Ausgabe 
26.5.1905 Zweites Blatt
 
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sSnlichkett. Einen Wilhelm den Redseligen gab e- früher nicht. (Unruhe rechts.)

Abg. Erzberger (Ztr.): Mag Großfürst Sergius gewesen fein, teer immer: die Herero waren sicher nicht besser, eher wohl schlimmer. Ob es sich mit der Würde des Reichstags vertragt, hier einen Meuchelmörder in Schutz zu nehmen, darüber kann man ver­schiedener Meinung sein.

Hiermit schließt die Diskussion. ,

Abg. Singer (Soz.) hat zu dem grundlegenden § 1 einen An­trag auf namentliche Abstimmung eingebracht.

?lbg. Dr. Bachem (Ztr.): Ich bitte den Herrn Präsidenten, die Namen, die unter dem Antrag stehen, zu verlesen, wenn es ja auch nicht sehr bequem für den Präsidenten sein mag. (Heiterkeit.) Am besten wäre es wohl, wenn diese Anträge ebenso wie alle an­deren behandelt und mit den Namen gedruckt verteilt würden.

Präsident Graf Ballestrem: Wenn bis letzt der Wunsch nicht an mich gerichtet wurde, die Namen zu verlesen, so wohl aus dem Grunde, "weil die Herren das Vertrauen zu dem Präsidenten hatten, daß die Sache in Ordnung sei. Ich gestehe zu, daß sie aber ein Recht haben, die Verlesung der Namen zu verlangen. Ich bitte daher einen Herrn Schriftführer, diesmal die Namen zu verlesen. lHeiterkeit.)

Schriftführer Himburg verliest nunmehr die Namen von 53 sozialdemokratischen Abgeordneten. .

Für den § 1 stimmen 127, dagegen 61 Abgeordnete, bei 11 Stimmenthaltungen.

§ 1 ist also angenommen.

Die Tatsache, daß gerade die zur Beschlußfähigkeit nötige Miudestzahl von 199 Abgeordneten anwesend ist, erregt große Heiterkeit.

doch ganz gewiß nicht an die Reihe gekommen. Und außerdem kann Herr Erzberger doch nicht den Sozialdemokraten zutrauen, daß ste für unsere gestrige Haltung sich heute durch einen Antrag aus namentliche Abstimmung revanchieren. (Heiterkeit.)

Abg. Ledebour (Soz.): Ein deutscher Offizier darf unter leinen Umständen von einer humanen Praxis gegen Eingeborene abgehen. Das mag sich Herr Erzberger gesagt sein laßen, der den General von Trotha noch gar in Schutz nahm. Herr Erzberger hat freilich nun gar noch den General, der Meuchelmörder züchtet, mit Kala- iew, dem Vollstrecker des Urteils an dem Großfürsten. «ergmS, verglichen. Einen unglückseligeren Vergleich hätte er garnickt ziehen können. (Sehr richtig! links.) Kalajew ist ein Mann, her fein Leben zum Opfer gebracht hat, um eine Persönlichkeit hinzurichten, von dem er nicht nur, sondern alle Freiheitsfreunde in der ganzen Welt wußten, daß er einer der schlimmsten Verbrecher in ganz Rußland war.

Präsident Graf Ballestrem: Ich kann nicht dulden, daß auf der Tribüne deö deutschen Reichstages ein Meuchelmörder so quali­fiziert wird, wie Sie es tun, und daß fein erhabenes Opfer so her­untergezogen wird. (Oho-Rufe und Gelächter bei den Soz.)

Abg. Ledebour (Soz.): Wenn Herr Erzberger jemand mit Kala- feto vergleichen will, so greife er in die deutsche Literatur, so zitiere er Wilhelm Tell. Das war ein Mann, der mit ihm zu vergleichen wäre, wenngleich Kalajew noch höher steht als Tell. (Zustimmung bei den Soz.)

