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14/09/1905 Zweites Blatt
 
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gterung solche Erhebungen anstellt, ist ihr Recht, da der 23er» faffer der Schrift seinen Titel auf dem Buch ausdrücklich verzeichnete. Nur hätte eben nicht die bekannte wuchtige, wie es später hieß, vom Reichskanzler-General selber verfaßte Kritik derNordd. Allg. Ztq." erscheinen sollen, die den pessimistischen Schlüsien Martins in Bezug auf die russischen Finanzen die Berechtigung absprach, noch dazu ohne Be­gründung, die jedes Urteil haben muß, wo und von wem immer es veröffentlicht wird. Dadurch erhielt der Fall Mar­tin allerdings einen politischen Charakter.

Kolonialpost.

Wie aus Samoa gemeldet wird, empfing Gouver­neur Dr. Sols 1000 Häuptlinge, die zum Zeichen des Ge­horsams Matten darbrachten und um 'Aufhebung des De­portationsurteils gegen den früheren König Ta- masese und andere Eingeborene baten. Solf nahm die Geschenke an und hob das Urteil auf.

Hamburg, 13. Sept. Gegen die Gesellschaft Süd- K'amcruu veröffentlichen die hiesigen Batanga-Firmen eine energische Pr o testc r klär una mit schweren Anschul­digungen gegen das von der Gesellschaft beliebte Kongo- System. Die Schwarten würden ohne Veranlassung nie­der geknallt. Der Umstand, daß die Gesellschaft eine Expe­dition ausrüstete gegen die Niam-Leute, um eine Forderung von 100000 Mark einzutreiben, sei die erste Veranlassung gewesen zum Ausbruch von Unruhen. Auch das rücksichtslose Vorgehen des Grafen S chl i pp e n b a ch, der mit dem der Gesellschaft gehörigen Dampfer die Fischereianlagen der Neger zerstörte, habe Grund zur Unzufriedenheit gegeben. Die Erllärung schließt mit der Forderung, daß Süd-Kamerun dem deutschen Handel offen bleiben müsse.

Neber die Irage der Kewinnbeteiligung der Arbeiter in induSrielken Betrieben,

über die Durchführbarkeit einer beiden Teile befriedigenden Form dieser Gewinnbeteiligung und über ihren sozial­ökonomischen Wert sind die Meinungen noch sehr geteilt. Die verschiedentlich auf diesem Gebiete gemachten Versuche einzelner Industriellen haben auch bisher keinerlei Klarheit schaffen können. Von den Gegnern der Gewinnbeteiligung wird nun immer itnb zwar mit vollem Rechte beson­ders geltend gemacht, daß der Unternehmer, der Geschäfts­inhaber, durch die Gewinnbeteiligung der Arbeiter direkt be­nachteiligt werde, in allen Fällen, und das dürfte die Mehrzahl der Fälle sein, wo das Betriebskapital, die Kon­junktur und vor allem die geistige Tätigkeit des Unter­nehmers, sein Wissen und seine geschäftliche Tüchtigkeit, auf den Gang des Geschäftes, d. h. auf den zu erzielenden Ge­winn von viel größerem Einfluß ist, als Geschicklichkeit, Fleiß und Sorgfalt der Arbeiter.

