LolMsche Tagesschau.
Die neue Tabaksteuer
wird allem Anschein nach eine Krisis in der deutschen Zigarettenindustrie, speziell für die in dieser Industrie beschäftigte Arbeiterschaft herbeiführen. Zurzeit wird in allen deutschen Zigarettenfabriken mit Hochdruck gearbeitet. Die Händler können die Vorräte, die sie am 1. Juli d. Js. beim Inkrafttreten des neuen Gesetzes anmelden, noch bis zum 1. September ohne die Last der neuen Steuer verkaufen, hie Fabrikanten ihre Erzeugnisse bis zum 1. August. Daher bemühen sich die Händler, ihre Vorräte jetzt an den Mann zu bringen und neue bi? zum 1. Juli in möglichst großen Mengen aufzustapeln. Und die Fabrikanten strengen sich dementsprechend an, bis zum Ablauf der Frist möglichst viel Ware fertigzustellen. Die Folge wird sein, daß nach dieser Ueberproduktion zeitweilig eine Stockung eintritt, und viele Arbeiter und Arbeiterinnen werden wahrscheinlich auf längere oder kürzere Zeit beschäftigungslos werden. Da die Ausländer unter den Zigarettenarbeitern dann leicht den deutschen Gemeinden zur Last fallen könnten, sucht man, wie das Berl. Tagebl. hört, dadurch vorzubeugen, schon jetzt viele ausländische, namentlich russische Arbeiter und Arbeiterinnen der Zigarettenbranche auszuweisen. In einer großen Fabrik im Norden Berlins haben 100, in anderen 50 und so weiter drn Ausweisungsbefehl erhalten. — Was wird man mit den heimischen, um Lohn und Brot gekommenen Arbeitern anfangen ?
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Bei den Vorbereitungen für die Neuwahlen zum Reichstag macht sich jetzt schon ein gewisser Wetteifer der Parteien bemerkbar. Ec gilt der Füllung der „Wahlkriegskasse". Als erster war der Bund der Landwirte auf Werbung gegangen, dessen Mitglieder eine beachtenswerte Opferwilligkeit zeigen, sodaß die Bundesleitung reichliche Mittel für den Wahlkampf zur Verfügung haben wird. Die Parteikaffe der Sozialdemokratie ist jederzeit für den „Kriegsfall" ausgestattet; da aber nunmehr die Diätenzahlung von Partei wegen an die Abgeordneten in Wegfall kommt, steht die Sozialdemokratie finanziell noch besser da, als vordem. Die anderen Parteien gehen an diesen Erscheinungen nicht achtlos vorüber, auch das Zentrum nicht, das dank seiner eigenartigen Organisation den Mandatssorgen in geringerem Maße ausgesetzt ist. Die National- li beraten wollen, wie es heißt, eine volle ReichStagswahl- kaffe schaffen durch Kleinarbeit, durch Aufforderung an die GesinnungSgenoffen, bei Versammlungen, Festen, Ausflügen usiv. ein Scherstein zu dem Parteifonds bei- zulteuern und in Freundeskreisen hierfür Stimmung zu machen. Dieses System, mit Energie in Anwendung gebracht, kann beträchtliche Erfolge zeitigen. Ain weitesten zurück in der Wahlfürsorge sind die Konservativen, deren ganze Organisation etwas Preußisch-Steifes, Schwerfällige? an sich trägt. Sie wollen erst auf dem Delegiertentag im November der Wahlfrage nähertreten. Bis dahin haben die anderen Parteien einen Vorsprung, der gerade hinsichtlich der finanziellen Wahlvorbereitung von Belang ist, denn die Opferwilligkeit für politische Zwecke läßt im Lager der Konservativen ohnehin zu wünschen, was deren offizielles Parteiorgan wiederholt und mit begreiflichem Bedauern andeutete.
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Ein Heiratsplan?
Es geht das Gerücht, daß zwischen dem Großherzog von Sachsen-Weimar und der Prinzessin Beatrice von Sachsen-Koburg-Gotha eine Heirat geplant sei. Beide sind Nachkommen des Kaisers Paul von Rußland, der 1801 angeblich mit seiner eigenen Schärpe erdrosselt wurde. Der Großherzog ist noch nicht 30 Jahre alt, aber bereits Witwer, und ist der nächste Anwärter auf den holländischen Thron. Er erbte außerordentlich große Besitztümer von seinem Großvater, dem letzten Großherzog von Sachsen-Weimar, und ist nach dem Tode eines jüngeren Bruders auch im Besitz eines ungeheuren Vermögens von seiner Großmutter, der Großherzogin Sophie, die eine der größten Erbinnen deS Hauses Oranien war. Sein Gesamtvermögen wird ungefähr auf 100 Millionen geschätzt.
