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Samstag, 4. Februav 1905
Giehener Anzeiger
155. Jahrg.
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Teneral-Anzeiger. Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Parlamentarische Berhandlungen.
Kachdruä ohve Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
13 2. Sitzung vom 3. Februar.
1 Uhr. Das Haus ist schwach besetzt.
Am Bundcsratstisch: Graf Posadowsky u. a.
Die zweite Beratung des Etats des Reichsamts des Innern wird beim Titel „Gehalt des Staatssekretärs" fort- «esetzt.
Hierzu liegen eine Anzahl Resolutionen vor.
Eine Resolution des ALg. Frhr. Hehl zu Herrnsheim '(nat.-lib.) verlangt eine Untersuchung der Verhältnisse des Bergbaus durch eine a r b e i t s st a t i st i s ch e Kommission, während eine Resolution Auer u. Gen. (Soz.) die sieben Hauptforderungen der Bergarbeiter (gesetzliche Festlegung der Schichtdauer, Verbot des Nullens, Grubenkontrolleure usw.) in dre Gewerbeordnung einbezogen wissen lvill.
Eine Resolution des Abg. G o t h e i n (freis. Vgg.), die auch von einigen Zentrumsmitgliedern unterschrieben ist, fordert eine Novelle zur Gewerbeordnung mit folgenden Bestimmungen: 1. Zusatz zum § 115, Regelung des Miets- rechts für die von den Arbeite rgebern gemieteten Arbeiterwohnungen. 2. Embeziehung des Bergbaus in die Gewerbeordnung. 3. Verbot des Wagennullens. 4. Einrichtung ständiger Arbeiterausschüsse in allen Fabriken und Bergwerken, in denen mmdestens 100 Arbeiter beschäftigt sind, und Wahl von Arbeiter kontrolleuren durch die Arbeiterausschüsse in allen Betrieben, welche mit einer besonderen Gefahr verbunden sind. Eventuelle Kosten müssen von den Arbeitern getragen werden. .
Abg. Gothein (freis. Vgg.): Ehe ich mich der Begründung meiner Resolution zuwende, mutz ich auf den Fall eingehen, den der sächsische Bundcsratsbevollmächtigte am Mittwoch anführte. Als der Abg. Sachse am 2 Dezember hier erzählte, datz Bergarbeiter bestraft seien, weil sie anstatt 20 nur 19 Wagen gefördert hatten, da sagte ich mir: Das kann gar nicht sein. Nun hat. aber der sächsische Bevollmächtigte im Grunde genommen alles bestätigt, was Herr Sachse am 2. Dezember gesagt hat. Eine derartige Bestimmung aber die Arbeiter so bestraft, darf gar nicht bestehen. Im Ruhrrevier wäre sie ganz unmöglich, so etwas erlaubt man sich nur in Sachsen. Diese Bestimmung ist so ungeheuerlich, datz es dasselbe bedeuten würde, wenn ein Lehrer sagte: Alle Schüler, die nicht auf der ersten Dank sitzen, werden täglich geprügelt. Denn auch im Bergbau gibt es tüchtige und minder tüchtige Arbeiter, ein so bestimmtes Quantum lätzt sich gar nicht vorschreiben. Trotz der Versprechungen des Ministers Möller können wir unsere Resolution nickst zurückziehen. Die Verbesserungen im Bergbau müssen im ganzen Reiche eingeführt werden, denn sonst kann es vorkommen, datz in Preutzen Verbesserungen gemacht werden, in Sachsen aber nicht. Die Gefahr, datz die guten Absichten des Ministers nicht ibre volle Verwirklichuna finden, ist in Preutzen viel größer, als im Reich. Und auch, daß eine Gesetzgebung ab irato geschaffen wird ist wahrscheinlicher im preußischen Landtage, wo eine starke Verstimmung wegen der Hibernia-Affäre vorhanden ist. Außerdem müssen die Arbeiter bei dieser Gesetzgebung selbst mitwirken. Und im Landtag sitzen keine Arbeiter, abgesehen von der einen Zentrums-Schwalbe, die keinen Sommer macht. Die Arbeiterpartei ist sa im Landtage bekanntlich nur „Objekt der Ge- setzgebung", nicht Subjekt. Eigenartig ist es, datz die National- Liberalen durch den Hevlfcken Antrag die guten Absichten des Ministers durchkreuze wollen.
