dem Steinkohlen imb Bornum aieri al unter gewissen Vor- aussetzungen als Gegenstände der Kriegs kontrcbcmbe erklärt worden sind. ___________
Ans dem preußischen Landtage.
Abgeordnetenhaus.
D. E. K. Berlin, 29. März.
Hebet Stille guna von Zechen, gesetzgeberische Man- Segeln dagegen, zwei Kvmmifswnsanträge dazu — und zum zweiten einen ÄendenmgSantrag — kurz: über „Betriebs- zwang", wie die Tagesordnung die Tendenz des Gesetzes bezeichnet, wird beute zuerst beraten — dann wird der Entwurf an eine Kommission von 28 Mitgliedern zur Beratung überwiesen.
In der Begründung der Vorlagen bezeichnete der Hcmdels- xirnifter Möller deren Materie als überaus schwierig, zumal die interessierten Zechen der seitens der Regierung an fte ergangenen Auffordenimg, Vorschläge zu machen, bisher nicht nachgekommen seien. Gegen die „künstliche" (d. h. nicht auf natürlichen Gesichtspunkten beruhende) Stillegung der Zechen müsse die Regierung einschreiten, da sonst, wenn man sie ungehindert in der bisherigen Weise fortschreiten lasse, die Existenz so mancher Kommunen in Frage gestellt sei. Die Vorschläge der R'giernng seien keine Schädigung der ShndikatSbewegung, sondern sie sollen ihr nur Schranken setzen.
Dem i"ba. Träger lfr. Vp.), dessen geistvolle, v-ckfach Beifall und Heiterkeit im Hanke hervorrufende Ausführungen Minister Möller als „ästhetischen Genuß" bezeichnet, kommt es bei der Beurteilung des Gntwuries hauptsächlich darauf an. daß der „Betriebszw^ng" sich nicht nur auf die Fortsetzung, sondern auch auf die Eröffnung des Betriebes byefrt. In scharten, öfters mit witzigem Sarkasmus gcsvickten Al'ssührungen wendet sich Träger schließlich gegen daß Kohlensvndikat. im Vergleich zu dem ihm das Staatsmonopol das kleinere liebet sei.
Weniger glücklich, als im Vorjahre gelegentlich der Kanal- Vorlage, ist beute der Menschenfreund imb politische Sonderling P. D. von Bodelschwingh (b. k. Fr.); er spricht d-w Notwendigkeit d^s Koblenstreiks, der auch eilt „Spmpatl.ie-Streik" gewesen sein soll, das Wort. Stürmische Heiterkeit erregen im Hause seine Zitationen Dbg. Hilbck lnl.st den er belehrt, daß nickt nur die Arbeitswilligen Helden gewesen seien, säubern daß es auch unter den Streikenden solche gegeben habe. Nachdem Bodelschwingh geendet, geht er zum Minister Möller und schüttelt ihm herzlich die Hand.
Die als zweiter Punkt auf der Tagesordrnmg stehende zweite Lesung des Schadloshaltungs-Gesetzentwurfs des- Herzog!. Glücksburgsschen Hauses wird dcbattelos erledigt.
Herrenhaus.
Minister v. Budde bringt ben Görlitzer Veruntreu- ungsvrvzeß zur Sprache. Infolge dieses bedauerlichen Verfalls seien in allen übrigen Eisenbahndirektlonsbezirken Unter» 'fuckungen angestellt worden, die ergeben hätten, daß n o ck zwei Bahnmeister belastet seien mit dem Vorwurf, alte Schienen an Privatpersonen verkauft zu haben. Die Verwaltung f?be darauf, daß die Materialienverwalter ost verfehl werden, damit die Beziehungen, die sie unter llmsttänd-n angeknüpft haben, gestört werden. Er, der Minister, hoffe, daß weitere räudige Schafe sich in der preußischen Elsenbahnverwalt- uichl befinden. Er beabsichtige, die Althändler auszuschciden und direkt mit den großen Werken zu verkehren. (Vgl. den Artikel „Unterschleife in der preuß. Eisenbahnperwaltung in unserem heutigen 3. Blatte.)
Der Ruin der Landwirtschaft in Rußland.
