namenS bcS ^taatSrnmistcriumS abgegebenen Erklärung, wonach die preußische Negierung bereit ist, die geeignetsten Schritte zu tun. um die der Beseitigung der Ungleichheit etwa entgegcnsteben- den. aus der jetzigen Lage des öffentlichen Rechtes sich ergebenden Schwierigkeiten auö dem Wege zu räumen.
Erst wenn die preußische Regierung mit bestimmten Anregungen an daS Reich berantrctcn sollte, was bisher nicht geschehen ist. wurde für die Organe deS Reichs Veranlassung gegeben sein, zu diesen Anregungen selbst und insoweit mich zu der allgemeinen Frage der Einführung von Abgaben ans den natürlichen Vinnen- schisfabrtSstrasten in Preußen sachlich Stellung zu nehmen.
Auf Antrag deS Abg. Dr. Müller-Sagau findet Besprechung der Interpellation statt.
Abg. Dr. David (Soz.): Die ganze Agitation für die Einführung von SchiffaörtSabaaben rührt nur von den Agrariern her. Sie sind stets Feinde der Wasserstraßen gewesen, da sic in ihnen Einfalltorc für die Einführung den ausländischem Getreide sehen. Der ganze Anstoß ist zuerst gegen den Rbein gerichtet, dies zeigt ja auch der Antrag von Hcvdeorand. der den Kanal erst dann gebaut wißen will, nachdem die Abgaben auf dem Rhein eingeführt llnd. Man will sogar so weit geben, daß man all da§. was m den letzten 25 Jahren für den Rhein geschehen ist, mit in diese ?lb- gaben hincinbeziehen will. Der Abg. Herold hat sogar gesagt, der Rhein sei keine natürliche Wasserstraße mehr, er hat sich im Interesse einer „nationalen Wirtschaftspolitik für hohe Abgaben für ausländisches Getreide ausgesprochen. Wenn diese Herren von nationaler Wirtschaftspolitik reden, so meinen sie bekanntlich eine Politik zu Gunsten der kleinen Minderheit der Großgrundbesitzer. Dieser verkehrsfeindliche Tarifabsvlutismus kommt in zweiter Linie auch noch den preußischen Eisenbahnen zu gute, in erster aber steht da? Interesse der ostpreußischen Junker. Das Ganze zeugt davon, daß man entweder dem Reichstag eine unglaubliche Naivität zu traut, oder es liegt eine bewusste Verhöhnung des Reichstages und der öffentlichen Meinung vor. früher hat sich die preußische Regierung energisch gegen die Einführung von Abgaben ausgesprochen. Die heutige Erklärung des Grafen VosadowSkv stebt damit in krassem Widerspruch. Unbegreiflich ist es, daß bei der klaren Stellungnahme des Reichskanzlers im Jahre 1903 der Minister von Budde so reden konnte. Der Minister sprach von „formellen Bedenken". Aber davon ist gar keine Rede, das ganze Haus ist einmütig der Meinung gewesen, daß ohne Verfassungsänderung keine Abgaben erhoben werden dürften. Namentlich der Abg. Windthorsr trat dafür ein. Ganz in demselben Sinne sprach auch der Reichskanzler. Heute aber macht sich die Regierung all die Interpretationen zu nutze, die von den Konservativen aufgebracht sind. Da kann man wirklich sagen: Welch eine Wendung durch Gottes Fügung. (Heiterkeit.) Der Reichskanzler ist kein Kon- segucnzmann. Der Staatssekretär sagte, es sei noch kein Antrag von der preußischen Regierung eingegangen, Abgaben auf dem Rhein zu erheben, sie^ scheint also zu meinen, dich Abgaben auf dem Rhein der Verfonung nicht widersprechen. Darin besteht sa gerade die ganze prinzipielle Differenz.
