Ausgabe 
17.3.1905 Drittes Blatt
 
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Nr. 65

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Freitag, 17. März 1905

Gießener Anzeiger

155. Jahrg.

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Elchen.

Parlamentarische Verhandlungen.

Nachdruck ohne Vereindaruk^ nicht gestattet.

Deutlcher Weicksrag.

165. Sitzung vom 16. März. 1 Uhr.

Das HauS ist schwach besetzt.

Am Bundesratstisch: Graf Bülow, Graf Posadowsky, Frhr. v. Richthofen, Dr. Nieberding u. a.

Die zweite Beratung des Etats des Reichskanzlers und der Reichskanzlei wird beim TitelGehalt des Reichskanzlers" fortgesetzt.

Abg. Bebel (Soz.): Graf Reventlow hat gestern verlangt, daß alle diejenigen, die sich einer Mischehe schuldig machen, mit Feuer und Schwert ausgerottet werden sollten. Vielleicht hat er dabei auch an Mischehen zwischen Germanen und Juden gedacht. (Zustimmung bei den Antis.) Nun, wir hätten garnicht soviel da­gegen einzuwenden, denn dann würde eine ganze Reihe von Familien derEdelsten der Nation" beseitigt werden, und sollte Graf Reventlow auch die Mischlinge von Slawen und Germanen ausgerottet wissen wollen, so Weitz ich nicht, ob, wenn man eine Ahnenprobe anstellen wollte, er nicht selber ausgerottet werden müßte. (Heiserkeit bei den Sozialdemokraten.) Indes, genug des Grafen Reventlow! Wenden wir uns einem Größeren zu! Da wird im Deutschen Reich gegen dieWühler gegen die Reichsver­fassung" mobil gemacht! Und wer bricht in Wahrheit die Ver­fassung? Der, der in erster Linie als ihr Schützer bestellt ist, der größte Bundesstaat: Preußen! Was ist die neue Ansiedelungs- gesctznovellc anderes, als ein Verfassungsbruch schlimmster Art? Und was erreicht man schließlich dadurch? Den Polen ist doch nicht beizukommen. Sie vermehren sich bekanntlich wie die Kaninchen, und derartig kleinliche, eines großen Staates unwürdige Schikanen vermögen ihnen nichts anzuhaben. Ueberhaupt, Deutschland, das mächtigste Reich,in der Welt voran"! Wie steht cs in der Welt da? Graf Bülow mag bestreiten so viel er will, daß wir in einem entwürdigenden Abhängigkeitsverhältnis zu Rußland stehen, es bleibt doch unwiderleglich bewiesen, und was mein Freund Vollmar gestern vorgetragen, das war authentisch: der württembergische Minister Frhr. v. Mittnacht ist doch wohl ein glaubwürdiger Zeuge! Da kann man sehen, wie Bismarck, der mächtige Kanzler, der nur Gott fürchtete,sonst nichts auf der Welt", in die Abhängigkeit vom Zaren geriet, wie er hineingeraten mußte! Kann es etwas De­mütigenderes geben, als die Vorgeschichte unsere? Auslieferungs- Vertrags zu Rußland? Und Graf Bülow hat sich nicht gescheut, diese Bismarcksche Haltung vor aller Welt kundzutun! Ich glaube: Fürst Bismarck wäre mit einem kräftigen Donnerwetter dazwischen- gefahren, wie noch nie, wenn er gewußt hätte, wie sein Nachfolger die geheimen Aktenstücke benutzen würde. Denn dazu sind sie ganz gewiß nicht verfaßt, um hier im Reichstag vorgelesen zu werden. Aber Graf Bülow ist bekanntlich ein großer Staatsmann! Er hat meinem Freund Vollmar gestern gesagt: er verstände nichts von der Diplomatie! Ja, diese Diplomatie! Man muß wissen, wie Bis­marck darüber dachte! Da heißt es in seinen Briefen:Wenn die Herren (Diplomaten) geschniegelt und gebügelt sind, dann kann man Staat mit ihnen machen! (Heiterkeit bei den Soz.) Man weiß gar nicht, wie viel Eharlatanerie und Wichtigtuerei in dieser Diplomatie steckt!" (Heiterkeit bei den Soz.) Also überlassen wir Ihnen (zum Bundesratstisch) ruhig diese Diplomatie!

