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Nr. 50 Zweites Blatt.
154. Jahrgang
Montag 29. Jedrnar 1904
Erscheint täglich m Ausnahme des Sonntags.
Die „Girhener gmllienblätter" werden dem „Anzeiger otenne wöchentlich beigelegt. Der wl)<ifl|die tanbroti4* erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei. R. Lange, Gießen.
Redaktion, Expedition u.Druckerei: Tchnlftr.7.
Tel. Nr. 51. Telegr.-Adr.: Anzeiger Gießen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Eietzen.
Kle Oenifle Kummer umfaßt 12 Setten.
Aliiische Wochenschinl.
Gießen, 29. Februar 1904.
Im Rcicy- und Landtage fließt die Arbeit munter fort, lutiljrcnb gute Reden sie begleiten. Zu allen EtatS- titelll werden große Reden gehalten. Tie 2. hessische Kammer Ta gte in der vergangenen Woche nach Erörterungen von B'lksschulfragcn, bei denen Tr. David, dec nun vielbachtete Wertzuwachs der sozialdemokratischen Reichstagsfration, ein gar großes Wort führte, glücklich beim Juslizeät an, der zurzeit auch im Reichstag erörtert luitb. Ttc A>gg. S chm i t t unb Dr. Gntfleisch gaben ihrer Frenbe darüber Ausdruck, daß die Initiative Hessens im Bundesvt hinsichtlicu der Entschädigung unschuldig verhafteter erfolgreich war. Gegenüber einer Anreging des Abg. Noack aus Zulassung der Abiturienten er Nealghmnasien und Oberrealschulen zmr juristischen Studium erklärte Justiz- minister Tr Drttmar, daß die Regierung dem Vorgehen Preußens ii dieser Hinsicht sich nicht anschließen werde, da sie nach wie vor im Einklang mit den Anschauungen hervorrageirer Rcch-tsgelehrten, wie Sohm, Sensfert u. a. nur das hunanisttsche Gymnasium als geeignete Vorbildung für die Juristen erachte. Auch Staatsminrster Tr. Rothe gab eine dchingehende bestimmte Erklärung ab. Mehrere bäuerliche Abgeordnete wiederholten die alten Klagen über die Ernsührmg der neuen Gr und bischer und des Notariat!; die Negierung erklärte, daß an dem bestehenden Zchand auf Grund der Reichsgesetzgebung nickt gerüttelt weben könne. Abg. Molthan tvies auf die fortwährende Zunahme der Veranstaltung trügerischer Ausverkäufe Hit. Abg. Hirsch.el wandte sich gegen die Staatsanwaltschaften, er meinte, diese gingen bei Einleitung öffentlicher Anklagen in Privatbelerdigunas- sachen verschiedenartig vor, eine Behauptung, die nnertveislicl' ist unb ungerechtfertigt erscheint. Auch die Aussüchungen eines Freundes des Gieß. Anz. über „Staatsanvälte" sagten jüngst nichts von Belang. Ter Herr Einsender hatte in feinem so überschriebenen Artikel wert mehr über Richter als über StaateanNälte gesprochen und ganz außer acht gelassen, daß schwerere Verbrechen von Schwurgerichten abgeurteilt werden, in denen Laien den Schuldspruch zu fällen haben, nicht Richer und erst recht nicht Staatsanwälte. — Dr. T avid letzte die Angriffe gegen die Negierung wegen ihrer ablihncnden Haltung gegenüber der Zulasfung der Abituricntui der Realgymnasien zum juristischen Studium fort und trachte die Tuellfrage zur Sprache, indem er an- führte, daß diese Gesetzesübertretungen unter der still- schioeigenden Genehmigung der Polizeibehörden sich vollzögen. Abg Schien ge r dagegen pflichtete der Auffassung des Justizninisters bei, daß nur daö humanistische Gymnasium dre genügende Vorbildung für das Studium der Jurisprudenz gebe.
