Ausgabe 
6.6.1905 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

die Russen neberlbei einen Verlust von 600 Mill. Francs. ES ist dies der Betrag der Anleihe, deren Ab­schluß mit französischen Banken an ^er Katastrophe in der Koreastraße scheiterte. So lange der angesehenste aller fran­zösischen Finanzpolitiker, Rouvier, der Regierung angehört, muß e8 als ausgeschlossen gelten, daß Rußland von seinem Verbündeten die Mittel für die Fort­setzung des Krieges erhält. Man will mit einem neuen, durch die Umkehr gesundenden Rußland zu tun haben, nicht mit einem Bundesgenossen, der in trotziger Verblendung aus den Ruin lossteuert. Doch der Zar bleibt übel beraten. Die Kriegspartei der Großfürsten hat wiederum obgesiegt, anscheinend durch den Hinweis, daß Zähigkeit von jeher Rußlands Stärke gewesen sei und ihm zu Erfolgen verholfen habe, die es durch schneidigen Elan niemals er­reicht hätte. Was nun den Geldbedarf Rußlands betrifft, so würde eS sich den von den französischen Banken abgelehnten Darlehnsbetrag von 600 Millionen Francs am Ende ver­schaffen können, wenn es geneigt wäre, sein aus dein russisch- türkischen Krieg stammendes Kriegsentschädigungs­guthaben bei der Türkei im Betrage von 500 Millionen Mark diskontieren zu lassen, und wenn sich eine potente Großmacht bereit fände, die russische Hypothek auf das türkische Reich zu übernehmen. Angesichts der Not­lage in die Rußland geraten ist, kann an seiner Geneigtheit wohl kaum gezweifelt werden. Aber es dürfte keine Groß­macht erbötig sein, dieses Geschäft zu machen. England, dem es jain den Fingern jucken" mag, muß 'in Rücksicht auf das verbündete Japan Abstand nehmen. Interessant ist übrigens, daß man in russischen amtlichen Kreisen die Ab­neigung Frankreichs, dem Bundesgenossen Geld für die Fort­setzung des Krieges zu liefern, als nicht recht verständlich be­zeichnet. Ein der Berliner russischen Botschaft nahestehender Herr meint, im Kriege mit Deutschland habe Frankreich nach der Katastrophe von Sedan doch auch nicht die Flinte ins Korn geworfen, sondern den Kampf bis zur Erschöpfung seiner militärischen Kraft fortgeführt. Rußland aber sei von dieser Erschöpfung noch entfernt, also dürfe Frankreich nicht verlangen, daß sein Verbündeter vorzeitig Frieden schließe. Der Vergleich hinkt insofern, als Frankreich die Kosten der Fortsetzung des Krieges aus eigenen Mitteln bestritt und obendrein die hohe Kriegsentschädigung bezahlte, ohne beim Auslande Kredit in Anspruch zu nehmen. Rußland aber ist bereits jetzt bei seinem Verbündeten stark verschuldet, und wenn ihm die Fortsetzung des Krieges auch auf Grund innerer Anleihen gelingen mag eine Kriegsentschädigung an Japan wird es auf alle Fälle zahlen müssen, und zu deren Aufbringung bedarf* es des ausländischen Kredits, in erster Linie also wieder desjenigen Frankreichs, dec ihm dann auch nicht versagt werden dürfte.

Deutschland und die FricdenSvermittlung.

Der Kaiser hat am Montag dem Großfürsten Michael einen Besuch abgestattet, der sich über anderthalb Stunden ausdehnte. Es dürfte kaum ausbleiben, daß diese Unterredung ans der russischen Botschaft als ein Beweis- inomcnt für die Behauptung geltend gemacht wird, Deutsch­land suche Rußland zu einem baldigen Friedensschluß zu veranlassen. Eben heute wird aus amerikanischerund aus englischer Quelle eine Beisteuer zu diesen Meldungen ge­leistet, die insbesondere im Auslande zirkulieren. Eine zwei­stündige Konferenz des deutschen Botschafters in Washington Speck von Stern bürg mit Präsident Roosevelt soll mit dem Frieden sich beschäftigt haben. Und das Londoner BlattDaily Chronicle" beruft sich gar auf den ameri­kanischen Botschafter in Petersburg, dem angeblich bekannt sei, der deutsche Kaiser und Loubet wendeten ihren ganzen Einfluß auf, einen baldigen Frieden herbeizuführen.