Graf Bülow verlas gestern eine Stelle aus derSchwäbischen Tagwacht", wo es hieß, wenn die Sozialdemokratie die Macht bei uns, hätte, dann wären wir längst über die Grenze gerückt, um dem russischen Volke gegen den Zaren zu Hilfe zu kommen. Ich stehe nicht an, zu erklären: Allerdings wäre, wenn wir die Macht hätten, alles bei uns ganz anders. Was soll denn diese Entrüstung des Grafen Bülow? Ist cs denn das erste Mal, daß dieses geschehen ist? Hat Graf Bülow vergessen, daß im Jahre 1849 Preußen in Dresden einrückte, um dem sächsischen Könige zu Hilfe zu kommen, der mit seinem Volke nicht fertig werden konnte? Sind die Russen nicht 1849 in Ungarn eingerückt, um der dortigen Revolution Herr zu werden, und ist nicht Preußen zu Hilfe gerufen worden, um in der Pfalz die Unruhen zu dämpfen- Was soll denn jetzt das ganze Gerede? Ich bin auch davon überzeugt: Wenn in Russisch-Polen der Aufstand und die bewaffnete Empörung losbrechen würden, so wäre Graf Bülow der erste, der nach Petersburg eine Note im Auftrage seines kaiserlichen Herrn richtete, worin er sich erböte, Rußland seine Truppen zur Verfügung zu stellen. (Große Un­ruhe.) Graf Bülow meinte, Deutschland stände zu Rußland nicht anders als Frankreich und England, alle wüßten den Wert der Freundschaft zu Rußland zu schätzen. Mer einen so demütigenden Auslieferungsvertrag hat keine andere Nation. Einen solchen Vertrag könnte , auch die , französische und die englische Regierung gar nicht abschließen, weil die Entrüstung im eigenen Volke sicher dann sehr groß werden würde. Es ist eine Schmach und eine Schande, daß es im Deutschen Reiche zwei Staaten gibt, die einen solchen Vertrag als maßgebend betrachten.

Präsident Grat Ballestrem: Sie dürfen Verträge, die deutsche Bundesstaaten abgeschlossen haben, nicht als eine Schmach und Schande bezeichnen. Ich rufe Sie deshalb zur O r d n u n g.

Abg. Bebel: Freiherr v. Richthofen hat gemeint, auf Grund dieses Vertrages sei bis jetzt niemand ausgeliefert worden: aber wenn dem so wäre, dann wäre der Vertrag erst recht zu ver­urteilen. Aber was soll denn das Versteckspielen mit derAus­lieferung"? Wenn man nichtausliefern" will, dann kommt die famoseAusweisung"! Freilich, die soll ja nur bei Anarchisten an­gewandt werden! Aber alles, was man ausliefern will, ist eben Anarchist"! Bei der internationalen Vereinbarung zur gegen­seitigen Auslieferung der Anarchisten haben Frankreich und Eng­land es ausdrücklich abgelehnt, sich zu beteiligen! (Hört, hört!) Deutschland war natürlich dabei, wie immer. ^Schmachvoll! Das System derGefälligkeiten" Rußland gegenüber hat nachgerade einen abnormen Umfang angenommen. Angeblich wahrt Deutsch­land im ostasiatischen Kriege stetigste Neutralität! Graf Bülow sprach gestern von den Schiffs Verkäufen, daß sich da Deutsch­land vollkommen korrekt benommen! Sehr gut! Wie steht es aber mit dem Schiffs vermieten? In der baltischen Flotte, die vor Madagaskar liegt, sollen zehn deutsche Transportdampfer gesehen worden sein, die, dort als Begleitdampfer fungierten. Diese Dampfer waren nicht gekauft, sie waren nur gemietet! Und die deuffchen Mannschaften mußten, mit, sonst hätten sie sich der Meuterei" schuldig gemacht! Sie sind in einer Art Gefangenschaft des russischen Admirals! (Hört, hört!) Wie steht es damit, Herr Graf Bülow? Wie steht es hier mit dem Völkerrecht? Sollte die deutsche Regierung hiervon gar keine Kenntnis haben? Sollte die Reederei, die Hamburg-Amerika-Linie, derartiges auf eigene Ver­antwortung unternommen haben? Graf Bülow meinte: Frank­reich halte es nach wie vor mit Rußland! Jawohl, das offizielle Frankreich! Aber im französischen Volk ist die Stimmung nach dem 22. Januar vollständig umgeschlagen l Ja, dieser 22. Ja­nuar! Das Blut, das da geflossen, wird nie abgewaschen werden!