Tie A'säre Joutz nennt der „Vorwärts" dreist ein „Panaminc". TieseS edle Blatt ist ja mit solchen geschmackvollen Vergleichen sehr schnell bei der Hand. Man beschuldigt den Tbg. Joutz, er habe bei der Unterbringung der Obligationen bei den interessierten Gemeinden eine Provision von 33 000 Mk. in seine Tasche fließen lassen. Zoutz verteidigte sein Verhalten als Geschäftsmann, der zu solchen Manipulationen berechtigt sei. Abgeordnete der verschiedenen Parteien erklärten dagegen sehr richtig, daß sein Vorgehen den uneigennützigen Pflichten eines Volksvertreters kraß widerspräche. Es unterliegt 'ja keiner Frage, daß ein Geschäftsmann, der zugleich Abgeordneter ist, sobald er das Parlament betritt, alle privaten geschäftlichen Angelegenheiten vor der Tür zu lassen hat, unb baß er sich nun und nimmer bezahlen lassen darf für im Interesse der Allgemeinheit geleistete Tienste, die ja in erster Linie nur wegen seiner einflußreichen Stellung als Parlamentarier gelingen konnten. Tas Vertrauen der Wählerschaft muß notwendig stark erschüttert werden, sobald sie erfährt,
daß ihr Vertreter während der Ausübung seines hohen Ehrenamtes von der Gelegenheit Gebrauch machte, sich zu bereichern. Herr Joutz sorgte obendrein noch für Vcrsck)ärtung des gegen ihn sich richtenden Urteils, indem er seinerseits überraschenderiveise den Urhebern der gegen ihn gerichteten Interpellation persönliche und politifche Motive untcr- sckab und Parallelen zu ziehen versuchte zwischen seiner seltsamen Handlungsweise und der einiger anoerer Abgeordneten. Selbstverständlich ward ihm die rechte Abfuhr zuteil. Man erfuhr auch, daß der eigentliche Veranlasser der Interpellation der F-inanzminister selber gewesen ist. Ter frühere Butzbacher Bürgermeister Joutz, ein sehr vermögender Herr, hat mit ungewöhnlicher Weitherzigkeit seine eigenen Interesse in die gleiche Reihe mit denen der Allgemeinheit gestellt. Tas werden nun auch seine eigenen Mähler mit Recht ihm zum Vorwurf zu machen haben.
Beim Kapitel Landwirtschaft entspann sich eine mehrstündige Tebatte über Bodenmeliorationen und Feld- bcreinigungen. Man erfuhr, daß eine Vorlage über die Errichtung von Land Wirtschafts kämm ern zu erwarten ist.
Unter den vielen, in den anderen deutschen Parlamenten gehaltenen Reden waren die bemerkenswertesten die über die von der Sozialdemokratie in die Welt gesetzte Behauptung der Unterstützung russischer Spitzel im Tienste russischer inner-politischer Strömungen durch die preußische Regierung. Tie preußische Regierung brach ihre sonst beobachtete Wortlargheit utw Minister Schönstedt las blutrünstige Artikel aus den bei den Königsberger Genossen beschlagnahmten Schriften vor. Ter Abg. Haase, der die Tinge als Sachwalter der verhafteten Königsberger Sozialdemokraten kannte, hat auch am letzten Samstag im Reichstag darüber gesckMegen, daß unter den beschlagnahmten Schriften sich Aufforderungen befanden zum politischen Mord, auch zum Mord an jedem beliebigen Staatsmann in Rußland, um dadurch Schrecken im Volke zu erzeugen, der angeblich die Umwälzung des Besuchenden vorzubereiten geeignet sein soll. Es bleckt der Gerichtsversammlung in Königsberg Vorbehalten, festzustellen, ob an der Ausrede des „Vorwärts" etwas wahr ist, die anarchistischen Schriften seien von den russischen Spitzeln, von denen sich die Sozialdemokraten überlisten ließen, hinein- geschmuggelt worden.
Eine Angelegenheit, in der es her Sozialdemokratie gelang, auf einen Augenblick ihr Banner mit nationalen Farben anzutuschen, beschäftigte den bayerischen Landtag. Tort stand sie Seite an Seite mit dem Zentrum für die Regierung in Sachen des neuen Wahlreformentwurfs, den die Liberalen aller Schattierungen mit dem Mule der Verzweiflung bekämpften. Lurch neue Wahlkreis- einteUung und durch Einführung der relativen Mehrheit fürchten Die Liberalen in umfangreicher Weise aus altem Besitz durch Zentrum und Sozialdemokraten verdrängt zu werden. Tie bayerische Regierung aber hat das Mitgefühl mit liberalen Schmerzen verloren. Sie reicht dem Zentrum und seiner Alleinherc,chast in Bayern freundschaftlichst beide Hände, unb zwar „im Namen der Temokratre unb Volts- sreiheit". Sowohl der Antrag des Grafen Nlov, den Geistlichen das Wahlrecht zu entziehen, wie diese Wahlreformdebatte find Symptome dafür, wie hochgespannt die Gegensätze augenblicklich in Bayern sind, sodaß der Liberalismus und weite gebildete Kreise Bayerns fürchten müssen, in der Volksvertretung zwischen schwarzem Konservatismus unb rotem Revolutionarrsmus völlig zerrieben zu werden.
