Ausgabe 
28.8.1905 Erstes Blatt
 
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Aufforderungen, welche die Arbeiter zur Fortsetzung des Kampfes gegen das Kapital und zur Herbeiführung der all­gemeinen Revolution anfeuertcn. In der zweiten Hälfte des Juli erfolgte eine Reihe von der Gesellschaftder Bund" organisierter Kundgebungen in Berditschew, Lublin, Kowno, Bialystok, Jckaterinoslaw und verschiedenen Punkten des Westgebiets. Den Zusammenstoß mit Militär nutzten die sozialistisch-revolutionären Organisationen zur abermaligen Aufhetzung der Warschauer Arbeiter aus. Als Ausdruck der Sympathie für die Opfer der Unruhen in Bialystok forderten in Warschau verbreitete Proklamationen den Generalstreik. Die Kampforganisation gab bekannt, daß es ihr gelungen sei, die Kreisrentei Opatow um zehntausend Rubel zu be­rauben. Aehnliche Versuche wurden in den Städten Wen­grow und Lubartow gemacht. Die letzten Ereignisse in Warschau, welche bekannt sind, führten zur Verhängung des Kriegszustandes in der Stadt und im Kreise. Die genannte umfangreiche Mitteilung des Polizeidepartements weist darauf hin, daß die wirtschaftliche Bewegung unter den Letten der Ostseeprovinzen infolge der Agitation der lettischen sozialdemokratischen Partei und des sozialrevolutionären Arbeiterverbandes in letzter Zeit einen revolutionären, häufig sogar einen anarchistischen Charakter angenommen habe, verbunden mit völliger Mißachtung der Religion, des Menschenlebens und des Privateigentums. An der Agitation gegen die Regierung habe sich bis in die jüngste Zeit auch eine in Petersburg erscheinende lettische Zeitung beteiligt.

Besonders nachdrücklich (so befoqt die Mitteilung) tritt die Bewegung seit Anfang des Jahres 1905 hervor. In den letzten drei oder vier Monaten fitib in den Straßen der Städte Kur- l a n d s und Livlands vier Mordanschläge auf Privatleute, sechs Anschläge auf Polizisten und drei auf Kosakenpatrouillen vorge° kommen, wobei in zwei Fällen Bomben geschleudert wurden. In Riga wurde der Versuch gemacht, die Füllabteilunq der Patronen- sabrik in Brand zu stecken. Aus den Städten drang die revolutionäre Bewegung auf das flache Land Livlands und Kurlands, wo ebenfalls, anarchistische Erscheinungen zutage traten. Seit April entwickelte sich die Bewegung schnell. In den lutherischen Kirchen begannen Kundgebungen, welche sich im Mai unb Juni an jedem Sonntag wiederholten. Ende Juli nahm die Bewegung einen äußerst bedrohlichen Charakter an. Die Agitatoren gaben den Bauern Waffen, welche sie offenbar in großer Zahl besaßen. Im Kreise Milan verwüsteten Landarbeiter an einem Tage neun Amts» bezirke und steckten die Gebäude dreier Amtsbezirksverwaltungen in Brand, nachdem sie verichiedene Dokumente und Elften, sowie daS Bild des Kaisers auf die Straße geworfen hatten. Nach den neuesten amtlichen Meldungen nehmen in letzter Zeit die Versuche zu, die Eisenbahnlinien teilweise zu zerstören. Wie die Behörden feststellen, bestehen die revolutionären Banden meist aus Knechten, welche von den Agitatoren einzeln oder zu zweien aus den ver­schiedenen Gütern angelockt werben. Diese kennen ihre Führer nicht, die das Volk terrorisieren und zu Verbrechen zwingen. Als Sitz der Leiter der Bewegung wird Riga angenommen, wo die Lage seit 28. Juli äußerst beunruhigend ist.

Deutsches Neictz.

