Ausgabe 
21.3.1905 Drittes Blatt
 
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die bishMigcn Erfahmmgcn». cmc Dauernde Festlegung Der zkver- jahrigen Dienstzeit sprechen. Wenn wir uns also mit Rücksicht auf die Erklärungen Der Militärverwaltung doch dazu entschließen, für den Entwurf 31t stimmen, so müssen wir ihr die Verantwortung überlassen. Der Antrag der Sozialdemokraten, auch für Kavallerie und reitende Feldartrllerie die zweijährige Dienstzeit einzuführen, ist für uns unannehmbar; ebensowenig halten wir es für. an^ messen, mit einem Federstrich die alte Institutoin des einjährig- freiirilligen Dienstes zu beseitigen. Aus den Einjährig-Freiwilligen rekrutieren iieb unsere Offiziere der Reserve und Landwehr; sic bilden ein Offizierskorps, um das wir von anderen Nationen be­neidet werden. Wir wünschen deshalb die Institution de? ein- jährig'sreiwilligen Dienstes dauernd erhalten zu sehen. Dem An­träge Müller-Sagan wären wir ja eher geneigt znzustiinmen, aber rr ist uns zu allgemein gehalten, und wir wollen auch auf diesem Gebiete die Militärverwaltung nicht drängen. Darum werden wir auch diesen Antrag in diesem Moment und so, wie er gefaßt ist, ablehnen.

Abg. Dr. Südekum (Soz.) begründet die Anträge, seiner Fraktion. Er meint, die gesetzliche Festlegung bey zweijährigen Dienstzeit habe feinen realen Wert mehr, nachdem sie ja in praxi bereits bestehe, und die Finanzen es schon gar nicht zuließen, sie wieder zu verlängern. Das Institut der Einjährig-Freiwilligen müsse abgeschafft werden, weil es nur ein Privilegium der bc- sitzenden Klasse sei, außerdem bildeten die Einjährigen ein störendes Element im Heereskörper. In Frankreich hätte man die Ein-- jäbrüten schon abgeschafft, diese wahrhaft demokratische Einrichtung werde in einem Kriege bessere Dienste leisten als das jetzige Svstern.

Abg. (Gröber (Ztr.) bemerkt, daß auch seine Partei für das Gesetz sei, aber die sozialdemokratischen Anträge ablehncn werde. Das Privilegium der einjährigen Dienstzeit hat durch die Ein­führung der zweijährigen Dienstzeit sehr verloren, aufterbem müssen die Einjährigen längere Hebungen als bic anberen Soldaten machen. Anstatt die (Einjährigen abzuschaffen, müßte man den Kreis der Berechtigten erweitern. Die Sozialdemokraten handeln außerdem sehr unlogisch. Erst bekämpfen sie die Erhöhung der Präsenzstärke und dabei wollen sie durch die Abschaffung der Ei: äbviger die Präsenzstärke selbst um 22 000 Mann erhöhen. Denn die (rin- jährigen werden jetzt nicht mir in die Präsenzstärke eingerechnet.

Frankreich ist das Elnjährigen-Institut nur formell abgeschafft.

in Wahrheit besteht es noch, aber eine solche Protektions- und Be­günstigungswirtschaft hat sich habet herausgestellt, daß uns unser deutsches Svstern tausendmal lieber ist. .

Abg. Dr. Müller-Sagan begründet seine Rejolution. Die­selbe enthalte keine bestimmten Vorschläge, sondern gebe nur eine Direktive. In Zukunft Dürfte nicht der Besitz entscheidend sein, sondern Bildung und Tüchtigkeit. ,