Welchen' Zweck sollen denn die Schiffahrtsabgaben dienen? Angeblich sollen sie der Landwirtschaft nützen. Aber 90 Proz. aller Landwirte babcn nichts davon, alle Bauern, Kleinbesitzer usw. Nur die ostelbischen Großagrarier, die sind die einzigen, denen sic zugute kommen. Und wegen dstser paar Großgrundbesitzer soll der ganze deutsche Verkehr liegen, soll unsere ganze wirtschaftliche Entwicklung einer großen Gefahr ausgesetzt werden! Das deutsche Volk wird dann wenigstens erkennen, w o der innere Feind sitzt. Es wird sich ein Sturm der Entrüstung erheben, und in diesem Sinne kann ich Cs eigentlich gar nicht bedauern, daß Sie (nach rechts) so offen Ihre Karten aufgedeckt haben. (Beifall bei den Soz.)
2lbg. Oscl (Zenir.): Die Herren (nach links) kämpfen gegen Windmühlen. (Lach-en bei den Soz. Zuruf: Jntcressenpolitik!) — Ack, meine Interessen, die ich bei der Sache hab:, können Sie, weiß Gon, mit 20 Mark kaufen! (Große Heiterkeit.) Sie haben den Zollvereiusvertrag und den Art.54 der Reichsverfassung offenbar gar nie, zu Ende gelesen. Sie können aus dem Umstand, daß für die Beschiffung keine Abgaben erhoben werden dürfen, nicht gleich schließen, daß nun überhaupt keine Abgaben erhoben werden dürfen. Es ist gesagt worden, daß durch die Erklärung des Rtichs- kanzlerS die Sache noch keineswegs klarer geworden sei. Ich kann das nicht finden. Der Reichskanzler hat ausdrücklich den natürlichen Wasserstraßen die Kanäle und kanalrsrerten Flußläufe gegenübergeftellt. Also die fanalifierten Flüsse werden den Kanälen gleichgestellt. Auch wir sind der Meinung, daß es zulässig ist, Ströme, die auf größeren Strecken durch Meliorationen den Eha- rakter künstlicher Wasserläufe erhalten haben, auch als künstliche Wasserstraßen hinsichtlich der Abgaben zu behandeln. Weshalb jetzt diese Erregung bei den Herren auf der Linken? weshalb mit einmal dieser Alarm^gegenüber der Verteuerung des Verkehrs? Wenn die rheinischen c-chiffahrtsgesellschafteii sich zusammenschließen zu einem mächtigen Verbände und die Frachtpreise in die Höhe treibet, da rührt sich nichts, da lassen di: Herren nichts von sich hören undd as ist doch mindestens eine so große Erschwerung, wie die durch
Abgaben sein wurdet 9htn sagt Herr Dr. David wieder: nur die preußischen Junker haben den Nutzen von den Schiffahrtsabgaben. Immer ba5 alte Lied: Nur die preußischen Junker profitieren von den Zöllen, von den Wgaben! Ja, halten Sie uns Bayern denn im Eriist wirklich für so dumm, daß hrir Zolltarif und Schiffahrtsabgaben nur um der schönen Augen der preußischen Junker willen mitnmdjcn? O nein, wir wissen es eben besser, als Herr Dr. David. Wir wissen, daß auch die kleinen Bauern den Nutzen davon haben. Wenn ich ganz offen sein soll, so will ich, ruhig daS eine sagen: ich und meine Freunde, wir wollen am liebsten sogar, daß d e r g a n z e A r t i k e l 54 d e r N e t ch s v e r f a s s u n g g c ä ii- b er i wird. (Hört, hört!) Wir möchten solche Abgaben gerne cinführen, wie Sie sie fürchten, weil wir sehen, daß gerade die natürlichen Flüsse es sind, die die ausländische Konkurrenz immer wieder ins Land bringen Sie sehen, ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube (Beifall rechts.)