Ein neues Wahlverfahren.
So nennt sich eine Schrift von Gustav v. Hartmann. Der Verfaffer, kaiserl. Generalkonsul in Neapel, will unser Reichstagswahlrecht verbessern, sodaß es seinen Namen eines gleichen Wahlrechts auch wirklich verdient. Das ist bisher nicht der Fall, hauptsächlich wegen der verschiedenen Größe der Wahlkreise und weil die Minderheiten — infolge der absoluten Mehrheitsentscheidung — nicht zur Geltung kommen. In der Verfassung ist eine neue Abzweigung der Wahlkreise i"Aussicht genommen; aber sie ist nicht durchgeführt und würde auch als einmalige Maßnahme nicht genügen, sagt der Verfasser, darum verlangt er, daß von fünf zu fünf Jahren, jedesmal nach der Volkszählung, die Wahlkreise neu mit gleich großer Einwohnerzahl eingcteilt werden unter Beibehaltung von 397 Abgeordneten. Natürlich müßte dann auch die Bestimmung fallen, daß jeder Bundesstaat, so klein er auch sei, mindestens einen Abgeordneten entsendet, und den größeren Bundesstaaten dürfte nicht mehr eine feste Zahl von Vertretern zugeteilt werden. Um die Minderheit der Wahlstimmen nicht mehr, wie es jetzt geschieht, unter den Tisch fallen zu lassen, soll ein Verhältniswahloerfahren eingeführt werden, und zwar nicht mit Listenwahl, sondern mit Einzelwahl der Abgeordneten wie bisher. Es sollen nämlich die Stimmen, die in einem Wahlkreis in der Minderheit geblieben sind, auf einen anderen Wahlkreis übertragen werden und zwar auf Bewerbergruppen, unter denen die von den Einzelnen erhaltenen Stimmen nach gewissen Grundsätzen verteilt werden. In der Weise, wie das geschehen soll, liegt das besondere Neue, worauf wir aber, da es etwas umständ- lich auseinanderzusetzen, an dieser Stelle nicht eingehen können. Originell ist ferner, wie der Verfasser die Wahlfaulen nutzbar machen will, ohne einen Wahlzwang auszuüben. Er verlangt eine gesetzliche Meinungsunterschiebung in dem Sinne, daß, wer nicht wählt, als mit dem Bestehenden zufrieden betrachtet wird. Das Bestehende ist die Regierung, sie soll „Ersatzbewerber" bezeichnen, auf deren Gruppe die nicht abgegeben en Wahlsti mm en vereinigt werden! Abgesehen von diesem letzteren Vorschlag ist der ganze Reform--
versuch gänzlich unpolitisch, d. h. er stellt sich' lediglich eine rechnerische Aufgabe, die er befriedigend lösen will. Aber selbst mit dieser Beschränkung zeigt sich auch hier, bei dieser gutdurchdachten Arbeit, daß es ein vollkommenes Wahlverfahren nicht geben kann. Angenommen, die Rechnung, ginge ohne Rest auf und es würde jede wahlberechtigte Stimme zum Ausdruck gebracht; wenn aber von den 397 gewählten Abgeordneten, die ganz genau die Volksmeiniing vertreten, nur ein Bruchteil im Reichstag anwesend ist — und daran wird das Wahloerfahren doch nichts ändern —, dann sind ihre Beschlüffe wiederum nicht Beschlüsse des ganzen Volkes, häufig nicht einmal seiner Mehrheit. Der Vorteil ferner, daß alles nach rechnerischer Gerechtigkeit zugeht, würde die kleinen Einzelstaaten, die dann keinen eigenen Abgeordneten mehr zu wählen hätten, ein Nachteil dünken; und wir sind eben ein» mal kein Einheits-, sondern ein Bundesstaat. Uebrigens ist auch die Rechnung als solche nicht glatt; wenn die Wahlkreise nach der Einwohnerzahl abgeteilt werden, so sind sie für den Wahlzweck doch nicht gleich, da ja die Zahl der Wahlberechtigten nicht durchwegs im gleichen Verhältnis zur Bevölkerung steht.
