Montag 14. August 1905
155. Jahrgang
Zweites Blatt
Nr. 189
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Metzen.
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Die lung, Wörth,
Roteitmttorud and vertag bet vrÄhllch« UnwerfttätLdruckeret. St. Lange. Stetz«.
Redaktion. Expedition a. Druckerei; Dchulstt.L»
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den vielen Für und Wider, die man darüber in den letzten Tagen vernahm, müßte eS geradezu auffällig erscheinen, wenn sie nicht zustande käme. König Eduard begibt sich bereits in den nächsten Tagen zur Kur nach Marienbad und muß, wenn er den nächsten Weg benutzt, dabei durch Deutschland reisen. Die Gelegenheit, mit seinem Neffen, dem Kaiser, zusammenzukommen, der sich jetzt in Wilhelmshöhe aufhält, ist also eine sehr günstige. Natürlich würde eine solche Begegnung gerade bei der augenblicklichen Spannung zwischen Deutschland und England und namentlich angesichts des französischen Flottenbesnchs und der bevorstehenden englischen Flottenübung in der Ostsee eine sehr hohe politische Be-
tntt KluNnahm« bet Sonntags.
Die „Gieftenet tfawfflenblätter- werden dem .Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt Der taiöwlrt* erscheint monatlich einmal.
Mannschaft Darm- irbert hiermit alle welche Forderungen fjaben, auf, über ien fRedfnung an chneten bis sM«
j vorläufiger Nicht- zung einzufenden.
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Mit fteudigen Empfindungen haben sich in dieser Woche die Blicke der Deutschen nach unserer Ostmark gerichtet. Unser Kaiser hat gelegentlich der großen militärischen Hebungen bei Posen und Gnesen in letzterer Stadt aufs neue Gelegenheit genommen, seine Ansichten tn der Polenfrage zu äußern und die Polen insbesondere zu versichern, daß ihren konfessionellen Anschauungen von deutscher Seite absolut keine Gefahr droht. Dafür aber verlangt der Kaiser von seinen polnischen Untertanen, daß sie anderen Konfessionen die gebührende Achtung entgegenbringen. Von den Deutschen aber erwartet der Kaiser, daß sie in ihrer kulturellen Tätigkeit im Osten nicht erlahmen trotz erhöhter Opfer und der ihnen sich entgegenstellenden Schwierigkeiten. Mit besonderem Nachdruck konnte der Kaiser auf eine Versicherung des verstorbenen Papstes Leo XIII. verweisen, wonach alle deutschen Katholiken, zu denen doch auch die Polen in den preußischen Provinzen gehören, treue Untertanen des deutschen Kaisers und Königs sein würden. Hoffentlich hat dieser Hinweis, der feine Spitze gegen den deutschfeindlichen polnischen Adel und die intrigante Geistlichkeit richtet, die erhoffte Wirkung.
