Ausgabe 
15.12.1905 Drittes Blatt
 
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löö, Fayrg

Nr. 295

General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen

:fctoidelung und da ist natürlich, daß die wirt* im Vordergrund stehen. Wenn hnr aber einmal

ch, Maschinenfobn!.

iitzen

verraiS

die besten deutschen Festun,

Küstrin, Hagen, Stettin ul

Das sind leine Meuchelmörder. Mordbcmditen

Rotationsdruck und Verlag der BrÜhl'schen UniverstlälSdruckerei. R. Lange, Dießen.

Redaktion, Expedition ».Druckerei: 8chulktr.7.

Tel. Nr. 6L Te1egr.*Ädr. r Anzeiger Stehen.

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gehen zu lasten. (Lebhafter Beifall rechts.)

Abg. Bebel (Soz.)t

Erscheint »glich mit Ausnahme bei Sonntags.

2»ieGießener Fa»illenblStter- werden dem Anzeiger viermal wöchentlich betgelegt. Der .chelflfche Landwirt' erscheint monatlich einmal.

Abg. Motl.eln (fteis. vgg.):

Daß iit ja ganz ettoert Neues, daß Herr Schlumberger hier , -i cii-r her demschrn Baniinvollindustrie" gesprochen hol 1

denke, er ist als Vertreter des deutschen Volkes gewählt.

«Mi e und Piäzisioiw igebranch schon vo: .AtihmaschiDd eien, Schubmachej- l, NNäschefabnien. tdeln, Oele etc. -W erfüllen. M

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II 'qriifl iit mir die Berechtigung seines Mandats, für die Baum» n i iLiiftric zu sprechen, redn zweifelhaft. So ist B die Baum- »oligarnindustrie durchaus einverstanden mit der Zollherabsetzung.

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Berlin kommt, dann geht er wohl in» Theater und hinterdrein trinkt er auch wohl eine Flasche Tyampagner meistens iit cd deutscher Champagner. (Heiterkeit.) Auf dem Lande aber lebt er ganz anders Ich erinnere nur an die klassische Rede deS Fürsten BiSmarck vom 14. Februar 1885. Da sagte er: .Ich freue mich immer, wenn ich aus dem Lande diese braun gebrannten Herren morgenö auf ihr Feld herauSreiten sehe." Glauben Sie, von einem übertriebenen LuxuS kann dort gar nicht die Rede sein. Der Staatssekretär meinte, daß wieder eine Regeneration, wie zu An» fang des 16. und zu Anfang deS 19. Jahrhunderts, startfinden müsse. Ja, in solchen Krisenzeiten leben imr nicht, wtt leben in Zeiten ruhiger Entrost' schaftlichen Fragen solche Krise

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Su-> ^el P. St. 1O| icMsnto Von5Ptr iblschocoto v°u 20 Ptg,

wieder solche Krisen erleben, dann würde das deutsche Volk gerade wieder so opferwillig sein, wie eS 1818 und 1870 war. Wenn man alt wird, neigt man zum PessünmiSmuS, daß tue auch ich, aber was mich immer wieder getröstet hat, das ist die Lage unserer Schutztruppen im Kolonialkrieg. Im großen und ganzen haben sich die Leute nicht au« materiellen Gründen anwerbcn lasten. Nein, <ni8 Vaterlandsliebe, aus Kvlonialbegersterung, meinetwegen auS Abenteurerlust, aus dem Verlangen, den Schwarzen gegenüber den furor teutonicus zu betätigen. Jedenfalls sind das alles Moitve nichtmaterieller, idealistischer Art. 11 nb dieser Idealismus ist auch kein Strohfeuer, er hat sich in harten Proben bewährt. Die Lei* stungen der einzelnen Offiziere und Mannschaften waren weit intensivere, als 1870/71. Wenn man so allein in der Wüste, in einem öden Dornbusch, von der Sonn, zerfressen, vom Durst gepei* nigt, gegen einen grausamen Feind auf der Lauer liegt, da wird das Herz noch gewogen. Wir haben auch 1870/71 gehungert und gedurstet, aber wir hatten doch immer noch einen Schluck Wasser zu trinken. Und nun lesen Sie die Briefe dieser Leute I Worüber be» klagen sie sich? Ni.cht Über die Unbilden, die sic erleiden, sondern über die Leichtfüßigkeit dieser Feindei Wenn ein Volk eine so (jrofjc Anzahl solcher Männer aufbringt, dann steckt noch ein großes «tuck Idealismus in ihm. (Lebhafte Zustimmung.) DaS war, waS ich sagen wollte. Ich habe mich für verpflichtet gehalten, jene Worte deS StaatSsekrelärS nicht unerwidert in die Welt hinauS-

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ksiitzern, ist von einem übertriebenen llu^ gar i iSaten bei den Sozialdemokraten.) Ja, Sie dürfen das nid., oe "z!