Einen neuen Versuch zur Lösung der Frage, bei dem besonders auf diesen berechtigten Einwand der Gegner Rück­sicht genommen ist, veröffentlicht der Lederfabrikant I. Ep­stein in Frankfurt a. M. imArbeiterfreund". Er hat feit mehreren Jahren die Gewinnbeteiligung der Arbeiter in seinem Betriebe eingeführt, jedoch so, daß der Arbeiter nur auf einen Teil des Gewinnes Anspruch erheben kann, der tatsächlich auf Fleiß, Tüchtigkeit, Sorgfalt, kurz auf die Tätigkeit des Arbeiters direkt zurückgeführt werden kann. Um das zu ermöglichen, ist vom Hauptgeschäftsbetrieb: Ein- kauf, Verarbeitung und Verkauf von Häuten, bezw. Leder die Verarbeitung vollkommen getrennt, indem die Fabrik, der reine technische Betrieb in Bezug auf Gewinnbeteiligung als ein vom Gesamtgeschäst unabhängiges Unternehmen betrachtet wird. Dieseautonome Fabrik" hat gleichsam die Fabrik­gebäude, Maschinen rc. vom Gesamtgeschäft gepachtet, erhält von diesem zu festen Normalpreisen Rohstoffe und Materialien, also Häute, Gerb- und Farbstoffe,, Kohle, Waffer, Oel re., verarbeitet die Rohstoffe zu fertiger Ware und liefert diese wieder ru bestimmten Normalpreisen an das Gesamtgeschäft zurück.

Lediglich an dem bei diesem Fabrikationsvorgange sich ergebenden Gewinne derautonomen Fabrik" sind die Ar­beiter beteiligt und hier sind sie auch sehr wohl in der Lage, durch Fleiß und Geschicklichkeit die Menge und, durch ver­mehrte Sorgfalt bei der Arbeit, die Qualität und damit den Wert der Ware zu steigern, durch Sparsamkeit im Verbrauche der Materialien die Herstellungskosten zu vermindern, während an dem Gewinn des Gesamtgeschäftes, der in der Hauptsache beim Einkauf und 'Verkauf erzielt wird, wobei Konjunktur, Kapital, Risiko und Tüchtigkeit der Geschäftsleitung allein ausschlaggebend sind, die Arbeiter nicht partizipieren. Die Normalpreise sind auf Grund mehrjähriger Erfahrung so be­messen, daß die Möglichkeit, einen Gewinn zu erzielen, tat­sächlich vorliegt; im ersten Jahre betrug der Anteil eines jeden der 75 Arbeiter des Betriebes allerdings nur 8 Mk., im zweiten Jahre aber stieg er schon auf das Vierfache, auf 32 Mk. pro Kopf.

Die Teilung erscheint durchaus gerecht. Auf der einen Seite der Arbeiter, der die Erfolge seiner besonders guten Leistungen genießt, auf der anderen Seite der Unternehmer, dem ungeschmälert das zufällt, was durch sein Kapital und seine Tätigkeit erworben wurde.

Bon der laridunrlschaMichcn Landes- und Jubiläums-Ausstellung in Mainz.

(Original-Artikel des Gießener Anzeigers.)

L

Mainz, 13. Sept.

Das goldene Mainz habe ich gestern abend spät erreicht. In den Straßen war's schon recht still. Mer in der Morgen­frühe des 13. weckt mich, den des Straßenlarms Unae- wohnten, das Räderrasseln all der zahlreichen Fuhrwerke, die die Rheinstraße passieren. Es weckte mich auch das goldene Sonnenlicht. Am Rhein und schönes Wetter, Herz, was willst du noch mehr! Ich springe mit gleichen Füßen aus dem Bett, das verheißt einen frohen Tag!

Mein erster Ausgang gilt natürlich der Ausstellung, die meinem Gasthaus gegenüber sich auf dem linken Ufer des Rheines dehnt, soweit es sich um leblose 'Ausstellungs­gegenstände handelt. Auf dem rechten Ufer, auf der Seite von Kastell, auf der Mcrrcru, ist alles ausgestellt und gut untergebracht, was wiehert, brüllt, grunzt, kräht, blökt und meckert.

