Alnbcredjt. Nachdr. verboten^
H.
F. Gießen, 5. Juni.
Die Ermordung des Pfarrers Thöbes m Heldcnbergett vor dem Schwurgericht.
fragt der Vorsitzende den haben Sie uns vollständig
(Fortsetzung.)
Mich Wiede-reröffnung der Sitzung Zfngcflagten Dudde: Nun Angeklagter.
: guten Verlauf wünschte. Der vorgeschrittenen Zett wegen mußte die Sitzung unterbrochen werden, um den von Privatdozent Dr. Schmidt im physikalischen Institut vorbei reiteten Experimentalvortrag über „die physikalische Grundlage der drahtlosen Telegraphie" zu hören. Dr. Schmidt hat es in vorzüglicher Weise verstanden, die elektrischen! Schwingungen zu veranschaulichen, wobei die im Freien vorgeführte eleltr. Klingelbatterie ohne Draht ganz, besonderes Interesse hervorrief, sodaß Dr. Schmidt von den aus 140 Personen bestehenden Zuhörern reichen Beifall erntete. Dem Vortrag schloß sich ein Festessen im Neuen Saalbau an, bei welchem u. a. auch die erschienenen Gäste der techn. Vereine aus Wetzlar und Marburg begrüßt wur> den. Nach dem Essen wurden die Verhandlungen des Bezirkstages wieder ausgenommen und von den Nichtdaranbeteiligten der geplante Ausslug nach den: Philosophenlvald angetreten. Unter zahlreicher Beteiligung ist das Fest abends im Neuen Saalbau bis zum Tagesanbruch beendet worden. So nahm die vom besten Wetter begünstigte Veranstaltung einen fröhlichen Verlauf, auf welchen der Technische Verein Gießen mit Zufriedenheit zurückblicken kann.
** Der evangel. Arbeiterverein hatte vorgestern nachmittag eine Führung durch unfern botanischen Garten veranstaltet. Prof. Dr. Hansen geleitete unter Assistenz von Inspektor Rehnelt die zahlreich erschienenen Teilnehmer durch alle Teile des Gartens und durch die Gewächshäuser. Er gab eingehende Erläuterungen und gestaltete dadurch die Besichtigung zu einem seltenen Genuß.' Diejenigen, welche den Garten lange nicht besucht hatten, waren erstaunt über die Umwandlung der letzten Jahre. — Der Garten bildet jetzt eine Haupt-Sehenswürdigkeit unserer Stadt, — Natur- und Pflanzenfreunde kommen, um sich hier Stundenlang zu erfreuen. Wie schön sind die Anlagen für Felsenpflanzen und der Alpengarten mit seinen zahlreichen Blüten. Diese Abteilungen wie auch die Sammlungen von Kakteen und von fleischfressenden Pflanzen sind reichhaltiger als z. B. die im Frankfurter Palmengarten. Große, schöne Palmen und andere tropische Pflanzen stehen teils im Freien,, teils in den Gewächshäusern. Prächtige Farrengruppen im, im Garten und tropische Farren im Urwald des alten Gewächshauses erfreuen den Liebhaber. — Nun ist seit einem Jahr auch der Warmteich mit einer Viktoria Regia zu sehen, welche diesen Nachsommer zum zweiten Mal ihre Blütenpracht entfalten wird. Für den Besuch des Gartens ist kein Abonnement, kein Eintrittsgeld erforderlich. Für jeden Pflanzenfreund ist der Garten täglich bis zum Abend, Sonntags von 9—12 Uhr geöffnet.
N Vogelsberger Höhenklub. In Ergänzung deS Berichtes über die Generalversammlung des Vogelsberger Höhenklubs sei noch mitgeteilt, daß der vom Zweigvereiw Taufstein gestellte Antrag, einen jährlichen Beitrag vorp 1 Mark pro Mitglied seitens der Zweigvereine an die Baukasse zur Beschleunigung der Errichtung des geplanten Bismarckturmes abzuführen, nicht angenommen wurde. Die Ausführung dieses schönen Unternehmes ist hier» durch auf weitere unbestimmte Zeit wieder verschoben worden. — Bemerkt sei auch noch, daß ein Zweigverein Gießen nicht besteht, sondern ein Zweigverein Taufstein, der mit dem hiesigen V. C. (Vogesen-Club) verbunden ist.