Parlamentarische Perhandlungen.

ft-achdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deutscher Reichstag.

12. Sitzung vom 14. Dezember.

1 Uhr. TaS HauS ist gut besetzt.

Am VundesratStisch: Frhr. von Stengel, Graf Pofa- t i w L k y , von Tirpitz u. a.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die dritte Beratung des UhctndelSprovisoriumS mit England.

Lbg. Schlumberger (nl.):

AIS Vertteter der deutschen Baumwollenindusttie habe ich rücm allein von dieser Seite des HauscS gegen die Verlängerung : HandelSprovisoriumS mit England auf zwei Jahre gesnmmt, imö zwar aus drei Gründen: Erstens war die Zolltarifvorlage der | ' Steuerung von 1902 für die Baumwollfabrikate durchweg un- gj itifler aiS die damals bestehenden Zollsätze, zweitens hat der ' 3 adir-.ag die künftige Lage der deutschen Baumwollenindustrie noch b i7ch Herabsetzung der beantragten Regierungszölle wesentlich ver» s, > aii.wt und drittens ist der Handelsvertrag mit der Schwerz ab» i c < I losten tri rben unter weiteren Zugeständnissen, welche der ein« I nnischim Bauniwollmdustrie die Konkurrenz mit dem AuSlande : He icr erschweren werken. Dagegen hat die Schweiz ihre Textil-Zolle ; UT das Dreifache, von 10 aus 80 Franken erhöht. Nun sollen den p u mächtigeren Engländern, die fünfmal soviel Spindeln besitzen H ti i- wir, ficuiidsdwftshalber die Vorteile der Meistbegünstigung zu ! p iw kommen, das will sagen, die Zugeständnisse, welche ohne irgend tinr Gegenleistung auf dem Textil-Gcbiet der Schweiz gewährt lrenden sind. Wir Industriellen Haven zwar die Schweizer und die i Ci nlönber Herzlid' gern, solange sie uns leben lassen, solange wir b '-brn können mit Arbeitslöhnen, welche uns erlauben, den zehn- (l bi; n Arbeitstag mit entsprechenden Mehrausgaben einzuführen. 11 d) die jetzt ivon der Regierung aeplnnten Maßnahmen wird die b '. :sche Ba inwvllenindnstrie sich in Zukunft in einer Lage be- . sichen, wie sie schlimmer md't gedacht werden kann. Hier im Hause har eS Pflicht für den Vertreter der betroffenen Industrie, deS« , teilen einen ernsten Mahnruf ertönen zu lasten.

UnterstaatSsekretär Dcrmvth:

Die Regierung hat getan, WaS in ihren Kräften stand, um i b'i Bauniwollenindustrie zu helfen, indem sie auf feine Garne , t rrn höheren Zoll und auf grobe Garne einen niedrigen Zoll gelegt tu. Mehr konnte die Regierung in diesem Falle nicht tun.

schwärme in Aegypten, aber die Schuld daran tragt die bürget» lichc Gesellschaft. Man spricht von dem zunehmenden MaterialiS» muß. Ja, was nützt mir alle schöne Ideologie, wenn ich nicht satt zu esten habe? Den Unternehmern Idealismus predigen ist ge­nau so, als wenn Sie dem Wolf zumuten wollten, cm t'amm, bat vor ihm steht, nicht zu ftcsten. (Sehr gut! bei den Soz.) Gra, Posadowsky bat neulich, mit seinen Worten, bau die Besitzenden nicht genug Opferwilligkeit zeigen, einmal die Wahrheit gesagt. Dafür ist ihm heute von dem GJrafcn Stolberg der Slrieg erklärt.

