Abg. Sckirader sfreis. Vgg.): Gegen eine Vertretung Eisatz- Lothringens im Bundesrat haben meine Freunde keine Banken, dagegen werden Mir der Resolution der Sozialdemokraten, die eine wirksame politische und budgetrechtliche Verantwortung des Reichs- tanzlers gesetzlich statuiert wissen will, nicht zustimmen. erkennen zwar an, daß die jetzige Verantwortung des Rerchvkanzwrs ohne große Bedeutung ist, gleichwohl würde ein Vorgehen im Sinne der Resolution nur ein Schlag ins Wasser fern, weil eine solche Verantwortung, wie sie hierin gedacht ist, nur lieb durchfuhren läßt, wenn die Machwerhältnisse des Parlaments siet^ wesentlich ändern. Dann wird in einer Resolution von den Sozialdemotraten verlangt, daß die Auslieferungsverträge, welche Preußen und Bayern mit Rußland abgeschlossen haben, sofort gekündigt werden. Ein Zwangsmittel zu einer soleben Kündigung steht jetzt dem Reiche nicht zu, wohl aber würde die Resolution erreicht dadurch, dag von Rcichswegen ein Gesetz erlassen würde, m öcm genau festgesetzt würde, unter welchen Bedingungen nur eine Auslieferung erfolgen kann, und worin ferner festgesetzt würde, daß zu diesen Bedingungen gehört, daß ein geordnetes Gerichtsverfahren im fremden Lande besteht und daß ferner bei uns ein Vorverfahren zur Prüfung des Auslieferungsdelikts stattzufindeii hat.
Abg. Böckler (Antis.): Ter Reichskanzler antwortet fast nin auf Reden der Sozialdemokraten, hierdurch wird im Lande dec Anschein erweckt, als ob die Sozialdemokratie die einzige Partei wäre, die ernst zu nehmen sei. Zum mindesten erweckt er dadurck Konfusion im Lande. Weshalb erwidert der Kanzler Nicht <nr unsere Klagen über den Automobilsport, der die Landwirte i< schädigt, und über den unnötigen Aufwand in der Kieler Woche < Dagegen wandte sich der Reichskanzler gegen das bekannte Inns-« brucker Telegramm unserer Studenten. Weshalb will man da- denn den Studenten verbieten? Werden doch jeden Tag von verantwortlicher und nicht verantwortlicher, von berufener und unberufener Stelle taktvolle und weniger taktvolle Telegramme ins Jn- und Ausland gesandt. Tann sprach der Reichskanzler vom Russen- rummel, wie es früher auch einen Burenrummel gegeben hätte. Ich glaube, daS Worr „Burcurummel" wird im Lande viel Kopf- schüttelu erregen. Tie Sympathie für unsere niederdeutschen Brüder in Südafrika war noch durchaus berechtigt. Die Sozialdemokraten regten sieh über die Worte des Grafen Reventlow über die Nassenmischung auf, kein Wunder, herrscht doch bei ihnen die stärkste Nassenmischung. Bezeichnend für unsere Zustände ist es, daß bei der Einweihung des Toms, die ein Mittelpunkt des evangelischen Lebens sein sollte, der Teppich in der Kaiscrchge von einer 'irdischen Firma geschenkt war. (Hört! hört! Große Heiterkeit.). Ich kann mich dem Grafen Reventlow nur anschließen, denn das Wort „Völker Europas, wahrt Eure heiligsten Güter!" war doch nicht bloß eine schöne Phrase.
Arbeit vergällt, energisch bekämpfen. •
der Russenpolitik ist die Haltung des Reichskanzlers durchaus korrekt gewesen, die Neutralität ist in einer Weise gewahrt worden, die allgemeine Billigung finden muß. (Sehr richtig!) vSD es schon an sich nicht sebr klug, einem mächtigen Nachbarn gegenüber ohne Veranlassung eine unangenehme und schädliche Rolle zu finden, so wäre ein solches Vorgehen hirnverbrannt in einem Augenblick, wo dieser Nachbar von Unglückställen heimgesucht ist. Gerade wir an der Westgrenze haben eine doppelt dankbare Em - pfindung für die Vorsicht, mit welch.>r die Reichsregierung in dem Konflikt zwischen Japan und Rußland aufgetreten ist.