** Sommerwohnungen. Das von dem hessischen gemeinnützigen Verein zur Vermittlung von Land- und Kuraufenthalten für 1905 aufgestellte Verzeichnis von Sommerwohnungen im Odenwald, Vogelsberg und benachbarten Gebieten (Main- und Neckartal) ist erschienen und wird jedem Interessenten von dem Geschäftsführer des Vereins, Herrn Harth in Darmstadt, Wilhelminenstraße 34, unentgeltlich zugesandt. Das Heft ist 10 Bogen stark und enthält Sommerwohnungen für alle Bedürfnisse mit Preisangabe. Die Orte des Odenwalds und Vogelsbergs sind gesondert und alphabetisch geordnet. Ein Inhaltsverzeichnis gibt Aufschluß über die Badeorte mit Heilquellen, Mineral- und Salzquellen, Luftkurorte mit größeren Hotels und Anlagen, Hühenorte, Orte, die im Wald, oder dicht om Wald liegen, sowie Villen- 'olonien. Eine ausgezeichnete Eisenbahnkarte des in Betracht kommenden Gebietes erleichtert die Bcstimniung des Reisewegs nach den einzelnen Kurorten. Allen Erholungsbedürftigen sei da§ Merkchen bestens empfohlen.
-r- Reiskirchen, 4. Juni. In altüblicher Weift r'ierte der Gesangverein „Harmonie" auf dem schönen Kirschberg am Norn den Himmelfahrttag. Der Dirigent deS Vereins hielt eine tiefreligiöse, packende Ansprache. Der Redner hob u. a. hervor, daß der Mensch öfters Erinnerung an das Erhabene bedürfe, und daß diese nirgends so laut und deutlich geschähe, als in der freien Natur, wo jedes Blümchen des Feldes vom Dasein Gottes zeugt, daß darum der Bauer eine der edelsten Beschäftigungen habe.
p. Leun, 5. Juni. Das Wohnhaus und eine Scheune des Heinrich Keller sowie eine Scheune und ein Stall des Peter Seibel von hier wurden gestern in später Abendstunde eingeäschert. Auch die Erntevorräte ver^ brannten. Mehrere Feuerwehren waren schnell zur Stelle. Die Entstehungsursache des Feuers ist nicht bekannt.
Bad-Nauheim, 4. Juni. Folgende Unter-, Haltungen finden in dieser Woche statt: Mittwoch nachmittags und abends aus der Terrasse Konzert der Kurkapelle. Abends Theatervorstellung: „Unter vier Augen." „In Zivil." Dazu Ballet-Einlagen von Frl. Emma Dathe, Frl. Lucie Dertz. Donnerstag nachmittag auf der Terrasse Konzert der Kurkapelle. Abends Konzert der Kapelle des Kurhess. Jäger- Bataillons Nr. 11 aus Marburg. Abends im Saale Tanz. Freitag nachmittags und abends aus der Terrasse Konzert der Kurkapelle. Abends Strauß-Konzert. Abends Theater- Vorstellung: „Goldfische." SamstagnachnüttagsundabendS auf der Terrasse Konzert der Kurkapelle. Abends im Saale Zauber-Vorstellung des Hofkünstlers Meunier-Sölar auS Frankfurt a. M. Sonntag den 11. und Montag den 12. Juni (1. und 2. Pfingstfeiertag): Konzerte der Kapelle des 5. Großh. Hess. Infanterie-Regiments Nr. 168 auS Offenbach.
p Wetzlar, 4. Juni. Im nahen Bon baden er* trank gestern an einer tiefen Stelle des Solmsbaches die Dienstmagd Karoline Watz von dort. Das bemitleidenswerte Mädchen wollte Weiden schneiden und war dabei ausgerutscht. Morgen hätte die 'Arme ihr 20. Lebensjahr vollendet.
