Ausgabe 
20.6.1905 Drittes Blatt
 
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Ausland.

London, 19. Ium. Die spanischenHeiratspläne sind hier gescheitert. Wie versichert wird, war das Projekt der Heirat des Königs AlsonS mit der Prin­zessin von Connaught von dem spanischen Minister des Aeußern, Villaurutia, ausgegangen, der sich dabei zugleich mit der Hoffnung getragen haben soll, seinen Posten in dem arg gefährdeten spanischen Kabinett mit dem Botschafterposten in London zu vertauschen. Bei dem Entschluß der Prinzessin, den Antrag ab zu lehnen, spielte eine wesentliche Rolle der Umstand, daß sie ihre Konfession nicht wechseln wollte. Ein von der englischen öffentlichen Meinung höchst mißbilligter Brief, den König Alfons unter dem Einfluß seiner Minister an den Kardinal von Barcelona gerichtet hat, dürfte die Prinzessin in ihrem Widerstande gegen diese Partie bestärkt haben.

Paris, 19. Juni. Unter dem TitelZwischen Tanger und Hamburg" erzählt ein hiesiges Morgenblatt über die verschiedenen Perioden der Unterhandlungen in der Ma- rokkofrage folgendes:Am Mittwoch unterbreitete Fürst Radolin ein klares Ultimatum und deutete an, daß Frankreich zwischen England und Deutchland zu wählen habe. Rouvier verlangte 48 Stunden Bedenkzeit. Am folgenden Tage hatte Rouvier eine Unterredung mit dem englischen Botschafter. Dieser ersuchte, sich mit seiner Re­gierung verständigen zu können. Sonntag überbrachte er die Antwort. Lord Lansdowne lehnte den Vorschlag kategorisch ab und teilte der französischen Regierung mit, daß eine Zustimmung Frankreichs zur Marokkokonferenz von England als ein feindlicher Akt betrachtet werden würde. In diesem Falle würde die englische Regierung die Aktion in Marokko wieder aufnehmen. (Von London kommen dagegen heute sehr einlenkende Nachrichten. Doch verlautet, eine Unterredung zwischen Graf Metternich und Lansdowne habe beide Teile vollauf befriedigt und es sei in den gegenwärtigen Stellungen der beiden Länder in der Marokkofrage eine fast völlige Klärung zu stände gekommen.

Madrid, 10. Juni. Don Carlos und Alphons oon Orleans unternahmen vorgestern einen Spazierritt in der Umgebung von Tardo. Prinz Alphons verlor sich auf einem Nebenwege im Gebirge und wurde nach zwei Stunden tot aufgefunden.

Keer und Klotie.

Das in Mannheim und Heidelberg garnisonierende 2. bad. Grenadierregiment Nr .110 wird bei der Kaiserparade des 18. Armeekorps die am 8. September in der Nahe von Homburg v. d. H. stattfindet, von seinem Chef, dem Kaiser, persönlich vorgeführt und aus diesem Anlaß zum Garderegiment erhoben und mit Gardelitzen ausgezeichnet werden.

Der ehemalige Fähnrich zur See Hüs jener hat nunmehr seine Strafe in Weichselmünde a b g e b ü ß't. Er ist zum Besuch seiner Angehörigen in Neuwied eirrgetroffen.

Major v. Sydow im Braunschweigischen Infan­terieregiment Nr. 92 ist der A b s ch i e d mit der gesetzlichen Pension bewilligt worden, v. Sydow wurde bekanntlich wegen Mißhandlung seines Töchterchens in einigen Fällen vom Kriegsgericht zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Diese Strafe wurde in der Berufungsinstanz vor dem Ober­kriegsgericht in eine Geldstrafe von 300 Mk. verwandelt.

Prozeß de Castres.

R. B. Darmstadt, 19. Juni.

Ein Monstreprozeß, wie in Darmstadt seit Jahren keiner da- aewesen ist, hat heute vor der hiesigen Strafkammer seinen Anfang genommen und wird voraussichtlich die ganze Woche in Anspruch nehmen. Es handelt sich um das Ehepaar de Castres, das im Mai v. I. aus der Schweiz hier herkam und in ganz kurzer Zeit eine große Reihe von Schwinde­leien und Betrügereien verübte. Die Anklage lautet auf Betrug, Kurpfuscherei, Kautionsschwindel usw., und es ist eine große Anzahl von Zeugen, auch ausländischen, und Sachver­ständigen geladen.

