Ausgabe 
5.6.1905 Zweites Blatt
 
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zog sich die griechisch-mazedonische Truppcnabteilung zurück und stieß auf eine andere türkische Abteilung, mit der sie sich in ein Gefecht verwickelte. Der Führer der ersteren, CodraZ, und der Unterführer ZogiaS wurden getötet.

Aer Krieg.

v-ever die Gefangennahme de8 Admirals Noschdjestwensky werden folgende Einzelheiten bekannt: Nachdem die japani­schen TorpedobootszerstörerSadzanani" undKagero" während der Nacht des 27. Mai herumgesucht hatten, ent­deckten sie zwei russische Torpedobootszerstörer, von denen der eine fortdampste, der andere manöverierunsähig war. Beim Näherkommcn wurde bei letzterem Fahrzeug am Fockmast die weiße Flagge, hinten die Notekreuzflagge erkannt; dies war derBiedowy^ mit RoschdjestwenZky und seinem Stab an Bord. DerBiedowy" signalisierte, daß die Maschinen un­brauchbar, Kohlen und Wasser knapp seien. Es wurde eine bewaffnete Wache behufs Entgegennahme der Uebergabe au Bord geschickt. Die Nüssen baten die Japaner, den Admiral und andere wegen ihrer Wunden nicht weiter zu transpor­tieren. Das Gesuch wurde gewährt mit der Einschränkung, daß die Wachtmannschaft Befehl erhielt, den Admiral zu töten, wenn der Aufenthalt der Boote dazu führen würde, daß man andere russische Schiffe träfe und dadurch die Gefahr der Rückeroberung desBiedowy" durch die Ruffen entstünde. DerBiedowy" wurde dann von der Sadzanami" geschleppt, wobei zweimal das Schlepptau brach. Am Morgen traf man dann den japanischen Kreuzer Akaschi", der die Boote nach Sasebo geleitete. Es stand schwere See während dieser Fahrt, sodaß die Decke immer unter Wasser waren.

Von den weiteren Gefangenen.

London, 3. Juni. Nach Meldungen aus Japan soll 6er Kais er von Japan Befehl gegeben haben, den Admiral Nebogatow freizulassen, damit er dem Zaren Bericht über die Schlacht und eine vollständige Liste der russischen Verluste überbringen könne.

Petersburg, 3. Juni. Die japanische Regierung hat die in Gefangenschaft geratenen russischen Offiziere der genommenen Schiffe dem französischen Konsul in Naga­saki zur Verfügung gestellt, nachdem sie ihr Ehrenwort ge­geben, am Kriege nicht mehr teilzunchmen. Sobald seitens der russischen Regierung die Erlaubnis gegeben ist, sollen die Offiziere in ihre Heimat zurückkehren.

Tokio, 3. Juni. Die Offiziere desOrel* lehnten es ab, die Frcilaffung auf Ehrenwort anzunehmen. Es wurde ihnen ein weiterer Tag zur nochmaligen Ueberlegung der Angelegenheit gewährt.

Verwundete und Tote.

London, 3. Juni. Die beiden HilfskreuzerNippon^ undHongkong Maru" suchten die See nach Ertrinkenden ab und brachten gestern 60 0 Gerettete nach Sasebo. An der Küste werden noch überall Leichen angetrieben, auch schwimmen noch immer erschöpfte, zum Teil auch verwundete Seeleute heran, für die ausgiebig gesorgt ist. Das Marine­hospital in Sasebo ist überfüllt. Rösch djestwenski hat ein besonderes Abteil für sich erhalten und wird von japanischen Chirurgen besonders fürsorglich verpflegt, er ist von Granat­splittern an der Stirn und leicht im Rücken, ebenso wie an der rechten Hüfte und am Schenkel verwundet. Er sieht blaß und überarbeitet aus, ist aber zu den Aerzten, die ihn her­zustellen hoffen, außerordentlich höflich. Sein Stabschef Kriafkorow ist leicht verwundet.