Nach ErkundiFungen unseres BerlinerttKorre­spondenten an den in Betracht kommenden Sollen sind alle derartigen Behauptungen durchaus grundlos. Müsse denn, so sagte man uns, immer wieder betont w"rden, daß auf deutscher Seite nicht die mindeste Neig­ung obwalte, dem Zaren einen unerwünschten und un­erbetenen Rat zu erteilen? Nirgends in Berlin werde an eine solche Einmischung gedacht. Augenscheinlich sei die Absicht der Verbreiter derartiger Meldungen im Auslande, die Beziehungen zwischen Berlin und Petersburg zu stören, indem mau der deutschen Regierung Absichten und Pläne unterstelle, die in Rußland verletzend wirken könnten, Ruß- land will den Krieg fortsetzen: damit erledige sich jedes Anerbieten guter Dienste, ebenso von französischer wie von amerikanischer Seite.

Soweit die unserem Mitarbeiter zuteil gewordene Aus- runft. Was den Besuch des Kaisers auf der russischen Bot­schaft betrifft, so findet er wohl seine einfache Erklärung darin, daß der- Kaiser dem Großfürsten Michael eine Auf- mertjamreit zu erweisen gedachte, und ebenso natürlich ist es, daß sich Gelegenheit bot zu einer Erörterung über den Krieg und die jüngsten Ereignisse. Indes scheint uns die zarte Rücksichtnahme auf das, was Rußland etwa verletzen könne, recht überflüssig. Es dürfte vielmehr endlich an der Zeit sein, den Liebedienereien gegenüber unseren zer­fallenden östlichen Nachbarn ein Ende zu machen.

Deutscher Reich.

Berlin, 5. J?mi. D"r Kaiser hör!? heute bett Vortrag bes Chefs des Zivnkabinet'.s Wirkt, Rats Dr. v. Lucanus und des Reichskanzlers Grasen v. Bülow im, Kgl. Schloß.

Der Kaiser ließ dem Wirkt. Oberkonsistorialrat, General­superintendenten D. Hesekiel in Posen anläßlich seines 70. Geburtstages das folgende Glückwunschtelegramm zugehen:

Zur heutigen Volünduni Ihres 70. Lebensjahres spreche ich Ihnen meinen wärmsten Glückwunsch aus. Gottes Gnade schenke Ihnen auch ferner Gesundheit und Kraft zu segensreichem Wirken. Wilhelm."

Der Regierungspräsident v. Trott z u S o l z in Kassel lst zum Obervräsidenten der Provinz Brandenburg, der Polizeipräsident Graf v. Bernstorfs in Potsdam zum Präsidenten der Regierung in Kassel und der Landrat Dr. jur. Freiherr v. d. Wenge Graf v. Lambsdorff in Ragnit zum Polizeipräsidenten tn Magdeburg ernannt worden.

DerReichsrirz." teilt eine Verordnung der portugiesischen Regierung vom 18. Mai 1905 mit, nach welcher der Zoll auf Roggen bei der Einfuhr nach Portugal für die Zeit von dem Veröffentlichungstage bis zum 20. Ium 1905 von 18 Reis auf 8 Reis pro Kilogramm herabgesetzt ist.

Hamburg, 5. Jnni. Tie Beratungen über die Wahl- /echtsvorlage wurden heute vorläufig beendigt. Die Mehr­heit lehnte es ab, die gesamte Vorlage an einen Ausschuß zu verweisen, nahm vielmehr bet 'Anwesenheit von 155 Mitgliedern Gon 160) der Bürgerschaft in erster Lesuna die V e r f a s s u n gs- änberung mit 125 gegen 30 Stimmen , nachdem ein sozial­demokratischer Antrag auf Einführung der cmeinen, direkten, geheimrear Wahl abgelehnt morden war. Der übrige

Teil der Vorlage betr. Aenderung des Wahlgesetzes wurde an einen dreizehngliedngen Ausschuß verwiesen. Die zweite Lesung wird solange ausgeseüt, bis der Ausschuß Bericht erstattet hat.

M ü n cb e n, 5. Juni. Der Landtag ist a u f g e l ö ft wor­den. Die Neuwahlen sind auf den 10. (Wahlmännerwahl) und 17. lAbaeor^netenwahl'i 5knli anberaumt.