In einer Ecke des großen Schwurgerichtssaales, in welchem die Verhandlung stattfindet, sind zahlreiche Kisten mit Druck­schriften, Flaschen mit medizinischen Aufschriften usw. aufgestellt. Der Angeklagte ist von kleiner schmächtiger Figur mit langem schwarzen Vollbart und ziemlich sicherem Auftreten: die Ehefrau ist völlig in Schwarz gekleidet und hat trotz ihrer erst 37 Jahre bereits stark ergrautes Haar.

Das saubere Ehepaar befindet sich bereits seit August v. I. in Untersuchungshaft. Besonders erschwert wurde die Unter­suchung dadurch, daß beide Angeklagte kein Deutsch zu verstehen behaupten und deshalb alle Verhandlungen mit Hilfe des Dol­metschers, Prof. Dr. Leitolf, geführt werden müssen. Auch erforderten die Nachforschungen über das Vorleben und die Straf­taten der Angeklagten im Auslände viel Zeit und Geldaufwand, de Castres ist geborener Belgier aus Tornay und 43 Jahre alt, er ist in seiner Heimat bereits dreimal wegen Betrugs vor­bestraft und hat auch in Straßburg wegen desselben Verbrechens bereits IV2 Jahre Gefängnis verbüßt. Im Jahre 1900 heiratete er die Tochter aus einer angesehenen Schweizer Familie in Luzern. Maria Elisabeth Meyer von Schauensee, Frau de Castres ist 37 Jahre alt und hat das schweizerisch Handelsschul- lehrerinnen-Examen bestanden. Zwei der Ehe entsprossene Kinder wurden nach der Inhaftnahme des Ehepaars nach Belgien in Pflege gegeben, ein drittes, in der Untersuchungshaft geborenes, starb bald darauf. Die Angeklagten kamen fast vollständig mittellos nach Darmstadt, logierten in hiesigen Hotels und leiteten sofort die Errichtung einer Handelsschule und einer Heilanstalt ein, wofür sie die großartigste Reklame machten. Sie erließen große Annoncen in den Blättern und bestellten u. a. bei einer hiesigen Druckerei 110 000 Reklamebogen mit den ver­lockendsten Anpreisungen. Der Drucker hat durch Nichtbezahlung . einen Schaden von über 1900 Mark erlitten. Unter, den 17 weiteren Betrügereien befindet sich auch folgende: Die Ange­klagten mieteten sich eine Wohnung für 1600 Mark und kauften gleich darnach in der Frankfurter Straße ein Haus für 140 600 Mark, auf welches sie 4000 Mark ein­zahlten, welche Summe sie sich durch falsche Vorspiegelungen verschafft batten. Weiter beschwindelten sie Herrn Georg Karl Fischer hier um 5000 Mark, Friseur Wiegands Ehefrau um 600 Mark, Georg Röder um 500 Mark, doch nahmen,sie auch mit kleineren Beträgen von 10200 Mark vorlieb. Diese Betrügereien erfolgten in Darmstadt, Villingen, Augsburg und Göppingen. Die Hauptvergehen bestehen aber darin, daß . de Castro, der überhaupt kein Medizinisches Examen gemacht hat, sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen als Heil­kundiger und Spezialist für alle chronischen Krankheiten ausgab, der bereits zahlreiche glänzende Heilerfolge aufzuweisen habe. Er sei Direktor des in Darmstadt bestehenden Heilinftituts Sanator" und vermöge alle Krankheiten einschließlich der vorgeblich unheilbaren gänzlich zu heilen, und zwar ohne Operation, durch die eine oder die andere der neuen und einzig wissenschaftlichen Methoden usw. Ferner hat de Castres auch ohne polizeiliche Erlaubnis Arzneien, deren Handel nicht freigegeben war, feilgehalten und verkauft. Die An­

klagebehörde vertritt Staatsanwalt Dr. Wolff, die Verteidig­ung führt Rechtsanwalt Dr. .Bopp.