Schanghai, 4. Juni. (Reuter.) Ein von dem eng­lischen DampferKueilin" ins Schlepptau genommener russischer Torpedojäger hatte 180 Mann an Bord, in welcher Zahl die Besatzungen von drei anderen Schiffen einbegriffen sind. Der Torpedojäger war seit 6 Tagen mit dem Strome getrieben, ohne dem Steuer zu gehorchen. Die auf demselben befindlichen Lebensmittel waren fast vollständig aufgezchrt. Die Besatzung wurde nach Wusung auf ein russisches Transportschiff gebracht.

Fölkersahm f.

; Es wird bestätigt, daß Admiral Fölkersahm vier Tage vor Beginn der Schlacht an Magenkrebs gestorben ist. Roschdjestwensti befahl, wenn der Tod eintrete, der Flotte keine Mitteilung zu machen, auch nicht die Flagge herunterzulassen, sondern ihn nur durch ein verabredetes Zeichen zu benachrichtigen. Infolgedessen wußte nur die Bevölkerung des Schiffes den Tod des Admirals. Fötker- sam sprach vor seinem Tode den Wunsch aus, daß sein Leichnam nach Rußland überführt werde.

Russische Disziplinlosigkeit.

Ausführliche Drahtungen eines Mailänder Blattes aus Tokio bestätigen, daß die Mannschaften zahlreicher russischer Schiffe den Befehlshabern den Gehorsam verwei­gerten.

Auf dem Kriegsschauplatz soll ein Auf st and unter den Offizieren und Mannschaften ausgebrochen sein. Angeblich mußte Linewitsch mehrere Offiziere erschießen lassen, weil sie aufrührerische Pro­klamationen unter die Soldaten verteilen ließen.

Amerika interniert russische Schiffe.

Manila, 3. Juni. (Reuter.) Die russischen Kreuzer Awrora", ,-Oleg" undSchemtschug", unter dem Ober­befehl Enquist's, der sich an Bord derA w r o r a" befindet (Dieser Admiral ist also nicht ertrunken!), sind in, der Manila-Bucht eingetroffen. Die Schiffe sind be­schädigt; von der Besatzung sind viele verwundet.

Manila, 4. Juni. (Reuter.) Die Verluste der drei hier eingetroffenen Schiffe betragen an Toten 22 Offiziere und 45 Mann, an Verwundeten 4 Offiziere und 131 Mann. Die Schiffe scheinen unter der Wasserlinie beschädigt zu sein. Die Schornsteine waren durchlöchert und viele Kw- nonen unbrauchbar gemacht. Alle russischen Offiziere er­klären, daß die Iraner sich einer großen Zahl Untersee­boote bedienten, mit deren Hilfe Verwirrung verursacht und die russische Niederlage besiegelt wurde. Admiral Eng ui st ist n i ch t v e r w u n d e t. Er mußte das Admiralschiff ,Meg", welches durch das Feuer der Japaner gelitten hatte, ver­lassen und seine Fahne auf derAwrora" hissen.

Washington, 3. Juni. Nach einer Besprechung, die heute Roosevelt mit dem Marinesekretür Morton und dem Generalstaatsanwalt Moody hatte, wurden an den Admiral Train nach Manila Anweisungen gesandt, daß die dort eingetrosfenen russischen Kriegsschiffe zu internieren sind.

Ein japanischer Taktiker

äußert sich: Die Russen hatten ungenügende Kund­schafter ausgesandt und waren unvollständig und falsch

über den Aufenthalt der japanischen Schiffe informiert. Ferner hatte Roschdjestwenski eine schlechte Gefechts- stellung eingenommen, was darauf hindeutete, daß er kein Gefecht erwartete. Togo hatte ferner die Sonne im Rücken und schoß mit dem Winde, die Russen vergeudeten ihre Munition und legten eine große Unterlegenheit gegen das japanische Feuer an den Tag.

Kriegerische Maßnahmen beiderseits.

Shanghai, 3. Juni. Nach b-er eingegangenen Mel­dungen sind in Japan die nach Norden führenden Eisen­bahnen mit Truppen überfüllt. Ihre Bestimmung ist un­bekannt. Den Zeitungen ist verboten, davon Kenntnis zu geben. Man glaubt allgemein, daß es sich um einen bevor­stehenden AngriffaufWladiwostok oder auf Sachalin handelt.

