Erstes Blatt
Montag 8. Oktober 1906
Gietzener Anzeiger
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jährlich Dik. 2,20; durch > Abhole- u. Zweigstellen BW monntlid) 65 Pf.; durch 1 v diePosl Nit.2.— viertel-
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156. Jahrgang
jährl. auSschl. Bestellg. Zlnnahwe von Anzeigen für die TageSntunmer bis vormittags 10 Uhr. ZeilenvreiS: lokal 12 Pf^ auswärts 20 Psg.
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Nr. 336
Erscheint täglich anher Sonntags.
Dem Gießener 21nzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Gießener Zamilien- blätter viermal in der Woche beigelegt.
Rotationsdruck u. Verlag der Brüh l'sehen Univers.-Buch-u. Steindruckerei. 9t Lange. Redaktion, Ervedition und Druckerei:
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Anzeiger «ietze».
Ire heutige Kummer umfaßt 10 Seite«.
schiedenen Aromata seiner Importen erinnern, so erinnern
hat schon der alte Wilh. Jordan grimmen Zornes gegeißelt. Aber die konipakte Majorität der Menschlichkeit hat nun mal ihre Freude daran. Für den nachdenklich veranlagten Zeitgenossen ein Problem, mit dem er sich abzufinden hat wie mit manchem anderen Welträtsel.
uns die durch Kadelburg auf dem Wege zur Hölle des blühenden Blödsinns versammelten altbekannten Leutchen an die ganze Kollektion der seit OlimS Zeiten beliebten Schwankfiguren, und wir bemerken, daß des Herrn Kadclburg litte- lyrische Tätigkeit ungefähr ähnlich zu bewerten ist, wie die künstlerischen Leistungen einer Zigarrenbindenwandtellermacherin — uff! Der alte, tugendwackelige Ehctrottcl, der nach vorehelichem Kontrakte jährlich einmal strauchelnde Schwiegersohn, die beide von der gleichen Kandarre eines Wesens gehalten werden, das ein Mittelding ist zwischen Drache und Feldwebel, der osteuropäische Graf, der an der Krankheit Othellos leidet, re. Neu ist die choreographische Pantomimik, die von den Brettern, die die Halbwelt bedeuten, dem einstigen Lebemann und jetzigen nahezu ganz braven Ehemann und Eintagsausflügler meldet, daß er nach einst im seligen Junggesellenstande getroffenen Abmachungen für den Fall einer Verheiratung einen Tag im Jahre den Weg zur Hölle der ehelichen Untreue zu wandeln hat. Die Beintelegraphie der Exzentric-Tänzerin regelt sich folgendermaßen: rechtes Bein in die Höhe und Wippen über dem Kopf bedeutet »ich liebe dich^, linkes Bein hoch und Wippen über dem Kopf »erwarte mich nach Schluß der Vorstellung.^ Wahrlich genial gedichtet!
, Wohl allen deutschen Zeitungs-Nedakteuren bekannt ist oin gcwiffer Herr Th. v. Th., der alte Witzchen vergilbter Jahrgänge der »Flieg. Blätter" zu sog. humoristischen Novellen auszurecken pflegt. Herr Kadelburg seinerseits imponiert wegen seines gänzlichen Mangels an frommer Scheu vor den
Greszesrer StaLtthsater.
Den Weg zur Hölle.
Schwank in 3 Sitten von Gustao Kadelburg.
In seinem schöicheitstrunkenen, mit Leuchtkugeln eines paradoxen Geistes vnckuos jonglierenden Roman »DaS Bildnis des Dorian Gray"*) sagt der englische Dichter Oskar Wilde, dessen »Idealen GaHen' uns die Direktion für diese Spielzeit versprochen hat/-:
Gute Vorsätze sind nutzlose Versuche, wissenschaftliche Gesetze urnzustoßen. Ihr Ursprung ift lediglich Eitelkeit. Ihr Erfolg ist vollkommen gleich -null Eie verschätzen uns dann und wann einige uiitriid)tbanai Lustempfindungen, die einen Reiz für schwache Menschen besitzen. Sie find nichts anders als Schecks, die man ouf eine Bank am-stellt, bei der man gar kein Conto hat."
