Ausgabe 
24.8.1905 Erstes Blatt
 
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welchem die ostchinesische Bahn unter die Kontrolle einer großen internationalen Gesellschaft gelangen soll. In der Leitung dieser Gesellschaft würden Japan, China, Deutsch­land, England, Frankreich, die Vereinigten Staaten von Amerika und auch Rußland vertreten sein, vorausgesetzt, daß es die von Japan verlangten Bedingungen annimmt.

Newyork, 23. Aug. Die Morgenblätter melden, Roosevelt sei benachrichtigt worden, daß Japan seine Fordcrilngcn ermäßige.

Portsmouth, 23. Aug. Die heutige Morgen- sihung wurde mit der Verlesung der Protokolle und dem Ausgleich der Differenzen der japanischen und russischen Fassung ausgefüllt. Die Fortsetzung der Ver­gleichung der Protokolle erfolgt nachmittags 2 Uhr. Witte bestritt, heute eine Botschaft Roosevelts erhalten zu haben.

Portsmouth, 23. Aug. (Reuter.) Offiziell wird er­klärt, in der heutigen Vormittagssitzung seien Meinungs­verschiedenheiten inbezug aus den Wortlaut des Pro­tokolls entstanden. Es wurde dann beschlossen, das Protokoll im ganzen zu verlesen und über die strittigen Punkte in der Konferenz zu entscheiden. Diese Arbeit war bis zur Mittagspause noch nicht vollendet. Die Nachmittags­sitzung begann um 2Vs Uhr.

Por t s m o u t h, 23. Aug. Die Friedenskonferenz tagte bis 12 Uhr 15 Min. mittags. Am Nachmittag wurden die Verhandlungen wieder ausgenommen. Sie dauerten IV2 Stunden. Der osfiziellc Bericht über die heutige Beratung der Friedenskonferenz besagt, die Protokolle wurden in ge­bührender Form unterzeichnet.

Portsmouth, 23. Aug. (4 Uhr nachmittags.) Die Protokolle der bisherigen Sitzungen wurden soeben rechtsgiltig unterzeichnet und die Sitz­ung bis Samstag 3 Uhr vertagt, woraus der beiderseitige Wille zu einerVerständigung hervor­gehen dürfte.

Portsmouth, 23. Aug. Witte teilte mit, daß die Japaner Vorschläge in neuer Form machten. Da eine Einigung jedoch unmöglich war, wurde die Sitzung aufgeschoben. Vier Protokolle wurden unterzeichnet, drei noch nicht.

London, 23. Aug. DerTaily Telegr." veröffentlicht folgendes gestriges Telegramm aus Tokio: Tas aus­wärtige Amt gab heute den Wortlaut des aus 9 Artikeln bestehenden und am 13. ds. mit Korea abgeschlossenen Vertrages bekannt. Der Vertrag enthält u. a. die Be­stimmung, daß die Schiffseigentümcr berechtigt sind, Land zu pachten und Werften und Landungsplätze zu erbauen. Ter Vertrag wird vom Tage der Ratifizierung an 15 Jahre in Kraft sein.

Ile Reise des Kaisers.