Paris, 3. Juni. Nach einer Depesche aus Petersburg sollen in den nächsten Wochen täglich 23 Truppen- gc nach der Mandschurei abgehen. Der Minister Sacharow hat bereits die notwendigen Vorbereitungen dazu getroffen.

Petersburg, 3. Juni. Im Marineministerium er­örtert man eingehend den Bau einer neuen russi­schen Kriegsflotte. Zwei Admwäle haben Projekte eingereicht. Man rechnet darauf, daß die gesamte Aus­rüstung in Rußland h. rgestcllt werden kann. Jin drei Jahren sollen nach den Projekten gebaut werden acht Linienschiffe von 1620 000 T., fünf Kreuzer bis 10 0Ö0JT, 60 Tor- pcdolreuzer. 10 Geschwadertorpedoboote, 20 Trovedoboote zur Küstenverteidiguua und CO Unterseeboote, r'mßcrdem sollen die Fabriken noch 4 Minen eanSportschiffe und 80 Flußkanonenboote liefern. Für die Panzerschiffe sollen der TypusPaul I.", für die Panzerkreuzer ersten Ranges der verbesserte TypusRossija" undBajan" beibehalten werden.

London, 3. Juni. DerDaily Cbronicle" meldet ans Petersburg, der Zar werde in der nächsten Zeit den Befehl geben, noch vier Armeekorps zu mobilisieren. Mit Rücksicht auf die Stimmung im Volke befürchtet man ernste Unruhen.

VermitUerdienste.

Washington, 3. Juni Eine Zusammenkunft des Präsidenien Roosevelt mit dem russischen Bot­schafter Grafen Cassini ratte < iinn persönlichen Charakter. Später faßte Cassini eine Depesche an seine Negierung ab, in welcher er die Ansichten Roosevelts und dessen Wunsch, Rußland in der jei'igen Krisis zu dienen, mittcilte. Nach Eingang der Au'w^rt wird er eine zweite Zusammenkunft mit Roosevelt haben.

Paris, 3. Juni. d'Estonruelles und de Constans wer­den bei der parlamentarischen Gruppe für internationalen Schiedsspruch beantragen, daß sie eine Resolution beschließe, in der die französische Regierung ersucht wird, im Einvernehmen mit der englischen Regierung Rußland und Japan gemäß den Bestimmungen der Haager Konven­tion ihre guten Dienste anzubieten.

Die Stimmung in Rußland.

Petersburg, 3. ^uni. Die ^aqc verschlimmert sich zusehends, ^er fr' a n gegen d i e Offiziere nnnmt unter der Bevölkerung eitlen b droblichen 6 b^rakter an. Auf den Straßen werden Offiziere bou ber Menge onge- griff-m oder iirnttticrl, besonders Merineofs' iere. Unter *cn Matrosen, die einen Teil der Wame am Winterpalais stellen, ist eine Mell ter ei ausgebrochen. Der Komman­dant ließ verschiedene Matrosen in Eisen legen. Die aus der Mandschurei zurück gekehrten Offiziere der Landarmee betr^gm sich ge^ad^zu skandalös. Täglich kommt es 311 Skundalln in den Aachtcafös.

Russische Großsprecherei.

Das PariserPetit Journal" meldet aus Petersburg: Ein General aus dem Generalstab erklärte, die Negierung habe vollständig Recht, wenn sie den Krieg in der Mand­schurei fort setze. Den^ es würden demnächst Ereignisse eintreten, die auch den Pessimisten überraschen würden. Die Japaner müßten jetzt mehr auf ihre Artillerie gegenüber der russischen Wert legen. Man glaubt hieraus zu schließen, daß es sich um die neuen kugelsicheren Pan? er handelt, die die Regierung vor langer Zeit bestellt und jetzt endlich erhalten habe.

Erdbeben in Japan.

