Ausgabe 
1.3.1905 Drittes Blatt
 
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Nr. 51

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Mittwoch, 1. März 1905

Giehener Anzeiger

155. Johrg.

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General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Parlamelttarische Berhandlnngen.

Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.

Deut! chsr Reichstag.

15 1. Sitzung vom 2 8. Februar.

1 Uhr. Das Haus ist äutz erst schwach besetzt; bei Be­ginn der Sitzung sind 15 Abgeordnete anwesend.

Am Bundesratstisch: Graf Posadowsky u. a.

Die zweite Beratung Des Etats Des Reichsamts des Innern wird beim Titel Gehalt Des Staatssekretärs fortgesetzt; hierzu liegen 20 Resolutionen vor.

Abg. Pauli-Potsdam (kons.) hofft. Daß die Lasten Der ^Fort­setzung unserer Sozialpolitik nickst dem Handwerk aufedegt würden, und beklagt sich über die Konkurrenz Der Gefängnisarbeit und über die in vielen Betrieben noch immer herrschende Lehrlings­züchterei. Aufgabe der Regierung müßte cs sein, dem Handwerk zu helfen und Maßnahmen gegen Das Großkapital zu treffen, wenn es seine Macht mitzbraucke. Sehr leide das Handwerk unter der .Konkurrenz der großen Warenhäuser und der Offizier- und Be- amten-Warenhäuser, auch hier müßte man den Wünschen der Handwerker entgegenkommen. Unbedingt nötig sei es. Daß wenig­stens für das Bauhandwerk der Befähigungsnachweis eiugeführt werde, auch müßte endlich das schon so lange geforderte Gesetz gegen den Bauschwindel vorgelegt werden. Ferner fordert Redner, Daß man die Doppelbesteuerung des Handwerks, als Handwerks­und als Fabrikbetrieb, beseitige, sonst beschleunige man das Ende des Handwerks. Auf alle die 20 Resolutionen könne er nicht ein­gehen. Protest erheben wolle er aber gegen die Resolution der Sozialdemokraten, die Gefängnisstrafe für die Arbeitgeber for­derten, die sich zusammenschlössen, um den Arbeitern entgegenzu­treten. Es sei bezeichnend, daß die Sozialdemokraten für die Ar­beiter die volle Koalitionsfreiheit verlangten, die Arbeitgeber aber mit Gefängnisstrafen bestrafen wollten, wenn sie sich zu Vereini­gungen zusammentäten.

Abg. Eickhoff sfreis. 93b.) befürwortet hierauf eine von der Linken, den Nationalliberalen, dem Zentrum und der Reichspartei eingebrachte Resolution,

den Reichskanzler zu ersuchen, seinen Einfluß dahin gel­tend zu macken, daß unter entsprechender Abänderung' von § 6 der Prüfungsordnung für Aerzte vom 28. Mai 1901 auch die Abiturienten der deutschen Qberrealschulen zu den ärztlichen Prüfungen zugelassc:: werden.

Durch diese Resolution soll das Monopol des Gbmnasiums, das ein Jahrhundert lang auf dem ganzen Universitätswesen gelastet hat, endlich und definitiv beseitigt werden. Alle drei.höheren Schulen sollen gleichberechtigt sein. Diese Forderung ist keine parteipolitische: haben doch Anhänger der verschiedensten Partcjen unsere Resolution unterschrieben. Und der Erlaß des Kaisers über die Gleichberechtigung der drei höheren Schulen ist ein Markstein in der Geschichte unseres Schulwesens. Leider hat er nur für Preußen Geltung, und es sind keinesfalls alle Bundesstaaten dem Beispiel Preußens gefolgt. Wir wollen daher auf dem Wege der Reichsgesetzgebung vorgcben.