Ausland.

Paris, 5. Juni. Gestern wurde vor der deutschen Bot­schaft eine B o inbe aufgefund"n. Nach der Untersuchung int Gemeinde-Laboratorium stellte es sich heraus, daß es sich unt einen schlechten Witz handele, da die Bombe vollkommen unschädlich war.

Ja urss teilte mit, er werde verlangen, daß seine Interpellation über Marokko am nächsten Freitag zur .Erörterung gelangt. Der nationalistische Deputierte Arch- beacon bat gleichfalls ein Jnterpellationsansuchen betr. die marokkanische Politik angemeldet. Uebrigens war in den Kammereouloirs das Gerücht verbreitet, daß es zunächst kaum zu einer Debatte über die marokkanischen Angelegenheiten kommen dürste, da der Rücktritt Delcassäs angesichts des Mißerfolges seiner Politik mir eine Frage von wenigen Tagen sei.

In parlamentarischen Kreisen wird mit großer Be­stimmtheit behauptet, daß Deleasse bereits morgen seine Entlassung geben werde. Es heißt, daß der Ministerpräsident Rouvier selbst das Portefeuille des Aus­wärtig en übernehmen werde.

Budapest, 5. Juni. Das Abgeordnetenhaus hat beschlossen, den früheren Präsidenten Perzel wegen der Verausgabung von 31826 Kronen haftbar zu machen, die für die Besoldung der 40 Saaldiener ver­wendet worden sind, die aus Anlaß der verschärften Haus­ordnung zur Aufrechterhaltung der Ordnung angestellt worden ivaren.

Sydney, 4. Juni. (Reuter.) In einem ans den Neuen Hebriden eingetroffenen Briefe heißt es, es herrsche dort große Erregung unter man befürchte einen Aufstand.

Eine Hiobspost in Deutsch-Südwestafrika.

Nach Londoner Meldungen aus Kapstadt, die von Ein­geborenen dorthin gebracht wurden, soll Warmbad jn Deutsch-Südwestafrika von Eingeborenen eingenommen worden und die Garnison um gekommen sein.

Man wird allerdings gut tun, diese sensationelle Mel­dung unserer lieben Brüder von jenseits des Kanals vor­läufig mit einigem Mißtrauen aufzunehmen.

Tie Ermordung des Pfarrers Thöbes in Heldenbergen vor dem Schwurgericht.

(Unberechtigter Nacbdr. verboten.- H. F. Gießen, 6. Juni. Zweiter Tag der Verhandlung.

Der Andrang des Publikums ist. heute ebenso stark wie gestern. Die Angeklagten haben ihre bisher zur Schau getragene Ruhe in keiner Weise verloren.

Der Einbruch bei dem Pfarrer Hartleib und in die Kirche zu Klein-Schwalbach.

Heute wird zunächst Pfarrer Hart leib (Klein-Schmalbach) als Zeuge aufgerufen: Am Morgen des 9. November 1904 mackste ihm seine Schwester die Mitteilung, daß in die Kirche einge­brochen worden sei. Er habe sich eiligst angesieidet, s'V den Bürgermeister zu benachrichtigen. Sehr bald brachte ihm seine Schwester die Mitteilung, daß auch bei ihm eingebrochen sei. Es war alles in Unordnung. Alle Kästen waren erbrochen, ge­raubt waren etwa 30 Mark bares Geld, eine silberne Uhrkette und ein großes Tranchiermesser. Eine Gartenschere, die der oder die Einbrecher mitg.brachi hatten, war zurückgelassen worden. Bors.: Ist das diese Schere? Zeuge: Jawohl. Er sei alsdann mit dem Bürgermeister und Gendarm in die Kirche gegangen. Die Kirchentür war aufgebrochen. In der Kirche, ganz besonders auf dem Altar, lag alles in wüster Unordnung, der Opferkasten war erbrochen und der Inhalt geraubt. Aber auch die Sakristei war erbrochen und auch dort lag alles in wüstem Durcheinander. Aus der Kirche war der Mendmahlskelch gestohlen. Fräulein Julie Hartleib, Schwester des Vor­zeugen bestätigt diese Bekundung. Alle Schubladen waren heraus- gezogen und der Inhalt herausgerissen. Bors.: Sie wissen ganz genau, daß Ihnen ein großes Tranchiermesser entwendet worden ist? Zeugin: Ganz bestimmt. Bors.: Hudde, wo ist das Tranchiermesser geblieben? Angekl.: Ich habe fein Messer entwendet. Vors.: Sie geben doch zu, die Einbruchs­diebstähle in Klein-Schmalbach allein ausgeführt zu haben? Angekl.: Jawohl. Vors.: , Sie haben doch gehört, daß die Zeugen mit voller Bestimmtheit bekundm: es sei ihnen bei dem Einbruchsdiebstahl ein großes Tranchiermesser entwendet worden? Hudde: Ich habe kein Messer genommen. Vors.: Es wird alsdann ein Zeuge kommen, der bei Ihnen ein großes Tranchiermesser gesehen hat. Hudde: Ich habe niemals ein Tranchiermesser in meinem Besitz gehabt.

