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23/05/1905 Zweites Blatt
 
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gäbe gerichtet, worin sie bitten: 1. im Einverständnis mit der Großh. Negierung die vor dem 1. April 1897 pensionierten Staatsbeamten den später pensionierten im Nuhegehalte gleich- stellen, und 2. der Negierung die Mittel zur Verfügung stellen, welche hierzu erforderlich sind. Die betreffenden Beamten Oberhessens haben eine besondere Vorstellung in derselben Richtung an die Kammer geschickt. Sie haben vor sieben Jahren scbon denselben Weg betreten.

** Tagesordnung für d i e Sitzung bet Stadtverordneten-Versammlung Donners- ta g den 2 5. Mai 19 0 5, nachm. 4T/2 Uhr pünktlich. 1. Erbauung eines Stadttheaters. 2. Baugesuch des Balthaser Schomber für die Wallthorstratze; hier: Dispens. 3. Bau­gesuch der Firma Heyligenstaedt & Ko. für die Liebigsiraße; hier: Dispens. 4. Kanal in der Durchfahrt zwischen Kirch- straße und Burggraben. 5. Kanalanschluß der Hofreiten Walltorstraße 53, 59 und 63. 6. Vergebung der Lieferung

von Zement. 7. Anschluß der Klärbeckenanlage an das Elektrizitätswerk. 8. Ersatz des Ventilbrunnens am Oswalds- garten. 9. Neubau der höheren Mädchenschule; hier: Ver­gebung von Arbeiten. 10. Genehmigung von Rechnungen. 11. Beschaffung eines Reservesarges für den Friedhof am Rodtberg. 12. Beschaffung von zwei Hundekäsigen. 13. Ver­breiterung der Marburgersiraße; hier: Kaufvertrag mit Julius Wellhöfer. 14. Gesuch des Karl Jughard II. um Vacht- nachlaß wegen teilweiser Entziehung des Grundstücks am Hohleichweg. 15. Gesuch der städtischen Forstwarte um Ge­währung einer Vergütung für Beiwohnung bei den Holz­versteigerungen. 16. Erlaß einer Polizeiverordnung, die Ein- und Durchfuhr von frischem Fleisch betreffend. 17. Erlaß einer Polizeiverordnung über Trichinenschau. 18. Gesuch des Ludwig Feidel um Erlaubnis znm Wirtschaftsbetrieb im Hause Sonnensiraße 3. 19. Gesuch des Hermann Weller um Erlaubnis zum Wirtschaftßbetrieb im Hause Krofdorserstr. 13. 20. Gesuch des Gustav Käpper um Erlaubnis zum Wirt­schaftsbetrieb im Hause Watltorsiraße 46.

-0- Hirzenhain, 20. Mai. In der Villa des Geh. Konnuerzienrats Buderus hier wurde kürzlich eine Kassette mit Schnnlckgegensiänden im Werte von 182 0 000 Mk. gestohlen. Man ist dem Täter auf der Spur.

Reichelsheim i. d. W.. 22. Mai. Am 21. dS. fand die Gau turn fahrt des Gaues Wetterau nach ReichelS- heiin statt. Am Morgen des 21. Mai versammelten sich die zum Preisturnen angemeldeten Turner in dem s/4 Stunden oort Reichelsheim gelegenen Beienheim, um in geschloffenem Zuge den Marsch nach Reichelsheim zurückzulegen. Dort

Aus Stadt uud Land.

Gießen, 23. Mai 1905.