Abg. Gotbein (frs. Verein.): So etwas von Drumrumsprechen um eine Sache, wie die Ausführungen des Vorredners, das ist mir noch lischt vorgekommen. Es handelt sich doch hier um die Frage: Ist es rechtlich zulässia, Abgaben auf Flußläufen zu erheben? DaS Zentrum hat seinerzeit bei der Weserkorrektioii einstimmig durch den Abg. Windthorst erklären lassen: auch nach der Korrektion bleibe die Weser ein natürlicher Wasserlauf, aus dem nach Art. 54 keine Abgaben erhoben werden dürfen. Und heute? Jetzt hat Herr Cfcl den direkt entgegengesetzten Standpunkt. Und Ivie, motiviert Herr Ofel diesen vollendeten Umfall? Durch die ausländische Konkurrenz! Das soll ein rechtlicher Grund sein! Weil ausländisches Getreide hereinkommt, deswegen soll plötzlich der Art. 54 einen anderen Sinn bekommen! So sieht die Argumentation deS Zentrums von heute aus! Zur Sache selbst. Die heutige Erklärung des Grafen Posa- dowskv war so vieldeutig, daß sic garnichts bedeutete. Die Erklärung des Reichskanzlers vom Dezember vorigen Jahres, die war klipp und klar und ich habe ihr auch Glauben geschenkt, obgleich ich wußte, daß der Minister von Budde über eine Resolution des Vinnenschiff- fahrtsvereins, die feste Hoffnung ausgesprochen hatte, daß an dem Artikel 54 der Reichsverfassung nicht gerüttelt werden würde, im höchsten Grade enttüstet war. (Hört, hört!) Tic süddeutschen Einzelstaatöregierungen waren auch in helles Erstaunen,geraten über diese Erklärung des Herrn von Budde, und wie ich weiß, ist die Erklärung deS Reichskanzlers gerade extrahiert wordcn durch diese süddeutschen Staaten, die über die Erklärung des Herrn v. Budde stark verschnupft waren. (Hört, hört!) Nun der Reichskanzler ist wie männiglich bekannt, kein Konseguenzmann. (fr,faßt,_ ich kann auch anders, wenn ich sehe, daß cs mit dem Kanal sonst schief geht, dann kann man ja auch andere, Erklärungen abgeben und da kamen die Erklärungen bestrafen Posadowskv im März und die verschiedenen Erklärungen des Ministers von Budde, die ganz etwas anders sagten als die des Reichskanzlers. Der Reichskanzler ist ein gewandter Mann, er wechselt die Überzeugungen über die Auslegung der Reichsverfassung mit solcher Geschwindigkeit, wie er die Uniform wechselt, wenn er zu Hofe gebt oder in eine fremde Gesandtschatt. Es ist doch einfach eine Absurdität zu sagen, daß die Erklärung des Reichskanzlers im Einklang stehe mit den Erklärungen des Ministers von Budde. Minister von Budde macht ja auch aus seinem Herzen keine Mördergrube.
Er hat neulich gesagt, wenn das wirtschaftliche Interesse die Erhebung von ?lbgalien erfordert, so habe ich auch das Zutrauen zu unseren Rechksgclehrten, daß sic einen Ausweg schon finden werden. Sehr schmeichelhaft ist diese Aeußerung für unsere RechtS- gelehrten ja nicht. Er stellt unsere Rechtsgelehrten dar alS Leute, die Gutachten und Schlechtachten abgeben, je nach Verlangen, die rechts und links schreiben können. Wie soll das Rechtsbewußtsein im deutschen Volke erhalten bleiben, wenn einfach ein Minister legt, geht es nicht so, dann werden unsere Reckstsgelehrten schon einen Ausweg finden. (Sehr wahr. Zuruf bei den Sozialdemokraten: Rechtsverdreher!) Ja. trenn er Rechtsverdreher gesagt hätte, da wäre ja alles von vornherein klar. Doch zur Sache weiter! Preußen erhebt jetzt schon auf seinen märkischen Wasserstraßen Abgaben. Wenn Bremen das aber auf der Weser tun wollte, müßte erst das Reichsgesetz geändert werden. Die Rcichsverfassung gilt also nur für die kleinen Staaten, nicht für Preußen! Und dabei soll der preußische Ministerpräsident, der Reichskanzler, doch Hüter der Verfassung fein! Der Minister Budde hat gesagt, fein Mensch hätte je Widerspruch gegen die märkischen Abgaben erhoben. Das ist nicht wahr! Ich habe wiederholt im Abgeordnetenhause dagegen Widerspruch erhoben und sogar gefordert, daß die Oberrechnungskammer diese Einnahmen mal prüfen sollte. Friedrich Wilhelm I. war ein großer König, der die Wasserstraßen sehr pflegte. Wenn der jetzt wieder aus dem Grabe stiege und sähe, was seine Nachfolger tun, ich glaube, er würde mit seinem Krückstock nicht bloß drohen. (Heiterkeit.) Auch das staatliche Schleppmonopol widerspricht der Verfassung. Demi die Verfassung gestattet nur Abgaben, die Neichsgewerbeordnung aber untersagt Monopole. Also wieder Preußen gegen daü Reich! Nach der Erklärung des Zen« trumSredners fann ich in dieser Frage keine Hoffnung auf den Reichstag setzen. Ich hoffe aber, daß im BundcSrat mehr Ver
ständnis herrscht, 14 Stimmen werden sich Wohl noch finden, bf£) einer Aend<kruug des Artikels 64 widersprechen. (Beifall links.)