Aehnliche Schürfen hat augenscheinlich auch der Kampf zwischen Aerzten unb Krankenkassen angenommen, der fast in ganz Teutschland ohne Aussicht aus Friedensschluß tobt, und dessen Hauptschlacht gegenwärtig in Leipzig geschlagen wird. Ter Ausgang hängt ganz unb gar von Der Solidarität der deutschen Aerzte ab, die nach mancher Bewährung hier ihre Feuerprobe bestehen soll.
Die Kriegslage in O fta s ien hat sich trotz massenhafter sensationeller Meldungen unberufener auständischer Kriegskorrespondenten, die, wie Wippchen von Bernau, unzählige Meilen fern vom Kriegsschauplätze sich zu befinden
scheinen, noch nicht geändert. Die Japaner blockieren zurzeit Port Arthur und Wladiwostok. Ausführlichere sickere Meldungen liegen nur von Port Arthur vor, das nur noch auf5Monate Vorräte haben soll. Der japanische AdmiralKamimura stellt offiziös die l e tz t e n Angriffe auf Port Arthur folgendermaßen dar: „Ter Brander „Hokomaru" ist am Hafeneingang, und zwar links unter dem Leuchtturme, versenkt worden, der Brander „Bushiumaru" außerhalb desselben. Beide Schiffe wurden d u r ch i h r e Besatzung versenkt. Tie Brander „Ten- shinmaru" und „Bnyomaru" liegen östlich von Laothesan, diese und der Brander „Jinsenmaru" wurden ebenfalls durch ihre Besatzung zerstört. Sämtliche Mannschaften wurden unversehrt gerettet; desgleichen ist die Torpedoflottille unbeschädigt zurück gekehrt. In der Nacht vom 24. Februar unternahm die Torpedojägerflottille ein Rekognoszieruugsgefecht gegen Port Arthur, Talienwan und die Pigeon-Bay. Am 25. Februar beschoß die Hauplflotte die feiicklichen Schiffe und die Befestigungen von Port Arthur aus großer Entfernung. Man beobachtete kurz nach Mittag die drei Schiffe „Nowik", „Askock" und „Bajan", welche sich in den Hafen zurückzogen, und man gelangte zu der Ueberzeugung, daß das Versenken der Brander von keinem namhaften Erf olg gewesen sei. Hierauf eröffnete die Flotte ein hef^ tiges Bombardement auf das InneredeS Hafens; man bemerkte Rauchsäulen, die ausstiegen. Während dieser Operation vernichtete unser Kreuzer-Geschwader einen Torpedojäger in der Nähe von Noteisusan. Unsere Schiffe erlitten keinerlei Beschädigung, unsere M an n sch asten keinerlei Verluste. Bei dem Abgänge dieser Meldung befand sich die Flotte noch in Aktion, Abmiral Togo befindet sich noch im Vordertreffen; näheres wird von ihm berichtet werden.
Statthalter Alexejew aber telegraphierte an den Zaren aus Port Arthur vom 25. Februar: „Nach Mond- untergang schluZ „Retwisan" mehrmals feindliche Torpedoboote zurück; zwei werden für vernichtet gehalten. Unsere Torpedoboote unter dem Kapitän 2. Klasse Prinz Lieven liefen darauf aus, trafen nur feindliche Torpedoboote unb verfolgten sie; große Schiffe sahen sie nicht. Am 25. Februar morgens wurden die Kreuzer „Bajan", „Diana", „Aslold" utw „Nowik" hinausgeschickt, um japanische Kreuzer an der Verfolgung eines Teiles unserer zurückkehrenden Torpedoboote zu verhindern. Eines der. letzteren suckfte in der Pigeonbai Schutz, wo es das Feuer des Feindes aus großer Entfernung aushielt. Niemand wurde getroffen. Als die japanische Flotte unsere Kreuzer sichtete, ging sie näher an die Forts heran. Diese, erosineten mit den Schiffen um 10 Uhr oO Mm. das Feuer. Unsere Kreuzer kehrten, ununterbrochen feuernd, nach den Torpedobooten in den Hafen zurück. Die Riehrzah! der feindlichen Geschosse erreichte ihr Ziel nicht. Außer einem verwundeten Matrosen leine Verluste. Tie japanische Flotte zählte 17 Schiffe einschließlich 8 Torpedoboote, während gestern nur 12 Schiffe Port Arthur blockierten."
