Ausgabe 
6.12.1906 Zweites Blatt
 
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setzte, ist in der Person eines italienischen Arbeiters ermittelt und zur Haft gebracht worden. Geisteskrank scheint er nicht zu sein, jedoch befand er sich zur Zeit der Tat in großer Erregung. Er hatte sich die ganze Nacht am Bahnhofe herumgetrieben und ist der deutschen Sprache nicht mächtig.

- Vorsicht. In letzter Zeit sind wieder häufig Wäschestücke, die in Gärten oder Hofraithen zum Trock­nen aufgehängt waren und die Nacht über hängen blieben, g e st o h l e n morden.

** Besitzwechsel. Verkauft wurde das Frau Otto Balzer Wtw. gehörige, 2962 Quadratmeter große An- wesen, Südanlage 7, für die Summe von 105 000 Mk. an Kaufmann Peter Kronenberg. Herr Kronenberg beabsichtigt, das Anwesen zu einem großen modernen Geschäftshaus um­zubauen. Kommerzienrat Schaffstädt verkaufte sein Haus, Bahnhofstr. 24, an Buchbindermeister und Papierwaren­händler Max Müller für 67 000 Mk.

** Erledigt ist die mit einem evang. Lehrer zu be­setzende Lehrerstelle an der Gemeindcschule zu Meiches Mit der Stelle ist Organistcndienst verbunden. Ihrem In­haber kann eine Ortszulage bewilligt werden.

** Ueber die Wahrnehmung der Annencr Explosionen in Oberhesien gehen uns täglich neue Zu- schriften zu, so neuerdings aus VermutShain, wo beide Detonationen gehört wurden, Köddingen, Rupperten-. rod 2C. 2C. Aus dem letzteren Orte wird uns gemeldet, daß ein Knall in zwei Häusern bemerkt wurde, d'ie in dem hoch­gelegenen Teile deS OrteS, am Haimberg, sich befinden. In dem einen Hause war die Erschütterung so heftig, daß die Fensterscheiben, ähnlich wie bei heftigem Gewitterdonner, klirrten. Noch erinnert man sich dort eines ähnlichen Vor­kommnisses. Als im Jahre 1866 das Gefecht bei Lau fach stattfand, hörte man dort sehr vernehmlich den weit entfernten Kanonendonner.

:/: Steinbach (Kr. Gießen), 5. Dez. Der hiesigen Vereinigung für Volksbildung, über deren erste Winterveranstaltunq wir kürzlich berichteten, gehören auch die beiden Gesangvereine und der Kriegerverein an.

X Orten berg, 5. Dez. Im neuen Sltzungssaale des Sparkassengebäudes fand heute die Mitglieder-Ver­sammlung des Sparkassebezirks Ortenberg statt. Eine stattliche Anzahl von Mitgliedern war erschienen. Als Vertreter der Regierung war Kreisrat Boeckmaun-Büdingcn anwesend. Der Präsident, Landtagsabgeordneter Forstmeister Dr. Weber-KonradSdorf, sowie der Direktor, Kaufmann Lentz sen., konnten der Versammlung von dem ungemein günstigen Resultat deS Rechnungsjahres Kenntms geben, das einen Reingewinn von 12 665 Mk. bei einem Reservefond von 138 336 Mk. zu verzeichnen hat. Namhaite Unter­stützungen für Landwirtschaft, Krankenvflege, Schulen, Kurse für Obstbaumwärter sind, wie im Vorjahre, auch für die Zukunft vorgesehen. Der Zinsfuß für Einlagen ist für 1907 von 31/2 auf 32/^ Prozent erhöht. Im Gasthauszur Post" fand ein gemeinsames Mittagessen statt. Kreisrat Bocckmann brachte einen sehr beifällig aufgenommenen Toast auf das Großherzogliche Haus auS.