Nach der Verlesung des Anklagematerials, unter welchem die pomphaften Heilreklamen Aufsehen erregten, erfolgte die Vernehmung der beiden Angeklagten. Frau de Castres wurde vom Richter in deutscher Sprache befragt und beantwortete auch alle Anfragen in ziemlich fließendem Deutsch. Ihre Vernehmung bot im wesentlichen nichts neues. Sehr umfangreich gestaltete ich das Verhör des Hauptangeklagten. Er hat, wie durch Ver­lesung der Gerichtsakten festgestellt wird, auch bereits in Straß­burg ganz ähnliche Schwindeleien verübt, wie die setzt unter An­klage gestellten und sich zur ungenierteren Ausübung seines Kurpfuschertums den medizinischen Doktor titel beigelegt: in Darmstadt führte er sich alsProfessor" ein. Der Ange­klagte gibt auf Befragen an, daß er in Brüssel und einigen an­deren Orten Medizin studiert habe, dann Versicherungsinspektor war und auch in der Journalistik tätig gewesen sei. Er gibt die ihm zur Last gelegten Straftaten in der Hauptsache zu, be­streitet aber jede betrügerische Absicht dabei. Dasselbe hat auch die Ehefrau des Angeklagten behauptet. Sehr gründlich ge­faltet sich die Vernehmung über die vom Angeklagten ver­übten Knrpfuschereien und die dafür angepriesenen Mittel, über welche er in so leisem Tone Auskunft gab, daß am Journalisten­tisch kein Wort davon verstanden wurde. Nur soviel ging dar­aus hervor, daß er seine Kürpfuschereien mit größtem Raffine­ment betrieb, auchbriefliche Behandlung" ausübte und viel­fach hoffnungslos Erkrankte schamlos ausbeutete. Weiter mußte der Angeklagte zugeben, daß er in Belgien wegen Bankerotts, Betrugs, Unterschlagung, Zechprellereien vorbestraft ist. Ueber sein Vorleben befragt, erzählte er, daß ein Bruder in Belgien Artillerieoffizier sei unb er dies ebenfalls werden wollte, aber die Mittel hätten nicht ausgereicht. Da sei er dann in'S Kloster gegangen, habe sich aber bald wieder daraus entfernt und Medizin studiert. Er habe in Zürich ein großes Sanatorium er­richten und ein Haus für 250 000 Fr. für diesen Zweck erwerben wollen, sei dann aber nach Deutschland ausgewandert. Die Ver­nehmung des Angeklagten und die Verlesung der Strafakten wurde nm V22 Uhr abgebrochen. Die Fortsetzung der Verhand­lung erfolgt morgen früh 8 Uhr._____________________________

Aus Stadt und Land.

Gießen, 20. Juni 1905.

* * Personalien. S. K. H. der Großherzog haben den Oberlehrer am Herbstgymnasium zu Mainz, Professor Heinrich, zum Oberlehrer am Osiergumnasium zu Mainz, den Kreisamtsgehilfen bei dem Kreisamt Offenbach, Herling, zum Kreisamtsgehilfen bei dem Kreisamt Erbach, den Bureau- gchilfen Kirsch bäum zu Erbach zum Kreisamtsgehilfen bei dem Kreisamt Lauterbach ernannt. Dem Amtsrichter bei dem Anttsgericht Alzey, König, wurde der Charakter als Amts- gerichtsrat erteilt. Der Gerichtsassessor lp aus Darmstadt wurde zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Ulrichstein, der Gerichtsassessor Dr. vonBecker aus Darmstadt zum Amts­richter bei dem Amtsgericht Homberg ernannt.

* * Auszeichnung. Dem Rangiermeister Albert Nau von hier wurde von Sr. Mas. dem Kaiser die Medaille nebst Diplom für 25jährige treue Dienste bei der Eisen­bahn verliehen.

* * Der Generalkonsul der Republik Uruguay Arturo Roberto Brown ist lt.D. Ztg." zur Ausübung konsularischer Funktionen im Großherzogi um Hessen zugelassen worden. Ter Amtssitz des Generalkonsulats ist von seinem bisherigen Sitze in Hamburg nach Berlin ver­legt worden.