""0 an einer anderen Stelle sagt er in demselben
»Die einzige Art, eine Versuchung zu bestehen, ist, sich ihr shen Sie ihr, so erkrankt Ihre Seele vor Sehm
nach bei Enullung, die sie sich selber verweigert hat, vor
6 nsz die ungeheuerlichen Gesetze der Seele ungeheuerlich i*ib ungesetzmaßrg gemacht habeir."
, Hubs^, nicht wahr? Der deutsche Schwankoerfasser — seien wir milde — ist weniger geistbegabt als Mr. Wilde. Er gibt i&r, seine Leutchen wandelten den Weg ziir Holle, der, wie zuerst ein anderer Engländer, Samuel Johnson (1709—84) sagte, mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Im übrigen aber entstammen die Höhepunkte seiner Burleske den Vorratkammern der französischen Ehebriichsdramatik und sind nut unbarmherziger Rücksichtslosigkeit gegen den gesunden Menschenverstand hingeworsen. Wie die Aufschriften der mit
Wilde's Werke in deutscher Sprache. 2. 93b. Wiener I
So bewegt sich beim das ganze Stück in den tiefsten Niederungen des höchsten Blödsinns. Es ergeht sich hin und ivieder ein bischen jenseits von der guten Bürgecsitte, ohne indeß die Moral zu gefährden. Aber es ist festzustellen, daß »Der Weg zur Holle" einen noch weit größeren Lacherfolg bei unserem Sonntagspublikum davon getragen hat als der vorjährige »Familientag", dessen erster Akt doch nahezu lüft* spielmäßig war. Die zahlreichen Zuschauer spendeten an den Aktschlüssen auch tüchtig Beifall; namentlich war man begeistert, als die furiose Schwiegermutter als Tugend- rächerin bei der verführerischen Tänzerin eindringt, um ihren Schwiegersohn auf dem Höllenpfad zu ertappen und auch noch ihren eigenen Gatten dort erwischt.
Dieses Raketenfeuerwerk von alten Witzen gefiel für den Augenblick, nicht zum mindesten, toeif es sehr geschickt abgebrannt wurde und so flott, baß man nicht erst lange zur Besinnung kam. Herr Goll hatte als Regisseur die Gesamtdarstellung ganz in die Sphäre des Grotesken ae- ruckt, das steine Lebensform sein will, das nichts ist als ein keckes öptef übermütiger Phantasie. Er selber gab den zum Ehebruch verdammten Hugo-Emil mit dessen zwischen Pflichtgefühl, Liebe und Begehrlichkeit schwankenden Empfindungen ganz als Farce, brachte aber jede Situation zu nachdrücklichster ko-nifchcr Gestaltung. Er war in der ausgelassensten Laune, sodaß man sich, namentlich am
vielem Fleiße zu einem bunten Wandteller arrangierten und I ehrwürdigsten Schwiegerinütter-Späßen der »Fl. Bl.- Solchen zusammengeklebten Zigarrenblnden den Raucher an die ver- üblen Unwitz der Anödung dec Großmütter unserer Kinder
ein einheitliches geschlossenes Ganze herausgehen zum Wohle des Vaterlandes und zum Wohle der nationalliberalen Partei. (Stürmische Zustimmung.)
An den Kaiser wurde folgendes Telegramm gesandt: „S. M. dem Kaiser, Rominten. Euer Miserl. Majestät senden die in der alten Kaiserpfalz zu ernster Arbeit versammelten Vertreter der nationalliberalen Partei ehrfurchtsvollen Huldigungsgruß."
Bassermann gedenkt dann des verstorbenen Dr. Sattler.
lassen, außer wenn cs sich um eine nationale 'Notlage handelt. Diese war hier nicht vorhanden. Auch ohne die Reichsfinanzreform wäre das Reich nicht bankerott geworden. Es ist schmerzlich, daß unsere Fraktion in dieser Sache die Führung, übernommen hat, nachdem das Zentrum sich zurückgezogen hatte. Wenn in diesem Jahre Reichstagswahlen stattsäuden, so würde uns er e Ver tr e tun g im Reichstage von 50 auf 20 Abgeordnete zusammen- schmelzen. (Beifall und Zischen.) >
Direktor Dr. Hiltmann -- Elberfeld: Unsere Wählermassen sind der Partei augenblicklich innerlich entfremdet. (Ohorufe.) Wenn der alte Parteigenosse ruhig kritisiert, so kritisiert der junge etwas lebhaftem, der süddeutsche anders als der norddeutsche. Wer aber gar nicht kritisiert, der hat die deutsche Michelmütze über den Ohren. Wir vertrauen unseren Abgeordneten, daß sie neben den nationalen auch die liberalen Interessen vertreten auch der schwachen Regierung gegenüber, b.ie wir augenblicklich haben.