Man muß schon bis ins Mittelalter, bis auf die Bartholomäus­nacht, zurückgehen, um derartige Schandtaten zu sehen! (Zuruf rechts: Die Kommune!) Die wollen Sie uns vorhalten? Hat die Kommune denn auch nur den zehnten Teil der Gewalttaten be­gangen, die an ihr von der Regierung begangen sind? (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) DieGefälligkeit" gegen Ruß­land zeigt sich bei uns an allen Ecken und Enden! Ich brauche nur das eine Wort zu sagen, das alles sagt:Königsberg"! Als ich damals sagte: in jedem anderen Lande würde ein Justizminister, der einen solchen Prozeß eingefädelt, mit Schimpf und Schande von seinem Platz gejagt werden (Sehr richtig! bei den Sozialdcmokr.) 7 da meinte Graf Bülow: man solle erst das Urteil der Juristen abwarten! Nun, mittlerweile haben sich die juristischen Autoritäten geäußert. Und kann ein Urteil vernichtender aussallen, als das dieser Juristen? (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Wie kann man vor einem Justizminister Achtung und Respekt haben, der in solcher Weise gegen das Recht ausgetreten ist! (Große Unruhe rechts, lebhafte Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Wie können Richter und Staatsanwälte Achtung vor ihm genießen, wenn das Volk weiß, daß an ihrer Spitze derselbe Mann sieht, der in so schwerer Weise das Recht gebeugt hat! . . . (Große Unruhe rechts, Glocke des Präsidenten, lebhaftes demonstratives Bravo-Rufen von den Sozialdemokraten.)

Präsident Gras Bnllestrcm kann sich anfangs in dem lauten, fortgesetzten Bravo-Rusen der Sozialdemokraten nicht Gehör ver­schaffen, dann energisch läutend und zornrot: Ich bitte um Ruhe! (Zum Abg. Bebel) Sie dürfen nicht sagen, daß ein Minister eines Partikularstaates das Recht gebeugt habe. Ich rufe Sie zum zweiten Male zur Ordnung und mache Sie auf die ge­schäftsordnungsmäßigen Folgen des dritten Ordnungsrufes auf­merksam. (Lebhafter Beifall rechts. Zischen bei den Sozial­demokraten.)

Abg. Bebel (fortfahrend): Wenn man in Preußen noch etwas auf Reputation hält, dann muß der Justizminister fort von seinem Platze. (Stürmischer Beifall bei den Sozialdemokraten.) Auch der Königsberger russische Generalkonsul muß fort, der unbedenk­lich in seinen Uebersetzungen gefälscht bat.

Doch, was ist in Preußen rächt alles möglich? Nichts ist so ungeheuerlich, als daß cs aus Licbedicnerei gegen Rußland nicht geschehen könnte! Brauche ich noch an den Fall Janina Bärson zu erinnern? Der Minister Frhr. von Hammerstcin hat sich be­müßigt gefühlt, im Abgeordnetenhause über Bettgeheimnisse des Fräulein Bärson zu sprechen. Das ist nichts weniger als gentlcman- like! (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Was würde dieser selbe Frhr. von Hammerstein dazu sagen, wenn man im Parlament die Bettgeheimnisse der Hohenzollern enthüllen wollte (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten) oder auch Bettgehcimnisse aus seiner eigenen Familie? Ich glaube nicht, daß Herr von Hammerstein durch dieseEnthüllungen" dem Ansehen Preußens oder seinem eigenen Ansehen einen Dienst erwiesen hat! (Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)

Ich bitte Sie, unserer Resolution auf Kündigung der Aus­lieferungsverträge mit Rußland zuzustirnmen. Mag dann der Bundesrat sie annehmen oder nicht: der russische Äuslieferungs- vertrag ist dann moralisch gerichtet! Wir wollen keine Feindschaft mit Rußland l Wir wollen Freundschaft mit dem russischen Volk! Wir hoffen, daß die revolutionäre Strömung, die heute in Rußland alle Schichten der Gesellschaft ergriffen hat, die ganze Intelli­genz, ja, die Männer und Frauen der höchsten Stände, auf den Trümmern des Absolutismus bald ein freies Rußland erstehen machen wird! (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)

