kautet: Großfürst Nikolaus Nikolajewitsch, welcher sich in den nächsten Tagen auf den Kriegsschauplatz begeben wird, batte mit dem Zaren eine lange Unterredung. Zum Stabschef der mandschurischen Armee ist nunmehr endgültig Suchomlinow ernannt worden.
Man scheint danach in Petersburg nicht aus noch ein -u wissen und beschließt heute so und morgen anders.
General Kuropatkin
drahtet inzwischen dem Zaren munter weiter. Er meldet unter dem 14. März:
Nach einem heute morgen zurückgewiesenen Angriffe sind weitere Berichte über Kampfe nicht eingetrossen. Einzelne Soldaten und K'omvagnien, die von ihren Abteilungen getrennt waren, sind während der beiden lebten Tage zu ihren Truppenkörpern zurückgekehrt. Die P r o t» i a n t z ü g e find teilweise wieder in Ord n u n g gebracht. Die Trains erster Ordnung befinden sich größtenteils unter den Truppen; diese sind mit Pro- Li a n t hinreichend versehen und bereit, d e n K a m p f von neuem aufzunehmen. Ich erhielt über die Verluste an Toten. Verwundeten und Vermißten sowie über die Einbußen au Artillerie und Trains keine genauen Berichte.
Ein weiteres Telegramm Kuropatkins an den Kaiser vom 15. März besagt:
Die Truppen passieren Tieling in vollkommener Ordnung. Ich habe Teile per 14. Infanterie-Division besichtigt und sie in zuversichtlicher Stimmung gefunden. Als ich Tieling verließ, hatte der Kampf noch nicht begonnen. Auf dem Wege nach Norden sah ich zahlreiche Truppen und Proviantzüge, alle in großer Ordnung. Ich besichtigte auch aus Rußland frisch eingetrosfene Regimenter, die einen ausgezeichneten Eindruck machten.
Tieling von den Japanern erobert.
Marschall O y a m a aber hat indessen Hingcking und Tieling besetzt. Tieling liegt 69 Kilometer nordöstlich von Mulden. 9hnt müssest die Russen ihr ganzes Bestreben darauf richten, nach Eh arb in mit der Eisenbahn und nach dem 275 Km. nordöstlich von Tieling gelegenen Girin zu gelangen. Eharbin ist von Tieling etwa 350 Km. entfernt, es liegt am Vereinigungspunkte der beiden großen nach Port Arthur und nach Wladiwostok führenden Bahnzweige wie an der wichtigen Flußjchiffahrtslinie Sungari-Amur. Die militärische Bedeutung von Eharbin ist dadurch bedingt. Auch ist es ein wichtiger Industrie- und Handelsplatz. Eharbin wurde 1900 von den Russen gegen die Boxer ver- terdigt und ist mittlerweite wohl befestigt worden.
Girin (Kirin) hat 100 000 Einwohner, liegt in sehr bevölkerter Gegend und ist von einer festen Mauer umgeben. Es war das Hauptausrüstungsdepot der mandschurischen Truppen und besitzt ein Arsenal, eine Pulver- und Wafsenfabrik. Die sogenannte Mandarinenstraße Tieling- Girin ist zwar 20, streckenweise sogar 50—70 Meter breit, aber die benutzte Fahrbahnbreite beträgt nur 4—6 Meter, und außerdem befindet sich die Straße in einem solchen Zustande, daß man viel leichter über einen Sturzacker fahren könnte. Die Artillerie kann nur in gewöhnlicher Marschkolonne marschieren. Bis Jtnntschvu führt die Straße in hügeligem Terrain, aus 8—10 Km. parallel und östlich der Bahn. Die Gegend ist durchschnitten und sehr für die Ausführung von Ueberfällen und Hinterhalten geeignet, doch sind alle Flüsse, welche die Straße gueren, furtbar und nach Regen etwas schwerer zu überschreiten.