General von Trotha hat, wenn der Erlaß richtig ist, Meuchel­mörder geworben. Wenn Sie eine Parallele in der Geschickte haben wollen, so können Sie nur die Leute nehmen, die den Bal­thasar Gerard gedungen haben, um Wilhelm den Schweigsamen zu ermorden. (Unruhe und Zwischenruse rechts.) Sie kennen Wil­helm den Schweigsamen nichts Das war doch eine historische Per-

Der Rest deS Gesche? wird ohne Erörterung angenom­men, ebenso von der Bau- und Betriebskonzession für die Ka- meruneisenbahngesellsckiaft die ersten 10 Paragraphen (Betrieb der Bahn, Vorzugsrechte usw.).

Zu § 11, der von Landgerechtsamen handelt, hat Abg. Lail- mann einen Antrag gestellt, wonach die Gesellschaft das ihr längs der Bahn zugewiesene Land erst dann in Be­sitz nehmen darf, wenn sie den Eingeborenen nach Verhandlungen mit ihnen Reservate zugewiesen hat.

Der Antrag wird angenommen.

Die Abstimmung über den so gestalteten Paragraphen ist auch eine namentliche.

Nachdem die Abstimmung erfolgt ist, teilt

Präsident Graf Ballcstrem mit: Ich habe dem Hause eine be­trübende Mitteilung zu machen. Die vorherige Abstimmung überden § 1 ist ungültig, denn ein Abgeoroneter hat aus Versehen zwei Stimmzettel abgegeben. Wir waren also schon da beschlußunfähig. Auch bei dieser Abstimmung über den § 11 sind von zwei Herren zwei Zettel abgegeben worden, das kann ja sehr leicht passieren.

Wenn es Sie interessieren sollte, so teile ich noch das Resultm der letzten Abstimmung mit. Es haben sich daran beteiligt 195 Ab­geordnete ; davon haben gestimmt mit Ja 123, mit Nein 60, und der Stimme enthalten haben sich 12.

Wir müssen die Sitzung abbrechen.

Nächste Sitzung: Dienstag, 30. Mai, 1 Uhr: Petitionen. Rechnungssachen, Wahlprüfungen, Kamerun­bahn, Börfengesetz.

Schluß gegen 6V Uhr.

Kietztncr WcrkchrsvclhäUlüsse im ZZürgewerein.

Gießen, 26. Mai.

Der Vurgerverein Gießen veranstaltete gestern, DonnerZ- /kg abend, im Leib'schen Saale eine öffentliche Bürgerver- Vq mm hing, in der die Verlehrsverhältnisje der Provinzial- sladt Gießen zur Besprechung kamen. Tie Versammlung war zahlreich besucht; unter den Anwesenden befanden sich auch mehrere Stadtverordnete (sämtliche Angehörigen der slädt. Verkehrskommission).

Um 9'/z Uhr eröffnete der Vorsitzende, Lehrer <6. Müller, die Versammlung und betonte, daß man be­züglich der Verkehrsverhältnisse auch an die Zukunft denken müsse. Der Verkehr des Vogelsbergs habe sich in den letzten Jahren mehr von Gießen ab nach Friedberg und Butzbach gewandt; die Stadt Gießen müsse sich regen, damit sie nicht ins Hintertreffen komme.