Aufgabe des Reichskanzlers wird es sein, nn^Amerika demnächst Verhandlungen cinzuleiten, um für unsere Haudelsverlj.ält- n.'sse Volte Reziprozität zu gewinnen. Tie neuerliche Interpretation der Monroedoktrin wird der Reichskanzler mit größter Aufmerksamkeit verfolgen müssen. Früher wurde die Monroedoktrin nur in Anspruch genommen für die Vorrechte der Vereinigten Staaten auf dem nordamerikanischen Festlande, jetzt will man sie auch auf den südamerikanischen Kontinent ausdebnen. Wir in der deutschen Industrie haben schon traurige Erfahrungen gemacht mit dem Eindringen des nordamerikanischcn Einflusses in Wesr- irdien. Ter Tifferenzierungsvertrag, den Nordamerika mit der Havanna geschlossen bat, hat die deutsche Industrie und weite Kreise des deutschen Arbeiter- und KaunnannsstemdeS auf das schwerste getrofien. Auch in Domingo, Venezuela und. Brasilien sucht man auf Grund der Monroedoktrin schon die deutsche Arbeit und das deutsche Kavital zu verdrängen. Tie Entwicklung unserer Flotte ist eine sozialpolitische Frage von größter Bedeutung und deshalb ist auch bie” belehrende Tätigkeit des Flottenvereins nach dieser Richtung hin dankbar zu begrüßen.
Einigermaßen beunruhigt es uns in Süddeutschland, daß in der inneren Entwicklung der Einzelstaaten eine verhältnismäßig geringe Ilebereinstimmung fühlbar wird. In ihren Verfaiiungsrefor- men arbeiten Bayern. Baden, Hessen und auch die Hansestädte vollständig ohne jede Fühlung mit Preußen, sodaß ein Durcheinander entsteht, durch welches zweifellos auch die Reichspolitik beeinflußt wird. Auf diesem Gebiete sollte zunächst eine gewisse Verständi- aung zwischen den einzelnen Staaten stattfinden, und eine solche Verständigung muß auch in der Finanzpolitik erfolgen, wenn das Reich fick Einnahmen aus direkten Steuern verschaffen will. Durch die Durchführung einer Betriebsgemeinschaft für Eisenbahnen wird ein weitgehender Wunsch auch der süddeutschen Staaten erfüllt.
In der Gesamtentwicklung unseres politischen Lebens fiub, wir den Kulturstaaten, die uns umgeben, weit voran, llnsere deutschen Arbeiter haben durch die Sozialpolitik in den letzten dreißig Jahren mehr erreicht, als die französischen in den letzten hundert Jahren durch vier blutige Revolutionen. Unsere Wehreinrichtung ist das Vorbild für alle Staaten geworden. Hätte sich Japan nicht, an die deutsche Organisation angelehnt, dann wäre es nicht so siegreich gegen Rußland gewesen. Auch die Buren würden einen besseren Erfolg in ihrem Kriege gehabt haben, wenn sie sich an unsere Organisation angelehnt hätten. Tie Schutzzollpolitik wird gerade in den Staaten, in denen das Volk einen noch größeren Einfluß auf die Regierung übt, wie z. B. in der Schweiz und Nordamerika, ateilt Deutschland, in noch schärferem Maße betont als bei uns. Andererseits geht z. B. in der Schweiz das Volk lange nicht soweit in der sozialpolitischen Fürsorge wie bei uns Negierung und Parlament. Auch die Sozialdemokratie hat ja anerkennen müssen, daß unsere sozialvolitischen Gesetze allen anderen Staaten als mustergültig gegenübergestellt werden dürfen. Wir werden bemüht sein, alle Scheidewände, die man zwischen den einzelnen Schichten der Bevölkerung aufrichten möchte, zu beseitigen. Wir meinen, es sind in allen Schichten des deutschen Volkes gleichmäßig viel gute Seiten und Vorzüge, afccr auch gleichmäßig viel Fehler vorhanden, die auszugleichen unsere Aufgabe ist. Werden diese Scheidewände beseitigt, jo wird damit eine über die Arbeiterfrage weit hinausgehende soziale Frage gelöst. In der Erfüllung dieser Aufgabe werden wir bie Regierungen auf das kräftigste unterstützen. iBeir^ll.l