Ueber die Gefechtsoperationen, welche zur Eroberung von Tieling führten, liegen amtliche Meldungen einstweilen noch nicht vor. Den Londoner „Eentral News" zufolge griffen die Japaner am Dienstag die Befestigungen außerhalb der Stadt Tieling an, wurden aber von den Truppen Linjewitsch' zurückgeschlagen. Sie ließen an tausend Tote aus dem Kampfplatze. Tie Russen verloren ebenfalls 1000 Mann an Toten und Verwundeten.
Tiefe Nachricht scheint aber wenig glaubwürdig, und man kann aus der Tatsnhe, daß zwischen der Meldung Kuropatkins und der Besetzung Tielings ourch die Japaner mir ein Zeitraum von wenig mehr akls 24 Stunden liegt, ganz bestimmte Rückschlüsse machen.
Am 14. März stand das Zentrum der russischen Armee am Fanho, und zwar vermutlich da, wo die Straßen von Mcukden und von Fuschun her über den Fluß führen, d. h. 10 bis 15 Kilometer südlich der Stadt. Hier gewann die Avantgarde der von Mulden her vorstürmenden Japaner die erste Fühlung mit den Russen, und 24 Stunden später war Tieling in japanischem Besitz! Es geht daraus hervor, daß die Russen ernstlichen Widerstand nicht leisten konnten.
Tieling war schon seit Monaten von dem Ingenieur- general Wielitschko als Ausnahmestellung für die russische Armee im Falte eines Rückzuges vorbereitet worden. Gewaltige Feldbefestigungen hatte er angelegt, und Kuropatkin hatte dort eine Truppenreserve von beträchtlicher Stärke zurückgelassen: sie wurde auf 50 000, von andern gar aus 90 000 beziffert-
tlnd nun ist Tieling, man kann wohl sagen: im ersten Ansturm den Japanern in die Hände gefallen, die letzte stark befestigte Stellung vor dem um etwa 450 Kilometer nach Norden zurückliegenden Eharbin! In welcher Verfassung muß die Armee Kuropatkins gewesen sein, to^nn sie diesen Platz ohne jeden Versuch eines ernstlichen Widerstandes aufgab!
Kuropatkin telegraphierte an den Zaren, daß er -Tieling freiwillig geräumt und sich auf Kar- Puan zurückgezogen habe.
Weitere Meldungen vom Kriegsschauplätze.
Marschall -Oyama wird seine Armee in zwei Teile teilen, von denen der-eine nach Wladiwostok, der andere nach Eharbin marschieren wird. Russischer- feits wird behauptet, daß in den Reihen der Japaner Tschun- tschusen und Ehinesen mitgekämpft haben.
Nach Berichten aus Tokio besagen die letzten Nachrichten von der Front, daß die russischen Truppen in erschöpftem Zustande sind und gehen, gehemmt durch ihre vielen Verwundeten, ununterbrochen nördlich Tieling auf Kaipuan, wo sie sich voraussichtlich verschanzen werden, obgleich dieser Platz zur Verteidigung nicht geeignet ist,
Ueber ^London wird von privater Seite gemeldet,' daß die schweren Geschütze, welche die Japaner von Port Arthur nach Mnkben transportierten, ungeheure Verluste unter den fliehenden Russen verursachten. Ein Teil der russischen tztzcrnee versuchte, nach Girin M entkommen, wurde aber e b g e s chn i t t e n und ausaerieben.
Der von einem Berliner Blatte auf den Kriegsschauplatz entsandte Spezialberichterstatter Hauptmann Binder v o n K ri e g el st e i n ist einem Telegramm aus Niutschwang zufolge bei Mulden von den Japanern gefangen genommen worden. Hauptmann Binder von Kriegelstein befindet sich aus der Reise nach Japan. Er teilt mit, daß er von den Japanern sehr gut behandelt wird.
Der geohrfeigle Oberst.