-m Friedberg, 5. Dez. Als heute vormittag zwischen 10 und 11 Uhr die Frau eines in Frankfurt a. M. stationierten Bahnbeamten, von hier nach ihrem Heunatsort Ober-Wöllstadt ging, wurde sie in der Nähe der Galgen­brücke von einem, ihr begegnenden Stromer überfallen, gewürgt und vergewaltigt. Auf die Hilferufe der Frau, eilten zwei Knechte der Brauerei Steinhäußer von hier, die etwa 800 Meter von der Stelle entfernt beschäftigt waren, herbei. Der Verbrecher wäre jedoch im letzten Augen­blick noch entwischt, wenn er nicht dem hinznkommenden Metzgermeister Reichenberg von hier, der die Stelle mit seinem Wagen pasiierte, hätte ausweichen wollen, und so den beiden handfesten Knechten Peter Haas und Franz Mörler in die Arme gelaufen wäre. Als man den Attentäter zu der Frau zurückführte, leugnete er standhaft. Nachdem er durch seine beiden Transporteure dem hiesigen Amtsgericht vorgeführt worden war, verweigerte er jede Auskunft, sowohl bezüglich der Tat, als auch seiner Personalien. Man hofft aber bald zu wissen, mit wem man es zu tun hat. Auf dem Weg nach Friedberg ging es nicht ohne Prügel ab. Die Frau, die erst vor vier Wochen geboren hat, ist schwer verletzt, und infolge der Aufregung ernstlich erkrankt. Sie mußte mittelst Wagen nach Hause gebracht werden.

-I- Assen heim, 5. Dez. Zwei Stromer, die in Berstadt, in dem Hause wo sie logierten, einen Einbruch verübt hatten, versuchten hier, die bei dem Einbruch gestohlenen Maaren, u. a. Zigarren, an den Mann zu bringen. Hierbei wurden sie abgefaßt, und dem Amtsgericht zu Friedberg eingeliefert.

Ld. Darmstadt, 5. Dez. Ein frecher Raub wurde am Sonntag abend auf einen hier zugereisten Handwerks­burschen verübt, der auf der Herberge zur Heimat einen Gesellen nach einem Geschäft fragte, wo er "eine billige Hose kaufen könne. Alsbald bot sich ihm ein Bursche zur Begleitung an, da er sehr gut Bescheid wisse. Man begab sich in ein benachbartes Geschäft, wurde aber dort nicht handelseinig, denn in dem Begleiter muß in der Zwischen- jeit ein anderer Gedanke aufgetaucht fein. Er teilte seinem neuen Freund mit, daß er einen Trödler wisse, wo man derartige Sachen gut und billig kaufen könne. Er führte den Fremdling durch die Altstadt durch, an dem abseits gelegenen Ostbahnhof vorbei, wo noch einige Häuser, auch die kürzlich abgebrannte Meierei, stehen. Auf eines der Hauser, wo noch Licht brannte (es war abends zwischen ?- Utc> 0. fu^rte der Freund den Fremden zu, ehe sie aber das Haus erreichten, packte der Freund den Frem­den an Hals und Kehlkopf und würgte ihn derart, daß dieser ohnmächtig zusammensank und liegen blieb. Als er nach einiger Zeit wieder zu sich kam, spürte er heftige Halsschmerzen und merkte dann, daß seine Barschaft in Hohe von zirka 10 Mk. und das, was er sonst in der Tasche hatte verschwunden war. Er schlich sich dann mühsam nach der Stadt und machte Anzeige. Den Bemühungen des Kriminalschutzmanns Schilling ist es gelungen, festzustellen, daß der Begleiter des Ueberfaltenen von der Herberge aus der von hier stammende Friedrich Wilhelm Ewald, ein arbeitsscheu sich hier herumtreibender Bursche war, den Sch. denn auch bald festnehmen konnte. Ter Täter ist geständig.