Deutsch-Südwestafrika.
Berlin, 6. Juni. Ein Telegramm aus Windhuk meldet: Am 24. Mai bei Tsamab gefallen: Leutnant Karl Für- bringer, geboren zu Jena, früher Husaren-Regt. 5, Unteroffizier Wilhelm Schwarz, Wilhelm Thelen, Gefreiter Ernst Schnalle, Reiter Julius Heder, Reiter Oskar Krause, Reiter Fritz Prochnow. Im Mai int Gefecht westlich Springpütz gefallen: Reiter Clemens Seufert. Verwundet: Gefreiter Wilhelm Jaase.
— N i ch t weniger als sieben Kandidaten werden in Nintelen-Hofgeismar um das Erbe des Grafen Neventlow kämpfen. Antisemiten und Freisinnige erscheinen mit zwei Kandidaten auf dem Kampfplatze. Als Kandidat der Freisinnigen Volkspartei, die 1903 748 Stimmen erhielt, ist von den Vertrauensmännern deS Wahlkreises Rechtsanwalt Röhrig in Berlin, Vorsitzender des Fortschrittlichen Vereins Waldeck, in Aussicht genommen worden. Die Liberalen der Darmstädter Fayon wollen den Lehrer Rimpel aus Kaffel aufstellem National- liberaler Kandidat ist Dr. Nocke. Der siebente Kandidat ist ein ZentrumSman n. Der Vorstand des kon- eroatioen Verein? für die Provinz Hessen hat sich ent» 'chlossen, seinen Delegierten und Mitgliedern im Wahlkreise zu empfehlen, einen eigenen Kandidaten nicht auf- zustellen und die Wahl de? deutsch-sozialen Bewerbers, Bürgermeisters Herzog-Obernkirchen, 311 unterstützen. Als Termin fit die Wahl ist der 20. Juli festgesetzt.
Kircfye rind Schule.
Bonn, 6. Juni. In der heute hier abgehaltenen BischofSwahlsynode wurde Pfarrer Demmel in Bonn mit 108 von 118 Stimmen zum Bisch of der Altkatholiken des Deutschen Reiches gewählt.
München, 6. Juni. In dem ersten Referat des deutschen Lehrertages wurde eine vom Oberlehrer Gärtner aus München vorgeschlagene Resolution angenommen, die sich zu Gunsten der konfessionslosen Simullan- chule ausspricht und verlangt, daß auch die Lehrer-Bildungs- anstalten dementsprechend eingerichtet werden möchten.
— Von verschiedenen Seiten, unter anderem in einem Artikel des Generalmajor? z. D. v. Gers dorff in den „Hamb. Nachr." und in einem Schreiben eine? Herrn L. Saune an die Deutsche Kolonialgesellschaft, ist angeregt worden, die von der Mehrheit de? Reichstages abgelehnten ünf Millionen für den Bahnbau von Kubub nach Keetmanshoop durch öffentliche Sammlungen zu beschaffen. Es steht jedoch 11. a. außer Zweifel, daß der Ertrag einer derartigen Sammlung nicht entfernt für den erstrebten Zweck ausreichen würde, wenn es nicht gelingen ollte, die Kreise heranzuziehen, die den bekannten Zehn- Millionen-Fonds aufzubringen bereit waren, oder, wie vermutet wird, atifgebracht haben.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 7. Juni 1906.
* * Personalien. Uebertragen wurde dem Schulamtsaspiranten Hch. Kreutzer aus Gensingen eine Lehrertelle an der Gemeindeschule zu Stammheim. Die Lokomotiv- ührer Phil. Karl Gebauer zu Friedberg und Otto Jacobi zu Darmstadt wurden auf ihr Nachsuchen wegen geschwächter Gesundheit in den Ruhestand versetzt.
"Erledigt ist die nut einem evang. Lehrer zu be- etzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Pfirschbach. Dem Fürsten zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und dem Fürsten und Grafen zu Erbach-Schönberg steht das Präsentationsrecht zu.
