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8.5.1905 Erstes Blatt
 
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Schiller

Fett rede, geholfen am 6. Mal

1905 bei der Sdiillerfeier in Slehen, vom Seh. Hofraf Prof. Dr. 0. Behaghel.

Es drängen sich die großen Geister, in einer Fülle, einer Kraft, wie nur je die Tage des Perikles, der Hohenstaufen, der Medicäer sie vereinigt gesehen haben.

Freilich lange war die Zeit der Vorbereitung: Von dem Gipfel, den die deutsche Literatur um 1200 erreicht hatte, im Nibelungenlied, in Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide, war sie rasch genug herab­geglitten. Im 16. Jahrhundert quillt ein überschwänglicher Reichtum von neuer Kraft und Begabung, aber sie verzehrt sich in den großen religiösen Kämpfen der Zeit. Herein bricht alsdann Deutschlands Elend, Deutschlands Schmach, und es bedarf eines Jahrhunderts, um die Nachwirkungen des 30jährigen Kriegs zu überwinden. Und ehe die Zeit erfüllet ward, da mußten erst die Schweizer kommen, Bodmer und Breitinger, um für die poetische Welt das Recht der Einbildungskraft wieder zu erringen; es mußte Rousseau seine Botschaft verkünden von Natur und von Freiheit. Es mußten Wieland und Klopstock aufstchn, um der französierten Welt zu zeigen, daß -auch die deutsche Sprache anmutig und ziervoll zu erzählen wisse, um dem matten Jahvhurckert zu bekunden, welche Kraft, welcher Schwung in ihr lebe. Es mußte Lessing kommen, um den Zwang der französischen Kunstlehre zu sprengen, um den deutschen Geist zu nähren mit dem Geiste des stammver- wanoten Briten, mit dem Geiste Shakespeares; es mußte der deutsche Homer weit die Tore öffnen in die heiligen Hallen des klassischen 'Altertums.

Auf diesem Grunde also erhebt sich der leuchtende Kunstbau von Schillers Lebensarbeit. Demi wenn man von Goethe gesagt hat, daß er etn Lebenskünstler gewesen, so kann man von Schiller bezeugen: sein ganzes Leben stellt sich als Kunstwerk dar. In wundervoller Gliederung und Verknüpfung schließt sich sein Schiaffen zur Einheit zu­sammen.

