heute nacht wurden 77 Personen in den Vorstädten verhaftet. Bei ihnen wurden viele Aufru se undNevolver gefunden.
Warschau, 5. April. Als gestern im Hofe der in Grazy- dow gelegenen Kaserne einem Soldaten das Urteil vorgelesen wurde, wodurch er wegen Ungehorsam mit zwei Iohren Zwangsarbeit bestraft wurde, stürzte sich der Soldat auf den Oberst und verwundete ihn tätlich mit seinem Bajonett.
Der Krieq.
Vom Kriegsschauplätze.
Tokio, 5. April. (Amtlich.) Ein Teil der japanischen Besatzung von Tschantschnn vertrieb die Russen, die Tsuluschu, 2 Meilen nödlich von Tschantschun, und Sumientscheng, 9 Meilen westlich von Tsuluschu, besetzt hielten. Beide Orte wurden am Montag besetzt. Nachdem die Japaner dann den Feind aus der Nachbarschaft von Sn- miaotsv, 6 Meilen südöstlich von Tsuluschu, vertrieben hatten, kamen sie Dienstag mittag in die Nahe von Scmtaokn und eröffneten ein heftiges Feuer gegen ungefähr fünfhundert russische Kavalleristen, die sich nach Norden der Eisenbahn entlang zurückzogen und schließlich zersprengt wurden.
Russische Verwundete.
Petersburg, 5. April. (Petersb. Tet.-Ag.) General Lin je witsch telegraphiert dem Kriegsminister: Aus Mukden ist der Vertreter des russischen Roten Kreuzes Gouchkoff mit neun barmherzigen Schwellern, 26 hoben ärztlichen Beamten und 65 Krankenpflegern im Hauptquartier eingetroffen. Sie wurden von den Japanern unseren Kosaken entgegenqesandt. Gouchkoff berichtete mir, von Cbefoo seien 200 Sanitäts- personen, 20 barmherzige Schwestern, 30 Aerzte und 150 Krankenpfleger nach Rußland gesandt worden. Gouchkoff erstattete mir ferner Meldung, daß er Ge-"ral Gannen- feld, 36 Offiziere, einen Arzt und 1 6 4 9 Soldaten in Mukden verwundet zurückgelassen habe. Be» der Räumung Mukdens ließen wir in den Spitälern des Roten Kreuzes 460 unserer Soldaten krank oder verwundet zurück, außerdem 406 Japaner, die ebenfalls krank oder verwandet waren. Untere anderen Verwundeten, General Gannenfeld, 36 Offiziere und 1189 Soloaten kamen nach der Räumung von Mukden in die dortigen Spitäler. Tie im Felde Verwundeten wurden durch unsere Krankenpfleger und durch Japaner dorthin gebracht. Gouchkoff berichtet, daß die Japaner unsere Verwundeten, die Aerzte und Krankenschwestern gut behandelten und dieselben weder beleidigten noch belästigten.
DermiidXes.
• Au s der R e i ch s b a u p t n a d t liegen heute nicht weniger als drei U n g lü cks b o tscha ft en vor. An den Folgen einer im Duell erhaltenen Wunde verstarb im Paul- Gerhardtstift der 2 5jährige Former Emil Zipplitt, aus Rostock gebürtig, em Großgrundbesitzer in Teutsch-Süd- wcstafrika, zuletzt in Schönebera bei Berlin wohnhaft. Sein Gegner war der 24jäbrige russische Ingenieur Franz von Kobylinski, der in der Borügschen Maschinenfabrik tätig war. Tas Duell hatte in der Jungsernbeide slattgefunden. Ursache war eine Skandalszene im Vorraum eines Restaurants, wo Zipplitt durch seinen Gegner tätlich angegriffen worden war. Der Verstorbene betrieb auf seiner Farm Moordorf bei Grootfontein den Aubail von Agaven- und Oelfriichtkilltiiren mit vielversprechendem Erfolg. Tas Vertrauen der Ansiedlerschaft des Distrikts Grootfontein genoß er in solchem Maße, daß er .311111 Vertreter dieses Distrikts in der Entschädigungsfrage erwählt wurde. In dieser Eigenschaft kam er im Mai 1904 nach Deutschland. Er war der Verfasser der Eingabe an den Reichskanzler, in