Wir wollen eine Gesetzgebung, die eine Mitwirkung der Arbeiter einbegreift. Man soll sich nickst auf die Einsicht der Unternehmer verlassen Diese haben bis fetzt sich stets auf den Herren- standpun'kt gestellt und die Arbeiterschaft nie als gleichberechtigten Faktor anerkannt. Man soll daher sich jetzt nicht mehr auf „Fakultatives" einlassen, sondern zwingende Bestimmungen treffen.
Zuerst verlangen wir folgenden Zusatz zu § Ho: „Im Falle der Auflösung des Arebitsverhältnisses mutz dem Arbeitnehmer aus fein Verlangen die ihm vom Arbeitgeber überlaßene Wohnung, bis zum Schlüsse des der Kündigung folgenden Monats gegen Erstattung der bisherigen Miete belassen werden. Entgegenstehende Verabredungen sind rechtsunwirksam." Eß ist in der Tat ein Zustand schlimmster Hörigkeit, wenn der Arbeiter zugleich mit dem Aufhören des Arbeitsverhältnisses aus seiner Wohnung herausgeworfen wird Dem muß unter allen Umständen ein Ende gemacht werden.
Auch das Verbot von Arbeitsordnungs-Bestimmungen, „welche die Nichtanrechnung eines für eine ausbedungene Arbeitsleistung verdienten Lohnes (Nullen) aussprechen", muß unbedingt dem Reich übertragen können. In Preußen hätte das Oberbergamt oder das Ministerium dies Verbot schon längst aussprechen können. Warum hat es das nicht getan? Man kann sich des Verdachts nicht erwehren, daß dies aus dem Grunde geschah, weil auch auf den fiskalischen Gruben dieselbe Praris herrscht. Und aus diesem Grunde muß das zur Reichssache gemacht werden.
Die wichtigste Bestimmung, die wir beantragen, betrifft die Errichtung von Arbeiterausschüssen. Der § 134h der Gewerbeordnung soll wie folgt gefaßt werden:
„Für Fabriken und Bergwerke, in welchen mindestens 100 Arbeiter beschäftigt sind, muß ein st ä n d i g e r Arbeiter- a u s s ch u ß von wenigstens 3 Köpfen durch geheime Wahl sämtlicher großjähriger Arbeiter bestellt werden. Wählbar ist jeder großjährige Arbeitnehmer des betreffenden Betriebes, sofern er sich im Besitz der bürgerlichen Ehrenrechte befindet.
Ter Arbeiterausschuß vertritt die Arbeitnehmer in allen das Arbeitsverhältnis betreffenden gemeinsamen Fragen; insbesondere ist er befugt, für die Gesamtheit der Arbeitnehmer Erklärungen über Kündigung oder Wiederaufnahme der Arbeit abzugeben; das Recht des einzelnen Arbeiters, eine hiervon abweichende Erklärung über die Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses abzugeben, wird dadurch nicht berührt.
In Betrieben, welche mit einer besonderen Gefahr für Leben und Gesundheit der Arbeiter verbunden sind, ist der Ausschuß berechtigt, aus der Zahl der Arbeiter des betreffenden Betriebes Delegierte (Arbeiterkontrolleure) zur Heber* wachung des Betriebes im Interesse von Leben und Gesundheit der Arbeiter zu bestellen. Diese Delegierten sind nicht berech- tigt, selbständige Anordnungen zu treffen, sondern haben lediglich Vorgefundene Mängel oder Verstöße gegen gesetzliche und polizeiliche Bestimmungen oder gegen die Vorschriften der Arbeitsordnung dem Betriebsleiter und im Falle durch diesen keine Abhilfe erfolgt, dem staatlichen Aufsichtsbeamten m i t z u t e i l e n. Welche Betriebe als gefährliche anzusehen sind, entscheidet die höhere Verwaltungsbehörde. Ter Bundes- rat kann allgemein alle Betriebe einer Art als gefährlich erklären.