Schillers Tätigkeit zerfällt von selbst in drei zeitliche Kreise. Zwei Zeiten des dichterischen Schaffens werden .getrennt durch eine Reihe von Jahren, die der Geschichte und zumal der philosophischen Denkarbeit gewidmet sind. Ain Ab­schluß des ersten von der Dichtung mrs-gefüllten "Abschnitts stehen zwei Werke, an denen Denken und Schmrerr, der Dichter und der Philosoph gleichvielen Anteil besitzen: die Götter Griechenlands uiufe die Künstler. Und die zweite Grenze wird aberinäls bezeichnet durch eine philosophische Dichtung: In den glänzenden Bildern von Ideal und Leben zieht der Dichter die Summe aus dem, war er erarbeitet hat im 'Anschluß an Kant und im Hinausschreiten über den Mann des kategorischen Imperativs. In sich selber zeigt jener erste 'Abschnitt wieder ein doppeltes Bild: eine Zeit des Niederreißens und eine Zeit des Bauens. Am Eingang steht das Drama des großen Empörers gegen Staat uno Gesellschaft, Karl Moor mit seinen Räubern: das Bild der gewaltigsten Leidenschaft, der mächtigsten Bewegung. Mit den Räubern hat Schiller der Zeit ans Herz gegriffen, ihrem Empfinden Ausdruck verliehen, wie es vordem nur Goethes Werther beschieden war.Das Theater glich einem Jvren- haufe", so wird uns über eine Aufführung in Mannheim berichtet:rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Znfchaüerraum, fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgenreine Auf­lösung wie ein Chaos, aus dem in Nebeln eine neue Schöpf­ung hervorbricht." Und die Räuber haben ihre Wirkung auch nicht verfehlt, als sie französisches Gewand anlegten, als sie 1792 die Pariser zu ihren Zuhörern machten; sie sind £3 gewesen, die den Anstoß gaben zu jener Ehrung Schillers durch die französische Ration. Freilich schien es in Frankreich, als ob der morsche B!au der alten Gesell­schaft bereits niedergeworfen sei, aber noch stunden in voller Kraft die Ideen, die eben erst den 'Angriff geleitet hatten, und so sonnt man sich gern in der Verherrlichung des Angreifers. Und d'ais wrr's, was die Räuber vor allem boten. Von den drei Jugenddramen kann mtfn ja sagen, daß sie der Zeit den Spiegel vorhalten vor die verzerrten, verlebten Züge. 'Aber in jedem geschieht es in eigener Weise. In den Räubern ist fast nur der 'Angreifer auf dem Plan. Denn was Franz Moor dem Bruder antut, ist nur ein Teilchen des Ungeheuren, das die Empörer in ihre Bahnen treibt. Nur an ihre Worte und Taten, nur an den Feind können wir uns halten, wenn wir wissen wollen, wie der aussieht, dem der Ansturm gilt. Im Fiesko ein bedeut­samer künstlerischer Fortschritt: Deri'Slargegriffene tritt selber auf die Bühne; in Spiel und Gegenspiel entwickelt sicb das Ringen der feindlichen Mächte. 'Aber die Gegner sind in sich gespalten: neben dem Neffen, der wie ein Gafsen- bube auf den Gesetzen trampelt, neben Gianettino und Julia, die mit Dolch und Gift ihre Zwecke verfolgen, steht der ehrwürdige Andreas; neben dem starren Freiheitsgeist des Verrinn steht die schillernde Selbstsucht des Fiesko, und so kommt es zu keiner Geschlossenheit des Vorstoßes, zu keiner reinen Entfaltung der Idee. Hat bis jetzt die Ge­sellschaft cs kaum versucht, sich dem 'Angriff zu stellen, in Kabale und Liebe ist sie die Beherrscherin der Bühne geworden. Mit zwingender Kraft führt sie selber die .Hand­lung. Richt mehr stehen sich zwei Gegner äußerlich gegen­über, der Angegriffene und der Angreifer sind eins ge­worden: selber enthüllt die Gesellschaft ihre Fäulnis und Niedertracht: in ihren eigenen Taten bereitet sie sich den Untergang. So entsteht ein Aufbau von geschlossenster Ein­heit, die Idee erreicht ihre höchste Wucht. Freilich, trotz aller Steigerung des künstlerischen Vermögens, in Sprache und Stil bleiben alle drei Dramen unter dem Zeichen von Sturm und Drang; noch herrscht die Rede der Prosa; .noch sprengt die. Leidenschaft alle Bande, der stärksten Bewegung gilt der stärkste Ausdruck.

Im Don Carlos ist der Dichter ruhiger geworden. Tas zeigt schon der Vers, der fünffüßige Jambus, wie ihn Lessing in seinem Nathan gemodelt hat. Der leiden­schaftliche Ansturm hat ausgetobt, kühl gemessen klingt jetzt die Ablehnung: ich kann nicht Fürstendiener sein. An das Aufbauen denkt jetzt der Dichter, an die Begründung des Ideals, und also lautet die Mahnung des Maltesers an Spaniens König: Lassen Sie Menschenglück aus Ihrem Füllhorn strömen, Geister reifen in Ihrem Weltgebäude. Wie Lessings Nathan sich für die Duldung eingesetzt hat, sich gewehrt, daß der Jude verbrannt werde, so verlangt jetzt Posa: Geben Sie Gedankenfreiheit. Freilich, diese Forderung wächst nicht notwendig aus der Handlung hervor. Während der Arbeit mußte Schiller den Plan des Stückes verrücken, um den sonderbaren Schwärmer in den Worfeer-