Sennelager, 23. Atig. Der Kaiser traf heute früh 6 8/j Uhr hier em und flieg mit seinem Gefolge am Bahn- hof Sennelager zu Pferde. Von 7 Uhr ab wohnte der Kaiser dem Exerzieren dec Kavallcriedivision B bei. Die Krieger- vereinc aus der Umgegend und andere Vereine bildeten Spalier und begrüßten den Kaiser begeistert. Die Stadt Paderborn und Umgegend trägt Flaggenschniuck. Der Kaiser trug die Uni­form seines bayerischen lliancnrcgimcnts. Im Gefolge be­fanden sich tzosmarschall Graf v. ^edlitz-Trützschler, General der Infanterie v. Plessen, Geiicralleutnant v. Scholl, der Ches des Militärkabinelts, Generalleutnant Gras v. Hülscn- Häseler, Generalmajor Graf v Hohenau, Flügcladjutant Major v Neumann-Cosel, Leibarzt Dr. Niedner und Ober­stallmeister Frhr. v. Reischach. Tie Kavalleriedivision B, bestehend aus der 25. und 28. Kavalleriebrigade und der 4. bayerischen» Kavallcriebrigadc, stand unter dem Kom­mando des Generalleutnants v. Natzmer. An die Exerzitien schloß sich eine Gefechtsübung unter Verwendung von Artillerie und einer Maschincngewehrabteilung. Hieraus nahm der Kaiser Parade über die beteiligten Regimenter ab und setzte sich an die Spitze des bayerischen Ulanen- regimentS und ritt zum Lager, um im Ofsizierkasino an der Frühstü üstasel teiznnehmcn. Sodann begab sich der Kaiser zu Wagen nach dem Bahnhof. Die bayerischen Ulanen bildeten Spalier. Eine sehr zahlreiche Volksmenge brachte dem Kaiser stürmische Ovationen dar. Um 21/4 Uhr ging der Sonderzug nach Wilhelms ho he ab.

Dort traf der Kaiser nachmittags gegen 5 Uhr auf dem Bahnhöfe ein. Die Kaiserin war mit Prinzessin Viktoria Luise und dem Prinzen August- Wilhelm int Automobil am Bahnhof erschienen; sic begaben sich zu kurzem Aufent­halt in den Salonwagen des Kaisers. Der Kaiser fubr kurz nach 5 Uhr nach Cron berg weiter, wo er abends 91/1 Uhr eingetrossen ist, um dem Prinzenpaar Friedrich Karl von S)q]cn und dem Kronprinzenpaar von Griechenland aus Schloß Friedrichs Hof einen Besuch abzustatten. Zum Empfange des Kaisers waren auf dem Bahnhofe an­wesend: die beiden Schwestern und Schwäger des Kaisers, ferner der Landrat des Obertaunuskreises Dr. Ritter v. Marx und der Bürgermeister Pietsch. Der Kaiser nahm bei seiner Ankunft auf dem Bahnhose die Meldung des neuen Regier­ungspräsidenten von Wiesbaden Dr. v. M e i st e r entgegen. Nach herzlicher Begrüßung erfolgte mittels Automobils oie Fahrt nach Schloß Friedrichshos durch die festlich beleuchtete Stadt, in welcher die Vereine mit Fackeln Ausstellung ge­nommen hatten. Eine kombinierte Kompagnie des 8U. In­fanterieregiments unter Hauptmann v. Luttwitz hat die Schloßwacyc bezogen. Die Rückreise des Kaisers nach Schloß Wilhclmshöhc ist auf Freitag nachmittag 3 Uhr sestgesetzi.

Deutsch-Ostafrika.

Berlin, 23. Aug. Der Kommandant des Kreuzers .Bussard" meldet vom 22. ds.: Oberleutnant 5. 5ec Paasche schlug am 19. und 20. ds. erfolgreich einen Angriff der Kitschileute auf sein Lager zurück. Er meldet, daß alles wohl ist und er nordwestlich nach Kowoni weitervorgehk. Am 25. ds. trifft voiaussichllich eine Ab- teihing der Schutztruppe in Ryainbwtki em. Der A u f sl and breitete sich südlich von Kilwa bis zum Mben- kurufluß an der Grenze des Lindibezirks aus.

Berlin, 23. Aug. DieRordd. Allg. Ztg." meldet: Ueber die Lage im Gebiete südlich von Manneranango be­richtet Gouverneur Graf Götzen, daß dort Anzeichen von Unbotmäßigkeit heroorgetreten sind, die ihn veranlaßt haben, den Bezirksamlmann Bäder, den Hauptmann Jonck und 95 Mann dort zu belassen. Aus den Aia t um b > b erge n ist Major Johannes für seine Person nach Dar-es-Salam zu- rückgekehrt und hat gemeldet, daß die Ordnung aufrecht er­halten werden könne, wenn eine Kompame bis auf weiteres dort bleibe.