Der preußische Minister Freiherr von Rheinbaben sagte, daß bnfl Einkommen der Arbeiter verhältnismäßig stärker angewachsen sei als daß der Unternehmer. Das trifft doch nur da zu, wo die Arbeitslöhne so hundsmiserabel waren, daß die Unternehmer überhaupt keine Arbeiter mehr bekamen. (Sehr wahrl bei den So­zialdemokraten.) Dagegen, daß daS Gehalt der Minister von 36 000 auf 50 000 Mark vermehrt wird, hat man nichts einzu- wenden, obwohl daö eine weit stärkere Steigerung des Einkommens ist als die der Arbeiter. Was haben denn die Arbeiter für Rechte? Mehr als eine Million Arbeiter haben in Preußen nicht einen ein­zigen Kandidaten durchbringerr können. TaS ist doch die vollendete Rechtlosigkeit. ,Widerspruch rechts.) Ich begreife nicht, wie Sie die Stirn haben können, das zu leugnen. sUnruhe rcdjtßJ englische Wahlrecht ist viel besser, als Herr von Hardoift meint, jedenfalls hält das preußische f inen Vergleich damit au8. Wenn in England die Sozialdemokratie sckzwächer ist, als hier, so liegt daß einfach daran, daß in England die Bourgeosie schon seit Jahr­zehnten so vernünftig ist, den Wünschen der Arbeiter entgegen» zukommen (Widerspruch rechts.) Luch in der Justiz Ijmidrt bet unS arge Willkür. Wir haben eine sUastenjustiz, weil untere Rich­ter lediglich aus der h.rrschendcn Klaste hervorgehen. Wenn aber nicht mehr Recht gesprochen wird ohne Ansehen der Perion, dann hat der Staat damit seine vornehmste Pflicht verletzt. Die herr­schende Klasse versagt überall da, wo sie die besternde Hand an­legen sollie. Daher rühren dann die Äatastrophcii, es sind immer die Regierenden, die die Sd,uld daran tragen. (Widerspruch icduß) Wenn Deutschland nicht andere Wege einschlägl, dann geht es bei unS genau so wie anderwärts. Warum ändern Sie mcht das Wahlrecht in Preußen? Warum bringen Sie nicht dar­auf, ban es geändert wird, Herr Zrimborn? sAbg. T r i m b oin: Ich habe ja gar nichts gesagt. Gioße Heiterkeit.) Nach der An­nahme des Ministers von Rheinbaben soll ,ch gesagt haben, die be. fipenben lassen leisteten nichts. Das habe ich nicht g sagt und kann es gar nicht gesagt haben, benn mir geboren ja auch zu der besitenden «laste. ,Heiterkeit.) Aber das >,t ja ganz selbs tver- stündlich, daß die wohlhabenden Leute mehr auformgen müssen; und cs lediglich ein trauriges Zeugnis für unsere Gesamtlage, wenn in Preußen von 35 Millionen Menschen 22 Millionen steuerfrei sind, weil sie weniger als 900 Mark Einkommen haben (Sehr riditigl bei den Sozialdemokraten.! Sie srechtS) haben also wahr­lich keinen Anlaß, auf Ihre Leistungen stolz zu fern. Im Iah" 1863 batten 4 Proz. all.r Preußen ein Einkommen von mehr al» 3000 felarl, heute sind es 4,45 Proz. Die Enikoinmenste>gerung erstreckt sich nur aus einen sehr kleinen Bruchteil der Bevölkerung. Es sind allein die großen Unternehmer, die an dem toafflicnöen Wohlstände teil halten. Und waS tun sie dafür für den Arbeiter? Sie geben für die Zwecke der Arbeiterversichcrung täglich Jcagß Pfennige aus. Damit, meine ich, hätte man doch keinen Anlaß, zu

Freitag, 15. Dezember 1V05

Eichener Anzeiger

irr von

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Gegenüber dem Abg Bastermann, der von der englischen Eifersucht gegen unS sprach, möchte ick hervorheben: Die ganze englische Presse hat c5 einmütig abgeleugnet, daß dort irgendwo Haß ober Eifersucht gegen Deutschland bestehe. England und Deutschland haben so viele gemeinsame Interessen, bah, wenn mög­lich, ein Friedensbündnis zwischen diesen Ländern geschlossen wer- den sollte. Erst dann w. rde der Friede in Wahrheit baue mb sichert sein. Statt dessen wird bei uns von gewissen Setten fort* dauernd gegen England gehetzt.

