Verzicht auf die RednertättgTeit. Seine akademischen Vorlesungen und Uebungen hielt er noch diesen Sommer in gewohnter Weise und erlebte als erhebende?. Schluß seines letzten Semesters die Grilndftrinlegung zur ^isme^cksäule der Gießener Studerrten- schaft; aber der hzedfe Mund war verstummt, und mit Wehmut mochte Oncken inm^iten der festlicheil Versammlung gedenken, ttrie er nocb 1895, zum 80. Geburtstag des großen Kanzlers, am Fuß des Niederwalddenkmals einer vieltausendköpfigen Menge den Ruhm seines Heros verkündete.
Nun ist dieser Mund für immer verstummt, der so volltönend und eindringlich, so feurig und begeisternd zu reden, die Hand erstarrt, die so treffend und fesselnd zu schreiben wußte. Ein Leben liegt abgeschlossen vor uns, von dem wir bekennen dürfen: es war ein glückliches, voll ausgelebtes. Wie Wilhelm Oncken im trauten Kreise seiner Familie ein glücklicher Mensch gewesen ist,, so hat sich all sein Leben unter günstigen Sternen entwickelt. Der Freiheits- und Einheitskamvf von Hellas war ihm in jungen Jahren zunächst ein interessantes Analogon zu dem Ringen und Kämpfen in dem Deutschland seiner Zeit gewesen; nun, da diesem die Vollendung nahte, zog es ihn mit unwiderstehlichen: Zauber hinüber in den neuerkannten Beruf: der Geschichtsschreiber der deutschen Einigung zu werden. Das wurde sein Lebenswerk, zu dem alle anderen Leistungen des Forschers und Darstellers jetzt nur wie Vorarbeiten erscheinen^ Er hatte sich mit der Staatslehre vergangener Zeiten beschäftigt, ohne deshülb Politiker im eigentlichen Sinne zu sein oder zu werden; nun wurde er durch das Vertrauen des Volkes doch mitten in den politischen Betrieb hineingestellt. Es hat ihn sicher beglückt; aber ein größeres Glück war cs für ihn, daß er nicht dauernd in den Bann der Hexe Politik geriet. Denn er war kein Kampfnatur, wie der rechte Politiker sein muß, er war ein friedfertiger Mensch, vornehm und schlicht, mild und fteundlich, einer von denen, die auch dem Neid unverwundbar sind und mit lächelnder Gelassenheit durch den Tumult des Weltgetriebes ihren Weg gehen. Geleiterinnen waren ihm die Muse::, denen er zeitlebens einen andächtigen KuttuS geweiht hat; denn die Harmonie, die in ihm lebte, wollte er auch um sich 'wissen und hatte eine innige Freude daran, die Herzen vieler durch die Macht der Töne ergriffen zu sehen. In solchem Herzen konnte fein Groll hasten; nie hat ein Kollege ihn unverträglich oder unbequem gesunden; viele aber hat er sich zu Freunden geworben. Und doch war dieser Mann nicht weich und schwach. Was er einmal für recht erkannt, hielt er mit Zähigkeit fest — wir wissen, wie er, nach schwerer Krankheit int Mannesalter, mit starkem Entschluß eine völlig neue, ungewohnte Lebensweise begann und, unbekümmert um Widerspruch und Spott, sie unerschütterlich durchführte bis an fein Lebensende. Treue, echte Treue war der Grundzug seines Wesens. —
Allem Glück ist ein Ziel gesetzt. Seine letzten Jahre waren getrübt durch mancherlei häusliches Leid. Die treue Gattin, selbst von schwerer Krankheit heimgesucht, hatte noch die Freude, ihr: immer wieder sich erholen zu sehen — bis zu der bitteren Stunde, wo dieses Herz plötzlich aufhörte zu schlagen.
So ruhe nun aus, Wilhelm Oncken, du treuer Mann, ruhe aus von deiner reichen Lebensarbeit. Die philosophische Fakultät, in t>eren Kreis du treulich gelehrt und geschaffen hast, wird es stets als einen Ruhmestitel nennen, daß du ihr angehvrt hast. Als Symbol dieses unverwelklichen, dankbaren Gedächtnisses lege ich diesen Kranz an deinem Grabe nieder.