Neues aus Rußland.

Moskau, 23. August. Die städtische Duma faßte eine Resolution, in der sie die hohe Bedeutung der Einsetzung der Reichsduma als den ersten Schritt zur Heranziehung der Gesellschaft zur Teilnahme an der Gesetzgebung und der Staatsverwaltung anerkennt, zugleich aber die tiefe Ueber- zeugung ausdrückt, daß die Absichten des Kaisers nur durch die Gewährung der Freiheit des Wortes und der Presse, des Versammlungsrechtes und der Unan­tastbarkeit der Person verwirklicht werden tonnen. Tic im Manifest verheißene Ausgestaltung der Reichsduma, so spricht sich die Resolution aus, könne allein dem Lande Ruhe bringen, müsse aber auf dem allgemeinen Stimmrecht beruhen. Das Stadthaupt wurde beauftragt, die Resolution zur Kenntnis des Kaisers zu bringen.

Kattowitz, 23. Aug. Als in Dlutow bei Lodz Kosaken eine Arbeiterversammlung von 2000 Per­sonen auseinandertreiben wollten, gaben die Arbeiter Schüsse ab, worauf die Soldaten durch zwei Salven drei Personen töteten und mehrere verletzten. Ueber 400 Arbeiter wurden verhaftet. In Radom wurde gestern der Polizeimeister, auf den schon vor zwei Wochen ein Attentat verübt worden war, auf der Straße durch einen Schuß getötet, ebenso in den Dörfern Sokolowie und Mordy 2 Polizisten.

Em japanischer Kommandant über die Schlacht bet Tsuschima.

Kommodore Akiyama, der an der Seeschlacht von Tsuschima teilnahm, .hat eine ausführliche Betrachtung über die Gründe der russisä^n Niederlage veröffentlicht. Diese wurde seines Er­achtens in erster Linie durch die japanischen Geschütze herbei­geführt und nicht durch die Zerstörer und Torpedoboote. Tie gute Leitung bes Geschützfeuers ist nach Ansicht , des Japaners Sache der Divisionsosfiziere, und die russischen Offiziere sollen in dieser Beziehung außerordentlich kläglich gewesen sein. Im ersten Teil der schlacht hatten die Russen durchschnittlich nur einen gegen drei japanische Treffer zu verzeichnen, und die Japaner brachten drei oder vier Geschütze in Tätigkeit gegen je ein Geschütz der Russen. Ties erklärt die großen Verluste der Russen. Akiyama verteidigt den Plan des russischen Admirals, die Straße von Tsuschima zu benutzen. Dies_ sei der einzig durchführbare Plan gewesen. Die Tsugara-Straße sei lang und eng und außerdem durch mechanische Mittel versperrt gewesen. Tie Benutzung von Soya (gemeint ist wohl die La Pärouse-Straße- habe sich wegen der großen Entjernung und wegen des Kohlen­verbrauchs verboten. Fehlerhaft war dagegen nach Akiyamas Ansicht die r u s s i s ch e F 0 r m a t i 0 n in Doppel kolonnen- linie. Dadurch seien nur wenige russische Schiffe imstande ge­wesen, ihre Geschütze mit Erfolg zu gebrauchen, während die Japaner unter schwachem Sveucr deS Feindes ihr ganzes Feuer auf die führenden russischen Schiffe richten konnten. Der ja­panische Kommodore glaubt, daß es den russischen Kreuzern ge­lungen wäre, nach Wladiwostok durchzubrechen, wenn die russi­schen Linienschiffe die Durchführung des Kampfes auf sich ge­nommen hätten, ohne die Uiiterstützung der Kreuzer zu be­anspruchen. Die Tatsache, daß so viele Linienschiffe und gepanzerte Kreuzer durch Artilleriefeuer zum Sinken gebracht wurden, er­klärt der Kommodore daraus, daß die russischen Schiffe infolge der großen Vorräte, die sie an Bord hatten, sehr tief im Wasser lagen, und daß infolgedessen viele Treffer in der Nähe der Wasserlinie verhängnisvoll wurden, während sie bei weniger stark beladenen Schiffen wahrscheinlich unbedeutenderen Erfolg gehabt hätten. Es sei falsch, zu behaupten, daß die Schlacht den Beweis für die U e b e r l e g e n h e i t der Geschütze über Den Panzer geliefert habe. Die neuesten Panzerplatten der russisä-en Schiffe und besonders die Panzerung desDrei", wurden nicht durchschlagen. Die Verteilung des Panzers war dagegen, wie der Japaner meint, eine fehlerhafte und beweist, daß die russisclym ^chisssbauer geringe Kenntnisse besaßen. Die Kapitulation des Admirals Nebogatow wird entschuldigt. Die Schisse dieses Admirals seien von 27 japanischen Kriegsschiffen umzingelt gewesen und hätten zweifellos in 5 bis 10 Minuten in den Grund gebohrt werden können. 2000 Menschenleben würden ohne Zweck geopfert worden sein, wenn Nebogatow nicht die Flagge strich. Tie russischen Verluste werden von Akiyama bedeutend geringer eingeschätzt, als man un­mittelbar nach der Schlacht annahm. Die Zahl der Geretteten und Gefangenen beläuft sich auf mehr als 7000 Köpfe. Wenn man zu diesen noch die Zahl derjenigen hinzurechnet, die sich ..ai bai ruhiicijen Schiffen belinden, die entkamen, so muß der Verlust an Menschenleben auf 2000 bis 2300 Köpfe berechnet werden.___________________________