Mit meiner Rede vor acht Tagen habe ich den Interessen der deutschen Nation mehr genutzt, als der Reichskanzler mit der leinen. (Unruhe rechts.) Der Reichskanzler behauptete, da,der fran­zösische Gesandte sich gegenüber dem Sultan von Marokko all Mandatar Europas aufgespielt habe. Ich nehme ja an, bah sich der Reichskanzler bei dieser Aeußerung tn gutem Glauben be- funden hat, aber in der französischen Preste wird festgestellt, daß eine Note, die dem Gesandten einen entsprechenden Auftrag gab, überhaupt nicht existiert, und der Gesandte selbst bestreitet es auch, je als Mandatar Europas gegenüber dem Sultan aufgetreten zu sein. (Bewegung.) Die Reise des Kaisers nach Marmko war verfehlt. Unter Bismarck wäre sie unterblieben oder Bismarck wäre gegangen; auch Caprivi und Hohenlohe hätten diese Rest« nie zugelasjen. Wenn die Situation im Sommer so gefährlich war, so lag die Schuld an unserer auswärtigen Politik, und darum muffen wir Front machen gegen eine solche Politik. Nach meiner Uederzeugung wäre es der schönste Tag für die Menschheit, wenn wir endlich zu einem internationalen Parlament kämen, wo die D-rtteter aller Kulturnationen berieten, wie Streitfragen und Konflikte der Völker zu entscheiden sind. Im fron- Mischen Senat hat d'Estournellcs bie Notwendigkeit einer internationalen Verständigung über Flottenrüstungen betont. Und Chamberlain hat am 28. Juli 1903 erklärt:Wenn die grogen Seemächte ihre Rüsttmgen vermindern wollten, sind wir bereit, un» mit ihnen zu verständigen!" Und die englische Regierung hat auch in der Tat für dieses und daß folgende Jahr ihr Flottenbudget ver- mrnbertl (Abg. Gamp : Wie hoch muß das gewesen femll) DaS könnten auch wir ohne Schaden timl (Gelächter.) Sier yieid)§* fander hat mir vorgeworfen, ich ergriffe Partei fürs Ausland gegen Deutschland. Ich bestreite entschieden, daß in meinen Reden hier im Reichstag und in der Versammlung in Konstanz em Satz enthalten ist, der so zu deuten wäre. Wir sind der Meunnig, daß allerdings auch in der auswärtigen.Politik die Völker nicht mehr wie Hammelherben geführt und verschachert werden können. Der Reichskanzler sagte: die auswärtige Polttik werde nicht in Der Hasenheide gemacht I Ja, das wissen wir auch. Aber wir lanen uns das Recht nicht nehmen, un5 auch um die auswärtige Politik des Reiches zu kümmern. Wenn Sie das VaterlandSverrat nennen wollen, meinetwegen. Aber Sie (nach rechts) sollten nut solch einem Dort vorsichtig sein. Im nächsten Jahre können Lie das hundertjährige Jubiläum eines noch nie dagewesenen Vateriaiids- verra.'S feiern; da haben die träger des ältesten preußischen AdelS die besten deutschen Festungen Magdeburg, Spandau, Erfurt, Küsttin, Hagen, Stettin usw. ebne Schwertstreich dem Femde !'über da -" Anwachwn"der Sozialdemokratie gar nicht zu wundem überlasten, lUnruhe.) Energisch Vettvabmng einlegen mutz ich I durchaus richtig, daß die Sozialdemokratie in Deutichland gegen die Art, tote Furst^Dulow üoer^dte ruf,ischen Fcecheitskampfer j sich, wie Herr Bastermann sagt, vermehrt wie die Heuschrecken- gesprochen hat. C