Äbg. Baerwinkel fnatl.s: Mit den Ausführungen des Vor­redners kann ich mich nur einverstanden erklären und empfehle Ihnen die Annahme der Resolution. Richtig ist auch, was der Abg. Erzberger gestern erwähnte, daß der Hausierhandel in kleinen Orten auf Handel und Gewerbe drückend wirkt, aber man darf auch nicht zu weit geben und den Hausierhandel als ganz überflüssig hinstellen. Das hieße das Kind mit dem Bade ausschütten. Vom Hausierhandel müssen sich viele kleine betriebsame Leute ernähren. Kleine Handwerker und oft darauf angewiesen, ihre Waren durch Hausierer an ben Mann bringen zu lasten. So besonders viele Weber in der Lausitz und auch viele Glasbläser, die zur Weihnachts­zeit für ihre Waren einen besseren Breis erzielen. Der Abg. Arz­berger hat dann die Kontrolle über diese Hausierer als ungenügend bemängelt. Ick muß da doch hervorheben, daß schon ein Nachrichten­dienst zwischen den einzelnen Behörden über die Art und den Inhalt der Kolvortageschriften besteht. Es ist dann weiter über ungenügen­den. Unterricht von Kindern der Hausierer geklagt. Tas mag wohl für die Heimat des Herrn Abg. Erzberger zutreffen, in meiner Heimat bleiben die Kinder zumeist bei den Großeltern und genießen so einen geregelten Schulunterricht. Sehr vorsichtig muß man aller­dings sein bei der Erteilung von Wandergewerbesckeincn an Aus­länder. Ueber die sogenannte Fabrik von Wandergcwerbesckeinen in Hannover wird man noch nähere Untersuchungen anstellen müssen. Aber die Behörden haben eine gute Kontrolle darin in der Hand, daß sie genau die Militärverhältnisse der Leute prüfen. Eine besondere Statistik über die Wandergewerbescheine halte ick für durchaus unnötig. Die kleinen Bürgermeister haben schon fetzt alle.Augenblicke eine Statistik anzufertigen, sodaß sie gar nicht mal zu ihrer eigentlichen Arbeit kommen. Man darf sich da nickt wundern, daß, ihre Berufsfreudigkeit leidet. Der Ansicht des Abg. Erzberger, daß die Erteilung der Erlaubnis zur Verrichtung von Arbeiten am, Sonntage von den Behörden allzu leichtfertig gegeben werde, kann ick mich durchaus nicht anschließen. Auch kann ich nicht finden, daß, die Kontoristen ungeeignet wären, in den Fabriken als Gewerbeauflicktsbeamten zu fungieren. Gerade diese Leute zeigen hier viel Geschick und Interesse. Bezüglich eines Antrages, welcher die Regelung des Automobilwesens fordert, kann ich nur auf die vorjährige treffliche und ausführliche Rede des Abg. Prinzen zu Schönaich-Carolath Hinweisen. Wünschenswert wäre mir allerdings, zu wissen, was mittlerweile in dieser Richtung von der Regierung geschehen ist. Das Fahrradwesen ist geregelt, von einer Regelung des Automobilwesens har man noch nichts gehört. Vielleicht ließe sich hier auf dem Wege bundessreundlicher Vermittlung am ehesten etwas erreichen. (Beifall.)

Staatssekretär Graf Posadowsky: Auf die Klagen des Abg. Pauli über allzu große Belastung gewisser handwerksmäßiger Be­triebe, namentlich Tischlereibetriebe, durch die sozmlpolitische Gesetz­gebung kann ich nur antworten, daß ich in eine nähere Prüfung der Sache eingetreten bin. Es war schon im vorigen Jahre die Be­hauptung aufgestellt worden, daß ein Tischlermeister, welcher 18 Gesellen und zwei Lehrlinge beschäftige, mir einen verhältnismäßig ganz geringen Reingewinn hätte. In dankenswerter Weise hat sich nun ein Tischlereibesitzer bereit erklärt, sein buchmäßiges Material uns zur Verfügung zu stellen. Ein Mathematiker des Reichsver­sicherungsamtes hat nun bis auf den Pfennig eine Aufstellung ge­macht über Versicherungsbeiträge, Meisterbeiträge, Zinsen usw., und hat einen ganz bedeutenden Reingewinn herausgerechnet. Daß der Mathematiker sich verrechnet haben sollte, wird man nicht behaupten wollen und solange nicht ein Gegenbeweis erbracht ist,. muß ich dieses Material als unbedingt richtig bezeichnen. Nun ist in einer Handwerkerversammlung gegen dieses Ergebnis pro­testiert worden. Ich muß gestehen, ich habe diesen Protest nicht ganz verstehen können, denn Dagegen kann man doch unmöglich prote­