Dr. Stresemann -Dresden: Warunt muß die nationalliberale Partei immer die größten Opfer bringen? Wir sind ebenso stark wie die beiden konservativen Parteien, aber unser Einfluß ist viel geringer. Sollte das etwa daher kommen, daß die Konservativen auch manchmal der Regierung Widerstand leisten? (Zurufe: Sehr richtig!) Auch wir sollten manchmal „nein" sagen können und nicht nur immer der Regierung die Kastanien aus dem Feuer holen. Sollten wir ,in der jetzigen Mißstimmung der Wähler eine Reaktion sehen, gegenüber der Begeisterung anderer Parteitage, wo unser Führer Bassermann von bem Heißhunger nach Lib er alismus und von dem „Ruck nach links" sprach. Das Liberale tritt hinter dem Rationalen allzusehr zurück. Was uns fehlt, ist der „Hunger nach Macht". Wir dürfen nicht Resignation üben, wir dürfen auch keine Partei der Professoren und Kommerzienräte fc;in und müssen mit den Wählern üt dauernder Fühlung bleiben. Der Frage der Soldatenmiß- Handlungen ist von der Reichstagsfraktion nicht die ge-> üügenbe Beachtung geschenkt worden. Wir dürfen keinen Pessimismus haben und wir müssen an die Zukunft der Partei glauben,
Bassermann: Wenn das politische Leben nicht reicher erblüht, so i|t das b,ie Schuld der Nationallib. Wählerschaft, die nicht zu. den Versammlungen kommt, sich um das politische Leben zu wenig kümmert. Die Behauptung, daß b.ie Reichstagsfraktion ben Soldaten- mißhanblungen nicht die genügenbe Beachtung geschenkt habe, zeugt von großer Oberflächlichkeit. (Zustimmung unb Widerspruch.) Wir haben getan, was wir tun konnten. Sehen wir auf die großen Dinge und perlieren wir uns nicht in kleinen Sachen. Es sieht ja beinahe so aus, als wenn Fahrkartensteuer und Ortsporto der Angelpunkt unserer ganzen inneren Politik wären. (Beifall.) Zwei große Fragen haben uns in den letzten Jahren beschäftigt: Der Zolltarif und die Rcichs fin anzrefor m. Wäre die Reichsfinanzreform nicht zustande gekommen, so wäre bas Flottengesetz abgelehnt worden. Es gibt Leute, welche für Polizeigesetze schwärmen. Ich gehöre nicht dazu. Es ist aber auch anzuerkennen, daß Fürst Bülow trotz aller Schwächen und daß auch die Regierung sich gegen das Polizeigesetz gewendet hat. Unsere Partei hat an allen großen Werken mitgearbeitet. Und da kommt man uns mit solchen Kleinigkeiten wie der Fahrkartensteuer und dem Ortsporto und macht uns große Vorwürfe unb sagt uns: Was sind das doch für reaktionäre Kerle, parla- mentarische Kretins. Wir haben auch bet ber Reichssinanz-
YarionaMeraler Iarteitag.
L
(Unberechtigter Rachdn/ck verboten.)
S. ut H . Goslar, 6. Oft.
Unter Beteiligung von übev 600 Delegierten aus allen Teilen des Reiches trat heutd im Kaisersaal zu Goslar der nationalliberale Parteitag zusammen, dessen Verhandlungen man mit großem Jrlteresse entgegensieht, da wichtige Fragen wie die Mitt^lstandspolitik, die Reichssinanz- reform und die Stellungnahme ber nationalliberalen Reichsund Landtagsfraktion zü ben Verkehrssteuern unb bem Schulgesetz zu eingehender Erörterung gelangen sollen. Auch kommt hinzu, daß dec kürzlich in Hannover abgehaltene Vertretertag! hes ReichsverbandeS der nationalliberalen Jugendvere^ne durch seine Beratungen und Beschlüsse die Situation wesentlich verschärft hat.