Wetzlar, 5. Dez. Bei den gestrigen Handels- kamm erwählen wurden Generaldirektor Kaiser, Fabrikant

Ernst Leitz jr., Fabrikant A. Neumann, Kaufmann August Waldschmidt und Kaufmann August Löhr gewählt. Sein 9 0. Lebensjahr vollendet am Samstag der Senior der hiesigen israelitischen Gemeinde, Salomon Stern. Der alte Herr ist n. d. »Wetzl. Anz." körperlich wie geistig noch erstaunlich rüstig.__________ _______________________

Die Weiche im Koffer.

(Unberechtigter Nachdruck verboten.)

S. u. H. Kassel, 5. Dezember.

Unter gewaltigem Andrange des Publikums begann heute früh vcr dnn Schwurgericht die Verhandlung gegen den Möbel­händler Wilh. Mever, der beschuldigt ist, im Juli 1905 die Farmerswitwe Marie Vogel, geb. Lang, aus New Orleans in Nordamerika in Bad Wildungen ermordet und beraubt zu haben. Die Leiche der Ermordeten wurde dreiviertel Jahre später in einem Koffer auf dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main aufgefunden. Es gelang, den Angeklagten, der sich damals gerade mit seiner Geliebten nach Newyork eingeschifst hatte,, im Moment seiner Landung festzunehmen, worauf er an d-e zuständige Staatsanwaltschaft in Kassel ausgeliefert wurde. Da der Angeklagte Meyer behauptet, amerikanischer Bürger zu sein, so ist zu der Verhandlung der hiesige amerikanische Kvnsul erschienen.

Nach Verlesung W Eröfsit'mo^bescbs'.isscs beginnt die Vernehmung des Angeklagten.

Meyer ist am 16. Ottooer 1875 als >sohn eines Lokomotiv­führers zu Bestwig geboren.

Der Angeklagte erzählt, wie er im deutschen Seemanns- Heim in Antwerpen eine Stellung als Kohlenzieher ans dem DampferFinnland" derArgo"-Linie angenommen habe und nach Amerika gefahren sei. Spüler sei er baint bei einem Möbel­fabrikanten in New Orleans untcrgekommen, und hier sei öfter eine Dame erschienen, die den rheinischen Dialekt gesprochen und sich anscheinend sehr für ihn interessiert habe. Die Dame hätte iljnt öfter Theatcrbillefts, Wäsche usw. geschenkt und ihn schließlich eingcladen, zu ihr zu ziehen. Troy, des fteundschaft- lichen Verkehrs sei das.Verhältnis nur nletonisch gewesen. Wieder­holt sei er in sie gedrungen, wie sie heiße und weshalb sie ihm so viel Intercsie entgegenbringe, aber erst nach.Monaten habe sie ihm erzählt, sie sei ja seine Tante, sie habe ihn aber erst prüfen wollen, weß Geistes Kind er sek. Sie h'.üe ihm dann auch allerlei Einzelheiten aus der Heimat erzählt, aus denen er entnommen habe, baß sie tatsächlich die Gattin eines nach Amerika gegangenen. Onkels gewesen war. Der Onkel war ur­sprünglich in den Sodstagten Farmer und dann als woht- hadender Mann nach New Orleans gegangen, wo er kurz vor Meyers Ankunft verstorben sein soll.

Auf weiteres Besregen cr-ählte der Angeklagte, wie Fran Vogel ihn gedrängt habe, mit ihr nach Deutschland zu gehen, da sie dort ihren Lebensabend beschließen wollte. Anfang 1995 seien sie , dann über Newyork N"ch Hamburg und von hier nach Berlin gereist. In Newnork h'be seine Tante ihr ganzes Vermögen auf die Dresdener Bank cingczahlt und cs in Berlin in der Filiale Unter den Linden abgehoben. Dabei habe sie ihm gesagt, weil er so gut zu ihr gewesen sei, solle er ihr Alleinerbe werden.

Darauf habe er ihr den Plan entwickelt, in Deutschland ein Tapeziergcschäst aufzumachcn, zu dem sie ihm daS erforderliche Geld verschaffen sollte. Sic habe sich dazu auch bereit erklärt und schließlich sei die definitive Ueoersiedehung nach Bad Wil­dungen erfolgt.

