Ausgabe 
8.3.1905 Erstes Blatt
 
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10 Meilen östlich von Mukden, steht in Flammen, yjcmt ver­mutet, daß die Russen ihre Proviantde Pots in Brand gesteckt haben, bevor sie sich zurückziehem c . 3 Paris, 7. März. Ter Petersburger Korrespondent .des ,,Echo de Paris" berichtet fernem Blatte, er habe einen Mrmster und einen Offizier des Generalstabs gesprocherr, welche erklärt hätten, ein durchschlagender Erfolg sei weder auf der einen noch ans der anderen Seite wahrscheinlich, da beide Gegner er­schöpf t seien. Auf der russischen linken Flanke seien 7000, auf der rechten 2 2 0 0 0 Mann getötet oder verwundet worden. Tas 10. und 8. Ko r ps seien beinahe völlig auf g e r i e b c n.

London, 7. März. TieTimes" meldet aus Petersburg: Troß der ernsten Lage in Mukden seien die Generalstab soff lzwre überzeugt, daß es Kuropatkin gelingen würde, seine /oebetiage wieder gut zu macken. Informationen des genannten Blattes werde Kuropatkin seine gesamte Armee morgen nach Luden und Südwesten von Mukden werfen und den Beriuch machen, die Armee Opamas zu überrumpeln.. Werter berichtet das genannte Blatt aus Petersburg, daß in einem gestern ab- gehaltenen Kriegsrat unter dem Vofiitz ^ragomtroivs m ckn- U-csenheit Grivenbergs beschlossen worden stt, wertere 400 000 Mann nach Ostasien zu entsenden.

Times" meldet, Rußland toerde, selbst wenn Admiral Roschdiestwensli nicht imstande sein sollte, die japanische Flotte unter Admiral Togo zu besiegen, den Krieg keinesfalls aufzugeben. Im Gegenteil habe der Zar die feste Absrcht, lahrelang zu k ä m vf en, um Japan unterzukrregen. ,

TieTarmst. Ztg." schreibt: Wie wrr erfahren, erhrelten I. M. die Kaiserin von Rußland aus Sachetun von General Kuropatkin folgende Meldung vom 21. Februar: Heute besuchte ick bei Besichtigung einiger Teile der 2. Armee in Taragolung (?) das Großh Hessische Feldlazarett, das ich als ausgezeichnet und zur bevorstehenden großen Arbeit vollkommen bereit gefunderr habe. Ich bin so glücklich, Ew. Masestät dies bestätiaen zu können.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. März. Nach einer Meldung derSüdd. Reichskorresp." wird der Kaiser auf seiner Mittelmeerfahrt Barcelona, behufs Besichtigung des ihm verliehenen Regi- mentsNumancia", wie verlautet hatte, nicht besuchen.

Beim Kaiserpaar fand heute abend der letzte ^»roße Ball dieses Winters statt. Der Kaiser zog eine große Reihe von Persönlichkeiten ins Gespräch, u. a. den Fürsten zu Inn- und Knyphausen, Minister von Budde, Minister Frhrn. v. Hammerstein, die Staatssekretäre Krätke und Stengel. Der Kaiser sprach längere Zeit mit dem Reichs­kanzler und dem Botschafter Grasen Lanza und wandte sich dann dem Botschafter von Szögyenyi-Marich und den übrigen Botschaftern zu. Nach dem Ball reiste der Kaiser nach Oldenburg und Wilhelmshaven ab.

Staatssekretär des Reichspostamtes Krätke veranstaltete heute abend im Neichspostmuseum einen Vortragsabend über Schnell- u ndM ehrfach-Telegraphie. Es waren anwesend u. a. Minister Studt, Staatssekretär Nieberding, Kolonialdirektor Dr. Stübel, Generaloberst v. Schliessen, die Professoren Miethe, Rauleaux, Eulenburg, die Abgeord­neten v. Kardorff, Gröber, Liebermann, v. Sonnenberg, Arendt, Roeren, Gras Oriola und Mugdan. Den Vortrag hielt Telegrapheningenieur Feyerabend. Er führte mit Appa­raten und Lichtbildern die verschiedenen Schnell- und Mehr­fachtelegraphensysteme vor, darunter den Schnclltelegraph Sie­mens und Halske, 26000 Wörter vro Stunde, der jetzt zwischen Königsberg und Berlin erprobt wird.