Etwa 80 Prozent der russischen Bevölkerung gehören dem Bauernstände an. Und die russischen Bauern leiden am Notwendigsten Mangel, sie hungern geradezu, wie «die „Nowosti" in einem Artikel, der zum schleunigen Frie- densschlust mahnt, hervorheben. Das unsägliche Elend, das seit Jahrzehnten schon auf dem russischen Landvolk lastet, und das durch den unseligen Krieg seinen Höhepunkt erreicht hat, ist die Ursache der Bauernunruhen, die immer mehr an Umfang zunehmen. Im Hinblick auf die Gefahr, die dem russischen Staatswesen droht, ist der nachfolgende Artikel, der der „Berl. Ztg." von einem genauen Kenner der russischen Verhältnisse zugeht, von besonderem Interesse. Der Herr schreibt:
Rußland hat seit dem letzten russisch-türkisthen Kriege beständig und mit Erfolg an der Erweiterung seiner äußeren Macht gearbeitet; im Innern sind die Zustände immer trüber geworden. Das Geld hat man aus dem Hause nach Ostasien geschleppt, indessen derjenige Teil der Bevölkerung, in dem man die eigentliche Kraft des Zarenreiches sah, an den Bettelstab geriet. Niemand gibt sich jetzt noch Mühe, dies in Abrede zu stellen. Bis zur Mitte her neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts galt es für eine Art von Vaterlandsverrat, wenn man über den Verfall der russischen Landwirtschaft sprach, man erkannte allenfalls einen Notstand an, aber einen fortschreitenden, unaufhaltsamen inneren Verfall wollte man nicht zugeben.
Graf Leo Tolstoi gehörte zu den ersten, welche die verzweifelte Lage der Landwirtschaft öffentlich schilderten und dem Wahne ein Ende machten, als handle es. sich um ein vorübergehendes Mißgeschick. Mit allem Freimut betonte der alte Bauernfreund, daß der Niedergang des russischen Ackerbaues der geistigen und sittlichen Versumpfung und V e r l u m p n n g des Adel- und Bauernstandes zuzuschreiben sei, daß die Schuld an den Menschen und nicht an der Scholle liege. Jetzt finden sich auch in her national-russischen Presse häufig Schilderungen, die rückhaltlos das Elend der beiden Stände darlegen.
Es ist dabei schwer zu entscheiden, wen die größere Schuld trifft. Um verarmten Edelleuten aus den Gouvernements Smolensk, Riäsan und Ssimbirsk wirtschaftlich vufzuhelfen, wies die Regierung im Jahre 1848 169 pdligen Familien je dreißig Dessjatinen Land an und unterstützte sie auch mit barem Gelde. Sie hat mit ihrem guten Willen wenig Glück gehabt. Ein Beamter des landwirtschaftlichen Ministeriums, der mit der Revision dieser Majorate beauftragt war, schildert, was aus ihnen bereits nach fünfzig Jahren unter der zweiten Generation geworden ist.
Als er sich zu diesen Majoraten begab, durchfuhr er /rarst in trefflicher Kultur stehende Bauernländereien mit mehr oder weniger blühenden Dörfern. Kaum hatte er aber adliges Land betreten, so änderte sich das Bild mit einem Schlage. Die Felder waren völlig verwahrlost, die Häuser im Zustande des Verfalls und die Menschen selbst abgerissen und verelendet. Mit der Landwirtschaft nur wenig oder gar nicht vertraut, trieb sich die überwiegende Mehrheit der Edelleute auf den Gütern herum, die sie verpachtet batten, ohne von der Pacht leben zu können.
Votl 169 Majoraten werden gegenwärtig nur noch 58 von ihren Besitzern selbst verwaltet. Die Armut — so fügt das amtliche Organ des Ministeriums dem Berichte AU — ist mit Verwilderung gepaart. Viele der Majoratsherren sind Analphabeten; sittliche Verkommenheit, Trunksucht, Spielwut, Prozeßsucht sind an der Tagesordnung. Sehr oft kommt es vor, daß sie ihr Land gleichzeitig an mehrere Personen verpachten, — nur um zunächst ein doppeltes Handgeld herauszuholen? Und das
_ so ruft das Blatt aus — Handlungen von Nachkommen der berühmtesten Geschlechter, die einst im Rate tet Bojaren den Herrschern Rußlands nahestanden.