Als im Jahre 1859 die deutsche Welt das Gedächtnis Schillers beging, da war es' ganz besonders der Verkünder der Vaterlandsliebe, der die Herzen entflammte; da mußte die gemeinsame Feier, der gemeinsame Besitz des kost­barsten Geistesfchatzes emporheben über das Elend, über die Zerrissenheit des deutschen Volkes ; da fand man, wie es in jener festlichen Stunde der Sprecher unserer Hochschule ausgedruckt hat, in Schillers Gedächtnis einigen Trost für das mancherlei Untröstliche, was in unserem Vaterlande sich darbot, und zugleich eine Bürgschaft dafür, daß der innerste Kern in unserem Volke noch gesund sei, daß die schaffende Lebenskraft die absterbenden oder ins Kvaut wuchernden Bestandteile noch durchdringen und zu einem lebendigen kräftigen Ganzen wieder vereinigen werde. Ausgelöscht ist heute das tiefe Leid jener Tage. Seit einem Menschenalter ist dem deutschen Volke jene Einheit gewonnen, die unfern Vätern im Herzen lebte, die sie doch nirgends fanden als im deutschen Lied, in den großen deutschen Dichtern. Wohl­gegründet steht heute das deutsche Reich, mächtig wie nie­mals zuvor in der Weltgeschichte. Und dennoch, auch für uns bedarf es des Trostes, bedarf es der Erhebung über so viel der Schwäche und des Armseligen, über Elend und Zerrissenheit. Abgründe haben sich ausgetan, die man längst geschlossen wähnte. Jim Hasten des Erwerbs trachtet jeder allein nach dem Seinen; Brot und Körn, Eisen und Kohlen, sie lasten auf unsern Gedanken, sie beherrschen die Kämpfe des Tages. Die Nerven unseres Geschlechts sind heruntergestimmt, nicht gewachsen den Forderungen, die das Riesengetriebe der neuen Zeiten an uns stellt. Die Kämpfer von ehedem sind alt und starr geworden. Mancher, der uns leiten sollte, er versucht uns zu gängeln, und er läßt sich gängeln, von Mächten, denen wir nimmer uns vertrauen mögen. So verstehn wir es wohl, daß ein neuer Geist in die Welt kommen will, daß zumal unsere Jugend sich regt; daß sie denkt, es sei Zeit, einmal selbst nach dem Rechten zu sehen, daß sie wieder die Sturmfahne erhebt, um für alte, heilige Güter in den Streit zu ziehen- Und sie weiß wohl, wen sie sich zügel eilt als Bundesgenossen. Es ist kein Zufall, daß gerade unsere Jügend es war, die hier uns aufgerufen hat zu der heutigen Feier. Aber die Alten haben mit Freuden ja gesagt, denn sie wollen es nicht gelten lassen, daß Schiller bloß der Dichter der Jugend sei. Er ist eine Sonne, mächtig genug, um allen zu spenden, mögen auch einem Jöden ihre Strahlen sich in eigner Weise brechen. Und so sammelt sich heute die ganze Nation, dem großen Gestirn zu huldigen, sein Feuer anzubeten. Nur wenige Bedauernswerte verschließen sich selbst in dunkler Höhle, dahin sein Manz nicht dringen kann.

Wer freilich mehr will als nur die Wärme, das Licht, auf das grade seine Sinne gestimmt sind, wer das Mächtige in seiner ganzen Fülle ansckMuen' und begreifen will, dem wird es nicht ganz leicht gemacht. J-ahrhundertferne trennt uns von rmsern Klassikern. Die Welt, deren Schwingungen sie umspielen, ist nicht unsere Welt. Sie haben einen andern Geist, die Menschen, unter denen ihr Genius sich entfaltet, vor die sie hintreten mit ihren Werken.