stieren, daß 2 mal 2 gleich 4 ist. Das kann unter Umständen unangenehm fein, aber protestieren kann man dagegen nicht, ebenso­wenig wie man auf das Barometer schimpfen kann, wenn es schlechtes Wetter anzeigt. Jetzt schimpft man sogar auf ihn, weil es gutes Wetter angibt. (Heiterkeit.) Es hat mir vollkommen fern gelegen, diesen Fall, in dem der Tischlermeister flnanziell sich sehr günstig stand, zu verallgemeinern. Ich rede immer nur auf Grund urkundlichen Materials. Hätte ich das Material nicht gehabt, so hätte ich Die Behauptung nicht aufgestellt. Um die Behauptima aufzustellen, daß in ganz Deutschland die Verhältnisse so seien, hätte ich eine Enauete über gknz Teuflckland veranstalten müssen über Die Reinerträge sämtlicher Tischlereibetriebe. Wenn ick vom Finanzminister Auskunft haben wollte über die Finanzverhältnisse der Tischlermeister, so würde mir dieser einfach die Auskunft ver­weigert und mir gesagt haben daß er über die Einkommenverhält­nisse keine Angaben machen dürfe, die Sachen seien sekret. Ick glaube also, man wird mir daraus keinen Vorwurf machen können, daß ick gewissenhaft die Verhältnisse dieses einzelnen Falles ge­prüft habe.

Es ist weiter angeregt worden die genaue Marenzung von Handwerk und Fabrik. Vom Abg. Pauli ist die Lonnig als sehr einfach hingestellt worden. Ich würde dem ?lbg. Pauli sehr dank­bar sein, wenn er mir eine klare Fassung angeben wollte. Die wir in die Gewerbeordnuna aufnehmen könnten, dann würde viel Kopf­zerbrechen erspart sein.

.Wir haben bereits eingehende Erhebungen angestellt und der preußische Handelsminister hat eine dankenswerte Zusammenstellung gegeben.. Wir werden in den Verhandlungen fortrahren. Wenn sie zu einem Resultat führen, wird eine ganze Reihe von Para­graphen Der Gewerbeordnung geändert werden. Dem Aba. Erz- berger mutz ick erwidern, daß ick glaube, er geht iubezug auf die Revisionen , durch. Gewerbeaufsichtsbeamte zu weit. Die Revision der Gastwirtschaften mutz mau doch in erster Linie der Polizei überlassen, sonst würde erstens eine sehr große Anzahl von Ge- werbeauflichtsbeamten mit höherer Bildung nötig, um die Gast­wirtschaften zu kontrollieren, und dann, meine ick, sind die Revi­sionen, die auf Grund der bundesstaatlichen Verordnungen zu er­folgen, haben, wie z. B. die Revnion der Bäckereien, Sacke her Polizei. Auf die Aeutzerung des Abg. Pauli über die Konsum- Vereine besonders von Beamten kann ick mitteilen, daß toir auf Grund eines Erlasses meines Amtsvorgängers gegenüber diesen Vereinen strenge Neutralität üben. Aus dieser Neutralität gehen wir nur Dann heraus, wenn die Konsumanstalt in einem unmittel­baren Zusammenhang mit einem staatlichen Betrieb stellt. Ter Abg. Erzberger hat dann noch weitgellende Ansprüche an die Sta­tistik gestellt. Ick glaube. Die Statistik fängtlieb an. eine Gefahr für das regelmäßige Funktionieren DeS amrM>^! Mechanis­mus zu sein. Wie soll man dazu kommen, seine Obliegenheiten zu erfüllen, wenn man beständig in her Stube hocken und statistische Fragebogen ausfüllen muß? Die Neuregelung der Sonntags­ruhe wird zurzeit im Neicksamt des Innern bearbeitet und im Laufe her nächsten Tagung Dem Reichstag borgelegt iverden. Die Verhältnisse in der Tabakindustrie sind zurzeit Gegenstand der Be­schlußfassung, und Beratung im preußischen Handelsministerium. Auch über die Straßenbahnverhältnisse wird eine Erhellung ver­anstaltet. Die Fraae der Unfallverhütung in landwirtschaftlichen Betrieben wird im Reicksversickerunasamt mit der größten Sorg­falt behandelt: sie wird im wesentlichen im Laufe dieses Jahres ihre Regelung finden. Die Befähiguna zum ärztlichen Berufe will der. Abg. Eicklloff auch den Oberrealschulabiturienten übertragen wissen. In Preußen stellt man günstig dazu. Wie man im Bundesrat sich dazu verhalten wird, das steht noch dahin.