Die Orgien des Hudde.

Es erscheint danach als Zeugin die Prostituierte Wilhelmine Oster tag lKöln): Hudde habe sie Anfang November 1904 in später Abendstunde besucht und sich ungemein spendabel gezeigt. Er habe Sekt zum Besten gegeben. Am folgenden Tage seien sie ins Apollo-Theater nach der Schitdergasse gegangen. Dort habe sich Hudde sofort mit einer Tirolerin befreundet, für die ganze Tiroler Sänger-Gesellschaft Ehamvagner usw. spen­diert und Geld mit vollen Händen ausgegeben. Sie habe sich dadurch verletzt gefübll und sei nach .Hause gegangen.

Ein Freund des Hudde.

Ein eiter er Zeuge ist Schmied Hermann ftbele (nicht Abels- (Frankf. a. M.): Er befindet sich wegen vorsätzllcchrKörperverletzung in Strafhaft. Am 9 oder 10. Rovern ber 1904 habe er Hudde kennen gelernt. Da dieser ihm mitteilte, daß er nicht wisse, wo er schlafen solle, habe er ihn in feine Wohnung mitgenommen. Hudde habe gesagt: er heEe Oskar, der andere Name sei Neben­sache. Vors.: Haben Sie ayni Ihren Namen genannt? 77 Zeuge: Ich habe gesagt, ich heiß? Hermann, der andere Name ist Neben­sache. Am andern Tage tagte Hudde: Ich solle mit ihm kommen, er gehe zu katholischen Pfarrern, die haben viel Geld. Vors.: Was verstanden Sie darunter? Zeuge: Ich glaubte, der Mann sei Mitglied des katholischen Gesellenvereins und wollte katholische Pfarrer um Almosen bitten. Sehr bald schöpfte ich aber Verdacht und glaubte, er wolle katholische Pfarrer bestehlen, da er mir sagte, sein bisheriger Kollege sei in Mainz verhaftet worden; man habe ihm einen Revolver abgenommen. Außerdem sah ich bei Hudde em Messer mit dunklem Stiel und gelben Nieten. Die Klinge war in Papier eingehüllt. Vors.: Haben Sie die Klinge gesehen? Zeuge: Nein. Vors.: War es ein Tranchiermesser? Zeuge: Nein, es war kürzer. Vors.: Wie lang war es etwa? Zeuge: So lang wie ein Federhalter. Ich begleitete den Hudde, icb wollte aber schon auf der Zeil in Frankfurt umkehren, zumal es zu regnen anfing. Auf Zu­reden des Hudde ging ich aber noch ein Stück Weges mit ihm. Einige Tage darauf fragte mich das Küchenmüdel in der Wirt­schaft, wo ich Hudde kennen gelernt hatte, wo Oskar sei, er habe ihr versprochen, eine Ansichtskarte zu schreiben. Am 18. oder 19. November las ich in Zeitungen, daß Metzger Oskar Hudde verdächtig sei, den Pfarrer Th ödes in Heldenbergen er­mordet zu haben. Ich kam dabei, gleich auf den Gedanken: das kann der Oskar jein, der bet mir genächtigt hat. Dieser war Metzger, heißt Oskar und hatte auch, wie es in dem Steckbrief hieß, Sommersprossen. Ich meldete es auch sofort der PoliM. Am 20. Dezember 1904 wurde ich wegen Verdachts der Mittätern