** Ruhegehaltsverhältnisse der Staats­beamten. Die vor dem 1. April 1 897 in R.uhe- stand getretenen Staatsbeainten haben wegen ihrer Ruhcgehaltsverhältnisse an die Zweite Kammer eine Ein-

hause aufgcschlagenen Tribüne stehenden Festkomitee begrüßt, dessen Redner, Herr Adolf Coburger, der Vorsitzende des hiesigen Turnvereins, den Zweck der Turnfahrt in kurzen Worten erläuterte und mit einem dreifachenGut Heil" aus den Gau Wetterau schloß. Um 10 Uhr begann das Preis­turnen, bestehend in volkstümlichem Turnen: Steinstoßen, Stabhochsprung, Freihoch- und Freiweitsprung, Stemmen. Nach dessen Beendigung trat eine Pause ein. Gegen 2 Uhr tonte sich der Festzug auf; er bewegte sich unter Teilnahme von 35 Vereinen durch die Hauptstraßen nach dem Festplatze, wo der Vorsitzende des hiesigen Turnvereins die Teilnehmer des Zuges bewillkommnete und mit einem dreifachenGut Heil" auf Se. Maj. den Kaiser schloß. Darauf hielt der Gauturnwart, Herr Dosch aus Wölfersheim, eine Ansprache. Am darauffolgenden Tage wurden von der Schuljugend Spiele ausgeführt.

Q Groß-Karben, 22. Mai. Die Erweiterung des Bahnhofes an der Main-Weser-Bahn soll demnächst begonnen werden. Nach längeren Verhandlungen ist jetzt das erforderliche Gelände erworben, bis auf eine Fläche, auf der eine Kalkbrennerei steht. Hier wurde keine Einigung erzielt, o daß die Enteignung beantragt ist. Für eine Obstbaum­anlage wurden 6 Mk., für das übrige Gelände je nach der Lage 13 Mk. pro Quadratmeter bezahlt.

Darmstadt, 22. Mai. In dem festlich reichgeschmückten Reinheim tagte gestern unter zahlreichster Beteiligung die 23. Hauptversammlung des Gesamt Vereins des Oden­waldklubs unter dem Vorsitze des Geheimerats Braun- Darmstadt. Es waren 41 Sektionen mit 426 Mitgliedern vertreten. Der Voranschlag für 1905, der u. a. an Zu­wendungen an die Sektionen 3914 Mk. (darunter 400 Mk aus dem Turmbaufonds) vorsieht, wurde genehmigt; für die' Farbmarkierung sind ebenda 1200 Mk. und für die Neu- Auflage der Markierungskarte 2000 Mk. ausgeworfen. In der Angelegenheit der Wiederherstellung des Heidelberger Schlosses wurde folgende Resolution gefaßt:

Der Odenwaldklub bezeichnet es von seinem Standpunkt aus für dringend wünschenswert, daß die Ruine des Heidelberger Schlosses'in Rücksicht ans ihre romantischen Reize und ihre land- schastliche Bedeutung in ihrem derzeitigen Zustande erhalten bleibe, und erklärt, daß von deren Veränderung durch einen Ausbau oder Ausbau nicht die Rede sein sollte, so lange wie dies von hervor­ragenden Sachverständigen bereits geschehen ist noch Mittel an­gegeben werden tonnen, um den derzeitigen Zustand zu erhalten."

sd. Darm st a dt, 20. Mai. Als vor einiger Zeit die Vergebung der Stuckarbeiten im Hostheater bei den hiesigen und hessischen Beteiligten einen Sturm der Entrüstung hervor­rief, wurden von der Regierung in der Kanuner die hoch­gehenden Wogen durch besänftigende Worte geglättet und Besserung versprochen. Nun sind in der letzten Zeit die Maler- und Anstreicher-Arbeiten nebst der Ver­goldung im Auditorium des Hoftheaters zur Ver­gebung nach Wien gelangt. Mag vielleicht auch der zurzeit hier herrschende Ausstand der Weißbinder :c. Be­fürchtungen der Bauleitung wegen der Fertigstellung der Arbeiten hervorgerufen haben, so ist doch festzustellen, daß der ausschlaggebende Moment hierbei die Geldfrage war. Es war den Bewerbern mitgeteilt worden, mehr wie 4500 Mark dürfe die Sache nicht kosten. Für die Ehre allein wollten die Darmstädter Geschäftsleute nicht arbeiten, setzten indessen einen anständigen Preis an, bei dem keine Reich­tümer zu holen waren, indessen umsonst!