Ebenso traurig ist es mit dem Bauernstand bestellt.
Wo der Bauer Pächter ist und sirr sich selbst wirtschaftet, ist er noch einigermaßen obenauf; wo er aber unter dem leidigen Kommunalsystem steht, wo das Land der Gemeinde gehört, steht er in ganz Rußland am Rande des Abgrundes und führt ein jammervolles Leben.
Unlängst hat ein früherer 'Adelsmarschall Namens Bechlejew ein Zweifellos mit Sachkenntnis und Gewisten- haftigkeit geschriebenes Buch über die wirtschaftlichen Verhältnisse Rußlands herausgegebcn. Er beweist dauin ziffernmäßig den Niedergang des Landbaues. Niederschmetternd ist das Bild, das er vom russischen Bauern entwirft.
Der zeitgenössische Bauernhof in den zentralen Gegenden Rußlands — sagt der Verfasser — hat ein sehr trübes Aussehen: eine kleine, meist verkommene Hütte, in der die infolge schlechter und nicht ausreichender Nahrung degenerierte Bauernfamilie nicht lebt, sondern vegetiert, eingebüNt in schlechte di'nne Zitzkleider: ein Halbpelz und ein paar Filzstiefel müssen für die ganze Familie herhalten. Ms Bettstelle dient eine nackte Bank, das Kopfkissen ersetzt ein zusammengerollter Rock ode Zitzjacke, eine Decke, die man sich unterlegen oder mit der man sich zudecken könnte, fehlt. Ein Absud von Wasser mit einer geringen Beigabe von Sauerkohl, Kartoffeln, Hirsebrei und Schwarzbrot bildet die gewöhnliche Nahrung edr Bauern, als Getränk hat er eine unappetitliche Einsäuerung von Noagenmehl in Wasser, angeblich ein Schutzmittel gegen Skorbut. An Fleisch, Fett und Hanföl kann der Bauer nur drei- od"r viermal im Jahre an großen Festtagen denken. Abends brennt in der Hütte eine Petroleumlampe, meist ohne Zylinder. Tas Hausgerät ist äußerst dürftig und bis auf einen verschwindenden Bruchteil zusammengeschmolzen.
Kein Wunder, wenn die Bevölkerung unter solchen Umständen degeneriert und wenn die statistischen Angaben des Kriegsministeriums über die Ergebnisse der Rekrutenaus- hebunaen immer unerfreulicher werden. Die Bauern haben, um ihre Steuern bezahlen zu nen, ihr Eigentum hingegeben und alles verlaust, w sie nur iraend verkaufen konnten. Jetzt ist bei ihnen nichts mehr zu holen, und wenn einmal ein paar Kopeken einlaufen, so werden sie schleunigst vertrunken, bannt sie nicht dem Steuereintreiber in die Hände fallen.
Eine Verschlimmerung der Vormögensver- hältnissederBauern ist nach Bechlejew n i ch t m e h r denkbar. Das wissen die Leute, und sie find deshalb gleichgiltig geworden gegen Mißernte, Hagelschlag und selbst gegen die landesüblichen Feuersbrünste. Was sie erübrigen könnten, würde ihnen abgenommen werden, und vor dem direkten Verhungern blieben sie bisher bewahrt.
Ter Staat wird, wie auch der Krieg verlausen mag, in absehbarer Zeit über keine Mittel verfügen, mit denen der Landwirtschaft zu helfen wäre. Und im übrigen genügt Geld allein längst nicht mehr zur Heilung der Wunden, an denen Adel und Bauern leiden. Beide müssen vor allem erst wieder zur Arbeit, Zucht und Nüchternheit erzogen werden. Dazu gehören Jahrzehnte und wo findet sich der Erzieher?