Wie sehr die furchtbare Niederlage bei Mukden auf die Stimmung des russischen Volkes eingewirkt hat, geht aus einer« S t r a ß e n sze n e hervor, die sich in Peter s- burg abgespielt hat. Wie von dort geschrieben wird, überfiel auf dem Newski Prospekt ein Arbeiter einen soeben aus Port Arthur zuriickgekehrten, bejahrten Oberst, Ritter des Georgskreuzes und versetzte ihm einen Faust - schlag ins Gesicht. Auf die Frage des Offiziers nach der Ursache dieser Tat, erklärte der Arbeiter, daß man alle russischen Offiziere für die Schmach, die sie dem Vaterlande angetan hätten, züchtigen niüsse. Der Arbeiter wurde natürlich sogleich festgenommen. In der Stadt zirkuliert das Gerücht, daß der Oberst sich das Leben genommen habe.
Krieg oder Frieden?
Das Pariser „Petit Journal" will aus bester Quelle erfahren haben, daß angesichts der Erklärungen der fremden Botschafter in Petersburg in der Umgebung des Zaren die Eventualität, demnächst Friedcnsverhandlungen zu beginnen, allen Ernstes in Erwägung gezogen werde. Die verschiedenen Nachrichten aus den Hauptstädten Europas, welche von den russischen Botschaftern nach Petersburg gemeldet tourt)en, haben den Zaren über die Ansichten, welche in allen Ländern über die Friedensfrage herrschen, informiert. — Der Pariser „Figaro" weiß dagegen mitzuteilen, daß der Zar in den nächsten Tagen ein Manifest erlassen wird, worin er sagt, daß die letzten Ereignisse keineswegs sein Vertrauen in die Armee erschüttert haben. Dies wäre also wieder ein Dementi für die umlaufenden Friedensgerüchte.
Die russische und die japanische Anleihe.
Ein Börsengerücht wollte gestern davon wissen, die französischen Bankinstitute hätten nun doch eine Anleihe mit Rußland abgeschlossen. Trotz der Sicherheit, mit der die Behauptung austrat — man nannte sogar den Uebernohmekurs, 91 Prozent, — sind berechtigte Zweifel am Platz. Die französische Regierung hat die Banken zu eindringlich vor einer neuen Kriegsanleihe gewarnt, als daß dieser Rat in den Wind geschlagen werden könnte. Nach der Besetzung von Tieling und angesichts der Schlag auf Schlag ein treffenden Hiobsposten von der zertrümmerten mandschurischen Armee verspüren die französischen Kapitalisten sicherlich wenig Neigung, weitere Summen den bereits Rußland geliehenen 9 Milliarden nachzuwerfen. In London ist man davon überzeugt, daß die russische Anleihe in Paris gescheitert ist und hält die Ablehnung der Uebernahme der Anleihe für die schlimmste Niederlage, die gegenwärtig über Rußland kommen konnte.
Eine sehr bemerkenswerte Meldung bringt die „Tägl. Rundschau". Darnach soll eine geplante j a p a n i s cb e An l e i he auch in Deutschland zur Ausgabe gelangen. Wir haben Grund, diese Mitteilung für zutreffend zu halten. Die japanische Anleihe braucht keine Friedensanleihe zu fein, wie dies als Vorbedingung einer neuen russischen Anleihe gefordert wird — sie wird zweifellos stark überzeichnet werden, auch in Deutschland. Das große Publikum schätzt nicht nur die militärische Tüchtigkeit Japans, es vertraut auch 'den inneren Verhältnissen dieser aufstrebenden Macht und der wirtschaftlichen Entwickelung des Landes nach Beendigung des Krieges.
Sowohl in Paris wie in London als auch, h)ie die „F. Z." mitteilt, in den Kreisen der Frankfurter Börse, sowie anderwärts in Deutschland, werden Angebote in Titeln ber neuen inneren Japaner gemacht und es sollen sich darin bereits Ab- schlüsse von ansehnlicher .Höbe vollzogen haben. Das erwähnte Blatt macht darauf aufmerksam, daß die inländischen Valutaanleihen Japans keinerlei Spezial sicherung erhalten, auch die neue nicht, während die im Juni 1904 zu 93JA Prozent in London und Newvork herausgebrachten 10 Mill. Lstr. Schatzscheine mit sieben Jahren Laufzeit auf Lstr. und Doll, lauten und überdies die Zolleinkünfte Japans in erster Reihe verpfändet erhielten. Die zweite 6 proz. Ausländsanleihe von 12 Mill. Lstr. ist ebenfalls durch Z"llerträge gesichert, während alle inneren Japaner nur für Japan bestimmt sind und keinerlei Unterpfand erhalten; .möglicherweise auch dereinst die gleiche Behandlung finden, wie die Ausländsanleihen. Daher muß vor derartigen Titeln gewarnt werden, wenn man die Papiere nicht aus reiner Liebe für Japan kaufen will.