Tie Delegierten können bei Ueberschreitung ihrer Befugnisse durch die staatliche Aufsichtsbehörde aus ihrem Amte entfernt
werden. Gegen deren Entscheidung ist die Berufung cm die höhere Verwaltungsbehörde zulässig
Wird einem Delegierten die Aufsichtsbefugnis entzogen, oder verliert er sie durch Ausscheiden aus dem Arbeitsverhältnis, so hat die Aufsichtsbehörde den Arbeiterausschutz aufzufordern, eine Ersatzwahl vorzunehmen.
Die Mitglieder der Arbeiterausschüsse und die Delegierten versehen ihr Amt unentgeltlich; notwendige Auslagen und in Wahrnehmung ihrer Obliegenheiten ihnen entgangener Arbeits verdienst sind ihnen zu ersehen. Die Kosten werden von allen wahlberechtigten Arbeitern durch Umlage entweder nach Köpfen oder durch prozentualen Zuschlag zum verdienten Lohn aufgebracht. Heber die Höhe der Umlage beschließt die Versammlung der wahlberechtigten Arbeitnehmer. Die Werksverwaltung bat auf Verlangen des Arbeiterausschustes die beschlossene Umlage von der Löhnung in Abzug zu bringen und an den Arbeiterausschutz abzufübren. Die näheren Bestimmungen über die Wahl und Funktionsdauer der Arbeiterausschüsie sind von der höheren Verwaltungsbehörde für alle gleichartigen Betriebe ihres Bezirks einheitlich zu treffen.
Spätestens alle zwei Jahre mutz eine Neuwahl des Ar- beiterai'sk-stnsies stattfinden."
Natürlich dürfen die Arbeiterausschüsse nicht irgend welche politischen Tendenzen verfolgen oder im Dienste einer politischen Partei stehen.
Was die sozialdemokratischen Anträac über die unsrigen hinaus brinaen, ist teils zu weitaebend, teils ohne besondere Bedeutung für die Besserstellung der Arbeiter. Wenn unsere Anträge zur Annahme gelanaen. so bat der Reichstag seine Pflicht getan. Es ist aber auch die höchste Zeit. „Der Worte sind genug gewechselt, laßt mich nun endlich Taten sehen!" (Beifall links.)
Abg. Dr. Svalin (Zentr ): Auf die vorliegenden Anträge können Kompetenzbedenken nicht einaewandt werden. Bei den Anträgen Gotbein ist zweifellos die ReichSgesetzgebnng zuständig; denn sie betreffen nicht a^ein berarechtliche Fragen, sondern sie verlangen eine Ausdehnung der Reichs-Gewerbeordnung. Und was den Antrag Hevbl betrifft so ist es feine Frage, daß in einer Sache, die das ganze Reich in seinen Lebensinteressen berührt, das Reich auch Erbebimaen veranstalten kann. Gefreut habe ich mich, daß der Staatssekretär nach dem Telegramm eines hiesigen Blattes so offen und präzise anerkannt, daß die Gesetzgebung bei solch einem Ereignis in die Notlage gebracht werden kann, schnell und entschieden einzugreifen. Wäre Herr Dr. Semler Preuße, so hätte er sich die Belehrung, die in dieser Darlegung des Staatssekretärs liegt,, ersparen können. Tann hätte er aus den 1892er Vorkommnissen bereits die aenüaende Lehre gezogen.
Heberflüssig war es, daß der Abg. Sachse neulich eine politische Rede hielt und auch meine Freunde aufs schärfste angriff. Doch waren diese Angriffe durchaus ungerechtfertigt. Denn all das, was die sozialdemokratische Resolution will, hat das Zentrum schon 1892 bei dem Berggesetz beantragt. Die Hauptsache ist, daß so schnell wie möglich etwas geschieht. Wir werden daher im preußischen Abgeordnetenhause für die Novelle zum Berggesetz stimmen, trenn wir auch eine reichsgesetzliche Regelung lieber sehen würden. Herr Sachse hätte also daher lieber seine Angriffe auf uns und auch aut Herr" Magus auf Neurode unterlassen sollen, jeder, der ibn kennt, weiß, daß dieser ein durchaus humaner, arbeiterfreund, kicher Mann ist. Auf Zeche Neurode hat man alles getan, um den Arbeitern entgegenzukommen; man hat auch die Arbeiterausschüsie gehört. Der Streik ist nur wegen einer Mehrforderung von 20 Pf. ausgebrochen, die nicht gewährt werden konnte, weil die Grube an und für sich schon unrentabel ist.