Prof. Dr. Sommer referierte über den Verkehr zunächst innerhalb der Stadt. Gießen bildet bezüglich feiner Aus­dehnung ein Unikum der Städte; es ist ein gesundes Ver­hältnis, daß aus den großen Flächenraum eine so verhältnis­mäßig geringe Einwohnerzahl kommt. Die Gärten zwischen den Häusern sind eine große Annehmlichkeit. Es ist aber auch darum dringendes Bedürfnis, daß wir bessere Verkehrs­mittel bekommen. Die Fremden sprechen abfällig über diesen Mißstand innerhalb der Stadt. Die bedeutendsten Mittel sind elektrische Bahn und Droschkenverhältnisse; letztere sind sehr verbesserungsbedürftig. Es zeigte sich auch ^gelegentlich des letzten internationalen Aerztekongresses. Dian schaffe einen telephonisch erreichbaren Droschken Halte­platz. Auch erweist sich bei der großen Ausdehnung von Norden nach Süden die Anlage einer elektrischen Bahn als notwendig. Durch den Bahnbau hat man Gießen von der Lahn abgetrennt; dadurch hat sich die Stadt seit 30 bis 40 Jahren nur nach einer Seite ausgedehnt. Tas Vor­handensein des langen Eiscnbahndammes hindert die Aus­dehnung nach Westen und bedingt die Erbauung einer elek­trischen Bahn. Folgende Linien sind zu errichten: 1. nach dem Biebertal, 2. nach der Aula, damit die Studenten von den ftlinifen zur Aula können, 3. von Wieseck nach Klein- Linden. Es handelt sich dann um die Frage: Wie steht die Verbindung zu der Umgebung mit der Stadt? Wir denken zuerst an das große Wieseck, dem jede Bahnverbindung fehlt. Es gibt eine Verbindung nach Fulda; diese müßte der natürlichen Lage folgen und über Wieseck-Gießen-Nord ein­laufen. Dann erhalten wir auch die schon lange gewünschte Haltestelle Gießen-Nord. Der Redner spricht dann über das Projekt Gießen-Wieseck-Beuern. Dies sei aber nichts Ganzes; es entstehe nur eine Sackbahn. Eine Ver­legung der Main-Weser-Bahn über Wieseck hält Prof. Dr. Sommer für ausgeschlossen mit Rücksicht auf den herzu­stellenden tiefen Einschnitt auf der Höhe der Wellersburg. Die Biebertalbahn ist ein merkwürdiges Flickwerk, da es vom Hauptbahnhof nicht zu erreichen ist, die Herstellung eines Tunnels oder eine Ueberführung sei sehr nötig. Der Redner hofft jedoch auf eine gute Entwicklung dieser Bahn und ihre Fortsetzung über Königsberg, Erda, Gladenbach nach dem Artal und Herborn. Die Verbindung mit Heuchelheim vom Seltersweg aus kann sehr leicht durch eine Brücke über die Lahn im Anschluß an die Klmilstraße hergestellt werden. Ter Süden Gießens kann dadurch sich gedeihlich weiter entwickeln. Das liege allerdings noch in weiter Ferne. Tie Kle eb a ch- bahn sei schon nach der Karte sehr einleuchtend, da die natürlichen Wege nach Gießen weisen. Prof. Sommer warnt jedoch vor einer Sackbahn; die Bahn müsse durchgebaut werden bis Ufingen, damit das Taunusgedlet mit Gießen verbunden wird.

Die Lage Gießens mit seinem bedeutenden Verkehr ist eine sehr günstige. Doch sind bessere Verbindungen mit Schlesien und Bayern zu erstreben. Preußen hat die anderen kleineren Staaten beim Eisenbahnbau umgangen, und die kleinen Staaten bauten ihre eigenen Netze. Dadurch wurden die natürlichen Verkehrswege in ihrer Entwicklung gehindert. Gießen und Oberhessen müßte wieder nach beiden Seiten in die Verkehrslinie gerückt werden. Nach Bayern muß eine direkte Linie über GelnhausenPartenkirchenLohr und Würzburg ins Maintal erstrebt werden. Ter Uniweg über Frankfurt fällt dann weg. Von Gießen nach Osten muß die Strecke bei Alsfeld über Hersfeld, Thüringen bis Ost­deutschland geführt werden. Die Strecke GießenGelnhausen hätte früher über das Bergwerk gelegt werden müssen, dann hätte die Stadt einen schönen Wald in nächster Nähe gerettet. Der größte Fehler in der Städteentwicklung liegt darin, daß man nur an die nächsten 5 bis 10 Jahre denkt.