Abg. Graf Oriola (natl.): Ganz unrichtig ist die Ansfassung, als ob die Regierung damit, daß sie zunächst probeweise die zwci- jähriae Dienstzeit ein führte, lediglich eine Schraube, eine Pression gegenüber dem Reichstage anwenden wollte. Bei einer so wich­tigen Aenderung war es in der Tat notwendig, daß zunächst eine Probe veranstaltet wurde. Es handelte sich um den Nachweis, ob die zweijährige Dienstzeit dem Heere die genügende Schlagfertig-- feit beläßt. Ein wirkliche Beweis dafür kann natürlich erst durch einen Feldzug erbracht werden. Nachdem aber die Militärver­waltung na di längeren Jahren der Prüfung erklärt hat, daß zu Hoffen fei, die zweijährige Dienstzeit bewähre sich, so tragen auch meine Freunde keinerlei Bedenken mehr, dem Gesetze zininsimmen. Die zweijährige Dienstzeit setzt aber eine bedeutende Verstärkung des Ausbildungspersonals voraus. Diese Verstärkung ist auch not­wendig, wenn man den Soldatenmißhandlungen wirksam entgegen- treten will, die im wesentlichen durch die ITeberanitrengung de? Nnterofflzierkorps in den letzten Jahren zu erklären sind. Ferner ist es notwendig, daß unsere Unteroffiziere befsergestellt werden. Wir begrüßen es daher mit Freuden, daß eine Aufbesserung er­folgen und daß ein regelmäßiges Aufrücken in die höheren Chargen stattfinden soll. Des weiteren ist es aber noch erforderlich, daß der Unteroffizier, wenn er Den Dienst verläßt, auch eine ent­sprechende Zivilversorgung erlangt, und deshalb dürfen wir die Militärpensionsgesetze nicht auf die lange Bank schieben, sondern müsseii auf ihre baldige Verabschiedung dringen.

Herr Dr. Südekum verlangte die zweijährige Dienstzeit auch für die Kavallerie. Er berief sich auf Frankreich. Ich muß faa*: wenn ich französischer Kriegsminister wäre, so wäre ich höllifel stolz Darüber, daß man mich resp. Frankreich im Deutschen Reichs tag als Muster nimmt. (Heiterkeit.l Ich glaube, wir sollten c- den Franzosen ruhig überlasten solche gewagten Erperimeute zu machen. Wir wollen bei Dem bleiben, was sieb bewährt hat. Ab­solut ablehnend stehen meine Freunde den Anträgen gegenüber.

die die Sozialdemokraten gestellt haben. Einer Reform des Nn- jähria-Freiwilligen-Wesens würden wir nicht widersprechen, das l loße"Ersitzen" des einjährigen Berechtigungsscheines muh auf­hören, auch im Interesse Der höheren Schulen selbst. Ferner mutzte dem Lupus aesteuert werden, Der jetzt vielfach von Den Einjährigen getrieben wird. Die Väter selbst müssen angehalten werden, nicht mehr solche Hnfummen ihren Söhnen zu geben. Grober Unfug wird auch viel mit Dem Bestechen der Unteroffiziere getrieben, ich hoffe, daß es dem Kriegsminister gelingen wird, hier Wandel zu schaffen. Der Resolution Müller-Sagan werden wir unsere Zu­stimmung geben. Zu verständigen Reformen sind wir bereit Zu Eisenbart-Kuren, wie sie Herr Bebel will, nie und nimmerJ (Beifall.)

Abg. Liebermann (Antis.): Die Bedenken gegen die zwei» jährige Dienstzeit habe ich noch nicht ganz verloren. Aber ich will sie zurückstellen, und ich stimme der Vorlage zu. _ Die Anregung, Die einjährige Dienstzeit abzuschaffen, habe idi selbst vor 16 Jahren gegeben Ich würde für den Antrag Südekum stimmen, wenn er nicht auch Die zweijährige Dienstzeit für die Kavallerie fordern würde. Das könnte ich nicht verantworten. Ich freue mich aber, haß die Franc der Abschaffung Der einjährigen Dienstzeit tu £lufc kommt. Ich bin davon überzeugt, daß mit der Aufhebung des Em- 'ährigen-Privilegs Den Sozialdemokraten ein sehr wirksamer Agi­tationsstoff entzogen werden würde.

Aba. Mommsen (freif. Vgg., wendet der Tribüne den Rücken). Er scheint sich gegen die Abschaffung des Einjährigen-Privilegs auszusprechen. Für den Müllerschen Antrag ist er zu haben.

Nach einigen Bemerkungen Der Abgg. Werner (Antis.) und Singer Soz.),' sowie Dr. Müller-Sagan (freif. Volksp.) schließt die Debatte.

Die sozialdemokratischen Anträge werden abge» lehnt, der Antrag Müller-Sagan wird angenommen.

Das Gesetz selbst gelangt ohne weitere Debatte in Der Fassung, wie es aus der Kommission herausgekommen, zur An­na h m c.

