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7.6.1906 Zweites Blatt
 
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Donnerstag 7. Juni 1906

Nr. 131

Zweites Blatt

156. Jahrgang

Eichener Anzeiger

Rotationsdruck und Verlag der Vrühl'lcd«

UnwersttätSdruckerei. 5L Lang«. Otefwn.

Redaktion. Expedition u. Druckerei: Schulstr.A. Tel. Nr. 61. Telegr.'Adr.: Anzeiger Greß«.

Erscheint «gNch mit Ausnahme deS Sonntags.

DieGirtzener §amUin,blätter" werden dem ^Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Ter «heffifchr candwltt" erscheint monatlich einmal.

General-Anzeiger, Amtr- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

tzvaugelisch-jozlaler Kongreß.

(Unberechtigter Nachdruck verboten.)

H. F. Jena, 5. Juni.

Etwa 200 Mitglieder aus allen Teilen Deutschlands ftnb zu dem Evangelisch-sozialen Kongreß eingetroffen. Von bekannten Persönlichkeiten bemerkte man Geh. Regierungsrat Professor Dr. Adolf Wagner, Professor Dr. Harnack, Pfarrer a. D. D. Friedrich Naumann- Berlin, Professor Dr. Baumgarten und Profesior Dr. TitiuS-Kiel, Prof. Dr. Bernhard-Posen und mehrere Professoren der hiesigen Universität.

Dem Kongreß ging eine Volksversammlung voran, die heute abend im großen Saale des VolkshauscS stattfand. Lange vor Beginn der Versammlung war der Saal und die sehr, geräumigen Galerien Kopf an Kopf gefüllt. Sehr viele Damen waren anwesend. Professor Dr. Rein-Jena er­öffnete sie mit einer Ansprache:

In diesem Saale haben schon viele Versammlungen getagt. Im Herbst o. I. tagte hier der Parteitag einer großen politischen Partei. Diese führt auch in ihrem Namen das Wort Jojial*. Wir unterscheiden uns aber ganz wesent­lich von dieser Partei. Diese will einen Neubau aufführen, nachdem alles Bestehende niedergelassen ist. Wir wollen auf den alten Fundamenten das bestehende HauS wohnlich ein­richten, vielleicht hie und da einen Anbau machen. Die Sozialdemokraten verfechten die Interessen einer Klasse, wir wollen für die Interessen aller Volksschichten ohne Unter­schied eintreten. Die Sozialdemokraten erstreben nur die wirtschaftliche Besserstellung, wir erstreben nach dem Sprich­wort: »Der Mensch lebt nicht von Brot allein", neben der wirtschaftlichen gleichzeitig die geistige und sittliche Hebung des Menschen. Der evangelisch-soziale Kongreß will den Beweis führen, daß der christliche Geist dem deutschen Volke noch eine Stätte habe. Unter dem Zeichen des Christentums will der evangelisch-soziale Kongreß die soziale Frage lösen. Daß der evangelisch-soziale Geist noch im deutschen Volke lebt, beweist die heutige überfüllte Volksversammlung.

Pastor Profesior D. v. Soden - Berlin führte des Längeren aus, daß zwischen Individualismus und Sozialis­mus eine Versöhnung angebahnt werden könne. In diesem versöhnenden Sinne, im Sinne des evangelischen Christentums wolle der Kongreß sich in sozialem Sinne betätigen.

Profesior Dr. Baumgarten-Kiel erinnerte an den bekannten Landwirtschaftler Freiherrn Theodor v. d. Goltz, der hier in Jena gelebt und durch und durch evangelisch- sozial war. Seine Haupttätigkeit war

die Agrarfrage

in evangelisch-sozialem Sinne zu lösen. Der Bund der Landivirte vermochte Theodor v.d. Goltz nicht zu faszinieren. Er machte dem Bunde den Vorwurf, daß er einseitig vorgehe, daß er sich nicht als Glied des ganzen wirtschaft- lichen Organismus betätige, v. d. Goltz sagte: der Staat sei kein bloßer Agrarstaat, cs müssen gleichzeitig die Interessen der Industrie, des Handwerks und der Arbeit gewahrt werden. Freiherr v. d. Goltz wollte mit der Agrarfrage in der Haupt­sache die Landarbeiterfrage gelöst wisien. Er verlangte, daß durch Wohlfahrtseinrichtungen, FortbildungS- schulen usw. auf dem Lande die Landarbeiter sittlich ge­hoben, daß ihnen eine Sicherheit ihrer Existenz gewährt, mit einem Worte, daß die Landarbeiter seßhaft gemacht werden, damit die Abwanderung aufhöre und nicht fremde Arbeiter herangezogen zu werden brauchen. Dieser Mann war ein