Ein Jahr nach Schillers Tod ist' zu Grabe getragen worden, was noch übrig war von dem Scheindasein des römischen Reiches deutscher Nation. Der Dichter erwächst in der Zeit des selbstherrlichen Kleinstaats, in der Zeit des aufgeklärten DespVtVmus. Das sind Verhältnisse, die der freiesten und reichsten Entwickelung Raum geben konnten aus dem Boden von Weimar; das sind die Verhältnisse, die zum unerträglichen Zwang sich gestalten können; die dem jungen Schiller einen Berus auferlegt haben, der ihm inner­lich fremd geblieben ist; die ihnr die leidenschaftlichen Auf­schreie feiner Jugenddrameit erpreßt haben. Da gibt es keine staatliche Aufgabe, die den Einzelnen für sich fordert, kein Gemeinwesen, für das er sich einsetzen fciftt und muß, das er als die starke Wurzel seiner Kraft empfände. Kein Wunder, daß die Menschen dieser Tage allem Politischen sich entziehen politisch Lied ein garstig Lied; daß es ihnen an Teilirahme, an Verständnis gebricht für das große Leben der Völker. Man kann ganze Bände von Schitler- schen Briefen lesen, um ein armselig Dutzend von Stellen zusammenzufinden, die politische Dinge streifen. Einmal freilich hat er sich verinessen, sogar in die Politik unserer Nachbarn eingreifen zu wollen; aber der Gedanke war selt­sam genug: alles Ernstes ist er daran gegangen, in fran­zösischer Sprache eine Denkschrift zu schreiben zu gunsten des französischen Königs. Kein Wunder auch, daß dieser Zeit die Vaterlandsliebe nur als heroische Schwachheit er­scheint; daß man dem Einbruch fremder Heere auf deutschem Boden gegenübersteht, als ob weit hinten in der Türkei die Völker aufeinander schlügen. Im Jahre 1792, da es schien, als sollten die rheinischen Staaten Deutschlands an Frankreich verloren gehen, da hat ein Deutscher die Worte gesprochen: ,L!ch hoffe viel für die Franzosen von dem glücklichen Erfolge dieses Krieges. Das Gefühl ihrer Stärke könnte ihnen erneu neuen moralischen Schwung geben." Der so schrieb, war der Freund, der Schillers Herzen am nächsten stand, war der Vater unseres Theodor Körner. Kein Wunder, daß die Schranken der Nation als zufällig, ja als lästig gelten, daß Gedanken des Welt­bürgertums die besten Geister bewegen. Damals war es möglich, daß deutsche Dichter, wie Klopstock und Schiller, zusammen mit dem biedern Joachim Heinrich Campe, zu Ehrenbürgern der französischen Republik ernannt werden, am selben Tage wie Pestalozzi, Washington und Kosciusko.

Aus der gleichen Wurzel aber wie diese weltbürgerliche Gesinnung, entspringt ihr Gegenstück, ihre natürliche Er­gänzung? das unendliche Gewicht, das auf die Ausbildung der einzelnen Persönlichkeit gelegt wird. Sind dem Handeln- enge Schranken gesteckt, so entfaltet man seine Kräfte zum zarten Empfinden, zutm erhabenen Denken, zum künstlerischen Genießen. Noch sind die Zeiten des reizbarsten Empfin­dungslebens, der hochgespannten Freundschaftsgefühle nicht völlig verklungen. Die Rede des geselligen Kreises, die Zwiesprache des Briefes, leicht und oft steigt sie empor zu allgemeinen Gedanken, zu den Vorstellungen von Glück­seligkeit und Tugend, zu Betrachtungen über die Erziehung des Menschengeschlechts, zu Erörterungen über Weltweisheit und Dichtung. Literatur und Theater haben eine merkwür­dige Gewalt über die Menschen gewonnen. Das literarische Interesse erhält einen Umfang, eine Reife und Feinfühlig­keit, die in Deutschland kaum wieder ihresgleichen findet. Man staunt über die Gediegenheit, über die Schwere der geistigen Köst, die die literarischen Kreise sich bieten lassen. Wieland wird zum Erzieher der Weimarer Prinzen he­lfen, Goethe wird Fürstengenoß «nd gebietender Minister.

gründ zu stellen: die Idee hat den Aufbau des DramaA gesprengt.