Wiesbadens. Juni. HerzogErnst von Sachsen- Altenburg bat heute seine Kur in Ems beendigt. Er
die Wahrheit^ gesagt? —. Angell.: Jawohl. — Bors.: Wissen Sie, wie dieser Willy mit fernem Familiennamen hieß? — Angell. : Ich wußte nur, daß er mit Vornamen Willy hieß. — Bors.: Wußte er Ihren Namen? — Angell.: Er nannte mich Oskar. — Vors.: Ihren Familiennamen kannte er auch nicht? — Angell.: Nein. — Bors.: Sre wollen dem Willy begegnet fern, als Sie etwa zehn Minuten lang die Hanauer Chaussee entlang gegangen waren? — Angell.: Jawohl. — Vors.: Wie kam es, daß Sic früher gesagt haben: Kaum hatten Sie Frankfurt verlassen, da begegneten Sic dem Willv? — Angell.: Das stimmt doch mit meinen Angaben. — Vors.: Wie erklären Sie es, daß Willy, der Ihnen cntgcgcnkam, sich sofort entschloß, umzukehren?
Angell.: Ich fragte ibn, ob er genecht sei, mit mir rn katholische Pfarrhäuser cinzubrcchcn — Vors.: Und da crllärtc sich Willv sofort einverstanden? — Angell.: Jawohl. — Vors.: Machten Sic nun den Vorschlag, nach Heldenbergen zu gehen? — Angell.: Nein, diesen Vorschlag machte Willy. — Vors.: Was war dieser Willy? — Angell.: Das weiß ich nicht. — Vors.: WaS sprach Willy für einen Dialekt? — Angell.: Er sprach deutsch. — Vors.: Des will ich schon glauben, ließ seine Aussprache auf einen Süddeutschen oder auf einen Norddeutschen schließen? — Angell.: Man könnte ihn eher für einen Süddeutschen halten, ich glaube, er war aus der hiesigen Gegend. — Auf ferneres Befrckgen bemerkt der Angeklagte: Er habe auch vor dem Einbruch r bei dem Pfarrer Thöbes in Hcldenbergcn bei einigen Metzgcrmeistcrn angcsprochen. — Vors.: Weshalb taten Sie das, Sie hatten doch noch Geld? — Angell.: Das ist im Metzgerhandwerk so üblich. — Vors.: Sprachen Sic direkt um Unterstützung Wn? — Angell.: Nein, cs ist bei den Metzgern üblich, um Arbeit nachzufragen. Wenn cs keine Arbeit gibt, dann erhält man vom Meister ein Gesenk. — Vors.: Was für ein Geschenk? — Angell.: Entweder Geld oder Wurst. — Bors.: Sie sagten vorhin, Sie hatten die Absicht, sobald der Pfarrer aufwacht, davonznlaufen. — Angell.: Jawohl. — Vors.: sie trugen aber Ihren geladenen sechsläufigen Revolver bei sich. —-Angell.: Jawohl. — Vors.: Sie sagten vorhin, als der Pfarrer ,,Au" schrie, erschraken S.^ derartig, daß Sie nicht sprechen konnten. — Angell.: Ja. — Vors.: Weshalb erschraken Sic?