überzeugungstreuer Christ. Er sah aber in der Betätigung StöckerS m der Verquickung zwischen christlich und sozial eine Herabsetzung deS Evangeliums. In diesen stillen Mauern waltet ein hohes, geistiges, eoangelisch-sozialeS Leben. Möge eS dem Aufstreben des Ganzen zugute kommen. ^Leb­hafter Beifall.)

Nach einigen Gesangsvorträgen deS Bürgerlichen Gesang- Vereins nahm mit stürmischem Beifall empfangen D. Friedrich Naumann das Wort. Aus den Mitteilungen des Vorredners über Theodor v. d. Goltz geht hervor, daß in jedem Menschen etwas Gutes steckt, es muß nur heraus- gcholt werden. Bismarck war nicht immer Pessimist. Als er das Reich gründete, war er Optimist. Nach einiger Zeit glaubte er, die Arbeiterbewegung wachse dem von ihm ge­schaffenen Reiche über den Kopf. Da kam das Sozialisten­gesetz. Als Bismarck sich in den Sachsenwald zurückzog und Wilhelm II. die Zügel der Regierung ergriff, da trat der evangelisch-soziale Kongreß ins Leben. Ein Verdienst des Kongresses ist es, daß er trotz veränderten sozialen Kurses fest und sich treu geblieben ist. Der Protestantismus habe den evangelisch-sozialen Kongreß zusammengehalten, weil seine Mitglieder den Protestantismus nicht als Pietismus ober Dogmenglaube, sondern als eine Kulturmacht ansehen, die die Menschheit auf den Höhepunkt des Lebens bringen werde. Ob man in Dresden oder Jena mit noch so großer Mehrheit ein Bekenntnis beschließe, so bleibe es aüebcm nur eine Liturgie, die nur deshalb allsonntäglich in der Kirche gesungen werde, weil sie eben da sei. (Heiterkeit.) Trotz aller Bekcnntnisbeschlüsie schreite die Reform mit aller Macht vorwärts. Die Heimarbeiterausstellung in Berlin und die schlechten Wohnungsverhältmsse in den Großstädten haben das Wort »unerhört* geprägt Man müsse aber nach den Worten Carlyle's handeln:Arbeiten und nicht verzweifeln.* Jeder Mensch habe die Möglichkeit, nicht nur Almosen zu geben, sondern sich sozial zu betätigen und die Menschen selbständig zu machen. Wir gehören zusanimen in der Ge­meinschaft, die wir der Zukunft entgegenbringen. (Lebhafter Beifall.)

n.

H. F. Jena, 6. Juni.

Der große Saal des Vollshauses war auch heute von Damen und Herren dicht gefüllt. Die Versammlung begann mit einem von Prof. D. Rade-Marburg gesprochenen Gebet.

Es nahm alsdann das Wort Pros. Dr. Harnack- Berlin: Ich fühle mich in erster Reche genötigt, an dieser Stelle meinen Dank und Freude auszusprechen, daß an derSpitzedesReichsamtsdesJnnern ein Mann steht, der die Bedeutung der sozialen Frage erkannt und trotz aller Widersacher die sozialen Aufgaben des Reiches zu fördern sucht. Es erfüllt uns mit Freude, daß an der Spitze des Reichsamts des Innern ein Mann steht, der, gleich seinen Räten, die kaiserliche Botschaft von 1890 nicht vergessen hat. (Bravo.) Wir halten unerschütter­lich daran fest, daß soziale Fragen und soziale Dinge nicht bloß Frageii der Futtermenge und des Futterplatzes, wie man gesagt hat, sind, sondern im höchsten Sinne sittliche und humane Fragen, die überall bis in die Tiefen der religiösen Weltanschauung reichen und ohne sie nicht ge­fördert werden können. (Rufe: Sehr wahr!) Wenn wir uns evangelisch-sozial nennen, so denken wir dabei nicht an irgend welchen Konfessionalismus, sondern an jenen protestantischen Konfessionalismus, der eine un­erschütterliche Weitherzigkeit bedeutet und ein Zeichen von