Berlin, 26. Aug. DerReichsanzeiger" schreibt: Unter drei in der Zeit vom 16. bis 24. August auf der Weichsel zwischen Thorn und Kulm auf russischen Flößen vor- gekornmenen Erkrankungen wurden zwei als Cholera- fälle festgestellt. Der dritte Fall unterliegt noch der Unter­suchung. Die erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen wurden sofort ergriffen, insbesondere wurde Vorsorge getroffen, daß die weiteren aus Rußland auf der Weichsel eintreffenden Flößer an der Grenze einer gesundheitspolizeilichen Untersuchung unter­worfen werden.

Gegen den bekannten polnischen Agitator Reichs- ngSabgeordneten Druckereibesitzer Viktor Kulerski, tfrüher in Graudenz, zuletzt in Berlin, erläßt die Staats­anwaltschaft Graudenz unterin 22. August einen Steckbrief; gegen Kulerski,der sich verborgen hält", ist die Untersuch­ungshaft wegen Aufreizung zum Klassen haß verhängt. Kulerski hat, wie es in dem Steckbriefe heißt, Graudenz und Berlin vor mehreren Wochen verlassen, hat sich kurze Zeit in der Schweiz aufgehalten und ist dann spurlos ver­schwunden.

In das Herrenhaus berufen mürbe durch Allerhöchsten Erlaß vom 16. August auf Präsentation von Krefeld der Ober-Bürgermeister dieser Stadt Dr. jur. Adalbert Oehler.

In das Herrenhaus berufen sind durch Aller­höchsten Erlaß vom 5. August aus besonderem königlichen Vertrauen, unter gleichzeitiger Bestellung als Kronsyndiei: Kammergerichtspräsident Dr. von Schmidt -Berlin und Oberlandesgerichtspräsident a. D. Wirklicher Geheimer Rat Dr. Hamm-Bonn.

Glogau, 26. Aug. Bei der heutigen Landtags­ersatzwahl im Wahlkreise 3, Liegnitz (GlogauLüben), wurde Hauptmann d. R., Quehlin-Guhrau, gemeinsamer Kandidat der Konservativen und deS Bundes der Landwirte, mit 273 von 274 abgegebenen Stimmen gewählt.

Swinemünde, 27. Aug. Die englische Flotte ist heute nachmittag 6 Uhr eingetroffen und auf der Reede vor Anker gegangen.

München, 27. Aug. Die verwitwete Prinzessin Adalbert von Bayern, geborene Infantin von Spanien, ist heute mittag gestorben.

Straßburg i. E., 27. Aug. Die heute nachmittag in der Markthalle am alten Bahnhof stattgehabte sozialdemokra­tische Versammlung war von über 8000 Personen besucht. Bebel, stürmisch begrüßt, sprach dritthalb Stunden über den Katholikentag und die politische Lage. Er versuchte nacki- zuwcisen, daß die auf dem Katholikentage gehaltenen Reden ut Widerspruch stehen mit der Praxis der katholischen Kirche und den Taten des Zentrums, das urreaktionär sei. Gegen die Be­sprechung der Marokkofrage erhob der anwesende Poli­zeikommissar Einspruch. Bebel sagte, der Einspruch be­weise unsere erbärmlichen Zustände; er werde sich fügen, obgleich eine Auffösnng den größten Effekt machen und der Sozialdcmo- kratie nützen würde. Eine Diskussion fand nicht statt. ________

Anstand.

Paris, 26. Aug. Atls Chambsry wird gemeldet, baß auf der Rückkehr vom Manöver sich mehrere Soldaten vom 94. Jnfanterie-Regiment an dem Patrouillenführer Hauptmann Charey vergriffen haben, indem sie den­selben zu Boden warfen, knebelten und mit Stöcken auf ihn loSschlugen. Der Hauptmann wurde von zwei Kameraden befreit. Die Soldaten wurden verhaftet.

Newyork, 26. Aug. Die Morgenblätter kritisieren Roosevelt, weil er gestern eine einstündige Untersee- fafyrt mit dem submarinen Torpedoboot Plunger machte.

Die Blätter sagen, angesichts der vielen Unfälle solcher Fahr­zeuge tue Roosevelt unrecht, sich in Gefahr zu be­geben.