Nach englischen Meldungen soll ein japanisches Kw- nouenboot gesunken sein.
lieber die Blockierung von Wladiwostok har man bisher nur gänzlich unverbürgte Nachrichten französ> scher und englischer Blätter. Ein Pariser Blatt berichtet, daß die Japaner südlich von Wladiwostok in der sibirischen Poßjet-Bucht gelandet sind und sich auf dem Wege nach Ninguta befinden. Sie bezwecken, die Eisenbabn- Linie Charbin-Wladiwostok zu zerstören, um Wladiwostok gleichzeitig von der Land- unb Seeseite anzugreifen. Unter Diesem Lisenbahndamm aber sollen die Rusten Minen gelegt haben.
Aus Tokio meldet man, daß, nachdem durch die Besetzung der Hauptstraße südlich des Iain Korea gegen den Einbruch einer noch so großen russischen Truppenmacht gesichert sei, dennoch keine größere Operation voraenommen werden, könne, bis besseres Wetter eintest ;u,nb die Wege besser sind. Tie „Times" meldet, russische Soldaten haben sich der
I. S. ZLachs WattHäuspassion.
(Schluß.)
Ter zweite Teil wird eingeleitet durch eine Arie mit Lhor, worin die Klage um den gefangenen Herrn zum Ausdruck kommt: „Ach nun ist mein Jesus hin" und „Wo ist dem Freund", eine der rührendsten Szenen der ganzen Passion, ein Bild, über dessen tiefe Traurigkeit eine wunderbare Anmut gebreitet ist: eine herzliche Idylle im Kreise leidtragender Menschen. Es folgt die Vernehmung Christi vor dem Hohenpriester und mit besonders dramatischer Kraft das Auftreten oer zween falschen Zeugen. Hier folgt eine Tenoreinlage': „Mein Jesu schweigt zu falschen Lügen stille". Als Christus bann endlich spricht, beginnen die Violinen zu seinen Worten ein mystisches Figurenspiel. Ohne Unterbrechung folgt nun der Evangelienbericht bis zur Verleugnung Petri; der Toppelchor der Priester spricht ihn des Todes schuldig und der ebenfalls sehr kurze Chor: „Weissage, wer ist es, der dich schlug" offenbart den frechen Uebermut der Vfasfenpartei. Nach der Verleugnung Petri folgt die herrliche Arie der Altstimme unter Begleitung der Solovioline, in der an das Weinen Petri angeknüpft wird: „Erbarme dich mein Gott, meiner Zähren willen", einer der populärsten Sologesänge. Nach der dann folgenden Episode des Selbstmordes des Judas, fetzt Tockstec Zion mit einer Baßärie: „Gebt mir meinen £ ei'um wieder" ein, die sehr breit ausgeführt ist. Auch sie gehört wohl den bekannteren Stücken zu. Hierauf fahrt der Evangelienbericht fort mit dem Verhör durch Pilatus. Nach dem ersten „Laßt ihn kreuzigen" ist nach der Frage des Pilatus: „Was hat er denn Uebles getan" eine Arie für Sopran eingeschvben: „Er hat uns allen wohlgetan", Aus Liebe will mein Heiland sterben" und hiernach erst folgt das zweite: „Laßt ihn kreuzigen". Tie genannte Arw ist in ihrem fahlen Kolorit unb in ihrem auf Fermaten absetzenden Bau eine der eigentümlichsten Nummern
der Passion. Nun folgt der Chor: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder", den Bach dazu benutzt, um die törichte Verblendung der Menge hervor^uheben, nicht ihren Fanatismus. Tie Altarie der Tochter Zion: „Erbarm' es Gott", „Können Tränen meiner Wangen" gibt die unruhige Sprache der erschütterten, aus der Fassung gebrachten Seele wieder; im Orchester ist das Bild des Geißel durchgeführt. Mit dem Spottchor: „Gegrüßet", einem der prägnantesten Stücke und dem Choral: „O Haupt voll Blut und Wunden" schließt dieser Abschnitt und die Kreu- zigungsszene schließt sich nun an. Turck eine Vaßarie: „Ja freilich will in uns das Fleisch unb Blut zuim Kreuz gezwungen sein", „Komm süßes Kreuz", die an die Stelle anknüpft, wo Simon von Cyrene dem Herrn das Kreuz abnimmt, erklärt sich die Tochter Zion zum gleichen Liebesdienst bereit. Die Musik hat jene Bach eigene Mischung von Ernst und inniger Sckwärrnerei. 