Frankfurt, 22. Mai. Die Einweihung der Matthäuskirche fand gestern unter Teilnahme der Prin­zessin Friedrich Karl von Hessen und den Spitzen dee städti­schen, staatlichen und Militärbehörden statt. Der kirchlichen Feier war die Schlüsselübergabe vorausgegangen. Mittags vereinte ein Frühstück einige 70 Herren zu einer Nachfeier im nördlichen Konferenzsaal des Hauptbahnhofs. Alis Anlaß der Einweihung erhielten den roten Adlerorden 4. Kl. Profl

Die auswärtige Lage bringt uns auch mit Notwendigkeit auf die inneren Fragen. Es ist ein alter Sah, daß zum Krieg führen Geld gehört. Wir wollen keinen führen, müssen einen bewaffneten Frieden aber aufrecht erhallen. Und dazu brauchen wir Geld. Wir haben ferner eine Reihe kultureller Aufgaben, beisvielsweise auf dem Gebiet der sozialen Gesetzgebung zu er­füllen. Der Zustand unserer Reichsfinanzen ist ein betrübender. Tie notwendigen Aenderungen liegen klar zutage. Die Finanz­reform muß in aller erster Linie Geld für das Reick schaffen. Es darf nicht länger Kostgänger der Einzelstaaten lein. Vor allem muß der Unfug aufhören, daß die laufenden Ausgaben auf Anleihen übernommen werden. Die Schwierigkeit liegt in der Schaffung neuer Einnahmeauellen. Ich fühle mich nicht be­rufen, Vorschläge zu machen (Heiterkeit), das ist überhaupt nicht Sache der Parteien, sondern des Reichsschatzsekretärs.' Gegen die vorgeschlagene Tabaksteuer ist einzuwenden, daß sie schon einmal im Reichstage zu Grabe getragen worden ist.

Dagegen ist die Einführung einer W e

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Reichserbschaftssteuer angebracht. (Lebh. BeifattO Wir alle hoffen, daß die großen Aufgaben der kommenden Herbstsaison eine befriedigende Lösung finden.

In schweren Zeiten sind die Grundlagen zu unseren neuen handelst)-ertrügen geschaffen worden, der Zolltarif hat eine volle Befriedigung nicht gebracht, aber auch nicht bringen können. Wir haben übrigens im Reichstage von der angeblichen Erregung über die neuen Handelsverträge nicht viel gemerkt, denn es hat eme große Teilnahmslosigkeit bei den Beratungen geherrscht. Und es hatte den Eindruck, daß man sich sagte, noch immer besser Verträge unter ungünstigen Bedingungen als eine vertragslofe Zeit. (Beifall und Widerspruck.) Jetzt steMn uns die neuen Verträge bevor. Wir hoffen, daß es der Re­gierung gelingt, mit ollen Staaten zum Abfchluß zu kommen und daß die Verträge den deutschen Handel und Industrie bessere

gewährleisten als bisher. , t v., , , , c ,

In diesem Sinne kann es uns nur förderlich sein, daß unser Ginflufi im Orient durch die Bemühunzen Kaiser Wilhelms stetig gestiegen ist und dadurch Handel und Industrie neue Ab­satzgebiete erzielen. Die Hauptsache wird sein,, dte Neuregelung unserer Handelsbeziehungen zu Amerika. Wir haben gelernt, vor allem durch das Buch unseres Freundes Goldberger, die amerikanische Gefahr auf das richtige Maß zurückzuführen. . Das führt mich auf die Frage der Behandlung der Meistbegünstigung in den neuen Verträgen. Es ist kein Zweifel, daß die Melst- begünstigung in der jetzigen Form nicht mehr zu gewähren rst, auch nicht Argentinien. (Lebb Beifall.)