In den Morgenstunden geht es in der Ausstellung natürlich noch lebhaft zu: die Ausstellung wird morgen Donnerstag den 14. vorm. 11% Uhr feierlich eröffnet Man legt aber wirküch heute morgen schon die letzte Hand an,

um heute nachmittag sicher fertig zu werden. Noch fahren Fuhrleute kreuz und quer durcheinander, einer ist dem anderen im Wege, man beehrt sich gegenseitig mit allerlei Kosenamen, die wohl originell sind, aber durchaus nicht schön klingen, und Flüche werden laut, die gut mainzisch sind, und das heißt was! Wir winden uns durch, es geht auch ganz gut. Da und dort grüßen tvir Bekannte, der Vorsteher unserer weitberühmten landwirtschaftlichen Ver­suchsstation in Darmstadt steht selbst in seinem Ausstcltungs- raum und ordnet an, wie die Gegenstände aufgestellt werden sollen. Da bleibe ich interessiert stehen und sehe immer wieder gern, wie uns an lebenden Pflanzen, ins­besondere landwirtschaftliu.)en und Handelspflanzcn, gezeigt wird, wie dankbar und empfänglich dieselben sind, wenn man ihnen bietet, was sie an Nahrung bedürfen, wie sie es übel nehmen und verschnupft sind, wenn man ihnen das eine oder andere Nährmittel nicht oder nicht aus­reichend gibt. Ich sehe, das; das an Körnerfrüchten, an Meinpflanzen, an Tabakpflanzcn usw., die in Gefäßen stehen und vor unseren Äugen wachsen, gezeigt werden soll. Ja auch an Blumen und Schmuckpflanzen soll uns das gezeigt werden. Diese Ausstellung wird das Interesse aller Menschen erwecken müffen. vom Naturforscher, dem Landwirt bis hinauf zu dem Großmütterchen, das hoch oben in der Mansarde ihre Lieblinge, die Blumen, mit sorgender Hand im Sonnenlichte Pflegt.

Doch ich muß es mir versagen, heute schon auf Einzel­heiten einzugehen. Es drängt mich auch, aus dem Gewühl herauszukommen, um endlich den Rheinstrom zu sehen, an dessen Schönheit doch alles andere Schöne hier nicht heran­reicht. Es dürfte manches in der Ausstellung vielleicht nicht schön sein. Der Rhein und seine Ufer macht alles wett. Aber wir hoffen und erwarten, daß sich die Aus­stellung ihrer prachtvollen Lage würdig erweist. Noch immer sehe ich den Rhein nicht, jetzt steige ich eine be­queme Holztreppe hinauf und gehe, wie vorgeschrieben, rechts. Nun bin ich oben und vor mein i Füßen breitet sich die gewaltige Wassermasse, belebt von Dampfern und Schiffchen aller Art. Majestätisch rollen die grünlich-grauen Wogen talab und sofort erscheinen tausend Bilder vor den Augen des Träumenden: von Römern und Germanen, von Heerzügen und Kämpfen, von Festen und frohen Men­schen^ und alle Erinnerungen und Sagen, durch die dem Deutschen der Rhein ström von altersher so vertraut ist.

Wir steigen zum Ufer hinab. Ein Dampfer liegt bereit und bringt uns etwas stromauf und quer hinüber auf das andere Ufer. Wir landen an der Marau, betreten Wicsen- stächen, die von Baumgruvpen unterbrochen sind. Hier ist die Ausstellung der landwirtschaftlichen, Nutztiere unter­gebracht. Die oberhessischen An.sstellungstiere stehen schon seit gestern abend in den luftigen Zeltbauten und erholen sich von den Anstrengimgen der ungewohnten Eisenbahn­fahrt. Wir sehen viele übernächtige^ Gesichter unter den uns bekannten oberhessischen Ausstellern. Sie haben zum Teil ihre Tiere am gestrigen Wend nicht verlassen wollen und lieber die Nacht unter Zelten im Stroh zugebracht, die richtige Beiwacht! Eben werden von ihren Wärtern die Hengste, die sogen. Landbeschäler, die den größten Teil des Jahres ihr Heim in Darmstadt haben, eingebracht. Die mutigen Tiere tanzen förmlich über den grünen Rasen, kaum gebändigt von ihren Führern, deren dunlle Röcke, weiße Ledcrhosen und blitzende Stiefel sich vorteilhaft ab­heben von dem grünen Owunde, den sie überschreiten.