Die Ausführungen des Referenten fanden lebhaft- Bei»

fall. Der Vorsitzende dankt ihm und übergibt dem zweiten Referenten, Handelskammersyndikus Dr. Knipp er, das Wort. Dieser erläutert das Kleebachtal-Projekt. Man beab­sichtigt, Wetzlar mit Butzbach zu verbinden, also Gießen zu umgehen. Wegen der Schwierigkeit dieser Bahn hat die Direktion Frankfurt sie abgelehnt. Die Solmsbach-Bahn, das andere Projekt, soll nun direkt von Wetzlar nach Ufingen geführt werden. Tas sind Pläne der Stadt Wetzlar. Seit vorigem Jahre hat sich auch die Handelskammer mit dem Kleebach-Projekt beschäftigt und ein Komitee gewählt. Es and auch eine Versammlung statt und die Gemeinden be­willigten die Mittel. Doch die Regierung in Koblenz und Wiesbaden stand auf einmal feindlich gegenüber. Wetzlar ist ein großer Feind des Projektes und hintertreibt es. Im April ist das Ersuchen, eine Staatsbahn durch das Kleebachtal zu errichten, von der Bahnbehörde abgelehnt worden. Jetzt besteht die Gefahr, daß die Bahn WetzlarButzbach erbaut und der Stadt Gießen das wichtige Hinterland abgeschnitten wird. Man sollte, da eine Staats­bahn abgelehnt ist, die Erbauung einer Gesellschaftsbahn erstreben.

Wetzlar erstrebt ferner eine Bahn über Hohensolms nach Gladenbach. Gießen verliert dann auch dieses Hinterland. Es ist vom preußischen Staat nicht zu erwarten, daß er die Bahn baut Die Biebertalbahn rentirt ganz gut, sie hatte im letzten Jahre einen Ueberschuß von 41000 Wik., das Jahr vorher 39 000 Mk.

Der Redner spricht dann über das Projekt Mücke Ulrichstein. Viele Eisenlager und Basaltlager sind zu er- chließen und die spätere Fortführung nach Rixfeld bis Fulda zu erstreben. Von Fulda ist eine Bahn nach Mitteldeutschland in nächster Zeit geplant Von Alsfeld ist eine Bahn Alsfeld UlrichsteinSchotten projektiert Die Terrainschwierigkeiten ind sehr groß. Diese Strecke würde uns den Vogelsberg abschneiden. Man hofft, daß MückeUlrichstein als Staats­bahn gebaut wird. Der zweigeleisige Ausbau der Ober- hessischen Bahn und ihre Fortführung ist eines der wichtigsten Ziele Gießens.

Stadtv. Kirch erklärt, er habe beide Referate mit Jn- eresse vernommen. Prof. Sommer hab'' sich schon vor sieben Jahren sehr für die Verkehrsverhältnissi interessiert. Hr. Kirch glaubt aber noch nicht an die Vollendung dieser Wünsche. Die städtischen Verkehrsverhältnisse sind teilweise mit Recht gegeißelt worden. Bereits vor Jahren wurde beschlossen, Halteplätze für die Droschken zu errichten. Man setzte sich auch mit den Firmen in Verbindung, um die Droschken telephonisch bestellen zu können. Auch ein Troschkentarif wurde aufgestellt. Tie Sache hat sich aber nicht rentiert; die Droschken wurden nicht verlangt, deshalb mißglückte das Beginnen. Gießen ist hierzu noch zu klein.