Gerade die gewaltige Steigerung der parlamentarifchen Ar­beiten beugst st deutlich, wie noht enbig die Genahrung von Diäten ist. In allen nnchtigen Fragen hilft man sich durch «lende Kom- promist'e, eine klare Politik ist nirgends bemerkbar. Der Abg. Gröber meinte, durch Gewährung von Diäten würde man auch wirkliche Arbeitervertreter bekommen, die jetzigen sogenannten Ar- beitemertreter seien keine eigentlichen Arbeiter. Ganz richtigI Aber auch wenn wir Diäten haben, iverden Arbeiter ein Mandat nicht autüben können, sie nveben sofort aus der Arbeit entlasten werden. lSehr richtigl) Dabei ist es ganz gleuchgültig, welcher Partei sie angehören. Ich erinnere nur an den verstorbenen Ltötzel, ich erinnere an den jetzigen Paradearbeiter des Zentrums, nerrn Gisberts. Der Ztollege Gröber hat gestern mit Recht über die Behandlung der Eingeborenen in unseren Kolonien geklagt. Würde es mit den schwäbischen Bauern so gemacht, wie mit den Eingeborenen in den Kolonien gemacht wird, dann bekämen wir schon morgen wieder einen neuen Bauernkrieg wie im 16. Jahr­hundert. Gntfrfjicbcne Verwahrung muß ich. entlegen gegen die Stellung, die Fürst Bülow gegen baß Urteil meiner Freunde über die deutsche Kolonialpolitik genommen hat. Es ist unS niemals eingefallen, den Männern, die Leben und Gesundheit in Afttka geopfert haben, irgendwie zu nahe zu treten. Jeder einzelne er- kennt an, nxis für Opfer diese Leute bringen, wie sie unter Ent- behrungen der mannigfachsten Art ihr Leben in die Schanze schlagen. Aber daß kann uns nicht hindern, Mißgriffe zu krtti- fieren. Und ein solcher Mißgriff war zweifellos der Erlaß von Trotha. Keine Aufklärung ist unS bisher über das bekannte Tele- gramm geworden. In der Budgetkommission ist mitgeteilt, baß daS Telegramm nicht an den Reichskanzler, [onbern an den Elzes beß Generalstabs gegangen ist. Ich erwarte, haß bet Reichskanzler diese Erklärung hier im Hause wiederholt. Daß wir mit unserer Kolonialpolitik gründlich reingefallen sind, ist klar, baß beweist auch wieder baß Weihnachtsgeschenk, baß unß bie Regierung tn Form beß vierten Nachtragsetats beschert hat. Ich fürchte, bah damit noch nicht abgetan ist, unb daß wir noch in dieser Sestton einen fünften Nachtraasetat bekommen. (Sehr wahr! bei den Soz.) Ici' wundere mich, daß das Zentrum der Kolonialpolittk so gleich­gültig gegenüber steht, statt die Forderungen rundweg abzulchnen, wie es in der ^Kölnischen Volkszeitung" empfohlen ist. Aber es zeigt sich hier wieder, daß selblt die angesehensten Organe des Zentrums von der ReichStagsftaktion desavouiert werden. Daß Zentrum hat einmal A gejagt, es muß daß ganze Alphabet hersagen.

Das Zentrum spielt sich alß Arbeiterfreunb auf, aber im preußischen Landtage hat bie Annahme der arbeiterfeindlichen Berggesetznovelle nicht verhindert (Sehr wahrl bei den Soz.), tm Gegenteil, der Abg. Geißler hat ausdrücklich unter Zustimmung seiner Freunde erklärt, müsse verhindert werden, daß bie Berg- gcictgcbung Sache des Reiches wird. (Hörtl hört! bei den soz.) Es ist von den vielen von den Arbeitern verlorenen Lohnkämpfen die Rede gewesen. Daß so viele Kämpfe verloren gehen, kommt daher, daß bie Unternehmer ich stelle baß mit Bebauern fest wett bester organisiert find, alß die Arbeiter. Sie klagen immer die Arbeiter an, der Arbeiter ist immer der Sündenbock, der an- gefangen hat! (Widerspruch rechts.) Den Arbeitern werfen Sie vor, baß sie mit Unorganisierten nicht zusammen arbeiten wollen, aber was tun bie Unternehmer? Sie erklären denen, tue sich nicht organisieren, den gesellschaftlichen Boykott, sie berroeigern ihnen sogar die Lieferung von Rohmaterialien, um sie wirtschaft- ljch zu schäbigen. (Sehr wahr! bei den Soz.) Die Unternehmer dürfen gegen ihre Kollegen den schwersten Druck ausüben, ohne baß Sie etwas dagegen haben, aber wenn bie Arbeiter gegen andere Arbeiter einen moralischen Druck auvüben, dann schrett man nach Strafgesetzen, dann folgen harte Bestrafungen. Das ist das zweierlei Recht, was totr m Deutichland haben, (sehr richtigI bei den Soz.) Die Arbeiter haben noch niemals Un­schuldige brotlos gemacht, während die Unternehmer durch ihre Aussperrungen fortgesetzt Unschuldige auf» Pftaster werten Ich erinnere nur an die Textilarbeitcraußsperrung und an den Kamps