Im weiteren bespricht der Redner die Novelle zum Börsengesetz, um die Abo Paasche große Verdienste habe und deren Zustandekommen er in dem Sinne erhoffe, daß das Börsenregister in keiner Weise tangiert werde. Im Zusammen­hänge damit steht die Eisenbahn-Tarifreform. WLr wünschen Herrn Budde recht gute Gesundheit, damit es ihm ge­linge, die von ihm geplanten großen Reformen in Sachen der Betriebsmittelgemeinschaft und des Tarifwesens zu einem guten Ende zu führen. (Lebh. Beifall.) Dabei dürfte er selbstverständ­lich nicht an kleinen Fragen hängen bleiben. Ueber die vierte Klasse schimpfe mancher, der nie darin gefahren sei. (Große Heiterkeit.) Leider fehle auf dem Gebiete derJustiz-Reform ein großer Zug, obwohl die Verdienste des Staatssekretärs Nie- berdina um die Einführung des D. G. hoch anzuerkennen seien. Vor allem hapere auf dem Gebiete der Recht- svreebuna Besonders verstimme das lange Warten auf die Terminsansetzung. Ferner sollte man endlich mit der Beseitig-

nicht zu leugnen. Wir lmben z. B bei den Zolltariftämpfen sehr heftige Meinungsverschiedenheiten ausznfechten gehabt. Auch auf dem großer! weiten Gebiet der Sozialreform sind Mei.rungs- verschiedenbi'iten zutage getreten und zu ihnen treten neuer­dings die Meinunosverschiedenheiten auf dem Gebiete der Sckul- fra-ge. Es wäre, töricht sie zu leugnen, und cd ist nicht so, daß sie erst auf dem Parteitage prrblik werden. Ich meine vielmehr, daß eine offene Aussprache unserer Delegierten in dieser Be­ziehung nur nützlich wirken kann, daß eine allgemeine Verständig- ung dadurch erleichtert wird. (Beifall.'! Und vor allem eins: Aus unseren Tagungen treten über die Misere der kleinen Tages­fragen die großen idealen Ziele unserer Partei in den Vorder- grund und das kann in einer Zeit, wo man sich vielfach in new en Fragen verliert, nur nützlich sein. , .

Die letzten Reich stagswahlen haben bte Sozial­demokraten zur 3 Millionen Partei gemacht. Mer auch die Na­tionalliberalen haben keinen Anlaß zur Unzufriedenheit gehabt. Sie haben nicht nur ihren bisherigen Fraktionsbestand gewahrt, sondern einen Stimmenzuwachs von über 300 000 erzielt. Be­trachten wir nun die heutige Lage, so bedarf es keines Beweises, daß wir die Hände nicht müßig in den Schoß legen dürfen, son­dern wir haben unausgesetzt weiter imnationalliberalen Sinne zu agitieren angesichts der Tatsache, daß sowohl in der inneren wie der äußeren Politik s.chWarze Wolken schwarz in des Wortes verwegenster Bedeutung (Heiterkeit) heraufgezogen sind. (Beifall.)

Der Krieg im Osten, von dem wir nicht wissen, welche Machtverschiebimgen er im Gefolge haben wird, harrt noch seiner Erledigung. Wir wissen nur, daß große deutsche Inter­essen lebhaft interessiert sind. Die andere Fwage ist die Ma­rokko-Angelegenheit. Hier handelt es sich darum: .Soll­ten wir es dulden, daß Frankreich in zielbewußtcr Arbeit allmählich auS Marokko eine französische Provinz macht? Und in dieser Beziehung begrüßen wir das Eingreifen des Reichskanzlers, den kaiserlichen Besuch in Tanger, die Reise des Gesandten v. Tatten- bach und die ganze bisherige weitere Cmtwicklung dieser Frage. Ich will hier nickt untersuchen ob es nicht mögllieh war, dre Sacke schon früher anzugreifen, weil es uns an einer intimeren Kennt­nis der Dinge fehlt. Wir wollen zufrieden sein, daß es jetzt endlich so weit gekommen ist. Im Anschluß an die Marokkofrage kennzeichnet der Redner das Spiel Englands, die anderen Na­tionen zu verhetzen. H>and in Hand mit Herrn Bebel. und dem ,,Vorwärts" verdächtigt die englische Presse fortgesetzt die deutsche Nationalität. Daß angesichts dieser Tatsache die Svmpathi'en fiir England, so weit sie hier und da in Deutschland noch vorhanden waren, nach und nach vollständ.g schwinden, kann keinem Zweifel unterllegen. Der letzte Grund dieses englischen Neides sind dre Erfolge, die der deutsche Kaufmann und die deutsche In­dustrie in den letzten Jahren im Wettbewerb mit England er­zielt haben.