Nun tritt die große Pause ein in Schillers poetischem Schaffen. Wohl werden auch danach seine Gestalten zum Gefäß erhabener Gedanken, aber diese sind ihm nicht mehr Waffen zum Kampf, Mittel zur Weltverbesserung. Und. die Idee wächst nicht mehr über ihre Träger empor. Klassische Befriedung ist über den Dichter gekommen. Seinem ab­geklärten Geiste gelingen ieftt die Kunstwerke jener großen! Dramenreihe vom Wallenstein bis zum Wilhelm Tell. Aber nicht sofort beim Neucrwachcn des dichterischen Triebes! ergreift Schiller die dramatische Kunstform, in der sein Können den höchsten Ausdruck findet. Er gönnt sich eine Zeit der Vorbereitung: auch hier ein stufenweises Ansteigen. Auf die Gedankendichtungen, wie Ideal und Leben, wie den Spaziergang folgt jener Feldzug voll Witz und Laune, in' dem er Seite an Seite mit Goethe die Klinge schlägt: die Tenien halten Abrechnung mit den kleinen Größen des Tages: sic zücht'gen unerbittlich Seichtheit und Nüchtern­heit, Armseligkeit und Anmaßung, und schaffen Raum für die eigene Betätigung der neucrworbnen künstlerischen Er­kenntnis. Alsdann nimmt der epische Dichter das Wort: Aber jene Balladen sind selber zum Teil kleine Dramen, aufgebaut voll dramatischer Spannung, der Mensch sichf darstellend in tragischem Ringen gegen übermächtige Ge­malten der Natur, des Schicksals. Nun erst setzt der Wallen­stein ein, mit dem der Dichter anknüpft cm seine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges wie dem Don Carlos seine Schilderung vom Abfall der Niederlande nachgefolgt war:

Es möchte scheinen, als ob diese kunstvolle Entfaltung des Schillerfchen Geistes eine Unterbrechung erleide durchs die Professur in Jena, durch die Zeit, da er Vorlesungen halten muß, da er Geschichte schreibt und Memoiren über­setzt, da er Kant studiert und seine Aesthetik aufbaut. Wohl hat er es selber ausgesprochen, daß das, was er in Jena tun soll,von dem Lichtvunkte seiner Fähigkeiten und Neigungen himmelweit entlegen ist"; wohl ist es ihn hart angekommen, wie er sagt, von einer äußeren Notwendigkeit gescheucht arbeiten zu müssen. Wohl seufzt er, daß bei der geschichtlichen Produktion so viele gelehrte Zurüstung nötig sei, daß die Vorarbeiten äußerst abschreckend, und bei keiner Arbeit so viel Zeit weggeworfen werde. Und vor allem hat er zu feiner akademischen Tätigkeit nie ein rechtes Verhältnis gewonnen. Sehr bald schon nach ihrem' Beginn erfahren wir, daß aller Eifer ihn verlassen hat, daß ihm dieses Dasein herzlich verleidet ist. Er kommt sich vor wie ein Schulmeister; er hat die Idee, daß zwischen dem Katheder und den Zuhörern eine Art von Schranke sei. Trotzdem ist diese Zeit ein bedeutsames, ein unentbehrliches' Glied nicht bloß in seiner allgemeinen Entwicklung, sondern! grade in seinem dichterischen Werden. Und auch bei der geschichtlichen Arbeit hat er den Dichter nicht verleugnet. Man muß gelesen haben, was noch kurz vor Schillers "Aüf- treten die Geschichtsschreibung an schriftstellerischen.Leist--' Ungen erzeugt hat: Den halb lateinischen Chronistenstil des Reichsfreiherrn von Bünau, die barbarische Kanzleisprache in den älteren Werken Pütters, den nüchternen Bericht eines Mascon mit seiner Zitatengelehrsamkeit; man muß das gelesen haben, um zu ermessen, wie Schiller auch in seinen! Geschicht?werken ein Neues gestbaffen-hat, kaum als Forscher, wohl aber als Geschichtsschreiber. Noch neben Mittler, dem bekannten Kircheuhistoriker, neben Johannes von Müller, dem berühmten Verfaffer der Schweizergefchichten, ragt Schiller hervor mit seiner gedankenreichen phantasie- beschwingten Darstellung. IN plastischer D!eutlichkeit schcnren, wir die 'Charakterköpfe eines Oranien und Granvella, eines Matthias von Thurn und Mrax von Bayern. Und nicht selten wird der Bericht vont Gleichnis umrankt oder kleidet sich selbst in die Form des Bildes; so heißt es etwa: der Burgundische Zeitraum schimmert aus jenen finstern Jahr­hunderten, wie ein lieblicher Frühling'stNg'ans den Schauern? des Hornung; im Mrgesicht Nürnbergs lagern sich, zwei gewittertragende Wolken, beide kämpfende Armeen drohend! gegen einander, beide nach! dem Augenblicke dürstend, beides vor dem Augenblicke zagend, der sie im Sturme mit­einander vermengen wird.