Wahrend auf dem deutsch-südwestafrikanischen Kriegsschauplatz es den deutschen Truppen noch immer nicht gelingt, über die Aufständigen Herr zu werden, ja sogar von Norden her durch die Ovambos Unerquickltch- keiten drohen, die durch den Aufstand in Portugiesisch-Südwestafrika hervorgerufen werden können, haben zwischen den Russen und Japanern in Portsmouth die Friedensunterhandlungen begonnen. Die genauer formulierten Forderungen der Japaner sind nun bekannt geworden, und die russischen Unterhändler sollen, wie eine höchst zweifelhafte Nachricht lautet, davon „wie vom Donner gerührt" worden sein. Es wäre merkwürdig, wenn so gewiegte Diplomaten in derartiger Weise Selbstbeherrschung geübt hätten. Die Japaner sind bis jetzt die Sieger, und ihre Forderungen sind durchaus verständlich: Die Abtretung des russischen Pachtgebietes auf der Halbinsel Liaotung mit Port Arthur und Dalny, Räumung der Mandschurei und Rückgabe aller russischen Vorrechte in der Mandschurei an China, Anerkennung der „offenen Tür", Anerkennung von Japans Schutzherrschaft über Korea, Gewährung von , Fischereigerechtsamen in den sibirischen Küstengewässern an : Japan, Uebergabe der in asiatischen neutralen Häfen des- armierten russischen Kriegsschiffe, Beschränkung der - russischen Streitkräfte in den asiatischen Gewäsiern und endlich ; die Kriegsentschädigung, mit deren Höhe die Japaner einfk ; weilen noch klug hinterm Berge halten. Die Russen werden ! wohl in kurzem die Antwort erteilen. Der Krieg geht unter- ; dessen weiter, das heißt, die russische Armee, deren Oberbefehlshaber Linewitsch immer sehr siegesgewiffe Drahtmeldungen an den Zaren sendet, verharrt nach wie vor in ihrer „starken und günstigen Stellung". Linewitsch wird wohl wißen, warum er nicht losschlägt. Das Weltinteresse am Zustandekommen des Friedens ist aber so groß, daß wir gerne neue Schlachten vermieden sehen und den Verhand- lungen in Portsmouth baldigen Erfolg wünschen wollen.
Politische Wochenschau.
Gießen, 14. August.
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ger Kollege, ein ausgezeichneter Lehrer der akademischen Jugend, ein hervorragender Redner und Großer Gelehrter, der durch seine Werke seinem Namen m aller Welt ernen guten Klang bereitet und zum Ruhm der Landes-Unwersttat sehr titel bet
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Herr v. Podbielski ging dann kurz auf die Lage der Schlächter ein, die es nicht selten zur Wohlhabenheit brächten, da der Fleischer unweigerlich seinen Lohn auf seine Produkte aufschlage, während der Landwirt nur zu oft darauf verzichten muß. Niemals darf dem Viehstand der deutschen Landwirtschaft der Schutz entzogen werden. Die Verhältmße sagen uns, daß keine Fleischnot, wohl aber eine Fleischte uerung vorhanden ist, die den verschiedensten Ursachen entspringt. Möge doch unsere gesamte vaterländische Preße sich die Aufgabe stellen, die ich in die Worte zusammenfasse: Fort mit dem Gegensatz zwischen Stadt und Land, und Aussöhnung zwischen beiden! Ich wünjche eine Durchsichtigkeit der Marktlage auch für den Konsumenten, damit er eine Selbstkontrolle über den Markt zu üben vermag. Wir verstehen die Sorge um die jetzige Sage des Fleisch- markteS. Wir haben volles Verständnis dafür. Aber em preußischer Landwirtschaftsminister kämpft für die preußische Landwirtschaft. .
Von vielen Seiten ist nun Podbielski daran erinnert worden, daß er auch preußischer Staatsminister sei und als solcher auch das Wohlergehen des ganzen Volkes un Auge halten müsse. Allein das wird die Aufgabe anderer Kreise sein müssen. Die ganze Rede des Ministers läuft darauf hinaus, daß eine Fleischteuerung aber keine Fleischnot bestehe. Wie dem auch sei, die Zustände bedürfen der Besserung!