der die Notwendigkeit energischer und beschleunigter Maßnahmen für das heimgesuchte Schutzgebiet betont wurde. Durch ein tragisches Geschick ist der Mann jetzt das Ovfer eines DuNls geworden. Beim ersten Kugelwechsel erhielt er den tödlichen Schuß in die Leber. Kobylinski wurde in das Untersuchungsgefängnis abgeführt. Er hatte mit mehreren Damen und Herren eine Weinstube besucht. Zu vorgerückter Stunde glaubte er wahr- zunehmen, daß die Blicke des an einem Ncbentisch sitzenden Z. ständig auf ihn gerichtet seien. Daraufhin bat v. K. Herrn Z. in den nahegelegenen Korridor zu einer Aussprache. Hier versetzte K. seinem Gegenüber mit einer brüsken Bemerkung über „unartiges Fixieren" einen Rippenstoß. Weitere Tätlichkeiten wurden durch die Umstehenden verhindert Es erfolgte Kartenaustausch und am nächsten Morgen ließ Z. den v. K. auf Pistolen fordern. Das Duell fand in der
Jungfernheide statt. Bedingung war gleichzeitiger einmaliger Kugelwechsel. Z. schoß daneben, Herrn v. K 's Kugel drang seinem Gegner in den Leib, sodaß er sofort bewußtlos zusammenbrach. — Einen Mord und Selbstmordversuch verübte heute nachmittag der 45jährige Arbeiter Bastian, indem er die 49 Jahre alte verwitwete Produktenhändlerin Auguste Jrrgang mit einem Revolver erschoß und sich dann selbst zu töten versuchte. Die Frau verstarb bald nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus. Bastian, der sich durch einen Schuß in den Kopf schwer verletzt batte, wurde als Polizeigefangener in die Charitö ausgenommen. — Heute wurde in dem Hause Treskowstraße 45 der Geldbriesträger Ulm auf seinem Bestetlgange von dem Bäckergesellen Pieper überfallen. Er versuchte, dem Briefträger die Geldtasche zu entreißen und brachte ihm, als dieser sich widersetzte, mit einer spitzen Feile einen tiefen Stich in. die Schulter bei. Auf die Hilferufe des Verletzten entfloh der Täter, konnte aber schließlich in einem Nachbarhause, wo er sich zu verbergen suchte, festgenommen werden.
* Madrid, 5. April. Aus Vunta de la Agata auf den Azoren wird berichtet, daß dort das Motorboot „Gregor", aus Newyork kommend, nach 17tägiger Fahrt eingetroffen ist. Es ist dies der erste Versuch, den Ozean mit einem Motorboot zu durchqu eren. Das Boot setzt heute seine Fahrt nach Gibraltar und Frankreich fort.
* Das Erdbeben in Indien ist laut Zeittmgs- meldungen aus Lahore das schrecklichste seit Menschengedenken. Tie Städte Amritsar, Jul undur, Fe- rozepore, Multai und Rawalpindi s.nd schwer Betroffen. Große Verluste an Menschenleben und andere Schäden werden aus Kaschmir, Dalhousie, Parala und
Maler-Kvtla gemeldet. Auch aus anderen Orten treffen Unglücksbotschaften ein. Der ganze Umfang des Unglücks ist wegen der Störungen in den Telegraphenlinien noch nicht zu übersehen. In Dharmsaleh ist das Eingeborenen- viertel durch das Erdbeben wie vom Erdboden verschwunden. Die meisten Häuser im europäischen Viertel sind vollständig zerstört. Neun Personen wurden getötet. Die Verwüstung ist unbeschreiblich. Tie Menschen schlafen im Freien an den Hügelabbängen.
* K l e i n e T a g es ch r 0 n i f. Die Gemahlin des herzoglich Cumberländischen Geheimrats Freiherrn von der T e n z e wurde bei einer A u t 0 m 0 b i l i a h r t in der Nähe von G ni u n d e n iiüolge Versagens der Bremse aus dem Automobil aus den Bür° gersteig ge'chlendert und schwer v e r l e 1z t.
Aus URÖ IlUliL
Gießen, 6. Avril 1905.
