£)en vollständigsten Erfolg glauben die Aufständigen zu erzielen, wenn es ihnen gelänge, Abdul Hamid ums Leben zu bringen, und dadurch mit einem Schlage die orientalische Frage aufzurollen. Daraus haben die Verschwörer nie ein Hehl gemacht.
Jeden Freitag vollzieht sich die feierliche, von Fremden foul bewunderte Fahrt des Sultans zur Moschee. Mögen tue Absperrungsmaßregeln noch so streng und umfassend sein, man wird trotzdem nicht verhindern können, daß ein Fanatiker unter die Zuschauer sich einmischt, und das todbringende Geschoß schleudert. Der Sultan muß die Zeremonie des Selamlik ausüben, wenn er nicht erkrankt ist, die Bestimmungen des Religionskultus dulden keine andere Ausnahme. Es ist daher die Befürchtung nicht abzuweisen, daß der Anschlag wiederholt wird. __________
Kammerverlagung statt Kammerschluß!
Wenige Tage nach dem Eintritt der großen Gerichtsferien ist nun am Samstag auch endgiltig über die porlcunen- tarischen Ferien in Hesten entschieden worden. Die Entscheidung fiel so aus, wie wir vorhergesagt hatten. Der Landesherr hat dem Vorschlag der Regierung Folge gegeben und den Landtag nicht, wie zuerst beabsichtigt war, schon im Juli geschlossen, sondern genehmigt, daß die Kammern im September nochmals zusamnientrcten und dann erst Mitte Oktober verabschiedet werden. Man darf aus dieser in Hessen etwas ungewöhnlichen Hinausschiebung des Kammerabschieds wohl ohne weiteres den Schluß ziehen, daß die Regierung sich noch immer mit recht optimistischen Hoffnungen trägt, Hoffnungen, deren Realisierung sich nach unserem nüchternen Dafürhalten kaum in dem gewünschten Maße erfüllen lassen werden. An eine Verständigung zwischen den beiden Kammern über die Grundprinzipien für die Einführung des direkten 'Landtagswahlrechts in dieser Tagung ist wohl leider kaum mehr zu denken.
Der hauptsächlichste Gesetzentwurf, um den es sich bei der im Frühjahr bevorstehenden abermaligen Beratung handeln wird, dessen Verabschiedung auch der Regierung am meisten am Herzen liegt, ist die Gemeindc- umlagenreform. Die hastige Erledigung der Einzelberatung des Gesetzentwurfs in der zweiten Kammer hat vhne Frage das Durchschlüpfen einer Reihe von Unklarheiten und Ungereimtheiten zur Folge gehabt, was bei einem mehr bedächtigen Vorgehen sicherlich vermieden worden wäre. Es hat sich auch im Laufe der Beratung bei einigen Abgeord- neten Mangel an Sachkenntnis her aus gestellt, der ein Hin- und Herschwanken zur Folge hatte und eine klare Stellungnahme bei der ^Abstimmung erschwerte. Eigentümlich war z. B. das Verhalten des >216g. Hirschel. Er protestierte gegen die Heranziehung der Konsumvereine zur Gewerbesteuer, obwohl er sich sonst stets als geschworener Feind der Konsumvereine überhaupt gcberdet hat. Sein lächerliches .Hetzwurstblättchen zieht übrigens zurzeit wieder gegen die oberhessischen Amtsblätter vom Leder und zeigt die größte Angst vor dem Gieß. Anz., auf dessen bauernfreundliche Tendenz und starke Verbreitung in bäuerlichen Kreisen es mit blassem Neide blickt und dessen tüchtige landwirtschaftliche Mitarbeiter, die zugleich treueste Freunde des Bundes der Landwirte und des Bauernbundes sind, ihm ein Dorn im halbblinden Auge sind. Die „hönischen" (so schreibt nämlich das Blättchen > persönlichen ^Anzapfungen von Plumpester Mernheit richten sich selber.
Daß die Mehrheit der Nationalliberalcn Hand in Hand mit dem Zentrum für den Antrag Molthan eintrat (von den beiden Darmstädter Nationalliberalcn stimmte der eine dafür, der andere dagegen), während die Freisinnigen und Sozialdemokraten mit dem größten Teil der Bauernbündler dagegen stimmten, ist eine Tatsache, die Bedenken erregt, und man muß nun hoffen, daß wenigstens die Erste Kammer die kritische Sonde anlegt und Ausglcichungs- rcsp. Verbesscrungsvor- schläge macht, oder eine genauere, liebevollere Prüfung der zahlreichen Einwendungen der interessierten Bcvölkerungs- gruppen beispielsweise hinsichtlich der Gewerbestcuerveranlagung veranlaßt.