Die sommerliche Stille wird immer wieder durch neue Ereignisse unterbrochen. Dazu gehört vor allem die bevorstehende Zusammenkunft des deutschen Kaisers und englischen Königs. Zwar steht noch nichts Bestimmtes fes über das Wo und Wann dieser Begegnung, aber nach all
die Machen Be- V mündlicher Au!- f nleil gelegentlich chWikH i wir hiermit un- X
große oberhessitche Bauern versamm- die am 6. d. M., dem Tage von Spichern und in Altenburg bei Alsfeld stattgefunden Hut, war friedlich und ohne Kampfes stirnrnung. Ein guter vaterländischer Geist sprach aus diesem Bundesfest, und wir glauben in der Tat, daß wir in Kriegsnot in einem einigen, patriotisch gesinnten Bauernstand einen starken Rückhalt haben werden. Dr. Oertel hat deutscher Art und Sitte und im Besondern dem deutschen Acker und seinen Bebauern eine überzeugungsvolle Lobrede gehalten. Aus den Ansprachen der Vertreter unserer heimischen Landwirtschaft aber ist leider auch wieder manches Irreführende zutage getreten. Wenn der Bauer stets mit Mißtrauen gegen die Stadt und ihre Bewohner erfüllt werden soll, geschieht es gewiß nicht im Geiste vaterländischer Einigkeit. Wir glauben aber nicht, daß die Landwirte die Uebertreibungen, ja Verhetzungen, die ausgesprochen worden sind, alle für bare Münze halten. Daß die „Großstadt der Komposthaufen sei, auf dem aller Unrat der Welt sich aufhäufe", wie sich ein Redner geschmackvoll ausdrückte, dies zu glauben ist wohl niemand einfältig genug. Der Ackerbau allein bedeutet die Welt nicht Gibt er dem Landmann Gottvertrauen und einen genügsamen Sinn, so heißt es in den Städten wirken und streben, wetten und wagen, um dem Volke Fortschritt auf allen Gebieten zu schaffen.
Wenige Tage nach dem Altenburger Bundesfest war öie Klage wegen der allerorts unbestreitbar vorliegenden Fleischten er ung in aller Munde. Auch diese Frage ist vom Standpunkte der Volksgesamtheit zu betrachten. Und da kommt man zum Schluß, daß eine so erhebliche Verteuerung der wichtigsten Lebensmittel, wie ffe in fast allen Gegenden des Reiches konstatiert wird, unabweisbar die Frage aufrollt, wie dieser Gefahr, die der Volkswohl- fahrt droht, abzuhelfen sei. Der preußische Laudwirtschasts- minister P o d b i e l s k i hat die ersten Schritte unternommen, freilich, um von den Vertretern der Landwirtschaftskarn- mem sich sagen zu lassen und es selbst auszusprechen, daß keine Fleischnot vorhanden sei. Wir Huben jefct einen eingehenden Bericht über seine Rede bei dem Festmahl der „Flckschnot-Konferenz", die allerdings niemand recht befriedigen kann. Er führte il a. folgendes aus:
Bei uns ist es die Kartoffel, von deren geernteter Menge und deren Preis die Preise auf dem Schweinemarkt abhängig sind. Dem Stadter aber ist es gar nicht bewußt, wie schnell der Bestand an Schweinen sich heben und verringern kann. Von einem Mutterschwein kann der Landwirt heute in 215—245 Tagen 14 Ferkel schlachtreif an den Markt bringen, und auch daraus kann der Städter ersehen, wie schnell die ganze Situation sich ändern kann Sicher ist, daß die Produkte der ländlichen Arbeit nicht so schnell und nicht in dem Maße steigen, wie es die Löhne tun Auch die Butter sei ja allmählich teurer geworden, und nun sei das Fleisch gefolgt. „In vollster Ueberemstimm- uttg mit Ihnen, meine Herren", fuhr der Minister fort, „beklage ich das. Ich beklage es schon deshalb, weil der heutige Markt zu dem Trugschluß führen wirb, die Schweinezucht sei lukrativ. Nun werden sich viele darauf stürzen, und dann wird eines Tages der Rückschlag, der ganz unvermeidlich ist, kommen. Ich beklage es aber auch, daß der Preis des Fleisches in einer Weise steigt, daß zahlreiche Familien auf dieses Nahrungsmittel verzichten müssen. Was an uns ist, soll daher geschehen, um solchen unerfreulichen Schwankungen, denen wir heute ausgesetzt sind, ein Ende zu bereiten. Nun erhebt sich das Geschrei: Oeffnet die Grenzen! Sehr wohl! Aber