Ick, habe mich hier int Reichstage einmal über die Assoziation deS Kapitals ausgesprochen. Ich glaube, man bat meine Aeiiße- rung auf Grund allgemeiner Zeitungsberichte mißverstanden, was leider ja so häufig geschieht. Darüber kann dock kein Zweifel sein, daß in der heutigen Zeit, wo so gewaltige Aufgaben zu lösen sind, Kulturoufgaben. die ein so ungeheures Kapital verlangen, ohne Affottatton des Kapitals eine ganze Maste von Aufgaben gar nicht gelöst werden könnten, daß diese nur durch Assoziation des Kavi-als überhaupt zu lösen sind, wie z. B. die großen ?llpen- eisenbabnstraßen, eine große Anzahl gewaltiger Fabrikbetriebe, die doch wesentlich zur Förderung unterer Industrie beigetragen ballen, eine Unzabl von Handelsunternehmungen wären ohne Assoziation des Kapitals ikunöglick. Wenn man in der Weise, wie es viel­fach geschehen ist, die Assoziation des Kapitals allsolut llekämpft, so ist nur zweierlei möglich: Entweder Tann eine ganze Anzahl von Aufgaben, die sich nur durch Astoziation des Kapitals lösen lassen, überhaupt nicht mehr gelöst werden, ober aller man kommt zu dem anderen Wege, man würde die Lösung dieser Aufgalle dem Staate überlassen. Wenn man das aber tut, nähert man sich mehr ober weniger dem Kollektivismus, der von der äußersten Linken diese? Hauses verteidigt wird. Ich halle über diese Frage inter­essante Ausführungen in einem Artikel einer hiesigen konservativen Zeitung gefunden, in dem e§ heißt, man müsse bedacht fein, die Macht des Staates gegenüber dem Kapital zu starken, insbesondere durch Verstaatlichung der Privatmonopole, die zur Entkräftung des Staates und zur Herabsetzung des Königtums beitragen. Ich mache Sie ferner darauf aufmerksam, daß weite Kreise der bürgerlichen Parteien gegenüber der ausgesprochenen Stellung der preußischen Regierung die Verstaatlichung des Bergbaues fordern. In einer öffentlichen Versammlung forderte man, daß man e5 bei der Ein­führung des staatlichen Sckleppmonovols nicht belasten dürfe, sondern den ganzen Schiffahrtsbetriell verstaatlichen muffe. Auf der anderen Seite wird wieder gesagt, daß die Warenhäuser und Aktiengesellschaften schädlich seien. Es ist nickt richtig, wie es in der Presse dargestellt wurde, mich als Beschützer der Kapitals­konzentration hinzustellen. Es ist nickt zu bestreiten, daß gewisse große Aufgaben sick nur durch die Assoziation des Kapitals lösen lassen. Ick weiß aber auch, daß mit dieser Assoziation unter Um­ständen große Schattenseiten verbunden sind. Wenn man also in dieser Weise gegen die Kapitalastoziation als solche vorgebt, bann kann man nur den Weg Der Individualwirtschaft oder des Kollektivismus wählen. Wie es mit der kollektivistischen Wirt­schaftsfrage steht, das erläutert ein Beispiel des früheren englischen Premierministers Watson, welcher vorher verschiedentlich Artikel über Kollektivismus imLabour Leader" veröffentlicht hatte.

Als Watson nun ans Ruder kam, war man so liebenswürdig, ihn zu fragen, wie es mit seinem Programm stehe, und da ant­wortete er:Wenn es zur Nationalisierung der Großbetriebe komme, müsse man sehr vorsichtig mit der ganzen Frage umgehen und von dem kommerziellen Standpunkte ausgehen, wenn man sich auf ein solches Unternehmen einlaste. Unser Programm wird aber Davon abhängen, daß wir das nötige Geld haben, auf alle Fälle mutz die finanzielle Seite sehr sorgfältig geprüft werden." Tas hätte ein Vertreter der bürgerlichen Parteien sagen müssen, denn ein große? Unternehmen hängt von dem nötigen Gelbe ab und nmtz vom sinan- zirNen und kommerziellen Standvunfte aus b-ttachtet werden. Ich