Abg. Heine (Soz.): Ter Reichskanzler mag sich seine Sorgen um die Revisionisten sparen. Wer sich aus Liebe zur Sache einer Bewegung angc schlossen hat, läßt sich durch persönliche Vorkommnisse und so durchsichtige Manöver nicht beirren. Uevrigens herrscht bei all meinen Freunden nur ein Urteil über den Reichskanzler, sowohl als Perion, als auch als Politiker. Auch wir haben „Sehr richtig!" gerufen, als der Reichskanzler das Wort von der preußischen Barbarei zitierte. Und zwar taten wir dies aus Gerechtigkeitsgefühl, denn die Polen sind doch auch deutsche Reichsangehörige. Redner befürwortet dann die sozialdemokratische Resolution, die eine tvirksame politische und budgetrechtliche Verantwortlichkeit des Reichskanzlers fordert. Die Volksvertretung würde eine lächer- lictie Rolle spielen, wenn die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers nicht in ihren Grenzen und ihrer Art genau,festgesetzt würde. Ein ähnlicher Antrag wie der unsere wurde schon früher von Gneist und von Bennigsen gestellt. Gneist sagte dabei: „Die Verantwortlichkeit negieren, heißt den Rechtsstaat selbst negieren", in demselben Sinne äußerte sich Bennigsen. Man spendete ihnen zwar Beifall, lehnte aber ihren Antrag ab. Es ist hohe Zeit, diesen Fehler wieder abzustellen, auf Wechsel auf die Zukunft können wir uns nicht mehr einlassen. Gerade heute ist ein Verantwortlichkeitsgesetz dringend nötig, weil von allen möglichen Punkten aus regiert wird, von Iagdschlössern, Jachten, Salonwagen. Kriegsschiffen., Und denken Sie ferner an die Telegramme an Monarchen, Fürsten, Generäle, Fakultäten nsw. Deshalb muß auch die Verantwortlichkeit des Reichskanzlers ausgedehnt werden auf Handlungen des, Monarchen, die er nicht kontrasigniert hat. Es wäre dann theoretisch doch nicht undenkbar, daß der "Reichskanzler auch einen erzieherischen Einfluß auf den Monarchen ausüben könnte. Wer dann noch sagen, wurde, Handlungen des Monarchen dürfen nickst im Parlament beiprocken werden, würde nur zeigen, daß er kein Verständnis für btc Rechte der Volksvertretung hat. Selb sw erst ündlich würde sich die Verantwortlichkeit nur auf politische Handlungen beziehen und nicht aus rein persönliche Aeußcrungen, die dec Monarch berspielsweiw über die Kunst, oder über seine Mneigung gegen gewisse Personen, ober über seine verwandtschaftlichen Gefühle tut. Wenn der Kanzler zur Verantwortung gezogen werden kann, wird er sich vielleicht manchem überlegen und manchen Schritt nicht tun, den er jetzt tut. Allerdings ist Voraussetzung dabei, daß das Parlament Eurphlopenheit und Rücksichtslosigkeit zeigt. (Beifall bei den Sozialdemokraten >
Abg. Stadthagen (Sog.) bestreitet Preußen vas Recht zu Aus. Weisungen von Ausländern. Kein Gesetz könne dafür angeführt werden. Nur dem Reich stehe dieses Recht,zu. Redner begründet bann in längeren Ausführungen die von seiner Partei elugebrachte Resolution auf Schaffung eines Reichs-Jndigenats-Geietzes, durch welches reichsgesetzliche Erleichterungen für die Aufnahme von An- aehörigen eines deutschen Bundesstaates in einen anderen Bunce^- staat geschaffen würden. Zur Begründung der Rewliition zieht er u. a. in den Kreis seiner Betrachtungen: Kolumbien, Guatemala, Nicaragua und den „alten Homer".
Abg. v. EbrzanowSki (Pole) meint, die Angriffe, die er erhoben habe, hätten gesessen, das bewiese die Rede des Reichskanzlers. Die Vorwürfe gegen die Polen würden dadurch nicht wahr, daß man sie immer wiederhole. Wie die Polen über den deutschen Idealismus dächten, zeige ein Fall aus der Kriegsgeschichte. Ein volnischer General wurde von einer Kugel getrosten, aber die Kugel prallte ab, weil der polnische General Schillers „Abfall der Niederlande" auf der Brust trug.
Abg. Gröber (Ztr.) klagt über unangemesienc Behandlung und Ausweisungen von Ordensschwestern in Elsaß-Lothringen.
Geheimrat Halley erklärt diese Klagen für unbegründet, K Schwestern würden sehr entgegenkommend behandelt.