Noch eine andere auswärtige Frage ist das Schicksal Oester­reichs. Nicht wir haberr sie aufgeworfen, sondern enallsche und französische Blätter, da angesichts der bevorstehenden Schwierig­keiten lebhaft die Frage ventilieri. wird, ob es nicht möglich sei, eine englisch-französisehe Allian» herbeizusiihrcn mit der Spitze gegen Deutschland. Man braucht^alle diese auswärtigen Fragen nur anzudeuten, um zu dem Resultat zu kommen, daß wir in der nächsterl Zeit mit der Möglichkeit schwerer Krisen im inter­nationalen Leben zu rechnen habeir und weil das nickt zu leugnen ist, so müssen wir gerüstet sein auf dem Lande sowohl wie auf dem Wasser. Das Heer ist in letzter Zeit wiederholt der Gegenstand heftiger Angriffe gewesen. Demgegenüber betonen wir, daß^ wir auch heute volles Vertrauen zu unseren Offizieren, Unteroffizieren und Mannschasteir haben. (Lebhafter Beifall.) Und dieses Ver­trauen kommt, wenn wir auf das Verhalten unserer Soldaten in den schwierigen südafrikanischen Kämpfen blicken. Dre Strapazen dort übersteigen bei weitem das, was in unseren Gegenden ver­langt würde, und wir bedauern deshalb, daß eine überwallende Kritik, vor allem seitens der Sozialdemokratie, eingesetzt hat, um unser Heer zu verunglimpfen. Wir bedauern auch, daß die Militär pensionsgesetze nicht so wohlwollend behandelt worden sind, wie wir es wünschten. Wir sind ja leider heute in allen inneren und äußeren Fragen auf das Zentrum ange­wiesen und wenn es auch nicht M Icugneit ist, daß es hier und da gelernt hat, so ist dies jedenfalls bisher nicht geschehen auf dem Gebiete der äußeren Fragen. Dort fehlt ihm die klare Er­kenntnis dafür, was dem Reiche unbckringt itottut. Die falsch angebrachte Sparsamkeit hat siey vor allem in Südafrika bitter gerächt. Wie hat man die dort notwendigen Dahnbauten ver­schleppt, wie hat man die Initiative des Kolonialamts gelähmt und geradezu korrumpierend, gewirkt auf die Gouverneure, dre alle dahin erzogen sind.

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ung des Zeugniszwanges der Presse vorgehen. In die So­zialpolitik ist ldie Fürsorge für den ganzen Mittelstand ein­zubeziehen. Eine große Partei sagt in ihrem Programm dar­über: Wir vertreten den Grundsatz der Fördenmg aller Volks­interessen, besonders der mittleren und unteren, die Interessen der oberen wahrzunehmen, haben wir keinen Anlaß. Dieses Programm könnte ganz gut das imsrige sein. Wir hätten ihm nichts hinzuzufiigen. (Heiterkeit.) Wir haben auch stets die mittlere Linie zwischen zünftlerischen Bestrebungen und dem unbeschränkten Freiheitsdrang der Gewerbe gezogen. Die nationattibe- Je Partei sei speziell für den Schutz des Meistertitels, die Rechim des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb und auch für die In­teressen der Privatangestellten eingetreten. Im übrigen besteht der alte Satz zu recht, daß wir die Pflicht haben, die^ Zeichen der Zeit zu beachten und den liberalen Gedanken nack allen Seiten bin zu pflegen. Wir unterstützen darum auch heute alle Ve- strebimgen, die auf die geistige und wirtschaftllche Besserstellung der Massen hinzielen und weisen alle Vorwürfe, daß wir dies nicht mehr täten, mit Entsehiedenheit zu.rllck. (Beifall.)