da käme doch nur Rußland in Betracht, da Dänemark und Oesterreich, die allein noch mitzusprechen haben wurden, wenig in Frage kommen. Rußland aber bietet uns fast nur Steppenvieh, und der Versuch, es in England und Frankreich einzuführen, ist so gut wie mißlungen Rußland bringt nur ganz schwere Schweine, die unser MaE gar nicht aufnimmt, sodaß damit nur das Gespenst eines Produkts heraufbeschworen, aber eine wirkliche -I.eU7wru.ng der Verhältnisse nicht eintreten würde. Das russische Schimm würde übrigens in Sosnowice nicht um emen Groschen billiger als das deutsche Schwein, und nur die tn der Valuta liegende Differenz würde einen Vorteil m sich
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Wilhelm Diufcn hnttbe im Januar 1870 an unsere Sfofr. schule berufen und hat hier über 35 Fahre segensreich Im Jahre 1873 lehnte er, der junge Gelehrte, emen elzreiwollen Ruf an die Universität Königsberg ab Im Jahre 1877/78 war er Rektor der Landes-Universität Inr seine vielfachen Verdienste erhielt er wiederholt von allerhöchsten Stellen ehrende Anerkennungen und Auszeichnungen
Oncken war nicht nur em Hochschullehrer, er war auch politisch tätig als eifriger Anhänger der nationalliberalm gartet, als begeisterter Verehrer Kaiser Wilhelms I. und seines großen Kanzlers Otto von Bismarck, für die er m lernen Reden und Vorträgen jung und alt, die akademische Welt und die Nichtakademiker, in gleichem Maße zu begeistern verstand.
Unsere Hochschule hat durch seinen frühen Tod emen großen Verlust erlitten: sie wird sein Andenken in hohen Ehren halten. Er ruhe in Frieden aus von seinen rastlosen Arbeiten! —
Prof. Dr. Sauer, als derzeitiger Dekan der philosophischen Fakultät, sprach folgenden Nachruf:
Im Namen der philosophischen Fakultät der Landes-Universität trete ich an dieses frische Grab heran, um dem teueren Entschlafenen unseren letzten Gruß nachzurufen. F-unsiinddreitzig Jahre ist er unser gewesen, das rüstige Schaffen ferner belfere Jahre haben wir mit angesehen, als Forscher, als Lehrer, als Kollege und Mitarbeiter stand er über em Menschenalter rastlos eifrig und pflichttreu in unseren Reihen. Wert ist sem Name hinausgeklungen in die deutschen Lande und über ihre Grenzm hinaus — es ist fürwahr ein berühmter Mann, den wir heute zur letzten Ruhe geleiten. Tiber uns war er mehr; wir Hutten das schöne Vorrecht ihm menschlich nahe zu sein, wir sahen ihm wie er war, nicht wie er auf der großen Weltbühne sich darstelltt, wir kannten, verehrten und liebten ihn als ganzen Mann, nicht nach glänzenden Einzelleistungen, mit denen er da draußen sich Bewunderer gewann. Und wir wissen es, er selbst hat es oft aus- gesprochen, daß auch er gern unter uns weilte, daß er schnell, und völlig hier heimisch geworden war Er stand m der Vollkraft seiner Jahre, als ihn ein ehrender Ruf nach Königsberg uns zu entziehen drohte. Schon hatte er, nicht vor der Oeffent- lichkeit, wohl aber in stiller Arbeit, die ihn beglückte und begeisterte, das Feld zu bebauen begonnen, auf bem er ftigter seine besten Früchte ernten sollte: die vaterländische Geschiße der neuesten Zeit, Preußens deutschen Beruf und ferne herrliche Erfüllung, Bismarck's und König Wilhelm's Großtaten, das alles streng wissenschaftlich und doch allgemein verständlich den Zeitgenossen vorzuführen, schwebte ihm als ^deal vor den Seele. Seiner Darstellimgskunst und ihrer Wirkungen war er sicher: er durfte sich sagen, daß er nut diesem danwattten aller Themen als preußisckzer Professor unvergleichlich größere 1 Erfolg haben und Königsberg für ihn nur die erste Stufe : einer stolz ansteigenden Bal/n bedeuten ivürbe Und er blieb in Gießen. Das war das beste Zeugnis, daß Fakultät imd , Senat, als sie zum Nachfolger Schäfers ben bamate erst 31 iah- ' rigen Wilhelm Oncken vorschlugen, den rechten Mann an ote
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Aas Negräönis Wilhelm Hnckens.