Tokio, 26. Aug. Prinz und Prinzessin Arisugawa sind von der Reise hierher zurückgekehrt. Sie wurden vom Kaiser in Audienz empfangen. Die Blätter besprachen die Reise deS Prinzenpaares und knüpften daran die Hoffnung, daß bessere Beziehungen zu Deutschland erreicht worden seien.

Konstantinopel, 26. Aug. DieF. Z." meldet: Die Ermordung des reichsten armenischen Bankiers in Kon­stantinopel, Aptk Undjian, die heute morgen, kaum daß Apik, von seinem Sommersitze kommend, sein im Stadtteile Galata Gelegenes Bureau betreten hatte, erfolgte, ruft allseitig pein­liches Aufsehen und vielleicht begründete Befürchtungen her­vor. Es hat sich in letzter Zeit durch das Bombenattentat im Jildiz Kiosk, durch Funde von Dynamit und Höllen­maschinen an allen Ecken und Enden und durch verschiedene politische Momente eine Menge Zündstoff angehäuft, die förmlich zu einer Explosion drängt. Der Attentäter streckte gleich mit dem ersten Revolverschuß Apik nieder und ver­letzte mit zwei weiteren Schüssen zwei im Bureau anwesende Fremde lebensgefährlich. Der Mörder konnte sofort dingfest gemacht werden; er gab an, Vartan zu heißen und vor drei Tagen aus Amerika zugereist zu sein. Vartan gestand zu, dem armenischen Revolutionskomitö anzugehören. Die Aus­sage über Mitschuldige verweigerte er. Apik Undjian erhielt in letzter Zeit mehrfache Aufforderungen, größere Summen an daS Komitee zu zahlen, doch lehnte er dies immer ab. Zurzeit der armenischen Massacres wurde auch Apik, der einer der größten Lieferanten für die Armee war, verhaftet, weil er auf Drohbriefe dem Komitee tausend Pfund ablieferte. Apik erhielt 14 Jahre Gefängnis, der Sultan begnadigte ihn aber auf Fürsprache der meisten Minister. Die Folge des aktiven Auftretens der Armenier werden zuerst neue Repressalien und Verfolgungen ihrer hier lebenden Stammesgenossen fein, wenn nicht Schlimmeres bevorsteht.

Atts §iüdt und Za»d.

Gießen, 28. August 1905.

* * Personalien. S. K. H. der OKoßherzog haben dem Kirchenrechncr Georg Benz VI. zu Arheilgcn das Allgemeine Ehrenzeichen mit der InschriftFür langiährige treue Dienste" verliehen. Uebertragcn wurden dem Schullehrer Becker zu Dreieichenhain und dem Schulverwalter Held zu Sprendlingen, im Kreise Offenbach, Lehrerstellen an der Gemeindeschule zu Dietzenbach, in demselben Greife; dem Schu'lamtsaspirantcn H'ütteiner aus Dromersheim eine Lehrerstellc an der Ge­meindeschule zu Oppenheim. Der Großherzog verlieh dem Musketier Konradi beim Bezirks-Kommando Friedberg die Rettungsmedaille. Der Oberförster der Oberförsterei Eichels­dorf, Forstmeister T r a u t w e i n zu Eichelsdorf wurde in gleicher Diensteigenschaft in die Oberförster ei Schiffen berg versetzt.

* * Der Kaiser besuch in Wiesbaden. Seit einigen Tagen häufen sich die Meldungen über einen beabsichtigten Besuch des Kaisers in Wiesbaden. Wie unser Berichterstatter an amtlicher Stelle in Wiesbaden erfuhr, ist dorthin bisher keine Nachricht von einer derartigen Absicht des Kaisers ge­langt. Auch in Homburg nimmt man an, daß der Kaiser von Potsdam kommend' dort eintrifft. Immerhin ist c§ nicht ausgeschlossen, daß der Monarch, deffen große Vorliebe für das Wiesbadener Hostheater ja bekannt ist, von Homburg auS einen Abstecher nach Wiesbaden macht. Dafür könnte aber nach den übrigen feststehenden Dispositionen nur der Abend des 7. September in Betracht kommen. Daß der Kaiser nicht im Schlosse zu Wiesbaden Aufenthalt nehmen wird, steht bereits fest. ES dürste aber auch schwer werden, die Wiesbadener Theater zu einer Paradevorstellung richtig zu füllen, denn das in Betracht kommende Publikum ist zur Zeit noch abwesend und die Kurgäste sind jetzt meist Touristen, die nur wenige Sage bleiben. Andererseits ist der Inten­dant des Hoftheaters noch in Urlaub und auch der Ober­bürgermeister hat vor einigen Tagen eine Erholungsreise an­getreten. Der Polizeipräsident hat es aber abgelehnt, Schutz­leute zu den Absperrungen bei der Parade abzugeben, weil er für den Fall, daß der Kaiser doch in Wiesbaden einen Besuch macht, die nötigen Absperrungsmannschaften zur Ver­fügung haben will.