Nach dem B. T. werden das preuß. und das würrtemb. Kriegsministerium, sowie einige Generäle Straf- antrag stellen gegen den Oberst a. D. Hu eg er, der seit Jahren in der Oeffentlichkcit behauptet hat, daß in einer Beschwerdesache gegen ihn, sowie in einem gerichtlichen und in einem ehrengerichtlichen Versa hren zahlreiche schwere Verstöße von hohen Offizieren und Be­amten begangen worden seien.

Neber die neue deutsche Arzneitaxe, die zum 1. April in Kraft tritt, erfährt diePharm. Ztg." Folgen­des: Die Taxe ist auf Grund der Oktoberpreisliste der Drogisten fertiggestellt worden, wobei etwaige erhebliche Preis­änderungen nachträglich noch Berücksichtigung gefunden haben. Das Prinzip der Paufchalberechnung der Arbeits­preise, wie es die hessische Arzneitaxe eingeführt hat, ist so viel als möglich zur Anwendung gekommen. Die Arznei­taxe sieht eine Gebühr für Dienstleistungen in der Nacht vor.

Lübeck, 7. März. An Stelle des jetzigen, lediglich von dem Nachweis einer dreijährigen Versteuerung von 1200 Mk. Einkommen abhängigen Wahlrechts für die Bürgerschaft Lübecks, hat die gemeinsame Kommission des Senats und der Bürgerschaft eine neue Vorlage bearbeitet, worin Abteilungs­wahlen vorgeschlagen werden. Die erste Abteilung soll alle Bürger umfassen, die ein Einkommen bis zu 2000 Mark während der letzten drei Jahre versteuert haben, die zweite Abteilung alle übrigen Wähler. Die erste Abteilung soll 105, die zweite 15 Vertreter wählen. Die Erneuerung der Bürger­schaft soll, wie bisher in der Weise stattfinden, daß je ein Drittel der Mitglieder alle zwei Jahre zu wählen sind. Ferner wird eine Verlegung der Wahlen vom Juli auf den No­vember vorgeschlagen.

Karlsruhe, 7. Mürz. Wie aus bester Quelle ver­kantet, liegt dem Großherzog ein Rücktrittsgesuch des Ministerpräsidenten v. Brauer vor. Ob es vom Großherzog bereits unterzeichnet wurde, ist noch nicht be­kannt. Als Nachfolger kommt Frhr. v. Dusch in Betracht, der sein bisheriges Portefeuille für Justiz, Kultus und Unter­richt beibehalten würde. Der Minister des Innern, Schenkel, soll das Ministerpräsidium ausgeschlagen haben. Die Ge­schäfte des Auswärtigen und des großh. Hausministeriums würden dem Ministerialdirektor v. Marschall übertragen werden. (Offiziös wird diese Nachricht als verfrüht be­zeichnet.)

Ausland.

London, 7. März. (Unterhaus.) Welby (kons.) fragt, ob die Landesverteidlgungskommission einen endgültigen Be­schluß darüber faßte, welche Streitmacht zur Verteidigung Englands unterhalten werden solle. Balfour erwidert, die Kommission sei der Meinung, daß das Eindringen in England in einer Stärke, mit der London genommen werden könne, außerhalb jeder Betrachtung liege. Tie Erwägungen, die für die Stärke der Trr.ppen, wie sie erhalten werden solle, in Betracht kämen, hängen nicht von der Frage der Verteidigung Englands, sondern von der bet Kolonien und noch mehr der Indiens ab-

Nach Handelsausweis für Februar zeigt die Ein­fuhr eine Abnahme von 1 265 582 Pfund, die Aus­fuhr eine Zunahme von 1 374 250 Pfund gegenüber dem Februar des Vorjahres.