Abg. Gröber erwidert, er habe den Beweis dafür in Händen, daß eine 72jährige Ordensschwester aus Württemberg einen Ausweisungsbefehl unterzeichnen mußte. Er wünsche dem Gchemiiat Halley nicht, daß er sich jemals einer so entgegenkommenden Behandlung zu erfreuen hätte. (Heiterkeit.) .
Hierauf vertagt das Haus die weitere Beratung auf Freitag 1 Uhr.
L Sch^' 614 Uhr.
nur erwidern: daß man in Rußland so etwa von uns gar man erwartet, daß wir auch gar nickst daran denken, uns in Die inneren Verhältnisse Rußlands einzumischen, deutsches Gut und Blut aups Spiel zu setzen. Eine solche Tcndenzpolitik überlassen wir der Sozialdemokratie. . .
Ob wir mit den russischen Zuständen inner Ira) einverstanden find, ob wir in Rußland diese oder jene politische Entwicklung wünschen, das kommt gar nickst in Frage. Die Politik ist eine praktische Kunst, bie praktisch betrieben werden muß. Wir winden schwer hineinfallen, wenn wir uns von abstrakten Ideen leiten ließen, während alle anderen Staaten nur vom Standpunkte ihrer Jnteresien aus handeln. Ich habe eine Resolution vor mir liegen, welche eine Stuttgarter Versammlung am 8. Februar 1905 beschlossen hat und welche die Versammlung mir zugeschickt hat.. Ta heißt c5: Tie Versammlung anerkennt cs als Pflicht eines jeden aufgeklärten Menscken, bie russische Freiheitsbewegung, sofern es in seinen Kräften steht, zu unterstützen. Darauf muß ich antworten, baß bei' Beschluß, mit Erlaubnis zu sagen, Unsiust ist. (Heiterkeit.) Ter Aufgeklärte hat seine Finger nicht in jeden brennenden Tovf zu stecken. Er hat dafür zu sorgen, baß die Freiheit und Wohlfahrt des eigenen Volkes nickst gefährdet wird. (Lebhafter Beifall.) . .
Abg. Frist', v. Heyl zu Herrnsheim (narb'): Im )ehe nicht ein, warum eigentlich Herr Bebel die Abgabe eines Entrüstungsurteils seitens des Reichstages über die jüngsten Petersburger Vorgänge verlangt; es hat sich ja hier bisher keine Stimme zu gunsten dieser Vorgänge erhoben. Die Taten der Kommune verdienen noch schärfere Verurteilung wie diese Petersburger Vorkommumc.. Nack dem „Journal offieiel" der Kommune sollte die Gesellschaft nur die eine Pflickst haben, den Prinzen den Tod zu erklären. Sie hat Freiwillige gesucht und diesen 1000 bis 1200 Franken ausge- worfen mit bem Ausruf. Körver an Körner zu schlagen und bis zum letzten Sproß die königlichen und kaiserlichen Ranen zu ver- nicksten, und diese Taten sind vom Abg. Liebknecht seinerzeit gepriesen worden. Es iteot auch fest, daß die Kommunarden die. vordem Feinde kämvfende Armee mir Alkohol zu berauschen gesucht hat, um sie dadurch fahnenflüchtig zu machen und s c auf die Seite der Revolution zu ziehen. .