Zahnarzt Koch nahm zu folgender Ansprache das Wort:
Die Freimaurerloge dahier, in bereit Namen ich diesen Kranz nieberlege, verliert in dem Dahingeschiebenen einen ihrer besten Brüder unb wir betrauern tief seinen Verlust. Ruhe sauft, lieber Bruder! „Im Grabe modert das Gebein, Deine Seele wird unsterblich sein". Im Namen der Großenloge von Darmstadt, der Loge von Offenbach uni) der von Koblenz, deren Ehrenmitglied er war, lege ich ebenfalls diese Kränze nieder.
Es sprachen ferner der Vertreter der Burschenschaften Gießens und der Burschenschaft Frankonia in Heidelberg, der
Onken angehört hat, indem sie zugleich Kranzspenden niederlegten.
Für den Flott en verein legte Herr Schad mit ehrenden Worten einen Kranz am Grabe nieder, desgleichen Kommerzienrat Em melius für den nationalliberalen Verein.
Pros. Dr. Krüger sprach für die beiden größten musikalischen Vereine Gießens folgenden Nachruf:
„Der Marrn, dem wir heute das Gelette gaben, hat in seinem reichen Leben außer seinem Verussamt manch Ehrenamt bekleidet. Wohl keffts darunter ist ihm so ans Herz gewachsen gewesen, wie der Vorsitz in den beiden größten musikalischen Ver- cinigungcn^ unserer Stadt. Von dem Augenblick an, da Oncken in unsere Stadt einzog, in der er über ein Menschenalter erfolgreich wirkte und von der er nun zur ewigen Ruhe eingegangen ist, hat er in seltenem Maße Zeit und Kraft in den Dienst unseres musikalischen Lebens gestellt. Ich will ihn deshalb nicht rühmen, weiß ich doch: was man gern tut, das tut man leicht. Aber ich darf es doch anführen, mit.welcher Treue und mit welchem unermüdlichen Eifer er seinen Verpflichtungen, die ihm seine Zugehörigkeit zu den beiden Vereinigungen auferlegte, nachgekommen ist. Mit Bewußtsein: in Verpflichtungen, nicht Pflichten. Wenn aber jemand bei so dringender Pflichterfüllung im Beruf es mit feinen Verpflichtungen so ernst nimmt, wie Oncken, so darf man ihn wohl als Beispiel für Viele aufstellen. Sind wir doch nur zu geneigt, Verpflichtungen dieser Art nur nach dem Vergnügen, oas sie hin» bereiten, abzuschätzen. Das gilt in erster Linie von Onckens Tätigkeit im „Akademischen Gesangverein". Jahr aus Jahr ein, und Woche für Woche hat er dort, oft genug nach anstrengenden Vorlesungen, gesessen und gesungen. Der Konzertverein, in dessen Namen ich hier rede, stellt seiner Natur nach an seine Mitglieder nur passive Anforderungen. Wir haben Onckens als unseres Vorsitzenden zu gedenken. Lange Jahre hat er den Verein nach «außen in der sogenannten Repräsentation vertreten, nach innen seine Geschäfte geleitet. Wie oft^hat er die mehr oder weniger berühmten Gäste, die in unsere Stadt kamen und uns in unseren Konzerten erfreuten, mit Herzen froh bewillkommnet, noch öfter ihre Leistungen in zündender Rede gepriesen, wobei ihm seine glückliche Gabe, die Dinge stets von der besten Seite zu sehen, in trefflicher Weise zu statten kam. Es war nicht seine Schuld, daß sich die Leitung des Vereins, als sich sein Leben neigte und das Haupt ihm auf die Brust sank, vor Schwierigkeiten gestellt sah, mit denen zu kämpfen seine Kraft nicht ausreichte, an deren Ueberwindung aber vielleicht auch jüngere gescheitert wären. Wir haben ihm heute nur zu danken. Der Tod hat seines Amtes an ihm gewaltet, zu rechter Zeit, mit milder Hand. In der Offenbarung Johannis stehen die Worte, die wir zu Eingang unserer Feier gehört haben: „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an; ja, der Geist spricht, daß sie ruhen von ihrer Arbeit, denn ihre Werke folgen nach". Wem diese wunderbaren Worte im Ohre erklingen in der musikalischen Akkordierung, die sie in unserem deutschen „Requiem" gefunden haben, der weiß, warum ich gerade sie diesem Manne nachrufe, der nach glücklichem Leben an dieser schönen Stätte sich selbst seine letzte Ruhestätte aussuchen durfte. Im Namen des Gießener Konzertvereins lege ich diesen Kranz am Grabe unseres langjährigen Vorsitzenden nieder."