* Finanzmini st er Gnauth ist von seiner Urlaubs­reise zurückgekehrt und hat die Dienstgeschäfte wieder über­nommen.

**Das KaiscrWilhelm-RegimeNt hatte am Sams­tag bei Wiesbaden im Verein mit den 115 em und 168 em seine Brigadebesichtigung durch den Kvrpskommandeur von Eichhorn, Divisionskomm»-dcur Freiherrn v. Gall und Brigadekommandeur B ü n a u. Die Besichtigung fand auf dem Gelände bei JMadt, Erbenhausen und Vierstadt statt, wo die 49. Brigade seit dem 16. August übte. Von den 116 em lagen das 1. und 2. Bataillon in der Kaserne zu Wiesbaden, das 3. Bataillon in Bierstadt. Heute haben die drei Regimenter ihre Quartiere verlassen und sind in der Richtung nach Limburg ins Brigademanöver gerückt. Unser Regiment liegt heute in der Gegend von Niedernhausen.

* * Französische Lehrer und Lehrerinnen in Frankfurt. 70 französische Lehrer und Lehrerinnen sind, wie man uns schreibt, gestern vormittag von Heidelberg hier ein­getroffen. Abends gab ihnen die Fwankfurtcr Lehrerschaft, der Lehrerinnenverein, der Lehrerverein, die Mlg. Lehrerversamm­lung und der Verein akad. gebildeter Lehrer, ein Begrüßungs­fest im Börsensaal. Direktor Dörr von der Viktoriaschule leitete die von etwa 500 Personen besuchte Versammlung und hielt die Festrede. Er wies auf die gemeinsamen Ziele der Lehrer aller Länder hin und brachte ein Hoch aus die französischen Gäste aus. Oberlehrer Kuhl sprach ebenfalls Worte der Begrüßung. Eine Lehrerin und ein Lehrer aus Frankreich dankten. Der Rest des Abends wurde in gemütlicher Unterhaltung verbracht.

** Studentische Reformverbindung Adel- phia. Am Lndwigstage hielt in derKrone" zu Auer­bach die Alt-Adelphia, eine Vereinigung der Philister der studentischen Verbindung Adelphia in Gießen, eine Familien­zusammenkunft, zu der zahlreiche, z. T. bemooste Häupter mit ihren Angehörigen sich ein gefunden hatten, um alte Erinnerungen wachzurufen und die Beziehungen zu den Aktiven zu Pflegen, die sich im Schmucke des grün-weiß- goldenen Bandes gleichfalls eingestellt hatten. Nach der Begrüßung im Garten derKrone" ward von der Jugend ein gemeinsamer Gang in das Fürstenlager unternommen; daran schloß sich dann die eigentliche Feier im Saale, bei der Oberlehrer Kissinger-Darmstadt der Ideale der Adelphia" gedachte. Seiner Rede folgte das Farbenlied, das hierbei zum erstenmale nach der Melodie gesungen wurde, die Professor A. Mendelsohn-Darmstadt in

liebenswürdiger Weise vor kurzem komponiert und ge­widmet hat. Fröhliche Geselligkeit, bei der noch der erste Chargierte Scholl und Regierungsrat Gu tm ann-Darm- tabt sprachen, hielt die Erschienenen noch bis zum Abgang der letzten Eisenbahnzüge zusammen.