Unter den Teilnehmern ber heutigen ersten Hauptversammlung des Parteitages bemerkte man fast sämtliche Abgeordnete der nationalliberalen Reichstagsfraktion, von bekannteren PersönlichkeV.en den Vorsitzenden der Reichstagsfraktion Bassermann', den Vizepräsidenten des Reichstages Dr. Paasche, be/i Oberlandesgerichtspräsidenten a. D. Wirkt. Geh.-Rat Hamm-Bonn, die Abgg. Bartling, Dr. Böttger, Hieber, .Graf Oriola, Vizepräsident des Abgeordnetenhauses Dr. Krause. Auch ber Vertreter des Gießener Wahlkreises, Komluerzievirat Heyligen- st a e b t, ist anwesend. Ebenso Rxchtsa^walt K a u s m a nia aus Gießen.
Zu Vorsitzenden des Parteitages wurden gewählt Bassermann, Dr. Friedberg und/Avg. Geiger-Erla'/gen.
Dem Parteitag liegt bereits zu,-'Beginn eine Reihv von Anträgen und Resolutionen vor. /
Der nationalliberale WahlveMn in Kassel bittet, den nächstjährigen Parteitag in Kassel abzuhalten.
(Än Antrag besagt:
Für die kommenden R e i ch a g s w a hlen ift in alten Wahlkreisen, in welchen die nakionaltiberate P/rtei Organisationen -besitzt, unverzüg 1 ich mit aller Entschlossen- h e i t m i t der W a h 1 a r b e i t z u b e g i n n e n. Der Vertrcter- tag spricht die Erwartung aus, 'daß in WaMLeisen, in welchen jiationaHiberate Jugendvereine bestehen, diese in sachgemäßer Weise zur Wahlarbeit herangezogen werden und sich in dieser betätigen.
Der nationaliibcrnte Wahlvereüi in Königsberg spricht in einer Resolution aus:
Er glaube der Stimmung der nationalliberalen Parteifreunde int Osten hm sichtlich des v/n verschiedenen Seiten bemängelten Verhaltens der Ratio nallib era 1 en des preußischen Landtags und der s/? i chs tag s f r alt io u bei den letzten großen Gesetzesvorlagen L/Hin Ausdruck geben zu sotten: „Der nationattwerale Wahlve/cin in Königsberg denkt berechtigt zu sein, der preußischen Landtagsfraktion den Dank der National- liberalen des Ostens auszusprechen für ihr ftaatsmännisches' Verhalten in Sachen de/- Volisschulunterhaltungsgesetzes. Er ist überzeugt, daß das Gssetz die an das Zustandekommen geknüpften Befürchtungen zu Schanden maahen wird und in Zukunft der preußischen Vottsschule für neue grundlegende Gesetze die Tore öffnet. Hinsichtlich der NeichssiTanzreform erkennt dec Verein an, daß bas Reich zu allererst endlich einmal Ge'h erhalten mutz zur Erfüllung seiner wachsenden militärischen, Flotten-, Kotoncal- und sozialpotitischen LLisgaben. Dec Verein ist indessen gleichzecktg per Meirrung, daß eis in Zukunft der Fraktion mög- ttch fern muß, höhere liberale Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen, als das I-ei dem jetzt verabschiedeten Steuerbukett möglich gewesen ist.