Angell.: Weil ich befürchtete, Willv habe etwas Unrechtes getan. — Vors.: Was meinten Sie damit, glaubten Sic, Willy habe den Pfarrer beschimpft? — Angell.: Nein. — Vors.: Drücken Lie sich einmal ganz deutlich aus, was dachten Sie, was Willy getan hat? — Angell.: Ich war der Meinung, Willy habe den Pfarrer ermordet. — Vors.: Sie haben aber früher gesagt: ich wollte auf den Pfarrer zuspringen, um ihn zurückzudrücken. Willy sagte aber: Vlcib mal, cs ist schon alles vorüber. Danach schienen Sie doch die Absicht gehabt zu haben, sich an der Ermordung des Pfarrers zu beteiligen? — Angell'.: Das wollte ich nicht, der Pfarrer war ja schon tot. — Vors.: Einen Toten braucht man doch nicht zurückdrücken. — Angell, schweigt. — Vors.: Wie kommen Sie über die Aeußcrung hinweg: „Als der Pfarrer ,,Au" geschrieen hatte, drebtt ich mich um und wollte hinzu- sprürgcn, um den Pfarrer zurückzudrücken." — Angell.: Ich weiß — Bors.: Wim es in dem Zimmer des Pfarrers hell? Angell.: Nein, Willy brachte eine Petroleumlampe aus der Küche, Kündete sic an und sagte: Nun bleib hier, es ist doch alles vorüber, jetzt wollen wir Geld suchen. — Der Vorsitzende halt dem Lkngellagten verschiedene Widersprüche vor. Letzterer bemerkt: Er habe sich vielleicht falsch ausgedrückt. — Bors.: Sie haben wiederholt gesagt: Sic wollten, als der Pfarrer „Au" ichrie, auf ihn zuspringen, um ihn zurückzudrücken, veute sagen Sie, Sie seien so erschrocken, daß Sie kaum sprechen konnten. — Angell.: Zunächst war ich allerdings erschrocken. — Sie wollen also sagen: S'e waren nur einen Augenblick erschrocken? — Angell.: Jawohl — Auf ferneres Befragen bemerkt der Angeklagte: Sic haben in dem Pfarrhause in Hclden- bergen einige hundert Marl bares Geld, 1 goldene Uhr mit Kette, 1 silberne Uhr mit Kette und einen Revolver geraubt. — Bors.: Weshalb trennten Sic sich von Willy? — Angell.: Ich hielt das für besser. — Vors.: Sie verabredeten aber, sich mit Willy auf dem Frankfurter Hauptbahnhof zu treffen? — Angell. : Fch wollte wissen, wo dieser Willy wohnt, wie er heißt, damit ich mich an ihn halten kann — Vors.: Ich denke, Willy war nn Handwerksbursche? — Angell.,: Er hatte aber in Frankfurt Beziehungen zu einem Mädchen: ich wollte zum mindesten wissen, wo dies Mädchen wohnt und wie es heißt. — Vors.: Weshalb wollten Sie das wissen? — Angell.: Ich wollte wissen, wenn die Lache herauskommt, an wen ich mich zu halten habe. — Der Angeklagte erzählt danach weiter: Er sei alsdann von Frankfurt nach Köln, von dort nach Kalkar danach nach Norrath gegangen. Dort habe er wiederum einen Einbruchsdiebstahl im katholischen Pfarrhaufe verübt und 200 Mark geraubt. Er sei danach das Rheinland durchwandert und schließlich nach A a ch en gekommen. Tort sei er am 9. Januar 1905 in einer Herberge verhaftet worden. — Vors.: Sie behaupten, Heldenbcrgen nicht gekannt zu haben, nur Willy habe die Gegend gekannt? — Angell.: Ja- 1 wohl. — Es tritt daraus die Mittagspause ein.
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Als gegen 3y_> Uhr nachmittags die Sitzung wieder eröffnet wird, ist, trotz einer geradezu afrikanischen Hitze, der Zuhörerraum und die, Galerie Kopf an Kops gefüllt. Ganz besonders zahlreich ist die Damewvelt vertreten.
Fortsetzung des Verhörs des Angeklagten Hudde.