Gießen, 14. August.
Unter außerordentlich zahlreicher Beteiligung wurde gestern nachmittag V2Ö Uhr auf dem alten Friedhof die Leiche unseres berühmten Mitbürgers Oncken ins Grab gebettet. Rektor, Lehrkörper und die Vertreter der studentischen Verbindungen der Landesuniversität mit ihren Fahnen nahmen an der Beerdigung in der üblichen Weise teil Es waren ferner anwesend Provinzialdirektor Geheimerat Dr. B r e i d e r t, Oberbürgermeister M e c u m und zahlreiche Stadtverordnete, Vertreter der übrigen hiesigen Behörden, des Offizierkorps des hiesigen Regiments, und eine große Zahl von Freunden und Verehrern des berühmten Gelehrten. Am Grabe spielte die Regimentskapelle.
Pfarrer Sattler hielt die kirchliche Grabrede, ber er Jesaias 35, 10 zugrunde legte und in der er die Persönlichkeit des Gestorbenen mit der deutschen Eiche verglich, die überall hochaufgerichtet stand, wo mau sie hmstellte. Er schilderte die unvergleichliche Feder Onckens, die unwiderstehlich fortriß und Bilder aus deutschen Herzen m deutsche Herzen eingezeichnet hat, er sprach ferner von der Beredt- samkeit des Toten, die das Leben Bismarcks und des greisen Heldenkaisers so packend zu schildern wußte und Tausende von Studenten für Deutschlands große Zeit begeisterte. Aber auch im engeren Kreis semer Familie und seiner Freunde hat Oncken als em , iweuer, echt deutscher Mann gewaltet Wir, die ihm in Gießen naher standen als lerne Verehrer draußen im Land, haben besonderen Grund, ihm zu danken. Er war unser; uns galt seine Arbeit, seine Liebe. Er wird immer unvergessen bleiben. .
Der Rektor der Landesuniversität, Geheimer Medizinal- rat Prof Dr Vossius, widmete dem Verstorbenen unter Niederlegung eines Kranzes folgende Grabrede:
Im Namen der tieftrauernden Landes-Unwersitat lege ich diesen Kranz am Grabe Wilhelm Onckens nieder als äußeres Leichen unserer dankbaren Erinnerung an das, was er uns alle- zeit am» cs en fft, ein treuer Mitarbeiter, em immer liebenswurdi-
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rechte Stelle setzten. ____
Christian Friedrich Georg Wilhelm Oncken war Ostfriese tiott Geblüt; aus Varel «'m Iahdebusen stammten beide Eltern. Gaboren aber war er, am 19. Dezember 1838, in Heidelberg^ wo hm seine Eltern übergesiedelt waren. Dort hat er seine ganze ^ngen^ zeit verlebt; dort hat sich dem ruhigen, kühleren Wesen des Norddeutschen die süddeutsche Wärme , und Lebhaftigkeit bei- gcmischt, das glückliche Temperament sich ausgebildet, das ihre zu seinen besten Wirkungen befähigen sollte. Er studierte in Heidelberg, Göttingen und Berlin klassische Philologie und, Gerichte, und seine Doktordissertation von 1861: Emendationes in Aristotelis ethica Nicomachea et politica ist eine rein philo- logische Arbeit. Aber schon damals Packte ihn Aristoteles. vor allem als Historiker und Politiker, und die $eftalt des griechischen Philosophen wurde ihm zum Mittelpunft feiner Studien über das griechische, speziell das athenische Staatswesen Ms er sich im Jahre 1862 in Heidelberg für Philologie und Geschichte habilitierte, legte er eine rein Histonsche Arbeit vor: Jsokrates und Athen, einen Beitrag, wie er selbst