* * Personalien. S. K. H. der Großherzog haben dem Kreisdiener bei dem Kreisamt Heppenheim, Ost bei in, die Silberne Medaille des Ludewigs-Ordens verliehen. — Uebertragen wurde dem Schulverweser Spehnkuch zu Wenigumstadt (Boyern) eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Mühlheim im Kreise Offenbach. — Der Pfandmeister Pons zu Langen wurde unter Anerkennung seiner langjährigen treu geleisteten Dienste auf sein Nachsuchen in den Ruhestand versetzt.
* * Das Großh. Regierungsblatt, Beilage Nr. 4, enthält: Bekanntmachung, Vorarbeiten für eine Nebenbahn von Hanau nach Büdingen betreffend. Bekanntmachung, Vorarbeiten für eine vollspnrige Nebenbahn von Butzbach nach Wetzlar betreffend. Bekanntmachung, Vorarbeiten für eine Nebenbahn von Alsfeld nach Glieder au la und von Niederjossa nach Schlitz betreffend.
* * Vortragsabend z u V 0 l t s Vorstellungspreisen. Der Erfolg, den die Mitglieder unseres Stadt- theaters am Dienstag abend mit ihrer VeranstaUung gehabt haben, hat sie ermuntert, morgen, Freitag abend, nochmals einen Vortragsabend zu Volksvorstellungsprcisen zu veranstalten. Herr Direktor Stein gö tter Bat, wie man uns mit teilt, wiederum in liebenswürdiger Weise seine Erlaubnis dazu erteilt und durch Neberlassung der Dekorationen die Unternehmung möglich gemacht. Der morgige Abend verspricht wiederum unterhaltend zu werden.
• * Hessisch-Thüringische Staatslotterie. Bei der heute fortgesetzten Ziehung der 6. Klaffe fiel ein Gewinn von 50 000 Mk. auf Nr. 42203, ein Gewinn von 20 000 Mk. auf 9?r. 17186, ein Gewinn von 5000 Mk. auf Nr. 39870, Gewinne von je 2000 Mk. auf Nr. 941 1024 1930 8124 11682 16585 16944 20166 22836 32352 33734 40890 43555 46665 48943 49772 58004 59048 60712 68228 69592 71458 83289 90493 92571 94908. (Ohne Gewähr.)
* * Schwerer Schne e.st u rm wurde gestern aus dem Ostseegebiet gemeldet. Heute früh lag auch über unserer ganzen Stadt eine leichte Schneedecke und im Lause des Vormittags gab es wiederholt ziemlich starkes Schneegestöber. Es scheint also nicht ausgeschlossen, daß wir in diesem Jahre iveiße Ostern haben trotz spätesten Festtermines.
* * Ei n schwere r U n gl ü cksf a l l ereignete sich gestern abend 6 Uhr, kurz vor Feierabend, am Neubau der chirurgischen Klinik an der Frankfurterstraße. Ein bei Jäger und Rumpf beschäftigter hiesiger verheirateter 9lrbeitcr stürzte vom dritten Stockwerke zur Erde, wo er blutüberströmt und bewußtlos liegen blieb. Er wurde sofort nach der alten Klinik verbracht. Außer schweren äußeren Verletzungen, einem Beinbruch, hat er anscheinend schwere innere Erschütterungen erlitten.
* * Besteuerung der Konsum- und Produktionsgenossenschaften. Den beiden hessischen Kammern der Stände ist ein Gesuch des Rabatt-Sparvereins „Mognntia" in Mainz zugegangen, worin es heißt:
In den letzten Jahren haben sich, wie anderwärts, so auch in Mainz, die K 0 n s u in v e r e i 11 e immer mehr ausgebreitet und sind zu einer Konkurrenz für den 65 e w e r b e st a nd geworden, welche dielen in der bedenklichsten Weise zu schädigen geeignet ist. Wenn wir uns nun als Handels- und (Gewerbetreibende vertrauensvoll an die Kammer, Regierung, soivie die Abgeordneten ivenden und dieselben um ihre Unterstützung ersuchen so liegt es uns vollständig fern, eine Ausnahmegesetzgebung zu verlangen. Wir bitten nur darum, f r a g l. K 0 n s u m v e r e i 11 e mit der gleichen B e st e u e ru n g zu belasten, zu welcher der G e w e r b e st a n d herangezogen wird, und diese Besteuerung auch auf die B e a m t e n - K 0 n s u m v e r e i n e auszudehnen.
t Bad-Nauheim, 5. April. Die Stadrverord- n e t e n v e 1 s o m m l u n g genehmigte gestern einen Vertrag mit dem Fiskus auf die Dauer von 15 Jahren, wonach die Stadt Elektrizität aus dem staatlichen Werk bezieht. Tie Staat Bad-Nauheim wird somit am 1. April 1906 mit elektrischem Licht versehen sein.