Deutsches Retch.

Berlin, 24.Aug. Einerccht gesalzeneTabaksteuer- ec Höhung" soll, nach derKöln. Volksztg.", den Kern der iogenanntenFinanzreform" bilden, mit derder Reichs­tag in seiner nächsten Tagung sich zu beschäftigen haben wird. Wie das Zentrnmsblatt weiter schreibt, soll für die Reichsfinanz- reform die Erbschaftssteuer nicht in Betracht kommen; auch an den Branntweinliebesgaben soll nicht gerüttelt werden. Tie Zu- stimmung der konservativen und der nationalliberalen Partei zur neuen Tabaksleuervorlage, die auf einen Mehrertrag von 50 bis 60 Millionen Mark jährlich zugeschnitten wird, soll bereits gesichert sein! TieD. TageSztg." bemerkt zu dieser Behauptung:

Was dem Reichstag als Kern der Finanzreform unterbreitet werden soll, steht überhaupt noch nicht fest, da der Bundesrat sich mit der Frage noch nicht befaßt hat. Sollte man, was wir zu bezweifeln allen Griind haben, aus eine Tabaksteuererhöhung kommen, so würde das Beiwort recht gesalzen" schwerlich auf sie paffen. Was unsere eigene Stellung zur Frage anlangt, so haben wir mehrfach betont, daß wir eine Erhöhung der Tabaksteuer nicht nur für nicht erreichbar, sondern auch für sehr bedenklich halten würden.

Köln, 23. Aug. Wie dieKölnische Volkszeitung" meldet, ist der Landtagsabgeordnete für den Wahlbezirk Neuwied-Altenkirchen, Amtsgerichtsrat Knie (Ztr.), heute morgen hier an Blinddarmentzündung gestorben.

Norderney, 23. Aug. Ter deutsche Botschafter in London, der sich zur Zeit auf Urlaub befindet, ist zum Besuch des Reichskanzlers hier eingetroffen. Unter den Besuchern, die in jüngster Zeit beim Fürsten v. Bülow weilten, befanden sich der Oberpräsident von Hannover und der Gc- fandte in Athen, Prinz Rattbor.

Dresden, 22. Aug. Die Generaldirektion der Sächsi­schen Staatsbahnen wendet sich scharf gegen den Alko- h olism us unter den Eisenbahnern. Beamte, die im Dienste betrilnken angetroffen werden, sollen entweder strengstens be­straft oder entlassen werden.