Abg. Wallbrecht sntl.): Worum handelt cS sich denn? ES gibt Leute, die möchten die Zustände haben wie in Frankreich, überhaupt keine Abgaben. Das wäre ganz.gut, wenn unser Kanalnetz fertig wäre, aber wir müssen es weiter ausbauen und Opfer bringen. Von Kanälen müssen wir Abgaben erheben, und da wäre es eine Ungerechtigkeit, die natürlichen Wassersttaßen, die auf Kosten der Sreuermhler ausgebaut werden, frei zu lassen. Ein Ausgleich muß geschaffen werden. Auf Friedrich den Großen kann man sich nicht berufen, die Verhältnisse haben sich seitdem vollständig geändert. Gerade im Interesse unserer Verkehrsentwickelung liegt es, daß lüir Schiffahrtsabgaben cinführen, damit wir die Wasserstraßen auf die Höhe bringen, auf die der moderne Verkehr die Schiffahrt stellt. Ich hoffe, die preußische Regierung wird einen Weg finden, der den Ausgleich möglich macht.
?lbg. Graf Limburg-Sttrum (kons.):Nur aus finanziellen und Billigkeitsgründen sind wir für die Abgaben cingetreten. Auf die verfassungsrechtliche Frage will ich hier nicht eingehen. Es Han-' dclt sich doch nur darum, was man unter „besonderen Veranstalt fungen" versteht, ob man Vertiefungen. Baggerungen, und Buhnen darunter versteht, oder nicht. Tie Rede des Staatssekretärs. war einigermaßen mvthisch. Ick persönlich meine, daß man auf den natürlichen Wassersttaßen Abgaben erheben kann, die uns die Zinsen und die Amortisatton des aufgewandten Kapitals bringen, ohne die Reichsverfassung zu verletzen. Wie die Abgaben aber die Schiffahrt ruinieren können, verstehe ich nicht.. Die Abgaben sind doch sehr gering, sie sollen z. B. auf dem Rhein nur 0,04 Pf. für den Tonnenkilometer betragen, d. h. also bei einer Entfernung von 500 Kilometer nur 20 Pf. Die Schiffahrt würde nicht unter den Llbgaben leiden, sondern sich heben. In Preußen wenigstens würden wir uvs hüten, zu bobe Mgaben zu erheben.
Abg. Lattmann (Antis.) hält die Einführung von Schiftahrts- abgaben* * für eine sozial gerechte und national gesunde Maßnahme. Selbst der Abg. Richter habe 1894 gesagt, daß man auch auf den Wassersttaßen das Prinzip von Leistung und Gegenleistung berücksichtigen müsse. Die Abgabenfreiheit käme nur den ausländischen Schiffahrtsgesellschaften und ausländischen Produtten zu gute.