* * Zu dem Volkstrachten- und Heimatpflege- est in Butzbach, das am 17. und 18? Juni stattfindet, ist, wie man uns mitteilt, eine Festschrift erschienen mit 90 Abbildungen (Autotypien). Der textliche Teil enthält neben einer geschichtlichen Abhandlung eine Beschreibung der Sitten und Gebräuche, die teilweise noch in der Wetterau, dem Hüttenberg, Taunus 2c. bestehen oder bis in letzter Zeit bestanden haben.
* * Rache ist süß! Am 2. Pfingstfeiertag legte ein Mitglied einer feucht-fröhlichen Runde für sein eben erhaltenes Glas Bier ein Zehnpfennigstück an den Rand des Tisches und erhitzte es, indem er mehrere brennende Streichhölzchen daran hielt. Der vom anderen Tisch zurückkommende Kellner nahm ahnungslos das Geldstück und ließ es, schmerzhaft aufschreiend, fallen, was bei allen Anwesenden lautes Gelächter hervorrief. Schweigend entfernte sich der Kellner. Nach einiger Zeit, nachdem der Schwarzbefrackte mehrmals an dem Tische der durstigen Zecher aufgewartet hatte, erhebt ich der, welcher den Kellner so schnöde angeführt, greift in eine Hosentasche und zieht zum Erstaunen seiner Kneipgenossen ein Stück Eis hervor. Da? Gelächter steigert sich als die durchfeuchteten Hosen sichtbar werden. .Was ist das!" schreit
der Gewässerte, „wer hat denn da? angestellt?" — „Ich/ entgegnete ruhig der Kellner, „ichhabemirerlaubtJhren Geldbeutel zu kühlen, damit ich mir nicht wieder an Ihrem Gelde meine Finger verbrenne!"
-j- Rödgen, 6. Juni. Der Bau unserer Kleinkinderschule erfordert einen Kostenaufwand von 10 000 Mark. An Spenden hat die Gemeinde bereits 6000 Mark erhalten, ca. 7—800 Mark hiervon sind für den Bauplatz bestimmt.
W. Bad-Nauheim, 7. Juni. Am zweiten Feiertag, morgen? gegen i/36 Uhr, entstand, wie schon kurz berichtet, in der hiesigen neuerbauten katholischen Kirche ein Brand, über dessen Entstehungsursache man noch bis jetzt im Unklaren ist. Herr Erker aus Darmstadt, ein Bruder des katholischen Pfarrers, bemerkte zuerst, daß aus der Sakristei dicke Nauchmassen aufstiegen. Nachdem Herr Pfarrer Erker von der Sache Kenntnis erhalten hatte, suchte er durch Telephon auf der nahe dabei liegenden Post die Polizeiwache zu benachrichtigen, die durch die neuerdings von der Stadt eingerichtete Klingelleitung die Feuerwehr alarmieren sollte. Jedoch kam keine Antwort, da, wie man später erfuhr, der Wecker auf der Wache nicht eingestellt war. So mußten die beiden Herren Erker mit den um diese Zeit schon verfügbaren Postbeamten und einigen Salinenarbeitern allein die Löscharbeiten übernehmen und es gelang dem fleißigen Eingreifen dieser kleinen Rettungsmannschaft, das Feuer auf seinen Herd zu beschränken. Der entstandene Schaden belauft sich auf ungefähr 1200 Mk. Das Innere der Sakristei ist vollständig vernichtet. Außer Fahnen, Leuchter und sonstigem Kirchengerät waren zwei massive Türen soweit durchgebrannt und das Feuer wäre, wenn nicht rechtzeitig Hilfe erschienen wäre, auf da? Schiff übergesprungen und hätte das stattliche Gotteshaus in einen Trümmerhaufen verwandelt.
(4~) Schotten, 6. Juni. Der Zweigverein des Vogelsberger Höhenklubs zu Herchenhain beabsichtigt, auf der Herchcnhainer Höhe einen Aussichtsturm nebst Speisehalle zu errichten. Als Material sollen die dort vor- kommenden Basaltsteine verwendet werden.
Darmstadt, 6. Juni. Der Bismarckausschuß der Darmstädter Studentenschaft veranstaltet am Donnerstag, 21. Juni und Freitag, 22. Juni, am Oberwaldhaus bei Darmstadt ein großes Waldfest in Gestalt eines Jahrmarktes, dessen Reinertrag für die Errichtung der Darmstädter Bismarcksäule auf dem Donner berg bestimmt ist.