Bei der nun folgenden Besprechung der Verufsvereine und Arbeitskammern begrüßt der Redner vornehmlich die Tarifverträge und betont, daß die Forderung nach A r b e i t e r a n s s ch ü s se n schon von Oechelhäuser als eine Einrichtung zur friedlichen Ver­ständigung enrpfohlen worden sei. Wir wünschen und hoffen, so fährt der Redner fort, daß wir uns darüber auch bei der Be- ratrmg des Berggesetzes im Reichstage verständigen, nach­dem es im preußischen Landtage in ein kritisches Stadium ge­treten ist. Vor allem sollte man dann die Idee der öffentlichen Wahl fallen lassen, die nur das Resultat zeitigen kann, daß^ein System der Augendienerei großgezogen und die Arbeiterschaft mit Mißtrauen dagegen eusüllt wird. (Sehr richtig.) Der Redner kommt damit zum letzten Bergarbeiter streik, einem der größten wie ihn die Welt bisher gesehen habe. Bedauerlich sei, daß er mit einem Kvntraktbruch begonnen habe. Trotzdem ist nicht zu verkennen, daß er in weiten Kreisen der Na­tionen Sympathien für die Bergarbeiter ausgelöst hat. Nicht allein Herr Rottenburg war es, der diese Sympathien öffentlich aussprach, auch eine ganze Reihe deutscher Gemeinde­vertretungen hat Veranlassung genommen, den Streikenden Beihilfen zu gewähren. (Zischen, Beifall. Mg. Paasch e, der neben dem Redner sitzt, sagt lächelnd zu ihm: Da sind wir nicht ganz einig!) Mg. Bassermann fortfahrend: Ich weiß sehr wohl, daß in diesen Dingen verschiedene Anschauungen in der Partei im Schwange sind, aber Sie werden mir wobl ge- tatten müssen, offen und ungeschminkt, wie dies meines Amtes ist, hier auszusprechen, was ich denke. Wir sind uns doch darüber einig, daß es sich bei dem Streik nicht um eine sozialdemokratische Bewegung handelte. (Lebh. Oho-Rufe. Hört! hört! Schwacher Beifall?) Esewiß, es ist eine sozialdemokratische Richtung vorhanden gewesen, aber an­dererseits ist doch nicht zu verkennen, daß doch auch eine große Anzahl christlicher und Hirsch-Dunckerscher Verbändler an dem Streik teilgenommen haben. (Zurufe und Unruhe.) Die christlichen Gewerkvereine m-t ihren ?73 000 Mitgliedern sind nun einmal nickt zu ignorieren und die Frage ist auch nicht als eine privatrecktliche Streitigkeit hinzustellen, vielmehr hat der Staat die Interessen aller Staatsbürger gleichmäßig wahrzuneh­men. Er hat auch den Teil der Bevölkerung zu schützen, der an dem Streik nicht direkt beteiligt ist, der aber trotzdem unter diesen Kämpfen leidet, die ein nationales Ungilück sind. (Sehr richtig?) Wir haben seinerzeit für die Einführung des Verhand­lungszwanges bei den Gewerbegerichten plaidiert und^so kann ich es von diesem Standpunkt nur begrüßen, daß der Staat be­müht tn-rr, Frieden zu stiften. (Beifall, Widerspruch.). e Ein großer Teil der nat.-lib. Presse hat nun mit großer Hartnäckigkeit und zum Teil mit bitterer Kritik den bisherigen Verlauf der Sacke getadelt, dagegen steht der andere mit uns auf dem Stand­punkt, daß der Staat unter der Leitung eines Bülow und unseres wüheren Parkeigenossen Möller, von dem der erstere^ ja nunmehr zur dritten Lesung in Berlin eintrifft (Heiterkeit), in dieser dritten Lesung die Vorlage zu retten suchen werde. Gelingt her Regierung dies nicht, so wird zweifellos das Vertrauen zu ihr einen schweren Stoß erleiden. Das Vertrauen, das die Arbeiter ihren Versickerungen bei Wiederaufnahme der Arbeit entgegen- brachten. Man wird auch nicht vermeiden können, daß, der Reichstag sich von Jahr zu Jahr mit größerer Energie dieser Frage zu bemächtigen sucht und die Sozialdemokratie sich neue 1 Raffen schmiedet, wenn nicht rechtzeitig eine Verständigung er* 'olgi. (Sehr richtig, Beifall und Widerspruch.) Im übrigen wollen wir keinen Bummelzug, aber auch keinen Expreßzug in der Sozialpolitik.