Reichskanzler Graf Bülow: Meine Herren! Ich möchte mich zunächst mit einer kurzen Bemerkung wenden gegen eine Aeußerung, welche gestern der Abg. Spahn gemacht hat gegenüber meinen Aus­führungen über eine eventuelle Vertretung von Elsaß-Loth- ringen im Bundesrat. Der Abg. Spahn hat gemeint, ich hätte mehr als preußischer Ministerpräsident wie als deutscher Reichskanzler gesprochen. Die Sache liegt gerade umgekehrt. Als preußischem Ministerpräsidenten könnte mir eine Verstärkung des preußischen Einflusses im Bundesrat unter Umständen nicht gerade unangenehm sein, als deutscher Reichskanzler habe ich aber dar­über zu wachen, daß das verfassungsmäßige Stimmen- und Stärke- Verhältnis im Bundesrat, daß das Gleichgewicht im Bundesrat nicht verschoben wird. In Erfüllung dieser meiner Pflicht als Reichs­kanzler habe ich hingewiesen auf die Bedenken, auf die Schwierig­keiten, welche der Erfüllung des Wunsches auf eine Vertretung Elsaß-Lothrmgens im Bundesrat im Wege stehen, mit anderen Worten, das Pflichtbewußtsein des Reichskanzlers hat über etwaige Machtgelüste des preußischen Ministerpräsidenten den Sieg davon­getragen. (Heiterkeit.)

An den gestrigen Ausführungen des Abg. von Chrzanowski hat mich vor allem interessiert und gewundert, daß sie Bier überhaupt möglich waren. Ich glaube nicht, daß es irgend ein Land und irgend eine Volksvertretung gibt, wo der Vertreter eines fremden Volksstammes sich in dieser Weise aus­sprechen könnte über die Regierung, die Einrichtungen, die Geschichte und den Charakter des Staatswesens, in welchem er lebt. Der Abg. v. Chrzanowski hat von preußischer Barbarei gesprochen und vcn barbarischen Maßnahmen. (Sehr richtig! bei den Polen und Soz.) Er hat davon gesprochen, daß Preußen die Gewohnheit habe, die Nachbarn einzuschläfern, um im geeigneten Moment seine Finger auszustrecken, und daß das mit Beifall begleitet wird, kommt auch bei uns nur vor. Der Abg. von Chrzanowski hat endlich erinnert an Die Zeit, wo ein französischer Gouverneur in Berlin regierte und wo die Königin Luise an den Grenzen des Reiches den Kaiser Napoleon um Gnade bat. Jedenfalls wünsche ich allen deutschen Minoritäten in anderen Ländern eine so objektive Behandlung, wie sie in diesem Hause den Herren Polen zu Teil wird. (Lachen bei den Polen und Soz. Beifall rechts.) Ich wünsche ihnen ein solches Eintreten von den verschiedensten Seiten, wie es hier bei uns für die polnischen Herren Abgeordneten der Fall ist. Es ist mehr als 100 Jahre her, daß ein deutscher Dichter dem deutschen Volke zugerufen hat:Niemals war gegen das Ausland ein Volk so gerecht wie du!" Das stimmt im großen und ganzen noch heute. Derselbe Dichter fügte aber hinzu:Sei nicht allzu gerecht!" Tas Bedürfnis gut und edel zu sein, ist dem Deutschen nun einmal wich­tiger als politische Einsicht. Wir machen es darin umgekehrt wie andere Völker, die sagen und denken:Right or wrong, it is my country." Weil wir nun einmal weltbürgerlich angelegt sind (Lachen und Unterbrechung links) wenn Sie so lange im Auslande gelebt hätten wie ich, wüßten Sic, daß das deutsche Volk das unpolitischste von allen Völkern ist müssen wir uns geradezu zwingen, national zu denken. Wir haben uns im Laufe der Zeit für alle fremden Völker begeistert.