München, 23. Aug. DerTägl. Nun!:sch." wird aus München von einem merkwürdigen Erlaß des bayerischen V e r k e h r s m i 11 i st e r j l, n, s, der kürzlich m Kraft getreten sein soll, berichtet: Er verordnet, daß in Zukunft an die Beamten Der P 0 stverival 1 ung vom Staate feine Seife mehr aegeben wird, und zwar bezieht sich der Erlaß auf allo

Kategorien, sogar auf die Beamten an den Postanweisung^ chaltern. Eine Ergänzung zu dem Erlaß verfügt, daß die verabreichten Handtücher vier Wochen benutzt werden müssen.

DieMünchener Allgem. Zeitung" teilt auf Grund näherer Erkundigungen mit, daß an dem seit längerer Zeit umlaufenden Gerücht von der Verlobung des Prinzen Ferdinand Maria von Bayern mit der Infantin Maria Theresa von Spanien nichts Wahres ist.

Mus land.

Esbjerg, 23. Aug. Bei dem Einlaufen in den hie- igen Hafen erlitten drei englische Torpedojäger Havarie. Einer erhielt ein Leck an der Wasserlinie, sodaß er sofort ins Dock gehen mußte. Auch die anderen erlitten Beschädigungen am Steuer und am Bug.

Esbjerg, 23. Aug. Die englische Flotte ist heute nachmittag von hier abgegangen.

Paris, 23. Aug. Man nimmt hieran, daß die Ant­wort Deutschlands auf die französische Note, betreffend das Programm der Marokko-Konferenz Nouvier erst in zwei oder drei Tagen überreicht werden wird.

Biidapest, 23. Aug. Die liberale Partei nahm in der heutigen Konferenz einen Antrag des Barons Daniels an, in welchem die Partei erklärt, auf der bisherigen Grundlage verharren zu wollen, indessen sei sie bereit, falls eine Konzentration sämtlicher Fraktionen der 1867er Ausgleichspartei stattfindet, an der Bildung dieser neuen Partei mit Preisgabe ihrer gesonderten Existenz als Partei mitzuwirken. Graf TiSza, dem lebhafte Ovationen bereitet wurden, und Graf Khuen-Hedervary befürworten den Antrag.

Petersburg, 23. Aug. Der Kaiser empfing heute nachmittag den amerikanischen Botschafter Lengezke- M e t) e r.-

Sal0nik, 23. Aug. Auf den griechischen Bischof von Strumovltzci wurde auf dem Rückweg von Gabrowo nach Strumovitza geschossen. Der Bischof blieb unverletzt, ein Priester wurde verwundet.

Quetta (Belutschistan), 23. Aug. (Reuter.) Eine An» zahl Leute des Emirs von Afghanistan überschritt bei Gulistan die Grenze und griff die Hütten der Strecken- arbeiterstatlon zwischen dem Eisenbahnübergang bei B 0 st 0 n und (St)aman an. Die Afghanen verwundeten zwei oder drei Mann unb schleppten zwei Mann gefesselt mit sich-

äUö tzlnöi uiiü ifluö.

Gießen, 24. August 1905.