** Von der Landes Universität. S. K. H. der Groß­herzog hat den außerordentlichen Professor der Physiologie Dr. med. Otto Frank zu München zum ordentlichen Pro­fessor in der medizinischen Fakultät der Landesuniversität, insbesondere für das Fach der Physiologie, mit Wirkung vom 16. Juni 1905 ernannt.

** Der Sängerkranz veranstaltet sein diesjähriges Waldfest am nächsten Sonntag am Ludwigsbrunnen.

** Ein Bienenschwarm hatte sich heute auf einem der Lindenbäumchen in der Schulstraße, vor unserem Ge­schäftshause, niedergelassen. Ein davon unterrichteter hiesiger Bienenzüchter fing den Schwarm ein.

** Ein Gottfried Schwab-Denkmal wird in Darmstadt am 20. d. Mts., gelegentlich des dort statt­findenden Delegiertentages des Verbandes deutscher Journa­listen und Schriftsteller, in Gegenwart des Großherzogs und der Großherzogin enthüllt werden. Professor Ludwig Habich hat das Denkmal aus dem Motiv des antiken Adoranten, einer in Bronze gegossenen Jünglingsgestalt, die nach griechischer Sitte die Arme im Gebet zur Gottheit er­hebt, hergeleitet. Der Landesfürst selbst hat aus freiem Antrieb Platz und gärtnerische Anlagen zur Verfügung ge­stellt und zwar am stimmungsvollen Alexandraweg, un­mittelbar am Aufgang der Künstlerhausstraße der Mathildenhöhe.

** Der Jahresbericht der Handelskam­mer für den Kreis Wetzlar für 1904 ist uns im Druck zugegangen. Der Bericht erwähnt u. a., daß über die enogiltige Gestaltung des Entwurfs für di" Erwei­terung des Bahnhofs Wetzlar bisher lt. Mitteil- nng der Esienbahudirektion eine Entscheidung noch nicht getroffen worden sei. Im vorigen Jahresbericht hat die Kammer schon darauf hingcwiesen, daß der Bahnhossbezirk auch dringend die Errichtung eines Postamtes am Bahnhof Wetzlar wünscht. Sie glaubt sicher annehmen zu dürfen, daß bei dem bevorstehenden BahnbofsAmbau in das Projekt auch Räume für ein Postamt ausgenommen werden. Von den Bewoynern, namentlicy von der Geschäfts­welt dieses Stadtteils wird die große Entfernung vom Postamt als sehr lästig empfunden. Durch ein Postamt am Bahnhof wurde auch zugleich eine Vereinfachung und Beschleunigung des Depeschenverkehrs für den Stadtteil Wetzlar-Niedergirmes erzielt, und die Klagen würden in Fortfall kommen, daß Geschäftsdepeschen vom Babutele- graphenamt nicht angenommen werden. Im übrigen erwähnt der Bericht u.' a. noch, daß der R 0 h e 1 f e n a b s a tz an Fremde immer mehr zurückgehe. Diese un­erfreuliche Erscheinung habe ihren Grund in dem Um stände, daß andere Bezirke, die in der Fracht günstiger gestellt sind, die Erzeugung von Gießereiroheisen von Jahr zu Jahr verstärken und dadurch das Msatzgebiet der Werke des Wetzlarer Bezirks beeinträchtigen.

(!) Kinzenbach, 19. Juni. Die erste allgemeine Kreis-Ausstellung des Kaninchenzucht-Vereins Kinzenbach, die am 3. Pfingsttag stattgehabt hat, ist gut ausgefallen. Am 2. Pfingsttag war von morgens 10 Uhr ab Konzert, ausgeführt von einem Teil der Musikkapelle des Hess. Füsilier-Rgts. Nr. 80 aus Homburg v. d. H. Um 2 Uhr fand die Wander-Versammlung der Delegierten des mitteldeutschen Kaninchenzüchter-Verbandes statt. Der erste Verbandsvorsitzende, Wilh. Göbel aus Herbornseelbach, hielt