Abg. Haußmann (südd. Vp.): Ms man die Rcichsverfassung schuf, sab man gerade in der Abgabenfreiheit auf den deutschen Flüssen eine nationale Tat. Nun soll mit einem Mal das Gegenteil der Fall sein. Wir halten die Abgabentteiheit nach wie vor für im Interesse der Volkswohlfahrt liegend: sie kommt nicht nur Handel und Sckiffahrt, sondern allen Verbrauchern, also der gesamten Bevölkerung, zu gute. Nur agrarische Begehrlichkeit imd fiskalische Unersättlichkeit wollen Abgaben auf unseren deutschen Strömen!
Nach Ablehnung eines von der Rechten eingebrachten Vertagungsantrags macht
Abg. Dreeöbach lSoz.) darauf aufmerksani, daß in ,23 ab en daS Zentrum sich gegen Sckiffahrtsabgaben erklärt hätte: diese dienten in der Tat nur großagrarischen Interessen. Wir lebten eben 'nicht im Zeichen des Verkehrs, sondern im Zeichen des Verkehrten. (Lacken rechts.)
Abg. Dr Beumer sntl:): Ich bin der Meinung, daß innerhalb des Art. 54 der N.-V. Abgaben nickt erhoben werden können in dem Umfange, wie sie von der preußischen Negierung beabsichtigt werden. Wollen wir die früher auf die Meliorationen ange- manbren Kosten wieder zurückbekommen, so wäre es ungerecht, sie lediglich der Schiffahrt zur Last zu legen; dann müssen wir auch die Landwirtschaft dabei beteiligen, die von den Meliorationen Pro- fitiert hat. Eine amtliche Denkschrift betont ausdrücklich: wären die Ufer des Rheinstrmnes verwildert, fo würde die anliegende Landwirtschaft alljährlich sckwer geschädigt werden. In früherer Zeit, als auf dem Rhein noch Abgaben erhoben wurden, überstiegen diese stets die Ausgaben um ein Bedeutendes. Also argumentiere man dock nickt mit den Ausgaben! Die Opfer, die der preußische Staat für diese Meliorationen gebracht hat, haben die Steuerfähigkeit des ganzen Landes in so ungeheurer Weise gehoben, daß der Staat durch Die Mehreinnahmen au Steuern die Kosten weit, weit wieder cingebracht bat. Die Abgabenfreiheit auf den Wasser-! laufen geschieht nicht auf Kosten, sondern zum Ntchen der Steuer-' zahler! Dieser Grundsatz ist auch in Frankreich anerkannt worden/ Dies ist auch mein Standpunkt, der gleichzeitig der des größeren Teiles meiner Freunde ist. (Beifall bei den Nationalliberalen.)
Nach weiteren Bemerkungen der Abgg. Osel, (Motbein, schließt, die Besprechung.
Abg. Dr. Sattler (natl.) beantragt hierauf Vertagung.
Abg. Dr. Mnller-Sagan (freif. Vv.) erklärt, daß er vorhin gegen die Vertagung gewesen sei, um den Regierungsvertretern Gelegenheit zu geben, die Erklärung deS Grafen Posadowskh authentisch zu interpretieren. Nachdem dies jedoch nicht geschehen sei, sei auch er für Vertagung. (Heiterkeit.)
Das Haus vertagt sich auf Dienstag 1 Uhr. (Inter» pellation T r i m b o r n bett. Zehnstundentag.)
Schluß 6Yi Uhr.
Scchstcs Konzert des Kicßcner Konjcitvercius.
Gießen, 7. Februar.