Vors.: Angeklagter Hudde, in welchem Umfange haben Sie । jtadj Ihrer Verhaftung ein Geständnis abgelegt? — Angekl.: Ich 1 habe alle Diebstähle sofort zugestanden. — Vors.: Sie haben ■ zunächst den Einbruchsdiebstahl in Klein-Schwalbach geleugnet. Weshalb haben Sie das getan? — Angell.: Das weiß ich nicht. — Vors.: Haben Sie nicht gesagt: Sie seien im November in ' Luxemburg gewesen? — Angekl.: Jawohl. — Vors.: Weshalb । haben Sie das getan? — Angekl. Ich hatte die Absicht, bet dem Herrn Oberstaatsanwalt die volle Wahrheit zu sagen. Da der Herr Oberstaatsanwalt mir aber auf, den Köpf zusagte: ich sct 1 der Mörder, habe ich gesagt: ich bin im November in Luxemburg gewesen. — Oberstaatsanwalt: Der Angeklagte hat nach seiner । Verhaftung in Aachen dieselben Angaben wie bet mir gemacht. — ■ Angell.: Das ist richtig, ich hatte aber die Msicht, bet dem ‘ Herrn Oberstaatsanwalt die volle Wahrheit zu sagen.
Die Mordwerkzenge und die geraubten Sachen.
Vor dem Richtertisch steht eine Kiste. Der Vorsitzende zeigt t dem Angeklagten Hudde eine große Schere, ein großes Brotmesser, ein großes Tranchiermesser, einen Stoßdegen, einen Re- 1 volver, einen Meißel, mehrere Uhren, Ketten usw. Der An- ' geklagte erkennt die Sachen zumeist als dte seinigeu bezw. als i die von ihm geraubten an: den Meißel habe er bet Höchst a. M. i gefunden.
Vernehmung des Angeklagten Walter. ,
Danach wird der Angeklagte, Zuschneider Otto Walter ver- ; kommen. Dieser ist etwas Heiner und viel schwächlicher als Hudde. , Er macht, obwohl er bereits 27 Jahre alt ist und einen blonden , Schnurrbart hat, einen fast knabenhaften' Eindruck. Er bemerkt 1 aus Befragen des Vorsitzenden: Er sei am 11. November 1876 * zu Naugard in Pommern geboren und evangelischer Konfession. Er ■ habe das Schneiderhandwerk erlernt und in mehreren Städten 1 Pommerns, in Berlin, Magdeburg usw. gearbeitet. Er habe sich i einen Meißel gekauft, um ihn vopkommcndcn Falles zu b-nutzen, i — Vors.: In welcher Weise wollten Sie den Meißel benutzen? - Ein Meißel ist doch kein Instrument, das ein, Schneider nötig , hat. — Angell.: Man kann ihn doch vielleicht einmal g-braueben. ( — Bors.: Sie kauften sich auch einen Revolver? — Angekl.: Jawohl. — Vors.: Was wollten Sie mit dem Revolver machen? ' — Angekl.: Ich wollte unterwegs schießen. — Vors.: Kauften - Sie sich den Revolver nicht, um eine Waffe bei Begehung
Aus Stadt und Land.
Gießen, 6. Juni 1905.
•’ Personalien. Am 31. Mai d. I. wurde der Steueraufseher bei dem Hauptsteueramt Gießen Ludwig Fink zu Gießen unter Anerkennung seiner mehr als fünfzigjährigen treu geleisteten Dienste auf sein Nachsuchen in den Ruhestand versetzt. — In den Ruhestand versetzt wurden erner der Schullehrer an der Gemeindeschule zu Bad-Nauheim Müller auf sein Nachsuchen, unter Anerkennung seiner angjährigen treuen Dienste, der Zeichenlehrer an der Volkschule zu Darmstadt Kuhlmann auf sein Nachsuchen, cben- alls unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste. — Ernannt wurde der Vizewachtmeister und Oberfahnen- schmied im Feld-Artillerie-Regiment Nr. 25 Beifuß zum Amtsgerichtsdiener bei dem Amtsgericht Groß-Umstadt.