Die große Mehrheit der siaaiserhältendcn Parteien hier im Hause hat der Politik unseres Reichskanzlers ein volle? Vertrauen ausgesprochen, und ich bin von meinen Freunden beauftragt, ebenso festzustellen, daß die Reden deS Reichskanzlers und des Staatssekretärs Grafen Posadowsky insbesondere Mr. den Abschluß ber Hanbelsverträge das Vertrauen in die Reichsregierung in weiten Kreisen des Volkes sehr vertiefen, auch in Sübdeutschlanb. Deshalb werden wir jeden politischen Pessimismus, ber ben deutschen Stämmen die Freude am Vaterlande und an der täglichen
unbegründet Herausstellen, und ich bin überzeugt, der Abg. Bebel 1 wird mir sofort zugeben, daß ich in diesem Falle doch einmal recht ( habe. Der preußische Minister des Innern hat in der Sitzung vom - 10. Dezember v. I. darauf hingcwiesen, daß es früher zwischen Rußland und Deutschland einen Vertrag über die Auslieferung von Deserteuren gab. Dieser Kartellvcrtrag wäre aber im Jahre 1869 oder 1870 avgelaufen, und er wäre seitdem nicht wieder erneuert worden. Seitdem wäre niemals wieder ein Deserteur nach Rußland ausgeliefert worden. Dem habe ich weiter nichts hinzuzu-
Nun hat der Abg. Bebel weiter dargelegt, daß die Sozial- ' demokratie nickst den Krieg mit Rußland wolle, und er hat dabei nur - einen Vorwurf gemacht, daß ich die.Behauptung, die Sozialdemokratie walle den Krieg mit Rußland, schon zum vierten oder fünften ' Male wiederholte. Herr Bebel, Hand aufs Herz, haben Sie nicht auch heute in Ihrer Rede eine Menge Dinge gesagt, die ^ie,. )eu- । dem ich das Vergnügen habe, mich mit Ihnen auseinanderzuwtzen, also feit sieben oder acht Jahren, nicht auch schon einmal geäußert : haben? (Stürmische Heiterkeit.) Solche gegenseitigen kleinen Vor- । würfe sollten wir uns doch allmählich abgipvöhnen! (Große Heiterkeit.) Sie würden ein Reckst haben, daß ich Ihnen diesen Vorwuts ' nicht machen dürfte, wenn bie Sozialbemokratie durch ihr lat)ach- , liches Verhalten beweist, daß sie den Krieg mit R u ß I a n d nicht will. Denn die Sozialdemokratie den Krieg nut Rußland nicht will, warum hetzt denn die sozialdemokratische Preise, die doch sonn eine sehr disziplinierte Preße ist, (Zuruf recht?: sein muß), — gut, sein muß, wie mir nickst mit Unrecht zugcrufcn wird —Iw erinnere nur an ben scharfen Verweis, ben ber Mg. Bebel im Dezember vorigen Jahres ber Preye erteilte, an jenen scharfen, ich hätte bald gesagt Ukas (große Heiterkeit) von der Denkerstirn der sozialdemokratischen Redakteure. Nie ist es nur eingefallen, in dem Ton zur Presie zu fvrechen, das werden mir alle die Herren da oben (mit einer Handbewegung zur Journalistentribüne) bezeugen können. (Heiterkeit.) Warum hetzt die sozialdemokratische, so wohl- disziplinierte Presse bei jeder Gelegenheit gegen Rußland? Warum hat bei Beginn des ostasiatischen Krieges eine Feder, die dem '2(0- geordneten Bebel sehr nahe steht, in der „Neuen Zeit" program mattsÄe Auslastungen veröffentlicht, des Inhalts, daß aus dem oil- asiattsckien Kriege eine Veränderung der europäischen Karte hcrvor- aehen müsse? "Warum hat die sozialdemokratische Presse bei dem Zwischenfall an der Doggerbank — wie ich schon int Dezember vorigen 'Jahres ausführte — sich bemüht, das Verhältnis zwischen Rußland und England zu Oergiftcn.unb einen Zusammenstoß zwilchen diesen beiden Staaten herbeizuführen?
Warum hat die sozialdemokratische Presse bei der. Beschlagnahme -.oiiger deutscher Handelsschiffe und bei der unscheinbaren Affaire mit einem Geestemündcr Tanipfer — dessen Namens ich mich sogar nicht mehr entsinne — mich aufgefordert, gegen Rußland vom Leber zu ziehen? Warum öeröffentlidjt bie „Schwäbische Tagwacht" ben Artikel, ben ich gestern vorgelejen habe? Warum schrieb vor einigen Tagen bas eigentliche Leibblatt bc-3 Herrn Bebel, also natürlich ber „Vorwärts" (Heiterkeit): „Tie russische Regierung vcrbient vom Erdboben vertilgt zu werden." (Stürmisches Sehr richtig! bei ben Sozialbemokrateli.) Ta rufen Sic: Sehr richtig! Ob Sic auch