Aber nichts ist vollkommen auf unserer armen Erde. Da kommt ein Oberhesse händeringend zu mir und klagt: Unser Futter ist noch nicht da und unsere Bullen streiken, sie schlagen so zu sagen mit der Faust auf den Tisch und sagen: mir fresse kein rheinhessisch Heu, mir wolle unser oberhessisch Heu un mir dunS nit un duns nit". Da ist allerdings guter Rat teuer. Unsere ober­hessischen Aussteller kennen ihre Tiere. Mit diesen, in be­sonderen Waggons, haben ja daS gewohnte Futter mitge­nommen. Aber wie es auch anderen Reisenden zuweilen geht, die Tiere wurden von ihrem Gepäck, das ist ihr Futter, getrennt, und nun fliegen die Depeschen, um das fehlende Gepäck schleunigst herbeizuschaffen. Denn das Futter spielt auf der Tierausstellung eine große Rolle. Ein noch so großmächtiges und schönes Bullentier präsentiert sich den Preisrichtern schlecht, wenn es nichtrund herim sott- gegessen ist".

Den Müttern und Frauen und Tächtern der Aussteller selbst, kann ich zur Beruhigung mitteilen, daß diese sich an die rheinhessische Kost überraschend schnell gewöhnt haben! Morgen vielleicht mehr!

Aus Stadt und Kaud.

Gießen, 14. September.

Sprechstunden der Redaktion:

121 Uhr mittags, */27x/j8 Uhr abends.

Kommers in Mainz. In Verbindung mit der Landwirtschaftlichen Landes- und Jubiläums-Ausstellung zu Mainz veranstalten die Studier.enden der Landwirtschaft deS landwirtschaftlichen Instituts der Universität in Mainz am 16. September abends einen Kommers der hessischen Landwirte im Kötherhof, zu dem die Besucher der Aus­stellung eingeladen werden.

-h Ulfa, 13. Sept. Da das hiesige Pfarrhaus seiner feuchten Räume wegen seinem Zwecke schon lange nicht mehr entsprach, so war schon vor einigen Jahren ein Neubau beschlossen worden. Weil jedoch hinsichtlich der Platzfrage Schwierigkeiten entstanden, so zog sich die Ausführung des Baues bis zu diesem Jahre hinaus. Da erst entschloß man sich endlich, das alte Haus auf den Abbruch zu verkaufen und an derselben, mitten im Orte gelegenen, Stelle den Neubau zu errichten. Nach einem Plane des Baurats Die hm aus Gießen ist nun in modernem Stile der Roh­bau soweit vollendet, so daß das Haus im nächsten Sommer bereits bezogen werden kann. Die Kosten, die sich auf etwa 24 000 Mk. belaufen, werden von der hiesigen sehr ver­mögenden Kirchenkaffe getragen, während die Gemeinde nur 1000 Mk. für die Fuhren aufzubringen braucht. Gleich­zeitig wird auch über den seitherigen Wirtschaftsgebäuden ein großer Konfirmandensaal errichtet, in dem schon von diesem Winter ab der Konfirmandenunterricht erteilt werden soll.

w. Stockheim, 11. Sept. Die landespolizeiliche Ab­nahme der Teilstrecke Stockheim Helden bergen findet Donnerstag den 21. September statt. Die Teilnehmer werden in einem Extrazuge von Stockheim aus die Strecke befahren.

§ Ulrichstein, 11. «Sept. Nachdem anfangs yuit oei Grundstein zu dem verfallenen Schloßbergturm gelegt worden war, ist jetzt der Turm nahezu vollendet. Der Schloß, bergturm war ein Teil der alten hessischen Ritterbiirg auf dem Schloßberg. Sein Aufbau ist u. a. den langjährigen Be. mühungen des hiesigen Zweigvereins vom Vogelsberger Höhen­klub zu danken. Der Turm ist nach den Plänen des Bau- inspektorS Berth aufgefübrt und soll als AuSsichtsturm dienen. Die Ritterburg selbst, die lange Jahre Eigentum be§ Geschlechts der Riedesel war, ist vollständig zerfallen und nur noch in den Grundmauern zu erkennen.