•* Personalveränderungen der P o st. S. K. H. der Großherzog haben dem Landbriefträger Hebbel in Ortenberg beim Scheiden aus dem Dienste das Hessische Allgemeine Ehrenzeichen mit der Inschrift „für langjährige treue Dienste" verliehen. — Angenommen sind als Postgehilfen: die Realschüler Burk in Grünberg, Strudel in Heldcn- bergen, Jungblut, Senßfelder und der Realgymnasiast Nicolai in Gießen und der Chemikerlehrling Moog in Gedern. Zum Postagenten: der Landwirt Jakob Schneider in Eschenrod. Freiwillig ausgeschieden sind: die Telegraphengehilfinnen Brill in Gießen und Werke in Mainz.
** Internationales Stundenrennen um den Großen Preis von Gießen. Man schreibt uns: Zu dem am Pfingstmontag stattfindenden internationalen Stundenrennen um den Großen Preis von Gießen (Mk. 600 bar) ist der Neger Vendredi fest verpflichtet. Vendredi gewann zweiinal die Meisterschaft von Amerika; in diesem Jahre gewann er in Deutschland die großen Preise von Brandenburg und Magdeburg sowie das goldene Rad von Crefeld. Wie eine Katze (?) sitzt der Neger aus seiner Maschine und folgt mit spielender Leichtigkeit dem mörderischen Tempo seiner schweren 14 hp Motorschrittmachermaschine.
**Der 17. Bezirkstag dermittelrh. Bezirksverwaltung des deutschen Technikerverbau- d e s tagte am Sonntag den 4. d. M. in Gießen. Um 11 Uhr wurde die Gesamtvorstandssitzung im Kgiserhof vom Vorsitzenden, Architekt P sann stiel mts Frankfurt a. M., eröffnet, indem er die Vertreter der technischen Vereine aus Frankfurt a. M., Mainz, Worms, Wiesbaden, Hanau, Offenbach, Fulda ünd Gießen begrüßte. In dieser Sitzung wurden interne Verbandsangelegenheiten behandelt, welche in der um l?1/^ Uhr im Neuen Saalbau eröfftieten, von rund 70 Mitgliedern besuchten Bezirksversammlung zum Beschluß erhoben wurden. Den Verhandlungen wohnte u. a. auch Provin?naldirektor Geheimrat Dr. Breid er t bei, bereinige Worte an die Versammlung richtete, indem er den Bestrebungen des deutschen Technikerverbandes großes Interesse entgegenbrachte und den Verhandlungen einen
von Einbpiichsdicbstäblcn zu haben? — Angell.: Nein. — Dcr Angeklagte erzählt danach weiter auf Befragen des Vorsitzenden: Er sei mehrfach wegen Unterschlagung und Diebstahls in Magdeburg und Berlin bestraft. Er sei alsdann auf die Wanderschaft gegangen. Im Oktober 1904 habe er in Ludwigshafen Hudde kennen gelernt. Letzterer habe ihm den Vorschlag gemacht, mit ihm in katholische Pfarrhäuser und kathollischc Kirchen einzu- brcchcn. Er habe sich damit einverstanden erklärt. Einige Wochen darauf fei er verhaftet und wegen der Einbruchsdicbstählc in Heppenheim und Wissen von der Strafkammer zu Neuwied zu IV2 Jahren Zuchthaus verurteilt werden. Er fei darauf in Weiden (bayerische Pfalz) wegen Einbruehsdiebstahls zusätzlich zu 6 Monaten Zuchthaus verurteilt worden. Danach sei er nach Hof in Bayern wegen Verdachts eines weiteren Einbruchsdiebstahls transportiert worden. Am vergangenen Montag sei er deshalb frcigesprochen worden. — Oberstaatsanwalt: Mir ist berichtet worden, daß die Verhandlung in Hof nur vertagt worden ist.
Zeugenveruehmung.