zum Nachsatz Sehr richng! sagen? — „und die ganze zivilisierte Welt, soweit sie diesen Namen überhaupt verdient, mutz zum VernichttmgSkriege gegen sie sich vereinigen." Ich Weitz eigentlich nicht, warum der Abg. Bebel, dem doch sonst eine gewisse Aufrichtigkeit nicht abzusprechen ist, warum er in dieser Beziehung aus seinem Herzen eine Mördergrube macht. Wir wissen ganz genau, baß bie Sozialbemokratie nichts mehr wünscht, als bie bestehenbe Orbnung in Rußlanb zu stürzen. (Zuruf: Eine schöne „Crbnung"!) unb alle biejemgen Mittel zu biese.m Zweck an-- zuwenben, bie in ihrer Macht stehen. Vorläufig sind Sie (311 den Sozialbemokraten) noch nicht in ber Lage, über unsere Armee unb unsere Flotte zu verfügen. Wären Sie bas, so würben Sie, wie die „Tagwacht" es verlangt, unsere Armee gegen Rußland schicken und gleichzeitig, wie dies im Sommer ein sozialdemokratisches Blatt forderte, unsere Flotte nach Kronstadt. Demgegenüber weise Ky nochmals darauf hin, baß solche Einmischungen in bie Verhältnisse frember Länber unb solche Reben, wie sie Herr Bebel gehalten hat, unser: Beziehungen zu fremben Säubern stören, unsere auswärtige Politik erschüttern unb unsere auswärtige Lage schwierig machen. Daß ber Herr Abg. Bebel hier nicht bie Verantwortung übernehmen will, das kann ich mir sehr wohl benken. Tic Regierung eines großen Laubes hat aber auch bafür zu sorgen, baß sic bie Beziehungen so pflegt, baß sie ben Eventualitäten ber Zukunft mit möglichster Ruhe entgegensehen kann. Gegenüber ben überaus heftigen unb bebauerlichen Ausführungen bes Abg. Bebel über bie innere Lage von Rußlanb richte ich an ben Herrn Bebel hie Frage: mit welchem Rechte spielt bie Sozialbemokratie ben Hofmeister beS AuslanbeS, mit welchem Rechte mischt sie sich in Rechte ein, bie ber Justizhoheit eines anberen LanbeS unterstellt sind? Ter Abg. Bebel hat drei- ober viermal bas Wort „Entrüstung" gebraucht, da ber Herr Abg. Bebel sich für Steuerungen bes großen Fürsten Bismarck interessiert, so will ich ihm ein kleines persönliches Erlebnis erzählen:
Als ich noch viel jünger war, als ich jetzt bin (Heiterkeit), schrieb ich als Geschäftsträger — ich will nicht sagen, von welchem Posten aus — einen Brief an den Fürsten Bismarck, in dem daS Wort „Entrüstung" vorkam. Da ließ mich Fürst Bismarck daraus aufmerksam machen, daß „Entrüstung" kein politischer Ausdrucc fei. (Große Heiterkeit.) Der Politiker, schrieb mir Fürst Bismarck, wird durch Vorgänge mehr oder weniger angenehm be rührt, er reagiert in dieser oder jener Weise auf Vorgänge, aber er entrüstet sich nicht. (Große Hetterkeit.) Jedenfalls sollte mit dem Wort „Entrüstung" sparsamer umgegangen werden, und es sollte nicht jedesmal zur Anwendung gebracht werden von demjenigen, dem etwas gegen feinen subjektiven Strich (Heiterkeit) und gegen feine Liebhaberei geht. Ich will das bei diesem Anlaß sagen: ES ist eine alte deutsche Sitte oder vielmehr Unsitte, immer zu protestieren, wenn irgendwo im Auslande etwas passiert, was uns in der Theorie als unrichtig erscheint. So haben wir vor 70—80 Jahren den Griechenrummel gehabt, dann den Polenrummcl, dann den Bulgareurummel, dann den Burenrummel (Unruhe) — ich sage mit voller Ueberlegung: Burenrummel (Erneute Unruhe) — und jetzt mochte man von sozialdemokratischer Seite den Russenrummel inszenieren. (Heiterkeit.) Tas ist ein Beweis für die Nichtigkeit des alten Satzes von Hegel, daß die Volker nichts aus der Geschichte lernen. Was ich aber sage, das gilt ebensogut von den Legitimisten, wie von den Revolutionären. Es ist ebenso falsch, wemi von radikaler und liberaler Seite die inneren Vorgänge Rußlands betrachtet werden lediglich durch die Brille des liberalen Prinzips, als wenn man in der Zeit der heiligen Alliance alle Ereignisse lediglich auffaßte vom Standpunkt des Legitimitätsprinzips. Und wenn der Abg. Bebel nun gar geäußert hat: daß wir bereit wären, der russischen Regierung zu Hilfe zu kommen, so kann ich ihm daraus
ErntestaListik 1904.