gestehe zu, daß es einen Größenwahn der Assoziation des Kapitals geben kann, einen Größenwahn, der alles an sich zieht, der keine selbständige Epistenz mehr duldet, her nicht nur national bleiben, sondern international werden will, um gewisse Zweige des Unter­nehmens über die ganze Welt zu verbreiten. Ta kann ich allerdings den Gegnern des Kapitals durckaus recht geben. Sollten sich solche Zustände bet uns entwickeln, wie sie in Amerika zum Teil sich ent­wickelt haben, Trusts, Kartellunternehmungen, dann würde meines Erachtens der Zeitpunkt gegeben sein, wo bet Staat verpflichtet märe, einzugreifen, eventuell auch durch Gesetz. (Sehr wahr! reckts.) Aber die Frage der Kartelle ist eine so schwierige, eine so verwickelte, daß sie der eingehendsten Ueberlegung bedarf. Wir haben bisher eingehende Erhebungen angestellt, diese werden fort­gesetzt. Weim aber aus diesen Erhebungen greifbare Erfolge herauskommen sollen, so mutz es ein Gesetz fein, von dem man glauben kann, baß es auch einen wirksamen Schutz gewährt.

Der Abg. Pauli hat bann noch über die Sicherung der Bau­forderungen und den Befähigungsnachweis gesprochen. Ueber die \ erste Materie liegt zur Zeit ein auSgcarbeifctet Gesetzentwurf dem 1 preußischen Staatsministerium vor. (Hört, hört!) Und über den Befähigungsnachweis denkt man auch in Handwerkerkreisen sehr skeptisch. (Netn! nein! bei den Antisemiten. Sehr wahr! links.) Ucbrigcn? ist die ganze Frage eine akademische. Die verbündeten ; Regierungen Denken gar nicht daran, den allgemeinen Befähigungs­nachweis einzuführen. 'lVewegung.) Etwas anders liegt die Sache vielleicht im Baugewerbe. Ta wirb möglicherweise etwas geschehen. WaZ die Automobiisrage betrifft, so wirb eine einheitliche Regelung des Wagen-, Fahrrad- und Automobilwesens angestrebt. Die Haftpflichtfrage ist dabei noch ganz unentschieden.

Abg. Raab (Antis.): Ich hoffe, daß Die Regierung ihre Drohung wahr machen wird, wenn Auswüchse der Kartelle sich ereignen sollten. Ick will hier nur an hie Vorgänge im Ruhrrevier er­innern. Tie Frage Der Warenhäuser iann man nicht nur vom nationalökonomischen Standpunkt aus betrachten, es kommt hier, vielmehr Die Gewerbemoral in Betracht. Daß Aüssicht vorbanden ist, hie Gärtner in hie Gewerbeordnung einzubeziehen, freut mich. Man sollte jedoch auch an hie Portiers und Fahrstuhlführer denken, die Leute müssen dock irgendwo hin, schweben aber jetzt mit ihren Ansprüchen ganz in der Lust. Die Binnenschiffer bitten dringend um Einführung der Sonntagsruhe in ihrem Gewerbe, diese Bitte müßte man erfüllen. Die Handlungsgehilfen sind uns für bad Kauftnannsgerichts-Gefetz dankbar, leider sind aber in vielen großen Städten noch nicht mal die Vorarbeiten für diese Gerichte beendet. Hinter diesem Verfchleppuriasmanöver steckt vielleicht eine Abneigung gegen die ganze Institution. Ferner wünschen J)ic Handlungs­gehilfen die Anstellung von besonderen Handelsinspektoren, da die Polizei gar nicht mehr^im stände ist, die subtilen Schutzvorrichtungen für den Handel zu prüfen. Einer Regelung bedürfen sodann die Verhältnisse der Privatbearnten, für die noch gar nichts getan ist. Dagegen ist zuzugeben, daß die Verhältnisse der Seeleute sich ge­bessert haben, wozu die neue SeemannsorDnung wohl nicht ant wenigsten beigetragen hat. Ich kann jetzt auch nicht mehr gegen die Seeberufsgenossenschaft so schwere Vorwürfe richten, wie ich es früher tat. Freilich bleibt auch hier noch viel zu wünschen übrig, die Schifte werden viel zu selten revidiert. Die Tiefladelinie ist noch nicht überall, durchgeführt, in den Heizräumen fehlt es an genügender Ventilatton, die Rettungsvorrichtungen sind ungenügend. Geklagt wird auch darüber, daß die großen Dampfer bei unsichtigem Wetter zu schnell fahren und dadurch kleinere Schiffe in Gefahr bringen. Unglaubliche Schwierigkeiten bestehen jetzt für jeden, der einen Schiffsjungen unterbringen will Unsere Zukunft soll ja auf dem Wasser liegen, da müssen wir da­für sorgen, daß unseren Jungen, die Lust haben Seemann zr werden, dies auch ermöglicht wird. Auf den Dampfern können Die Jungen aber nichts lernen, und die Segelschiffe sperren sich Schiffsjungen aufzunebmen und wollen nur ausgediente Mann­schaften. Außerdem wird noch ein Lehrgeld von 3600 Mark unt vollständige Ausrüstung verlangt, es wird hier beinahe ein inter­nationaler Menschenhandel getrieben.