schäft bei Ermordung des Pfarrers Thöbes verhaftet. Da tdj aber nachweisen konnte, daß ich in der Nacht, in der der tftorb ausgeführt war, in niemer Wohnung in Frankfurt geschlafen habe, wurde ich wieder fteigelassen. Vors.: Nun, Hudde, was war das für ein Messer? Hudde: Ich habe kein Messer bei mir gehabt. Vors.: Abele, sind Sie Ihrer Sache sicher? Zeuge: Ganz sicher, Hudde versetzte, als ich zu ihm sagte: Da hast Du ja ein Messer stecken: ,.Jeder Metzger führt sein Messer bei sich/' Vors.: Stimmt das, Sie haben davon bisher nichts gesagt? Zeuge: Das ist die volle Wahr­heit,^ ich habe bei Hudde außerdem einen.Revolver gesehen. Vors.: Sie sagten vorhin: Sie haben ein Messer bei Hudde stecken sehen, wo steckte das Messer? Zeuge: In der Hosentasche. Vors.: Sie haben also das Messer nur in der Hosentasche gesehen? Zeuge: Jawohl. Vors.: Dann können Sie auch nicht genau sagen, wie lang das Messer war? r Zeuge: 92ein. Fräulein Hartleib bemerkt auf Befragen des Vorsitzenden: Sie glaube mit Bestimmtheit, daß das vom Zeugen dlbele beschriebene Messer das ihnen gestohlene Tranchiermesser sei. Kriminalkommissar Daniel bekundet: Abele habe bei ihm zu Protokoll gegeben: Hudde habe zu ihm gesagt: Jeder Metzger hat sein Stichmesser. Bors.: Mele, ist das richtig? Abele: Es ist möglich, ich weiß es nicht mehr.

Der ehrliche Hudde.

Mele bekundet danach auf Befragen des Verteidigers R.-A. Dr. Jung: Er habe Hudde in seine Wohnung mitgenommen, da ihm dieser sagte, er habe für die Nacht keine Unterkunft. Angeklagter Hudde: Abele hat mich hauptsächlich mitgenommen, damit wir seine Wirtin bestehlen sollten. Mele: Das ist eine Lüge.. Hudde: Das ist doch wah^, ich 'wollte aber nicht stehlen. Abele: Das ist eine Lüge.

Wann ist Hudde in Frankfurt gewesen?

Gastwirt Funke (Frankfurt) bekundet: Hudde habe Anfang November 1904 in seiner Gastwirtschaft verkehrt, an welchen Tagen das war, könne er nich. sagen. Oberkellner Arthur Vunzel vom Taunus-Hotel in Frankfurt a. 9)2.: Er könne sich nicht erinnern, den Angeklagten jemals gesehen , zu haben, er wisse nur, daß am 9. November ein Mann im Taunus-Hotel gewohnt habe, der sich alsOtto Schneider aus Hagen" ins Fremdenbuch eingetragen habe. Danach tritt eine kurze Pause ein.

Aus Stadt und Aand.

Gießen, 6. Juni 1905.

Zum Huddeprozeß.

Die Zeugenvernehmung wurde heute fortgesetzt. handelte sich in der Vormittagssitzung im wesentlichen darum, die Angaben des Hudde bezüglich der drei Tage vor dem Heldenber'ger'Mord zu prüfen, da diesen Angaben Zeugen­bekundungen entgegenstehen, die feststellen, daß Hudde schon einige Zeit vor der Bluttat am Tatort war. Die Zeugen, die für den Frankfurter Aufenthalt des Zeugen gehört wur­den, haben nichts mit Bestimmtheit aussagen können, sodaß Hudde damit nichts geholfen ist und die Wahrscheinlichkeit für die Unwahrheit seiner Aussagen wächst. Sein Genosse während eines kurzen Aufenthaltes in Frank­furt, der Schmied Abele, hat bekundet, daß Hudde damals ein Messer in seiner Hosentasche trug, das mit dem bei einem Diebstahl in Klein-Schwalbgch gestohlenen Messer mit einem Messinggriff identisch gewesen sein könnte. Hudde bestreitet, ein Messer mit sich geführt zu haben.