Damit ist die Tagesordnung erschöpft.

Nächste Sitzung: Dienstag 1 Uhr (Militäretat).

l Schluß 7 Uhr.

VlstststÄr Tanevschlm.

Gapons Ausrufe an die russischen Bauern.

Aus Paris wird geschrieben:

. Die revolutionäre ,,Äetion" kann Auszüge aus einem neuen Aufrufe des Priesters Gapon an die russischen Bauern bringen. Wie in dem ersten, der an die Arbeiter gerichtet war, kommt der tolle Pfaffe auf "Die Vorgänge vom 9. bis 22. Januar zurück. Er erzählt von dem Tode der Märtyrer, die für das Volk, das Land, die Freiheit sterben und sterbend schworen, die Rache werde nicht ausbleiben, der,Zar-Vampyr und seine ganze Räuberbande" werden für die begangenen Miffetaten büßen müssen. Dann hetzt derPopedieBauern gegen die Priester und Mönche, welche sie ausvlündern. ihnen Geduld und Ergebung predigen, die besten Biffen selbst essen, Branntwein trinken, Karten spielen, faullenzend das Geld verprassen, das die armen Bauern int Schweiße ihres Angesichts verdienen und auch an die Kirchenfonds ihre ruch- lofe Land legen. Es folgt derAufruf an das orthodoxe, elende, vergesfene und doch immer große Volk."

Wache auf, großer Held, der Du kein Recht besitzest, aber immer furchtbar bist. Erhebe Dich, rüttle Dich aus, sckaue um Dich, erkenne Deine grausamen Feinde und vor allem an­deren den roten Feuerdrachen, den geflügelten Vampyr, Nikolaus II. Romanow! Laß Deine Helbm- stimme über alle Feldw der russischen Erde hin in den Ruf ausbrechen: Steinen Zar-Vamvvr mehr! Vor das Gericht des rufsjschen Volkes diesen Mörder. Nieder mit ihm und seinem ganzen Otterngezücht! Laßt uns kleine und große, öffentliche und geheime Versammlungen bilden! Laßt uns beschließen, alle wie ein Mann dem Staate keine Abgaben mehr zu entrichten, den Adligen keine Pacht mehr zu bezahlen, weder ihnen noch anderen ein Recht auf unseren Boden zuzuertennen, die Erde, die man uns ungerechter- wesi'e entrissen hat, den Reservisten und den Rekruten nicht mehr zu erlauben, in den Krieg mit Javan zu ziehen, einen fernen, unnützen, schmachvollen Krieg, b^it die Lakaien des Zaren, unfähige und verräterische Generale führen .... Laßt unns geflügelte Briefe an uirfere Söhne und Brüder schreiben, die im Heere dienen, auf daß sie uns. ihre Väter und Brüder, Mütter und Schwestern, nicht morden! Sonst seien sie verflucht auf immerdar in alle Ewigkeit!"

Der Mann ist wahrlich für das Tollhaus reif. *

Die französischenFreunde des russischen Volkes".

Vom Verein derFreund^ des russischen C1-Vfc5" in Paris war eine Versammlung am 18. b. M. veranstaltet worden. Der Mademikee und bekannte Romanschriftstelier A n a 10 l e F r a n c e, der, umgeben von bekannten Persönlichkeiten der Universitäts­welt, den Vorsitz führte, sprach von den letzten Niederlagen, den Leiden des russischen Volkes, der Finew und Polen, und stellte eine nahe Revolution, das Ende des Zarismus in Aussicht. Tann ging er zu der Finanz frage üb^r, die die großen und noch mehr die kleinen Kapitalisten in Frank­reich beschäftigt. Er sagte zu den kleinen Sparern:Macht Euch keine Sorgen, aber hütet Euch vor jeder Beteiligung an einer weiteren russischen Anleihe. Am Rubel klebt Blut, und fein Kurs sinkt!" t