Auch bezüglich des Gesetzentwurfs über die berufliche Organisation der Landwirtschaft in Hessen ist bekanntlich lange nicht das erfüllt worden, was die große Mehrheit der Interessenten davon erwartet hatte. Die aus eine ganz schablonenhafte Zentralisierung gerichteten Abänderungsbeschlüsse der zweiten Kammer haben vielfach den schärfsten Widerspruch erfahren. Auch hier wird hoffentlich die erste Kammer ihre Nachprüfung der Beschlüsse der zweiten Kammer gründlicher gestalten.
So könnte man mit einer Kammervertagung anstatt Kammerschluß, durch welchen ja die erwähnten, von der zweiten Kammer bearbeiteten Gesetzentwürfe einfach unter den Tisch gefallen wären, sehr wohl zufrieden sein, wenn sie nicht doch zu einem ernsten Bedenken Veranlassung böte: der Wahlbeeinflussung durch die Kammer selber. Nach den Vcrfassungsbestimmungeu sind die Neuwahlen der Kammer innerhalb sechs Monaten nach Schluß des Landtags anzusetzen. Man hat den Spielraum dafür so weit bemessen, um die Vorbereitungen in aller Ruhe und ohne jede künstliche Erregung der Wählerschaft sich vollziehen zu lassen. Erfolgt aber der Kammerschluß nicht, wie üblich, im Juli, sondern erst im Oktober, so bleiben nur noch wenige Wochen bis zur Neuwahl übrig, deren Vollziehung im Herbst >chon deshalb sehr geboten erscheint, damit die Kammer noch vor Jahresschluß den neuen Etat cntgegennehmen und ihn an den Finanzausschuß verweisen kann. Nun haben aber schon während der jüngsten Kammerdebatten gewisse Herren es ganz ungeniert und ungehindert unternommen, Reden zum Fenster hinaus zu halten und sich den Wählern möglichst angenehm zu empfehlen. Und da ja bei der bevorstehenden Herbstberatung noch einmal die Wahlrechts- Vorlage und die Gemeindcumlagenreform, ferner der Antrag auf Beseitigung der ersten Kammer u. a. m. zur Debatte kommen, so wird sich wohl mancher die so selten wreder- kehrende Gelegenheit wieder nicht nehmen lassen, mit hochtönendem Wortschwall vom Forum des Parlaments Jemen volksvertreteris chen Befähigungsnachweis zu versuchen. Hoffentlich rafft sich dann der Kammerpräsident zu eurer energischen Geschäftsführung auf und laßt den Rednern nicht wie bisher die Zügel schießen.
Aer Krieg.
Sachalin.
Petersburg, 24. Juli. (Petcrsb. Telegr.-Ag.) Der Gouverneur von Sachalin telegraphiert unter den, £3. ds.: Heute vormittag wurden am südlichen Horizont der
Tatarischen Meerenge bei dem Posten Alexandrowsk mehrere japanische Schiffe und Torpedoboote wahrgenommen. Zwei davon fuhren nordwärts, die anderen gruppierten sich in der Nähe des Postens Doue und gaben vier Schüsse ab, ohne Schaden zu verursachen. Um 11 Uhr wurden im Süden mehrere große Schiffe bemerkt. — Eine zweite Depesche de§ Gouverneurs von Sachalin, aufgegeben am 23. ds., mittags, meldet: Zwei japanische Torpedoboote hielten in der Mündung des Flusses Arhoff, zwölf Werst nördlich von dem Posten Alexandrowsk, beschossen die Küste und entfernten sich dann in südöstlicher Richtung. Ebenfalls nach Südosten entfernten sich ein Kreuzer und vier Torpedoboote, welche sich in der Nähe des Postens Doue gefunden hatten.
Mandschurei.
Petersburg, 24. Juli. (Pet. Telegr.-Ag.) General Linewitsch meldet unter dem 22. ds.: In der Gegend von Hailungchcn ging am 20. ds. morgens um 10 Uhr eine russische Abteilung in zwei Kolonnen gegen die feindlichen Stellungen vier Werst nördlich von Pulangtse vor. Die Kolonne rechts rückte gegen die Front des Feindes heran, die Kolonne links umging den rechten Flügel der Japaner. Das plötzliche Erscheinen der linken Kolonne in den Seitenstellungen des Feindes zwang diesen, seine Stellungen ohne Widerstand zu räumen. Die Russen besetzten hieraiif die j ap a n isch e n Laufgräben, während sich die Japaner auf eine befestigte Stellung im Westen von Piilangtse zurückzogen. Ein Tal deckte die Bewegungen. Für die Russen bot es große Schwierigkeiten, die Terrainhindernisse zu überwinden. Dies veranlaßte ihren Rückzug in die Gegend nördlich von Liaupunow.