Marburg, 4. April. Heute morgen wurde in einem von Katt-l fommmben Personen-Ug ein F^moer mit einer schweren Schußverletzung, die er sich unterwegs beigebrackst batte, gefunden. Er wurde in die Klinik geschafft. Der Verletzte soll aus Baden fein.
fc. Sandhosen, 5. April. Die Ehefrau d->s Maurers Joh. Schnell flüchtete sich am Montag vor ihrem Ga tten, der sie bedrohte, zu ihren Eltern. Schnell eilte ihr mit einem Hammer bewaffnet nach. Am Hause seiner Schwiegereltern angekommen, trat ihm der Brude r seiner Frau entgegen und feuerre drei Revolver schlisse auf ihn ob, die in den Kovs trafen. Schwer verletzt wurde Scynelt ins Krankenhaus gebracht.
* * Kleine M i 1t" i ' ’i "n au s H 7 sse n und den N a ch b a r st a a t e n. Am 1. Mai soll der Motoromnibus- b e l r i e b L i n d e n f e l s - B e n s h e i m eröffnet werden. — Tas Ministerium hat dem Beschlüsse der Stadtverordnetenversammlung in Bl ainz, die Wahlen zu dem Gewerbegerichte an einem Sonntag abzuhalten, die Zustimmung versagt. — In Queckborn Nl P f a r r e 1 Ludwig Franz im Alter von nahezu 70 fahren gestorben. Er bat über 20 Jahre dort gewirkt — Spurlos verschwunden ill ui Offenbart) seit letzten Samstag ein etwa 30 jähriger vei> heirateter Fischer. Er halte sich mit seinem Vater, der gleichfalls Mischer ist, für Samstag nacht zu einem Fischzug verabredet und war uach dem Hafen, wo sich die Geräte befanden, voransgcgangen. Als der Vater nachkam, fand er seinen Sohu nicht vor. Es wird besürchtet, dan dieser in der Dunkelheit in das Hafenbaslin gestürzt ist. — Ter in Oslheun fintiomcrte Jagdaufseher des G r a f e 11 Crioln zu Büdesheim, der 27 jährige verheiratete Hilisjäger Karl Tülier, hat sich am Eiugang des Waldes bei Rommelhausen erschossen. Ter allseitig geachtete junge Beamte hat in einem An'alle geistiger Umnachtung Öand an sich gelegt.
Der neue Nuhstrat-Prozesr.
Oldenburg, 5. April.
In der heutigm Verhandung begründete Smotsanwalt Dr. Fimmcn d'"e gegen Rcdatteur Biermann erhvb^ne Anklage: Ter heutige Prozeß stehl im engsten Zusammenhang mit dem
Prozeß gegen Redakteur Vchweynert vom NczMnzooirn.
Urteil gegen Schwehncrt ist rechtskräftig^geworden, und es mutz daher jetzt auch gegen den Leiter d-es glattes, den eigentlichrn Inpirator der ganzen Affäre, vorgegangen werden, rem nister Ruhftrat wird vorgeworfen, daß er im Biermann-Ries- Prozeß einen Meineid geschworen hat. Merkwürdigerweise zieht ich jetzt der Angeklagte darauf zurück, daß er lagt, Minuten Rnhstrat habe nicht ttwas Falsches gesagt, sondern er habe wissentlich etwas verschwiegen. Die Beweisaufnahme der letzten zwei Tage habe keinen Wweis dasür erbringen können daß m deni Viermann-Ries-Prvzeß die allgemeine Spielleiden schaff des Ml- nisters zur Anklage gestanden habe. Alle Mtci-unb Beteiligter haben das Gegenteil bekundet. Es habe 11$ ergeben, baV> bei Minister gesagt habe, er habe gespielt, auch mit einer gewißen Leidenschaft gespielt und auch die Bank^gehalten. , Er habe es nur nicht mehr getan, als jeder andere Spieler, Verteidigung wie auch Dr. Sprenger erblicken nun den Memeid dev Ministers darin, .daß er etwas verschwiegen habe. Um einen Meineid nach dieser Richtung zu konstruieren, i)t es notwendig, daß der Zeuge Tatsachen nicht erwähnt, die er zu erwähnen verpflichtet wäre, und daß er ne wider besseres Wissen verschweigt Während Staatsanwalt und Nebenkläger auf dem Ltandymikt standen, daß zur Verhandlung nur die Frage stehe, ob der Minister