** Ein tolles Fuhrwerk. Ein Pferd wurde am Samstag nachmittag in der Ludwigstraße scheu. Es stürmte in rasender Eile die Straße hinunter, und der Wagen verlor dabei ein Rad, so daß er teilweise am Boden chleifte. Kurz hinter dem Eisenbahnviadukt gelang eS einem Mann, das Pferd zum Stehen zu bringen. Der Wagen wurde ziemlich stark mitgenommen. Das Pferd verletzte sich nicht, auch der Kutscher vermochte sich trotz der schaukelnden Bewegung des Wagens auf seinem Platz zu halten.

** Unfug. Samstag nacht wurde ein Ingenieur eines hiesigen Geschäfts dabei betroffen, wie er einen Schachtdeckel auf dem Bürgersteig der Plockstraße (in der Nähe des Cafe Skalitzky) aufdeckte und damit beschäftigt war, einen zweiten auf dem Fahrdamm zu heben. Bei der Notierung seines Namens weigerte sich der Betreffende, seine Perso­nalien anzugeben, behauptete, Handlanger zu sein und bei leidigte Schutzleute. Die Strafe wird nicht ausbleiben.i Ein anderer junger Mann verübte groben Unfug und ver­ursachte einen Menschenauflauf dadurch, daß er sich an das Kriegerdenkmal am Marktplatz stellte und dort einen Vortrag über Klärbeckenanlage hielt, wobei er das Denkmal gewissermaßen als solches bezeichnete.

^Preiserhöhung der Fleischspeisen in den Gastwirtschaften. Eine allgemeine Gastwirteversamm­lung, die lt. Inserat in der heutigen Nummer unseres Blattes nächsten Donnerstag stattfinden wird, wird sich mit der Er­höhung der Preise für Speisen in Anbetracht der Fleisch­teuerung befassen und die nötigen Schritte beschließen.

* Die Butzbach-LicherEisenbahn fährt, wie uns mitgeteilt wird, anläßlich des Paradetages in Hom­burg am 8. September einen Sonderzug von Lich nach Butzbach, welcher so zeitig in Butzbach eintrifft, daß er An­schluß an den Zug 5.01 morgens in Butzbach hat.

* * Dienstjubiläum. Joh. Karl Wagner feiert heute sein 25jähriges Dienstjubiläum in der Firma Hevligenstaedt u. Co. Er wurde vom Ches des .Hauses sowie den Beamten und Mitarbeitern aus diesem! Anlaß reichlich beschenkt.

* * Noch ein alter offen tlicher Anschlag des Rates der Stadt Leipzig aus dem Jahre 1792 kann heute wörtlich mitgeteilt werden. Auch dieses Plakat s ist, wie wir uns überzeugen konnten, in ausfallend schöner Schrift gedruckt. Der Anschlag aus dem Jahre 1792.beweist, daß die Kin d er damals schon so unartig waren, wie heute. Der Stil, dieser öffentlichen Ermahnung ist ein besserer als der in der am Samstag mitgeteilten Verffigung über Die Hundesperre:

ist bisanhero vielfältig geklaget worden, daß, auf den Strassen und Plätzen in der Stadt und in den Vorstädten, viele Kinder, unter welche auch oft Lehrpursche bey Handwerkern sich mischen, häufig zusammen laufen, sich balgen, schreyen, mit Steinen werfen, auch, sobald sie Pferde kommen sehen, mit Peiffchen knallen, und dadurch, nicht ohne Gefahr der Reitenden und Fahrenden, die Pferde zusammen schrecken und unruhig machen, sowohl sonst aller­hand Muthwillen und Frevel treiben. Obrigkeitswegen wird dahero den Handwerksmeistern sowohl als den Aeltern der aus den Gaffen und Plätzen umherschwärmenden Kinder in der Stadt und in den Vorstädten hiermit aufs ernstlichste anbefohlen, daß sie ihren Lehr- vurschen unb Kindern dergleichen Muthwillen und Frevel weiter nicht gestatten, vielmehr sie von: Auslaufen und vom Müssiggänge gbhalten, und zu bem Ende sie, so viel möglich, immer zu Hause auf eine schickliche Art beschäftigen sollen. Zwar werden die Lehr- vursche und ftinber, die hinführo dennoch solchen Muthwillen und Frevel treiben, sofort eingebracht und abgestraft werden; aber auch die Handwerksmeister und Aeltern selbst, welche diese obrigkeitliche Anorbmmg unbefolgt laßen, haben zu gemärten, daß man sie dies­falls zur Verantwortung ziehen und bestrafen werde. Wornach sich zu achten.