Mock ist es Zeit
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Aste Gollau stallen und Postboten
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Nm eine Störung im Bezüge unserer Zeitung zu vermeiden, bitten wir die auswärtigen Leser, soweit noch nicht geschehen, bei dem sie bedienenden Briefträger oder der nächsten Poftaustalt unter Beifügung des Betrages die Bestellung für das 2. Quartal 1905 sofort erneuern zu wollen.
Aus Stad! und KanS.
Gießen, 30. März 1905.
** Personalien. Der Großh. Negierungsassessor Dr Probst ist mit der Aushilfeleistung auf dem Sekretariat des Großh. Staatsmiuisteriurns beauftragt worden. — Der Amtsrichter in Altenstadt Pull mann wurde zum Amtsrichter bei dem zu errichtenden Amtsgericht Dieburg, der Amtsrichter in Lorsch Traut wein zum Amtsrichter bei dem zu errichtenden Amtsgericht Lainpertheim, der Amtsrichter in Grünberg Amtsgerichtsrat Hörle zum Amtsrichter in Darmstadt I, der Staats anwalt am Landgericht der Provinz Rheinhessen Dr. Friedrich zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Gießen, der Amtsrichter in Offenbach Kilian zum Amtsrichter in Mainz, der Amtsrichter in Lorsch Seibert zum Amtsrichter in Offenbach, der Gerichtsassessor Hausmann aus Mainz zum Amtsrichter in Ober-Ingelheim, der Gerichtsassessor Strigler aus Mainz zum Amtsrichter in Wöllstein, der Gerichtsassessor Bernhards aus Mainz zum Amtsrichter in Osthofen, der Gerichtsassessor Gläser aus Tübingen zum Amtsrichter in Grünberg unb ber Gerichtsassessor Schneider aus Mainz zum Staatsanwalt am Landgericht der Provinz Rheinhessen ernannt.
** Geheimrat Oncken in Darmstadt: Unser Darmstädter Redakteur schreibt uns:
R. B. Darmstadt, 29 März. Einen bedauerlichen Aus- gcmg nahm die große Bismarckfeier, die beute abend von ber naiinnallih'ralen Partei im Kaisersaal veranstaltet worden war. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Osann, hatte in dem festlich gcfrhmürTfi’n und von innen dicht zusammena»drängten Publikum beiderlei Gejckleckts überfüllten Saal den berühmten Gesckichtssckrciber und Freund Bismarcks Geheimrat Prof. Dr. Oncken au(* herzlichste willkommen geheißen und ein dreimaliges Hoch auf Kaiser und Großherzog ansgebracht. Dann nahm der M't stürmischer Freude begrüßte Festredner das Wort. Er hatte ab-r erst wenige Minuten gesprochen, als er, .von plötzlicher Indisposition ersaßt, innehielt. Nach einer kleinen Pause versuchte er aus Bismarcks Jugendzeit zu erzählen, aber nach wenigen Säuen stockte er wiederum. Nach einigen weiteren Minuten, während deren sich die Vorswudsmitglieber um ihn bemühten, nahm er nochmals das Wort und sagte, wie aufrichtig und schmerzlich er bedauere, seinen Vortrag nicht zn Ende führen zu können. Er habe in den letzten Tagen unter ungewöhnlicher geistiger Ueberlmstrengung schwer gelitten. Er hoffe aber, seinen Vortrag später einmal halten zu können. Der Vorsitzende drückte gleichfalls. Jein herzliches Bedauern darüber aus, den Genuß des so viel versprechende Vortrags eines so vortrefflichen Bismarck- freundeS entbehren zu müssen und wünschte dem hochverehrten Redner von Herzen baldigste volle Wiedergesundung. Die Versammlung verlies; daraus unter Kundgebungen allgemeiner Teilnahme das Fest lokal.
Nach bem Empfang dieser Nachricht wandten wir ims heute morgen sofort an die Familie des Hrn. Geheimrats, worauf zu unserer großen Freude nach Ürrzer Zeit Herr
Geheimrat Oncken selbst auf unserer Redaktion erschien, um uns die Richtigkeit der obigen Durmstädter Meldung zu bestätigen. Im übrigen fühlt sich Herr Geheimrat Oncken, der heute morgen mit dem ersten Schnellzug wieder hier eingetroffen ist, vollkommen wohl und macht, wie wir uns zu unserer Freude selbst überzettgten, den Eindruck unver> änderter Frische. Wir glauben bestimmt, daß es sich hier in der Tat nur um eine Störung handelt, die rasch vorübergegangen ist und sich nicht wiederholen wird.