. Wiesbaden, 11. Sept. Ein Fall, der großes Aufsehen erregt, wird hier demnächst zur Verhandlung kommen. Das Straf-Vorverfahren gegen den Lehrer Ailtor, den Negierungssekretär Bröschel und den Ingenieur Eck, alle in Wiesbaden, ist nunmehr zum Abschluß gelangt und den Angeschuldigtcn sind die Anklageschriften zugestellt worden. Sie werden angeklagt wegen vollendeten und versuchten Betrugs, Urkundenfälschung rc. In zwei Fällen haben sie sich Geldbeträge verschafft, resp. verschaffen wollen durch die Erklärung, sie seien Beauftragte eines Oberbeamten bei der Königl. Regierung, welcher sich anbiete, anhängige Verfahren wegen Entziehung des Hoflieferantentitels, resp. einer Konzession, niederzuschlagen gegen Aushändigung eines bestimmten Geldbetrages. In einem Falle haben sie sich erboten, einem Kaufmanne in Frankfurt a. M. gegen entsprechende Zahlung den Kommerzienratstitel zu verschaffen. Man ist auf den Ausgang der Sache, bi? interessante Enthüllungen bringen wirb, sehr gespannt.

Dille.nburg, 9. Sept. Der Wunsch vieler Ein­wohner, ein würdigeres Glockengeläute zu erhalten, geht seiner Erfüllung entgegen. Im Auftrage des Kirchenvorstandes unterzogen Glockengießer Rinker von Sinn und Musikdirektor Wolfram zu Dillenburg das Geläute einer Prüfling. Sie erstatteten ein Gutachten, nach welchem dieVaterunser- und Sturmglocke" in Viertelwendung umzuhängen und deren Klöppel zu erneuern sind. Dem nicht voll und rund tönen« den Geläute ist, um die Stimmung zu heben und ihm den erforderlichen mächtigen Baß zu geben, eine 43 Zentner schwere 0-Glocke beizufugen. Endlich ist der Glockenstuhl zu erneuern. Der Kirchenvorstand beschloß hierauf, diese Vor­schläge zur Ausführung zu bringen, wenn die erforderlichen Mittel in Höhe von etwa 7000 Mk. vorhanden seien. Man trat mit der Bitte um einen Zuschuß in Form eines Geschenkes an Fabrikbesitzer Georg Landfried heran. In hochherziger Weise erklärte sich dieser bereit, die erforderlichen Mittel zur Beschaffung der neuen größten Glocke in Höhe von 6500 Mk. zu schenken. Die übrigen geringen Kosten sind durch Er­trag eines Konzerts fast ganz gedeckt, so daß die Kirchenkasse nur wenig zuzusteuern hat. Die 1893 eingeweihte katho­lische Kirche harrt noch einer inneren Ausmalung. Die zeitweise an Sonntagen zu diesem Zwecke erhobene Kollekte ergab im Laufe der Jahre die Summe von 2500 Mk., so daß der Auftrag zur Ausmalung erteilt wurde. Diese wurde in diesen Tagen von Maler Hei der in Mühlheim begonnen. Sie ist zu 4100 Mk. veranschlagt.

El Marburg, 13. Sept. Ein Opfer ihrer Mutter­liebe wurde eine etwa 50 Jahre alte Frau aus LaaSphe. Um die Schmerzen ihrer an Brustwarzenentzündung ertrantten Tochter zu lindern, hatte sie die Warzen ausgesogen und war bald darauf an Blutvergiftung erkrankt. Gestern ist sie in der hiesigen Klinik gestorben. Der Hauptgewinn der hiesigen Pferdemarkt-Lotterie erhielt der Hilfsrangier­meister Rodenhaufen aus Bürgel.