Amerikanerfurcht.
Newvork, 16. März. Hüll, der Vorsitzende des Komitees des R^räsentnutenbouses für Militärwesen, erklärte, infolge der japanischen Siege werde A'mrika entweder die Philippinen auf geb en oder binnen fünfzehn Jahren mit Japan einen Krieg heben, weshalb die Kräftigung der amerikanischen Marine unabweisbar sei.
Litteratur.
Der Krieg zwischen Rußland und Japan. Aus Grund zuverlässiger Quellen bearbeitet von Walter Erdmann v. Kalinowski, Kgl. Preuß. Hptm. a. D. Heft 5. Mit 3 Skizzen. Verlag der Liebel'schen Buchhandlung, Berlin. Preis Mk. 1,75. Mit diesem Heft schließt gewissermaßen der erste Teil des Dramas, das sich in Oftafien abspielt. Der Inhalt von dem am 15. Jan. 1905 abgeschlossenen Heft 5 sei hier kurz angeführt: Der Feldzug in ber Mandschurei (Fortsetzung); die große russische Offensive, die Schlacht ten am Tumönling-Paß bei Jcmtai und am Schili-ho; die Schlacht am Scha-Ho. — Betrachtungen. — Fortsetzung der Mobilmachung; Bildung neuer Armeen; Wirkung der Niederlage auf das russische Volk. — Tie Ausreise des Baltischen Geschwaders; Abenteuer an der Doggenbank. — Der Fall von Port Arthur. — Betrachtungen über die Belagerungen Port Arthurs, seine Bedeutung für die krieg- führenden Staaten; Beurteilung der durch den Fall der Festung eingetretenen Kriegslage.
Wuß'and in Sturm und Drang.
Ueber die Kreise Osurgety und Senaki des Gouvernements Kutais und über den Bezirk Kintryschi des Bakurn- gebiets (Kaukasien) wurde das Standrecht verhängt. Mit der Verwaltung dieser Gegenden wurde Generalmajor Alichanow betraut und zu diesem Zwecke mit den Rechten eines Generalgouverneurs ausgeftattet. —. Am 14. März wurde in Kars ein P o l i ze i offiz ier auf der Straße durch zwei Revolverschüsse getötet; der Mörder entkam. — Die Armenier in Baku, welche einer unter dem Vorsitz des Generaladjutanten Amilachwari stattgehabten Sitzung beigewohnt hatten, die sich mit der Klarstellung der Ursachen der blutigen Zusammenstöße vom 19. bis zum 23. Februar befaßte, veröffentlichten eine Einspruchserklärung gegen die Behauptung, es sei festgestellt worden, daß die Unruhen durch armenische Revolutionskomitees hervorgerufen worden seien. Unrichtig fei auch, daß russische Arbeiter durch armenische Terroristen genötigt würden, Baku zu verlassen, damit ihre Stellungen von armenischen Flüchtlingen aus der Türkei eingenommen werden könnten. Der Auswanderung der Arbeiter werde vielmehr mit allen Mitteln entgegenge- treten.
Ein amtliches Warschauer Blatt teilt tnit: 19 Reservisten der 16. Artillerie-Brigade in Wolkowysk leisteten am 24. Januar tätlichen Widerstand während der Mobilmachung in den Kasernen. Das Kriegsgericht verurteilte nun 5 Soldaten zur Todesstrafe, 4 gu lebenslänglicher und 8 bis zu 20 Jahren Zwangsarbeit, 2 wurden frei gesprochen.