Am Vormittag des 29. d. M. war Geheimrat Dr. Oncken von S. Kgl. Hoheit dem Großherzog empfangen worden.
• • Der Raubmörder Hudde wurde, wie wir aus sicherer Quelle hören, heute von 2 Gendarmen nach Koblenz gebracht. Jedenfalls sollen dort Erhebungen angestellt werden über den bekannten neuen Mordverdacht, der auf Hudde fällt.
** Aus dem Bureau des Stadttbeaters. Es sei an dieser Stelle besonders auf die morgige Schillerfeier hingewiesen, die im Schillerjahr ein würdiges Ausklingen der Spielzeit barstellen soll. Die Direktion hat noch besondere neue Dekorationen in dem Atelier E. Falk (Berlin) anfertigen lassen, so z. B. die szenische Ausstattung für die lebenden Bilder und die Räuberszene. Der Reichstag zu Kralau aus Schillers Demetriusfragment dürfte zum ersten Male hier auf die Bühne kommen. Da die ganze Vorstellung sorgfältig und würdig vorbereitet ist, so wird ans starken Besuch mit Sicherheit zu rechnen sein. Am Samstag nachnnttag 3 Uhr findet die gleiche Vorstellung für Schüler statt und zwar zu ermäßigten Preisen.
• ’ Schneider st reit. Die Leitung der Streikbewegung schreibt uns:
Es trifft nicht z u, daß ein großer Teil der organisierten Arbeiter ruhig weiter arbeitet. Tatsache ist, daß alle organisierten Arbeiter in den Streik emgetreten sind. Gearbeitet wird nur da, wo der Lohntarif bereits geordnet ist. Nack unserer Fest- ftellung muß bei längerer Dauer des Streiks eine Unterbrechung in der Herstellung der Anzüge eintreten, da bei dem Arbeitermangel, der stch z. Zt. in allen Städten bemerkbar macht, die Unterstützung durch iremde Maßschneidereien als ausgeschlossen gilt. Wird Arbeit in anderen Orten hergestellt, so duckte dies nur in Koweklionsgesckä'ten möglich sein. Tie hiesigen Schneider sehen deshalb dem weiteren Verlauf des Streiks nut aller Ruhe entgegen und denken gar nicht daran „adzufallen".
** Aus bem hessischen Lehrer leben vor 100 Jahren. Auf bem Gerneinbehaus eines rheinhessischen Torfes fanb sich in einer alten, lange Zeit verschlossenen Kiste bas Protokoll über eine Sitzung bes bortigen Muni- )ipalrates vorn Jahre 1803 vor, bas wir hier wortgetreu in seiner Orthographie wiebergeben:
„W., ben 26ten Gerrninial XI. Demnach ber seit 8 Mo- nath als Schulvicarius bet) ber reformirten Gemeinde zu W. gestandene Bürger Henrich S. von K., Kantons Alzey, geziemend angestanden, ihm die erledigte Schullehrerstelle der besagten Gemeinde zu conferieren, indem er cflaubt, baß er biese Stelle so versehen habe, bah ein jeber sein Vergnügen barem haben werbe und das um so mehr, da er mit den noch übrigen Besoldungs- stükken sich begnügen lassen wolle, und hoffe anbey auf die gütige Unterstützung ber seinen Fleiß belohnen werden- bert Bürger: 1.) Nach Ansicht ber von den Bürgern dieser Stabt eingereichten Petition, worinneu sämtliche um die Annahme des besagten Bürgers S. als Schullehrer ein- gestauden haben. Nach fernerer Ansicht des Gesczzes vom Ilten Floröal X. 2.) Nach Ansicht des vorgezeigten certi* fieats des knrpfälzischen Kirchenraths vom 3ten Octobris 1792, worinnen derselbe in Examine gut bestanden. 3.) Erwägend, daß die Schule mit einem tauglichen Subjecte versehen sehn müsse — beschließt der Minizipalrath: a) in einer Wohnung mit einem Gärtchen b) in einem Los Holz c) in 114 Ruth oder 27 Aren 25 Eentiarien Ackerfeld b) in 2 Malter ober 2 Hektoliter 6 Dekaliter 6 Liter Korn für Stellung der Uhr und Gemeindeläuten e) voll jedem Haus ein Glokkenbrob f) von jebem Schulkind 52 Kreuzer Holzgelb. Art. 3. Eine Ausfertigung foll^ bemselben zugestellt werbey."