im dichtbesetzten Saale einen sehr lehrreichen Vortrag über rationelle und nutzbringende Gestaltung der Kaninchenzucht. Um 6 Uhr erfolgte die Preisverteilung. Ein viele Hunderte zählendes Publikum aus Nah und Fern war herzugeströmt, Die Prämiierung hatte schon Samstags durch den Preis­richter Jul. Pfitzner aus Frankfurt a. M. stattgesunden. Es erhielten Ehrenpreise: H. Pfeiff-Wieseck, K. Pfaff, Gg. Konr. Schmidt und Th. Viehmann-Kinzenbach, Ferd. Pfeiffer- Launsbach, Lehrer Fischer-Garbcnheim und Bäckermeister Deuker-Rodheim: 1. Preise: Lud. Ufer-Garbenheim, H. Gabriel- Gießen und Th. Viehmann-Kinzenbach; 2. Preise: Th. Vieh­mann und Gg. Konr. Schmidt-Kinzenbach (3 mal), Otto Schwieker-Atzbach und Lehrer Fischer, Christ. Deuner und L. User-Garbenheim; 3. Preise: Konr. Stroh, Gg. Konr. Schmidt, Th. Viehmann, Philipp Hedrich, 2. Viehmann- Kinzenbach, L. Ufer, Wilhelm Bamberger und Lehrer Fischer- Garbenheim, H. Gabriel-Gießen und H. Pfeiff-Wieseck. DaS Verbandsdiplom für die beste Gesamtleistung erhielt Th. Vieh- mann-Kinzenbach mit 39 Punkten. Das Verbandsdiplom für den Verein Garbenheim erhielt L. Ufer mit 21 Punkten.

(!) Hohensolms, 19. Juni. Unser Flecken, der ca. 800 Einwohner zählt, hat gegenwärtig viel hohen Besuch. Am Frei­tag trafen Fürst Karl vanSolms-Lich nebst Gemah­lin und ft intern und Prinzessin Dorothea, die Schwester der Großherzogin, im Schlosse ein, und am Sonntag kamen, wie schon gemeldet wurde, der Großherzog und die Großherzogin von Hessen hier an. Gestern kam Fürst Reinhardt, der Bruder der Großherzogin, mit Familie an. Gegenwärtig findet das Kirchweihfest, verbunden nüt bem sog.Wollmarkt", hier statt. Gestern besuchten auch die hohen Herrschaften das Volksfest auf demHals", einem Hügel mit schattigen Anlagen. Das Großherzogliche Paar sah sichtlich er­freut dem fröhlichen Treiben der Jugend zu und ließ schließlich die Schuljugend auf dem .Karussell mehrmals fahren. Zu der sich um das hohe Paar drängenden fröhlichen Kinderschar sagte der Großherzog':Ihr werdet mich schon noch öfters hier sehen." Heute um 4 Uhr unternahmen die hohen Herrschaften (das Groß-' Herzogspaar, Prinzessin Dorothea, Fürst Karl und Fürst Rein­hardt nebst ihren Gemahlinnen) einen Ausflug nach Braun­fels zum Besuch des Fürsten von Solms-Braunfels. Die Fahrt ging über Blasbach, Hermannstein, Wetzlar und Burg-Solms: der Großherzog lenkte selbst das Automobil. Abends 8 Uhr kamen die hoben Gäste wieder hier an. Morgen sollen gelegent­lich be5' Wollmarktes an die Schulkinder im Schloßhof Brezeln verteilt werden. Das Großherzogspaar wird in den nächsten Tagen wieder abreisen, während die Fürsten Karl und Reinhardt 14 Tage hier bleiben.