1 . , < . . c».....nnr ntrflt all mlindern.

i- Ich will hier keine Flottenrede halten. Von der Notw-ndig-

i iJ 3 !tit bei Flottei.verniehrung ist der größte Teil beß Volkes ohnehin

rpn 31161 all 'ugt. Ich habe nur daß Wort ergriffen, um den neulichen

4VU LiSfiibrungcn des Staatssekretärs Grafen Posadowskt) entgegen»

jntreten. Ich trete 'hm nur ungern entgegen, weil mir seine S rchen Verdienste sehr wohl bekannt sind, aber persönliche Rück- , nOen dürfen hier nicht maßgebend sein.

Der Staatssekretär hat die i-^eressante Frage erörtert, wie e8 i trupnic, daß gerade in Deutschland die Sozialdemokratie eine so rr.fibe Entwicklung genommen habe. Er faßte: das käme einmal .m der rapiden Entwicklung unserer Industrie. Darin bin ich mit itm einig. Dann sagte er weiter: vielleicht auch daher, weil wir D» manche kleinen Gesichtspunkte aus dein Polizeistaat himiber- , iiommen baben. Mag fein. Aber darauf haben wir keinen Ein- iiuf;. ES wäre bann Sache der Staatsverwaltung, bie Zopfe ab» pischneiden. Der Staatssekretär hat dann ferner darauf bin# ; wiesen, daß bie Lebenshaltung der besitzenden taffen in dem 11 ten Jahrzehnt so sebr in d'e Höhe gegangen fei. Das ist richtig, it.r auch die Lebenshaltung der Arbeitet hat sich gehoben, unb lojir noch weit mehr. Die Löhne der gewerblichen und der Land» ö'^itcr find ectz.blich gestiegen. Dann meinte der Staatssekretär, rir dem wachsenden Wohlstand habe die Opferwilligkeit der be­enden Klasien nicht gleichen Schritt gehalten. Ich bedauere, daß >: Staatssekretär diese Rebe nicht vor der Rede deß preußischen sinanzrninisters gehalten hat. Sie hätte keine bessere Wider» .(-.mg finden können, alß durch bie Rede beß Flnanzm'nftterß. Ii.se Rede hat aus dem Grunde bleibenden Wert, weil sic nicht II !?-inungen, sondern Tatsachen gibt. Dann sagte der Staats» Ircetär, in den besitzenden Mafien herrsche ebenso wie in der so» WsoDemokratie ein materialistischer Geist, der Geist matetialifftscher ] k niBiudit. lSehr riditigl bei den Sozialdemokraten ) Sie rufen .Sehr richtig!", aber ich kann mich davon nicht überzeugen, ich Ifrcge wich, wie der Staatssekretär zu dieser pefirmistischcn Aus» jufiung gelangt i't. Audi ich bin kein Optimist mehr, auch ich bin Her getor-ri, r n "gehen, um dem

Rutschen Volke den Idealismus abzusprechen. Ich kann mir diese ieuifecrung nur so erklären, daß er Anstoß nimmt an dem über» ttebenen Luruö, der unß ab und zu entgegentritt. Wenn wir <rotr naScr Hinsehen, bann beschränkt sich dieser Luxus auf or£

j.ti abgegrenzte Punkte, er fommt vielleicht m Berlin vor unb tn ra neben andren großen Städten aber un ganzen Volke, tn ro iiderheit beim Grundbesitzer, wwd er mcht zu fmben jem kn ne die Verhältnisie in Ostelbicn, und ich kann wirklich sagen.

DaS Provisorium wird in dritter Lesung definittv ver­abschiedet.

Ebenso, aber ohne Debatte, der Handelsverttag mtt B u l - I ga r i c n.

Hieraus wird die erste ^Beratung beß Etats nebst Finanz­gesetz und Flottenvorlage fortgesetzt.

Abg. Graf Stolbekg-Wernigerode flonf.):

hener deofen i

00 im Gebravd^;