Dieses Aktenstück ist geschichtlich imb kulturgeschichtlich in gleicher Weise' interessant. Es versetzt uns in bie Zeit, da bie französische Republik bezw. Napoleon I. einen großen Teil bes südwestbeutschen Gebietes beherrschte und gibt, uns ein Bilb aus dem Lehrerleben dieser Zeit. Bürger, Henrich S. war ein bescheidener Mann, da er sich mit ben, vorhandenen „Besoldungsstükkelck' zufrieden gab. In Wahrheit reichte die ihm gewährte Naturalbesolbung zu seinem Lebensunterhalte nicht aus; er mußte sich, wie heute noch alte Leute erzählen, zeitweilig bnrch Dreschen unb Vor-i spannbienste einen Nebenerwerb schaffen.
* • Politisches. Das Stöckersche »Volk" bringt nach-» stehende Notiz:
,,Die Vorstände der christlich-sozialen Partei und der Reform^ partei in Berlin haben sich schriftlich dahin geeinigt, daß bei der nächsten R e i ch s t a g s w a h l in Wetzlar-Altenkirchen seitens der Reformer der christlich-soziale Kandidat, in Marburg und Gießen der Reformer seitens der Christlich- S o z i a l e n u n t e r st ü tz t wird. Die Vorsitzenden der konservativen Partei in Wetzlar und Altenkirchen haben erklärt, daß sie mcht gegen die christlich soziale Kandidatur seien. Die Christlich-Sozialen werben dcüur bei den Landtagswahlen bie Konservativen in beiden Kreisen unterstützen."
Die Herren Stöckerianer glauben wohl nach dem alten Satze handeln zu sollen ^Wer zuerst kommt, mahlt zuerst^» Sie können sich aber auch verrechnen.
w. Nidda, 28. März. Am letzten Sonntag fand im „Gambrinus" eine sehr gut besuchte Abschiedsfeier für den von hier nach Babenhausen versetzten Bahnhofsvorsteher Fritz statt. Die Feier gab Zeugnis für die große Beliebtheit des Herrn Fritz, der es verstanden hat, neben der Strenge im Dienst auch den Wünschen des Publikums Rechnung zu tragen und seinen Beamten ein treuer Berater und Fürsorger zu sein. Von Seiten des CisenbahnvereinS sprach Bahnmeister Joost, von Seiten der freiwilligen Feuerwehr Herr Vetzberg er, von Seiten der Stadt Bürgermeister Roth. Herr Fritz dankte mit bewegten Worten und betonte, wie lieö lhm Nidda in den 11 Jahren seines Hierseins geworden seu Sein Nachfolger wird H. Fiedler aus Grebenhain.
M a i n z, 29. März. In ber heutigen Sitzung der Stadtverordnetenversammlung brautiportetc Oberbürgermeister Dr. Gaßuer eine Interpellation bezüglich der Erbauung einer elektrischen Bahn nach Gonsenheim dahin, da» die Vorarbeiten dazu bereits begonnen hatten und daß unkgeheno um die Erlaubnis xur Erbauung dieser Bahn, bei ber Regie^ ung die nötigen Schritte geschehen würden; auch über die «acy K o st b e i rn zu erbauende elektrische Bahnverbindung werde her Versammlung demnächst Vorlage gemacht werden. Stodtv. .K. M. Maver berichtete über die S ch i l l er f e ic r an den Tagen des 8. und 9. Mai. Ani Vorabend bc5 Todestages soll an bem Sckü- lerdeutmal eine Huldigung veranstaltet werden, am cf wird eine akademische Feier in . der Stadthalle unb ein Lvroerteu,