Kraft ist. Gern reichen wir auch unjeien tu.holstcyen Brüdern in der sozialen Arbeit die Hand und blicken mit Sympathie auf die christlichen Gewerkschaften und ihre Entwicklung. Wir weisen ben Borwurf zurück, als sei der Kongreß einseitig nur für Arbeiterfrage besorgt, als gäbe es kein anderes soziales Problem. Gewiß, es gibt ein Dutzend und mehr andere Probleme. Aber wir haben ge­lernt, daß alle diese Probleme sckstießlich, in ihre Tiefe verfolgt, auf die Arbeiter und Arbeiterfrage zurückgehen. Verfolgt man sie nicht bis dahin, so droht ihre Behandlung zu einer bloßen Causerie zu werden. Die Verbesserungen, die man vorschlägt, werden bloße Beschwichtigungen. Darum kehren wir immer wieder zu der Arbeiterfrage als der Hauptfrage zurück und werden es auch ferner so hallen. (Beifall.) Uilfruchtbar sind wir nicht gewesen, das beweist der Antell, den dieser Kongreß direkt und indirekt an zahlreichen Schöpfungen gewonnen hat. Wie sah es vor 17 Jahren aus und wie sieht es heute aus in der Sozial­politik? Denken Sie an all die Unternehmungen und Vereine inbezng auf Bodenreform, Bekämpfung des Al ko Holismus, der U n s i 11 l i ch ke i t, der schlech­ten Literatur, der Eihaltung und Bewahrung. Prof. Harnack schloß mit einem Hoch auf Kaiser und Großherzog.

Prorektor Geh Regierungsrat Prof. Dr. Linck begrüßte danach den Kongreß im Namen der hiesigen Universität, Geh. Kirchenrat Prof. v. S p i n n e r im Namen der Weima- rischen Kirchenregierung, Prof. D. Thümmel im Auftrage der theologischen Fakultät der Universität. Der Redner be­merkte: Er werde es sich angelegen sein lassen, Geistliche auszubilden, die nicht bloß fest aus dem Boden des Evan­geliums, sondern ebenso Zest auf dem Boden sozialer Re­form stehen. (Lebhafter Beifall.)

Der Jenjeilsglaube und die soziale Arbeit.

Pfarrer Dr. R i t t e l m e y e r - Nürnberg sprach über Der Jenseitsglaube und die soziale Mr6eit". Ter Redner legte seinen Ausführungen folgende Leitsätze zugrunde: 1. Eine entschlossene soziale Tätigkeit ist nicht nur ohne Jenseitsgtauben möglich, sondern der große Aufschwung der sozialen Arbeit fallt zeitlich und ursächlich mit dem Zurücktreten des Jenseitsglaubens zusammen. Der Jenseits­glaube enthält in seiner vulgären Form starke tnltur- heinmende Elemente. 2. Die theoretisch ablehnende Stellung der Sozialdemokratie zum Jenseitsglauben ist mit praktischen Zugeständnissen an denselben verbunden und trägt die Keime weiterer Auslösung in sich. 3. Vis jetzt ist es noch keiner Ethik gelungen, ein wirklich befriedigendes inner- weltliches Kulturideal aufzurichten. Es gibt teilte Kultur­arbeit ohne Transzendenz, d. h. ohne versteckte Jensells- gebauten. 4. Ter christliche Jenseits glaube geht nicht aus solchen Erwägungen hervor, auch nicht aus dem egoistischen Wunsche nach Erhaltung der eigenen Persönlichkeit, sondern aus einem religiösen Erleben der höchsten Werte und Ziele,das im engsten Zusammenhang mit dem Gottesglauben steht. 5. Durch die gegenwärtige Krisis, in die er eingetreten ist, wird der Jenseitsglaube allerlei Umbildungen erfahren, unter denen die Einsicht von einem irgendwie bestehenden organischen Zusammenhang zwischen Diesseits und Jenseits die wichtigste ift 6. Erst bann wird ber Jenseitsglaube die in ihm vorhandenen sozialen Kräfte ungehemmt ent­falten, besonders indem er die sittliche Kraft des Einzelnen stärkt und seine Achtung vor den anderen aufrecht hält und hebt, während die soziale Gesinnung ohne Jenseits­glauben starken Erschütterungen entgegengeht." Der Redner schließt mit den Worten Lorenzos von Medici:Wer nicht an Gott und an ein jenseitiges Leben glaubt, der ist auch im diesseitigen Leben tot."