Noch deutlicher drückte sich über diesen Punkt der Sorbonne- Hrofessor Seignobos aus. Er meint, es wäre die Pflicht der 2lbgeordneten, von der Regierung zu fordern, daß sie keine neue russische Anleihe in Frankreich zulasse, solange nicht eine Ver- .fassung denen, die Rußland schon Geld geliehen haben und noch leihen werden, ein besseres Unterpfand gibt, als das Wort des Zaren und die Redlichkeit seiner schurkischen Umgebung. Ter Schriftsteller Octave Mirbeau, der Verfasser des köst­lichen, auch in Gießen bekannten EinaktersDer Dieb", ver­hehlte nicht, daß die Haltung der französischen Presse, ihr Schweigen über die Anleihe ihm Besorgnisse einflöße. Man scheine ihr ertaubt zu haben, den Zaren und seine Bureaukratie zu schmähen unter der Bedingung, eine neue Geldoperation nicht durch ihre Warnungen zu verhindern oder zu stören. Die Tagesordnung, die dann von der aus einigen hundert Köpfen bestehend'n Versammlung genehmigt wurde, schloß mit dem Rufe: Es lebe das russische Volk. Nieder mit dem Za- r i s m u s l"

Aus SlM und Llv'd.

Gießen, den 21. März 1905.

** Ter Gr 0 ßherz 0 g und die Großherzogin sind am Samstag nachmittag, wie dieTarmst. Ztg." schreibt, begleitet von Oberhosmeisterin Freiin v. Grancy Exz., Oberstallmeister Frhr. v. Riedesel Exz. und Ober­leutnant Frhr. v. Massenbach, in erwünschtem Wohlsein nach Tarmstadt zurückgekehrt.' Wenig? Minuten nach 5 Uhr lief der Sonderzug in die Halle des ehern. Main-Neckar- Bahnhofs ein, wo Hofdame Freiin v. Rotsmann, General­adjutant Generalmajor v. Wachter, Oberkammcrherr Frhr. v. Riedesel, Flügeladjutant Araemer, der russische Minister­resident Fürst Koudalch-efs nebst Gemahlin und die Mit­glieder der Gesandtschaft zum Empfang erschienen waren. Tie Allerhöchsten Herrschaften sichren, bei dem Erscheinen aus dem Bahnhossplatze von einer zahlreichen Menge ehr- erbieti'ti't und rreudia berußt, in geichloßlenem Wagen &um

Neuen Palais.. In allen Kreisen der Bevölkerung herrscht über die nunmehrige Rückkehr des hohen Land?sf'"'rsien- Paares in die hessische Heimat ungeteilte Freude und Be­friedigung.