Mitspieler begünstigt und bevorz-nat habe, mmben die Verteidiger <cm f dem Standpuiikt, daß dasSpiel desMinisters im allgemeinen zur Verhandlung stand. Er, der Staatsanwalt, müsse bestreiten, d<rß die Verteidigung dieser Anschauung einen solchen pragrumten Ausdruck gegeben hat, daß sie dem .vümster als Zeugen zum Bewußtsein kommen mußte. Es irntcrliegt keinem Zweisel, daß die übriarn Aussagen denen des Lvreiiger vollständig entgegenstehen. Damit fällt der Vorwurf des Meineides in sich zusammen. Es bedurfte dafür nicht des von der Verteidigung beantragten Wahrheitsbeweises in Gestalt der Vernehmung von 84 Zeugen. Es könnte sich vielleicht darum handeln, ob diese Beweiserhebung mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung notwendig ist. Ich habe cs immer für sehr mißlich gehalten, daß eine Beweiserhebung mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung stattfinden soll. Aber abgesehen davon, daß die beantragteii Beweiserhebungen gar nicht in den Prozeß hineingehören, sei ihre Annahme deshalb nickt erforderlich gewesen, weil die Staatsanwaltschaft die Absicht habe, in dem bevorstehenden Prozeß gegen den Kellner Meher iivch einmal die ganze Spielaffäre des Ministers Rnhstrat zu erörtern. Der Angeklagte hat sich nach allem Vorhergcsagten des Vergehens gegen den § 186 des St.-G.-B. schuldig gemacht. Ich glaube dem Angeklagten nicht, daß er zur Vcsierung der öffentlichen Zustände in Oldenburg seinen „Protest" geschrieben hat. Der Angeklagte ist in einer außerordentlich gehässigen Weise vorgegangen. Wer den Vonvurs des Meineides erhebt, hat sich vorher , genau danach zu erkundigen. Das hat Biermann nickt getan, sondern er hat ohne weiteres schwere Anschuldigungen in die Welt geschleudert. E itsckuldigt wird er nur dadurch, daß sein Verteidiger Dr. Sprenger ihm gesagt hat, daß das vorhandene . Beweis-, material genüge, während anderseits der Verteidiger ihm auch den Rat gegeben hat, möglichst maßvoll zu sein. Es kommt fer.Lcr hinzu, daß die erhobenen Beschuldigungen sich gegen den höchsten Justizbcamten des Landes richten und daß cs die schwersten Befchuld'gungen find, die überhaupt gegen einen Menschen erhoben werden können. Ich beantra g e deshalb gegen den Angeklagten eine Gefängnis st rase von einem Ja h t sechs Monaten, Auferlegung der Kosten und Publikations- besugr.'.s für den beleidigten Minister.
Rechtsanwalt Dr. Sprenger wendet sich dagegen, daß er persönlich verletzend sein wolle, wenn er gegen den Minister Rnh- strat immer wieder den Vorwurf des Meineides erheben müsse. Er müsse das tun im Interesse des Angeklagten., Es stehe fest, daß der Minister im Ries-Prozeß in seiner Zeugenaussage höchst wichtige Momente verschwie- g e n habe. Aus der Frogestellung der Verteidiger im Ries- Prozeß hätte Minister Rnhstrat kl"r eriehen m/'ssen, M man Mitteilungen über sein gesamtes Spielleben wissen wollte und nicht einzelne bestimmte Fälle. Nun gingen die Ansichten über das Beweisthema im Nies-Prozeß auseinander. Auch die heutige Zeugenvernehmung habe kein klares Bild ergeben.. Sollte das Gericht der Meinung sein, der Wahrheitsbeweis sei mißlungen, so sei dem Angeklagten nur ein falscher Nechtsschluß vorzuwerfen. Tic Strafe müsse dann viel geringer sein als die beantragte. Die Straftat sei juristisch die mildeste, die man sich denken könne. Sollte die Schuldfrage überhaupt bejaht werden, so sei eine ganz geringe am Platze. In erster Linie bitte er jedoch um Freisprechung.