Wladiwostok.
Petersburg, 24. Juli. Der Korrespondent der „Nowoje Wremja", der sich beim 11. sibirischen Armeekorps befindet, meldet, daß japanische Torpedoboote unter dem Schutz dichten Nebels und Regens versuchten, in die Wladiwostok benachbarten Buchten einzudringen und für die Landung der Truppen Vorbereitungen zu treffen. Mehrfach sind bereits Truppen gelandet worden. Man glaubt, daß dies der Beginn von weiteren bedeutenden kriegerischen Operationen gegen Wladiwostok sei.
Witte in Paris.
Paris, 24. Juli. Der deutsche Botschafter Fürst Radolin besuchte heute nachmittag den Minister von Witte, mit dem er von seiner Petersburger Votschafterzeit her in freundschaftlichen persönlichen Beziehungen steht.
Neue russische Anleihe??
Berlin, 24. Juli. Der Bankier von Mendelssohn, der mit dem Minister von Witte auf dessen Durchreise nach Paris hier konferierte, ist gleich nach dieser Unterredung nach Norderney abgereist und vom Reichskanzler empfangen worden. Die Besprechung dürfte sich um eine neue russische Anleihe gedreht haben.
Rubel und Yen.
Man schreibt uns aus Berlin, 24. Juli:
In Börsenkreisen herrscht die gespannteste Erwartung, ob das Novum in der Finanzgeschichte zur Tatsache werden wird: Daß Rußland zwar keine Kriegsentschädigung zahlt, aber die von Japan während des Krieges kontrahierten Anleihen selbstschuldnerisch übernimmt. Es handelt sich um einen Gesamtbetrag von rund 2,6 Milliarden Mark, den Japan in fünf inneren und vier äußeren Anleihen ausgenommen hat. Für das verhältnismäßig arme Land eine sehr beträchtliche Last. Sich dieser durch das in Frage stehende Arrangement zu entledigen, könnte Japan höchstens um deswillen abgeneigt sein, als ihm so der „Aufschlag" entgeht, den es sich bei der Vereinbarung einer Kriegsentschädigung herausgerechnet hätte. Auf der anderen Seite freilich kommt Japan die Kurssteigerung zu statten, die seine Anleihen seit dem ersten Waffenerfolg vor Port Arthur andauernd aufweisen. Bis jetzt beträgt diese Steigerung rund 27%, die Rußland wohl an Japan würde vergüten müssen, insofern, als bei Uebertragung der japanischen Kriegsanleihen auf das russische Konto die Differenz zwischen dem Emmissionswert und dem derzeitigen zugunsten Japans, das diesen Wertzuwachs herbeigeführt, „abgestoßen" werden dürfte. Auf dem breiten Rücken Rußlands würden außer den 2,6 Milliarden von Japan übernommener Schuld noch Verpflichtungen in Höhe von mindestens 2 Milliarden Rubel lasten, die es durch eigene, innere und äußere Anleihen während des Krieges eingegangen ist. Es zeugt von Geschicklichkeit und Kraft der internationalen Hochfinanz, daß sie es während dieser langen Zeit verstanden hat, einen Kurssturz der Russenwerte hintanzuhalten. Rückgänge waren freilich unvermeidlich, aber eine Panik wurde verhütet. Das berechtigt zu der Erwartung, daß die internationale Hochfinanz auch die beispiellose Aufgabe bewältigen würde, die ihr aus einem japanisch-russischen Anleihe-Arrangement erwächst. Heutzutage heißt es nicht: „Es soll der Dichter mit dem König," sondern: „Es soll der Staatsmann mit den Banken gehen."
Ausstiche Wenigkeiten.
„Pravo" verbreitet, der Ministerrat habe das Projekt Bulygins einer gründlichen Abänderung unterworfen. Man habe allen Ei gen Mietern das Wahlrecht erteilt, ferner die Unterteilung der Volksvertretung in verschiedene Kollegien fallen lassen und zugestanden, daß der Präsident der Volksvertretung gewählt und nicht vom Zaren ernannt werde.