Nach einiger Zeit habe er Fräulein Sophie Christiani, die Tochter eines Tischlern.ieisters und einer Hebamme in Wildungen kennen und lieben gelernt. Frau Vogel widersetzte sich unserer Verbindung, sie sagte, eine Hebamme sei auch immer eine Wahrsagerin und würde meine Ehre vcrhcren. Auch sei die Christiani eine Heuchlerin, die nur mein Geschäft reize. In Wirklichkeit war die alte Frau eifersüchtig auf das Mädchen und sie stellte alles Mögliche an, um mich an sich zu fesseln. Ihr Verhalten wurde schließlich ganz unerträglich, sodaß ich die Abende im Wirtshaus verbrachte und mich betrank. Später sei sie aber plötzlich mit einem regelrechten Heiratsantrag her- vorgetrcten unb habe gesagt, in diesem Falle sei sie zu einem Testament bereit, laut welchem er 60 000 Dollars haben sollte. Er habe lange hin- und hcrgeschwankt, dann aber Ende Juni 1905 erklärt, daß er an Fräulein Christiani festhalten und diese heiraten werde. Darüber sei Frau Vogel ganz außer sich gewesen, habe geheult und getobt, sodaß er kurz entschlossen sich auf die Bahn gesetzt und 31t seinem Vater gefahren sei. Als er wicdergekonlmen sei, habe er Frau Vogel erhängt in ihrem Schlafzimmer aufgefunden. Bei seiner Rückkehr sei ihm nicht geöffnet worden, die Hausbewohner hätten ihm erzählt, die alte Frau sei schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen worden. Nachdem er die Tür erbrochen hatte, habe er zunächst Abendbrot gegessen, weil er nicht Lust gehabt habe, mit der Frau ein Gespräch anzuknüpfen. Als er dann ins Schlafzimmer gekommen sei, habe er gefragt: Schläfst Du noch? die an­scheinend im Bett liegende Bogel habe ihm aber keine Antwort gegeben und nun habe er bei näherem Zusehen zu seinem Schrecken bemerkt, daß sie vor dem Bett lag und der .Kopf in einer am Bettpfosten befestigten Schlinge hing. Er habe sofort Wieder­belebungsversuche gemacht, sie sei aber ganz kalt und starr ge­wesen. Mit . dem niederdrückenden Gedanken, daß die alte Frau um seiner Liebe zu der Christiani willen in den Tod gegangen sei, habe er d^s Zimmer verlassen, weil ihm der Anblick der Toten zu gräßlich gewesen sei. Die Leiche sei inzwischen all­mählichem Verwesung übergegangen, und nun habe er sie in den Koffer hineingezwängt und diesen verschlossen.

Bis Februar 1906 behielt er sie in der Wohnung, dann schaffte er sie in sein Geschästslokal, von wo aus er sie am 25. April d. I. nach Frankfurt a. M. aufgab. Wie er angibt, sei sein Geschäft immer mehr zurückgegangen, weil der Stadtklatsch ihn nicht habe aufkommen lassen. Er Hube dicht vor dem Kon­kurs gestanden, als er Ende April den Entschluß gefaßt habe, mit der Christiani nach Amerika zurückzügehen, um dort ein neues Geschäft aufzumachen. Das Mädchen sei auch damit ein­verstanden gewesen und nun sei er über Frankfurt 0. M. und Hamburg auf dem DampferBlücher" nach Newyork ab­gereist, wo man ihn sofort verhaftet habe.