Hierauf nahm der zweite Verteidiger des ^lngeklagten, R.-A. Tr Herz- Altona, das Wort. Er führte aus, daß die ganze öffentlicke Meinung mit Spannung auf diesen Prozeß gewartet habe. Leider sei cs der Verteidigung unmöglich gemacht worden, bm Wahrheitsbeweis zu führen. Tie Verteidigung stehe mit gebundenen Händen da. Auch bi cf er Vcrteibiger ersuchte in längeren juristischen Ausführungen um Freisprechung.
Bi ermann würbe zu einem Jahre Gefängnis der« nrteitt. Fünf Monate würben auf die Untersuchungshaft an- gerechnet.
Noch ein Biermarrri-Prozefr.
S. u. H. Oldenburg, 5. April.
Im unmittelbaren Anfchluß an den heutigen großen Ruh- strat-Vrozeß gelongle die Dcleidigung des Rechtsbeistandes des Just'zministers Rnhstrat im Rtes-B'.ermann- und im Schwepnert- Rr^zeß, des Oldenburger Rechtsanwalts Wisser zur Verbandlund- W iss er war infolge seines Auftretens gegen Viermann tm „Resi- denzbaten" angegriffen worden. Biermann hatte in jenem Artikel von d-m „Tornister des Ruhstrat-Vcrtcidigers Wisser" gestochen, mit Rücksicht darauf, daß Wisser körperlich verwachsen ist und einen Buckel hat. Biermann, der infolge der zweitägigen Verhandlungen sehr abgespannt war, gab zu, den Artikel geschrieben^ zu haben. R.-A. Wisser habe iHn jedoch in dem Ries-Prozeß als Vertreter des Ministers Ruhstrat derartig schwer angegriffen, daß er aufs höchste erregt gewesen sei. Hätte Herr von Busch, der Kollege von den „Oldenburger Nachrichten", das gesagt^ was Wisser gesagt habe, so hätte er sich an ihm vergriffen, bei einem Herrn, der verwachsen, der von der Natur schon gestraft, sei, könne er das nicht tun. Es wurde Oberamtsrichter Bvthe vernommen. Er sagt aus, Wisser habe dem Angeklagten vor- geworfcn, das; Viermann nur, um Geld zu verdienen, Skandal mache. Er habe daraufhin den Rechtsanwalt Wisser zur Ordnung gerufen.
Staatsanwalt Dr. Fimmeri Beantragte 9 Monate Gefängnis unter Zusammenziehung auf ein Jahr 6 Monate Gefängnis.
Nack etwa cinstündiger Beratung verkündet der Vorsitzende folgendes Urteil:
Der ?t'ngeklagte wird wegen öffentlicher Beleidigung in eine Gefängnisstrafe von 5 Monaten genommen. Mit der heute nach-» mittag erkannten Strafe wird die Strafe zu 1 Jahr 3 Monaten Gefängnis zusammengezogen.
Auf den von dem Angeklagten gestellten Antrag auf Haftentlassung bemerkte der Vorsitzende, daß das Gericht eine schriftliche Entscheidung erst vorbcreiten müsse. Der Angeklagte wurde dab-'r in Nnt<'rfnck"uass"''ft z"rückw'fi"ihrr.
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D i e seitherige Entwicklung des Alsfelder K 0 r n h a u s c s. Als im Februar v. I., so wird uns ans Alsfeld geschrieben, das Alsfcldcr Kornhaus gegründet wurde, wur-> den von den verschiedensten Seiten Bedenken über die Prosperität und die Zweckmäßigkeit einer derartigen Genossenschaft ausgesprochen, und selbst weitblickendere Landwirte blieben dem Unternehmen fern, weil ihnen, besonders von kaufmännifcher Seite, die Gefahren für ein derartiges Unternehmen als recht groß bezeichnet wurden. Es traten infolgedessen am Anfang nur 54 Landwirte bei. Heute, also kaum nach einem Jahre, zählt die Gcnoiscnschaft über 300 Mitglieder, und der Umsatz, den sie seit der Inbetriebsetzung gemacht hat, dürfte nicht weit von 1/2 Million Mark getragen. Unsere Landwirte haben sehr bald die großen Vorteile des Lagerhauses für ihren Betrieb