Im Gouvernement Iekaterinoslaw brachen auf dem Hüttenwerk der Firma Auerbach & Co. plötzlich Unruhen aus. Die Arbeiter demolierten die Verwaltungsgebäude und raubten das Privateigentum der Beamten. Das herbeigeelte Militär wurde von den Arbeitern mit Steinwürfen empfangen, sodaß zahlreiche Soldaten verwundet wurden. Darauf gab das Militär Feuer. 7 Arbeiter wurden getötet, 12 sind schwer, 5 leicht verwundet.
In Minsk hat dieser Tage eine aus 3000 Köpfen bestehende Menge alle Häuser der Juden in der Ra- kotoskajastraße in Brand gesetzt und die Geschäfte geplündert. Auch auf dem Nischuij-Bazar sind die Häuser! der Juden demoliert toorden. Auf der Torgotoajastraße! tourden viele vorübergehende Juden mißhandelt. — In Ttoinsk sanden ebenfalls blutige Judenexzesse statt, wobei 200 Juden verwundet tourben. Wie in Minsk, so verhielt sich auch in Twins? die Polizei vollständig passiv. In den letzten Tagen sollen in 48 kleinen südrussischen Städten antisem'itischie Unruhen fftattgefunden haben.
Tie Londoner „Morn. Post" erfährt aus Rußland, daß die Angestellten der sibirischen Bahn dem Eisen-/ bahnmiuister Elstlkow ibre Forderungen überreicht hätten. Sie erklären darin, daß sie einen allgemeinen Streik beschlossen Höffen, falls die Regierung nicht sofort das vor einigen Monaten gegebene Versprechen erfülle, ihnen einen besonderen Mobilmachunaslohn für die Kriegszeit zu gewähren und ihnen die Rückstände des ordnungsmäßigen Lohnes innerhalb dieser Woche zu bezahlen. Ties dem Fürsten Ehilkow überreichte Ultimatum sei von dem sibirischen Revolutionskomitee aufgesetzt worden. Ter revolutionären Partei sei es ferner gelungen, dem Zaren einen Brief zuzustellen, worin ihm mitgeteilt wird, daß er von ihren Agenten für persönlich veruntwortlich angesehen würde, falls er nicht bis zum 1. April durch eine Verfügung eine auf dem allgemeinen, geheimen Wahlrecht beruhende repräsentative Versammlung schaffe. Ter Brief enthalte die Drohung, daß den Zaren im Weigerungsfälle nichts vor den Gewaltmaßregeln der Revolutionäre retten könne.
Eine Protestversammlung von Semsiwos, die vergangene Woche in Moskau tagte, beschloß, die Arbeiten der auf Grund des letzten kaiserlichen Erlasses an den Minister des Innern in einer einzusetzenden Kommission kräftig zu unterstützen. Die Mehrheit der Versammlung erklärte sich für eine Volksvertretung auf Grund des gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts. Eine kleine Minderheit trat für ein Zwei- klassen-System ein.
Eine Pariser Agentur berichtet aus Petersburg, daß bei dem bei der Exp losion im Hotel Bristol getöteten Naumann Schriftstücke vorgefunden wurden, aus welchen hervorgeht, daß für den 11. Mai, an welchem Tage die Zarin-Mutter rthem Trauergottesdienst in der Peter- Paulskirche beiwohnen wollte, ein Sitten tat geplant war.
Lemberger Blättern zufolge gab der Minister Witte einer Polen-Abordnung zur Antwort, es sei jetzt keine gelegene Zeit, eine so wichtige Frage, wie dies die Einführung der russischen Vortragssprache in der Volksschule ist, übers Kni«! zu brechen. Tie russische Regierung besinde sich in einem Zustande derartiger Abspannung, daß man von ihr keine Entschließung erwarten könne. In der Negienmg säßen zahlreiche Anwälte für die Polen, man solle aber ruhigere Zeiten abwarten, um etwas zu erreichen. Aber auch für die Zukunft sei die Einführung der polnischen Vortragssprache nicht möglich und auch den Polen nicht zuträglich. Denn nur die genaue Kenntnis der russischen Staatssprache könne den Polen auf allen Gebieten im ganzen Reiche Karriere sichern.