Es beginnt darauf die Zeugenvernehmung. Zunächst wird Kriminalkommissar Daniel (Darmstadt) als Zeuge aufgerufen. Dieser bekundet: Als d-'e Darmstädter Polizei von dem Ein- brnchsdicbstahl in Heppenheim benachrichtigt »vurde, habe er sich sofort nach Heppenheim begeben. Er habe sofort die Ucbcrzeng- img erlangt, daß die Tat von profesfioniertcn Einbrechern ans- gcführt worden fei. Es fei sehr bald bekannt geworden, daß her Metzgergeselle Oskar Hudde mit einem Komplizen die Landstraßen in Oberhessen durchziehe und cs sich zur Spezialität gemacht habe, in katholischen Pfarrhäusern und katholischen Kirchen cin- zubrcchen. Als die lüeilcre'n EinbruchsdiebstäUe, ganz besonders ober der Mord iit Hcldcnbergen angezeigt wurde, habe er es fofort für zweifellos erklärt, daß ,Hudde der Täter fei. Die Diebstähle warm alle ganz gleichmäßig ausgcführt. Ueberall wurde das, was in der Küche war, gegessen uni) getrunken. Es wurde onßcrdeni fcstgestellt, daß Hudde am ?lbcnd des 11. November 1904 zwei Stunden ans dem Bahnhof in Hcldcnbcrgm gesessen habe.
Tie Beschuldigung des Walter gegen Hudde.
Im weiteren Verlauf der Vern hmung^ bemerkt Kriminalkommissar Daniel: Nachdem der Mord in Hcldenbergcn bekannt wurde, habe ich den Angeklagten Walter in Wipperfürth vernommen. Walter wünschte eine möglichst genaue Beschreibung des Pfarrhauses in Hel den der gen. Nachdem ich dies getan, versetzte Walter: Wenn die Lage des Pfarrhauses eine solche ist, dann wird cs wohl Hudde gewesen sein. Hnddc sagte einmal zu mir: Wenn bei einem Einbr u ch einmal jemand hinzu- kommen sollte, dann gehe bit nur fort, i ch werde a l s d a n ii mit dem Kerl schon fertig werden. (Große Bewegung im Zuhörerraum.) — Vors.: Angell. Walter, treten Sie einmal vor, haben Sie das zu dem Herrn Kommisar gesagt? — Angell.: Jawohl. — Vors.: Was mag Hudde damit gemeint haben? — Walter: Ich nahm an. er wollte den Hinlzu- kommenden verbauen. — Vors.: Sind Sic nicht der Meinung, daß Hudde die Msicht batte, den Hinzukommenden totzuschlagen? — Walter: Nein. — Vors.: Ist cs richtig, daß Hudde Jlmen einmal den Revolver auf die Brust gesetzt und Ihnen gedroht bat. Sic zu erschießen, weil Sic ihn beschuldigt hatten, Ihnen 500 Mark entwendet zu baben? — Walter: Darüber verweigere ich die A ii s s a g e.
Hudde bemerkt auf Befragen des Vorsitzenden: Wir hatten uns einmal, als wir kurz vor Garbcck waren, gekabbelt, aber nicht wegen Geld. Ich sagte zu Walter: er sollte seiner Wege gehen, ich könne ihn ilicht gebrauchen. (Heiterkeit i'm Zuhörerraum. ) Er kam mir aber nach. Ich sagte zu Walter: wenn er nickt fortgeh?, werde ich ihn erschießen. Ich zog darauf meinen Revolver und schoß auf einen Baum. Tas war alles. — Vors.: Ist es richtig, daß Sic zu Walter gesagt haben: Wenn jemand einmal bei einem Einbruch kommen sollte, da soll er nur fort* gchen, Sie würden mit dem Hinzukommenden schon fertig werden? — Hudde: Das ist richtig. — Vars.: Es müßte Ihnen doch aber gerade angenehm sein, daß Sie einen Gehülfen bei ich haben, wenn Sie überrasch^ werden. — Hudde: Der schwächliche Walter konnte mir gar nichts nützen. — Es werden danach noch mehrere Zeiigcn über die Einbruchsdiebstähle vernommen. Alsdann wird die Verhandlung auf Dienstag vormittags 9 Uhr vertagt.
(Fortsetzung im Zweiten Blatt.)