Leipzig, den 6ten October 1792.

(L. S.) Der Rath zu Leipzig.

ch Wieseck, 28. Aug. Am Samstag nachmittag er­eignete sich hier ein schwerer Unfall, der besonders für Eltern auf dem Lande beachtenswert ist. Der siebenjährige Sohn des Zigarrenfabrikanten Heinrich Keller hängte sich auf die Deichsel eines mit Frucht beladenen Wagens. Der Junge fiel dabei herunter und zwei Räder gingen ihm über Kopf und Brust, daß er, nachdem ihm erst vom hiesigen Arzte ein Notverband angelegt worden war, schwer verletzt in die Gießener Klinik gebracht werden muhte.

z. Bad-Nauheim, 28. Aug. Der rühmlich bekannte Sängerchor des Turnvereins Offenbach a. M. gab am gestrigen Sonntag den Kurgästen und einer großen Zahl dafür interessierter Musikfreunde von auswärts zwei Stornierte, nachmittags und abends. Die Leistungen deS wohl 80 Sänger zählenden Chors smd vorzüglich. Der Dirigent, Musikdirektor Aug. Glück, hat seinen Sängern eine ganz ausgezeichnete Schulung zrtteil werden lassen, und das Stimmenmaterial ist, das fiel sofort auf, auserlesen, nament» lich d ie Höhen kamen prächtig zum Ausdruck. DieHymne an die Nacht" von Beethoven, die abends auf der Terrasse leider bei sehr kühler Witterung gesungen werden mußte, war der schönste Vortrag und wurde auch meisterhaft zu. Gehör gebracht. Die Offenbacher Sänger sind besonders in der dezenten Schattierung und präzisen Abrundung der Stimmungsverschiedenheiten sehr tüchtig.

RB. Darmstadt, 28. August. (Eigener Draht» bericht.) Wie aus Hahnheim berichtet wird, ist dort am Samstag nachmittag ein neuer ReblauSherd entdeckt worden, und zwar nordöstlich von der vor einiger Zeit fest- gestellten Stelle. Die neue 5. Untersuchungskommission hat heute ihre Arbeiten in den Gemarkungen Schornsheim, Udenheim re. begonnen. Wenn sich auch dort keine älteren Infektionen vorfinden, von welchen die Hahnheimer Ver­seuchungen abstammen, so hat man, wie dieD. Z." be­merkt, es jetzt in Rheinhessen nur mit einer kleinen und ver­hältnismäßig jungen Infektion zu tun.

Mainz, 26. Aug. Ein schweres Brar.dunglück entstand heute morgen im Hause Heringsbrunnengasse 17. Aus der Wohnung des Bahnsteigschaffners Hör hörte man schreckliches Kindergeschrei; als eine g-rau die Tür zur Wohnung öffnete, stand das Schlafzimmer in vollem Brand. Der Frau gelang es, einen 11 Monate alten Knaben aus seinem brennenden Bettchen zu reißen, wobei sie sich an den Händen verbrannte. Das Kind wurde, mit schrecklichen Brandwunden bedeckt, ins Rochushospital gebracht. Zwei weitere kleine Kinder des Schaffners wurden ohne Verletz­ungen aus dem brennenden Zimmer geschafft, während es zwei Schutzleuten gelang, den Brand zu löschen. Die Mutter versieht Monatsstelle und war abwesend. Während dieser Zeit hatte ein dreijähriges Kind mit Zündhölzern gespielt und den Brand verursacht. Zum Glück wurde durch