Rom, 7. März. Der Papst richtete an Kardinal Svampa einen Brief, in welchem er daran erinnert, daß das Rundschreiben, welches Kardinal Merry de Val am 28. Juli 1904 an die italienischen Bischöfe richtete, darauf hinwies, daß die demokratische kirchliche Bewegung nur be­stehen könne, wenn sie unter Aufsicht der Bischöfe stände. Seit einiger Zeit seien durch die sogen, unab­hängigen christlichen Demokraten Streitigkeiten entstanden, die aus dem Verlangen nach einer falsch ver­standenen Freiheit die Disziplin zu brechen ver­suchten und nach gefährlichen Neuerungen strebten, die die Kirche nicht billigen könne und die zur Rebellion gegen die Autorität der Kirche geworden seien. Der Papst bedauert, daß so viele junge Leute dieser selbständigen christlichen Demokratie anhängen und ermahnt sie, denen zu mißtrauen, die sie ins Verderben führen wollen. Der Papst bedauert, daß es auch katholische Blätter gebe, die die Bischöfe, welche mit Recht die selbständigen Demokraten ver­urteilen, kritisierten. Der Papst mißbilligt den Kongreß der selbständigen Demokraten und ermahnt die wahren Katholiken, an dem Bolognaer Kongreß nicht teilzunehmen. Die Priester, die ungehorsam sind, würden den kanonischen Strafen ver­fallen. Der Papst drückt zum Schluß die Hoffnung aus, daß seine Klagen die Schuldigen zum Nachdenken veranlassen würden.

Budapest, 7. März. Graf Tisza erklärte in einem Interview, Ungarn habe keinerlei Aussicht, mit Deutschland selbständig einen Handelsvertrag ab- zuschlicßen. Aus diesem Grunde dürfe Ungarn in gar keinem Falle vor 1917 an Errichtung eines selbständigen Zollgebietes denken.

Aus Stad! uuS KanS.

Gießen, 8. März 1905.

** Auszeichnung. S. K. H. der Großherzog haben dem Mischmeister Binde wald zu Alsfeld, in Diensten der Tabakfabrik Theodor Köster u. Cie. zu Alsfekd, das All- gemeine Ehrenzeichen mit der InschriftFür treue Arbeit" verliehen.

** Tagesordnung für d i e Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung am Freitag nachmittag 5 Uhr. 1. Aufnahme eines neuen Anlehens. 2. Vergebung des Druckes der Schuldverschreibungen. 3. Baugesuch des Georg Grünig für die Henselstraße; hier: Dispens. 4. Ausbau der Goethestraße zwischen Stephan- und Henselstraße 5. Errichtung eines Theater- und Saal­baues. 6. Beschaffung von Räumen für die Bürgermeisterei. 7. Preis der elektrischen Energie zum Laden von Akkumulatoren bei Tag für Lichtzwecke. 8. Lieferung elektrischer Energie für das automatische und zoologische Institut der Landcsuniversität. 9. Vergebung der Tagesfuhren für 1905. 10. Desgleichen der Lieferung von Basaltpfiastersteinen. 11. Desgleichen von Piasavabesen. 12. Beschaffung eines Lichtpausapparates fürs Tiefbau- und Vermessungsamt. 13. Veranlagung zur Gemeinde-Einkommensteuer.. 14.. Ver­pachtung der Gemeindejagd; hier: Uebertragung des Pacht­verhältnisses des Hauptmanns a. D. Cramer auf Karl Buderus.

Kriegsgeschichtliche Wanderung durch Gießen und Umgegend. Es wird von vielen unserer Leser begrüßt werden, daß diese in denGießener Familien- blältern" veröffentlichte Schrift des Hauptmanns Mohr vom Infanterie-Regiment Nr. 116 nunmehr auch in Buchform vorliegt. Das Büchlein ist hübsch ausgestattet und wird von der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckeret zum Preise von 50 Psg. abgegeben. Der Gesamterlös wird dem Museum des Oberhessischen Geschichtsvereins übermittelt werden.