Und nun noch einen Blick auf die Parteien. Der Libera­lismus ist heute in einer wenig beneidenswerten Lage. Es ist ein gewisser Schwächezustand vorhanden und daraus .resul­tieren die verschiedenen Versuche, den Liberalisinus zu stärken. Die Ursachen beruhen in dem Ansturm der Sozialdemokratie auf die Städte und in der Tatsache, daß sie ihnen diese überlasien mußten. Zum zweiten ist die Macht des Zentrums stetig ge­wachsen, speziell in Baden und Bayern und zum britten sind es die wirtschaftlichen Beschwerden, die die Kreise des Liberalismus gestört hoben. Daß angesichts dieser Erscheinungen sich Kon- zentrationsaeiüste im Liberalismus geltend machen, ist erllärlich. Wir bleiben auf dem nüchternen Vvden ber Tat­sachen, wir denken nicht daran, eine große liberale Partei ins Leben zu rufen. Wir Sollen die Erhaltung des Nationalliberalismus und in vorkommenden Fällen eine sreunb- liche Verständigung mit den anderen liberalen Gruppeii. .

Der Riämer wandte sick dann sehr scharf gegen bic Sozial­demokratie, erörterte noch eingehend die Schulfrage und schloß mit einem lebhaften Awell auch an die Jugendvereine zu weiterer freudiger Arbeit im Dienste der Partei und des Vater­landes.

Es folgte eine vierstündige Diskussion. Dte Debatte wandte ich zunächst der Sch ul frage zu. Fast durchgängig sprach man ich für die Simultanschule auS, mit ber Modifikation, daß die Entscheidung ber Frage, ob konfessionelle oder Simultan­schule, den Gemeinden überlassen werden solle. Die Haltung der nationalliberalen Fraktion des preußisck;en Mgeordnetenhauses in dieser Frage, ihr Kompromiß mit den Konservativen wurde viel­fach heftig angegriffen. Schließlich gelangte aber folgender Antrag zur Annahme: .

Der Vertretertag billigt den vom Zentralvorstand in 1 einem Beschlüsse vom 12. Juni 1904 betreffend den Schulkompro­mißantrag eingenommenen Standpunkt. Er erwartete auch seinerseits, daß die nationattlberale Fraktion des Abgeordneten­hauses einem Volksschulunterhaltungsgesetze zuftimmen wird, wenn es diesem Standpunkt entspricht. Der ^ertretertag er­wartet ferner, daß die Fraktion nach wie tior nachdrücklich für die fachmännische Schulaufsicht eintreten wird."

Die weiteren Erörterungen galten namentlich den Hand els- verträgen und dem Ber garbeit er str ei k.^erichledent- lich wurde bezüglich des letzteren, u. a. auch von Arbeitern aus dem Ruhrgebiete, darauf hingewiesen, daß die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern dort wesentlich andere seien, als die Sozialdemokratie glauben Machen wolle. Mehrfach zeigte sich auch hier wieder, daß bezüglich des Streiks die Mein­ungen der Versammelten wesentlich auseinandergingen.

Zum Schlüsse gelangte ohne Debatte folgender Antrag unter einmütiger Zustimmung zur Annahme:

Der Vertretertag der nationattiberalen Partei spricht der deutschen Studentenschaft in ihrem Kampfe um die akademische Freiheit und für eine unabhängige Entwicklung des deutschen Geisteslebens ferne lebhafte Sympathie aus/'

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