Worms, 6. Juni. Um die bei dem SubmissionS- mefen häufig hervortretende Preisdrückerei zu vermeiden, sind die hiesigen Sch re in er m erster jetzt zum erstemnale korporativ aufgetreten, um für städtische Arbeiten gemeinsam Lieferungsbedingungen abzugeben und gemeinsam die Auftrage auszuführen.
— Limburg, 7. Juni. Der Westerwald-Klub wird seine Jahresversammlung am 11. und 12. August m Dillenburg abhalten. Name und Lage der Stadt bürgen dafür, daß die hoffentlich zahlreichen Besucher in jeder Beziehung befriedigt werden. In der letzten Zeit hat sich der Wirkungskreis des Westerwald-Klubs wieder weiter ausgedehnt. Außerhalb des Klub-GebieteS hat sich außer der Sektion in Duisburg -nunmehr auch eine solche in Wiesbaden gebildet. Die Stadt Wiesbaden ist mit einem Jahresbeitrag üon 100 Mk., ebenso die Stadt Köln Mitglied geworden. Da auch die Stadt Königswinter beigetreten ist, sind nunmehr sämtliche Städte zwischen Rhein, Sieg, Heller, Dill und Lahn Mitglied des Westerwald-Klubs mit Ausnahme von Nassau.
Vermischtes.
Der polizeilichen Auslösung verfiel in Berlin die pfingstliche Pücklerversammlung. Der Dreschgraf sprach über das Thema „Pfaffen und Höflinge", wobei er sich folgende Ausfälle leistete: „Die ganze Ovfgesellschaft ist vollkommen verlumpt und verkommen; die Höfe wimmeln von Schmarotzern und Speichelleckern, die nur nach Orden und Ehrenzeichen trachten." „Die Pastoren in Deuffchland sind langsam eingeduselt, sonst würden sie sich der Juden erwehrt haben. Sie führen ein faules Leben, denn in der Woche arbeiten sie überhaupt nicht. Hunderttausende von Juden müßte man hinrichten, damit die ganze Sippe erst wieder zahm würde und aus der Hand fressen ernte." — Die Debatte gestaltete sich sehr stürmisch. Verschiedene Redner geißelten das Auftreten Pücklers in chärffter Weise und enffesselten dadurch Beifallsstürme bet den Gegnern und tumultuarische Zwischenfälle bei den Freunden des Grafen. Ein halbes Dutzend Personen wurden bei dieser Gelegenheit von dem Vorsitzenden und einen Helfern aus dem Saale entfernt. Als ein Redner erklärte, daß die angedeuteten Hinrichtungen ja auf dem Tempelhofer Felde stattfinden könnten, daß aber der Graf unter allen Umständen den ersten Galgen zieren müsse, erreichte die Erregung ihren Höhepunkt. Von mehreren Seiten drang man auf den Vorsitzenden, der sich besonders als Rausschmeißer hervorgetan hatte, ein, um ihrt regelrecht zu verprügeln. In diesem Augenblick löste der überwachende Beamte die Versamm* ung auf.
* Die Toiletten bei der spanischen Königs- hochzeit sind in mancher Hinsicht von an europäischen Höfen üblicken Kostümen verschieden und verraten noch etwas von oer Strenge des einstigen spanischen Kostüms und den ihm eigenen charakteristischen Reizen. So ist kein Decoletöe gestattet, und ebenso dürfen keine kurzen Aermel getragen werden. Für die Länge der Schleppen sind genaue Regeln angegeben und keine Schleppe darf weniger als zehn Zoll von den Schultern entfernt anfangen. Die Braut und die Königin-Mutter allein machen darin eine Ausnahme, indem ihre Schleppen direkt von der Schulter herabwallen. Die Köpfe sind ebenso durchgehends mit Mantissen geschmückt. Die englischen Damen haben dazu ihre Brautschleier oder alte Spitzenshawls verwandt, die mit den kostbaren Tiaren und Kronen zu schönen Arrangements vereinigt werden. Die spanischen Damen ragen alle ihre weißen Spitzenmantillen, wie sie in Spanien bei festlichen Gelegenheiten üblich sind. Im übrigen waren die kostbarsten Toiletten, die man sich nur vorstellen kann, vereinigt, denn die goldprunkenden Ge-