** Die Sektion Oberhessen derVereinigung für gerichtliche Psychologie und Psychiatrie veranstaltete am Donnerstag nachmittag in der psychiatri­schen Klinik eine Versammlung ihrer Mitglieder zum Zwecke der Vorberatung des Hauptthemas der beabsichtigten Früh­jahrsversammlung sämtlicher Sektionen des Großherzog- tums in Mainz: Fürsorgeerziehung. Es waren gegen 50 Herren aus allen interessierten Kreisen erschienen. (Mitglieder der Staatsanwaltschaft, des Landgerichts, Kreis­ärzte und einige um die Fürsorgeerziehung des Kreises Gießen verdiente Geistliche.) Vom medizinischen Standpunkte beleuchtete zunächst in ausführlichem Vortrage Privatdozent Dr. Tannern ann den Gegenstand. Er erörterte die Para­graphen des Strafgesetzbuches sowie des neuen bürgerlichen Gesetzbuches, welche der Spezialgesetzgebung der einzelnen Bundesstaaten zu Grunde liegen, und gruppierte dann, zum Teil an der Hand lehrreicher Fälle, welche die psychiatrische Klinik passierten, die für eine Fürsorgeerziehung in Frage kommenden Minderjährigen in vier Kategorien: 1. Solche, bei denen die Fürsorge Platz greifen muß wegen Unzuläng­lichkeit der erzieherischen Faktoren (nicht immer braucht ein Verschulden der Eltern vorzuliegen, «auch Krankheit, Abhaltring infolge eines schwierigen Erwerbslebens kann als Ursache in Betracht kommen^ zum Zwecke der Verhütung einer Verwahrlosung bei guter Veranlagung und noch nicht erfolgter Temoralisation; 2. solche, die bei guter Veran­lagung infolge äußerer Mängel bereits verwahrlosten, aber sich in die Bahn der Zucht und Ordnung zurückbringen lassen; 3. solche mit angeborenem moralischem Defekt bei sonst normaler Intelligenz (die geborenen Verbrecher rekru­tieren sich besonders aus dieser Gruppe); 4. die psycho­pathisch Veranlagten, d. h. mäßige Grade von angeborenem Schwachsinn, Epileptoide, 5)ysterische usw. Der Redner wies daraus hin, wie wichtig die rechtzeitige Erkennung und Be­wertung der Eigenart jedes der Zwangsfürsorg'e anheim­fallenden Jugenolichen ist, wie notwendig es.ist, auch in Erziehungs- und Besserungsanstalten die Insassen nach psychiatrischen und pssichologiscken Gesichtspunkten zu son­dern, was infolge der immer noch recht mangelhaften .Heran­ziehung psychiatrisch geschulter Aerzte bisher an den wenigsten Orten geschehe. Ter Einleitung einer Zwangs­erziehung sollte mindestens in den Fallen, auf die § 55 und 56 des Str.-G.-B. zutreffe, eine psychiatrische Begut­achtung nach mehrwöchentlick'er Beobachtung in einer An­stalt vorangehen. Seitens des hiesigen Amts­gerichtes werde neuerdings in zahlreichen Fällen unter Benutzung der Klinik der Fürsorgeerziehung eine Be­gutachtung vorausgesandt. Feststellung des Psychi­schen Inventars sei in allen Fällen wünschenswert. An­gebracht sei es, daß eine systematische Durchforschung der späteren Lebensschicksake möglichst vieler Fürsorgezöglinge stattfinde, damit sich eine Kenntnis gewinnen lasse, wieviele Prozent brauchbare Menschen abgeben, wieviel Prozent trotz aller ernstgemeinten Einwirkungen die Verbrecherlaufbahn einschlagen, und wieviel Prozent schließlich doch noch end- giltig in die Irrenanstalten eingewiesen werden müssen. Erst aus Grund solcher Feststellungen werde sich sagen lassen, ob es einen Zweck habe, öffentliche Anstalten für diesen Zweck zu bauen, bezw. ob es besser sei, Verwahrungsanstalten für jugendliche Verbrecher und Anstalten für jugendliche Ner­vöse zu errichten. Hierauf beantwortete N"g -Rat Tr. Wag­ner eine Anzahl wichtiger, von Professor Dr. Mitter- maier formulierter Fragen betr. die Art der Einleitung und Ausführung der Fürsorgeerziehung im Kreise Gießen. Dieser zählt zurzeit allein 131 Zöglinge. Soweit es mög­lich ist, bedient man sich der durch den evangelischen Er­ziehungsverein organisierten Familienpflege, nur in Fällen er,.hebsicher Schwierigkeiten, z. B. bei sehr renitenten, be­ständig verbrecherische Neigungen betätigenden Minder­jährigen werden Besserungsanstalten in Anspruch genommen. Im Anschluß hieran teilte Pfarrer Röschen- Freienseen, der derzeitige Vorsitzende des Erziehungsvereins, feine Er­fahrungen mit, zumeist auf Einzelsälte exemplifizierend, die sich an dieser Stelle nicht ausführlich wiedergeben lassen. Erwähnenswert war seine Mitteilung, daß er ge­legentlich die Erfahrung gemacht habe, daß unter Umständen sogar eine Versetzung von Zöglingen aus Besserungsan­stalten in eine Familienpflege manchmal wider Erwarten günstig einwirke. Tie Versammlung erging sich in lebhafter Debatte über die Darlegungen, an der sich speziell die Herren Oberstaatsanwalt Theobald, Assessor Keller, Prof. Tr. Mittermaier und Prof. Tr. Sommer be­teiligten. Der letztere betonte, daß es erstrebenswert sei, den Begriff der Geistesschwäche, wie ihn das bürgerliche

Eingesand!.

(Für den Inhalt der unter Diüer Rubrik stehenden Artikel übernimmt Die ReDakt'>' dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.)

Seit mann gieht die Stadt Gießen ihre Straßen zu Zimmerer« vlätzen her ? In Löhers Hof wird zum Schaden und Aerger der Nachharschaft au großen Hölzern einfach auf der Straße gesägt und gezimmert! Hoffentlich bewirken diese Zeilen die Einstellung dieses Verfahrens und die Ausräumung nuf der Straße. lw.