Vom 14. Deutschen Pfarrertage

zu Neustadt a. H. wird uns wörtlich noch folgendes berichtet: Pastor Oberdieck referierte über die S i m pl i z i s s i m u s- Angelegenheit. Wenn auch der Simplizissimus gerichtet fei, so fei doch damit die Aufgabe des Kampfes gegen die Unsittlichkeit nicht beendet. Diese Angelegenheit habe den Tiefstand des sitt­lichen Urteils in manchen Kreisen und die daraus entstehende Ge­fahr beleuchtet. Er macht mehrfache Vorschläge für die Arbeit in dieser Angelegenheit.

In temperamentvoller Weffe tritt ihm der Korreferent Pfr. Fritsch-Ruppertsburg zur Seite. Er sieht in dem vom Referenten behandelten Fall ein charakteristisches Beispiel der sittlich gefährdenden 2kfterkunst, sodann auch einen Beweis davon, wie sehr man das Auftreten der Geistlichen gegen die iiberhant nehmende sexuelle Unsittlichkeit und den beängstigend zunehmenden Schmutz in Bild und Wort haßt und bekämpft. Unkenntnis der Künst und des wirklichen Lebens, sowie gemeine Heuchelei wirft man ihnen deshalb vor. Unser Kampf gegen Schmutz in Bild und Wort und die durch letzteren offenbar und systematisch gesteigerte Unsittlichkeit sei also nötig und eine berufliche Aufgabe des Standes. Dieser Kampf sei auch möglich, sowohl dem ein­zelnen Pfarrer und zwar auf seelsorgerischem Gebiet, in Schule und in Kirche, sondern auch durch Unterstützung der organisierten Arbeit imDeutschen Sittlichkeitsverein" und imVerein gegen Schmutz in Bild und Wort". Der Korreferent beantragte als Zusatz zu dem Antrag des Referenten:Der Verband deutscher Pfarrervereine spricht auf seinem Delegiertentag zu Neustadt, veranlaßt durch die Beschimpfungen des Simplizissimus, aus Mit leid zu unserer burd) unsittliche Literatur gefährdeten Jugend und in Wahrung ihrer auf öebung sittlicher Anschauung ge­richteten amtlichen Pflichten ihre Zustimmung zu der nötigen und segensreichen Arbeit derDeutschen Sittlichkeitsvereine" und desVereins gegen Schmutz in Bild und Wort" aus. Er fordert sowohl die Pfarrervereine wie deren Mitglieder auf, korporativ und als Einzelmitglieder derselben beizutreten und deren Arbeit in ihren Gemeinden zur sittlichen Gesundung unseres Volkes zu unterstützen.

Dem Korreferenten trat im Namen der Württem­berger Geistlichen Pft. Snizer - Kirchberg entgegen. Er weise auch den Schmutz weit von sich, aber wenn das evangelische Pfarr­haus von solchen Menschen beschimpft werde, dann teile es bloß das Los der anderen Stände und ntüffe darum diese Be­schimpfung als eine Schmach Christi tragen. Die Versammlung schloß sich diesen Ausführungen nicht an. Naivem noch Pft Wahl-Langen, A l l i h n - Athenstadt, Referent und KorreferetU wiederholt geredet haben, wird folgende Resolution gegen eine Stimme angenommen,int Anschluß an den Bericht über das Vorgehen gegen den Simplizissimus seinen Mitgliedern 1) die kräftige Unterstützung der evangelischen Sittlichkeitsvereine, sowie den Beitritt zu dem Volksbund zur Bekämpfting des Schmutzes in Wort und Bild zu empfehlen, 2) mit den deutschen Buchhänd­lern zum Zweck der Bekämpfung der systematischen Vergiftung unserer Volksseele durch unsittlich wirkende Literatur direkt Fühl­ung zu nehmen."

Manöver Unfälle. Der Oberst des bayr. Leib- reqimcnt§, Frhr. v. Kreß stürzte während des Manövers mit dem Pferde und brach zwei Rippen. Auch Herzog Christoph von Bayern soll sich bei einem Sturz mit