Reichstagsabg. Basse/rmann oegrüßt die Delegierten : Wie das alte Reich verging, so verging auch die Blüte Goslars. Das^ ist ^ne Mahnung an uns, die wir im täglichen Leben stehew. Diese Zeichen ber Vergangenheit mahnen uns au ba£ Wort: Stillstand ist Rückschritt. Ste mahnen uns aber auich zur E i n i g f e i t. Es ist richtig,
Den ersten Vortrag hielt dann ber Reichs- und Landtagsabg. Dr. H i e b e r - Stuttgart über „Politische Rückblicke unb Ausblick e". Der Redner führte aus: Wenn wir die politische Lage Deutschlands betrachten und uns der auswärtigen Politik zuwendcn, so werden wir zugeben müssen, daß etwas wie eine Isolierung Deutschlands offenbar vorliegt. So ist im Deutschen Reiche die Notwendigkeit einer Stärkung unserer Flotte immer Ilarer zum Bewußtsein gekommen. Von der Kolonialpolitik war im letzten Iahte viel die Rede. Gewiß sind viele Fehler begangen worden. Man tut aber immer besser, die schmutzige Wäsche innerhalb der Familie zu waschen und im Reichstage wird sich ja Gelegenheit finden, Abhilfe herbei zu führen und dafür zu sorgen, daß der alte Ruhm unserer Beamten wieder hergestellt wird. (Lcbh. Beifall.) Ueberall erkennt man, daß das Reich das unveräußerliche Gemeingut aller Deutschen geworden ist. (Lebh. Beifall.) Es ist immer geklagt worden über die Schwüche des Liberalismus. Wir sehen, daß Deutschland in Wissenschaft, Handel, Industrie und Kunst einen der ersten Plätze in der Welt .entnimmt; warum sollen wir dann unser Reich immer mit verärgerten Augen ansehen! Wir wollen nicht prophezeien, aber wenn die neuen Handelsverträge unserer Landwirtschaftneue Kräftigung und Förderung bringen, warum sott das bedauert werden? Sollten wir uns nicht freuen, wenn durch die Bebauung des deutschen Bodens, die
Arbeit des deutsche» Bauer»
wieder lohnend wird? Wenn der deutsche Bauer von der Scholle getrieben wird, _ dann liegt eine ungeheuere Gefahr darin für das ganze deutsche Vaterland. (Lebh. Beifalls Zch wende mich nun zur Reich sfinanzrefor m. Einige Steuern sind besonders, u n po p u la r, vor allem die Fahrkartensteuer. Aber die Kunst, zweihundert Millionen Mark, die aufgebracht werden mußten, durch poMläre Steuern zu decken, hat noch teilt Steuer- Politiker, auch nicht der findigste, entdeckt. (Beifall.) Der Redner bcHagt die Haltung der I u n g 1 i b e r a l e n und wirft ihnen Disziplinlosigkeit vor. Das allgemeine Wahlrecht zum Reichstage, bas sott hier ausbrücklich feftgeftellt werden, kann nicht mehr geändert werden. (Beifall.) So weit es auf uns ankommt, werden wir stets die Freiheit des Gedankens in Schutz nehmen, wie wir es bisher getan haben.
Reichstagsabg. Dr. Paasche sprach hieraus über die
Rcichsfiuauz-Reform.
Er führte einleitend ans, daß das Thema viel Angriffe unb Hader unb auch Mißtrauen in ber Partei selbst gezeitigt habe. Diese Reform war eine Sache, die mit dem Worte „Unangenehm" nicht zu charakterisieren ist. (Zustimmung.) Die Situation roar verzweifelnd unangenehm. Das entscheidende Wort hatte das Zentrum zu sprechen. Es. stützte sich auf den § 6 des Flottengesetzes unb erklärte, die Steuern, welche die großen Massen belasten, sind von vornherein ausgeschlossen. Von der Re i ch s e i n ko mm en ft e u c r kann auch nicht aller Segen kommen. Wir brauchen 1100 Millionen Mark indirekte Steuern für das Reich und die Reichseinkommensteuer würde noch keine 900 Millionen bringen. Wir haben die Wähler aufgefordert, uns den Weg zu zeigen, wie wir anders hätten gehen können, aber wir hätten große Preise und Preismedaillen aussetzen können und hätten doch keine Preisarbeit bekommen. (Beisatt und Widerspruch.) Am schlimmsten ist die Verteuerung des Ortsportos. Aber die vernichtende KritiL unserer Stellung zur Reichsfinanzreform ist nicht angebracht. Unser Staat ist heute nicht mehr der Racker von Staat, den zu bekämpfen nach der Manchester-Doktrin jedes, liberalen Mannes Pflicht ist. Es ist eine Ehrenpflicht für uns, daß wir uns auf den Grundsatz stellen: Wir müssen dem Reiche, geben, was des Reiches ist. (Lebh. Beif.-
Rach einer Pause wirb in die Debatte eingetrefen. Oberamtsrichter Koch- Mannheim: Ich habe als Süd
daß Un stimm ig keiten unteruns bestehen. Diese sollen deutscher die Pflicht, dem Mißbehagen Ai'.sdruck zu aber hier beseitigt werben (Beifall), ber Geist der Ver- geben, bas die Haltung ber Reichstagssraltion erregt hat, söhnlichkeit soll über unseren Beratungen wällen. (Er- nicht nur bei ben Jungliberalen, sondern auch in neuter Beifall.) Dann werden wir aus diesem Saale als weiten Kreisend er alten Parteigenossen. Eine ~ - liberale Fraktion darf sich auf Verkehrssteuern nicht ein-