Die gesetzliche Regelung des Heberschichtenwefens ist unbedingt notwendig. Schon gegen den Arbeiter selbst, der af(?u sehr geneigt ist, mit feiner Arbeitskraft Raubbau zu treiben und dadurch unser nationales Vermögen schädigt.
Heber das Nullen brauche ich nicht mehr viel Worte zu verlieren. Ter Geheimrat Meißner bat noch kürzlich das Nullen als die „gerechteste Strafe" bezeichnet. Was würde er wohl dazu sagen, wenn der Handelsminister anordnen würde, daß jed-s Konzept, das er oder ein anderer Geheimrat io angefertigt bat, daß es korrigiert werden muß, genullt wird (Heiterkeit). und daß ohne Rücksicht auf die Größe der Korrekturen Vs des Tagelohnes abgezogen wird? Man braucht nur das Nullen nur einmal sich auf andere Kategorien übertragen zu denken, um die ganze Widersinnigkeit dieses „Spstems" sofort emzufehen.
Gegen Schlun d"r Rede wird Redner zunehmend unverständlich, so daß er im Zusammenhang nicht wiedergegeben werden kann. Man darf nickst lange fackeln. Wir Tonnen nicht warten, bis alles feinen gemächlichen Weg gegangen ist. Ter Staatssekretär kennt einen anderen Gesetzentwurf, der verfassungsmäßig durch sämtliche preußischen Ministerien gelaufen ist und in 3 bis 4 Tagen fertig geworden ist. (Sehr gut!) Was damals ging, sollte heute erst recht möglich fein.
Ich w'll nochmals bemerken: der Abg. Sachse hat kein Reckst, uns mit Mißtrauen zu betrachten! Wir ziehen in dieser Frage am selben Strange und wir haben keinen Anlaß, einander feindlich gegenüber zu stehen. Wir wollen beide darauf binmirfen, daß der angekündigte Entwurf so bald als irgend möglich Gesetz wird. (Beifall.)
Sächs. Bevollmächtiger Dr. Fischer: Der?lbg. Gothein hat die Aeußerung getan: „Eine solche Bestimmung würde man im Ruhrrevier nickt wagen; so etwas kann nur in Sachsen geschehen." Man kann im Zweifel darüber fein, ob jene Bestimmung richtig angewandt war. Hnd ich bedauere es, daß der Arbeiter von feinem Recht, zu appellieren, nicht Gebrauch gemacht hat. Aber die lieber» treibungen, die der Abg. Sachse bei Besprechung jener Bestimmung sich hat zu schulden kommen taffen, schaden nur der von ihm vertretenen Sacke. Hnd nur jenen Hebertreibungen habe ich mich veranlaßt gesehen, in der letzten Sitzung entgegenzutreten. Ter Abg. Dr. Gothein sollte sich solche Hebertreibungen, wie sie sonst nur von sozialdemokratischer Seite praktiziert werden, nicht zu eigen machen.
?lbg. Frhr. von RickHwsen (Tons.): Wir haben nur wenig zu sagen, und ich werde nur wenig sagen. Wir werden gegen alle Resolutionen stimmen. Gefehlt ist auf allen Seiten, sowohl auf Seiten der Arbeiter, als auch auf Seiten der Arbeitgeber, selbst in den Parlamenten hätte man mit weniger Leidenschaft vorgehen sollen. Ein Bergarbeiterstreik ist eine ernste Sacke, er kann ein Land wehrlos macken, wie wir in einem Nachbarlande gesehen haben. Ick hofte, daß untere Arbeiter nickt io unpatriotisch handeln werden, ick halte sie jedenfalls nicht dafür. Die Führer der Arbeiter sind aber keine Arbeiter, sie sind nur Beamte der Organisation und dienen nur politischen Zwecken. Wir wollen Gerechtigkeit nach beiden Seiten.