Tokio, 3. Juni. Bei einem gestrigen Erdbeben »n Hiro- schima und Iljina sind 6 Personen ums Leben ge­kommen und 79 Personen verletzt. 33 Häuser sind zerstört. Die Meldungen aus den anderen von dem Erd­beben betroffenen Distrikten sind noch unvollständig, doch glaubt man, daß der Verlust an Menschenleben und die Zerstörung an Eigentum verhältnismäßig leicht ist.

Ziusr'and in Sturm und Drang.

Gerüchtweise heißt es, es stehe die Ernennung Pobje- donoszews zum Reichskanzler bevor. Er soll erklärt haben, der Zar werde Konzessionen im Innern machen, jedoch niemals Japan um Frieden ansuchen.

In der Petersburger Vorstadt Ljesnoi famntelfcn sich am Samstag abend gegen 15 000 Arbeiter an, die mit roten Fahnen, revolutionäre Lieder singend, zum technischen Jnstiut marschierten, das ganz mit roten, revolutionäre Inschriften tragenden Fahnen beflaggt war. Als die Arbeiter sich dem Institute näherten, erschienen Kosaken und berittene Polizeimannschasten. In dem entstehenden Ge­tümmel hieben die Kosaken mit Säbeln und Nagaiken auf die Arbeiter ein, die sich mit Stöcken und Steinen ver­teidigten. Das Getümmel dauerte etwa eine Stunde. Nach­dem die Menge auseinander getrieben war, blieben 12 schwer verwundete Arbeiter auf dem Platze, außerdem etwa 40 Leichtverwundete. Von den Kosaken und der Polizei wurden etwa 15 Mann verwundet.

Die Vertreter der Petersburger Semstwos traten zu einer Sitzung zusammen, die sich bis 3 Uhr morgens aus­dehnte, und in der besonders nachstehende drei Fragen zur Verhandlung kamen: Die Einberufung einer Volksvertretung, der Modus einer, das Volk nicht allzu sehr bedrückenden Mobilisation und die Frage dec Volksbildung. Bei dem letzten Punkte wurde die Wichtigkeit der Resultate betont, die der unglückliche Krieg mit Japan für diese Angelegenheit gezeitigt habe.In bedeutendem Maße sammeln wir in diesem Kriege die Früchte der groben Unwissenheit, in der das russische Volk künstlich erhalten wird. Infolgedessen ist es die höchste Zeit, diesem Zustande ein Ende zu machen." Stadtv. Oppenheim wies energisch darauf hin, daß Kaiser Will; em I., nachdem Deutschland Frankreich besiegt hatte, ausgerusen habe:Den Sieg verdanken wir nicht den

Soldaten, sondern den Schullehrern.^ Mithin sei es hohe Zeit, daß auch Rußland daran denke, die Volksbildung, die das Grundelement eines zivilisierten Staates bilde, auf eine höhere Stufe zu stellen. Betreffs der Volksvertretung oder des Gemski Sobor wurde folgendes Schema ausgestellt: Im Sobor sollen Großgrundbesitzer, Adel und zum Teil auch Bauern vertreten sein, insgesamt sollen 600 Mitglieder auf drei Jahre gewählt werden.

Aus Riga wird gemeldet: Die Detektivpolizei ent* deckte 5 0 ungefüllte Dynamitbomben, die in der Erde vergraben waren. Es wurde ermittelt, daß im Auftrage der lettischen sozialdemokratischen Partei in der Fabrik Phönix ohne Wissen der Leitung 70 Bomben gegossen wurden. 25 Personen wurden verhaftet. Ferner wurden Waffen, Dolche, Patronen und Pulver sowie Pulver und Schwefel und eine Unmenge Proklamationen gefunden, ebenso Todesurteile über verschiedene Persönlichkeiten. Einige dec Verhafteten gestanden, daß in allernächster Zeit neue Attentate erfolgen sollten.

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Metzeleien in Russisch-Armenien.