In dem ersten Vierteljahrsheft zur Statistik des Deutschen Reiches 1905 werden bie Ergebnisse der Grntestatistik für da. 2ahr 1904 verosienlticht unb in eingehender Weise besprochen.
Hiernach betrug die Ernte im'Jahre 1904
im ganzen vom Hektar
an
Winterweizen.
sonnen
3 516 864
2,00
an
Sommerweizen
287 964
1,98
an
Winterjpelz
453 827
1,45
an
Wmter rogg en
♦ A
9 919 219
1,66
an
Sommerroggen
141 543
1,10
an
Sommergerste
« A
2 948 184
1,81
an
vafer . . .
A. «
6 936 003
1,66
an
Kartoffeln . .
» A
36 287 192
11,64
bavoii gesunde
A •
35 829 378
an
Kleeheu . . .
e a
7 749 790
3,83
an
Luzernheu . .
♦ A
1 225 192
5,38
an
Wlesenheu . .
♦ ♦
21 507 119
3,62
Dem Vorjahre gegenüber betragt der Zuwachs an Brotgetreide, d. h. Werzen, Winterjpelz und Roggen, 411878 Tonnen oder -V- 3,0 v. H. Dagegen betrug die Wiinbererntc au gesunden Kartoffeln 4 481 221 Tonnen oder — 11,1 v. H., an Klee-, Luzerne- -unb Wiesenheu. 6 924 852 Tonnen oder — 18-5 v. H. Sommer
gerste und Haier, die hauptsächlich zur tierischen, in gewißem llim uinge aber mich zur menschlichen Ernährung dienen/ ergaben zu- lammengeiaßt ebenfalls eine Mindereriite von 131- o37 -tonnen
Die Berechnung ergibt für bas Erntejahr 1. Juli 1903 bis 30. Ium 1904, das; lür menschliche und tierische Ernährung und gewerbliche Zwecke zur Verfügung standeil aus den Kops der Be- Dölterung an Roggen 154,8, an Weizen 86,6, an ^opelz 6,6, an Gerste 80,8, an Haier 124,9 und an Karloßelu 614,1 Kilogramm.
Verini-ehteA.
* Ahlen, 15. März. Sonntag vormittag erschienen ber 17 Jahre alte Arbeiter Berchelt und der 15 Jahre alte Arbeiter Lllcxander m dem Lager des Zigeuners Franz unb wrberten unter Abgabe eines Revotverschusses, baß Franz seine hübsche zwölfjährige Tochter ben Burschen auf ein paar Stunden zu ihrem Vergnügen gebe. Sie sicherten dem Zigeuner, wenn er willfährig werbe, die königliche Belohnung von 50 Pfennigen zu. Außer ben Revolvern hatten die Burschen noch griffeste Atessern, bie sie in ber Hand hielten (der eine natürlich ui der Linken, da er in der Rechten den
Revolver hatte) unb einen Wolfsspitzhund bei sich. -tc. Zigeuner verlegte sich, um Blutvergießen zu vermeiden, auss Parlamenticren, bis aut der Straße einige Leute erschienen, Run ergriffen die Burschen die Flucht. Sie sind aber bereite verhaftet.
" Immer gründlich. Bekannter: „Wie kommen Sn denn dazu, ein jo umfangreiches Werk über Druteldeutschland zu schreiben?" — Professor: „Ach, ich wollte meiner Frau cme Meine Rundreise zusammenstellcii, und da ist eben da? daraus geworden!" ~ r .
'• Kleine Tages ch r 0 n i k. In Dcmvor (Amerika) erschov ber Fuhrmann Schisflcr aus Rache einen Nachbar unb beßen Frau, unb steckte atebann das Gebäude in Brand, wobei auch em Kmd ber crnmrbeten Eheleute in den Flammen umkam. — In Ai 0 111 c (£arU ist der M a r q u iS v 0 nA n g t e sey gestorben. Er hatte sich etne'traurige Bcrümlheit erworben durch die Bergen dun g einet' großen Reichtums. An Kapitalwerten besaß er 12 Millionen Francs und eine jährliche Einnahme von 3Millloueu Francs. Erst kürzlich wurden die Kunstschätze versteigert, die ir, jemeu beiden prächtigen englischen Schlossern untergebracht waren. Da ber Marquis keine bireiten Nachkommen besitzt, geht sein Titel aus seinen Steffen Paget über.