Die Verhältnisse Gießens lassen die Erbauung einer elektrischen Bahn noch nicht zu, da die Kanalisation noch nicht fertig ist. Doch nach dieser kommt mit der Pflasterung auch die Gleisanlage und die Errichtung der elektrischen Bahn. Eine Verbindung zwischen Klein-Linden und Wieseck muß in erster Linie in Betracht gezogen werden. Dann auch eine Linie nach der Kaserne, dem Siechenhaus, Friedhof, Irrenanstalt. Bezüglich der Biebertalbahn nimmt der Redner die Stadtverordneten in Schutz. Sie und an der Spitze der Oberbürgermeister ständen bezüglich der Verkehrs-Interessen der Stadt wohl auf der Wacht. Es wurde eine Verkehrs­kommission gebildet, um Mißständen entgegen zu treten. Aber zu den genannten bedeutenden Plänen gehört Geld und nochmals Geld, und der Steuersatz ist schon sehr hoch. Zur Weitersührung der Biebertalbahn nach Erda hatte die Stadt 60 000 Mk. bewilligt, doch die Orte bieten nichts. Bezüglich der Kleebachbahn ist die Stadt bereit, einen Bei­trag zu den Kosten zu leisten. Es geschieht überhaupt, was geschehen kann. Viele Wünsche müssen an der praktischen Ausführbarkeit scheitern. Hr. Kirch ist fest überzeugt, daß nach den Kammer-Verhandlungen die Strecke Mücke-Ulrich- ftein gebaut wird. Zum Schlüsse dankt Stadtv. Kirch dem Bürgerverein, daß er das Interesse seiner Mitglieder für das Wohlergehen der Stadt zu wecken sucht.

Stadtv. Gabriel betont, daß er sich in den letzten Jahren sehr eingehend mit den Fragen beschäftigt habe. Er hält eine Uebersühruj g über die Bahn nach dem Güter­schuppen für dringend nötig. Der Verkehr zwischen Güter­schuppen und Bahnhof ilt sehr groß, deshalb könnten leicht llnglücksfälle vorlommen. Auch sei dort die Viehverladestelle, sodaß die Händler stets unter diesem Verkehrshindernis zu leiden hätten. Tas s i für die Folge unhaltbar. Die Bieber- ialbahn hätte norm - purig gebaut werden müssen. Der Personen- und Güter' erlehr hat sich sehr gesteigert. Die Weiter Urning erschein dagegen nicht rentabel; daher hat

die Stadt die bewilligten 60 000 Mk. zurückgezogen. Tie Gruben :c. garantieren feine Rentabilität. Die Brücke über die Lahn an der Klinikstraße wird bei der Lahnkanalisation erbaut werden. Jenseits der Lahn wird ein Fabrikviertel und eine Hafenanlage entstehen. Dorthin wird sich Gießen zweifel­los ausdehnen.

An der katholischen Kirche soll, so meint Herr Gabriel, eine neue Straße über die oberhessische Bahn gebaut werden im Interesse der zu errichtenden elektrischen Bahn. Die elektrische Bahn kann auch über die Staatsbahn gehen, wie es z. Ä. in Westfalen zu sehen ist. Die Bahn braucht nicht durch die Ludwigstraße zu gehen. Die Verlegung der Strecke Fulda über Wieseck wünscht der Redner entsprechend dem Projekt des Prof. Sommer. Dann seien die 200 000 Mk. und 70 000 Mk. von der Stadt und der Bahn am Schisfen- bergerroeg nicht nötig. Ich möchte den Vorschlag machen, die Bahn anzugehen, das Gelände von Werkstatt bis Großen- Buseck der Stadt zu überlassen. Dafür möge die Stadt die Bahn auf dem von der Gemeinde zu stellenden Gelände er­bauen. Das Wichtigste dabei wäre, daß sich der Stadtteil nach Süden und Osten besser ausdehnen könnte. Die Er­richtung von Droschkenhalteplätzen hält er bei der Größe Gießens für unausführbar. Bezüglich der elektrischen Bahn schließr Herr Gabriel sich den Ausführungen des Stadtv. Kirch an. Die Erbauung der Elektrischen bis Klein-Linden und Wieseck hänge allein von dem Entgegenkommen dieser Orte ab.