Wir haben uns ja stets für polnische Aspirationen begeistert. Unsere Erfahrungen, die Lehren der Geschichte und die Natur der Beziehungen der Völker zeigen uns, daß es sich um große politische Machtfragen handelt. Die Ostmarkenfrage ist eine große politische Machtfrage, die lediglich zu behandeln ist im Hinblick auf die Ein­heit und Integrität des eigenen Landes. (Lebhafte Zustimmung

rechts.) Ich kann es übrigens dem Abg. v. Chrzanowski durcham nicht zugeben, daß die Herausforderung, ober, wie er es ausführte, fcie Offensive, von deutscher Seite ausgegangen wäre. Es ist die g r o tz p o.l n i s ch e Agitation, die überall die Polen von den Deutschen abgesondert hat. Es ist die großpolnische Agitation, btc in alle wirtschaftlichen und kulturellen Angelegenheiten, die ur­sprünglich noch vor 40, 50 Jahren das Bindeglied zwischen Deut­schen und Polen bildeten, die nationalen Gegensätze bineingetragen bat. Es ist die großpolnische Agitation, die keine Gemeinsamkeit zulassen will zwischen Deutschen und Polen, die weder auf mate­riellem noch ideellem Gebiete irgend etwas Gemeinsames haben will mit den Deutschen. Es ist die großpolnische Agitation, die die Kluft zwischen Deutschen und Polen immer breiter und tiefer ge­macht hat, und wenn wir uns das nicht haben länger gefallen lassen wollen, wenn wir uns dagegen zur Wehre gesetzt haben, so haben wir damit lediglich etwas ganz Natürliches getan. (Beifall.) Diese ganze Politik, die im Osten der preußischen Monarchie verfolgst wird, ist eine defensive Politik (Lachen links und bei den Polen), sie ist eine Politik der Verteidigung. Ich habe an anderer Stelle im preußischen Abgeordnetenhause an der Hand eines reichhaltigen Materials nachgewiesen, wie sehr das Deutschtum im Osten in die Verteidigungsstellung gerückt, geschoben, gedrängt worden ist. 2Btr denken nicht daran, die Polen vertreiben zu wollen, wir wollen lediglich dafür sorgen, daß wir nicht von den Polen vertrieben wer­den. (Widerspruch und Lachen links und bei den Polen.) Jawohl, unter Benutzung unserer verfassungsrechtlichen Institutionen. Die deutsche Geduld, Langmut und nationale Im differenz hat lange genug bei uns geherrscht. Wenn der Mgeordnete. von Chrzanowski gemeint hat, daß das Ansiedlungsgesetz im Wider sprach stände mit der preußischen Verfassung, so bat mein verehrter Nachbar (Graf Posadowsky) schon nachgewiesen, daß das nicht der Fall ist. Ich möchte aber meinerseits darauf Hinweisen, daß die großpolnische Agitation birefi: gerichtet ist gegen Artikel 1 der preußischen Verfassung, der von der Integrität des preußischen Gebietes handelt. Solche Reden, wie sie gestern der Abg. v. Chrzanowski gehalten hat, werden uns nur bestärken in dem Entschlüsse, die ganze Kraft des preußischen Staates einzusetzen, damit im Osten der Deutsche in seiner Existenz- fähigkeit erhalten wird, damit die östlichen Provinzen der preußi­schen Monarchie weiter für alle Zukunft in unauflöslichem Ver­bände mit der preußischen Monarchie und dem Deutschen Reiche stehen.

Ich komme setzt zu den Ausführungen des Abg. Bebel. ?lls ich den Saal betrat, machte mir der Abg. Bebel Vor­haltungen über den Ton, in dem ich gestern über den Abg. von Vollmar gesprochen habe. Ach, du lieber Himmel (Große Unruhe bei den Soz. und Unterbrechungen), welchen Ton haben Sie selbst denn gegenüber den Revisionisten angeschlagen? Ehe Sie mir solche Vorwürfe machen, sollten Sie selbst sich daran erinnern. (Erneute große Unruhe bei den Soz.) Der Abg .Bebel hat vor­gelesen einen Brief des Fürsten Bismarck, der sich beschäftigt mit der Diplomatie. Dieser Brief war mir sehr wohl bekannt. Er gehört zu den vielen schönen Briefen, die er geschrieben hat, und die beweisen,^ daß, wenn er nicht einer der größten Staatsmänner ge­wesen wäre, er auch einer der größten deutschen Schriftsteller feht würde. Vieles von dem, was der Mg. Bebel verlesen hat ans diesem Briefe des Fürsten Bismarck über die Diplomatie mein: Gott, ich bin seit 30 Jahren Diplomat, und ich bin objektiv genug, um zu sagen, daß Vieles darin ganz richtig ist. (Große Heiter­keit.) Aber er hat auch sehr vieles Nichtige und Treffende über, den Charakter und die Tendenzen der Sozialdemokratie und ihrer Führer gefügt und geschrieben, und es würde mich aufrichtig freuen, wenn der Abg. Bebel einmal solche Reden und Aeußerungen de» Fürsten Bismarck vorlesen wollte. (Sehr gut! und Heiterkeit.)'