1. Geiß-Nidda, 19. Juni. Heute hat unsere Wasier- leituug ihre erste Feuerprobe bestanden und unser Dorf viel­leicht vor einem großen Unglück bewahrt. Früh um 8 Uhr entstand im Hause des Karl 2 0 b f in cf Feuer. Die meisten Leute des Torfes waren mit Feldarbeiten beschäftigt und auch Lohfinck war mit seiner Familie im Feld. Nur zwei Kinder von nnb 4 Jahren waren im Zimmer zurück­geblieben und hier entstand der Brand. Schon hatte er Möbel und Fenster ergriffen, als er bemerkt wurde. Zwei beherzte Männer drangen in das brennende Zimmer und retteten die Kinder, das Kleine aus der brennen­den Wiege. Das Kindchen hatte schon so schwere Brand­wunden an Gesicht und Händen erlitten, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird. Die wenigen anwesenden Leute setzten den nächsten Hydrant in Betrieb und in einer halben Stunde war das Feuer gelöscht. Als die bedauerns­werte Familie aus dem Feld geeilt kam, war alle weitere Gefahr vorüber. Ter Schmerz der Eltern, als sie ihr jüngstes' Kind vor Schmerzen wimmern hörten, war unbeschreiblich.

? Burkhards, 18. Juni. Heute sand das Bezirks­fest des Bezirkskriegerverband es Schotten, ver­bunden mit der 25jährigen Jubelfeier des hiesigen Krieger­vereins nebst Ueberreichung der vom Kaiser gestifteten Fahnenschleife statt. Das Dorf war herrlich geschmückt. Trotz des schlechten Wetters hatte sich ein zahlreicher Besuch eingestellt; 22 Kriegervereine waren erschienen. Um 2 Uhr setzte sich der Festzug nach dem Festplatz in Bewegung. Dort angekommen, begrüßte Lehrer Ludwig in einer markigen Ansprache die Erschienenen, worauf der stellver­tretende Kreisamtmann, Reg.-Assessor Dr. Heß, mit schönen Worten die verliehene Fahnenschleise überreichte. Die von patriotischem Geiste getragene Festrede hielt Pfarrer Land mann.

Marburg, 17. Juni. Die Eisenbahndirektion in Kassel macht bekannt, daß sie in Soest eine Selter- und Fruchtwasserfabrik in eigenem Betrieb einrichten wird. Aus dieser Fabrik soll den Eisenbahnangestellten der Bezirke Paderborn I und II, Arnsberg und Marburg Selter- und Fruchtwasser in Vs Literflaschen zum Preise von 3 und 4 Pfennig abgegeben werden.

sj Marburg, 19. Juni. Am Wehrdaer Weg stürzte heute abend ein 18jähriger Kahnbursche aus Schwabendors kopfüber in die Lahn und ertrank.

Homburg v. d. H., 19. Juni. Wie derTaunus­bote" meldet, hat nach telegraphischer Meldung des Ober­hofmeisters Frhru. v. Mirbach an den hiesigen evangelischen 5kircheuvorstand der Kaiser für den Bau der Erlös er- kirch e zu Homburg ein weiteres Geschenk von 40000 Mk. bestimmt.

Frankfurt, 19. Juni. Gestern abend entfernte sich die vierjährige Anna Breitenbach aus der elterlichen Wohnung, um zu spielen. Das Kind, das vergeblich am Abend von seinen Eltern gejucht wurde, fand man heute morgen kurz nach 6 Uhr t 01in einem Kellergewölbe in der Schl'oßstraße, in das es wahrscheinlich hinein gestürzt ist. In seiner Zelle im Polizeigefängnis wurde gestern morgen der 50 Jähre alte ehemalige Dienstmann Hucke tot aufgefunden. Hucke soll sich in einem Anfalle den Schädel an die Wand gerannt haben. Am Samstag! vormittag machte sich in der Friedberger Landstraße während der Mwesen'heit der Mutter ein zweijähriges Kind am Herde zu schaffen. Das Kind zog einen großen Topf mit kochender Brühe herunter und schüttete den ganzen Inhalt über sich. Die Rettungswache aus der Burgstraße legte dem Kinde, das im Gesicht und am glanzen Körper mit schweren Brandwunden bedeckt war, die erforderlichen Verbände an und gab das Kind auf dringendes Verlangen der Mutter wieder mit. Am Sonntag morgen ist es bereits an den schweren Verletzungen gestorben.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den N a ch b a r st a a t e n. In der Nähe der Zahnradbahn am Nie­derwald bei Rüdesheim wurde in einem Steinbruch die L e i ch e e i n e s M a 1111 c § mit gespaltenem Schädel gefunden. In der Nähe der Leiche lag eine Axt.