Bauunternehmer Winn ist gewiß, daß die Ueberführung an dem Güterschuppen kommen muß. Er i|t der Ansicht, daß die Verlegung der Bahn über Wieseck das Wichtigste ist und im Bereiche der Möglichkeit liegt. Der Bürgerverein oder eine Kommission sollte dieses Projekt energisch betreiben. Stadtv. Kirch hält die Verlegung der Fuldaer Bahn aus praktischen Gründen für unausführbar. Der Bahnhofsumbau schließe die Verlegung aus.

Schließlich kommt ein Brief aus der Gemeinde Alten­buseck zur Verlesung, welche sich um Unterstützung des Projekts nach Beuren an den Bürgerverein wendet.

In ziemlich vorgerückter Stunde schließt der Vorsitzende mit kurzen Worten des Dankes die Versammlung.

Sitzung der Stadtverordneten.

Gießen, 26. Mai.

Tie Sitzung wurde gestern nachmittag um 4Vs llhr er­öffnet. An Hand der Grundrisse der beiden gleich prämiierten Entwürfe zu einem Theater für Gießen, von Fellner u. Helmer- Wien und Archirekc Hans Meyer- Gießen sowie von Pros. l f er -München, erläuterte der Oberbürger­meister die einzelnen Vorteile und Nachteile, welche die Grundrisse sowie überhaupt die Raumdispositionen der Ent­würfe, gegeneinander abgewogen, enthalten, und erklärte, daß sich die Theaterkommission darüber einig gewesen sei, daß deswegen keines der Projekte, so wie es vorliege, zur Ausführung gelangen könne. Eine überaus peinliche Sich­tung und Abwägung der Grundrißdispositionen der beiden preisgekrönten Entwürfe habe dazu geführt, auf Grund' derselben einen neuen Entwurf herzustellen, welcher alle Vorteile unter «Vermeidung des Unpraktischen der Kon- turrenzentwürse enthält, wobei man sogar drei Varianten angenommen hat. Die Kommission schlägt vor, eine dieser drei Losungen im Prinzip zur Mssührung anzunehmen und demgemäß zu beschließen. Selbstverständlich müsse dann noch die Fassade danach eingerichtet werden. Heber die weitere Behandlung dieser Frage schlägt der Oberbürger­meister vor, in nichtössentlicher Sitzung zu beraten. Was nun die Kosten des Baues anbetrifft, so war den an der Konkurrenz beteiligten Architekten bekanntlich als Beding­ung gestellt, daß die Ausführung ihrer Entwürfe den Be­trag von 400 000 Mk. nicht übersteigen dürfe. Würde man den Kubikmeter überbaute Fläche mit 18 Mk. annehmen, so ergebe das Felln er-Helmer-Meyersche Pro­jekt eine Bausumme von 420 000 Mr., das des Prof. Dülfer von 459 000 Mk., das neu überarbeitete Projekt würde mit 432 000 M k. auszuführen sein.

Stadtv. Petri wünscht, daß, ehe in der Theaterbaufrage entschieden wird, erst durch Untersuchungen des Baugrundes festgestellt wird, was eventuell die Fundamente des Baues losten werden. Er befürchtet, daß in Schülers Garten schlechter Baugrund vorhanden sein wird und daß daher die Fundamente des Theaters erheblich mehr kosten als man annimmt. ...

Ter Oberbürgermeister entgegnet, daß derartige Untersuchungen im augenblicklichen Stadium der Sache gar feinen Zweck hätten. Er habe doch gewiß die Versammlung nicht im Zweisel gelassen, daß der Baugrund für das Theater voraussichtlich schleckt sei. Es sei ja in dem Aus- schreibeu für den Wettbewerb betr. den Theaterueubau die Bausumme ausschließlich der Fundamente auf 400 000 Mark bemessen worden. Für die Fundamentierung und innere Einrichtung könne man mit 7080 000 Mk. rechnen.