9tun sogen wir dem Evangelium, besonders packend die beiden Chöre: „Ter du den Tempel Gottes zerbrichst" und „Andern hat er geholfen" in frckolem Spott unb barschem, verweisenden Ton, bis kurz vor dem Verscheiden Christi nochmals Tochter Zion mit dem Altsolo: „Ach Golgatha, unfel'ges Golgatha", „Sehet Jesus hat die Hand uns zu fassen aus- gespannt" erst ihrem herbsten Schmerz Ausdruck gibt, dann in ergebenster Hingabe weichen Balsam streut. Mit dem Choral: „Wenn ich einmal soll scheiden" schließt diese Szene.
In der Erzählung vorn Erdbeben und in dem kurzen frommen Satze des Hauptmanns und seiner Gefährten: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen", hat die Kreuzigungsszene ein aufregendes unb feierliches diachjpiel. Ter Schlußteil besteht aus drei ausgefüyrieren Stüuen: deren Mittleres allein ist dramatischen Charakters: Chor der Hohenpriester: „Herr wir haben gebachi". Das erste Stück ist ein Sologesang des Baß: „Am Abend da cS kühle ward", „Aiache Dich mein Herze rein". Es ist ein be
deutendes Stück romantischen Sinnes mit warmen lyrischen Akzenten. Ten Schluß des Ganzen bildet Solo mit Chor: „Nun ist der Herr zur Ruh gebracht", „Mein Jesu aute Nackt" unb Sckluhchor: „Wir setzen uns mit Tränen nieder" worin dem Glauben an den Erlöser in naivgläubigev Weise Ausdruck verliehen wird.
Wir sind im wesentlichen der Darstellung KretzschmarS gefolgt. Die Kenntnis der Matthäuspassion sich vermitteln zu lassen ist hier Gelegenheit und niemand sollte sie üer* säumen. Es ist ein Werk, das man immer und immer wieder hören muß. Wir gehen ja auch in Theaterstücke, die wir so und so oft schon gesehen haben und das sind doch heutzutage oft keine solche Meisterwerke wie die her- oorragenben Werke unserer größten Meister. Dazu kommt, daß der wiederholte Besuch solcher Werke reichlich gelohnt wird durch das tiefere Eindringen in ihre Bedeutung, in ihre Tiefe und erhabene Kunst! Tie Kenntnis der Bach- schen Passionsmufik nach dem Evangelisten Matthäus gehört zu den Bestandteilen allgemeiner Bildung, wie nun irgend eines der größten Kunstwerke unserer llaisischen Dichter! Freilich ist auch die Musik eine Kunst, die iHv Innerstes nur oem erschließt, der sich um sie bemüht und es ist nichts verfehlter,-als an die wahre Kunst den Anspruch zu stellen, daß sie ohne weiteres jedem ihre reifsten Fruchte in den Schoß wirft! Möchte sich erweisen, daß Gießen jetzt wagen darf, in die Reihe ber Städte einzutreten, die „Jahr u m I a h r" berufen sind, dies Werk einer andächtig lauschenden Menge näher und näher zu bringen. Tie Mühe, welckie sich d.e aus.ührenden Vereine geben unb gegeben haben, die trefflichen Solisten, welche mitroitien werben, bas Orckefter verftärlt bnrch hiesige unb auswärtige Zünftler unb nick t zuletzt sein Lirigent, lei|ien Gewähr für eine tüchftge Leistung unb sind eS fürwahr wert, daß ihnen ein votier Erfolg beschieden jet Hoffen wir also darauf!