** Ein größerer Manöverunfall hat sich, wie man uns drahtlich aus Darmstadt meldet,, anfangs der Woche auf dem Truppenübungsplatz Senne bei Paderborn ereignet Ein badisches Ulanen-Reaiment ritt in sehr scharfer Attacke gegen die hessische Kavallerie-Brigade, so daß sowohl die Brigade wie der Regimentsstab und em großer Teil der 2. Schwadron des 23. Dragoner-Regiments zu Boden geritten wurden und zahlreiche Verletzungen vor- tämen. Ter Vrigabesührer Oberstleutnant v. Wallenfels vom 24. Dragoner-Regiment stürzte^ nachdem sein Pferd einen tiefen Lanzenstich in die Seite erhalten hatte. Er kam jedoch mit einigen Hautabschürfungen davon. Auch der Kom­mandeur des 23. Dragoner-Regiments stürzte und brach beim Sturz ein Bein. Der Stabstrornpcter würbe leicht verletzt, dem Unteroffizier Anders würbe die Unter­lippe durchgeschlagen. Im ganzen wurden a ch t P f e r d c durch Lanzenstiche getötet, andere verletzt, während eine größere Anzahl dasWeite suchte. Gestern fand Truppen­besichtigung durch den Kaiser statt. Heute ist Ruhetag und dann begeben sich die Regimenter zur Teilnahme an den Kaiser- manövem nach Homburg. Diese Hiobspost sollte man wahrlich für unglaublich halten. Krieg im Frieden, aber irn aller- s ch l e ch t e st e n Sinne! Hoffentlich erfolgt von amtlicher Seite eine klare Aufklärung, sodaß das Publikum ein Bild sich darüber machen kann, wie diese Attacke so unsinnig ausarten konnte. Der Schuldige, wahrscheinlich ein im allerhöchsten Maße Uebereiftiger, wirb dann hosfentlich zur Verantwortung gezogen werden. Daß unsere armen hessischen Dragoner das Pech haben mußten, um* geritten zu werden, ist sehr bedauerlich.

** Der Milchpreis. Am Montag fand, wie wir bet Kl. Pr." entnehmen, in Frankfurt eine gemeinsame Sitzung von Vertretern derVereinigten Landwirte" und der Milch- händlervcreine von Frankfurt, Offenbach und Hanau im König von England statt. Die Verhandlungen nahmeneinen be- friedigenden Verlauf"; es bestehe Aussicht, daß sich beide Parteien auf friedlichem Weg einigen werden. Um dies zu erreichen, wurde die in Aussicht stehende Erhöhung des Milch­preises verschoben; sie soll aber spätestens am 1. November in Kraft treten. Demnächst soll wieder eine Sitzung der Kommission abgehalten werden, um die Grundlage für eine Einigung festzulegen. Von anderer Seite wird berichtet, daß dieEmigungsgrundlage" in einer Erhöhung des Milchpreises um einen Pfennig für den Liter ge­sunden worden ist. Tie Großhändler, die zuerst heftig Opposition machten, haben also rasch klein beigegeben, der Konsument muß zahlen. Städtische Milchhäuschen. Wir entnehmen der komimmalen Korrespondenz folgende be­merkenswerte Ausführungen: Wiederholt schon hat die Tages­presse ihr Befremden darüber ausgedrückl, daß die Stadtver­waltungen in vielfacher Beziehung ihre Tätigkeit zu eng begrenzen und zu wenig nut den Bedürfnissen des einfachen praktischen Lebens rechnen; daß sie sich z. B. willig ganze Bündel rein staatlicher Verwaltungsausgaben auf­halsen ließen, aber §11 wenig an die eigentliche Haupt­aufgabe denken, der städtischen Einwohnerschaft das Leben in den engen Mauern auch in Kleinigkeiten so angenehm als nur möglich zu machen. Im allgemeinen hält man sich zu sehr an das, was engstens mit dem grünen Tisch zusammen- hängt und überläßt zahlreiche Kleinausgabcn, die alle auf Dein Gebsite des W 0 h lfa h rtsw e s cns liegen, und die ihrer innersten Natur nach in die Rathäuser gehören, der Pflege von Privatpersonen und Privatvereinigungen. Man begründet dies oft damit, daß man den Gewerbetreibenden keine Konkurrenz machen soll und übersieht, daß es sich meistens um Dinge handelt, die von den Gewerbetreibenden links liegen gelassen wurden, weil sie einen angemessenen Verdienst nicht abwerfen. WohlsahrtSeinrichtungeii lassen sich mit großem Unternehmergewinn tbcn schlecht vereinigen. Zu Diesen Emrichlungen gehören die öffentlichen Er­frischungshäuschen, in denen alkoholarme oder alkohol­freie Getränke zu mäßigsten Preisen abgegeben werden. In allerneuesler Zeit sucht die Milch und zwar alle Sorten? Vollmilch, saure und Buttermilch alS "l-'chberechtigl