In Genf, dem Sitze des armenischen Komitees in Europa, hat man aus Russisch-Armenien Depeschen erhalten von durch Muselmanen verübte Plünderungen, Metzeleien und Brandstiftungen in Nachitschewan. Seit 10 Tagen dauern diese Missetaten. Die aus Persien über die Grenze gekommenen Kurven verüben unerhörte Grausamkeiten unter den Augen der russischen Polizei und der russischen Sol­daten. Am 24. Mai wurde nfast alle Armeniern gehörenden Magazine in Nachitschewan niedergebrannt. Die Armenier wurden auf öffentlichen Plätzen nach verzweifeltem Wider­stande getötet. Die Kaufleute Adamian, Kaletian und andere wurden beilebendigemLeibeverbrannt. Im Dorfe Toumbourl wurden 4 0 Personen, Greise, Frauen und Kinder, verbrannt. Das berühmte Kloster Karmirvank und zahlreiche Kirchen wurden entweiht und geplündert. Tie Leichen bleiben in den Straßen unbeerdigt liegen. Die passive Haltung des neuen Generalgonverneurs Worvnzow- Dajchkow ist ^rnbegreiflich und erregt allgemeine Entrüstung.

Die Zahl der Getöteten be-.iffert sich auf 7 0 0.

Die Ermordung des Pfarrer Thöbes in Heldenbergen vor dem Schwurgericht.

llnücrcdjt. Nachdr. berboten! H. F. Gießen, 5. Juni.

Schon in früher Morgenstunde flutet heute eine unendliche Menschenmenge nach dem Landgerichtsgebäude, in dem vor den Gesclworenen der grauenhafte Mord am Pfarrer Thöbes zur Ab­urteilung gelangen soll. Biele Hunderte müssen umkehren, weil sie in dem Zuhörerraum des großen,^ eleganten Schwurgerichts­saales keinen Platz mehr finden. Eine starke Poltzeimachi ist ausgeboten, um die Ordnung aufrechtzue^halten. Eine große Anzahl Zeugen, unter diesen mehrere kathol. Geistliche, sind geladen. Kurz vor 8'2 Uln vormittags vernimmt man Ketten­gerassel. Die Au geklagten werden auf die Anklageblank geführt. Das größte Interesse lenkt sich naturgemäß auf den Hauptangeklagtcn, den 27jährigen Sckflächtergesellen Oskar fr 11 bb e. Er ist ein mittelgroßer, breitschultriger, , ntcht,,,un- schöner Mann. Sein üppiges blondes Haar ist schön frillert, der kleine blonde Schnurrbart wohl gepflegt. Dieser Mann, der nur durch seinen stechenden Blick etwas auffällt, ist längere Zeit gleich einem Schinderhannes der Schrecken der Landbewohner Oberbessens und vieler Nachbar bezirke^ gewesen.

Ten Vorsitz des' Schwurgerichtshofs führt Landgerrchtsral P r e e t 0 r i u s. Die öffentliche Anklagebehörde vertreten Ober­staatsanwalt Theobald intb Staatsanwalt fr00s. Rechtsanw. Dr. Jung ist zum Offizialverteidiger des Hudde, Rechtsanwalt Dr. Spohr zu dem des Walter ernannt.

Vernehmung des Hudde.

Nach Verlesung d"s Anklagebeschlusses bemerkt Hudde auf 25 cf rag eit des Vorsitzend u:

Er sei am 21. Juli 1878 zu Schalke geboren und katholischer Konfession. Sein Vater war Reviersdeiger auf der Zeche Hibernia, in Gelsenkirchen. Seim Mutter starb im Jahre 1892. Sein Vater, der zum zweiten Male geheiratet hatte, wurde tm Jahre 1900 pensioniert. Er zog nach Herne bei Bochum und starb da­selbst Llnfang 1904. Er (Hudde) habe in Gelsenkirchen bte Elementarschule bssuckt und danach das Metzgerhandwerk erlernt. 1893 fei er zu dem Metzgermeister Julius Graf in Dahle in die Lehre gekommen. Von 1897 an habe er bei verschiedenen Meistern gearbeitet. Er fet bestraft wegen Mißhandlung mit drei Monaten Gefängnis, ferner wegen Unterschlagung, schweren Diebstahls und vorsätzlicher Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeuges und als Soldat vom Kriegsgericht zu Mouttgny wegen schweren Diebstahls mit ö Monaten Gefängnis und Ver­setzung in die zweite Klasse des Soldatenstaudes. Er gebe zu, die Einbruchsdiebstähle, auch den EinbruchsdiebstaM in Helden- bergen begangen zu haben, er habe aber den Pfarrer. Thöbes nicht ermordet, dies habe ein Handwerksbursche, der mit Vornamen Willy heiße, getan. Diesen habe er auf der Landstraße kennen gelernt und sei mit ihm gemeinsam in das Pfarrhaus in Heldenbergen eingebrochen.