** Der gestrige Fast nacht-Dienstag zauberte in unserer Stadt die gewohnten Bilder hervor. Vormittags der Mummenschanz und das Freudengeschrei der Kinder und nachmittags bis abends die Umzüge auch vieler mas­kierter Erwachsenen. Hauptsächlich der Seltersweg! war auch in diesem Lahre der Schauplatz eines außerordentlichen Treibens. Wer zählt die Völker,-nennt die Namen" und vermag all die ulkigen Gestalten im einzelnen aufzuzählen, die sich da durch die Menge drückten! Der leise Regen, der vormittags eingetreten war, hat dem frohen Faschings-- treiben keinen Abbruch getan. Wer von den zahllosen/ Menschen, die sich durch unsereHauptverkehrsader" dräng­ten, nicht selbst sich in ein närrisches Gewand steckte, der be­tätigte seine Ausgelassenheit durch Konfettiwerfen und ver­gnügte sich mit dem- Anblick der zum Teil originellen- Maskenscherze und Gruppenaufzüge. Da erregte besonders diestädtische Schnake nvertilgungskom- mission" heitere Aufmerksamkeit. Diese Herren, aus^ gerüstet mit allen erforderlichen Gebrauchsgegenständen, besorgten ihr dankenswertes Geschäft mit rührender Energie, inoem sie sogar über ihr Wirken Buch führten und" genau die Zahl der an den Wänden getöteten Stechinsekten, gesondert nach Alter und Geschlecht, in ihre Listen eintrngen. Das Publikum konnte sich von den enormen Erfolgen selbst über­zeugen. Auch der Transport des jüngst viel genannten Raubmörders vollzog sich mit Anteilnahme von Schau»- lustigen. Die große Mehrzahl derer, die sich ein närrisches Aeußeres beilegen wollten, begnügte sich mit der Anlegung tren auffallenden Stromer- und Großmuttergewändern re. Die musikalischen Darbietungen auf der Straße waren höchst ungewöhnlich. Man gewahrte da beispielsweise in den spaten Abendstunden einen Aufzug von seltsamen Musi­kanten, die in der Gartenstraße "im Beisein nur einzelner' Passanten mit höchstem Ernst auf vorsintflutlichen Instru­menten musizierten und den verwunderten Zuschauer irr eine eigentümliche Kulturwelt versetzten, die durch die Aus­schaltung jeden Gegensatzes zwischen Scherz und Ernst im Grunde gar nichts närrisches mehr an sich trug. D'er ftrrchb- bare Dreck auf der Straße.war für ihren Marsch 'kein Hinder­nis. Abends spielte sich in den Restaurants und Easös der Stadt bas gewohnte karnevalistische Treiben ab, und bei allem Uebermut, der sich allenthalben entwickelte, kamen doch keinerlei Ausschreitungen vor, und die Aschermittwochs­stimmung wird dirrch keinerlei schlimme Betrachtungen ge­trübt.

** Die Ministcrial-Abteilung für öffent­liche Gesundheitspflege hat, wie dieD, Züg." hört, am 28. v. M. das nachstehende A u s s ch r e i b e n an 'die Grosth. Kreisgesundheitsämtex erteilen, das die,

Aufmerksamkeit der nM der Handhabung Der Gesunvyen^ Polizei betrauten Organe des Staates auf eine Unsitte lenkt, deren Beseitigung im'. Interesse der öffentlichen Gesunde hcitspflege mit alleml Nachdruck gefordert werden muß:

Es kann Ihrer Beobachtung nicht entgangen fern, daß in den letzten Jahren in zunehmendem Maße bei festlichen Gelegenheiten, bei welchen sich ein zahlreiches Publikum in den Straßen sowie in öffentlichen Festlokalen zu ver­sammeln Pflegt, sich nicht wenige Personen das zweifel­hafte Vergnügen machen, Vorübergehende durch Be­rühren des Gesichts mit Pfaufedern, Feder­wedeln usw. zu belästigen. Abgesehen davon, daß diese Manipulation, wenn nacheinander bei einer Reihe von Personen mit demselben Gegenstände ausgeführt, höchst ekelerregend ist, können auf diese Weise auch Infek­tionskrankheiten aller 'Art übertragen werden. Wissen wir doch mit einer Bestimmtheit, daß die Erreger gewisser nicht ungefährlicher Krankheiten, wie z. B. die der Influenza, der Diphtherie, der Lungenentzündung usw. im Nasenschleim enthalten sein können. Falls Sie dieser Angelegenheit noch nicht Ihre Aufmerksamkeit zuge­wendet haben sollten, empfehlen wir Ihnen, in Beneh­men mit der Polizeiverwaltungsbehörde in Erwägung zu ziehen, ob und in welcher Weise einer Unsitte zu be­gegne:! sei, welche in gesundheitspolizeilicher Hin'icht zu den ernstesten Bedenken Anlaß geben muß. Heber die von Ihnen eingeleiteten Verhandlungen wollen Sie uns dem­nächst Bericht erstatten.

** Wettert alb ahn. Die erfreulichen Aussichten, welche sich für die Wettertalbahn durch die Erklärungen! des Finanzministers in der Kammer eröffnet haben, be­stätigen sich, so schreibt derBad-Nauh. Anz>", durchs die weiteren Schritte, welche das Großh. Ministerium jetzt ver­anlaßt. Bereits am morgigen Donnerstag findet eine Be- reifnng der vorgesehenen Streckie durch! Mitglieder« des Großh.., Finanzministeriums statt, um das von dem Bahnkomitee ein gereichte Projekt an Ort und Stelle zu prüfen.

Butzbach, 7. März. Der hiesigen Faselmarkt» ko m Mission ist die Erlaubnis erteilt worden, zu der öffent­lichen Ausspielung von Ferkeln, Rindern, Geflügel und Geräten, die mit Genehmigung der Großh. Hess. Negierung bei Gelegenheit des am 16. März d. Js. in Butzbach statt­findenden Faselmarktes veranstaltet werden soll, auch ml Kreise Usingen Lose zu vertreiben.

* Florenz, 7. März. Tue Gräfin Montignosd. verließ ihre Villa und nahm mit der Prinzessin Monita! und deren Bonne in Fiesole im HotelAurora" Wohn-» ung. Die Gräfin entließ einen Teil ihrer Dienerschaft.

* Erinnerungen eines Diplomaten än den St. Petersburger Hof. Vor wenigen Tagen ist in' Frankreich int hohen' Alter von 84 Jahren der Graf deRei - s e t gestorben, der zurzeit des zweiten Kaiserreiches dessen diplomatischen Korps angehörte und in dieser Eigenschaft auf den verschiedenen Posten, die er inne hatte, in St. Petersburg, Turin, Paris, Darmstadt iuil) Hannover er war der letzte H,'anzösischr Gesandte am Welfenbofe -- Gelegenheit hatte, mit den bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Ieit in nahe Berührung zu treten. Im Jahre 1852 als Geschäftsträger nach der russischen Hauptstadt ge­schickt, sah er den Zaren Nikolaus I. damals noch auf der Höhe seiner ganz Enropa dominierenden Machtstelungu de Reiset hat höchst interessante Aufzeichnungen hinterlassenl Ein aktuelles Interesse bieten diejenigen Abschnitte der Er­innerungen, in denen er von Korruption am Petersburger Hofe und von dem mangelhaften Zustande der russischen Streitmacht, namentlich der Marine, berichtet. Als der Großfürst-Thronfolger, nachmals Alexander II., seine Hochzeit mit der Prinzessin Marie von Hessen gefeiert hatte, erhielt ein Schiff der Kriegsflotte den Befehl, oen Prinzen von Preußen (Kaiser Wilhelm I.) nach Stettin zurückzubringen. Unterwegs versagte diesem Schiff die Ma­schine und 'man mußte sich mit Segeln behelfen. Mit betten verstanden aber weder Offiziere noch Niannschast umzugehen, sodaß das Fahrzeug einen ganzen Tag lang führerlos den Wellen preisgegeven war und rettungslos zu Grunde gegangen wäre, wenn nicht der Zufall dasjenigs Kriegsschiff, mit dem der Großfürst-Tbronfolger sich gleich­falls tiach Stettin begab, vorbeigeführt hätte, das den Prinzen von Preußen danrl aufnahm.