Gesetzbuch kenne, in ba§> Strafxesetz hinüber zu nehmen, da man sehr oft speziell in Fällen des § 56 des Strafgesetz­buches psvchiatrifche Vedenken haben müsse, einen Minder­jährigen für vollverantwortlich zu erklären, vl"xohl ihm die Einsicht in die Strafbarkeit einer Handlun" v" 'bgehe.

** Tie Lungenheilstätte bei W i nck e r k a st e n (für minderbemittelte weibliche Lungenkranke des Groß- Herzogtums bestimmt) schreitet in ihrem Inneren Ausbau tüchtig voran, sodaß sie programmgemäß im Herbste 1905 eröffnet werden und Pfleglinge aufnehmen kann. Nachdem die Mainzer und Wormser Sängerkreise im vorigen Jahr- Konzerte zum Besten des Heilstättenvereins und zwar mit großem künstlerischen und sinanziellen Erfolge veranstaltet haben, wird am 10. April d. I. der Männerchor Humanitas im städtischen Saalbau zu Darmstadt ein Konzert veran­stalten, dessen l§rträ-gnis der Heilstätte bei Winterkasten zu- sließen soll.

Offenbach, 50. März, Der im HotelKaiser Fried» rich" hier abgehaltene diesjährige Verbandstag der südwestdeutschen Detail listenvereine hotte außer den erschienenen Delegierten auch eine Anzahl Ver­treter der Behörden und sozialer Institutionen am gestrigen Sonntage vereinigt. Die Verhandlungen wurden um 11 Uhr von dem Vorsitzenden Klappert-Frankfnrt a. M. mit einer Ansprache eröffnet. Der erste Referent war Herr Hesse-Offenbach, der das Wort zu einem Vorträge über die Rabattsparvereine erhielt. Er schilderte die un­geheuere Entwickelung, die in den 60er Fuhren das Reise- und Filialgeschäft, die Konsumvereine und der Hausier­handel in den 70er Jahren die Abzahlungsgeschäfte und Wanderlager, und in neuester Zeit die Warenhäuser, Be­amten- und Ofsiziers-Einkaussvereine genommen haben. Dieser ungeheuren Konkurrenz gegenüber seien die De­taillisten ihrerseits gezwungen, auf Mittel zu sinnen, um nicht durch diese wirtschaftliche Uebermacht erdrückt, zu werden. Ter Redner zweifelt, daß man durch Eingreifen des Staates und der Gesetzgebung eine dauernde Besserung zu schaffen vermöge, zumal da die Gefahr vorliege, daß mit einer derartigen Bekämpfung der übermächtigen Kon- ttlrrenz des Großkapitals auch der gesunde Fortschritt und die aufsttebende Intelligenz im Hundelsgewerbe zurück­gedrängt werden würden. So fei denn der Tetaillistenstanb in erster Linie auf Selbsthilfe angewiesen, und als eins der w-^ksamsten Mittel habe sich die Einführung des Rabatt­sparmarkensystems, wie es vom Verband bereits vielfach gehandhabt werde, erwiesen. Ter Korreferent, Herr R au- Frankfurt a. M., begrüßt auch seinerseits die auf diesem Gebiete unternommenen Schritte als einen guten Anfang zur Selbsthilfe, glaubt aber, daß der Hauptwert der Rabait- marken-Sparvereine weniger in dem Rabattgeben an sich liege, als in dem wirtschaftlichen Zusammenschluß der De- taillistengeschäfte. Insbesondere werde den Warenhäusern durch die Rabattmarken kein allzu großer Abbruch getan werden, eher schon den Konsumvereinen, und besonders werde den Rabatterpressungen durch die sogenannten Familien­vereine ein Ziel gesetzt werden. An die beiden Referate knüpfte sich eine, sehr ausgedehnte Debatte, in der die Ansichten sehr weit auseinandergehen. Nach gemeinsamem Mittagessen referierte Herr Supp, Vorsitzender des Vereins Darmstadt über Einkaufsgenossenschaften. Er trat warm für die Gründung solcher Korporationen ein und gab an der Hand reichen Materials über die Jahresab­schlüsse verschiedener Genossenschaften eine lieber sicht über deren Entwickelung. Auch hieran schloß sich eine längere Debatte. Der nächste Verbandstag findet in Gießen

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