Sollte dies aber der Fall gewesen sein, so wäre

dies insofern, von großem Interesse und von Wichtigkeit, da dann die Vermutung nahe steht, Hudde habe bei seinen Einbrüchen ständig mit der Möglichkeit gerechnet, überrascht zu werden nnd sei entschlossen gewesen, mit dem Messer zuzustechen. Später, bei seiner Verhaftung hat H. ein solches Messer nicht mehr bei sich getragen, und das Messer, mit dem Pfarrer Thöbes ermordet worden ist, war bekanntlich ein Küchenmesser. Wahrscheinlich hat der Raub­mörder, als er in den Zeitungen von seiner Verfolgung las, das frühere, wahrscheinlich gestohlene, Messer beiseite ge­schafft. Der interessanteste und wichtigste Teil der Ver­handlung, die Bekundungen Sachverständiger über die an der Kleidung des Hudde festgestellten Blutspritzer, stehen noch bevor. ' Der Angeklagte sieht laUem scheinbar mit der größten Ruhe entgegen. Doch, wer imstande ist, bei einem nächtlichen Raubzug durch ein Pfarrhaus und eine Kirche in der fremden Küche Licht anzuzünoen und nach den gestrigen Zugeständnissen des Hudde selbst über eine halb e Stun d e gestohlene Nahrungsmittel zuessenund bis zur Trunkenheit zu trinken, dem kann es ja wohl an Kaltblütigkeit nicht fehlen. Der Gerichtssaal ist auch heute mit Zuhörern und Zuhörerinnen dicht besetzt.

*

** Der Schneiderstreik ist beendet! Das ist das erfreuliche Ergebnis der Münchener Verhandlungen. Am gestrigen Montag haben dort, wie uns gemeldet wird, vier­stündige Verhandlungen zu einer Einigung geführt! Dem Prinzip der strikten Durchführung des von bent Beratungs- ausschusse der Arbeitgeber in Leipzig sind die Vertreter des Arbeitgeberverbandes, die Herren Schambeck und Höfer, in ihren Diskussionen mit dem Vertreter der Zentralleitung der Gehilfenorganisation in Berlin, Herrn Stühmer, treu geblieben. Das in München abgeschlossene Abkommen lautet wörtlich folgendermaßen:

1) In Gießen wird der erhöhte Tarif der Arbeitgeber ge« werbegerick'tlich feflgelegt, der hiermit mit folgenden drei Aender- imgcit seitens des Zeutralvorstands des dlllgememetc Deutschen Arbeitgeberverbandes für das Schneidcrgewerbe und des Zentral- vrrftandes des Verbands der Schiieider und Schneiderinnen aner­kannt wird:

a) Für die Hose mehr 20 Pfg. in der 2. Klasse.

b) Für die schwarze Wefte mehr 20 Pfg. in der 2. Kl- c) Für die Stunde 35 Pfg.

Bemerkungen: Bisher von einzelnen Firmen höher bezahlte Löhne werden ausnahmslos weiterbezahlt und festgelegt.

2) Der Verband der Schneider und Schneiderinnen, hebt dem­gemäß den Streik in Gießen und sämtliche Solidaritätsstreiks auf; der Allgemeine Deutsche Arbeitgeberverband für das Schnei­der-Gewerbe beendigt die, von ihm verfügten Aussperrungen gleichzeitig. Die beiderseitigen Reverse sind damit hinfällig.

3) Maßregelungen finden nicht statt.

4) Die Arbeit wird spätestens Mittivoch fr üb aufgenommen.

5) Mit Ausnahme abgereister Gehilfen sprechen die Gehilfen wieder bei der Firma vor, bei der sie vor der Bewegung beschäftigt waren.

Der Ausgang des Streikes bedeutet un Wesentlichen einen Sieg der Arbeitgeber. Die Gehilfen haben das an­genommen, was ihnen bereits vor 3 Wochen ohnehin ge­boten war. Die Forderung der Gehilfen, man möge auf die Anfertigung von Hosen und Westen eine kleine Tariferhöhung bewilligen, ist das'Einzige, was den Gehilfen erfüllt worden ist und was ihnen, wie wir bereits in unserer Nummer vom 30. v. Mts. mitteilten, vor mehreren Tagen bereits zugesagt worden war. Der Einigkeit der Arbeitnehmer hat die Einig­keit der Arbeitgeber mit gleicher Entschiedenheit und Kon­sequenz gegenübergestanden. Auch dieser Ausstand hat ge­zeigt, wie notwendig das Zusammenschließen der Arbeitgeber