Mir Schubert begann, mit Earl Maria v. Weber endete das Programm des letzten Vereinstonzertes. Zwischen den, je in einer geschlossenen Einheit zusammengestellten Liedern des „Klassikers des Liedes" und seines Zeitgenossen, des als Lyriker im Konzertsaale nur selten gehörten Komponisten des »Fresschütz", eine glänzende Perlenkette von Kompositionen Hugo Wolfs, des nur zu früh dahingegangenen Sängers des modernen Liedes. Ties Programm bedeutete wieder, was wir neuerdings schon wiederholt freudig bei Veranstaltungen des Konzertvereins hervorheben konnten, ein Fortschreiten auf 'dem Wege, jedem Konzcrtabend wirklich ein „Programm", d. h. eine einheitliche Idee zu Grunde zu legen. Als solches sei es hier gedacht, mag auch vielleicht die Zusammenstellung der Lieder diesmal ein gut Teil auf Rechnung ihrer Interpretin, des gefeierten Gastes des Abends, zu setzen sein. Der Name der Fran Kammersängerin Herzog hatte ein volles Haus versammelt, das mit gespanntester Aufmerksamkeit ihr Auftreten erwartete, um dann, fast vom ersten Ton an, im Banne dieser wunderbaren Kunst gefesselt zu bleiben. Ja, mit Spannung hatte man ihrem Auftreten entgegengesehen, waren doch auch manche Stimmen laut geworden, die von Frau Herzogs berühmter Gesangskunst als von einem „c§ war einmal" sprachen, die an „Sterne" erinnerten, die wir hier schon oder besser erst gehört, nachdem sie „Sterne" gewesen. Von den Besuchern' des letzten Konzertes dürfte wohl keiner mehr dieser Meinung sein; unbestritten war der wirklich herzliche, begeisterte Beifall des Publikums, dem der Konzertverein offiziell durch Ueberrcichung eines Blumenarrangements sich anschloß. Wunderbar ist die Kunst der Frau Kammersängerin Herzog, ergreifend und fesselnd. Und dazu prächtige Mittel: eine Stimme, die alle Töne, alle Nuancierungen umfaßt, die namentlich im Piano als Kopfstimme von einem einzigartigen weichen Zauber ist, anderseits zu wuchtigem Klang anzuschwellen vermag und nur bei schärfstem Aufmerken hin und wieder leise Anzeichen erkennen läßt, daß sie einst noch schöner gewesen sein muß.
Frau Herzog sang zuerst fünf Lieder von Schubert, die "beiden ersten für meinen Geschmack mit ein klein wenig zu viel Kunst Es schien fast, als könne sie selbst sich von
ihren in zartestem Piano glockenllar dahinschwebenden Tönen manchmal nicht trennen. Herrlich kamen die drei weiteren Lieder heraus; so Schubert zu hören, ist ein seltener Genuß. Auf Schubert, dessen meist auf einer einheitlichen Stimmung aufgebaute, mit dem Herzen geschriebene, aus einem unerschöpflichen Mclodienquell geschöpfte Kunstlieder das Wesentliche in die schöne Wiedergabe der Melodie legen, folgte Hugo Wolf mit seinen fein charakterisierenden, fast Wort für Wort malenden Vertonungen vierer Gedichte seines Lieblings Aiöricke und des Goetheschen „Frühling übers Jahr'^. Die fünf Kabinettstuckchen stellten der Sängerin eine überaus lohnende aber schwierige Ausgabe, die sie glänzend löste; mögen» d^i einen mehr die neckischen „der Knabe und das Jmmlein^ oder das berühmte „ Elfenlied", dem anderen mehr das frühlingsduftige Goethesche Lied, das leidenschaftliche „Frage und Antivort", oder das kapriziöse, schelmisch ausklingende „Nimmersatte Siebe* zugesagt haben; ich fand sie alle gleich vollendet.
Daran reihten sich endlich die Weberschen Volkslieder, meist einfache Weisen, aber gerade dadurch von einspinnendem Zauber. Gerade für sie hatte ich wirklich ein bischen Angst — beim Volkslied kann „Kunst" ja alles verderben, ihm den zarten Schmetterlingsstaub von den Flügeln nehmen. Und dann war ich so tief beschämt; das einfachste, ja das fast monotone Volkslied „Heimlicher Liebe Pein" ivar die Krone des Abends, war lauterstes Gold. Erst das letzte Lied des Programms, das sinnlich frohe Tanzlied, das mit sprühender Verve vorgetragen wurde, vermochte die Stimmung des Volkslieds wieder zu lösen. Den unermüdlichen Beifall der hingerissenen Hörer lohnte Frau Herzog mit der Zugabe des Schubertscheu „Heideröslein".