Zu den vorliegenden Anträgen habe ich folgendes zu bemerken: Der Abg. Gothem scheint zu glauben: Die Gelegenheit ist
günstig, um gewisse allgemeine Aenderungen der Gewerbeordnung durchzudrücken. Wir sind aber der Ansicht: Soll die Gewerbeordnung revidiert werden, so muß vor allem ein Schutz der Arbeitswilligen hinein! (Hört! hört!) Ich muß mich gegen den Antrag Gothein ebenso erklären, wie gegen den Antrag Auer. Die ganze Regelung der Bergmaterie gehört vor das preußische Abgeordnetenhaus. Ick verstehe es, daß die Herren von der äußersten Linken, die dort nicht vertreten sind, sie vor dieses Forum ziehen wollen. Aber es liegt kein Anlaß vor, diesem Verlangen stattzugeben.
?lbg. Dr. Mugdan (frei?. Vvt.): Meine Freunde sind der Ansicht, daß eine landesgesetzliche Regelung dieser Materie, zumal gerade jetzt, ein Fehler schlimmster Art wäre. Es kann keine Frage sein, daß die Frage des Bergrechts, zum Teil wenigstens, unter die Kompetenz des Reiches fällt. Ich bedauere es, daß der führende' Staat des Deutschen Reiches hier partikularistischen Neigungen Vor», sckub leistet. Das sollte er doch den kleinen Staaten überlassen. Auch sonst ist es bedauerlich, datz diese Sache gerade im preußischen' Landtag entschieden werden soll. Wer bürgt denn dem Minister dafür, daß seine Absichten dort nickt durchkreuzt werden? Nach der. heutigen Rede des Herrn von Rickthofen scheint dies doch sehr wahrscheinlich. Die Heberweisung dieser Sacke an Preußen muß bei den Arbeitern Mißtrauen erregen; sie können nicht glauben, daß in einem Parlament, in dem die konservative Partei regiert, etwas' für den Bergarbeiterschutz herauskommt. Die Hauptschuldigen an diesem Streik sind die verbündeten deutschen Negierungen. Man kann doch wirklich nicht tagen, daß die Katastrophe überraschend kam. Hnzählige Male sind die Dinge hier im Reichstag zur Sprache gebracht worden Aber die verbündeten Regierungen rührten sich nicht.' Noch eine andere Hnterlassungssünde haben die Regierungen begangen. Sie hätten zeigen sollen, daß das Wort vom sozialen Königtum eine Wahrheit ist, daß die ewigen Behauptungen der Abgg. Bebel und Wurm: zwischen dem Bürgertum und den Arbeitern sei eine unüberbrückbare Kluft, falsch seien. Diesmal haben die Abgg., Sachse-und Hue ja selbst den Arbeitern zugerufen: Ihr seid auf die Hilfe des Bürgertums angewiesen! Hnd in der Tat genießen die, streikenden Arbeiter diesmal die größten Sympathien in den weitestem Kreisen des Bürgertums. Die Regierung hat es aber verabsäumt, rechtzeitig einzugreifen. Die Aktion, die im preußischen Abgeordnetenhause cinarFcitet wird, hat für den gegenwärtigen Streik gar. keinen Wert. '(Sehr richtig!) Wenn die Regierungen dem Reichs- taa einen Entwurf vorlegen wollten, der einen Teil der in ben~ Anträgen niederaelegten Forderungen enthält: in drei Tagen könnte das Gesetz fertig und der Streik beendigt fein. Herr Reichskanzler, der Reichstag hat das Seinige getan, — tun Sie das Jhre!^ (Beifall.)
Abg. Korfanty (Pole): Nach den Erfahrungen, die die Arbeiter mit der preußischen Regierung gemacht haben, können sie kein Vertrau-n zu ihr haben. Noch viel weniger zum preußischen Landtag. De' wird sckon sicher alles, was in der beabsichtigten Novelle Gutes enthalten sollte, herauseskamotieren. Meine Freunde werden sowohl, für die Anträge Auer, wie für die Anträge Gothein stimmen. Namentlich Arbeiterausschüffe sind nötig, die Arbeiter müssen um so mehr eine Vertretung haben, als die Polizei jetzt den Hrtpmebmern in Oberscklesien Handlangerdienste leistet. Charakteristisch ist es, daß auf den oberscklesischeu Staats- aruben zuerst der Streik ausgebrocken ist, die Staatsgruben, besonders die „Königin Quifengrube", sind keine Musteranstalten, nur sehr niedrige Löhne werden da gezahlt, Maßregelungen, durch die Obersteiger sind an der Tagesordnung. Möge, der Staatssekretär dafür sorgen, daß die Staatsbetriebe endlich Musteranstalten werden.