Meine Herren, nun ist der Abg. Bebel weiter ein gegangen auf die Auslieferuugsverträge. Der Staatssettetär des Aeußeren hat schon gestern nachgewiesen, daß sest ungefähr 20 Jabren, seitdem dieser Vertrag besteht, fein einziger Fall von Aus­lieferung auf Grund jener beiden Verträge wegen politischer Ver­geben erfolgt ist, und da will mir scheinen, daß gegenüber dieser einfachen Tatsache die hochgradige Erregung des Herrn Mg. Bebel, die sogar zu einem Ordnungsrufe geführt hat, (Heiterkeit) etwas Gekünsteltes hat. Nun hat der Abg. Bebel auch gesprochen von den Lieferungen an Rußland und von Schiffsverkäufen an Rußland. Ich habe mich sogleich informiert, wie die Tat­sachen, von denen der Abg. Bebel gesprochen hat, eigentlich liegen. Nach den von der Hamburg-Amerikalinie abgegebenen ausdrück­lichen Versicherungen dürfen die deutschen Transportschiffe die russische Flotte nicht begleiten. Sie haben nur Kohlen nach be­stimmten neutralen Hafenplätzen zu liefern und sich nach diesen Hafenvlätzen nicht zusammen mit den russischen Kriegsschiffen, son­dern getrennt von denselben und auf anderen Wegen zu begeben. Davon, daß gegenüber den Mannschaften der deuffchen Transport­schiffe unterwegs und insbesondere vor Madagaskar ein rechts­widriger Zwang von feiten der russischen Flotte geübt werde, ist der kaiserlichen Regierung nicht das allermindeste bekannt. (Hort, hört!) Es ist auch in dieser Weise wenig glaublich. Wenn die russischen Admirale im Interesse der Geheimhaltung ihrer Maß­nahmen und des Zustandes ihrer Streitkraft gewisse Vorkehrungen getroffen haben sollten, welche die Bewegungsfreiheit der deuffchen Seeleute im Verhältnis zu den russischen Schiffen einschränken, so wäre dagegen Wohl kaum etwas einzuwenden. Wenn die Hamburg- Amcrikalinie gegenüber ihren Seeleuten die Besttmmungen der deutschen Gesetze und des mit den Leuten geschlossenen Heuer- verttages verletzt haben sollte, so würde sie selbstverständlich in Deutschland unnachsichtlich zur Verantwortung gezogen werden. Es liegt aber bis jetzt nicht der mindeste tatsächliche Beweis dafür vor, daß die Ham'burg-Amerikalinie in dieser Weise irgendwie ihren Pflichten zuwider gehandelt hätte. (Hört, hört! rechts.) Nun ist der Abg. Bebel weiter zu sprechen gekommen auf den Königs­berger Prozeß. Ich muß zunächst mit der größten Ent­schiedenheit den durchaus unberechtigten und ungerechtfertigten An­griff zurückweisen, den der Abg. Bebel bei dieser Gelegenheit gegen den hier nicht anwesenden preußischen Justizminister gerichtet hat, geg?n dtt Art und Weise, wie er sich bemüht hat, das Vertrauen des preußischen Richterstandes zu dem obersten preußischen Justiz­beamten zu untergraben. (Beifall b. d. Mehrheit.) Ich weise diesen Angriff des ?lbg. Bebel als eine durchaus unberechtigte Ver­dächtigung zurück. Ich habe mich über die politische Seite des Königsberger Prozesses nun schon 2 oder 3 mal ausgesprochen. Ter Königsberger Prozeß ist im preußischen Abgeordnetenhause klargestellr worden, ich habe also gar keine Veranlassung, hier auf dieses Thema nochmals zurückzukommen. (Beifall rechts.) Nun ist ein Fall zur Sprache gebracht worden, der sich in Schneidemühl ereignet haben soll, wo ein russischer Deserteur an Rußland aus- geliefert fein fall. Das ist nun wieder ein rechter Beweis für, ich will nicht sagen, die Leichtgläubigkeit des Abg. Bebel, der Aus­druck liegt mir fern aber für die jugendliche Raschheit (stürmische Heiterkeit), mit der er Behauptungen aufstellt, die sich nachher al§