Die „Kgsb. Hartung'sche Ztg." meldet aus Hasenpot in Kurlan d, daß der Bauernkommiffar Baron Prevern auf einer Amtslahrt am 22. Juli meuchlings erschossen wurde. Das Blatt meldet ferner, daß in Libau bei der Beerdigung von Revolutionären ein Gendarm erschossen und zwei andere verwundet wurden.
In Warschau streiken wegen Nichterfüllung der Forderungen der Gießereiarbeiter in der Fabrik-Aktiengesellschaft Lilpop-Rau 2000 Mann. Die Werkmeister wurden mit Gemalt aus den Fabrikräumen gejagt. Im Hofe hielten die Anführer aufwiegelnde Reden. Auf mtion der
Weichselbahn Peltsowisna wurde c ' wschleu- dort; es entstand nur geringer Materio
Unweit dem Dorfe Alexandrows emc
Charkow, wurden in der Nacht 14 Ba uernmüdchen, öte auf dem Felde schliefen, von Bauern überfallen, ihres Geldes beraubt, genotzüchtigt und dann ermordet. Die Schul» digen wurden ermittelt und verhaftet.
Wie der „Petersburger Lisiak" mitteilt, ist in Jeka« terinosdar im Kaukasus eine Kompanie Sold aten des Anapski-Regiments, die in diesen Tagen nach dem Kriegsschauplätze abgehen sollten, mit ihrem Chef und ihren Offizieren nach der Türkei desertiert.
Keer und Ilotte.
— Der Verlag der amtlichen Rangliste des 18. Ar m e e* ko rps einschließlich Reserve und Landwehr (Hof- und Militär- Adreßbuch für Hessen und Hessen-Nassau) zu Frankfurt a. M. sandte uns seine neueste Ausgabe nach dem Stande vom 1. Mai. Vom Generalkommando des 18. Armeekorps ausgearbeitet, enthält die Rangliste sämtliche Offiziere, einschließlich Reserve und Landwehr, sowie Beamte, Behörden und Geschäftsräume im Bereiche des 18. Armeekorps und den Großh. hessischen Hof. Die Rangliste ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen und kostet brosch. 1.25 Mark.
Aus Stadt und Land.
Gießen, 25. Juli 1905.
LU. Dem 1. Assistenzarzt Dr. Franz Soetbeer wurde die venia legendi für das Fach der inneren Medizin erteilt.
** Frei studentische Bewegung an der Landes» Universität. Wir erhalten folgende Zuschrift: Am 28. Juni d. Js. fand im „Hotel Schütz" eine Versammlung von Nichtkorporationsstudenten der Landesuniversität unter dem Vorsitz der vier Fakultätsvertreter statt. In der lebhaften Debatte, die sich entwickelte, traten ehemalige Berliner, Münchener, Würzburger und Heidelberger Finken (Nicht- korporationsstudenten) aufs wärmste für die Gründung einer Finkenschaft ein, die noch am selben Abend erfolgte. Am 19. Juli wurde die neugegründete Organisation von den akademischen Behörden genehmigt. Die Gießener Finkenschaft will den Nichtkorporationsstudenten Gelegenheit geben, sich ohne jeden Korporationszwang zur Wahrung ihrer Jntereffen, ;ur Pflege des Sports und des studentischen Frohsinns zu vereinigen. Diesen Zweck sucht sie zu erreichen durch Gründung von Abteilungen für Fußwanderungen, Sport, Kunst, Literatur usw. Da das Semester schon zu weit vorgeschritten war, begnügte man sich mit der Schaffung einer Wanderabteilung, die jeden Sonntag Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung Gießens macht. Für den kommenden Winter ist die Gründung eines Arbeits- und Bücheramts sowie einer wissenschaftlichen, literarischen und sportlichen Abteilung, endlich die Veranstaltung von Gesellschaftsabenden in Aussicht genommen. Wenn auch die „G. F." erst auf ein kurzes Dasein zurückzublicken hat, so sind ihr doch erfreulicherweise von einer ansehnlichen Zahl Nichlkorporierter warme Sympathien entgegengebracht worden. Leider steht noch mancher Nicht- korporationsstudent dieser Bewegung, die doch nur sein Bestes will, gleichgültig oder sogar feindlich gegenüber. Zu bemerken' ist noch, daß die „G. F." keineswegs korporationsfeindlich ist, obschon den Finkenschaften häufig dieser Vorwurf gemacht wird. Sie verwahrt sich nur mit aller Entschiedenheit dagegen, daß man oft im Nichtkorporierten einen Studenten zweiter Klasse erblickt. Wo es gilt, für Recht uyi Freiheit der Studentenschaft zu kämpfen, wird sie stets ihren Mann zu stellen wissen. Nachrichten aus unserer Nachbarstadt Marburg zufolge ist auch auf dortiger Universität eine Finkenschaft im - Entstehen begriffen. So wird die Zeit nicht mehr fern sein, wo die finkenschaftliche Bewegung an allen deutschen Universitäten und Hochschulen festen Fuß gefaßt hat.