Ter Vorsitzende hielt dem Angeklagten vor, daß er bei Auf­findung der Leiche, als er einen Selbstmord vernmtete, Polizei hätte herbeiholen müssen. Ferner sei es auffällig, daß er über die Lage der Seiche vor dem Bundesmarschall in Newyork und vor der Kriminalpolizei in Hamburg Angaben gemacht habe, die von seinen heutigen ganz erheblich abwichen. Der Angeklagte erzählt, als Arttwort darauf eine lange Geschichte von feilten Erlebnissen in Hoboken. Bors.: Was glauben Sie nun, wo das Geld und die Papiere der Frau geblieben sind? Angell.: Sie hat im Ofen ein Feuer gemacht und alles verbrannt, damit ich nichts davon haben sollte. Bors.: Sie meinen also, daß sich die Frau aus Rache umgebracht habe? Angckl.: Ja. Bors.: Weshalb haben Sie den Koffer nach Frankfurt, geschickt? Angell.: Weil.. ich fürchtete, daß bei der Konkurseröffnung über mein Geschäft der Koffer geöffnet werden könnte, also ehe ich in Amerika war. Bors.: Nehmen Sie an, daß Frau Vogel zur Zeit ihres Todes Geld bei sich hatte? Angekl.: Gewiß, denn kurz vorher batte sie mir noch gesagt: Ich verzinse jetzt 60 000 Doll. (240 000 Mk) Vors.: Sie wollen aber nichts gefunden haben? Angekl.: Nein, ich habe alles durchsucht. Bors.: Sie haben sogar den Fußboden aufgerissen. Angell.: Ja. Vors.: Hat Frau Vogel nicht auch Schmuckfachen gehabt? Angell.: Ja. Auch die waren verschwunden. Ich nehme an, daß sie diese ms Klosett geworfen hat. Vors.: Haben Sie lange gesucht? Angerb,: 2 -vage und 2 Nächte lang. Der Angellagte muß dann den K'ofser ö'iinen, wobei diesem ein peuetrmtter Geruch entströmt. Man erblickt emen großen Haufen altmodischer Kleider, Wäsche- stucke und sonstige Frauensachen, mit denen der Koffer bis an den 9^111) gefüllt ist. Meyer bleibt, während den Geschworenen der Kofi er gezeigt wird, äußerlich vollkommen ruhig.

R.-A. Ho hui beantragte die Verlesung des Ausliefcrungs- bcicknusws, um icstzustellen, wegen welcher Reate die Auslieferung

bewilligt worden sei. Der Vorsitzende teilt mit, daß der Antrag der Kasseler Staatsanwaltschaft auf Raubmord gestellt war und daß die Auslieferung demgemäß vom Bundesgericht bewilligt wurde. Es begann dann

die Zeugenvernehmung.

Spediteur Mensinger-Frantfurt a. M. schildert, wie Meyer am 2p. April d. I. zu ihm gekommen sei und ihm gesagt habe, es lagere für ihn ein Koffer auf dem Hauptbahnhof, deck Zeuge solle ihn abholen und aufbewahren, bis er von einer Jtalienreise zurückkomme. Meyer habe seinen Namen nicht ge­nannt. Als nach 14 Tagen dem Koffer ein ekelhafter Geruch entströmte, erfolgte die Ocffnung. Kriminalkommissar Bußjäger- Frankfnrt am Main wohnte dieser bei.

Gerichtsärzt Dr. Po pv-Frankfurt n. M. hat die Leiche seziert. Irgendwelche Anhaltspunkte für eine Vergiftung der Frau ergaben sich nicht.

Nach weiterer Zengenvernehmuug, die sich hauptsächlich um daS Vorleben der Vogel drehte, wird nach 8 Uhr abends die Verhandlung auf Donnerstag vertagt.

Wegen Totschlags deS eigenen Vaters frcigesprochen.

Limburg, 5. Dez.