Die Pariser „Petit Nepublique^ dementiert die gestrige Meldung des „Intransigeant" über den Tod des Priesters Gap on. • Derselbe befinde sich vielmehr sehr wohl und sei bereit, im geeigneten Augenblick inmitten der russischen Arbeiter zu erscheinen. Wir können, so sagt das Blatt, feine weiteren Einzelheiten geben, als daß Gapon unter dem Schutz seiner Freunde steht und daß er sich genügend unkenntlich gemacht hat, damit selbst die russischen Geheimagenten ihn nicht entdecken. ______________
Ausschußsitzung des landw. Vereins für die Provim Oberhessen.
Gießen, 17. März.
Gestern fand im Hotel zum Prinzen Karl in Gießen unter d'em Vorsitz des Präsidenten Oekonomierat S ch l e n k e eine Ausschußsitzung statt. Eine Anzahl ber Mitglieder fehlten entschuldigt. Darunter die beiden Reichstagsabgeordneten Gras Orwlr und Krcisrat Dr. Wallau. Zwei hessische Landtagsabgeordrrete nahmren an der Sitzung teil, während mehrere andere, die^sich wohl sitzungsmüde fühlten, fehlten. Trotzdem war die Sitzung gut besucht und nahm einen animierten Verlauf, an der sich zum Schluß eine interessante Auseinandersetzung knüpfte.
Nach kurzen Vegrüßungsworten wurde in die Tagesordnung eingetreten. Es konnten wieder 38 neue Mitglieder aufgenommen werden. Der Voranschlag für die Beschickung der landw. Landcs- imb Iubiläums-^Ausstellung in M ai nz wurde genehmigt, , die Aufhebung des Z u ch t h o f e s für Vogelsberger V i e b in H o m b e r g a. d. O. beschlosseir. Die Erweiterung des Zuchthofes Zwiefalten unter den vorgeschlagenen! Bedingungen gutgeheißen. Um die Schweinezucht in der Provinz zu fordern, unterstützte ber Verein bis ietzt die Gemcm- den bei Beschaffung von besten Ebern der Rasse des deut!chen Cbelschweins durch einen Zuschuß zum Einkaussvreise von 33Vs Prozent desselben. Dieser Zuschuß muß für die Folge aus finan-' ziellen Gründen auf 20 Prozent herabgesetzt werden, so bedauerlich das auch ist, da der Provinzialverein es für feine dringendste Aufgabe halten muß, die besonders für den kleinen Landwirt so rentabele Schweinezucht zu fördern.
Vor Jahren hatte ber landw. Provmzialvercin zur Grünb ung resp. Neugestaltuug des p^mologischen Gartens in Friedberg von ber Provinz ein Kapital von 11000 Mark ausgenommen, das er zu verzinsen unb zu amortisieren hatte. Im Jahre 1895 übernahm ber Staat die pomologischen Gärten uiib gründete die Großh Obstbauschule in Verbindung mit der Ackerbauschule imb übernahm die Verzinsung des gesamten Anlagekapitals, als auch "jener von dem Provinzialverein von der Provinz entliehenen 11000 Mark Die Fällung des Ve^ träges zwischen der Staatsregierung und der Stadt Friedberg war etwas unklar. Obwohl ber Staat der Stadt Friedberg auch jene 11000 Mark verzinste, forberte die Stadt Friedberg die weitere Verzinsung und Amortisation dieses Kapitals auch noch von dem landwirtschaftlichen Provinzialvcrein. Das Präsidium desselben gab diesem sonderbaren Ansinnen längere Jahre des lieben Friedens halber statt. Jetzt bat, nach lebhaften Ai^sem- andersetzungen, eine Einigung dahin stattgefunden, daß die ^tadt Friedberg 'großmütig auf die weitere Doppelverzinfung jener 11000 Mark verzollet — wenigstens hat ber Bürgermeister bieser Stabt untc Vorbehalt ber Genehmigung dieses Abiom-^ mens durch die Gemeindevertretung demselben zugestimmt. Der Ausschuß beschließt, dem Abkommen beizutreten, und die Zahlung