** Kunstwissenschaftliche Exkursion. Prof. Dr. Sauer, der in diesem Sommer eine Vorlesung über die „KUnu- denkmäler Hessens und benachbarter Gebiete" hält, führte seine Hörer am letzten Sonntag nach Marburg, Jnankenberg und Kloster Haina. Zunächst besichtigte man Sonntag früh unter Leitung von Prof. v. Drach das Marburger Schloß mit Museum, sowie die vielbewunderte in reiner Gothik erbaute Elisabeth- kirche. Dann fuhren die Teilnehmer per Bahn nach Fnanken- berg, wo ihrer ein Sommerwagen harrte, der sie nach Kloster Haina führen sollte. Nach etwa 21/2 stündiger Fahrt ans glatter Chaussee und zum Teil herrlichen Wald, blickten die Türme der Klosterkirche aus den Bäumen hervor. Haina, jetzt Irrenanstalt, ist eine Gründung des Cisterzienserordens und liegt wie alle Eisterzienser Klöster, z. B. auch das benachbarte Arnsburg, im Tal. Sehr interessant ist die Klosterkirche. Ihr Ban wurde 1215 begonnen, und dieser Periode und dem zweiten Viertel des Jahrhunderts gehöreii die oberen Teile von Chor und Querschiff an. Als man gegen die 50 er Jahre zum Bau des Langhauses fortschritt, wählte man dafür die Hallenform, also Mittel- und Seitenschiffe gleich hoch. Dies ist deshalb bemerkenswert, weil keine andere Cisterzienserkirche Hallenform zeigt, und sie ist offenbar veranlaßt durch die Elisabethkirche, bereit Einfluß auf die Bauform man auch sonst beobachten kann, so z. B. bei der Pfarrkirche von Wetter bei Marburg, an der Kirche von Friedberg und mehreren anderen unseres Landes. Einen eigentümlichen Eindruck machte der Kreuzgang, der das Kloster umgibt. Hier wandelt nicht der Mönch in seiner KNtte, sondern hunderte von armen Menschen, denen schon in frühester Jugend der Schöpfer den Verstand versagt hatte, oder auf deren Gemüt sich später sehwarze Nacht senkte, führen hier fern von der Welt ein Dasein ohne Freud und Leid: und der Besucher, der diese Hallen durchwandert, fühlt sich in einer andern Welt: er kommt sich vor wie Odysseus im Hades. — Nach eingehender Besichtigung der Klosterräume fuhr man nach Frankenberg zurück, wo noch das alte Rathaus und die Kirche besucht wurden. Diese ist ebenfalls beeinflußt von der Elisabethkirche und birgt neben dem Chor ein Kapellchen, ein wahres Schmuckkästchen, das dem Beschauer sehr fein ausgearbeitete Skulpturen zeigt. Kurz nach 12 Uhr kam man in Gießen wieder an. Vor üblem Schaden infolge der häufigen Schnaken- und Bremsenstiche wurden die Teilnehmer behütet durch das lindernde Salmiakfläschchen des Herrn Professor Henneberg, der sich ebenfalls der Exkursion amgeschlossen hatte.
** Verlängerun g der Hundesperre. Leider kann die leidige Sperre noch immer nicht aufgehoben werden. Nach einer Mitteilung aus Berlin ist der am 21. Juni hier getötete Hund tollwütig gewesen, weshalb die Sperre laut einer Bekanntmachung des Großh. Polizeiamtes bis auf weiteres bis auf den 22. September d. Js. ausgedehnt werden muß.
** Spielen mit Feuer. Gestern nachmittag gegen 2 Uhr machten sich die zwei kleinen Kinder der Frau Margarete St. an der Wetzsteingafse während der Abwesenheit ihrer Mutter mit Feuerzeug zu schaffen. Dabei zündeten sie eine Tischdecke im Zimmer an, welche total verbrannte. Die Nachbarn merkten das Feuer recht- eit z und konnten weiteres Unheil verhütens