Am Montag verhandelte das Schwurgericht gegen den Maurer Friedr. Mamvoteng aus Münchholzhausen und dessen Vetler, den Ackerer Ludw. Weller ans Münchholzhausen wegen Körperverletzung mit t ö 1 l i ch e m E r i 0 l g. Friedr. 9)L, Vater des ersten Angeklagten, lebte mit seiner Familie seit Jahren in Zank und Streit; er arbeitete wenig und verwandle das ver­diente (9elb nicht für seine Fanniie, sondern setzte es in den Wirt­schaft eil ftir sich um. Aus diesen kam er oft abends betmnfen nach Hanse und bescbiinpfte und mißhandelte dann seine Frau. Als am 8 Oktober die Frau Mamvoteng von der Arbeit nach Hause kam, schimv'te ihr Ehemann, wari sie zur Türe hinaus und schlug auf dem Hole mit einer Dunggabel und einem Hackenftiel aui sie los. Tie Frau flüchtete daraus vom Hoß wobei ihr Alaun ihr noch Holzstücke nachwarf, in die Wirtschast der Witwe Welker. 2luf dem Ho'e der Wirtschaft kam Mainpoleng seiner Fran nach mit einem Beile in der Hand, und drohte seine Frau totzuschlagen, ruenn sie nicht nach Hause komme. Frau 9)L verließ die Wirtschaft jedoch nicht. Gegen 7 Uhr abends kam die Tochter Maria M. nach Hause. Diese wurde auch von ihrem Vater beschimpft und zuur Hause lniiausgewiesen, worauf sie sich zu ihrer Alutter in das Wellerscbe Ha>is begab. Ter mitileriveile nach Hanse gekomnrene Sohn, der ^lngeschiildigte Jr. M., traf seinen Vater int Wohn­zimmer sitzend an. 9htf seine Frage, wo die, Mutter sei, erhielt er ferne Aul wort. Nichts gutes abnend, ging der Sohn zu Wellers, luo er seine Mutter und die ältere Schwester traf. Um zu Abeud zu eßen und die jüngere Schwester Louise M. zu holen, begaben sich alle drei in die elterliche Wohnuiig. Nach uuliebsainen Aus- eiliaiidersetztmgeit ging der Sohn aus dein Wohiizinnner hinatis noch dem Ho'e. Mit einem Kartoffelslamvier und einem Bell bc- wasfner, eilte der Bgter hinter dem Sohne her. Maria 9)1. war vor dem Vater gefluchter und wieder in das Wellersche Haus gelaufen. Atainpoieng Vater nnd Sohn befanden sich nun allem auf bent Ho?e. Mamvoteng Sohn behatiptet, daß er, als er ans der Flucht vor dem Vater in der Aiitte des Hofes angekommen sei, sei der Vater plötzlich gegen ihn herangesprnngen und habe ihn zuerst mit dein Beil und daun mit dem Kartofielsrampser zu er­schlagen gedroht; mit dem Kartoffelsiößer habe ihn der Vater auf den Arm geschlagen. Daraili sei er beiseite gespningen, habe ein Scheck Holz ergriffen nnd damit aus seinen Vater losgeschlagen, um sich vor weiteren Angriffen zu schützen. Aiiktleriveile sei sein Vetter Weller ihm, mit einem Scheit Holz bewaffnet, zu Hilfe ge­kommen. W. habe anch ans den Vater losgeschlageii. Der 93euer habe sich mit dem Beil und der Kenle geivehrt. Die Schlägerei habe sich bis nach der Brücke hingezogen. Hier sei Weller sort- gelausen. Als ani^der Brücke der Vater nochmals mit dem Kar- roffelstampfer zmn Schlage gegen seinen Sohn ansgeholt, habe dieser dem Vater einen Stoß gegeben, sodaß der Vater von der Brücke herab in den Bach gefallen sei. Hier ließ ihn der Sohn liegen.