IM Ganzen aber schlummert das dichterische Vermögen durch Jahre hindurch, nicht gewaltsam niedergehalten, son­dern der Ruhe hingegeben, die nach raschem hochgesteigertem Hervorbringen feem Boden gegönnt wird, daß er sich nicht erschöpfe. Schiller selbst hat später die neuerwachte Frucht­barkeit,zum Teil der langen Pause zugeschrieben, die er in poetischen Arbeiten machte und die ihn Kräfte sammeln ließ". Und die Ruhe hat ihm nicht bloß die alte Kraft wieder erstehen lassen, sie hat ihm neue dazu gespendet. Sein eigenes Leitwort war jener Spruch, mit dem die Glocke anhebt: das ist's ja, was den Menschen zieret, und dazu ward ihm der Verstand, daß er int imrem Herzen spüret, was er erschafft mit seiner Hand.

Das triebhafte Schaffen zum bewußten Bilden zu ge* stalten. danach hat er in dieser Zeit getrachtet. Mit voller Absicht enthält er sich der dramatischen Arbeit, ehe ers seine dunkeln Vorstellungen von Kunst und Regel in klare Begriffe verwandelt habe. Zu diesem Ende beginnt er den sauren Weg" durch die'Aesthetik, und er empfindet es später klar genug,daß die Bestiinmtheit her Begriffe feent Geschäft der Einbildungskraft unendlich vorteilhaft ist". Neben Kant, neben der eigenen Denkarbeit hat ihm das Eindringen! in das klassische Altertum diesen Dienst leisten müssen.

Wohl hat auch bei anderen Dichtern die Bewältigung durch den Gedanken eine bedeutsame Rolle gespielt neben dem Schalten feer Einbildungskraft. Einem Lessing galt die Kritik als das Druckwerk, damit er feen Quell der Be­gabung zur Oberfläche preßte. Goethe stellt Betrachtungen an über Wahrheit und Wahrscheinlichkeit des Kunstwerks, über epische und dramatische Charaktere. Unermüdlich hat Otto Ludwig nach Kunsterkenntnis gerungen, hat geklagt,- daß das Suchen des Wegs die beste Kraft verbrauche. Kein zweiter aber zeigt Denken und Wollen so eigenartig mit detn Können verflochten wie Schiller. Mancherlei Gegen­satz hat man ersonnen, um Schillers 'Art an Goethe zu messen. Dem Realisten tritt der Idealist, dem naiven der sentimentalische Dichter, dem objektiven Künstler der sub­jektive gegenüber. Und am Ende kommt der Wahrheit das Gleichnis am nächsten: Goethe der weibliche, Schiller den männliche Dichter. Mit tiefstem Rechte kann man sagen: Goethe empfangend, zrijwartend, der Welt sich hingeberrd; Schiller zugreifenfe, gestaltend, seine Welt sich selber sormerrd. Lei Schiller alles Spannkraft, eindringliches

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