Unioersitätsmusikdirektor Traut mann sprach im Namen der Mitglieder des akademischen Gesangvereins, dem Onken 30 Jahre als Vorsitzender und 35 Jahre als Sänger angehört hat.
Der Kronbauersche Quartettverein, dem Onken länger als 20 Jahre ein treues Mitglied war, ließ durch Herrn Habenicht gleichfalls einen Kranz niederlegen. Herr Habenicht drückte dabei fein Bedauern aus, daß es dem Verein nicht möglich fei, dem Verstorbenen ein Grablied zu fingen, da fo viele Mitglieder zur Zeit nicht in G?rßen weilten.
Die Beteiligung der Studentenschaft wäre übrigens jedenfalls auch viel größer gewesen, wenn nicht die Zeit der Ferien wäre. So ist denn Oncken nun zur letzten Ruhe gebettet, und seine Hörer werden, wenn sie im Wintersemester wiederkehren, seine treue Stimme nicht wieder vernehmen. Möge fein vaterländischer Geist in der Jugend, die er lehrte, ewig fortleben!
gpielploK der vereinigten Frankfurter Stadttheater.
Opernhaus.
Montag den 14. August'): „Undine." Dienstag ben 15. Aua.: „Tannhäuser." Mittwoch ben 16. August: „Das Veilchenmädel." Donnerstag den 17. August: „Lucia von Lammermoor." Freitag ben 18. August: „Die Fledermaus." Samstag den 19. August: „A'iba." Sonntag den 20. August: „Der Troubadour." Montag ben 21. August, abends halb 8 Uhr: „Tie Geisha."
Schauspielhaus.
Montag ben 14. August: „Der Beilcheniresser." Dienstag ben 15. August: „Des Meeres und der Liebe Wellen." Mittwoch den 16. August: „Die rote Robe." Donnerstag ben 17. August, abends tzalb 8 Uhr: „Faust", 1. Teil. Freitag den 18. August: „Othello." Samstag ben 19. August: „Telephon-Geheimnisse." Sonntag ben 20. August, nachmittags halb 4 Uhr: „Ter Hüttenbesitzer." Abenbs 7 Uhr: „Romeo und Julie." Montag ben 21. August: „Die Brüder von St. Bernhai Dienstag ben 22. August: „Elga." Vorher: „Das Lied von ... Glocke."
') Anfang, wenn nicht anders bemerkt, abends um 7 Uhr.
Arbeiterbewegung.
Glauchau, 12. Aug. Eine heute nachmittag stattgehabte Versammlung der ft reife «den Färberei - Arbeiter nahm, wie bie „Glauchauer Ztg." berichtet, folgende Resolution an : „Die Versammlung her Färberei» und Appretur-Arbeiter und -Arbeiterinnen erklärt, baß die von den Unternehmern gebotenen Zugeständnisse für sie keine zufriedenstellenden sind, baß sie aber bereit find, unter den gegebenen Verhältnissen Frieden zu schließen unb bie Arbeit am 15. August wieder aufzunehmen."
Kandel und AerKesir. ^olädwin#djaft.
— Zusammenschluß in der Glasindustrie Italiens. Telegraphisch wird von einemgroßen Zusammenschluß der italienischen Glasfabriken gemeldet. Es soll unter Führung der Banca Eorn- merciale Jtaliana eine Organisation sämtlicher italienischer Glasfabriken geschaffen werben, um der ruinösen Konkurrenz ein Enbe zu bereiten. Zu diesem Zwecke wird eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 12 Mill. Lire mit denr Sitz in Mailand gegründet. Dreviertel der Fabrikanten sind mit der neuen Unternehmung vollständig einverstanden.
Elektrizitätssusion in Rheinland-Westfalen. Der Kreis Hörde hat mit dem Essener Rhein.-Westfäl. Elektrizitätswerk einen Vertrag wegen Lieferung des elektr. Stroms abgeschlossen, jcboch mit der bemerkenswerten Klausel, daß das Essener Werk sämtliche Anlagen an den Kreis Hörde abtreten muß, wenn dieser innerhalb vier Jahren einem kommunalen Elektrizitätswerk, das ja in Vorbereitung ist, beitritt.
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