Von einer Abstimmung über die Leitsätze nmrde nach längerer Debatte Abstand genommen. (Schluß folgt.)

Eduard v. Hartmann f»

Berlin, 6. Juni. Der Philosoph Karl Robert Eduard v. .Hartmann ist gestern abend in seiner Billa in Groß-Lichterfelde im Alter von 64 Jahren gestorben.

Eduard v. Hartmann wurde am 23. Febr. 1842 in Berlin als Sohn des Generals globert v. H. geboren. Er wurde 1860 Pionieroffizier, schied aber infolge eines Leidens, das all­mählich seine Gehfähigkeit völlig verhinderte, 1865 ans der Offizierslaufbahn aus und wandte sich dem schon früher von ihm betriebenen Studium der Philosophie zu. Er promovierte 1867 in Rostock und lebte seit der Zell als Privatmann in Groß-Lichterfelde. Nachdem H. mit 22 Satiren denGedanken" als seinen Beruf erkannte, begann er 1864 sein philosophisches Hauptwerkohne Plan" nieder­zuschreiben, das unter dem TitelPhilosophre des Unbewußten" erschien und rasch Aufsehen erregte. ®em nächstes Hauptwerk ist diePhänomenologie des sittlichen Bewußtseins" (1879), sein drittes:Rellgronsphrlosophw § Bände), das nächsteAesthetik" (2 Winde). Dann folgt eine Reibe weiterer Schriften, von denen dre wlchllgpen die ,,Äe'Geschichte der Metaphysik" und ^Die moderne Psychologie" )tni>. Unter dem Pseudonym Karl Robert schrieb H. bramall,che Dichtungen, Trrstan und Isolde und David und Bathseba. ,

Man kann die üartmannsche Philosophie als Synche,e von SchvMchaucr und Hegcl b^eichnen dvr W-ltgrnnd Hrutmunnr, das Unbetonte, ahiE dem WsolrÜM Schel­lings. Mehr tote Schopenhauer betont bte MIosoph-.e müsse von Tatsachen der Erfahrung -msgehm sein Welt- gründ ist die Eiicheit von Wille und Vorstellung. Das Nichtsein der Welt ist ihrem SAN vorKuztchen.

Neben seinen systematischen, historilch-iritr,chen arbeiten wandte sich tz. auch den Tagessragen yi tmb »a]a&te reiche WHandlungen und Artikel über politische, religiöse undsozialc Fragen. Hartmanns Schristen sanden viel An­erkennung, aber auch viel Widerspruch.

Ein neu aufgesundener lleberrest des Ur m e n s ch c n. Der ans prähistorischem Gebiete vielver- diente Prosessor Rzehak sand ein m >eder Beziehung interessantes Stuck, den zum Urmenschen gehörigen Unter- kiejer in der Gegend von Brünn, too er am ,og. Schweden-

tisch bei dem Dorfe Ochos in einer Lehmschicht steckte, die durch ihre ungeheure Menge diluvialer Tierknochen aus­gezeichnet ist. Man sand in dieser Schicht allein 1000 Höhlenbären, 350 Nashörner, 200 Renntiere und eine große Anzahl anderer dlluvialer Tiere. Daß die Ueberreste des Urmenschen so selten sind, erllärt Professor Rzehak damit, daß ber altdiluviale Urmensch, der aus der tiefsten Stufe staub, seine Toten wohl nicht begrub, sondern im Freien liegend verwesen ließ, wodurch seine Reste, wenn sie nicht zufällig eingebettet wurden, bald ganz zugrunde gingen. Ter Unterkiefer von Ochos ist leider nicht vollständig, sein Körper fehlt, aber die Zähne sind, mit Ausnahme eines, alle erhalten. Und was für ein gewaltiges Gebiß besaß dieser Urmensch Merkwürdiger noch aber als das starke Gebiß erscheint die starke Entwicklung ber inneren Kiefer­platte, bte anders als bei dem heutigen Menschen ge­staltet ist. Sie springt mächtig nach innen zu vor, ähnlich wie bet den Afsett, ohne daß damit ein genetischer Zu­sammenhang zwischen dem Assen und dem Menschen von Ochos sich ergibt. Sehr wahrscheinlich halte auch der Ur­mensch von Ochos gar fein Kinn, was Rzehak nach dem Befunde des Kieferrestes zu beweisen versucht. Vor einiger Zeit wurde bei der Ortschaft Spy ebenfalls ber Kiefer eines Urmenschen gefttnben. Rtzehak hat nun beide Kiefer mit einander verglichen und eine schlagende Aehnlichteit wahrgettommen, doch übertrifft der neu aufgejunbene Unterkiefer von Ochos inbezug aus Größe alle bisher be­kannten diluvialen Unterkiefer. Bisher sind als sicher be­kannte Ueberreste des altdiluvialen Urmenschen außer bei ber schon erwähnten Ortschaft Spy auch noch bei La Rou­lette, im Neandertal, Schipka unb Krupina ausgesunden worden, denen sich jetzt ber Unterkiefer von Ochos als neues Beweisglied auschließt^