Hudde bemerkt ferner, er habe nur noch eine Stiefmutter. In den letzten Jahren habe er mit dieser, aber auch mit seinem verstorbenen Vater und seinen Geschwistern keinerlet Beziehungen unterhalten. Er sei von seinem Lehrmeister, dem Metzgermeister Julius Graf, im Jahre 1897 fortgegangen, weil, er sich ver­bessern wollte. Er sei alsdann bei dem Metzgermeister Wilhelm Sftitte in Lüdenscheid in Stellung getreten., Im Frühjahr 1898 war er bei dem Metzgermeister Mrl Rohte in Wald in Stellung. Im September 1898 kam er zu dem Metzgermeister Karl Bleck) in Kalk bei Köln, im Januar 1899 bei Hermann Hahn^ daselbst, vom 7. Juli bis 6. August 1899 bei dem Metzgermeister Peter Dolff und danach bei dem Metzgermeister Gerhard Pabst in Bonn in Stellung. Alsdann arbeitete er bei Wilhelm Bauer in Alten­essen, danach bei Heinrich Frohtne in Horst-Emscher. Dort wurde er wegen Diebstahls zu drei Wochen Gefäncpns verurteilt. Vorher wurde er in Alzey wegen vorsätzlicher Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeugs bestraft. Er arbeitete danach in Höchst a. M., alsdann in Biebrich, in Weisel bei Caub, in Alzey und zuletzt in Neustadt, a. Hardt.

Vors.: In Neustadt arbeiteten Sie zunt letzten Male? Hudde: Jawohl. Vors.: Weshalb traten Sie nicht wieder in Arbeit? Hudde: Ich begab mich auf die Wanderschaft, suchte Arbeit, konnte aber keine passende finden. Vors.: Nun er­zählen Sie einmal, was Sie auf Ihrer Wanderschaft getan haben: ich ermahne Sie aber, die volle Wahrheit zu sagen. Äe sind des schwersten Verbrechens beschuldigt, das das Straf- Gesetzbuch kennt. Sie werden beschuldigt, den Pfarrer Thöbes in Heldenbergen ermordet zu haben. Wenn Sie , es gewesen find, bann sagen Sie e9, Sie erleichtern bann wenigstens Ihr Gewissen. Der Angeklagte schweigt. Der Angeklagte erzählt danach: dlnfang Oktober 1904 kam er nach Heppenheim an der Bergstraße. Dort lernte er auf der Herberge den Mitangellagten, Walter, kennen. Dieser schlug ihm vor, bei dem katholischen Pfarrer M > s chl er daselbst einzubrechen. Walter hatte eine elektrische Lampe. Bei dem Pfarrer Mifchler stahlen sie 2200 Mark bares Geld, ein Opernglas, em Taschenmesser, eine Photographie, ein Zigarrenetui und eine Zigarrenspitze. Vors.: Als Sie nun von Heppenheim fortfuhren, nahmen Sie sich beide Billets zweiter Klasse? Hudde: Jawohl. Vors.: Weshalb fuhren Sie zweiter Klasse? Der Angeklagte schweigt. Vors.: Pflegten Sie denn sonst zweiter Klasse, zu fahren? Hudde: Nein. Vors.: Sie ftihren offenbar zweiter Klasse, weil Sie glaubten, in dieser weniger beobachtet zu werden? Hudde: Jawohl. Vors.: Nachdem Sie den Raub mit