hinzufugtej. zur Geschichte der Einheits- und Freiheitsbewegung in Hellas., Auch 'im akademischen Lehrberuf betätigte er sich vorwiegend auf historischem Gebiete und zwar in der antiken und der neueren deutschen Geschichte. Die glänzende Rednergabe, die unn von der Natur verliehen war, hat er frühzeitig geübt und ausgebildet, mit einem Erfolg, der schnell die Aunnerkiamkeit auf den jungen Dozenten lenkte, bet ihm im Jahre 1866, als et eben feinen Hausstand begründet hatte, die Ernennung zum a. o. Professor in Heidelberg und 1870 den Ruf nach Gießen eintrug. Hier wollte man einen Historiker, der, mit alter G^ schichte innig vertraut, doch befähigt und geneigt sein sollte, auch neuere zu lehren. Von sechs Kandidaten, unter denen mehrere ältere und namhafte Historiker waren, wurde er gewählt, N^il er diesen Anforderungen entsprach und seine Heidelberger Sein* erfolge die rechte Belebung der historischen Studien an der Landes-Universität erwarten ließen.
Reichlich hat Oncken diese Hoffnung erfüllt: er gehörte sofort zu den beliebtesten Lchrerii der Hochschule, und viele nichtige Historiker sind int Lauf ber Jahre aus seiner schule hervorgegangen. Seiner besonderen Begabung hatte er es zu verdanken, daß er schnell auch außerhalb der Hochschule dankbare Hörer und Verehrer fand und, getragen von der Begeistet* ung der großen Zeit, so schnell populär wiirde, baß er 1873 zum Landtagsabgeordneten der Stadt Gießen, im folgenden ^ahre für den Wahlkreis ?Nsfeld-Lauterbach-Sck>otten in den ReicMag gewählt ttnirbe. Kaum war sein Reichstagsmandat abgelaufen, so ehrte ihn 1877 die Landes-Universität durch die Wahl zum Rektor. Dekan unserer Fakultät war er im Jahre 1882. Nach jener mehrjährigen Periode parlamentarischer Arbeit, die er nicht gesucht, aber als begeisterter Patriot auch nicht voii sich gewiesen hatte, lebte er in Ruhe seinem gelehrten Beruf, insbesondere seiner Schriftstellerei. Mit einem stattlic^n Werke über „die Staatslehre des Aristoteles" war er timt geüxtbcrg geschieden: sein erstes Gießener Werk wurde 1879 „Oesterreich und Preußen im Befteiungskriegc". Dann organisierte er jenes große Werk der „Mlgemeinen Geschichte in Einzeldarstellungen", unter deren vielen Bänden drei von ihm selbst herrühren: das „Zeitalter Friedrichs des Großen", das „Zeitalter der Revolution, des Kaiserreichs und der Befteiungskriegc", endlich das Werk, das seinen Ruhm am festesten begründet hat, das -„Zeitalter des Kaisers Wilhelm", dem zur Jahrhundertfeier 1897. das populäre Werk „Unser 5)eldenkaiser" folgte.
Seinen Lehrberuf hat er bis vor wenigen Jahren in seinem vollen ursprünglichen Umfang erfüllt. Aber eine Einschränkung schien auch ihm zuletzt unvernieidlich. Er hatte im Jahre 1903 den Antrag auf Schaffung einer besonderen Professur für alte Geschichte bereits gestellt, als ein leichter Schlaganfall seine Lehrtätigkeit unterbrach: doch gewann er schnell wieder die Hexrschaft über Sprache und Feder. Ein erneuter Anfall, ber ihn im April dieses Jahres in dem Augeirblick traf, als er seinem Bismarck zu Ehren sprechen wollte, war eine deutlichere ' Mahnung zur Schonung; sie bestimmte ihn zu dem schmerzliches,