Das Schicksal eines deutschen Schrist- stelllers. Unter dieser Ueberschrift erlaßt Hauptmann a. D. Schrader in Wiesbaden, Adolssallee, imJcheiu. Kur." einen ^lufruf zugunsten der Witwe Fedor v. Köppens, des bekannten vaterländischen Schriftstellers, der am 2. Jult 1904 im Alter von 74 Jahren starb. In einer der letzten Nummern deSDaheim" war folgende Anzeige zu lesen:

Die Unter^idinete bittet edeldenkende Menschen um ein Darlehen zu ihrer Existenz, da ihr Gatte, ber vater­

ländische Schriftsteller, kein Vermögen hmterlassen konnte, und ihr Berus sie pro Tag nur eine Mark berbienen läßt. Frau Fedor v. Köppeu, Berlin, Potsdamerstr. 106, Hof, 4 Treppen."

So also ließ Fedor v. Koppen seine Frau zurück! Die Erkundigungen, die Hauptmann Schrader über Frau von Köppeu in Berlin einzog, lauteten auf das günstigste. Es möge hier ein eine solche Auskunft vermittelnder Brief zitiert werben:

Diese Frau v. Köppeu ist eine herrliche, in ihr Schicksal ergebene, tief bcbaucm§mertc Frau. Sie ist etwa 50 Jahre alt, arbeitet für eine Blusensabrik und bekommt dafür pro Tag eine Mark. Sie sieht total ver­hungert aus, die Aermste. Sie hat mir ihr ganzes Leib geklagt. Ihr Mann war, als sie sich verheirateten, be­reits außer Dienst. (Köppeu war zuletzt Major ä la suite des 4. Gardegrenadierregiments Königin unb erster Mili­tärlehrer am Kadettenhaus zu Berlin.) Frau v. Köppeu bekommt daher teiue Wilweupension. Die totale Ver­armung ist ber Gutmütigkeit ihres Mannes zuzuschreiben, der für einen Bekannten sür 70 000 Mark gut gesagt hatte. Spater stellte sich biese ganze Sache als großartiger Schwindel heraus."

Erschütternd ist das Schreiben, bas Köppeu wenige Stunden vor seinem Tode au den Kaiser richtete, und iu dem er feine Frau,das Liebste, was ich auf ber Welt hatte", ber Girabe des Monarchen empfahl. Tiefer Appell an den Kaiser hatte auch den Erfolg, baß bas Kaiserpaar ber Witwe Zuwendungen von 300 Mark und 140 Mark machten. Der Aufruf schließt: Helft helft! Macht dem Entschlafenen die Erbe leicht! Denkt baran, baß feine letzte Bitte feiner Lebensgenossm galt helft, sie ihm zu erfüllen!

Stuttgart, 6. Juni. Der Telegiertentag ber deut­schen Goethebüride hat heute natt)mittag nach einem Vortrage von Dr. Pauli-Bremen über die Kunst pflege in ben beutschen Großstädten einstimmig folgende Reso­lution angenommen: Der Telegiertentag hält es für angemessen, sich in akuten Fragen ber Kunstpflege unb ber Volksbildung mit dem größeren, ähnliche Bestrebungen verfolgenden Vereinigmrgen von Fall zu Fall in Verbin­dung zu setzen.