Abg. von Tiedemann (Rp.): Meine politischen Freunde haben sich bisher an der Debatte nicht beteiligt, weil sie meinen, daß die- Sache zur Kompetenz der Einzelstaaten gehört.. Auch glauben sie, datz die Debatten hier nickt dazu beitragen, die Gemüter zu be-: ruhigen, sondern sie im Gegenteil beunruhigen. Für eine Beschränkung der Reckte der Arbeitgeber sind wir nur bann zu haben, wenn auch zugleich eine Garantie dafür geboten wird, datz die Sir»; beitswilligen genügend geschützt werden. Meine politischen Freunde' werden daher in ihrer überwiegenden Mehrheit sämtliche Resolutionen ablehnen.
Abg. Dr. Burckhardt (Wirtsch. Vgg.) wünscht, daß das Preu-' ßiscke Berggesetz auch im Sinne einer gesunden Bodenreform refor* miert, und dem Svekulationsunwesen ein Ende gemacht werde. Jetzt sei das ganze Gebiet in den Händen einiger Spekulanten, die' Kohlenwucker trieben. Die Zeckenbesitzer im Ruhrgebiet seien meistens National-Liberale, da müßte die national-liberale Partei dock auf sie einwirken, den Arbeitern enttzegenzukommen und den Streik zu beenden. Leider schienen die National-Liberalen ja Gegner der Arbeiterorganisationen zu sein.
Abg. Frhr. Hevl zu Herrnsheim snl.): Der Vorredner hat eS so dargestellt, als ob meine politischen Freunde Gegner des Zu- fammewckluffes der Arbeiter seien. Dieser Vorwurf ist aber ganz ungerechtfertigt. Ich weise nur daraus hin, daß es gerade meine: Freunde gewesen sind, welche die Arbeitskammern aufs lebhafteste befürwortet haben, d. h. die Errichtung von Kammern, in denen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vertreten sind. 23ernt wir solche Arbeitskammern schon früher gehabt hätten, so wäre moglicbertoeife. durch die Verhandlungen dieser Kammern der Streik vermieden worden.
Meine politischen Freunde sind keineswegs Freihändler; diese sind auf die äußerste Linke gerückt. Gegen Spndikate sind hrir nur, soweit sie einen monopolistischen Charakter tragen. Wir sind' für ein Reicksberggesetz; aber wir sind nickt für die Aufnahme von Bestimmungen zum Schutz der Arbeitswilligen zu haben. Wir halten es indessen für untunlick und unmöglich, die Bergarbeiter- sacke in die Gewerbeordnung hrneinzuziehen. Sie muß durch ein besonderes Gesetz geregelt werden, dem eine gründliche Untersuchung der einschlägigen Verhältnisse voraufzugehen hat. Auch die Herren von dieser Seite (nach links) Wünschen, übrigens keine llcbereilung in diesem Punkte. Sie wären zufrieden, wenn es im Laufe dieser Session zu einem solchen Gesetz käme. Freilich muß bann die preußische Regierung andere Bahnen einschlagen, at3 bisher. Am preirtziscken Abgeordnetenhause liegt es nicht: Die Herren (zu den Soz.), die immer den Klassenstandpunkt vertreten und vom Junkervarlament sprechen, sind nicht berechtigt, daS vreußische ?lbgeordneteuhaus zu kritisieren. (Lacken bei den Soz.) Das preußische Abgeordnetenhaus ist das Rückgrat des deutschen Parlamentarismus; die Art, wie es vorgeht, ist vorbildlich für die anderen Parlamente. (Lacken bei den Soz.)
In der Bergarbeiterfrage hat nicht das preußische Abgeordnetenhaus versagt, sondern die preußische Regierung. Sie hat zu lanae gezögert, ehe, sie etwas getan hat; vor ganz kurzer Zett hat noch Berg rat Meißner das Nullen verteidigt. Deshalb mutz jetzt das Reick cmt’-ctcn, und ich empfehle Ihnen meine Resolution aufs dringendste. Die Art, wie die Zeckenbesiher vorgegangen sind, finde ich auch nickt schön. Aeußerst bedauerlich finde ich aber bad Vorgehen der sozialdemokratischen Presse, die in maßloser Weise