* Kleine Tagesck»ronik. Ter bei der Firma Gebrüder Kampmann in Wattenscheid bei Essen er. d. R. angestellte Bureaubeamte Sartor erhob auf einnt gefälschten Check von der Reichsbank in Gelsenkirchen 40 000 Mk. und wurde flüchtig..In Köln wurde er verhaftet. Ter spanische DampferVilla Leire", von Middlesborough kommend, mit der Bestimmung nach Genua, ist 25 Meckert von der Küste gegenüber Aveiro gekentert. Schiff und Ladung sind verloren. 12 Leute der Besatzung find gerettet, 13 werden vermißt. In Lhon wurde ein Engländer und feine Viaitresse verhaftet, welme verdächtig sind,, eine Halbwelt­dame, die seit dem 10. Februar verschwunden ist, ermordet zu haben. Eine Haussuchung ergab die Richtigkeit der Vermutung Tie Leiche mi't'K* in e'N"n, B-rnnn'"n anfn^sundm.

Schwurgericht.

th. Gießen, 8. März.

In der gestrigen Sikung verhandelte das Schwurgericht gegen den rmbestraften, 23 Jahre cckten Dienstrnecht Raul Berk, ge­bürtig aus Schlitz, zuletzt in Lauterbach wohitbaft, wegen Sttt- lichkeitsv erbrechens. T>en Anträgen des Staatsanwalts folgend, gaben die Geschworenen ihren Wahrsvruch dahin ab, daß der Angeklagte schuldig sej, daß ihin aber mildernde Umstände zu bewilligen seien, worauf der Gerichtshof auf eine Gefängnis- !träfe von 2 Jahnen nnt> dr-ckäb^n-'-m Ebrn-i-<n^ erkannte.

L^erilLlssaal.

n. Gießen. 7. März. Die Strafkammer fällte heuü ent Urteil, in welchem das Vorgehen zweier Schutzleute zu Bad-Nauheim scharf getadelt wurde. Llls eines Abends eine Anzahl Gäste eine Wirtschaft verließen un.d sich laut unterhaltend auf dem Heimweg befanden, sahen sieb zwei Schutzleute veranlaßt, einzuschreiten. Sie griffen tnt§ dem Trupp drei Studierende des Friedberger Tecknikums heraus und sistierten sie unter Zuhilfe­nahme eines Metzgers auf die Wache zur Feststelbing ihrer Namen. Unterwegs wurde der Studiosus Val. K. von dem Metzger ohne jegliche Veranlassung mit der Faust auf ein Ohr geschlagen; auch fehlte es nicht an Rippenstößen von feiten der Polizei. Hierbei soll K. seinen Stock erhoben haben, was Anlaß zur An­zeige wegen Widerstands gab. Auf die Aussagen der Schutz­leute wurde er «aruch durch das Schöffengericht zu 10 Mk. Geld­strafe verurteilt, von der Mklage der Ruhestörung wurde er narft seinen Kameraden frei gesprochen. K. sowohl, als auch die Staats­anwattschaft fochten dieses Urteil an, der Zuerstgenannte int Be- wußtsein seiner Uustbuld, und letztere, um Verurteilung aller herbeizusühren. Tie Beweisausnahme vor dem Berufiingsgericht gestaltete sich sehr zu gunften der Gewerbeschüler, sodaß der Staatsanwalt beantragte, die von ihm eingelegte Berrifung zurück­zuweisen, mit der Begründung, daß keineswegs eine strafbare Hand­lung erwiesen sei. Tie Ruhestörung set durch das Eingreifen der Sch-utzleute veranlaßt worden; wäre eher am Platze gewesen,