textteil selbst ist nach Satzr:ntwürfe»r von Albert Knab angeordnet unb in drei Farben gedruckt und dürste zum Besten gehören, was an Zeitschriftenausstattmrg bis­her geleistet »vorden ist. Für die Ausstattung tourbVtit die SchriftenRomana Artistika",Leipziger Fraktur",Bauern­schrist" und besonders dieFlorentiner Ornamente" der Schrift­gießerei A. Numrich u. Co. in Leipzig verlvendet. Das Hesit ent­hält ferner acht farbige Tafeln nach Originalentwürfen betavrnter Künstler, ferner zwölf Extratafeln und eine Kunstbeilage .nach einer Federzeichnung von' Paul Höfer, Dresden. Der Preis bes wundervoll ausgcstcrtteten .und überaus reichhaltigen Heftes be­trägt nur 2.50 Mark.