Der zweite Solist des Abends, Herr Dr. Neitzel- Kölu, ist als vornehmer, fein empfindender Pianist, der Virtuosentum verschmäht, der musikalischen Welt wohl bekannt. Diese seine Vorzüge ließ auch sein gestriges Auftreten erkennen. Mit der das Konzert einleitenden Toccata von Bach, die mir in der plastischen Herausarbeitung und Verknüpfung ihrer Themen einen großen Genuß bereitete, vermochte Ncitzel anscheinend das Publikum nicht recht zu er- wärmen. In der Wiedergabe der Beelhovenschen D-nwll- Sonate op. 31 Nr. 2 war die Auffassung bisweilen sehr frei, aber jedenfalls stets durchdacht, vielleicht manchmal mehr
durchdacht als gefühlt. Sehr wohltuend berührte das Durchspielen der einzelnen Sätze bezw. das Durchhalten der Pausen; möge dieser vornehme, dem Geiste des Werkes gerecht werdeyde Geschmack vorbildlich wirken. Im zweiten Teil seines Programms brachte Neitzel drei Eharakterslücke von Liszt, Brassm^ Chopin; er spielte sie mit großer technischer Bravour und feinem Verständnis. Ganz besonders aber kam die durchgeistigte Llrt Neitzels in der Begleitung der Lieder zur Geltung. Die entzückende Kleinmalerei der Wolf'schen Lieder arbeitete er prächtig heraus. Auch er dankte dem Publikunr für seinen Beifall durch eine Zugabe, „Impromptu*, von Schubert.
*
— Nach der „Tägl. Rundschau" ist der berühmte Maler Adolf v. Menzel bedenklich ertrankt. Beängstigende Schlafsucht^ macht sich bemerkbar. (Menzel steht im Alter von 90 Jahren. D. Red.)
Kiel, 2. Febr. Vor zwei Jahren beschlosseii die Stadtkollegieit den Bau eines der Größe und dem Ansehen Kiels entsprechenden städtischen Theaters und bewilligten 1,3 Millionen, Mark zur Ausführung des Baues. Run sind die vom Baurat Reeling in Berlin entworfenen detaillierten Pläne gutgeheißen worden. Die Bauarbeiten beginnen im Frühjahr. Baurat Seelmg wttd den Bau selbst leiten, er hofft bestimmt, daß das Theater am 1. Oktober 1907 wird eröffnet werden können. Der Ä <r t \ er bat für das neue Theater, das 1017 Plätze erhält, eine lchhrlrch-e Subvention von 15 000 Mark bewilligt' die selbst wird einen Zuschuß von 75 000 M k. lährli ch zahlen mimen, während sie letzt nur das private Stadttheater mit 12 /00 Mark unterstützt. Das neue städtische Tl-eater soll eine musterhafte geleitete und gut ausgestattete Bühne werden, ^cn Bau hat dre Stadt selbst auszuführen beschlossen, um fick bcu vollen Einfluß auf die künstlerische und praktische Gestaltung und Emruchtung^ des Gebäudes, sowie auf die Auswahl eines geeigneten Theaterleiters und dessen künftige Geschäftsführung zu slchem.
— Aus Frankfurt a M. schreibt man uns: Tie Februar- ausstellung int Knnstsalon Hermes lveist Sonderausftellungen^ auf von: Otto Sohn-Rethrl, Rom, mit Gemälden von Alfred Sohn-Rethel, Paris, mit Gemälden, und von Eduardo Giordigiani, Florenz, mit 14 Gemälden. Außerdem fiitb die meistert unserer ersten Meister mit neuen Werken vertreten, wie: F. A. v. Kaulbach, F. v. Lenbach, Ad. Grützner, Paul Vteyerheim, W. v. Diez, F. v. Defvegitnr, Ed. ü. Gebhardt, Hans Thoma, A. Hengeler, A. v. Menzel, F. Stuck, F. v. Uhde, H. Zügel. Besonderes Interesse dürfte ein Porträt des Herrn O. Hermes, von L. W, Zumbusch,Müncheir, gemalt, erregen.