Weller behauptet, er sei, als er die Schlägerei zwischen Mampoteng Vater und Sohn gehört habe, hinzugelaufen, um den Sohn zu schützen. Er habe von M. Vater einen Schlag über den linken Arm erhalten. Darauf habe er ein Scheitholz ergriffen und damit M. einen Schlag verseh Alsdann habe er daS Holz M. gegen die Brust gehalten, damit dieser nicht mehr nach feinem Sohne schlagen konnte; auf der Drücke habe bann der Sohn seinen Vater in den Bach gestoßen. AlSbald nach dem Vorfall wurde der Vater tot im Bache siegend aufgefunden. Nach dem ärztlichen Gutachten ist der Tod deZ M. nicht durch Erstickung, sondern durch einen Bruch des Schädels heröei- geführt worden. Dieser Bimch sei durch einen Schlag mit einem nicht spitzen, sondern stumpfen Werkzeug verursacht. Der Er­schlagene wird als ein gefürchteter, roher, zu jeder Tat fähiger Mensch geschildert. Die Angellagten stellen heute den Sach­verhalt wesentlich anders dar, als sie in der Voruntersuchung angilben. Sie hatten sich nur in Notwehr befunden und als Waffe nur dünne Stöcke gebraucht. Die Geschworenen ver­neinten nach dem Wetzl. Lütz, alle Schuldfragen und es er­folgte demgemäß die Freisprechung der Angellagten unb deren Haftentlassung.

lümft unö Wissenschaft.

Berlin, 5. Dez. Heute Abend hielt die Salome auch in unserem königl. Opern hause ihreu Einzug, geführt von Nich. Strauß, ihrem Schöpfer, der mit den Darstellern und Dar­stellerinnen am Schluß wiederholt stürmisch hervovgerufen wurde. Staunt man zuerst über die technische Meisterschaft, mit der Strauß die Motive verknüpft, so stannt matt später, wie sie immer an richtiger Stelle wiederkehren. Strauß glänzt als unvergleichlicher T 0 n - C 0 l 0 r i st. Cs wäre grundfalsch, in dem Schöpfer der Salome nur den Meister der Farbenmischung zu sehen, nein, er ist auch ein an Erfindungen reicher Geist. Die Aufführung war glänzend. Die szenische Leitung ging mit der musikalischen in mustergiltiger Weise zusammen.

München, 5. Dez. Falsche Lenbach-Dilder, fowohl Zeichnungen als Gemälde in Oel und Pastell, sind mit dem ge­fälschten Signumfr. Lenbach" von München aus in den Handel gekommen. Die Staatsanwaltfchaft hat sich dieser Sache ange­nommen.

Pa r t§ 5. De). Emil Zolas Witwe, die großherzig die unehelichen Kinder ihres Gatten nach seinem Tode an Kinde st alt zu si ch genommen und zu ihren Erben gemacht hat, setzte ihrem Liebeswerk die Krone auf, indem sie als ihre Vormünderin um die Erlaubnis eingekommen ist. ihren Mutttev- namen Rozerot, der bis jetzt der einzig gesetzliche Namen der Kinder war, in den Namen Zola umzuändern. Tas 17jährige Mädchen nnd der 15jährige Knabe roerben künftighin Denise ^cn- riette Jemine Emilie Zola unb Jaccines Emile Zola heißen.

2ttrd)lid)e Nachrichten.

Evangelische Gemeinde.

Donnerstag, ben 6. Dezember, abenbs 8 Uhr, im Matthans- saal, Kirchstr. 9: Bibelstunde. (Offenb. Joh. Kap. 8 nnd 9.)

Pfarrer D. Sch losser.

Israelitische Religionsgemeinde.

Hottesdien'» in der 2v"agege (^ükwicknge). Samstag, den 8. Dezember 190 6.

Vorabend 4.30 Uhr.

Morgens 9.00 Uhr.

Nachmittags 3.30 Uhr.

Sabbatansgang 5.15 Uhr.

Israelitische Religionen z ;

(tottc.-ibietin.

SabbatfeIer am 8. Dezember 1 906: tftcitag abend 4.00 Uhr.

Samstag vorinickaa 8.30 Uhr.

Nachmittag 3.30 Uhr.

SabbaüAnsgcmg 5.15 Uhr.

Wochengottesdienst: morgens 7.00 Uhr, abends 8.00 Uhr.