Abg. Dr. Pachnicke ffreif. Vgg.): Es ist gewiß keine gewöhn» liche Erscheinung, daß zu einem Titel 20 Resolutionen vorliegen. Am besten wäre es wohl, wenn man aus diesen Resoluttonen nur Die dringendsten, die spruchreif sind, herausgriffe und debattierte, denn viele von ihnen iverden doch sicher in dem Papierkorb des Bundesrats ein Ende finden. Der Aba. Pauli beschwerte sich über die Konkurrenz der Beamten- und Offizierwarenhäuser. Weshalb haben seine Freunde denn nicht für den Antrag gestimmt, der den Offizieren und Beamten die Beteiligung und den Betrieb von sol­chen Warenhäusern verbieten will? Erfreulich war die Entschieden­heit, mit der sich der Staatssekretär heute gegen den allgemeinen Befähigungsnachweis aussprach. Er wollte ihn nur dem Bau­gewerbe konzedieren. Aber auch das geht nicht. Entweder ist der Befähigungsnachweis etwas Gutts, und dann müssen ihn alle haben, oder er ist nickt? Gutes imd dann braucht ihn auch das Baugewerbe nicht. Weit mehr al? Den Befähigungsnachweis wer­den gute Bauarbeiter-Schutzvorrichtungen helfen. Der ?lbg. Wurm sprach den Unternehmern jedes soziale Verständnis ab. Dieser Vorwurf ist ganz unberechtigt. Man sehe sich nur in moderner Fabriken um, Inas ist dort nickt schon alles geschehen! Ebenfalls ganz falsch ist die Behauptung, daß die moderne Arbeiterschaft ver­elende und immer untauglicher zum Militärdienst werde.

Ich bedauere es, daß der Abg. Wurm den Agrariern solche Waffen in die Hand gib* Die Statistik zeigt, daß die industrielle, Entwicklung unserer Wehrkraft nicht geschadet hat, und daß die Lebensverhälttiisse der Arbeiter sich bedeuttied gebessert haben. Doch gebe ich zu, daß noch manches für die Arbeiter geschehen kann, namentlich muß Das Koalitionsrecht weiter ausaebaut werden; das in Aussicht gestellte Gesetz über die Rechtsfähigkeit der Berufs- Vereine wird sehr segensreich wirken können. Bis jetzig sind die Arbeitervereinigungen leider nicht gern gesehen, man scheut sich, einen jungen Geheimrat in eine Gewerkschaftsversammlung zu senden. Solcker engherzigen Auflassung muß man entsagen, die Gleichberechtigung her Arbeiter muß anerkannt und prattisch be­tätigt werden' Manchen .Herrennaturen mag das unbequem fein, aber die Zeit des Absolutismus ist vorbei, auch auf wtttschaftlichem Gebiete. Graf Pofadowskv sprach vom Größenwahnsinn der Asso­ziation Des Kapitals. Aber was er Wahn nennt, ist wiederholt schon praktisch in die Erscheinung getreten. Das Wohl und Wehe von Tausenden ist von dem Ermessen Einzelner abhängig, und da mutz ein Gegengewicht geschoflen werden, und das ist Ausgabe des Staates. Erfteulick ist es, daß in Den Handelsverträgen die ersten Schritte zw einem internationalen Arbeiterschutz getan sind. An Den Handelsverträgen sind die Arbeiter in hohem Maße inter­essiert, weil ohne die Handelsverträge die extremen Wünsche der Agrarier noch mehr zur Erfüllung gebracht würden. In England gibt es keine Sozialdemokraten wie bei uns, die Vermehrung der sozialdemokratischen Stimmen gibt uns dock zu denken. Wir müssen daher die Bahnen Der bisherigen Politik verlassen imb eine wahrhaft volkstümliche Politik einschlagen, sonst bleibt auch htc beste Refor warbest politisch fruchtlos. (Beifall links.)